Andreas Resch: Maria Ludwiga De Angelis

MARIA LUDWIGA DE ANGELIS

(1880 – 1962)

PROFESSSCHWESTER
DER KONGREGATION UNSERER LIEBEN FRAU VON DER
BARMHERZIGKEIT VON SAVONA

Selig: 3. Oktober 2004
Fest: 25. Februar

MARIA LUDWIGA DE ANGELIS wurde am 24. Oktober 1880 in San Gregorio, einem kleinen Dorf in den Abruzzen unweit der Stadt Aquila in Italien, als Tochter von Ludovico De Angelis und Santa Colaianni geboren und noch am gleichen Tag auf den Namen Antonina getauft. Die Eltern waren einfache, aber tiefgläubige Bauern. Als Erstgeborene von acht Kindern musste Antonina von Kindheit an die Mutter in der Sorge um die Geschwister unterstützen. Sie fungierte als deren Amme, Lehrmeisterin und leuchtendes Beispiel bzw. war ihnen eine zweite Mutter. Mit drei Jahren erhielt Antonina, nach damaliger Gepflogenheit, das Sakrament der Firmung.
Die prekären Verhältnisse zu Hause machten ihr einen regelmäßigen Schulbesuch unmöglich, doch lernte sie bei einer Privatlehrerin lesen, schreiben und rechnen. In der Familie und in der Kirche lernte sie den Katechismus als Vorbereitung auf die Erstkommunion und als Richtschnur für das Leben. Das Interesse am Katechismus bewahrte sie sich ein Leben lang.

In der Zeit des Heranwachsens führte Antonina ein normales Familienleben, wobei sie in der Realität des Alltags ein Beispiel an christlicher Tugend war. Sie half dem Vater in der Landwirtschaft und beim Verkauf der Produkte. Die Liebe zur Feldarbeit trug sie im Blut, immer und überall. Während der Krankheit des Vaters im Jahre 1898 kümmerte sie sich um die Familie. So sagen auch die Zeugen: „Antonina war ein liebenswertes Mädchen, ein echter Schatz.“

Doch trotz des Wunsches und der Aufforderung der Mutter, die eine Schar von Enkeln um sich wollte, hatte Antonina keine Lust zu heiraten, weil sie tief in ihrem Innern eine Stimme vernahm, die sie zur Nachfolge Jesu einlud. Und obwohl sich die Mutter widersetzte, sprach Antonina über ihre Unsicherheit bezüglich ihrer Berufung mit dem Pfarrer, P. Samuel Tarquini, der sie in allem unterstützte. Er brachte sie auch mit dem von Maria G. Rosello 1837 gegründeten Institut der Töchter Unserer Lieben Frau von der Barmherzigkeit von Savona in Kontakt und stellte sogar die Mitgift bei.

Am 14. November 1904 trat Antonina als Postulantin in das Noviziat der Töchter der Barmherzigkeit ein und nahm bei der Einkleidung den Namen Schwester Maria Ludwiga an. Am 3. Mai 1905 legte sie die erste Ordensprofess ab und man wies ihr jene Funktion zu, für die sie prädestiniert war, nämlich an der Gruppe der Töchter der Barmherzigkeit teilzunehmen, die für die Mission in Argentinien bestimmt war. Nach Abschluss der Vorbereitungen schiffte sich Schwester Ludwiga am 14. November 1907 zusammen mit einigen Mitschwestern in Genua nach Buenos Aires ein, wo sie am darauffolgenden 4. Dezember ankam. Nachdem sie mit den in der Stadt tätigen Schwestern der Barmherzigkeit Weihnachten gefeiert hatte, begab sie sich Anfang 1908 nach La Plata, um dort im Kinderspital zu arbeiten, das damals aus zwei aus Holz gezimmerten Räumen bestand, die von einem Zaun aus Stacheldraht umgeben waren. Ihr wurden Küche und Verteilung anvertraut. Aufgrund ihrer geringen schulischen Ausbildung war Ludwiga als Krankenschwester oder Lehrerin nicht geeignet. Dennoch legte sie bei ihren einfachen Tätigkeiten Führungsqualitäten und einen Sinn für Ordnung an den Tag, so dass Dr. Carlos S. Cometto sie als Verwalterin vorschlug.

Die Hauptmerkmale einer jeden administrativen Tätigkeit sind mindestens drei: sehen, voraussehen und vorsorgen.

Sehen: Gegebenheiten, Bedürfnisse, Mängel, Dringlichkeiten, Vorräte, Werkstätten im Blick behalten; ebenso die Apotheke und die Instrumente im Operationssaal.

Voraussehen: Notwendigkeiten, Kosten, Zeit und Ort; die Zunahme der Bevölkerung mit ihren wachsenden Bedürfnissen, den jeweils richtigen Zeitpunkt für Anschaffungen; Vorkehrungen treffen, unter Einschluss der wichtigsten Artikel, dabei aber einen Spielraum für Notfälle lassen; voraussehen nicht nur im Sinne, dass eine Anhebung der Geldmittel verlangt wird, sondern dass auch Möglichkeiten geschaffen werden, um die geforderten Antworten auf die Bedürfnisse zu garantieren; neue Initiativen in die Wege leiten.

Vorsorgen: alles unter einem großzügigen Blick anbieten, nicht geizen oder engherzig sein.

In Umsetzung all dieser administrativen Erfordernisse bis zu ihrem letzten Atemzug hinterließ Schwester Ludwiga den Nachkommenden ein kolossales Werk: ein Kinderspital, das als „nationaler Stolz“ gefeiert wurde.
In der Tat verwirklichte bzw. heiligte sich Schwester Ludwiga nicht in einem angenehmen, stillen Kloster, sondern in den alltäglichen Sorgen, Aktivitäten und Verpflichtungen, im Lärm und in den turbulenten Situationen des Lebens… in der Überwindung von Schwierigkeiten, der Lösung von Problemen, im Vorbereiten und Durchführen von Maßnahmen, im Verhandeln mit den Lieferanten, in der Kontrolle von Quantität und Qualität der Waren – Fleisch, Milch, Kleider, Medikamente – , die jeden Tag in die Verteilung kamen, im Probieren, ob die Suppe für die Kinder wohl bekömmlich sei, im Überwachen des Gebrauchs der Güter, in der Kontrolle der Reinlichkeit, im Vermeiden von Verschwendung…, aber auch im Ermuntern des Krankenhauspersonals, die ihm zugewiesenen Aufgaben in Treue und Verantwortung zu verrichten. Ihr Führungsstil war vornehm, gerecht, menschlich, großzügig und innovativ. Der Gesundheitsminister der Provinz Buenos Aires bestätigte in einer persönlichen Zeugenaussage während des Prozesses: „Eine intelligente Frau, bewundernswert ob ihrer Einfachheit, heroisch in ihren entbehrungsreichen Aufgaben, die sie in christlichem Geist verwirklichte, eine Ordensschwester mit großer Verantwortung.“ „Sie bot den Ärzten eine moralische Stütze, brachte dem gesamten Personal Verständnis entgegen und gab Impulse, pflegte den Gemeinsinn und den Gemeinschaftsgeist im Institut, zeichnete sich durch Solidarität, Berufung zu ihrem Dienst und viel Herzenswärme aus, was sich dahin auswirkte, dass die Entwicklung des Spitals weiterhin unter ihrem Schutz steht.“

Schwester Ludwiga nahm die Herausforderungen an, mit denen sie Minute für Minute konfrontiert war. Obwohl fast Analphabetin, gelang es ihr, eine kleine Erste-Hilfe-Einrichtung in La Plata in ein Kinderspital umzuwandeln, mit einer für die damalige Zeit fortschrittlichen Technik, wo die Liebe und Aufmerksamkeit zu den Kindern, die dort Patienten waren, und zu deren Familien im Vordergrund standen.

Sie gründete das Sanatorium von Punta Magotes in Mar del Plata zur Pflege von Kindern mit Tuberkulose und Atmungsproblemen. Sie sorgte für die Waisen und die im Stich gelassenen Kinder, verpflegte und erzog sie, wodurch aus dem Spital ein Heim und eine Schule wurde. All das gelang ihr dank der anspruchsvollen und verständnisvollen Behandlung aller, die mit ihr arbeiteten. Sie animierte das Personal und die freiwilligen Helfer durch große organisatorische Fähigkeiten, wobei sie authentisch die Mystik des Dienens zum Ausdruck brachte, den Verantwortungssinn auf allen Ebenen förderte und gegen die Widerstände kämpfte, die zuweilen auftauchten. Sie wollte das Beste für die „kleinen Patienten“ des Spitals. Sie bemühte sich um die Evangelisierung derer, die an der Peripherie der Stadt lebten, indem sie die Kapelle Heiliges Herz von City Bell gründete und zusammen mit anderen die Häuser in der Nachbarschaft besuchte, um den kirchenfernen Familien die Botschaft Jesu zu bringen.

Doch obwohl Ludwiga von Kindheit an eine robuste körperliche Verfassung hatte, die ihr eine intensive und kontinuierliche Tätigkeit im Spital erlaubte, fehlte es nicht an schweren gesundheitlichen Problemen. 1935 bangte man aufgrund einer akuten Nierenerkrankung um ihr Leben. Die Ärzte entschlossen sich zu einem Eingriff und entfernten eine Niere. Die Operation verlief erfolgreich, allerdings war ihr körperlicher Zustand seitdem geschwächt. Sie begann an Hypertonie zu leiden und als Folge davon an besorgniserregenden und häufigen Lungenödemen.

Einen Gutteil ihres Lebens litt Schwester Ludwiga auch unter Schlaflosigkeit. Die langen Nächte vertrieb sie sich mit Beten und dem Nähen liturgischer Paramente für die verschiedenen Kapellen. Manchmal machte sie einen Rundgang durch die Säle, um zu sehen, wie es ihren geliebten Kindern ging. 1957 wurde sie Opfer eines akuten Lungenödems, worauf sie einige Tage das Bett hüten musste. Einmal genesen, nahm sie ihren normalen Arbeitsrhythmus wieder auf.

Anfang 1962 verstärkten sich einige Symptome ihrer lebensbedrohlichen Erkrankung, sie litt an einem Darmkarzinom. Von da an gab sie sich vollkommen in die Hände Gottes, indem sie – stets den Rosenkranz in Händen, den Blick und das Herz in Gott und immer ein Lächeln in den Augen – in tiefem Frieden seinen Willen annahm. Sie lebte ihre Krankheit ganz dem Willen Gottes ergeben, ruhig, gelassen und sicher, dass alles so kommen werde, wie Gott es wollte. Einziges ausdrücklich formuliertes Programm war der immer wieder geäußerte Satz: „Allen Gutes tun, gleich für wen.“ Mit diesem Geist der persönlichen Hingabe war Schwester Ludwiga Freundin und Vertrauensperson, Beraterin und Mutter, Wegweiserin und Trostspenderin für hunderte und aberhunderte Personen aus allen sozialen Schichten. Im Angesicht des Todes pflegte sie zu wiederholen: „Gott will es! Er weiß, was er tut! Der Wille Gottes geschehe.“

Am 25. Februar 1962, kurz nach 18 Uhr, beschloss sie ihren irdischen Lebensweg im Kinderspital in La Plata, wo sie über vierzig Jahre liebevoll die Kranken gepflegt hatte. Die Erinnerung ist geblieben, das Spital erhielt den Namen „Hospital Superiora Ludovica“.

Ihr Grab befindet sich in der Kathedrale „Nuestra Señora de los Dolores“, calle 14, 51–54, 1900 La Plata, Provinz Buenos Aires, Argentinien.

Am 3. Oktober 2004 wurde Maria Ludwiga De Angelis von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

Resch, Andreas: Die Seligen Johannes Pauls II. 2001 – 2004. Innsbruck: Resch, 2015 (Selige und Heilige Johannes Pauls II; 6). XIV, 482 S., 110 Farbtaf., ISBN 978-3-85382-099-5, Ln; EUR 48.60 [D], 49.90 [A]

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