Lexikon Paranormologie

Die Idee eines Lexikons der Paranormologie geht bereits in die 1960er Jahre zurück, wo Andreas Resch sich mit dem Gedanken trug, den gesamten Bereich des Paranormalen zumindest begrifflich einzufangen. Als er dann nach dem II. Vatikanum 1969 den ersten Lehrauftrag in der Geschichte der Kirche zu Vorlesungen über den Bereich des „Okkulten“ an der Accademia Alfonsiana, Päpstliche Lateran-Universität in Rom, erhielt, nahm das Vorhaben konkrete Gestalt an. Dabei stand er vor dem großen Problem, einen Terminus zu finden, der den Gesamtbereich des Paranormalen abzudecken vermag, ohne dabei schon eine Deutung zu beinhalten. Als Ausweg bediente er sich zur Benennung meiner Vorlesung zunächst der allgemeinen lateinischen Formulierung Introductio in scientiam phaenomenum paranormalium (Einführung in die Wissenschaft der paranormalen Phänomene). Diese Formulierung fasste er schließlich zu dem Begriff Paranormologie zusammen, der ganz neutral die „Wissenschaft der paranormalen Phänomene“ bezeichnet, zumal sich der Terminus „Parapsychologie“ für die Bezeichnung des gesamten Gebiets des Paranormalen als zu eng und Begriffe wie „Esoterik“ oder „Okkultismus“ als zu unwissenschaftlich erwiesen.

Paranormologie

Der Begriff „Paranormologie“,der bereits international verwendet wird, ist frei von jeder Fachbegrenzung, jeder Ausgangshypothese, jeder Deutungsrichtung, und eignet sich daher zur Bezeichnung des wissenschaftlichen Bemühens um den Gesamtbereich des Paranormalen. Gerade im Bereich des Paranormalen hat der Grundsatz zu gelten: „Das Phänomen hat die Wissenschaft zu bestimmen und nicht die Wissenschaft das Phänomen.“ Die Paranormologie befasst sich jedoch nicht nur mit der Klärung der außergewöhnlichen Phänomene, die in die Bereiche Paraphysik, Parabiologie, Parapsychologie und Parapneumatologie gegliedert werden, sondern auch mit der Geschichte des Paranormalen, den verschiedenen Lehren, Gemeinschaften, Gesellschaften und Instituten im Bereich des Außergewöhnlichen.

Lexikon der Paranormologie

Das Lexikon der Paranormologie beschreibt daher begrifflich den Gesamtbereich der Grenzgebiete der Wissenschaft, angefangen von den Grenzgebieten der Physik über jene der Biologie, Medizin, Psychologie, Geschichte und Religionswissenschaft bis hin zu Volks- und Völkerkunde, Mythologie und Mystik, verbunden mit Informationen über einschlägige Lehren, Personen, Institutionen, Gemeinschaften und Praktiken. Dazu mussten für die Begriffssammlung unzählige Nachschlagewerke von Physik bis Mystik konsultiert werden, um einen vorläufigen Thesaurus zu erstellen. Ein solcher Thesaurus ist ständig durch neue Begriffe in den Publikationen zu ergänzen, um größtmögliche Vollständigkeit zu erreichen.
Die Begriffsliste wird jeweils durch das Begriffsregister der Bibliothek des Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft (IGW) sowie die einschlägigen Wörterbücher, Lexika und die diesbezüglichen Neuerscheinungen vervollständigt. Die endgültige Festlegung erfolgt dann bei der Ausarbeitung selbst, wo noch weitere Begriffe hinzugenommen, aber auch ausgesondert werden. Das Kriterium bilden dabei immer „das Außergewöhnliche und die Bedeutsamkeit des Begriffes“. So finden Begriffe, die durch keinerlei nähere Angaben oder literarische Unterlagen verifiziert werden können, keine Aufnahme. Ebenso werden noch lebende Personen oder solche, deren Lebensdaten nicht hinreichend geklärt sind, nur bedingt aufgenommen. Das gilt auch für Vereine, Gesellschaften und Journale. Desgleichen können von den unzähligen Götter-, Engels- und Teufelsnamen sowie Fabelwesen in Religion, Mythologie, Sagen und Märchen nur die wichtigsten berücksichtigt werden.
Die fremdsprachigen Bezeichnungen einzelner Begriffe werden nur bei speziellen Fachbegriffen berücksichtigt.
Die ausgewählten Begriffe werden jeweils nach dem Schema: Begriff – Definition – Geschichte – Aktuelle Bedeutung – Literatur beschrieben. Die Beschreibung zielt dabei neben einer umfassenden Darstellung auf eine einprägsame Verständlichkeit ab. Weniger gebräuchliche Termini werden hingegen lediglich definiert. Dem raschen Überblick über die einzelnen Begriffe und Namen dient das Register.

Begriffe Aa

A Der Buchstabe A ist in fast allen Alphabeten der erste Buchstabe, im Hebräischen aliph, im Griechischen alpha. Als erster Buchstabe lässt sich A vielleicht bis zur hieratischen Schrift der Ägypter, sicher jedoch bis zum Phönizischen zurückverfolgen. Die älteste Form erinnert an einen Ochsenkopf und wurde daher von den Semiten Aliph bzw. Aleph = Ochse genannt, woraus das griechische alpha entstand. Auch in der > Astrologie entspricht das erste Tierkreiszeichen, der Stier, dem aliph der Hebräer. Ebenso wird das > Andreaskreuz im magischen Sinn mit dem hebräischen aliph in Beziehung gesetzt. Religionsgeschichtlich bezeichnet A das „Ursprüngliche im Menschen“ und umfasst Geist, Leben, Licht – also alles, was auf das Höchste hinweist. So drückt es aus: > Brahman, > Brahma, > Atem, > Allah im Islam und verweist auf den Ausdruck > A und O, > Alpha und Omega, in der Bibel.
Alles fließt offen im und durch das A. A ist Ausruf der Freude und des entzückten Erstaunens. Seine Farbe sind das Blau und das Grün.

Lit.: Bardon, Franz: Der Schlüssel zur wahren Quabbalah. Freiburg i. Br.: Hermann Bauer, 1957; Frick, Karl R. H.: Die Erleuchteten. Graz: ADEVA, 21998; Spiesberger, Karl: Das Mantra-Buch. Berlin: Richard Schikowski, 1977 (Die magischen Handbücher; 24).

A und O (Abk. für griech. > Alpha und Omega). Der erste und letzte Buchstabe im griechischen Alphabet müsste also deutsch mit A und Z wiedergegeben werden. Die Ausdrucksweise hat sich jedoch durch die Formulierungen der Bibel als Redewendung in der Bedeutung des Allumfassenden festgesetzt. „Ich bin das A und O, sagt Gott der Herr“ (Apk 1, 8; vgl. 21, 6). Gleiches gilt auch von Christus: „Ich bin das A und O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Apk 22, 13; 1, 17; 2, 18). Wie A als erster und O als letzter Buchstabe alle Buchstaben und damit alles Sagbare in sich umfangen, so sind nach der Apokalypse Gott bzw. Christus Anfang und Ende, Schöpfer und Vollender. Seit dem 14. Jh. ist das Symbol „A und O“ in der christlichen Kunst ausschließlich auf Christus bezogen und findet sich als Christusmonogramm u. a. auf Grabsteinen, Sarkophagen, Münzen und Ringen. Im Griechischen beschreibt das ganze Alphabet das All, so dass man z. B. die Stunden des Tages mit den 24 griechischen Lettern kennzeichnete und zudem eine Beziehung zu den 12 Tierkreiszeichen herstellte. In der > Bhagavadgita 10, 23: wird > Krishna als „der Schöpfung Anfang, Mitte und Ende“ bezeichnet.

Lit.: Dornseiff, Franz: Das Alphabet in Mystik und Magie. 21925. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, [1994]; Die Bhagavadgita. Übers. und hrsg. von Klaus Mylius. Vollst. Ausg. München: Dt. Taschenbuch-Verl., 1997.

A.  A., auch A.·. A .·., lat. Abk. von Astrum Argenteum (auch bekannt unter dem Namen Argenteum Astrum bzw. Argentinum Astrum, engl. S.·. S.·. = Silver Star). Von Aleister > Crowley (1875 – 1947) im Jahr 1900 in Mexiko gegründeter magischer Orden, den er als eine Fortsetzung der > Goldenen Dämmerung (G. D.) sah, mit deren Führung er unzufrieden war. Als er 1904 den Kontakt zur G. D. wieder herstellen konnte, bezeichnete er den A. A. als den „Inneren Orden des Neuen Äons“, von dem das Gesetz von > Thelema ausgehe. Der A. A. verfügt über elf Grade (0 –10) und zwei Zwischengrade. Grundlage des Gradsystems ist der kabbalistische > Baum des Lebens. Der Orden lehrt die Selbsteinweihung und den Hass des Ichs, um den > Abyss(us), den > Abgrund, zu überqueren. Der > Neophyt des A. A. musste u. a. schwören: „…, das große Werk zu verfolgen, nämlich: die Herrschaft über die Natur und die Erlangung der Kräfte des eigenen Wesens“. Durch eine Reihe von Abwegigkeiten (Schläge und Sexualmagie) in der > Abtei Thelema in > Cefalù auf Sizilien kam der A. A. in großen Misskredit. Als offizielles Mitteilungsblatt diente dem Orden die Zeitschrift Equinox, die ab 1909 jeweils zur Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche erschien, zu Zeitpunkten also, an denen nach alten okkulten Traditionen neue esoterische Kräfte in die Welt fliessen sollen.
Heute z. B. versteht sich der A.·. A.·. , mit Sitz in Chicago, als Thelema-Organisation. Er führt seinen Ursprung gleich dem > Ordo Templi Orientis und der > Ecclesia Gnostica Catholica auf A. Crowley zurück und bezeichnet sich als die Höchste und Ewige Innere Schulung von Initiationen, die zu aller Zeit die Bewusstseinbildung auf diesem Planeten im Blick hatte. Ihre Hauptaufgabe sieht er in der individuellen Initiation, die in zehn Stufen erfolgt. Das von ihm herausgegebene
Buch des Gesetzes, eine schwer verständliche Sammlung von Aphorismen, die Crowley direkt von einem Abgesandten des Horusgottes diktiert worden sein soll, verkündet die Ankunft des Zeitalters des > Horus. Die derzeitige äußere Form des A. A. wurde 1906 von A. Crowley und George Cecil Jones geprägt und fußt auf den folgenden beiden Grundsätzen des Liber legis: „Jeder Mann und jede Frau sind ein Stern.“ – „Tu was Du willst, soll das oberste Gesetz sein.“

Lit.: The Equinox: the official organ of the A. A. Hrsg. v. Aleister Crowley. London 1 (1913); Crowley, A.: Liber AL vel legis sub figura CCXX as delivered by LXXVII unto DCLXVI. Handschrift, auf 74 Kartonkarten; Cefalù (?). Nach 1920 (?); Crowley, A.: Liber AL vel legis sub figura CCXX wie gegeben ward von CXIII = 418 an DCLXVI. Deutsche Übertragung von Frater Fines Transcendam. Zürich: Genossenschaft Psychosophia, 1953; Eschner, Michael D.: Der Orden Thelema. Berlin: Stein-der-Weisen-Verlag Kersken-Canbaz, 1983.

AAB, Abk. für Alice Ann > Bailey.
Aachen. Kreisfreie Stadt in Deutschland, laut Geschichtsschreibung zwischen 89 und 120 als römisches Militärbad gegründet und nach dem keltischen Quellgott > Grannus „Aquae Granni“ benannt. Lange Zeit verfallen, wurde der Ort 765 vom Frankenkönig Pippin dem Kurzen als Bad wiederentdeckt. Diese Entdeckung ist mit der Sage verbunden, wonach der Frankenkönig auf einer Jagd einem Hirsch gefolgt sei und sich im Wald verirrt habe. Dort stieß er auf eine Schlossruine, die sich aus einem spiegelglatten See erhob. Als er näher heranreiten wollte, versank das Tier mit den Vorderhufen im Sumpf und aus der Erde brach Dampf hervor. Der König erkannte, dass ihn Gott zu einer heißen Quelle geführt hatte und entschied, das Schloss wieder aufzubauen und in der Nähe zu Ehren der Gottesmutter eine Kirche zu errichten.

Lit.: Paulsen, Astrid: Der Schwarze Führer: Deutschland. Freiburg i. Br.: Eulen Verlag, 2000.

Aah, einer der Namen des altägyptischen Mondgottes > Thot.

Lit.: Drury, Nevill: Lexikon des esoterischen Wissens. München: Knauer, 1988.

Aal, gemeingermanische Bezeichnung (ahd. / mhd. al ) der aalartigen Fische, deren im Blut vorkommendes Gift (Ichthyotoxin) beim Kochen und Räuchern zerstört wird. Im natürlichen Zustand sei das Blut des Aals vor allem dem Auge schädlich.
Der Aal bzw. Teile von ihm finden nicht selten auch in der > Volksmedizin Verwendung. Pferden lasse man bei Bauchschmerzen einen lebenden Aal in den Hals laufen, der dann wieder herauskomme (Drechsler, 115). Die Kuh lasse man zur Steigerung des Geschlechtstriebes einen Aal schlucken. Das Blut des Aals wirke gegen Bauchgrimmen, Hühneraugen, Krämpfe, Warzen und vertreibe die Feuermähler (Jühling, 17–20). Im Branntwein ertränkter Aal heile Trunksüchtige, wenn sie einen solchen Branntwein trinken. Sein Fett helfe bei Schwerhörigkeit, Augenleiden, Hämorrhoiden und kräftige Haar und Hautfarbe. Die Leber sei fördernd bei Schwergeburt wie auch die Galle, die zudem bei Schwerhörigkeit, Augenleiden, Gelbsucht und Schlaflosigkeit wirke. Bei Koliken lege man dem Betroffenen einen lebenden Aal auf den Bauch. Derlei Vorstellungen wurden zudem noch durch die vom Altertum über das Mittelalter bis in die Neuzeit vertretene Auffassung untermauert, dass der Aal beide Geschlechter in sich vereinige, da sich in den Flüssen nur Weibchen aufhalten (Bächtold-Stäubli 1, 1–2).

Lit.: Drechsler, Paul: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 2 Bde. Leipzig, 1903 –1906; Jühling, Johannes: Die Tiere in der deutschen Volksmedizin. Leipzig, 1900; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Aalener Schule > Kosmobiologie.
Aalraupe, (Aal-)Quappe, Quakaal, Rutte, Drüsche, Trische, Rufurken, Rufolk (lat. lota vulgaris), helfe gegen Gelbsucht und bei Schwergeburt. Bei entzündeten Augen sei insbesondere das Aalquappenfett aus der Leber der Aalraupe heilsam.

Lit.: Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, Nachdr. (1843) 1973.

Aanru, den Verstorbenen zugewiesenes Gefilde, wo die > Manen, die vergötterten Schatten der Toten, als Ernte dessen, was sie durch ihre Handlungen im Leben gesät haben, das sieben Ellen hohe Korn einsammeln, welches in einem in sieben und in vierzehn Teilen geteilten Gebiet des > Osiris wächst (Blavatsky 1, 257, 737, 241).

Lit.: Blavatsky, Helena P.: Die Geimlehre. Bd. 1. Den Haag: J. J. Couveur, o. J.

Aanrufeld, ein Gebiet in > Amenti, dem Reich, wo das Korn wächst, von dem die Toten leben oder das sie tötet (Blavatsky 1, 157).

Lit.: Blavatsky, Helena P.: Die Geimlehre. Bd. 1. Den Haag: J. J. Couvreur, o. J.

AAORRAC, lat. Abk. von Antiquus Arcanus Ordo Rosae Rubeae Aureae Crucis (Ehrwürdiger Geheimer Orden der Rubinroten Rose des Goldenen Kreuzes). Seine Lehre fußt auf den vier esoterischen Säulen: Astrologie, Alchimie, Mystik und Magie. Der Orden wurde im letzten Quartal 1952 von Eduard Munninger auf der Donauburg Krämpelstein / Österreich gegründet. Als die Burg Krämpelstein abbrannte, wurde der Ordenssitz nach Klosterneuburg verlegt. Die Hauptaufgabe des Ordens liegt in der Verbreitung der > Pansophie, worunter eine religiöse Naturphilosophie zu verstehen ist, die in den Schriften von > Comenius und > Paracelsus auftaucht und den Grundanschauungen neuplatonischer Lehre ähnelt.

Lit.: Haack, Friedrich W.: Geheimreligion der Wissenden. Stuttgart; Berlin: Kreuz-Verlag, 1966.

Aaron (Etymologie ungewiss). A. ist der um drei Jahre ältere (Ex. 7, 7) Bruder des Moses und der Mirjam und stammte über Amran und Quehat von Levi ab (Ex. 6, 16 –20). Er hatte vier Söhne (Ex. 6, 23) und unterstützte Moses als dessen „Mund“ oder „Prophet“ (Ex. 4, 16; 7, 1) bei den Verhandlungen mit dem Volk und dem Pharao, wobei er zum Wundertäter wurde:

„Der Herr sprach zu Mose und Aaron: Wenn der Pharao zu euch sagt: Tut doch ein Wunder zu eurer Beglaubigung!, dann sag zu Aaron: Nimm deinen Stab und wirf ihn vor den Pharao hin! Er wird zu einer Schlange werden. Als Mose und Aaron zum Pharao kamen, taten sie, was ihnen der Herr aufgetragen hatte: Aaron warf seinen Stab vor den Pharao und seine Diener hin, und er wurde zu einer Schlange.
Da rief auch der Pharao Weise und Beschwörungspriester, und sie, die Wahrsager der Ägypter, taten mit Hilfe ihrer Zauberkunst das gleiche: Jeder warf seinen Stab hin, und die Stäbe wurden zu Schlangen. Doch Aarons Stab verschlang die Stäbe der Wahrsager“ (Ex 7, 8 –12).
„Dann sprach der Herr zu Mose: Sag Aaron: Nimm deinen Stab, und streck deine Hand über die Gewässer Ägyptens aus, über ihre Flüsse und Nilarme, über ihre Sümpfe und alle Wasserstellen; sie sollen zu Blut werden. Blut soll es geben in ganz Ägypten, in den Gefäßen aus Holz und Stein.
Mose und Aaron taten, was ihnen der Herr aufgetragen hatte. Er erhob den Stab und schlug vor den Augen des Pharao und seiner Höflinge auf das Wasser im Nil. Da verwandelte sich alles Nilwasser in Blut“ (Ex 7, 19 –20).

In dieser Eigenschaft des Vollstreckers der Anordnungen Gottes nimmt Aaron immer mehr die Aufgabe des Priestertums an, das ihm und seinen Söhnen bei der Ordnung des Kultes im Anschluss an den Sinaibund übertragen wurde. Seine Stellung als oberster Priester wurde durch besondere priesterliche Gewänder hervorgehoben, vor allem durch das sog. Brustschild mit den 12 Edelsteinen und den > Urim und > Tummim, die > Losorakel zur Befragung Jahwes. Ihr Gebrauch war dem Priester (Dt 33, 8), nach Ex. 28, 30 dem Hohepriester, vorbehalten.
Wie Moses durfte auch Aaron wegen des Vergehens bei Meriba (Num 20, 22 – 29) das verheißene Land nicht betreten, sondern starb auf dem Berg Hor.
Aus paranormologischer Sicht vereint Aaron durch seine Berufung, seine Fähigkeiten (> Aaronstab) und sein Priestertum die Gestalt des Schamanen, Propheten und Gottesboten.

Lit.: Bücher des AT: Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium, Josua, Samuel, Chronik, Psalmen, Weisheit, Jesus Sirach, Micha. NT: Apostelgeschichte, Zweiter Brief an Timotheus und Brief an die Hebräer.

Aaron HaLevy (ca. 1234 –1300). A. H., spanischer Kabbalist, ist Autor des bekannten Werkes Sefer hachinuch („Buch der Erziehung“).
Aaronitischer Segen. In Num 6, 22 – 23 wird Moses von Gott aufgefordert, Aaron und seinen Söhnen (Priester) die Segnung der Israeliten in folgender Form anzuordnen:

„Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.“ (Num 6, 24 – 26)

Dieser in drei rhythmischen Wunschsätzen vorgetragene Aaronitische Segen ist in seiner Du-Form primär auf den Einzelnen ausgerichtet. Für die Verwendung im Kult finden sich daher nur allgemeine Hinweise (Lev 9, 22; Dtn 10, 8). Auch in der christlichen Liturgie blieb er lange unbeachtet. Franz von Assisi verwendete ihn in seinem „Segen für Bruder Leo“. Luther stellte ihn 1523 in der Wir-Form zur Wahl, in der Deutschen Messe 1525/26 führte er ihn im biblischen Wortlaut an. Calvin folgte 1542 mit einer zweigliedrigen Fassung im Plural. Nach dem II.Vaticanum wurde der Aaronitische Segen auch in die römische Messe eingeführt.

Lit.: Liturgia: Handbuch des evangelischen Gottesdienstes. Bd. 2. Kassel: Stauda 1954 / 55, S. 588 f.; Dürig, W.: Der Entlassungssegen in der Messfeier. In: Liturgisches Jahrbuch 19 (1969), 205 – 218; Luther, M.: Der Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk, 1532 (WA 30, III, 572 ff.); Diebner, B. J.: Der sogenannte „Aaronitische Segen“ (Num 6, 24 – 26). In: Festschrift für Frieder Schulz: Freude am Gottesdienst / hrsg. von Heinrich Riehm. Heidelberg: H. Riehm, 1988, S. 201 – 218.

Aaronschurz der Jahwebrüder. General Erich Ludendorff (1865 – 1937) vertrat in seinem Kampf gegen Freimaurer, Jesuiten und Juden die Ansicht, das Geheimnis der > Freimaurerei sei überall der Jude. Zur Fundierung dieser These entwickelte er die Theorie vom „künstlichen Juden“, zu dem der Aaronschurz, der Schurz der hohepriesterlichen Bekleidung der Juden, gehöre. Da nämlich der „Schurz“ das Wesen der Fraumaurerei ausmache und eine mit ihm in Verbindung stehende Zeremonie des Meistergrades nach Ludendorff „die jüdische Beschneidung“ symbolisiere, würden auch christliche Freimaurer zu „künstlichen Juden“, um so ihre Völker den Juden hörig zu machen. Diese Grundidee findet sich in anderer Form auch bei Hitler, der ebenfalls in der Freimaurerei ein Instrumentarium des Judentums sah. Von freimaurerischer Seite werden alle Thesen Ludendorffs als haltlos und einwandfrei widerlegt bezeichnet.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Aaronstab (engl. Aaron’s rod). Die Bezeichnung „Aaronstab“ geht auf jene biblischen Berichte zurück, in denen Moses im Auftrag Gottes bei der Forderung des ägyptischen Pharao, zur Beglaubigung ein Wunder zu wirken, Aaron die Weisung erteilte: „Nimm deinen Stab, und wirf ihn vor den Pharao hin! Er wird zu einer Schlange werden“ (Ex 7, 9; 10 – 13). Darauf streckte Aaron den Stab über die Gewässer Ägyptens und sie wurden zu Blut (Ex 7, 19 – 20; 8, 1). Beim Schlag auf die Erde bildeten sich Stechmücken (Ex 8, 12 – 13). In der Bundeslade trieb der Stab Aarons Blüten und Mandeln (Num 17, 23). Schließlich schlug Aaron mit seinem Stab auf den Felsen und es quoll Wasser heraus (Num 20, 8-10).
So wurde der Aaronstab nicht nur zum > Zauberstab und zur > Wünschelrute, sondern auch zum > Aronstab (
arum maculatum) als Bezeichnung einer Pflanze mit kolbenförmigem Blütenstand und weißlichem, lilienähnlichen Hochblatt. Die Pflanze soll dort entstanden sein, wo Aaron seinen Wanderstab in den Boden steckte, und magische Heilwirkung haben, wenn die erkrankte Stelle mit dem Blütenblatt berührt wird. In der > Homöopathie findet sie als D2 – D6 bei Heiserkeit und Schnupfen Verwendung. Da die Pflanze außerdem auf den grünenden Stab Aarons verweist, steht sie, wie dieser, auch in Zusammenhang mit der Auferstehungssymbolik.

Lit.: AT: Exodus, Numeri; Magister Botanicus. Speyer: Die Sanduhr, 21995.

Aas (engl. carrion), der tote Körper eines Tieres, das ohne Blutverlust oder Schlachtung umkam. Es ist unrein und macht unrein (Lev 11, 24 – 40). Es soll vom Menschen nicht gegessen werden.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

AASE (Abk.) > Allgemeine Außersinnliche Erfahrung, > AASW, > ASE, > PE.

AASR. Abk. für > Alter und Angenommener Schottischer Ritus.

AASW > Allgemeine Außersinnliche Wahrnehmung (engl. GESP = general extra sensory perception; fr. perception extrasensorielle générale; it. percezione extrasensoriale generale).

AASW-Test. Nach J. B. > Rhine eine Technik, die das Auftreten außersinnlicher Wahrnehmung testet, wobei > Telepathie, > Hellsehen oder beides beteiligt sein kann.

Lit.: Rhine, J. B.: Die Reichweite des menschlichen Geistes. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1950; Wolman, Benjamin B. (Ed.): Handbook of Parapsychology. M. e. Einf. v. Howard M. Zimmermann. New York: Van Nostrand Reinhold Company, 1977; Nash, Carroll B.: Parapsychology: the Science of Psiology. Springfield, Il.: Charles C. Thomas, 1986.

Aatxe (baskisch „Jungstier“). Baskischer Geist in Stiergestalt, der in stürmischen Nächten seine Höhle verlässt und zuweilen Menschengestalt annimmt. In Synonymen wird die rote Farbe (gorri) hervorgehoben, wie bei der Bezeichnung Aatxe-gorri („roter Jungstier“). Unter dem Namen Etsai („Teufel“) unterrichtet er die sich ihm Hingebenden in seinen Künsten.

Lit.: Barandiarán, José Miguel de: Mitología vasca. San Sebastián: Ed. Txertoa, 1979; Barandiarán, José M. de: Dictionnaire illustré de mythologie basque. Baiona: Elkar, 1993.

Begriffe Ab

Ab. Semitischer magischer Monat. Überquert man am 20. dieses Monats einen Fluss, so verursacht dies Krankheit. Isst jemand am 30. des Ab Schweinefleisch, so wird er mit Geschwüren behaftet.

Lit.: Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. 1. Bd. Detroit, Michigan: Gale Research Company; Book Tower, 21984.

Aba. Zauberwort in der Formel: + Aba Aluy + Abafroy + Agera + Procha usw., um im Spiel zu gewinnen.

Lit.: Thiers, J. B.: Traité de Superstition qui regardent les sacrements. Bd. 1. Paris 1697, S. 356.

Abaasy, unheilvolle Wesen. Nach den sibirischen Jakuten sind die A. übernatürliche Wesen, die in den niederen Welten leben und vom bösen Geist Ulu Toyo ‘N regiert werden. Sie bringen Schaden. Der Sohn des höchsten A. hat Zähne aus Eisen und nur ein Auge.

Lit.: Storm, Rachel: Die Enzyklopädie der östlichen Mythologie: Legenden des Ostens. Reichelsheim: Edition XXL GmbH, 2000.

Abaddon ist nach der Offenbarung des Johannes der König der Schaden bringenden Heuschrecken, der Engel des Abgrunds. Abaddon (hebr.) und Apollyon (griech.) haben beide die Bedeutung von „Verderben“. „Sie“, die Heuschrecken, „haben als König über sich den Engel des Abgrunds; er heißt auf hebräisch Abaddon, auf griechisch Apollyon“ (Offb 9, 11). Im AT ist Abaddon der „Untergang“, das Totenreich, in der Septuaginta mit apoleia und in der Vulgata mit perditio übersetzt.

Lit.: Offenbarung des Johannes; Frick, Karl R. H.: Das Reich Satans 1. Graz: ADEVA, 1982.

Abadiah, steht mit 72 anderen Namen im > Tetragrammaton.

Lit.: Horst, G. C.: Zauber-Bibliothek III. Nachdr. d. sechsbänd. Ausg. Mainz, 1821 – 1826, m. e. zusätzl. Registerband. Freiburg i. Br.: Aurum Verlag, 1979.

Abadie, Jeannette d’ > Jeannette d’Abadie.

Abadir (phön.): Bezeichnung kegelförmiger Steine, welche als älteste Symbole der Gottheiten genannt werden. > Baetylien.

Lit.: Vollmer, Walter: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abaissement du niveau mental > Herabsetzung des Bewusstseinsniveaus.

Abakus. Ursprünglich waren unter A. die über das Kapitell einer Säule gelegte Deckplatte sowie ein Rechenbrett zu verstehen. Bei den Tempelrittern wurde als A. der vom Großmeister getragene Stab bezeichnet, dessen Kopf ein Ordenskreuz mit der Inschrift „In hoc signo vinces“ zierte.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Aban (pers.), Genius des Wassers.

Lit.: Vollmer, W.: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1994.

Abano, Petrus (ca. 1250 – 1316), war einer der bedeutendsten Wissenschaftler zur Zeit Dantes. Er übersetzte ins Lateinische, kommentierte einige Werke von Aristoteles und lehrte auch in Paris. Zudem übersetzte er das astrologische Corpus von > Abraham ben Meir ibn Ezra (1090 – 1164) und schrieb Werke über > Physiognomie und > Geomantie. Er ist wahrscheinlich auch der Autor des Zauberbuches > Heptameron seu elementa magica, das magische Formeln und Figuren zur Anrufung von Geistern enthält und 1559 als Anhang zum 4. Buch von > De occulta philosophia des > Agrippa von Nettesheim veröffentlicht wurde. Außerdem erfand er eine einfache astrologische Wahrsagemethode. Wegen magischer Betätigung zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, entfloh er der Hinrichtung und starb im Kerker.

Lit.: Abraham Ben-Ezra: Abrahe Avenaris Judei Astrologi peritissimi in re iudiciali opera: ab exycellentissimo Philosopho Petro de Abano post accurataz castigationem in latinum traducta. Venetijs: Liechtenstein, 1507; Petrus < >: De occulta Philosophia lib. 3. Item [Liber de caeremoniis magicis] Spurius Liber de caeremoniis magicis, qui quartus Agrippae habetur Quibus acc. Heptameron Petri de Abano Ratio compendiaria magiae naturalis, ex Plinio desumpta. Disputatio de fascinationibus. Epistola de incantatione et adiuratione, collique suspensione. Johannis Tritemii Opuscula quaedam huius argumenti. Diversa divinationum genera à quodam antiquitatis studioso coll. [ca. 1550]; Pietro d’Abano: Comincia La Geomantia. Venetia: [Drucker:] Troianus, 1552.

Abarbanel, Rabbi Don Yitzchak, geb. 1437 in Lissabon, Portugal, gest. 1508 in Padua, Italien, war Philosoph und Bibelkommentator. Aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten ernannte ihn König Alphons V. von Portugal zum Schatzkanzler. Wegen des Verdachts der Komplizenschaft bei einem Aufstand gegen den König floh er nach Spanien, wo ihn König Ferdinand von Kastilien zum Finanzminister ernannte und ihm den Titel „Don“ (HaSar) verlieh. Bei der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) schloss er sich den Vertriebenen an und ging nach Italien.
Neben seinem großen Kommentar zur Torah und den Propheten verfasste A. einen Kommentar zum Buch Daniel und zwei Bücher über die Ankunft des Messias. In seinen Schriften greift er die christliche Theologie scharf an. A. gilt auch als einer der Wiederentdecker der jüdischen Mystik.

Lit.: Abarbanel, Rabbi Don Yitzchak: Peirush Abarbanel al Nevieem & Ketuvim (3 vol.) (Hebrew). Hotzaat Sefarim Bnei Abarbanel.

Abarimon (griech.). Großes Tal im Gebirge Imaus, wo Menschen mit rückwärts gekehrten Fußsohlen wohnen sollen, die besonders schnell laufen und mit den Tieren des Waldes umherstreifen. Man glaubte, dass sie nur unter diesem Himmelsstrich atmen könnten, weshalb man sie immer dort beließ.

Lit.: Vollmer, W.: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abaris, der antiken Sage zufolge ein skythischer Apollo-Priester. Er rühmte sich eines goldenen Pfeils, den ihm Apollo geschenkt haben soll und auf dem er durch die Luft reisen konnte. Zudem war er ein Seher der Zukunft und konnte Seuchen bannen. Von ihm stammt das „Palladium“, ein > Talisman, den er den Trojanern zum Schutz ihrer Stadt verkaufte.
A. soll schließlich den Pfeil Pythagoras geschenkt und mit ihm den Bau des Kosmos und die Bewegungen der Himmelskörper diskutiert haben, wofür er von diesem in die Geheimnisse seiner Zahlenreihe eingeführt wurde. A. wird auch als > Hyperboreer bezeichnet. Nachrichten über ihn sind höchst widersprüchlich. So scheint Herodot nicht an ihn zu glauben.
Abaris war auch der Ordensname > Goethes im > Illuminatenorden, dem er seit dem 11. Februar 1783 als „Censor“ der Illuminatos dirigentes im Regentengrad angehörte.

Lit.: Herodotus: Hist. IV.36.1; Plato: Char; Strabo: Geo; Schüttler, Hermann: Die Mitglieder des Illuminatenordens 1776 – 1787 / 93. München: Ars Una Verlagsges., 1991.

Abaskanton, ein > Amulett, das die Griechen gegen Zauber und Verhexung trugen.

Lit.: Vollmer, W.: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abathur, mythische Gestalt der Mandäer, die beim Endgericht die Taten der Seele wägt. Der Name wird aus dem Persischen abgeleitet und als „der mit der Waage“ gedeutet.

Lit.: Rudolph, Kurt: Theogonie, Kosmogonie und Anthropogonie in den mandäischen Schriften. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1965.

Abaton > Adyton.

A.B.A.W. Abk. f. „Allmächtiger Baumeister aller Welten“; auch G.B.a.W., „Großer Baumeister aller Welten“ (oder: der Welt) (engl. G.A.O.T.U., Great (auch Grand) Architect of the Universe; franz. G.A.D.U., Grand Architecte de l’universe; lat. U.T.O.S.A., Universi terrarum orbis summus architectus), in der Freimaurerei verwendete Bezeichnung des höchsten schöpferischen Prinzips. Die Bezeichnung ist biblischen Ursprungs: „… denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat“ (Hebr 11, 10). „Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt“ (1 Kor 3, 10). Ferner gibt es die Ausdrucksweise: Zum Ruhme des A.B.a.W. (engl.: To the glory of the…; franz.: A la gloire du…; lat.: Ad universi terrarum orbis summi architecti gloriam). 1989 fasste die United Grand Lodge of England die Grundprinzipen neu, wobei die auffallendste Änderung den Gottesbegriff betrifft, indem die theistische Gottesauffassung durch eine deistische abgelöst wurde. Das Mitglied muss nur noch an ein höchstes Wesen glauben und nicht mehr an den Großen Baumeister aller Welten.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Abayakoon, Cyrus D. F., Astrologe aus Ceylon (geb. 1912), Experte der traditionellen > Palmblattorakel Indiens; wurde besonders durch Vorhersagen der Rückkehr an die Macht von Haile Selassie und Charles de Gaulle bekannt. Zudem soll er die Ermordung von Mahatma Gandhi, Benito Mussolini und John F. Kennedy vorausgesagt haben.

Lit.: Abayakoon, Cyrus D. F.: Astro-Palmistry: Signs and Seals of the Hand. New York: ASI, 1975.

Abba (aram.), die vertrauliche Form, in der man den Familienvater anredete, entspricht der Bezeichnung „Papa“. Nur Familienangehörige durften den Vater so ansprechen. Als Anrede Gottes kommt die Bezeichung erst im NT vor, wo Christus sie gerne verwendet: „Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich“ (Mk 14, 36; vgl. auch Röm 8, 15; Gal 4, 6). In der syrischen und koptischen Kirche wird Abba zum Titel der Bischöfe und Patriarchen.

Lit.: Jeremias, J.: Abba: Studien zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht, 1966.

Abbacken.

I. Abbacken des Brotes, bis sich die Rinde von der Krume, dem inneren, weichen Teil des Brotes abhebt.

II. Uralte volksmedizinische Heilweise, bei der vornehmlich skrofulöse, tuberkulöse Kinder und Rheumatiker in den Ofen gelegt wurden. Die lebensgefährliche Heilmethode wurde allerdings bereits von den Bußordnungen des 11. Jahrhunderts verboten, welche es den Müttern bei strenger Strafe untersagten, fiebrige Kinder in den Ofen zu legen. Dieser Brauch wird vor allem von der > Rockenphilosophie ausführlich geschildert: „Sie binden die Arme dem ohnedem schmachtenden Kinde auf eine Kuchen-Scheibe und schieben solche nach ausgenommenem Brote etliche Male in einen Back-Ofen, daß es nicht Wunder wäre, das Kind erstickte in der Hitze“ (Friedberg, 123).

Lit.: Friedberg, E.: Aus den deutschen Bußbüchern. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Halle, 1868.

Abbé (fr.; von aram. abba). Abt, Kleriker, der kraft des Konkordates Leos X. mit Franz I. von Frankreich (25.7.1516) vom König eine Abtei als Kommende erhielt (abbé commendataire). Die Bezeichnung wurde dann im 18. Jh. in Belgien und Frankreich auf jeden, der das geistliche Kleid trug, angewendet. Heute wird dort mit A. vor allem der Weltpriester bezeichnet.

Lit.: Pelliccia, Guerrino; Rocca, Giancarlo (Hg.): Dizionario degli Istituti di Perfezione. Bd. 1. Rom: Edizioni Paoline, 1974, S. 23 – 27.

Abbé de Villars (1635 – 1673). De Villars wuchs in der Nähe von Toulouse auf und ging 1667 nach Paris, um die geistliche Laufbahn einzuschlagen. Durch die Veröffentlichung seiner kritischen Schriften, insbesondere des bekannten Rosenkreuzerromans Le Comte de Gabalis (Der Graf von Gabalis), wurde er jedoch bald mit einem Predigtverbot belegt. In diesem Roman führt A. in vier fingierten Gesprächen mit dem deutschen Kabbalisten, dem Grafen von > Gabalis, in die geheimen Wissenschaften ein und beschreibt dabei in Anlehnung an > Paracelsus > Elementargeister wie > Nymphen, > Salamander, > Gnomen und > Sylphen. Der Erfolg des Buches beruht vor allem auf der Propagierung der Lehren der > Gold- und Rosenkreuzer. Sein höchstes Ziel sieht A. jedoch im Einswerden mit Gott. Gleichzeitig kämpft er unter dem Einfluss der Aufklärung gegen den > Teufelsglauben und gegen die geistige Unterdrückung durch die Kirche. Das Buch hatte zudem großen Einfluss auf die europäische Literatur. Von Gabalis leitet sich auch die Bezeichnung > Gabalika für „Geheimwissenschaften“ ab. Als A. 1673 auf dem Weg nach Lyon ermordet wurde, glaubten viele, dass er einem Racheakt der Rosenkreuzer zum Opfer gefallen sei.
Es gibt auch Stimmen, die im Roman eine Satire auf den zeitgenössischen Okkultismus sehen.

Lit.: Montfaucon de Villars, Nicolas Pierre Henri: Graf von Gabalis oder Gespräche über die verborgenen Wissenschaften. Aus dem Franz. Berlin: Maurer, 1782.

Abbeißen, im Gegensatz zu abschneiden und abreißen; kommt in verschiedenen Bedeutungen vor: die Fingernägel der Kleinkinder sind zum ersten Mal (oder im ersten Lebensjahr) von der Mutter abzubeißen, weil sie sonst stehlen lernen (Birlinger, 392) oder weil dem Kind sonst das Glück abgeschnitten wird (Wuttke, 392 § 600). Insbesondere müssen Pflanzen, die man für einen bestimmten Zweck verwenden will, abgebissen werden (Kuhn, 581). Der Ursprung dieser Anschauungen des Abbeißens, die sich auf alles Mögliche beziehen, ist unklar, wenngleich auch die Ansicht vertreten wird, dass die Hexen über den Gewalt erhalten, von dessen Körper sie etwas in ihre Hände bekommen (Haltrich, 313 f.).

Lit.: Kuhn, K.: Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen. 2 Bde. Leipzig, 1859; Birlinger, A.: Aus Schwaben. Sagen, Legenden, Aberglaube usw. Neue Sammlung. 2 Bde. Wiesbaden, 1874; Meyer, C.: Der Aberglaube des Mittelalters und der nachfolgenden Jahrhunderte. Basel, 1884; Haltrich, J.: Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. In neuer Bearbeitung hg. v. J. Wolff. Wien, 1885; Wuttke, A.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearb. v. E. H. Meyer. Berlin, 1900.

Abbeten. A. einer Krankheit, von der man überzeugt ist, dass sie durch Verwünschung, Fluch, Hexerei oder von Geistern hervorgerufen wurde, durch Gebete und Zaubersprüche. Der Ausdruck deckt sich weitgehend mit der Bezeichung „verbeten“ und ist weit verbreitet (Hovorka, 403, 724, 500).
Während beim Abbeten eine magische Wirkung mitschwingt, sind das > Befreiungsgebet und der > Exorzismus ein reines > Fürbittgebet, das die gewünschte Befreiung von bösen Einwirkungen einzig Gott überlässt.

Lit.: Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. 2. Bd. Stuttgart, 1909.

Abbild, zunächst im 14. Jh. in der Fügung „Abbild nehmen“, nach der mhd. Bedeutung von bilde nehmen, „sich ein Bild nehmen“; im pilosophischen Sprachgebrauch seit dem 18. Jh. als konkrete oder gedankliche Entsprechung eines Urbildes verwendet. So fasst die erkenntnistheoretische Lehre Erkennen als Abbilden der Wirklichkeit auf, während die auf die griechischen Philosophen Leukipp und Demokrit zurückgehende Abbildtheorie die sinnliche Wahrnehmung durch Abbilder (griech. eidola) erklärt, die von den Dingen ausgehen, die Sinne treffen und dadurch Wahrnehmung bewirken. Platon erblickt in der sichtbaren Welt (topos horatos, mundus sensibilis) ein Abbild, das zwischen Sein und Nichtsein steht. Nach der Bibel ist der Mensch Abbild Gottes (Gen 1, 26 – 27) im Sinne der Ähnlichkeit, während Christus als Abbild seines Wesens mit Gott identifiziert wird (Hebr 1, 3). Bei der > ASW werden Bilder, sofern sie als Inhalte empfangen werden, als realistische Wiedergabe eines Geschehens oder als symbolische Verschlüsselung eines Inhalts, einer Begebenheit oder eines feststehenden bildhaften Musters erfahren. In > Magie und > Mantik wird das Abbild zum jeweils Abbgebildeten.

Lit.: Ritter, Joachim (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: WBG, 1971; Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. Tübingen: Niemeyer, 91992; Thomas von Aquin: Urbild, Abbild, Spiegelung. Hg. von R. Briese und O. Zsok. München: Claudius-Verlag, 1995.

Abbildungsfurcht, die Angst, sich abbilden oder fotografieren zu lassen, weil das Bild in fremde Hände geraten könnte und man sich so der Gewalt des fremden Besitzers ausliefere. Diese Angst spiegelt sich im Ausdruck wider: „Das Bild raubt die Seele“. In der > Radiästhesie, bei verschiedenen Diagnosetechniken und mantischen Praktiken wird die Abbildung als Vorlage für diagnostische, mantische und magische Aussagen sowie für Beeinflussungen im positiven wie im negativen Sinne verwendet. > Bildzauber, > Schadenzauber.

Lit.: Seligmann, Siegfried: Die Zauberkraft des Auges und das Berufen: ein Kapitel aus d. Geschichte d. Aberglaubens. Hamburg: L. Friederichsen & Co., 1922; Biedermann, Hans: Lexikon der magischen Künste: Alchemie, Sterndeutung, Hexenglaube, Geheimlehren, Mantik, Zauberkunst. Wiesbaden: VMA-Verl., 1998.

Abbinden. In der Chirurgie zur Bezeichnung eines künstlichen Drosselns der Blutzufuhr zur Peripherie durch starkes Abschnüren verwendet, hat es im Volksbrauch die verschiedensten Bedeutungen: Abbinden von Warzen mit einem Faden oder einem Rosshaar zur Entfernung derselben (Hovorka / Kronfeld 2, 829); Abbinden von Krankheiten, bei denen eine mechanische Abschnürung nicht möglich ist, durch Umbinden eines kranken Körperteils, etwa des verrenkten Fußes oder der verkrampften Beine, zur Befreiung von Schmerzen. Nasenbluten soll aufhören, nachdem man den kleinen Finger der linken Hand mit einem Faden umwickelt hat (Köhler, 350). Wunden werden durch Gebetssprüche abgebunden, wie dem dreimaligen Spruch: „Die Wunde verbinde ich in drei Namen †††“, dann fährt man mit dem Faden dreimal um die Wunde herum (Seyfahrt, 223). Hier bekommt das Binden die Bedeutung von > Bannen. So werden als Abbinden auch Heilhandlungen bezeichnet, die mit dem künstlichen Abschnüren nichts mehr zu tun haben – wenn etwa der Fieberkranke mit einem Strohseil das Fieber an einen Baum bindet (Hovorka / Kronfeld 2, 878).

Lit.: Wolf, J. W.: Beiträge zur deutschen Mythologie. 2. Bd. Göttingen und Leipzig, 1857; August, E.: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen. Leipzig, 1867; Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. 2. Bd. Stuttgart, 1909; Köhler, J.; Seyfahrt, C.: Aberglaube und Zauberei. Leipzig, 1913.

Abboth. Zauberwort. Auf einem Lederfleck steht es in folgender Form: Abboth dabat, „von Gott gegeben“.

Lit.: Seyfarth, Carly: Aberglaube und Zauberei. Leipzig, 1913, S. 157.

Abbott, David P(helps) (1863 – 1934). A. befasste sich als Amateur-Magier in kritischer Haltung mit spiritistischen Medien und veröffentlichte folgende Bücher: Behind the Scenes with the Mediums (1907); The History of a Strange Case (1907); Spirit Portrait Mystery … Its Final Solution (1913).

Lit.: Hansen, George P.: Magicians who endorsed psychic phenomena. In: Linking Ring 70 (1990) 8, 52 – 54.

Abbreviaturen (lat., Abkürzungen). Von alters her dienten Abkürzungen auf Steinen, Münzen, Siegeln, in Handschriften, aber auch in frühen Drucken hauptsächlich der Ersparnis von Zeit, Raum und Material, nicht selten aber auch der Geheimhaltung und magischen Ausdrucksform. Die Kenntnis von Abbreviaturen ermöglicht daher nicht nur das Lesen und sehr oft auch die Datierung von Zeit und Ort verschiedener Inschriften, Handschriften und Drucke, sondern auch das Verständnis ihrer symbolischen und magischen Bedeutung. Besonders beliebt sind Abkürzungen bei den Geheimgesellschaften, insbesondere in der Freimaurerei.

Lit.: Siefert, Kurt: Abbreviaturen. Beerfelden-Gab., Unt. Erbsenbach: Siefert, 71997; Römer, Jürgen: Geschichte der Kürzungen. Göppingen: Kümmerle, 21999 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik; 645); Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

ABC. Bezeichung des Alphabets und der kurzen, umfassenden und praktischen Darlegung einer Lehre oder eines Fachgebietes, wie etwa ABC der Anthroposophie, Okkultes ABC, Hermetisches ABC. Das Alphabet enthält die Zeichen für alles, was in Wort und Schrift mitgeteilt werden kann. So wird schon das Erlernen mit zahlreichen Anschauungen verbunden. Den Kindern soll durch das Essen von aus Speisen geformten Buchstaben das Lernen erleichtert werden. Daher waren in Deutschland einst Schultafeln aus Lebkuchenteig weit verbreitet, auf denen die Buchstaben in einem dem römischen Metallspiegel ähnlichen Rahmen dargestellt waren (Höfler, 34). Ein ähnlicher Brauch ist seit dem 11. Jahrhundert auch im jüdischen Schulunterricht belegt (Dornseiff, 136).
Im Hebräischen werden damit Werke bezeichnet, die in alphabetischer Ordnung verschiedene Personen und Gegenstände behandeln (z. B. in mystischer Darstellungsform). Bekannt ist das Alphabetum Siracidis, „Othijoth ben Sira“, dem Verfasser von Jesus Sirach zugeschrieben, das jedoch aus dem 8. Jh. stammt. Es enthält die Erzählung von der Dämonin > Lilith, „Adams Frau“ nach Goethes Faust.
Das Alphabet hat aber auch heilende, magische Bedeutung. So gilt das rasche Hersagen des ABCs als Heilmittel der Schlucker und die ganze hingeschriebene Alphabetenreihe als zauberkräftig.
Die allegorische Auslegung von Bibeltexten führte in der Kabbala zur Ausbildung ihrer > Alphabetmagie und -symbolik. Auch die Worte Christi (Offb 1, 8; 21, 6; 22, 13), „Ich bin das Alpha und das Omega“, geben dem Alphabet einen mystischen Inhalt.
Schließlich ist das Alphabet als festgelegte Reihe sämtlicher Bestandteile der Sprache wie geschaffen, um beim Losen und Wahrsagen aus ihm herauszulesen (Wuttke, 233).

Lit.: Wuttke, A.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearb. v. E. H. Meyer. Berlin, 1900; Höfler, M.: Weihnachtsgebäcke. Wien, 1905 (ZföVk. 11, Suppl. III); Dornseiff, M.: Das Alphabet in Mystik und Philosophie. Leipzig, 21925.

Abd (arab., Knecht, Sklave), dient bei den Arabern wie in der semitischen Sprache überhaupt und später bei allen Völkern, die den Islam angenommen haben, zur Bildung von Eigennamen, z. B. Abd-Allah oder Abdullah = Knecht Gottes.

Abd al-Karim al-Gili (1365 – 1428). Muslimischer Mystiker, Anhänger des Systems des > Ibn al-Arabi, schrieb die Sufi-Abhandlung al-Insan al-Kamil („Der vollkommene Mann“), worin er kosmische und ontologische Probleme behandelt: Das Sein ist ein Einziges und das Wesen Gottes ist unerkennbar. Reines Sein als solches hatte weder Namen noch Eigenschaften. Erst beim Absteigen der Stufen kommt es auf Stufe 5, dem Bereich der Manifestationen, zu Attributen. So wird die Welt zur Selbstoffenbarung des Reinen Seins, von Allah. > Mohammed ist der Logos, der vollkommene Mann. Der Mensch ist der Mikrokosmos, der alle Attribute enthält. In ihm allein wird das Absolute in all seinen Aspekten sich seiner selbst bewusst.

Lit.: Nicholson, Reynold Alleyne: Studies in Islamic mysticism. London: Kegan Paul International, 1998.

Abd-Al-Qadir-Djilani (†  1172), auch Pir Dastagir genannt, ist der berühmte Gründer des Derwischordens der Quadiriyah. Sein Grab befindet sich in Bagdad. Quadiriyah ist der in Asien verbreitetste sunnitische Orden.

Lit.: Hughes, Thomas Patrick: Lexikon des Islam. Wiesbaden: Fourier, 1995.

Abdal (arab., „Stellvertreter“). Numerische Gruppe von 70 „Sufi-Heiligen“, deren Anzahl bis zum Ende der Welt immer gleich bleibt, bis sie dann abnimmt und die Welt untergeht. Die Hauptgestalt, die nur Gott bekannt ist, der Qutb, oder die Achse, der Welt, ist von vier Pflöcken umgeben, so dass die Abdal zusammen ein Zelt zum Schutz der Welten bilden.

Lit.: Bowker, John (Hg.): Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

Abdalan-i Rum (Rum Abdallari), „die Verrückten Ostroms“; Derwische, die in Tierfelle gehüllt, ansonsten völlig nackt, in frühosmanischer Zeit barfuß durch Anatolien zogen. Sie rasierten ihren Kopf, waren am Oberkörper tätowiert und trugen einen silbernen Ring im Ohr. Zu ihrer Ausrüstung gehörten Äxte, Keulen, Holzschwerter und Musikinstrumente. Solche Derwische, die im 15. Jh. den asketischen Otman Baba (†  1478 / 79) in Rumelien und auf dem östlichen Balkan begleiteten, sollen teilweise aus armen Hirtenfamilien der Yörük-Bevölkerung gekommen sein. Sie werden als Vorläufer der Bektashi angesehen, von denen sie im 16. Jh. völlig absorbiert wurden. In der Türkei gehörten sie den häretischen Kizilbash /Aleviten an. In Mittelasien, vor allem in den Oasen des südwestlichen Tarim-Beckens (Ostturkestan), leben sie noch heute als wandernde Bettler und Handwerker. Einige von ihnen sind in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. sesshaft geworden. Es wird auch die Ansicht vertreten, dass diese wandernden Derwische aus dem Gauklertum hervorgingen, da manche Gruppen nordsyrischer > Abdal ihren Lebensunterhalt noch immer als Gaukler und Schlangenbeschwörer bestreiten.

Lit.: Frembgen, Jürgen Wasim: Reise zu Gott: Sufis und Derwische im Islam. München: C. H. Beck, 2000, S. 110 – 111.

Abdallah ibn Sina > Avicenna.

Abdankung. Abschluss der Teufels- oder Geisterbeschwörung, im Zuge dessen der > Teufel bzw. die > Geister verabschiedet, d. h. „abgedankt“ werden. Dieses Abdanken geschieht oft durch > Rückwärtslesen der Beschwörungsformel (Baumgartner, 75). Nicht selten bedarf es dazu jedoch besonderer Abdankungsformeln (Kiesewetter, 408).

Lit.: Baumgartner, Armand: Aus der volksmäßigen Überlieferung der Heimat. 1.Teil. Linz (Mus. Progr.), 1862; Kiesewetter, Carl: Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig, 1893.

Abdecker. Die A. gehörten wie die Bader, Gassenfeger, Gerber, Scharfrichter und andere mehr zu den „unehrlichen Berufen“, einer Besonderheit der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Dieser Status der „Unehrlichkeit“ bestimmte weitgehend das Leben, doch gab es selbst bei den Abdeckern, entgegen vielfacher Annahme, keine durchgehende Distanzierung zur übrigen Bevölkerung. Seit Beginn des 17. Jhs. können nämlich nur die Verweigerung des Bürgerrechts und öffentlicher Ehrenämter sowie der Ausschluss von den Zünften und die Irregularität bestätigt werden. Die Ursprünge des Abdeckereigewerbes liegen allerdings noch im Dunkeln. Sicher ist, dass z. B. in München der erste amtliche Abdecker 1477 eingestellt wurde. Seine Aufgabe bestand, neben der Straßenreinigung, ausdrücklich darin, das „Aß ab dem Pflaster zu stubern“ (Waldburg-Wolfegg, 13 f.). Diese „unehrliche“ Arbeit verhalf dem Abdecker jedoch zusehends zu einer besonderen Stellung. Er hatte nicht nur die Tierkadaver, sondern im amtlich befohlenen Hilfsdienst der Scharfrichter auch die Leichen der Hingerichteten zu entsorgen. Dies brachte ihm gewisse anatomische Kenntnisse und den Ruf geheimer Heil- und Zauberkräfte ein. So wandten sich nicht nur einfache Leute, sondern auch Angehörige höherer Stände mit ihren Anliegen an ihn, was schließlich zu einem Konflikt mit der Ärzteschaft führte. Mit der gesetzlichen Verpflichtung vom 21. August 1756, die Leichen grundsätzlich zu den Anatomien zu bringen, und dem Verbot jeglicher medizinischer Tätigkeit blieb nur noch der Ausweg in die Tiermedizin. Die Abdecker spezialisierten sich nun besonders auf Vieh- und Rosskuren. Dabei spielte auch die Magie eine anerkannte Rolle. So ist in den Rossarzneibüchern die Bereitschaft, Bezauberung als klar definierte Krankheit mit eindeutig bestimmbaren Symptomen zu betrachten, grundsätzlich vorhanden. Doch trotz der vielfältigen Tätigkeit, die neben der beruflichen Aufgabe von sympathischen Kuren bis zur Wahrsagerei, oft in geheimer Sprache, reichten und von der Bevölkerung ganz ungeniert in Anspruch genommen wurden, blieben die Abdecker arme und ungebildete Außenseiter. Auch das Verschwinden der „Unehrlichkeit“ im 19. Jh. änderte an ihrer Unterschichtszugehörigkeit wenig. In den Augen des bürgerlichen Betrachters waren die Abdecker „größtenteils versoffene, unreinliche, nicht für das Beste des Nächsten, sondern nur für sich bedachte Leute“ (Lux, 104 f.), doch gerade deshalb von besonderer magischer Kraft.

Lit.: Lux, Johann, J. W.: Über das Abdecker-Wesen und die Folgen seiner Aufhebung. Leipzig, 1918; Waldburg-Wolfegg, Johannes Graf: Das mittelalterliche Hausbuch. Betrachtungen von einer Bilderhandschrift. München, 1957; Nowosadtko, Jutta: Scharfrichter und Abdecker. Paderborn: Schöningh, 1994.

Abdelazys. Arabischer Astrologe des 10. Jhs. in Europa, bekannt unter dem lateinischen Namen > Alchabitius. Seine Abhandlung über Astrologie wurde so gepriesen, dass sie in das Lateinische übertragen und 1473 veröffentlicht wurde. Es folgten weitere Ausgaben, vor allem in Venedig und Paris.

Lit.: Alchabitius: Alchabitij Opus ad scrutanda stellarum magisteria isagogicum,… cum Joannis de Saxonia commentario. Venetiis: Sessa et de Ravanis, 1521.

Abdias > Obadja.

Abdiel (hebr., Diener Gottes), Engelsname der jüdischen Kabbalisten. In John Miltons Das verlorene Paradies als einer der > Seraphim dargestellt.

Abdiroth. Von > Paracelsus verwendete Bezeichnung des Gefühls, das man beim Anzug eines Gewitters hat.

Lit.: Werner, H.: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fournier, 1991, S. 8.

Abdrücke (engl. plastics, spirit markings). Abbildungen von Extremitäten auf verschiedenen Gegenständen bei angeblichen Erscheinungen von Geistwesen, meist in Form von Phantombildungen im Rahmen spiritistischer und experimenteller Sitzungen zum Beweis der Echtheit der Erscheinung durch die hinterlassene sichtbare Spur. Neben Ton und Gips verwendete man dabei auch Paraffin sowie Glas und andere feste Gegenstände, die man als Unterlage für Abdrücke mit Ruß, Staub, Mehl u. dgl. bestreute. In neuerer Zeit kamen dann Film, Tonbänder (Tonbandstimmen) und elektronische Aufzeichnungsformen zum Einsatz.
Der erste Abdruck wurde 1875 von William > Denton in Boston mit dem Medium Mary M. > Hardy in Paraffin gewonnen. Dieses Verfahren verbreitete sich sehr rasch und wurde vor allem von Gustav > Geley und Charles > Richet beim Medium Franek > Kluski angewandt. Das Paraffin wurde 1930 von C. L. v. > Reichenbach im Holzteer entdeckt und findet heute sowohl in dünn- und dickflüssiger als auch in fester Form Anwendung.

Bei den hier zu besprechenden Paraffinabdrücken handelt es sich meist um Hände. Die „Phantome“ wurden gebeten, in ein Gefäß mit Paraffin in heißem Wasser zu greifen und sodann die Hand in kaltes Wasser zu halten, um so den Handabdruck zu erzeugen. Pawlowski beschreibt das Verfahren mit Kluski, bei dem sich das kalte Wasser sogar erübrigte, folgendermaßen: „Die Phantome tauchen ihre Hände in das Paraffin und lassen die handschuhartigen Abdrücke auf den Tisch fallen … Das Phantom braucht ½ – ¾ Minuten Zeit zur Herstellung einer Form. Als ich versuchte, dies selbst zu machen, dauerte es mehrere Minuten, bis das Paraffin nur so weit abgekühlt war […], und auch dann war es unmöglich, den Handschuh, ohne ihn zu zerbrechen, von der Hand zu streifen, ja, ich konnte es nicht einmal mit einem einzigen Finger, der bis zum zweiten Glied in Paraffin getaucht war, fertigbringen“ (Pawlowski, 12). Die Kluskischen Paraffinformen fielen nach wenigen Stunden in sich zusammen, weshalb sie Pawlowski mit Gips füllte, um Abgüsse zu erhalten.

Friedrich > Zöllner erhielt bei seinen Experimenten mit Henry > Slade merkwürdige Abdrücke von Händen und Füßen auf mehlbestreuten oder berußten Flächen. Neben anderen Gelehrten lud er auch den berühmten Physiker Wilhelm Weber und den Philosophen G.  Th. > Fechner ein. Bei einem Versuch entstand ein Handabdruck in Mehl. Bei der sofortigen Untersuchung der Hände und Füße Slades konnten nicht die geringsten Spuren von Mehl festgestellt werden. Beim Vergleich seiner Hand mit dem Abdruck im Mehl erwies sich der Abdruck als viel größer. Der Versuch wurde an den folgenden Tagen mit gleichem Erfolg wiederholt. Der Abdruck einer Fußsohle bei einem weiteren Experiment war hingegen 4 cm kürzer als der Fuß Slades (Zöllner, 54).
Eine Bestätigung erhielten diese Experimente durch die in größerer Zahl hervorgebrachten Abdrücke von Händen und Köpfen mit dem Medium Eusapia > Paladino, die allerdings in Dunkelheit oder bei sehr schwacher Beleuchtung stattfanden, so dass Beobachter wie J. > Maxwell und der Experimentator E. > Morselli nach mehrjähriger Untersuchung Zweifel anmeldeten.

Lit.: Zöllner, Friedrich: Vierte Dimension, hg. von Rudolf Tischner. Leipzig: Oswald Mutze, 1922; Pawlowski, F. W.: Die Mediumschaft des F. Kluski. In: Zeitschrift für Parapsychologie (1926), 12 f.; Moser, Fanny: Der Okkultimus – Täuschungen und Tatsachen. München: Ernst Reinhardt, 1935.

Abd-ru-shin (Pseud.) > Bernhardt, Oskar Ernst, Gründer der > Gralsbewegung.

Abduktion (engl. abduction). Unter A. versteht man in der UFO-Literatur Entführungen von Menschen, die sich irgendwo im Freien, auf einer Landstraße oder zu Hause im Schlafzimmer ereignen, woraufhin laut Aussage der „Opfer“ eine medizinische Untersuchung durch fremde Wesen an Bord eines unbekannten Flugobjektes (UFO) erfolge. Die gemachten Fallstudien erlauben allerdings keine überzeugenden Aussagen.
Wohl aber gibt es Erfahrungsberichte über traumatische „UFO-Erlebnisse“, die eine therapeutische Behandlung erforderlich machten, wobei das Entführungssyndrom stets Ähnlichkeiten aufweist: Beobachtung eines landenden unidentifizierten Flugobjekts, dem kleine, graue Gestalten mit großen kahlen Köpfen und großen schwarzen Augen entsteigen. Die Betroffenen fühlen sich von diesen, wie unter Hypnose, willenlos unter Kontrolle und an Bord gebracht, wo dann im Allgemeinen eine Furcht einflößende „medizinische Untersuchung“ erfolgt, worauf sie wieder entlassen werden. In rund zwei Drittel aller Fälle wird die Erinnerung an die Entführung und Behandlung vergessen, arbeitet jedoch nicht selten unbewusst weiter.
In diesem Zusammenhang sind die sog. psychischen Abduktionen voller surrealer und traumhafter Elemente zu nennen. Die Betroffenen berichten von Reisen außerhalb ihres Körpers oder von Erlebnissen in anderen Bewusstseinszuständen. Bei solchen Berichten ist jedoch große Vorsicht geboten, weil von einem Ereignis erzählt wird, das im physikalischen Sinne eindeutig nicht stattgefunden hat.
Ebenso problematisch ist auch die Gruppe der „freiwilligen“ Abduktionen, wo also die Betroffenen freiwillig in ein Raumschiff steigen. Handelt es sich hier vielleicht um eine Art Sinnestäuschung oder sogar um eine bewusste Konfabulation?
Das Gleiche gilt auch für die so genannten „Kontaktler“, die angeben, mit > Außerirdischen in Verbindung zu stehen, und ihre Erfahrungen vermarkten. Dieser Kreis kann noch um die „Channeler“ und jene angeblich paranormal begabten Personen bereichert werden, die bei ihren > Automatismen zuweilen mit Außerirdischen zu kommunizieren pflegen. Die große Popularität der Verbindung mit Außerirdischen, vor allem durch zahlreiche Filmproduktionen, führt zudem noch zu vielfältigem Schwindel. Hauptmotiv der Abduktionserfahrungen dürfte der verdrängte Wunsch nach einem Fortleben sein.
Wie immer auch die einzelne Erfahrung zu deuten sein mag, so ist allen klassischen Abduktionsberichten, also jenen Berichten, die normalerweise mit UFO-Abduktionen assoziiert werden, ein Schlüsselphänomen eigen. Vielleicht beruht es nur darauf, dass Menschen ihre Emotionen, Ängste, Hoffnungen und Verhaltensweisen in gemeinsamen Formulierungen ausdrücken.

Lit.: Alien Discussions: von Außerirdischen entführt. Hg. von Andrea Pritchard u. a. – Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1996.

Abduktionsberichte (engl. abduction reports). Erzählungen über Entführungen durch > Extraterrestrische. Diese Berichte beinhalten zumeist Erinnerungen, die durch zahlreiche Faktoren beeinflusst sein können, wozu auch pathologische Persönlichkeitsstrukturen zu zählen sind. Daher dürfen solche Berichte, selbst wenn sie zuverlässig und stichhaltig erscheinen, nicht für bare Münze genommen werden.

Lit.: Alien Discussions: von Außerirdischen entführt. Hg. von Andrea Pritchard u. a. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1996.

Abdul Alhazard > Necronomicon.

Abduzierter (engl.: abductee), ein angeblich von > Extraterrestrischen bzw. UFO-Insassen an Bord eines UFOs Entführter.

Lit.: Alien Discussions: von Außerirdischen entführt. Hg. von Andrea Pritchard u. a. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1996.

Abe Mango, nach der südamerikanischen Mythologie eine sehr hilfreiche Göttin des Kochens, der Töpferei, des Bauens und Webens. Sie ist die Tochter von > Page Abe, des Schöpfergottes der Tukano-Indianer am Amazonas. Nachdem ihr Vater die Menschen geschaffen hatte, stieg sie persönlich zu ihnen auf die Erde, um ihnen die Nutzung des Feuers beizubringen und zu zeigen, wie man kocht, baut, töpfert und webt.

Lit.: Jones, David M.: Die Mythologie der Neuen Welt: die Enzyklopädie über Götter, Geister und mythische Stätten in Nord-, Meso- und Südamerika. Reichelsheim: Edition XXV, 2002.

Abecedarium, auch abc(e)darium (-durium, –turium), abgetorium (-itorium, -atorium). Eine im christlichen Altertum und Mittelalter beliebte Form der Aneinanderreihung von Anfangsbuchstaben einer Zeile oder von Versen nach dem Alphabet. Bei der Kirchweihe dient A. zur Bezeichnung des griechischen und lateinischen Alphabets, das der Bischof mit dem Stab als Zeichen der Besitznahme des Gotteshauses durch Christus in das Kreuz der Diagonalen des Kultraumes schreibt. Schließlich sind unter A. Psalmen und Dichtungen zu verstehen, deren Strophen oder Verse mit je einem Buchstaben des Alphabets in der Reihenfolge A – Z beginnen.

Lit.: Ez 9, 4.6; Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg: Herder, 1996.

Abellin, Mirjam von > Mirjam v. Abellin.

Abellio. Gottheit der Gallier, die in einigen Altarinschriften erwähnt wird, welche bei Cominges in Südfrankreich gefunden wurden. A. wird bald mit Mars, bald mit dem Apollo der Römer verglichen, zumal bei den Kretern Abelios die Sonne hieß.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. – Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abels-Orden oder „Orden der wahren Aufrichtigkeit und Redlichkeit“ (Biedenfeld, 181 – 182). Diese Geheimgesellschaft wurde 1745 in Greifswald / D gegründet. Ihre Mitglieder nannten sich Abeliten oder Abels-Nachfolger und suchten gemäß ihrem Wahlspruch „Aufrichtigkeit, Freundschaft und Hoffnung“ christlich-moralisch-philanthropisch zu leben.
Der Orden bestand aus zwei Graden: Die Mitglieder des ersten Grades strebten aus freiem Entschluss „mit allem Fleiße“ nach einer „wahren Aufrichtigkeit und Redlichkeit bey allen ihren pflichtmäßigen Handlungen“ und suchten sich darin zu üben (Schuster, 252). Die Mitglieder des zweiten Grades hatten schon wirkliche und verschiedene Proben in dieser großen Vollkommenheit gezeigt und waren daher bestrebt, einen größeren Grad in derselben zu erlangen.
Über geheime Zeichen und Rituale ist nichts bekannt. Als „Sinn- und Denkbilder“ galten das „Allsehende Auge“, Kreuz, Herz, gekreuzte Schlüssel, Ring und Totenkopf.
Der Orden ist kaum über Greifswald hinausgewachsen und sein Bestand war nicht von Dauer.

Lit.: Ahlwardt, Peter: Der Abelit. Leipzig, 1746; Biedenfeld, Ferdinand von: Geschichte und Verfassung aller geistlichen und weltlichen, erloschenen und blühenden Ritterorden. Bd. 1. Weimar: Voigt, 1841; Schuster, Georg: Geheime Gesellschaften, Verbindungen und Orden. Bd. 2. Wiesbaden: Fourier, o. J.

Abend. Der A. ist eine besondere Tageszeit im menschlichen Leben. Die Unsicherheit der anbrechenden Nacht führt zu Vorsorge, Riten und Opferhandlungen, um die Gefahren der Nacht zu bannen, gehört diese doch den Geistern. Jede Berührung mit bösen Geistern und jeglicher Kontakt mit der gefährlichen Außenwelt sind zu meiden.
Der Abend schließt aber nicht nur den alten Tag ab, sondern nimmt bereits Verbindung mit dem neuen auf. So kommt ihm auch die Zukunftsdeutung zu. Vor allem am Vorabend von Festtagen, die einen neuen Zeitabschnitt einleiten, wie Weihnachten, Silvester und Dreikönig, ist Zukunftsdeutung am erfolgreichsten. Aus den verschiedenen Abendzeichen kann zudem auf das künftige Wetter geschlossen werden.
Der Abend ist die Zeit der Rückbesinnung auf sich selbst und der Bewusstseinsveränderung zum Schlaf hin, wo die Empfänglichkeit für außergewöhnliche Erfahrungen besonders groß ist. Zudem sind einige Abende, insbesondere der Andreas-, Johannis-, Thomas- und Heilige Abend sowie der Abend vor Ostern und Christi Himmelfahrt von besonderem magischen Gehalt. Der Andreasabend z. B. wird für Liebe und Ehe empfohlen.
In der Volksmedizin wird den an bestimmten Abenden gesammelten Heilkräutern eine besondere Kraft zugesprochen.
In der Astrologie bildet der Abend das 7. Haus im Horoskop.

Lit.: Wuttke, Adolf.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearbeitung von E. H. Meyer. Berlin, 1900; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Abendglocke > Abendläuten.

Abendläuten. Von den sieben Glockenzeichen der sieben Gebetszeiten (horae canonicae) kamen für den Abend das Vesperläuten und das Completläuten in Betracht. Das im 11. Jh. auftauchende Ave Maria führte dann vom 13 Jh. an zum Angelusläuten am Morgen (zuerst 1317 / 1318 in Parma) und am Abend (zuerst 1307 in Gran), sodann auch am Mittag (zuerst 1386 in Prag). Das Abendläuten markierte das Ende des Arbeitstages, denn vom Abendläuten bis zum Morgenläuten gehört die Zeit den Geistern, die vor dem Abendläuten nur selten erscheinen. Zuweilen kommt dem Abendläuten, wie dem > Abend überhaupt, eine besondere Wirkung zu, die nicht selten Zukunftsbedeutung hat.

Lit.: Eisenhofer, L.: Handbuch der katholischen Liturgik 1. Freiburg: Herder, 21941; Bächtold-Stäubli, H.: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Abendmahl. Das A., auch „Herrenmahl“ genannt, wird im frühen Christentum als Fortführung der Tischgemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern (Brotbrechen), als Erinnerung an das letzte gemeinsame Mahl (das letzte Abendmahl) und als Auftrag zu Seinem Gedächtnis gefeiert (Lk 22, 17 – 21).
Das Abendmahl beinhaltet für die Christen ihre mystische Verbindung mit Christus und untereinander. Während man das „Herrenmahl“ zunächst mit einer wirklichen Mahlzeit feierte, wurde es im Laufe des 2. Jhs. zu einer kultischen Feier in der Bedeutung des Opfermahls im Glauben an die Wandlung der Elemente von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi (> Transsubstantiation), was in der Ostkirche in der Vorstellung einer dynamischen >„Transformation“ nach dem Vorbild der Verklärung Christi zum Ausdruck kommt.
Luther leugnete die Wandlung der Elemente, vertrat jedoch (Marburger Religionsgespräch), entgegen der rein symbolischen Deutung Zwinglis, die reale Gegenwart Christi (> Konsubstantiation). So spricht man heute in der protestantischen Kirche von Abendmahl, in der katholischen Kirche hingegen von Eucharistie oder Messopfer (Katechismus).
Aus paranormologischer Sicht sind neben den Lehren von Transsubstantiation, Transformation und Konsubstantiation die mit dem Abendmahl verbundenen magischen Vorstellungen und Handlungen von Interesse. So wird das Abendmahl als Zaubermittel verwendet, um sich besondere Vorteile zu verschaffen, wie eine leichte Geburt und ein kräftiges Leben für das Neugeborene (Hoffmann-Krayer, 23). Vielfach gilt das Abendmahl als Heilmittel gegen Krankheit, als Schutz vor bösen Geistern und als Quelle besonderer Kräfte (Kühnau, 243). Wer sich hingegen dem Abendmahl gegenüber unwürdig verhält, kann sich Schaden zufügen (Kuhn, 445).
Schließlich dient das Abendmahl auch als Gottesurteil in Form der > Abendmahlsprobe.
Im Hexen- und Teufelskult wird das Abendmahl zum Gegenstand der Nachahmung und Verspottung (Horst, 328).

Lit.: Das Marburger Religionsgespräch, 1529; Kuhn, A.; Schwartz, W.: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche ect. Leipzig: Brockhaus, 1848; Kühnau, Richard: Schlesische Sagen. 3 Bde. Leipzig, 1910 – 1913; Hoffmann-Krayer, Eduard: Feste und Bräuche des Schweizervolkes. Zürich, 1913; Katechismus der Katholischen Kirche. München: Oldenburg, 1993; Horst, Georg Konrad: Zauberbibliothek, J. J. Couvreur, o. J.

Abendmahlsprobe. Bei der A. wird dem als Verbrecher Verdächtigten zur Klärung der Wahrheit die heilige Hostie gereicht. Kann er sie ohne schädliche Wirkung genießen, ist er unschuldig; stirbt er, ist er schuldig und zugleich bestraft (Glitsch, 24).
In dieser Abendmahlsprobe finden sich zwei Momente: das uralte Gottesurteil in Form des geweihten Bissens, wie es bei Afrikanern (Glitsch, 34), Indianern (Globus 29, 40), Indern (Glitsch, 31), Israeliten (1 Sam 6, 9) und in den altgermanischen Volksrechten (Schild, 10) vorkommt, sowie die Aussage im NT: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht.“

Lit.: Globus. Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde. Braunschweig, 1862 ff.; Glitsch, Heinrich (Hg.): Mittelalterliche Gottesurteile. Leipzig: Voigtländer, 1918; Schild, Wolfgang: Alte Gerichtsbarkeit. München: Callwey, 1985.

Abendpunkt. Der. A., auch Westpunkt genannt, ist der Untergangspunkt der Sonne zur Zeit der Tagundnachtgleichen.

Lit.: Lexikon der Astrologie. München: Goldmann, 1981.

Abendstern. Der A. gilt bei den meisten Völkern als Zeichen für den Anbruch der Nacht und der Ruhezeit, als Zeitpunkt der Vermählung und der Liebeszusammenkunft. Liebende, die getrennt sind, senden sich über ihn Grüße. So wurde der Abendstern schon sehr früh besungen. Die griechische Dichterin Sappho huldigt ihm, wie später eine Reihe anderer Dichter, mit gefühlvollen Worten. Der Abendstern, Hesperos, wurde daher auch vom Morgenstern, Phosphoros, wohl unterschieden. In der Astrologie wird als Abendstern jeweils jener Planet bezeichnet, der nach der Sonne untergeht.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wyssowa u. a., Stuttgart, 1893 ff.; Sappho: Lieder: griechisch und deutsch. Hg. von Max Treu. Darmstadt: WBG, 81991; Mertz, Bernd A.: Venus und Merkur als Morgen- und Abendstern im Horoskop. Mössingen: Chiron-Verl., 1997.

Abendweite. Die A. ist das Bogenstück auf dem Horizontkreis zwischen > Abendpunkt und Untergangspunkt eines Gestirns.

Lit.: Lexikon der Astrologie. München: Goldmann, 1981.

Aben-Ragel > Albohazen Haly.

Aberacula, flügelförmig geschriebenes Zauberwort gegen Fieber, eine Nebenform von > Abracadabra.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987, S. 63; Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988.

Aberdeen-Hexen. Eine Gruppe von Hexen, die 1596 / 97 während eines Prozesses in Nordost-Schottland hingerichtet wurden.
1596 wurde Aberdeen vom Hexenwahn erfasst. In einer Flut gegenseitiger Anschuldigungen wurden Behauptungen über allerlei Arten magischer Übeltaten vorgebracht. So hätten zahlreiche Angeklagte Magie angewandt, um durch die Macht des > Bösen Blickes den Tod herbeizuführen, Männer zu Ehebrechern zu machen, dem Vieh zu schaden, die Milch sauer werden zu lassen, Unwetter heraufzubeschwören und Zauberformeln für die Liebe zu erfinden. Die Angst vor Hexerei war so groß, dass selbst das Ansetzen einer harmlosen Kräutermedizin Anlass zu Verhaftungen gab. Durch Druck und Zwang wurden die unglaublichsten Geständnisse erpresst. Schließlich kam zu Tage, dass sich die Hexen von Aberdeen zum Hexenzirkel trafen, dem 14 Mitglieder angehörten und der unter Anleitung des Teufels stattgefunden habe. Dieser habe sich als grauer Schafsbock, als Eber oder Hund getarnt und sich Christsonday genannt. Häufig sei er in Begleitung seiner Gemahlin, der Elfenkönigin, gewesen. Die Mitglieder des Zirkels hatten als Ehrerbietung das Gesäß ihres Herrn und ihrer Herrin zu küssen und häufig mit ihnen Geschlechtsverkehr zu üben.

Die alte Janet Wishart wurde verdächtigt, Andrew Webster durch Magie ermordet, bei Alexander Thomson Fieber hervorgerufen und Teile einer noch am Galgen hängenden Leiche für schändliche Zwecke verwendet zu haben. Isobel Cockie warf man vor, Mühlen und Vieh verhext zu haben, Margaret Ogg habe sich auf das Vergiften von Fleisch spezialisiert und Helen Rogie habe von ihren Opfern Wachsbilder angefertigt, um ihnen zu schaden. Isobel Strachan habe junge Männer verführt, Isobel Ritchie Zauberspeisen für werdende Mütter zubereitet und Isobel Ogg Unwetter heraufbeschworen.
Viele der Angeklagten waren von einer der ihren identifiziert worden, die behaupteten, an einer großen Versammlung von zweitausend Hexen in Atholl teilgenommen zu haben.

Andrew Mann, selbst ein bekannter Hexer, erklärte sich bereit, als Kronzeuge aufzutreten. Vom Gericht zum > Hexenriecher ernannt, unterzog er die Verdächtigen der > Nagelprobe, um das > Teufelsmal zu finden.

Am Ende der Gerichtsverfahren im April 1597 wurden 23 Frauen und ein Mann der Verbrechen für schuldig befunden, an Pfosten gebunden, vom Scharfrichter erdrosselt und dann an einer Stelle nahe der heutigen Commerce Street verbrannt, um zu verhindern, dass das Böse von ihren Körpern auf andere übertragen würde. Mehrere Angeklagte entgingen dieser Grausamkeit durch Selbstmord. Ihre Körper wurden durch die Straßen geschleift, bis sie in Fetzen gerissen waren. Jene, für die kein Schuldbeweis zu erbringen war, wurden auf der Wange gebrandmarkt und aus der Stadt gewiesen.

Nicht lange nach den Hexenprozessen von Aberdeen veröffentlichte König Jakob VI. von Schottland (1603 – 1625) seine Dämonologie, die dazu beitrug, den Hexenwahn überall in der schottischen Gesellschaft zu verbreiten.

Lit.: Baroja, Julio Caro: Die Hexen und ihre Welt. M. e. Einf. u. e. ergänz. Kap. v. Will-Erich Peuckert. Stuttgart: Klett, 1967; Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. Erika Ifang [Übers.]. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988; Pickering, David: Lexikon der Magie und Hexerei; Regina Van Treeck [Übers.]. Dt. Erstausgabe; s. l.: Bechtermünz Verlag, 1999.

Aberfan. Dorf in Wales, wo 1966 bei einem Haldenrutsch 144 Menschen, darunter 128 Kinder, den Tod fanden. Der englische Psychologe J. C. Barker suchte daraufhin über einen Aufruf in der Presse nach Personen, die > Ahnungen oder > Wahrträume im Hinblick auf das Unglück gehabt hatten. Von den 76 Zuschriften aus dem ganzen Land wurden 60 eingehend überprüft. Dabei konnte in 24 Fällen durch Zeugen dokumentiert werden, dass die Erlebnisträger vor dem Unglückstag anderen Personen von ihren diesbezüglichen präkognitiven Erfahrungen berichtet hatten. Bei den gesicherten Fällen überwogen die Frauen mit 5 : 1. Das Alter der Erlebnisträger lag zwischen zehn und 75 Jahren. Bei den Erlebnissen selbst handelte es sich größtenteils um Träume mit schreienden Kindern, schwarzen Massen, walisischer Landschaft, Rappen mit Leichenwagen u. Ä.

Lit.: Barker, J. C.: Premonitions of the Aberfan Disaster. In: Journal of the Society for Psychical Research 44 (1967), 734; Grattan-Guinness, Ivor [Hg.]: Psychical Research: A Guide to its History. Principles and Practices. Wellingborough, Northamptonshire: The Aquarian Press, 1982.

Aberglaube. Seit dem 13. / 14. Jh. verwendete Bezeichnung von irrigem Glauben, vor allem im religiösen Kontext, an besondere Kräfte, deren Realität weder empirisch noch theologisch begründbar ist.

Begriffsgeschichtlich umfasst das Wort „Aberglaube“ den griechischen Begriff von deisidaimonia (übertriebene Götterfurcht) und die antiken und mittelalterlichen Bedeutungsinhalte von superstitio („Überglaube“) und idololatria (Götzendienst). Seit dem 19. Jh. nimmt das Wort „Aberglaube“ immer häufiger die Bedeutung von „blindem Vorurteil“, „einfältiger Lebensauffassung“ und unkritischem „Volksglauben“ an. In dieser allgemeinen Bedeutung von naiver Lebenseinstellung hat die Kategorie „Aberglaube“ theologisch keine Bedeutung mehr.
Hingegen bleibt im religiösen Kontext die von
Thomas von Aquin in der Summa theologiae (II – II, 92 – 96) im Rückblick auf altrömische, biblische und patristische Daten erstellte Beschreibung von Aberglaube als religiöse Praxis am falschen Gegenstand („dem sie nicht zukommt“) und als unlautere religiöse Praxis gegenüber dem wahren Gott („wie es sich nicht gebührt“) weiterhin wegweisend: > superstitio, falscher Kult des wahren Gottes, wozu jedwede Kultpraxis zu zählen ist, die im Christentum nicht dem NT bzw. in anderen Religionen nicht der jeweiligen Lehre entspricht; > idololatria, Vergöttlichung endlicher Gegenstände und Mächte; > superstitio divinativa, Wahrsagerei aus pseudoreligiösen Praktiken; > superstitiones observantiarum, magische Praktiken. Da sich der Mensch der Wahrheit aber nur nähern kann, ohne ihrer voll habhaft zu werden, ist auch der Versuch der Eliminierung von Aberglaube durch Aufklärung und Rationalismus nur bedingt gelungen, zumal die verbliebenen Deutungsfreiräume notgedrungen zu mutmaßlichen Deutungen führen. Zudem bedarf der Mensch zur Gestaltung seiner Vorstellungen von Welt und Mensch übergreifender Zusammenhänge, die, genährt von Unsicherheit und Angst, zu den verschiedensten Deutungen führen. Somit sind strenge Rationalität wie unkontrollierte Irrationalität gleichermaßen aberglaubenverwandt.

Paranormologisch gesehen ist Aberglaube im engeren Sinne eine den Gesetzen der Erfahrung und des Denkens zuwiderlaufende Ansicht von ursächlichen Zusammenhängen der sinnlichen Welt mit nichtsinnlichen Mächten und Gewalten, die auch unter Einbezug paranormologischer Deutungsmöglichkeiten wie Telepathie, Hellsehen, Präkognition, Psychokinese, Privatoffenbarungen, Sensitivität, Wunder usw. offensichtlich nicht gegeben sind. So ist es z. B. abergläubisch, der Zahl 13 besondere Kräfte zuzuweisen.

Lit.: Zucker, Konrad: Psychologie des Aberglaubens, Heidelberg: Scherer, 1948; Vasiliev, Leonid L.: Mysterious Phenomena of the Human Psyche. Sonia Volochova [Übers.]. New York: University Books, 1965; Lehmann, Alfred: Aberglaube und Zauberei. Übers. u. nach d. Tode d. Verf. bis in d. Neuzeit erg. von Dominikus Petersen, I. Aalen: Scientia-Verlag, 41985; Aberglaube – Sitten – Feste germanischer Völker: das festliche Jahr. Reprint der Orig.-Ausg., 2. Aufl. Leipzig: Barsdorf, 1898. Tübingen: Niemeyer, 1992; Meyer, Carl: Der Aberglaube des Mittelalters und der nächstfolgenden Jahrhunderte. Unveränd. Nachdr. [d. Ausg. Basel, Schneider, 1884]. Essen: Magnus-Verlag, 1985; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bde. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Hemminger, Hansjörg; Harder, Bernd: Was ist Aberglaube? Bedeutung, Erscheinungsformen, Beratungshilfen. Gütersloh: Quell, 2000.

Aberkios-Inschrift. Grabinschrift in 22 metrischen Zeilen eines gewissen Aberkios, die 1882 / 83 von W. M. Ramsay durch zwei Inschriftenfunde beim heutigen Koz-Hissar (Türkei) bestätigt wurde. Die Inschrift ist auf 200 zu datieren und steht als Grabgedicht am Anfang der christlichen Dichtung. In dem verschlüsselt wirkenden Text bezeichnet sich der Verfasser als Jünger eines hl. Hirten, der mit großen Augen Schafherden weidet und verlässliches Wissen bietet. Er habe ihn nach Rom gesandt. Überall habe Aberkios Glaubensbrüder gefunden und Paulus sei sein Reisebegleiter gewesen. Der Glaube sei ihm vorausgegangen und als Speise habe er überall einen Fisch erhalten, den eine reine Jungfrau gefangen habe. Im Besitz guten Weines reichte er Mischtrank mit Brot.
Damit ist dieses Grabepigramm nicht nur einer der ältesten Belege der christlichen Fischsymbolik, sondern auch ein Dokument über die Erfahrung der Katholizität der Kirche von Rom bis zum Eufrat als Eucharistiegemeinschaft.

Lit.: Lüdtke, Willy; Nissen, Theodor: Die Grabschrift d. Aberkios. Lipsiae: Teubner, 1910; Wischmeyer, Wolfgang: Die Aberkios-Inschrift als Grabepigramm. In: Jahrbuch für Antike und Christentum 23 (1980), S. 22 –  47.

Abfuhr. Sigmund Freud bezeichnete als A. die Abgabe von Erregungsquantitäten, um Stauungen zu vermeiden. Eine nicht adäquate Abfuhr kann zu psychischen Störungen und – sofern sie nur motorisch erfolgt – zu hysterischen Anfällen führen. Solche Entladungen werden auch mit persongebundenen Spukerscheinungen und psychokinetischen Effekten in Verbindung gebracht.

Lit.: S. Freud: Gesammelte Werke. Frankfurt a. M.: Fischer, 1966, XIII, 273; XVII, 13, 91; Huesmann, Monika; Schriever, Friederike: Steckbrief des Spuks. In: Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 31 (1989), 52 – 107.

Abgad. Muslimische Methode des Rechnens nach dem Zahlenwert der Buchstaben: alif = 1, ba’ = 2, usw. Die Zahlen werden durch Buchstaben ersetzt, oder die Buchstaben sind zu Quadraten angeordnet, um Prophezeiungen und geheime Bedeutungen zu erlangen, ähnlich der jüdischen > Gematrie.

Lit.: Bowker, John (Hg.): Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 1999.

Abgal (> Apkallu). Sieben sumerische Geistwesen, die dem Abzu (> Apsu), dem personifizierten Süßwasserozean, entstammen und dem > Enki, dem Herrn der Erde, untertan sind. Mit einigen ist die Vorstellung von > Fischmenschen verbunden. Der Name Abgal ist etymologisch ungeklärt und wurde in altmesopotamischer Zeit in der Bedeutung „die Weisen“ verwendet. Zu ihnen wurde auch der Heros > Adapa, der Helfer gegen die Dämonin > Lamaschtu, gezählt. Da Adapa die vom Himmelsgott angebotene Speise und das Wasser des Lebens ablehnte, verwirkte er die Unsterblichkeit.

Lit.: Zimmern, H.: Die sieben Weisen Babyloniens. In: Zeitschrift für Assyriologie, NF 1 (1923).

Abgar V. Ukama (reg. 4 v. Chr.  – 7 n. Chr. sowie 13 – 50 n. Chr.), König von Edessa (Osrhoene). Der an ihn gerichtete Brief Jesu, der > Abgarbrief, erstmals erwähnt bei Eusebius (260 – 339) in seiner Geschichte der Kirche (h. e. I, 13; II, 1, 6 – 8), wird als Versuch der Frühdatierung und legitimierenden Traditionsbildung des syrischen Christentums von Edessa gegen Ende des 3. Jhs. gewertet. Doch auch Egeria (Aetheria), die Verfasserin des frühesten von einer Frau geschriebenen Pilgerberichtes (Itinerarium Egeriae), der erst 1884 entdeckt wurde, kommt in der Beschreibung ihrer Fahrt in das Hl. Land in den Jahren 381 – 384 auf den Brief Jesu zu sprechen, der in Edessa aufbewahrt wurde und von dem man Kopien als Talisman benutzte. Dies besagt, dass dem Brief eine besondere Verehrung zukam und er in Edessa schon länger bekannt war.

Lit.: Die Pilgerreise der Aetheria: Peregrinatio Aetheriae / eingel. und erkl. von Hélène Pétré. Stift Klosterneuburg bei Wien: Bernina-Verl, 1958; Cramer, Winfrid: Abgar. Bd. 1. Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg: Herder, 31993.

Abgarbrief. Der A. fußt auf der Abgar-Legende, die von einem Briefwechsel König > Abgars V. Ukama (4 v. Chr. – 7 n. Chr. und 13 – 50 n. Chr. ) mit Jesus und der Gründung der Kirche von Edessa spricht. Die älteste Erwähnung dieses Briefes, angeblich aus dem Archiv von Edessa, findet sich bei Eusebius (h. e. I, 13; II, 1, 6 – 8): Demgemäß habe sich der erkrankte König Abgar V. über seinen Boten an Jesus gewandt und um Heilung gebeten. Jesus versprach die Sendung eines Jüngers nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe. Der Bote habe dabei versucht, Jesus zu malen, jedoch ohne Erfolg. Daraufhin habe Jesus sein Gesicht gewaschen und mit einem Handtuch getrocknet, in dem dann seine Gesichtszüge erhalten geblieben seien. Dieses Handtuch, Mandylion genannt, wurde in Edessa während der Belagerung durch die Perser um 450 aufgefunden und habe wesentlich zum Sieg über die Belagerer beigetragen, wie eine der historischen Quellen, das Geschichtswerk des Evagrios, das um 544 verfasst wurde, berichtet. Das Handtuch sei dann über Konstantinopel nach Rom gelangt, wo es als „Veronika“ (lat. vera und griech. eikon, „wahres Abbild“) in der von dem griechischen Papst Johannes VII. um 705 erbauten Kapelle aufbewahrt und 1600 zum letzten Mal der breiten Öffentlichkeit gezeigt wurde. Beim Abbruch der alten Peterskirche verschwand es aus Rom.
Seit 1646 wird nun im Kapuzinerkloster von Manoppello bei Pescara das > Volto Santo verehrt, das ein männliches Antlitz darstellt und auf dem durchsichtigen Schleier wie ein Diapositiv wirkt, und zwar ohne jedwede Farbspuren. Neuere Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass sich dieses Volto Santo mit dem Antlitz auf dem Turiner Grabtuch vollständig deckt. Diese und weitere Eigenschaften lassen den Schluss zu, dass es sich beim Volto Santo um die römische Veronika, also um das aus dem Orient stammende > Mandylion, das > Acheiropoeta („nicht von Menschenhand gemacht“), handelt.
Eine abgewandelte Form der Abgarlegende ist der Bericht von der Heilung Abgars durch den von Thomas beauftragten Jünger Thaddäus (Addai). Diese Ende des 4. Jhs. entstandene Doctrina Addai ist von besonderer Wichtigkeit: Segensspruch Jesu über Edessa, Gottesdienstordnung, authentisches Christusbild (Acheiropoeta: nicht von Menschenhand gemacht, Kreuzauffindung).

Lit.: Peregrinatio Aetheriae. 19.9 16 f.; Prokop: De bello Persico. II,12; Philipp, G.: The doctrine of Addai; London, 1876; Oppenheim, Max von: Höhleninschrift von Edessa. Berlin, 1914; Desreumaux, Alain: Histoire du roi Abgar et de Jésus / présentation et trad. du texte syriaque intégral de La doctrine d’Addai. Turnhout: Brepols, 1993 (Apocryphes; 3); La leyenda del rey Abgar y Jésus. Madrid: Ciudad Nueva, 1995; Schlömer, Blandina P.: Das Grabtuch von Turin und der Schleier von Manoppello. Innsbruck: Resch, 1999; Resch, Andreas: Das Antlitz Christi. Grabtuch – Veronika. Innsbruck: Resch Verlag, 22006.

Abgeschiedenheit bezeichnet in der > Mystik den Zustand der Loslösung von der raum-zeitlichen Wahrnehmung zum völligen inneren Einswerden mit Gott. Dieses Einswerden kann durch A. allerdings nur vorbereitet, nicht aber bewirkt werden. Dazu bedarf es der Gnade Gottes. So kann die A. zunächst auch zur Einsamkeit, zur > dunklen Nacht des Geistes und damit zur inneren Läuterung als Vorbereitung auf das Einheitserlebnis mit Gott werden.

Lit.: Weg der Vollkommenheit: mit kleineren Schriften der hl. Theresia von Jesu. München: Kösel – Pustet, 1941. Die Seelenburg der heiligen Theresia von Jesu. Mit einem Anhang: Gedanken über die Liebe Gottes / Rufe der Seele zu Gott / Kleinere Schriften. München; Kempten: Kösel, 21952.

Abgeschirmte Tippzuordnung (engl. screened touch matching test, STM-Test). Ein von G. > Pratt, G. B. > Gardner, G. > Murphy und J. B. > Rhine entwickelter und angewandter ASW-Kartentest, bei dem die Versuchsperson auf eine von fünf Schlüsselkarten zeigt, um damit anzugeben, welche Karte in dem Päckchen, das der Experimentator hinter einem Schirm nach unten gewendet hält, jeweils oben liegt.

Lit.: Rhine, J. B.: Die Reichweite des menschlichen Geistes. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1950, S. 62 f.

Abgezogenes Denken. Ein von Emanuel > Swedenborg (1688 – 1772) verwendeter Ausdruck zur Bezeichnung eines Zustandes bewusst herbeigeführter Geistesabwesenheit, bei dem das Empfindungsvermögen mehr oder weniger ausgeschaltet ist.

Lit.: Hamlin, John: Die Grundlehren der christlichen Theosophie. Leipzig: F. B. Baumann, o. J.

Abgötterei bezeichnet bereits im AT das Abrücken vom echten Glauben an den einen wahren Gott durch Hinwendung zu einem gegenständlichen Gottesbild (Ri 8, 27) oder einem Lokalgott (Ri 8, 33), was zum Verlust des Schutzes durch den einen Gott führt. Dieses Verständnis der Abgötterei wird auch von > Krishna geteilt, wenn er sagt: „Wer immer die Götter verehrt, wird zu diesen gehen, wer immer aber mich liebt oder verehrt, wird wahrlich zu mir kommen.“ Im Islam wird denen, die nicht an Allah glauben, also der Abgötterei dienen, mit Unterwerfung gedroht: „Bekämpft diejenigen…, die nicht an Allah glauben … bis sie unterworfen“ sind. Auf diesem Hintergrund erhält das Wort Abgötterei die Bedeutung von > Götzendienst, > Idololatrie.

Lit.: Bagavad-Gita 7, 23. Koran 9, 29. Gosda, P.: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1999.

Abgotts-Schlange. Riesenschlange, die bei einigen Völkern als göttlich verehrt wird. Die ältesten Nachrichten darüber verdanken wir den Portugiesen.

Lit.: Vollmer, Walter: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abgrund (lat. abyssus), bezeichnet in der christlichen Mystik den unergründlichen Innenraum der Gottheit. So ist bei > Hadewijch das Bild des A. die Veranschaulichung des Einheitsmoments im Leben der Gottheit (I. Vision, 175). Dabei ist nach Meister > Eckhart Gott „im Meer seiner Grundlosigkeit“ nicht zu begreifen (DW, I 123, 2 f). Heinrich > Seuse fühlt sich in seinen Schauungen „in den wilden Abgrund der göttlichen Verborgenheit“ hineingezogen (Bihlmeyer, 21). Diese Verborgenheit erfährt der Mensch, nach Johannes > Tauler, wenn ihn Verstand und Weisheit „in den göttlichen Abgrund führen, wo Gott sich selbst erkennt und sich selbst versteht und seine eigene Weisheit und Wesenheit schmeckt. In diesem Abgrunde verliert sich der Geist so tief und in so grundloser Weise, dass er von sich selbst nichts weiß“ (Oehl, 55). > Mechthild von Magdeburg hingegen bezeichnet mit Abgrund den alles Negative umfassenden Zustand der > Hölle. Hier klingt das psychologische Verständnis des Abgrundes an, das in der > Kabbala mit dem Begriff des > Abyss und im AT mit > Scheol beschrieben wird.

Lit.: Bihlmeyer, Karl (Hg.): Heinrich Seuse, Deutsche Schriften. Stuttgart, 1907; Eckhart, Meister: Die deutschen und lateinischen Werke. Stuttgart: Kohlhammer, 1936; Mechthild von Magdeburg: Das fließende Licht der Gottheit. Einsiedeln: Benziger, 1955; Oehl, Wilhelm (Hg.): Deutsche Mystikerbriefe des Mittelalters: 1100 – 1550. Unveränd. reprograf. Nachdr. d. Ausg. München, 1931. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1972; Gerald Hofmann: Hadewijch, Das Buch der Visionen, Teil 1. Einleitung, Text und Übersetzung. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 1998.

Abhasa-Chaitanya (sanskr. abhasa: Schein, Reflexion; chaitanya: Bewusstsein), das absolute Bewusstsein, das sich im Denken des Menschen reflektiert. Diese Reflexion wird vom sterblichen, auf sein Ich bezogenen Menschen > Jiva für den einzigen Bewusstseinszustand gehalten, wodurch die Entdeckung des absoluten Bewusstseins, das identisch ist mit > Brahman, verhindert wird. Überwindet Jiva diese Begrenzung, so wird er sich seines wahren Selbst, des > Atman, und dessen Einheit mit dem > Brahman bewusst und erlangt Befreiung.

Lit.: Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Buddhismus, Hinduismus, Taoismus, Zen. Bern u. a.: Scherz, 1986.

Abhasa Vada (sanskr.). Der sterbliche Mensch (> Jiva) ist als Erscheinung > Brahmans nur eine Denkprojektion des inneren Organs (Denk- und Empfindungsvermögen) des Menschen (> Antahkarana).

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhay Charan De > Hare Krishna.

Abhidharma (sanskr., Pali: abhidhamma), „besondere Lehre“. Der Abhidharma ist das früheste Kompendium der buddhistischen Philosophie und Psychologie und gilt als die dogmatische Grundlage von > Hinayana und > Mahayana. Er entstand zwischen dem 3. und 4. Jh. n. Chr. und bildet den dritten Teil des buddhistischen Kanons (> Tripitaka).

Lit.: Frauwallner, E.: Die Philosophie des Buddhismus. Berlin: Akad.-Verl., 1994; Frauwallner, Erich: Studies in Abhidharma Literature and the Origins of Buddhist Philosophical Systems. Albany, NY: State Univ. of New York Press, 1995.

Abhidharmakosha (sanskr., „Schatzkammer des Abhidharma“). Der A. ist das wichtigste Kompendium der > Sarvastivada-Lehre. Er wurde im 5. Jh. n. Chr. von > Vasubandhu in Kaschmir verfasst und besteht aus einer Sammlung von 600 Versen (Abhidharmakosha-Karika) mit Prosakommentar (Abhidharmakosha-Bhashya); er ist heute nur noch in chinesischer und tibetischer Version erhalten. Der A. spiegelt den Übergang von der hinayanistischen zur mahayanistischen Lehrauffassung wider und ist das grundlegende Werk der buddhistischen Schulen Chinas, deren Verbreitung er wesentlich beeinflusste. Inhaltlich werden neun Themen behandelt: Elemente, Fähigkeiten, Welten und Existenzweisen, Karma, Neigungen, Erlösungsweg, Erkenntnis, Sammlung. Das neunte Thema, Theorien zur Person, bildet eine selbständige Einheit und tritt der von den > Vatsiputriyas vertretenen Auffassung der Existenz einer „Person“ entgegen.

Lit.: Vasubandhu: Tibetskij perevod: Abhidharmakoçakarikah i Abhidharmakoçabhasyam. Osnabrück: Biblio-Verl., 1970; Vasubandhu: Tibetskij perevod Abhidharmako & sacute. Delhi: Motilal Banarsidass Publ., 1992.

Abhidharma-Pitaka (sanskr.; Pali: abhidhamma-pitaka), wörtl.: „Korb der besonderen Lehre“. Dieser „Korb“ ist der dritte und jüngste Teil der buddhistischen Textsammlung. Er besteht aus sieben Büchern, die sich mit der buddhistischen Scholastik befassen. Ihr Wert für den älteren Buddhismus und die spätere buddhistische Philosophie wurde lange verkannt. Das wichtigste Buch ist der siebte Teil der Sammlung, das Kathavatthu.

Lit.: Potter, Karl H. (Hg.): Encyclopedia of Indian Philosophies. Bd. 7. Abhidharma Buddhism to 150 A.D. Reprint, 1998.

Abhijña (sanskr.; Pali: abhinna), die sechs höheren Kräfte, die ein > Buddha, > Bodhisattva oder > Arahat besitzt. Die ersten fünf sind weltlich und werden durch vier Versenkungsstufen (> Dhyana) hervorgerufen. Es sind dies: 1. Magische Kräfte, 2. „Himmlisches Gehör“ (Wahrnehmung menschlicher und göttlicher Stimmen), 3. Wahrnehmen der Gedanken anderer Wesen, 4. Erinnerungen an frühere Existenzen, 5. Göttliches Auge (Erkennen des Kreislaufs von Leben und Tod aller Wesen). Die 6. Kraft, das Erkennen des Erlöschens der eigenen Befleckungen und Leidenschaften (> Asrava), der persönlichen Befreiung, ist überweltlich
und kann nur durch den höchsten Hellblick (> Vipashyana) erreicht werden.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhirati (sanskr., „Reich der Freude“) bezeichnet das im Osten des Universums gelegene „Paradies“ des Buddha > Akshobhya, wobei „Paradies“ im Buddhismus nicht als Lokalität, sondern als Bewusstseinszustand aufgefasst wird und die den Buddhas zugeordneten Himmelsrichtungen symbolische und ikonographische Bedeutung haben.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhisheka (sanskr., „Salbung“, „Weihe“), der für den > Vajrayana zentrale Vorgang der Initiation, bei welcher der Schüler vom Meister (> Guru) zur Ausübung spezieller Meditationsübungen ermächtigt wird. Im Tibetischen Buddhismus spricht man von Kraftübertragung. Für das höchste Yoga-Tantra (> Tantra) gibt es vier verschiedene, sukzessive Einweihungsstufen.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhiyoga. Gattungsname der dienstbaren Götter im > Jainismus. Sie helfen den obersten Göttern, den > Indra, Regen und Finsternis zu erzeugen; ebenso sind sie bei der Weihe eines > Tirthamkara beteiligt.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Abia, Zauberwort in Formeln wie „abia, obia, sabia“ oder „abia, dabia, fabia“ u. Ä., das zum sicheren Schuss auf den Flintenlauf oder auf einen Stock geschrieben wird, um jemanden aus der Ferne zu prügeln.

Lit.: Dieterich, Albrecht: Kleine Schriften. Leipzig: Teubner, 1911.

Abida, Gottheit der Kalmücken, die Ähnlichkeit mit dem > Shiva der Inder hat. A. herrscht über die Seelen der Verstorbenen. Die Guten lässt er in das Paradies, die Schlechten schickt er auf die Erde zurück in andere Geschöpfe. A. wohnt im Himmel, wohin ein Weg ganz aus Silber führt.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. – Erftstadt: area verlag gmbh, 2004. Diese modernisierte Ausgabe lehnt sich eng an das Originalwerk von 1874 an.

Abiegnus Mons > Monte Abiegno.

Abigor (auch Abigar, Eligos oder Eligor), gilt als der Kriegsdämon schlechthin, erscheint als Soldat auf einem geflügelten Untier, das einem Pferd ähnelt, mit Lanze, Zepter und Fähnchen oder auch mit einer > Schlange. Als Höllenherzog herrscht er über 60 Legionen.

Lit.: Wierus, Joannes: Ioannis Wieri: De Praestigiis Daemonum, et in cantationibus ac veneficiis: Libri sex; Acc. Liber apologeticus, et pseudomonarchia daemonum; Cum rerum ac verborum copioso indice. Postrema editione quinta aucti & recogniti. Basileae: Oporinus, 1577; Dictionnaire infernal, ou bibliothèque universelle sur les etres, les personnages, les livres, les faits et les choses, qui tiennent apparitions, a la magie … / Jacques Auguste Simon Collin de Plancy. 2. éd.. Paris: Mongie, 1825 – 1826.

Abimi. Bezeichnung für Seele, Geist und Leib eines jeden Dinges bei > Paracelsus.

Abiogenesis (griech.), Entstehung aus dem Unbelebten, Urzeugung.

Abjad (arab.), die Wissenschaft von der Zuordnung der arabischen Buchstaben zu Zahlen, > Gematrie.

Lit.: Crowley, Aleister: 777 [Siebenhundertsiebenundsiebzig] und andere kabbalistische Schriften: Inklusive Gematria [u.] Sepher sephiroth. Clenze: Bohmeier, 31985.

Abklatschung. Kurze, kräftige Schläge auf Rücken, Lenden und Extremitäten mit einem nassen, zu einem Streifen zusammengelegten Handtuch. Die Schläge werden in schnell kreisender Bewegung mit dem Handtuch und in dosierter Form ausgeführt, wobei die Körperoberfläche tangential getroffen wird. Die Anwendung soll vor allem bei Bronchitis und Pneumonie zur Heilung beitragen.

Lit.: Ritter, Ulrich: Naturheilweisen. Regensburg: Johannes Sonntag, 1982.

Abkömmlinge des Unbewussten. Von Sigmund Freud verwendete Bezeichnung für verdrängte Inhalte des Unbewussten, die sich über das Vorbewusste bis in das Bewusstsein vordrängen können. „Das Ubw wird an der Grenze des Vbw durch die Zensur zurückgewiesen. Abkömmlinge desselben können diese Zensur umgehen, sich hoch organisieren, im Vbw bis zu einer gewissen Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn sie diese überschritten haben, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der neuen Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt“ (Freud, 292). Diese Vorstellung wird u. a. auch zur Klärung paranormaler Manifestationen wie > Spuk, > Visionen, > Erscheinungen, > Besessenheit und > Eingebungen herangezogen. Wie weit es sich hierbei tatsächlich um Abkömmlinge des Unbewussten handelt, muss offen bleiben.

Lit.: Freud, S.: Das Unbewusste. In: GW 10. Frankfurt a. M.: S. Fischer,1969.

Abkürzungen > Abbreviaturen.

Ablass (lat. indulgentia). Nach katholischer Lehre „Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind. Ihn erlangt der Christgläubige, der recht bereitet ist, unter genau bestimmten Bedingungen durch die Hilfe der Kirche, die als Dienerin der Erlösung den Schatz der Genugtuungen Christi und der Heiligen autoritativ austeilt und zuwendet“ (Katechismus, 401). Man spricht von Teilablass bei teilweiser Befreiung von zeitlichen Sündenstrafen und von vollkommenem Ablass bei voller Befreiung von denselben. Zudem können Ablässe den Lebenden und den Verstorbenen zugewendet werden. Der Ablass kam im 11. Jh. im Sinne der Umwandlung schwerer kanonischer Bußstrafen in leichtere Ersatzwerke auf. Einen bedeutenden Aufschwung nahm das Ablasswesen durch die Kreuzzüge und die seit 1300 gefeierten Jubiläen. Den Ausartungen des Ablasses im Spätmittelalter trat insbesondere die Reformation entgegen. Bei der Ablassreform von 1967 hielt man am genannten autoritativen Verwalten und Zuwenden des Schatzes der Sühneleistung Christi und der Heiligen fest.

Lit.: Apostolische Konstitution über Neuordnung des Ablasswesens. Trier, 1967; Katechismus der Katholischen Kirche. München: Oldenburg, 1993.

Ablösung. Nach der Sankhya- (Samkhya-) Philosophie erfolgt Erlösung in der völligen Ablösung des Selbst bzw. des Geistes (sanskr. purusha) von allem, was der Materie entstammt, einschließlich Verstand, bewusstem Ich und dem, was man Seele in Abhebung zu Geistseele nennt. Unter diesem Einfluss hat C. G. Jung zwischen dem Ich als dem Zentrum des Wachbewusstseins und dem Selbst (sanskr. atman) als dem Zentrum der Gesamtpersönlichkeit unterschieden. Im > Vedanta ist nämlich > Purusha identisch mit > Atman und so auch mit > Brahman.

Lit.: Zaehner, Robert C.: Mystik, Harmonie und Resonanz: die östlichen und westlichen Religionen. Olten: Walter, 1980, S. 123 – 124; Lichtenauer, Gerd: Das Denken der Vorindogermanen: das Geheimnis der Sankhya-Philosophie. Berlin: Frieling, 2000; Yuktidipika: The Most Significant Commentary on the Samkhyakarika. Stuttgart: Steiner, o. J.

Abmelden – Anmelden > Künden.

Abnoba. Die keltische Göttin des Schwarzwaldes gilt als Beschützerin der Quellen und des Wildes. Als Herrin großer Waldgebiete wurde sie von den Römern der > Diana gleichgesetzt. In Badenweiler war sie Schutzgöttin der Heilquellen.

Lit.: Heinz, W.: Der Altar der Diana Abnoba in Badenweiler. In: Archäologische Nachrichten aus Baden 27 (1981).

Abnormal. Bezeichnet das Abweichen von der idealen oder der statischen Norm, vom allgemeinen kulturellen Verhalten oder von allgemeinen Verhaltensmustern, ohne schon pathologisch, also > anormal zu sein.

Lit.: London, Perry; Rosenhan, David (Hg): Foundations of Abnormal Psychology. New York u. a.: Holt, Rinehart and Winston, Inc., 1968.

Abnormalität. A. bezeichnet im Unterschied zu Abnormität das Abweichen von der idealen oder der statischen Norm, vom allgemeinen kulturellen Verhalten oder von allgemeinen Verhaltensmustern, ohne schon pathologische Züge, also > Abnormitäten aufzuweisen.

Lit.: London, Perry; Rosenhan, David (Hg): Foundations of Abnormal Psychology. New York: Holt, Rinehart and Winston, Inc., 1968.

Abnormität. Allgemeine Bezeichnung für „Abweichung von der Norm“. Die Abweichung kann dabei über oder unter der Norm liegen. So sagt C. G. Jung: „Geistige Abnormität kann auch eine dem Durchschnittsverstand unfassbare Gesundheit oder überlegene Geisteskraft sein“ (Jung, 132). Andererseits kann Abnormität aber auch für außergewöhnliche körperliche (> Monstrum) und geistige (Debilität, Persönlichkeitsstörungen) Beeinträchtigungen stehen. Im Verhaltensbereich wird der Begriff „Abnormität“ vom Begriff > Abnormalität abgelöst.

Lit.: London, Perry; Rosenhan, David: Theory and Research in Abnormal Psychology. New York: Holt, Rinehart and Winston Inc., 1969; Jung, C. G: Ulysses. In: GW 15. Olten: Walter, 1971.

Aboda Zarah > Mischna-Traktat über den Götzendienst.

Abonmelchem, Abonnilchkar. Bezeichnung eines Dinges durch > Paracelsus, das von zwei ungleichen Sachen hervorgebracht wird, z. B. ein Kind oder der > Stein der Weisen aus Merkur und Sulphur.

Abora. Von den Kanariern auf der Insel Palma als höchstes Wesen verehrt, thront als Gott im Himmel und setzt die Sterne in Bewegung.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Aborigines (lat. ab origine). Ureinwohner eines Landes vor dessen Besiedlung durch Ausländer, bes. in Australien. Nach archäologischen Befunden kamen die dortigen Ureinwohner wahrscheinlich vor mindestens 50.000 Jahren aus dem südostasiatischen Raum nach Australien. Zum Zeitpunkt der Landnahme durch J. Cook, 1770, sollen etwa 350.000 Aborigines mit etwa 250 Sprachen dort gelebt haben.
Die migrative Lebensweise basierte auf einer Jäger- und Sammlerökonomie, die sich bis heute in ihrem Weltbild niederschlägt, das von ideellen Fähigkeiten getragen wird. So gilt nach den Aranda und anderen Gruppen Zentralaustraliens die Erde als unerschaffen und zeitlos. Am Anfang war sie eine kahle Ebene ohne Gestalt und Leben. Dann tauchte eine große Zahl von übernatürlichen Wesen, die Totemvorfahren, aus ihrem immerwährenden Schlaf unter der Oberfläche dieser Ebene auf. Jedes von ihnen war mit einem bestimmten Tier oder einer Pflanze verbunden. Mit ihrer Schöpfungskraft gestalteten sie die Erde. So sind Berge, Hügel und Flüsse Zeichen der Taten der Totemvorfahren. Die Mythen der Aborigines befassen sich mit allen Orten, an denen die Totemvorfahren gewirkt hatten.
Von besonderer Bedeutung ist bei den Aranda das Wort „altjira“ in der Bedeutung von „ewig, unerschaffen“. Sie verbinden damit die Vorstellung einer Welt, die in der Ewigkeit begonnen hat, deren Ende aber nicht absehbar ist. In dieser
Ewigen Traumzeit, der Zeit der Schöpfung vor langem, die bis in die Gegenwart geführt werden kann, vermag der Eingeweihte bewusst die Kräfte der außersinnlichen Erfahrung zu verwenden. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Kontemplation ein, in der Raum und Zeit überschritten und telepathische Fähigkeiten entfaltet werden. So kann der Eingeweihte während einer Unterredung in einen tranceähnlichen Zustand treten und wenige Minuten später Namen von Personen nennen, die demnächst auftauchen oder schon gestorben sind. Die > Trance hat zudem eine besondere Bedeutung für die Entfaltung des Eingeweihten, insbesondere der > Medizinmänner, die aus den Reihen jener jungen Männer ausgesucht werden, die besonders leicht in Trance geraten und Erscheinungen haben. All diese außergewöhnlichen Fähigkeiten und Zustände sind gekennzeichnet durch das Einssein mit dem Universum, einer überwältigenden Trance, Liebe und Innerlichkeit. In diesem Zusammenhang zeigten auch Telepathieexperimente eine hohe Signifikanz, während Psychokineseexperimente im Bereich des Zufalls blieben.
Neben diesen besonderen Fähigkeiten gibt es bei den Aborigines einen intensiven Glauben an > Magie. Jemand, der aus nicht erkennbarem Grund krank wird oder stirbt, muss ein Opfer > Schwarzer Magie geworden sein, die auf mehrere Arten praktiziert werden kann.
Schließlich ist noch darauf zu verweisen, dass die Geheimgesellschaft „Aborigines“, die um das Jahr 1783 in England bestand und deren Einweihungsriten im British Magazine des gleichen Jahres beschrieben wurden, mit den Ureinwohnern Australiens nichts zu tun hat.

Lit.: Rose, Ronald: Psi and Australian Aborigines. In: Journal of the American Society for Psychical Research 46 (1952), 17 – 58; Hough, Michael: The psychic and mystical experiences of the Aborigines. In: Australian Institute of Psychic Research (AIPR) Bulletin 8 (1986), 1 – 7, 6 figs., 45 refs.; Narogin, Mudrooroo: Die Welt der Aborigines: das Lexikon zur Mythologie der australischen Ureinwohner. Aus dem Engl. von Wolf Koehler. München: Goldmann, 1996; Ronald M.; Catherine H. Berndt: The World of the First Australians: Aboriginal Traditional Life Past and Present. Canberra, ACT: Aboriginal Studies Press, 1996; Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Abort. Die früher und auch heute noch vielerorts außerhalb des Hauses, also wirklich abseitig gelegene, Toilette war stets von allerlei Unheimlichkeiten umgeben, insbesondere dort, wo die Örtlichkeiten von mehreren Personen benutzt werden konnten. Das Unheimliche dieses wüsten Ortes, den man bei Nacht kaum allein zu betreten wagte, war dadurch gegeben, dass er bei Isländern, Skandinaviern, Deutschen und Arabern als Erscheinungsstätte von > Totengeistern und > Teufeln galt. Als solche ist er Stätte des > Zaubers und > Aberglaubens.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Abou Rayhan > Al-Biruni.

Abrac. Okkulter Begriff in der Bedeutung des persischen > Abraxas, der den Namen einer Gottheit bezeichnet, welche das Jahr symbolisiert. Der Zahlenwert des Wortes ist 365. Das Wort wurde auch von der > Freimaurerei aufgegriffen, insofern es in einem Freimaurer-Manuskript (Leland MS) heißt: Die Masons verheimlichen „the wey of wynninge the facultye of Abrac“, was besagt, dass die Steinmetzen im Besitz streng bewahrter magischer Künste sind.

Lit.: Lennhof, Eugen; Posner, O.; Binder, D. A.: Internationales Freimaurer Lexikon. München: Herbig, 2000.

Abracadabra. Berühmtes symbolisches Zauberwort aus der Spätantike. Die eigentliche Herkunft ist umstritten. Die einen führen es auf > Abraxas oder > Abrasax (> Abraxasgemmen) zurück (Seligmann, 300), eine Zauberform, die in der gnostischen Sekte des > Basilides (um 150 n. Chr.) in hohem Ansehen stand. Eine andere Deutung will darin a = abba (Vater), b = ben (Sohn), r = ruach (Geist) sehen, es also aus dem Hebräischen ableiten (Bischoff, 192). Wieder andere erblicken darin ein Schwindewort ohne Sinn, wie etwa das heutige Hokuspokus als Ausdruck für „falschen Zauber“ (Heim, 491).
Der Mediziner Q. Serenus Sammonicus (Heim, 491) benutzte das Zauberwort um 200 n. Chr. mit genauen Anweisungen als > Amulett bei gefährlichen Fiebererkrankungen. Auch bei Zahnschmerzen, Wunden und zum Herbeirufen guter Geister fand das Zauberwort Verwendung, und zwar bis in die Gegenwart. Dabei wurde es meist elfmal so untereinander geschrieben, dass immer der erste und der letzte Buchstabe weggelassen wurden (Schwindeschema), bis nur noch A übrig blieb:

A b r a c a d a b r a
A b r a c a d a b r
A b r a c a d a b
A b r a c a d a
A b r a c a
A b r a c
A b r a
A b r
A b
A

Das Zauberwort wurde zum Vertreiben von Krankheit und Unheil auf einen Zettel geschrieben und findet sich graviert auf Amuletten, auch in der Form von Abrasadabra (Ersch, 153).

Lit.: Heim, Ricardus: Incantamenta Magica Graeca-Latina. Jahrbücher für klassische Philologie. Hg. von A. Fleckeisen. XIX. Supplem.-Bd. Leipzig, 1892; Bischoff, Erich: Die Elemente der Kabbala. Berlin, 1913 / 14; Ersch, J. S.; Gruber J. G.: Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste. Bd. 1. Unveränd. Nachdr. Graz, 1969; Seligmann, Siegfried: Der böse Blick und Verwandtes: ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens aller Zeiten und Völker. 2 Bde. Berlin, 1910. Nachdr.: Hildesheim; Zürich; New York: Olms, 1985; Biedermann, H.: Handlexikon der magischen Künste. Graz: ADEVA, 1986.

Abraham (hebr., zunächst Gen 11, 26 – 17, 5 Abram = der Vater ist erhaben, dann ab Gen 17, 5 Abraham, der Vater der Völker). Der erste der drei Erzväter (Patriarchen) und Stammvater Israels wird religionsgeschichtlich auch als Aufdecker profaner, ja geheimer Wissenschaft dargestellt. Im Jubiläenbuch finden wir Abraham als einen Mann mit magischen Fähigkeiten (11, 19 ff.), Erfinder des Pfluges (11, 23), als einen, der Sterne beobachtet (12, 16). Eusebius gibt die Traditionen von Abraham als Erfinder der Astrologie wieder, die er u. a. den Ägyptern übermittelt hat (Praep. Ev. IX, 16 u. 17).
In den gnostischen Systemen spielt Abraham zwar keine große Rolle, doch bezeichnen in der valentinischen Schriftauslegung „Abraham“ und „die Kinder Abrahams“ das Hervorbringen der Seelen durch den > Demiurgen (Hippolit, Refutatio VI, 34, 4).

Lit.: Berger, Klaus: Unterweisung in erzählender Form. Das Buch der Jubiläen, 1981 (Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit II/3).

Abraham a Sancta Clara. Johann Ulrich Megerle, geb. 1644 in Kreenheinstetten in Baden, trat 1662 in Mariabrunn bei Wien in den Orden der Unbeschuhten Augustiner ein, wo er den Namen Abraham a Sancta Clara erhielt. Nach der Priesterweihe 1668 wurde er vor allem als Hofprediger von Wien bekannt. Seine Beredsamkeit, seine umfassende Welt- und Menschenkenntnis, seine Allgemeinbildung und sprachschöpferische Begabung machten ihn zum unübertroffenen Kanzelredner. In seinen Sittenpredigten nahm er auch die okkulten und alchemistischen Praktiken ins Visier: „Schädlich sind die chymischen und Laboranten-Bücher, durch die sich schon so mancher von Haus und Hof laboriert hat… Sie machen kein Gold, sondern lassen Gold in Rauch aufgehen“ (Narrenspiegel, 1709). Er starb 1709 in Wien. Seine Schriften sind ein unerschöpfliches Quellenmaterial für die Kultur-, Sitten- und Seelengeschichte des süddeutschen Hochbarocks.

Lit.: Abraham a St. Clara’s sämmtliche Werke. Passau: Winkler; Wien: Gerold, 1834.

Abraham ben Meir ibn Ezra, geb. 1090 in Tudela / Spanien, gest. 1164 in Narbonne / Frankreich, war Exeget und Philosoph, Grammatiker, Dichter, Astronom und Astrologe. Den Hauptkomplex seiner vielschichtigen und umfangreichen literarischen Werke bilden die Bibelkommentare. An zweiter Stelle stehen die Schriften zur Astrologie und Astronomie sowie zur Mathematik. Hier ist besonders ein sieben astrologische Arbeiten umfassendes Corpus zu nennen, das gegen Ende des 13. Jhs. von Petrus > Abano anhand einer älteren französischen Übersetzung in das Lateinische übertragen und an der Wende vom 15. zum 16. Jh. zweimal gedruckt wurde. Einen ähnlich weitreichenden Einfluss auch außerhalb des Judentums hatten seine astronomischen Werke Tabulae Pisanae und Fundamenta Tabularum.

Lit.: Abraham Ben-Ezra: Abrahe Avenaris Judei Astrologi peritissimi in re iudiciali opera: ab exycellentissimo Philosopho Petro de Abano post accurataz castigationem in latinum traducta. Venetijs: Liechtenstein, 1507; Ben-’Ezra, Abraham: El libro de los fundamentos de las tablas astronómicas de R. Abraham Ibn ‘Ezra / ed. crítica, con introd. y notas por José M. Millás Vallicrosa. Madrid [u. a.], 1947 (Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Instituto Arias Montano; 2).

Abraham der Jude. Der berühmte Alchemist > Nicolaus Flamell (1330 – 1417 / 18), der in Paris als Schreiber lebte, nennt in seinem Buch Chymische Werke Abraham den Juden als Verfasser der mit Eisengriffel bemalten und beschriebenen Rinden-Blätter: „Abraham der Jude / ein Priester und Levit /Astrologe und Philosophus“ (Flamell, 32) habe das Buch zur Unterstützung seiner jüdischen Leidensgenossen geschrieben. In der weiteren Ausdeutung werden mit „Abraham der Jude“ mehrere sagenhafte Alchemisten und Autoren magischer Bücher bezeichnet, von denen wir nichts Genaues wissen:
Abraham Eleazar wird als Autor von Uraltes chymisches Werk bezeichnet, das aus dem 17. Jh. stammt und die > Tabula Smaragdina zum Hauptthema hat.
Abraham von Worms, auch als „Abraham der Jude“ und „Abraham Ben Simeon“ bezeichnet, sei 1362 in Mayance geboren worden und habe 1387 ein hebräisches Zauberbuch verfasst, das 1725 in Köln in deutscher Übersetzung als Wahre Praktik der göttlichen Magie erschien.
Abraham von Mainz, ebenfalls 1362 geboren, gilt schließlich als Autor von Heilige Magie des Abramelin mit Anleitungen zu magischen Praktiken, Beschwörungsformeln für > Engel und anderen Arten von Ritualmagie, wie die Erlangung von Visionen, Verbindung mit Geistern, die Wandlung des Selbst in andere Formen, das Fliegen durch die Lüfte usw.
Von diesen Werken wurde neben anderen insbesondere Aleister > Crowley stark beeinflusst.

Lit.: Des berühmten Philosophi Nicolai Flamelli Chymische Werke, Hamburg, 1681; Die heilige Magie des Abramelin: die Überlieferung des Abraham von Worms; nach dem hebräischen Text aus dem Jahre 1458 / in die dt. Sprache übertr. und hg. von Johann Richard Beecken. Neuaufl. Berlin: Schikowski, 1986; Abraham von Worms: Buch Abramelin, das ist die egyptischen grossen Offenbarungen oder des Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie. Vollst. kritisch überarb. Ausg. von Georg Dehn. 1. Aufl. Saarbrücken: Verl. Neue Erde, 1995.

Abraham Eleazar > Abraham der Jude.

Abraham Julita. Zauberworte, zusammengesetzt aus den Namen Abraham und Julita, deren es mehrere Heilige gibt. Sie sind nach dem Schwindeschema geschrieben und werden gegen Fieber eingesetzt (Hovorka, 1, 144; 2, 239).

Lit.: Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. 2 Bde. Stuttgart, 1908 / 09; Bibliotheca Sanctorum: Indici. Rom: Città Nuova Editrice, 1970.

Abraham v. Franckenberg (1593 – 1652). Schüler von Jakob > Böhme. Seine religiösen Erlebnisse gab er in zahlreichen Schriften wieder, so z. B. in dem Buch Raphael oder Artztengel (1676), in dem die Entstehung der Krankheiten und ihre Behandlung durch Kuren und „chymische“ Arzneimittel beschrieben sind.

Lit.: Franckenberg, Abraham von: Raphael oder Artzt-Engel. Amsterdam: Felsen, 1676; Frankenberg, Abraham von: Bekandtnis und Rechenschafft von den Hauptpuncten des Christlichen Glaubens. Amsterdam, 1676; Franckenberg, Abraham von: Briefwechsel. Stuttgart- Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 1995.

Abraham von Mainz > Abraham der Jude.

Abraham von Worms > Abraham der Jude.

Abraham-Apokalypse > Apokalypse Abrahams.

Abrahams Schoß (hebr. be-heiko shel Avraham), eine Bezeichnung des Wohnortes der gerechten Seelen. Er erscheint in der aggadischen Literatur, im > Midrash und im > Talmud. > Jesus verwendet den Begriff im Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus. Als der arme Lazarus starb, „wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen“ (Lk 16, 22). Als der Reiche nach seinem Tod in der Unterwelt qualvolle Schmerzen litt, „blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß“ (Lk 16, 23). Dieser biblische Bericht machte Abraham zum Symbol der ewigen Geborgenheit des gottesfürchtigen, aufrechten Menschen. So zeigen viele romanische und frühgotische Plastiken Abraham, wie er auf seinen Knien ein Tuch hält, in dem die Seelen der gerechtfertigten Gläubigen gleich kleinen Kindern sitzen.

Lit.: Karlstadt, Andreas: Ein Sermon vom stand der Christglaubigen seelen von Abrahams schoß und fegfeuer der abgeschidnen seelen. [Augsburg]: [Ulhart], [1523].

Abraham-Testament. Das Testamentum Abrahae ist ein zweifach griech., ferner slaw., rumänisch, koptisch, arabisch und äthiopisch überliefertes Werk des ägyptischen Judentums, das wahrscheinlich Anfang des 2. Jhs. entstanden ist. Die Legende berichtet über Abrahams Tod. Nachdem dem Engel Michael die Abberufung Abrahams nicht gelingt, bewirkt schließlich Thanatos, der Todesengel Samael, dessen Tod, indem er sich von ihm die Hand küssen lässt. Vorher schaut Abraham auf einer Himmelsreise noch die Welt, wobei er Adam, der Seelenwaage und Abel als Totenrichter begegnet.

Lit.: James, Montague Rhodes: The Testament of Abraham: the Greek text now first edited with an introduction and notes. Cambrige, 1892; Schmidt, F.: Le Testament grec d’A. Tübingen, 1986.

Abramelin, Ritual des. Ein Zauberbuch aus dem 18. Jh. mit dem Titel: „Die egyptischen großen Offenbarungen, in sich begreifend die aufgefundenen Geheimnißbücher Mosis; oder des Juden Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie und in erstaunlichen Dingen, wie sie durch die heilige Kabbala und durch Elohym mitgetheilt worden. Sammt der Geister- und Wunderherrschaft, welche Moses in der Wüste aus dem feurigen Busch erlernet, alle Verborgenheiten der Kabbala umfassend. Aus einer hebräischen Pergament-Handschrift von 1387 im XVII. Jahrhundert verteutscht und wortgetreu herausgegeben. Köln am Rhein, bei Peter Hammer, 1725.“
Der Verfasser, der sich „Jud Abrahamb, ein Sohn Simons des Sohns Juda“ nennt, gibt vor, viele Jahre durch Europa und den Nahen Osten gewandert zu sein und dabei sämtliche Zauberrezepte, -formeln und -rituale gesammelt zu haben. In Ägypten sei er auf den Magier Abramelin gestoßen, der ihm einen Ritualtext überlassen habe, mit dessen Hilfe es möglich sein solle, seinen > Schutzengel zu beschwören. Die Schrift fußt nämlich auf der Vorstellung, dass die Erde ein Werk böser Geister sei. Gelingt es nun dem Magier, mit seinem „Schutzengel“ in Verbindung zu treten, so kann er diese bösen Geister mit Hilfe der rituellen Magie kontrollieren.
Das Buch entstand jedoch erst im 18. Jh., wobei zwei Ausgaben von besonderer Bedeutung waren: die oben erwähnte Ausgabe von 1725 sowie jene in der Bibliothèque Arsenal in Paris aus der Privatsammlung des Comte d’Artois, der das Buch 1785 gekauft haben will. Die englische Ausgabe erschien 1898 in London. Die Übersetzung besorgte Samuel L. > MacGregor Mathers, einer der Gründer des > Hermetischen Ordens der Goldenen Morgendämmerung, die zu den wichtigsten magischen Organisationen des ausgehenden 19. und beginnenden 20 Jahrhunderts gehörte. Das Buch hatte großen Einfluss auf die Mitglieder des Ordens, darunter auch Aleister > Crowley, der die Ausgabe des Rituals von 1458 besessen haben will. Zur Erprobung des Rituals kaufte er den schottischen Landsitz Boleskine bei Iverness in der Einsamkeit des Loch Ness. Beim Beschwörungsversuch des eigenen Schutzgeistes soll er es jedoch mit der Angst zu tun bekommen haben. Noch schlimmer erging es seinem Nachfolger nach 1947, Dr. C. H. Petersen, als Großmeister des > O.T.O., und dessen Frau, die an angeblichen Rückwirkungen des Rituals zerbrachen und Selbstmord begingen.

Lit.: Die heilige Magie des Abramelin: die Überlieferung des Abraham von Worms; nach dem hebräischen Text aus dem Jahre 1458 / in die dt. Sprache übertr. und hrsg. von Johann Richard Beecken. [Neuaufl.]. Berlin: Schikowski, 1986; Abraham von Worms: Buch Abramelin, das ist die egyptischen grossen Offenbarungen oder des Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie. 1. vollst. kritisch überarb. Ausg. v. Georg Dehn. Saarbrücken: Verl. Neue Erde, 1995.

Abrams, Albert (1863 – 1924), geb. in San Francisco / USA, promovierte in Heidelberg in Medizin und wirkte nach seiner Rückkehr in die USA als Prof. für Pathologie am Cooper Medical College in San Francisco. 1920 schuf er mit der Erfindung des Bio-Dynamometers mit „Dynamischer-Einheit“ die praktischen Grundlagen für das alternative Heilverfahren der > Radionik. A. stellte fest, dass jede Krankheit eines Menschen durch Abklopfen der Bauchdecke diagnostizierbar ist und dass sich der Klopfschall im Bauchbereich des Patienten veränderte, sobald eine pathologische Einstellung des Gerätes auf den Probanden gelenkt wurde. Jeder Krankheit wurde also ein bestimmter Punkt auf der Bauchdecke zugeordnet. Das Gerät mit einem variablen Widerstand maß den Ohmschen Widerstand eines Stromkreislaufs bei verschiedenen Erkrankungen, der nach Abrams’ Feststellung bei Krebs z. B. 50 Ohm betrug. Aus diesen festgestellten Werten entstanden die späteren Raten (rates), womit das Verhältnis der Einstellknöpfe zueinander gemeint ist. Damals noch mit dem Kürzel ERA (Electronic Reactions of Abrams) belegt, wird das inzwischen weiterentwickelte und immer noch kontroverse Verfahren „Radionik“ genannt.

Lit.: Abrams, Albert: New Concepts in Diagnosis and Treatment. Physicoclinical Medicine, the Practical Application of the Electronic Theory in the Interpretation and Treatment of Disease. San Francisco, Cal.: Philopolis Press, 1916; ERA. Electronic Reactions of Abrams. New York, 1922; Barr, James: Abrams’ Methods of Diagnosis & Treatment. London, 1925.

Abrams, Stephen Irwin, Psychologe, geb. am 15. Juli 1938 in Chicago, Illinois, USA. 1959 B. A. an der Universität von Chicago, 1957 – 60 Präsident der Parapsychologischen Gesellschaft der Universität Chicago. Seit 1961 Direktor des parapsychologischen Laboratoriums der Oxford Universität und von 1960 – 63 Präsident der Oxford University SPR. Er befasste sich mit der außersinnlichen Stimulation konditionierter Reflexe bei Hypnotisierten und mit qualitativen Experimenten auf der Basis der Synchronizitätstheorie von C. G. Jung.

Lit.: Pleasants, Helene (Hg.): Biographical Dictionary of Parapsychology. With Directory and Glossary 1964 – 1966. New York: Helix Press, 1964.

Abrasax > Abraxas.

Abraxas. Gottesname, der sich in den hellenistischen > Zauberpapyri und auf zahlreichen Amulettsteinen des Altertums und Mittelalters findet. Die häufigere Form ist jedoch > Abrasax, der Jahresgott. Der Name besteht aus 7 Buchstaben (vgl. 7 Tage der Woche) und hat – entsprechend den griechischen Zahlenwerten – 365 Tage (Zahl der Tage eines Sonnenjahres):

A = 1
B = 2
R = 100
A = 1
X = 60
A = 1
S = 200
Summe = 365

Eine besondere Rolle spielte Abraxas im gnostischen System des > Basilides (um 130 n. Chr.) vermutlich in Alexandrien. Für ihn ist Abraxas der Inbegriff der von ihm angenommenen 365 Engelmächte, die das Weltenjahr (> Äon) bilden. Diese Klasse von Engeln hat nach dem basilidianischen System die sichtbare Welt und die Menschheit geschaffen. „Ihr Anführer ist der Judengott, der offenbar auch ,Abrasax‘ (oder ‚Abraxas‘) heißt, ein Name, dem der Zahlenwert 365, wie die Anzahl der Himmel, zugrunde liegt, ursprünglich aber wahrscheinlich eine geheimnisvolle Umschreibung des mit vier (hebräisch: arba – abra) Konsonanten geschriebenen jüdischen Gottesnamens Jahwe (Tetragramm) gewesen ist“ (Rudolf, 336).

Lit.: Langerbeck, Hermann: Aufsätze zur Gnosis. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht, 1967; Dieterich, Albrecht: Abraxas: Studien zur Religionsgeschichte des späteren Altertums. Neudr. d. Ausg. Leipzig 1905. Aalen: Scientia-Verlag, 1973; Rudolph, Kurt: Die Gnosis: Wesen und Geschichte einer spätantiken Religion. Unveränd. Nachdr. der 3., durchges. u. erg. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1994.

Abraxasgemmen. Amulettsteine des Altertums und Mittelalters, die insbesondere der Geisteswelt der gnostischen Sekte des > Basilides (um 130 n. Chr.) entstammen. Sie verkörpern den Synkretismus der Spätantike, wobei jüdische, persische und gnostische Elemente zu einer Einheit werden. So tragen die > Talismane Inschriften wie „Jao Abrasax“, Sabaoth Adonaios“ usw. und zeigen Prägungen von hahnen- und eselsköpfigen, aber auch schlangenfüßigen Mischwesen.

Lit.: Laarss, Richard H.: Das Buch der Amulette und Talismane. 2. Aufl. Nachdr. d. 3. verm. Aufl. Leipzig, Hummel, 1932. München: Diederichs, 1988.

Abreagieren. Psychoanalytische Bezeichnung der Normalisierung eines zur Symptomerhaltung aufgestauten und eingeklemmten Affekts. Dieser komme dadurch zustande, dass die Auseinandersetzung mit dem aufgestauten Affekt ausbleibt und die Erinnerung mitsamt ihrem Affekt verdrängt wird, was eben zur Symptombildung führt. Wird nun die Erinnerung aufgedeckt und der mit ihr verbundene „eingeklemmte“ Affekt befreit, so kann er abreagiert werden und das Symptom löst sich auf. Eugen Bleuler spricht hier von kathartischem Verfahren (Freud, 46 – 47). Das Abreagieren kann ebenso spontan erfolgen und wird in diesem Zusammenhang auch mit > Poltergeist-Phänomenen und > Psychokinese in Verbindung gebracht.

Lit.: Freud, Sigmund: Selbstdarstellung. GW 14. 5. Aufl. Frankfurt: Fischer, 1972.

Abred, der innerste von drei konzentrischen Kreisen, die in der Kosmologie der Kelten die Gesamtheit des Seins darstellen A. versinnbildlicht den Kampf und die Evolution gegen > Cythrawl, die Macht des Bösen.
Jedes Wesen hat in seiner Lebensentwicklung drei Phasen zu durchschreiten: Es beginnt mit dem kreativen > Abyss, gefolgt von der Transmigration in A., und endet mit der Vollendung im Kreis von > Gwynfyd oder > Himmel. Ohne diese drei Phasen kann niemand zur vollständigen Existenz gelangen, außer Gott, der alle übersteigt.

Lit.: Trioedd ynys Prydein: the Welsh Triads / edited, with introd., translation, and commentary by Rachel Bromwich. Cardiff: University of Wales Press, 1978.

Abreisen. A. ist ein häufiges Traumsymbol (Freud, 154 f.). Meistens tröstet der Traum etwa mit den Worten: ,Sei ruhig, du wirst nicht sterben (abreisen).‘ Zuweilen bleibt der Trost aus und die Angst kann sich bis in das Erwachen fortpflanzen. Das Abreisen kann sich aber auch auf eine andere Person beziehen und manchmal die Gestalt eines > Wahrtraumes annehmen. Die Symbolhaftigkeit ist jedoch nicht nur an den Traum gebunden, sondern ganz allgemein an die Wortbedeutung von Abreisen selbst: Trennung ohne Wiederkehr? In dieser Unsicherheit des Abreisens liegt die Ureigenheit seines Symbolgehaltes. Die Formen des Abreisens können vielfältig sein.

Lit.: Feud, Sigmund: Die Traumdeutung. Über den Traum. Frankfurt: Fischer, 41969 (GW; 2 – 3).

Abrenuntiatio (lat.), Absage. Abrenuntiatio diavoli: Absage an den Teufel; abrenuntiatio parvulorum per ora gestantium: Absage der Kleinkinder durch den Mund der Paten. Diese Absage an den Teufel und seine Werke in der Taufliturgie (außer der nestorianischen) hat die Bedeutung von > Abschwörung.

Lit.: Koch, Kurt: Seelsorge und Okkultismus. Berhausen / Karlsruhe: Evangelisationsverlag, 1957.

Abribalzache. Paracelsicher Ausdruck für Maß, Gewicht und Zahl.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Abricus. Iberische Gottheit.

Abrogation. Fachausdruck im Kirchenrecht zur Aufhebung eines Gesetzes; im Islam zur Deutung einiger Stellen des Korans oder der prophetischen Überlieferung (Hadith). Damit ist die Annahme gemeint, dass Texte bzw. Vorschriften des Korans bzw. des Hadith verändert, aufgehoben oder sogar gestrichen werden können.

Lit.: Khoury, Adel Theodor: Einführung in die Grundlagen des Islams. 3., durchges. Aufl. Würzburg: Echter, 1993.

Abrufreize. Abruf von Gedächtnisinhalten durch Reizung – suggestiv oder durch Versetzen der Person in eine dem ursprünglichen Erlebnis entsprechende Situation. Solche Abrufreize tragen nach E. Tulving am besten dazu bei, dass das ursprüngliche Ereignis, d. h. die ursprüngliche Erfahrung oder der Kontext, in dem das Ereignis bzw. die Erfahrung stattgefunden hat, wiederhergestellt wird. Dies gilt offenbar auch für den inneren Zustand einer Person: Was in einem betrunkenen Zustand erlebt wird, wird auch in einem betrunkenen Zustand am besten wieder erinnert.

Lit.: Tulving, Endel: The effects of presentations and recall of material in free-recall learning. Journal of Verbal Behavior, 5 (1967), 175 – 184; Tulving, Endel: Cue-dependent forgetting. American Scientist, 1974; Bower, Gordon H.; Hilgard, Ernest R.: Theorien des Lernens. In dt. Sprache hg. u. neu übers. von Urs Aeschbacher. Stuttgart: Klett-Cotta, o. J.

Abruzanum. Nach der persischen Mythologie eine Pflanze, die von einem Liebesgeist bewohnt ist. Die Perser wandten sie daher bei ihren Liebes- und Zaubertränken an.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004. Diese modernisierte Ausgabe lehnt sich eng an das Originalwerk von 1874 an.

Absam. Wallfahrtsort in Tirol / Österreich. In schwerer Kriegszeit, am 17. Januar 1797, saß die 18-jährige Bauerntochter Rosina Buecher in ihrem Haus in Absam beim Nähen dem Fenster gegenüber. Zwischen 15 und 16 Uhr wurde an der Scheibe des inneren Fensters (nach außen war dasselbe mit einem Winterfenster versehen) ein Brustbild der weinenden Gottesmutter sichtbar. So oft man das Bild wegwischen wollte, so oft erschien es wieder wie zuvor. Nach eingehender Untersuchung wurde es auf Verlangen der Bevölkerung und mit Zustimmung des Bischofs von Brixen am 24. Juni 1797 feierlich in die Kirche von Absam übertragen, wo es heute noch auf dem rechten Seitenaltar der am 24. Juni 2000 zur Basilika erhobenen Wallfahrtskirche aufgestellt ist und als Gnadenbild verehrt wird. In der Votivtafelkapelle sind über 400 Votivtafeln zu sehen.

Lit.: Seeböck, Philipp: Die liebe Gottesmutter im Gnadenbilde zu Absam. Innsbruck, 1897; Troger, A.: Unsere Liebe Frau von Absam. Innsbruck, 1931; Haider, Paul: Herz-Jesu und Marien-Büchlein. Innsbruck: Steiger, 2000.

Abschied. Das mit einer gewissen Zeremonie verbundene Auseinandergehen dient auch zur Bezeichnung des > Sterbens und des > Todes, des Abschieds ohne Wiederkehr. So kennt die Umgangssprache den Ausdruck: „Er hat sich für immer von uns verabschiedet.“ Dieser endgültige Abschied kann paranormologisch eine Reihe von Phänomenen und Formen aufweisen, wie direktes Voraussagen der Todesstunde, > Anmelden, luzide Eingaben zur Verabschiedung der Angehörigen sowie poltergeistähnliche Geräusche und akustische Zeichen.

Lit.: Passian, Rudolf: Abschied ohne Wiederkehr? Pforzheim: R. Fischer, 1973; Kübler-Ross, Elisabeth: Leben, bis wir Abschied nehmen. Stuttgart: Kreuz Verlag, 21980.

Abschirmgeräte. Die Erkenntnis, dass > Reizzonen pathogen wirken können, führte zur Anwendung von Schutzmaßnahmen durch die verschiedensten Arten von Entstörungsgeräten, angefangen von Störfeldmodulatoren in Form eines Interferenzsenders zur Sanierung von geopathischen Störfeldern bis hin zu Kupferringen, Drahtgeflechten, Flaschen oder ganz einfach Behältern mit Sand. So oft auch das Abschirmen von Reizzonen diskutiert wurde, so kam es doch nie zu befriedigenden Aussagen, da weder die pathogenen Einwirkungen selbst noch die Wirkungen derartiger Abschirmgeräte technisch messbar sind. Also verbleibt neben der subjektiven Empfindungsbeurteilung lediglich die radiästhetische Kontrolle, womit die Objektivierung offen bleibt. Unseriösen Angeboten ist daher weiterhin der Weg geebnet, zumal die Gesundheitsängste in diesem Bereich ständig zunehmen.

Lit.: Rohrbach, Christof: Radiästhesie: physikalische Grundlagen und Anwendung in Geobiologie und Medizin. Heidelberg: Karl F. Haug, 1996.

Abschirmung. A. bezeichnet ganz allgemein eine Anordnung von Materie zur Verringerung störender Strahlung in die Umgebung, wie u. a. bei der atomaren, elektrischen, magnetischen und thermischen Abschirmung, wobei die biologische Abschirmung einen besonderen Stellenwert einnimmt.

Abschirmung, biologische, auch biologischer Schild; besteht in der Reduzierung ionisierender Strahlung auf biologisch zulässige Werte.

Abschirmung, geistige. Diese Form der Abschirmung besteht in der bewussten Hinwendung zum persönlichen Innenraum durch geistige Inhalte, die den Bezug zum Außenraum teilweise oder völlig aufheben.

Lit.: Resch, Andreas: Veränderte Bewusstseinszustände: Träume, Trance, Ekstase. Innsbruck: Resch, 1990.

Abschirmung, magische. In der praktischen Magie dient z. B. der > magische Kreis zur Abschirmung, d. h. zum Schutz des Magiers. > Talismane, > Zaubersprüche und magische Rituale sollen die persönliche Sicherheit verstärken und als Abschirmung vor negativen Einflüssen dienen.

Abschirmung, psychologische. Die individuelle psychische Ausgeglichenheit erfordert zuweilen nicht nur eine persönliche Informations- und Wahrnehmungsselektion, sondern häufig auch eine Verringerung der Gefühlsstimulation, Vermeidung von Körperkontakt bis hin zur Einschränkung persönlicher Begegnungen im Allgemeinen wie im Besonderen, was volkstümlich als „Abschirmung“ bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang ist auch die in der Esoterik betonte Abschirmung durch Umhüllung mit einem psychischen Panzer oder durch Verstärkung der eigenen Aurakraft als individueller Filter zu nennen.

Lit.: Resch, Andreas: Veränderte Bewusstseinszustände: Träume, Trance, Ekstase. Innsbruck: Resch, 1990.

Abschirmung, radiästhetische. Die in der > Radiästhesie betonte Feststellung, dass Reizzonenkreuzungen pathogen wirken können, führte zu einer Vielzahl von Schutzmaßnahmen, die volkstümlich meist als „Entstörung“ oder „Abschirmung“ bezeichnet werden. Die zur Sanierung dieser so genannten geopathogenen Störfelder verwendeten Gegenstände und Geräte reichen von einem Kupferdraht bis zu einem Interferenzsender. Da derartige Störungen technisch – zumindest derzeit – nicht messbar sind, verbleiben als Wirkkriterium nur die radiästhetische Kontrolle und das subjektive Empfinden, wobei Placeboeffekte nicht auszuschließen sind.

Lit.: Rohrbach, Christof: Radiästhesie: physikalische Grundlagen und Anwendung in Geobiologie und Medizin. Heidelberg: Karl F. Haug, 1996.

Abschneiden (ahd.: abschniden), durch Schnitte abtrennen, stutzen; ist besonders bei Haaren und Nägeln mit Vorstellungen der Beeinträchtigung der Lebenskraft verbunden. So verlor Simson nach Abschneiden seiner Locken alle Kraft: „Delila ließ Simson auf ihren Knien einschlafen, [rief einen Mann] und schnitt dann die sieben Locken auf seinem Kopf ab. So begann sie ihn zu schwächen, und seine Kraft wich von ihm“ (Ri 16, 19).
Der Haarschnitt dient zudem der Reinigung bei Verunreinigung des Kopfes: „Wenn aber jemand in seiner Nähe ganz plötzlich stirbt und er dabei sein geweihtes Haupt unrein macht, dann soll er sein Haar an dem Tag abschneiden, an dem er wieder rein wird: Am siebten Tag soll er sein Haar abschneiden“ (Num 6, 9).
Schließlich kann die Lebenskraft des Haares auch verführerisch sein: „Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen“ (1 Kor 11, 6).
Diese Vorstellung, dass man mit dem Haar das Leben in Besitz nimmt, ist auch beim Skalpieren der Indianer lebendig (Friederici).
Von ähnlich magischer Bedeutung ist das Schneiden der Nägel, wobei es schon bei den Römern die Vorschrift gab, die Fingernägel am neunten Tag vom Zeigefinger an abzuschneiden (Plinius, XXVIII, 28).
Zudem gibt es eine Reihe astrologischer Vorschriften über die beste Zeit des Abschneidens von Haaren und Nägeln (Plinius, XVI, 194; XVIII, 321 – 322).
Aus Angst vor > Schadenzauber sind abgeschnittene Haare und Nägel zu verbrennen oder zu verbergen, damit sie nicht in fremde Hände gelangen. Schließlich werden abgeschnittene Haare und Nägel auch zu Heilzwecken verwendet (Plinius, XXVIII, 86).

Lit.: C. Plinius Secundus: Naturalis historia; Friederici, Georg: Skalpieren und ähnliche Kriegsgebräuche in Amerika. Fotomech. Nachdr. der Ausg. Braunschweig 1906. Kassel: Hamecher, 1991.

Abschnitt (engl. set). Unterteilung der Protokollseite bei quantitativ-qualitativen Psi-Tests, die als Treffereinheit für eine aufeinanderfolgende Gruppe von ASW-Einzelversuchen gilt, gewöhnlich bei gleichem Zielmaterial.

Lit.: Rhine, J. B.: Parapsychologie: Grenzwissenschaft der Psyche. Bern: Francke Verlag, 1962.

Abschreiben. Abschreiben hat als Besitznahme eines Textes einen positiven Sicherheitseffekt. So verlieren Zauberformeln durch das Abschreiben an Kraft in fremder Hand. Dies ist auch der Grund, warum man handschriftliche Sammlungen sorgfältig hütet. Was nämlich allgemein zugänglich ist, hat keine magische Kraft. Wandelt sich hingegen das Abschreiben von der Geheimnislüftung zur Geheimnisgestaltung, steigert es die Wirkung des abgeschriebenen Textes wie etwa bei den > Kettenbriefen.
Diese Mächtigkeit des Abschreibens wird auch bei Krankheiten im Sinne einer Bannung derselben verwendet. So wird z. B. Fieber „abgeschrieben“, indem man Zauberworte auf einen Streifen Papier schreibt und diesen, in Brot gelegt, dem Kranken zum Essen reicht. Oder man hängt das Schriftstück in den Kamin; sobald es geräuchert ist, sollte die Krankheit verschwunden sein.

Lit.: Wuttke, Adolf.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearb. von E. H. Meyer. Berlin, 1900; Hemminger, Hansjörg; Harder, Bernd: Was ist Aberglaube? Gütersloh: Quell, 2000.

Abschwächungseffekt (engl. attenuation effect). Abnahme von Zahl und Stärke wiederkehrender paranormaler Erscheinungsformen durch Vergrößerung der Distanz zur Fokus-Person bzw. durch Informationserhellung der Betroffenen. > Wiederkehrende spontane Psychokinese (WSPK).

Lit.: Hans, Bender: Der Rosenheimer Spuk. Ein Fall spontaner Psychokinese. In: Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 11 (1968), 104 – 112; Wolman, Benjamin B.(Hg.): Handbook of Parapsychology. New York: Van Nostrand Reinhold Company, 1977.

Abschwörung, sich durch Schwur von jemandem / etwas lossagen, seltener auch mit Akkusativ: seinen Glauben, seinen Irrtum abschwören. So enthalten die Texte der > Teufelspakte seit alters her neben der positiven auch die negative Abschwörung (Entsagung). Seit dem 2. Jh. gehört die Abschwörung (griech. apotaxis, lat. > abrenuntiatio, abiuratio diaboli) zur Taufpraxis (fast) aller Liturgiefamilien. So widersagt in der römischen Liturgie der Taufbewerber durch Abschwörung dem Satan und seiner „Herrschaft“. Diese Abschwörung wird in der Kath. Kirche seit 1951 von den Gläubigen jährlich auch bei der Osternachtfeier ausgesprochen.

Lit.: Kleinheyer, Bruno: Abschwörung. Bd. 1. Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg: Herder, 31993.

Absence (fr., Absenz, Abwesenheit). Kurze Vigilanzabsenkung bis Vigilanzausfall aufgrund intensiver Konzentration auf persönliche Gedanken- oder Emotionsgehalte mit festem Blick und nachfolgender klarer Erinnerung. Von diesen Vigilanzeinschränkungen sind die Absencen mit kurzem Bewusstseinsverlust von 15 – 30 Sekunden, die so genannten > Petit mal-Anfälle mit leichtem Zucken der Gesichtsmuskulatur und leerem Blick sowie nachfolgender Amnesie zu unterscheiden. Diese Petit mal-Anfälle beginnen meist in der Kindheit und bleiben oft bis in das Erwachsenenalter bestehen. Sie sind physiologisch bedingt und können auch nicht durch psychologische Mittel, wie etwa Fremd- oder Selbsthypnose, hervorgerufen werden. Seelische Belastungen können jedoch die Häufigkeit dieser Anfälle steigern.

Lit.: Freud, Sigmund: Über Psychoanalyse. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 51969 (Sigm. Freud Gesammelte Werke; 8), S. 7, 14, 239; Redlich, Fredrick C.; Freedman, Daniel X.: Theorie und Praxis der Psychiatrie X. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1970, S. 890.

Absinkungseffekt (engl. decline effect) oder chronologische Abnahme (engl. chronological decline). Allmähliche Abnahme der Trefferleistungen in einem parapsychologischen Experiment innerhalb einer Versuchssitzung bei wiederholten Einzelversuchen oder in der paranormalen Leistungsfähigkeit einer Testperson über einen bestimmten Zeitraum. Der A. kann sich auch auf das Nachlassen und Verschwinden einer parapsychologischen Begabung beziehen. Der Grund dafür kann in einer Reizanpassung, einer psychischen Gewöhnung oder in der natürlichen Abnahme einer Begabung liegen. So sank die paranormale Leistungsfähigkeit bei Pavel > Stepanek nach 10 Jahren und bei J. B. > Rhines Startversuchspersonen nach 3 Jahren auf Null.

Lit.: Mauskopf, B. H. / Mac Vaughan, M. R.: The Elusive Science. Baltimore: John Hopkins Univ. Press, 1980; Pratt, J. G.: A Decade of Research With a Selected ESP Subject: An Overview and Reappraisal of the Work With Pavel Stepanek. In: Proceedings of the American Society of Psychical Research (PASPR) 30 (1973), 1 – 78.

Absinth (Artemisia absinthium L.), Wermut, der Göttin > Artemis geweihte Heilpflanze mit vielen volkstümlichen Namen wie Grüne Fee, Bitterer Beifuß, Eberreis, Heilbitter, Magenkraut, Schweizertee, Wurmkraut, Absinth-alsen (niederl.), Ambrosia (altgriech.), Assenzio vero (it.), Gengibre verde (span., „Grüner Ingwer“), Hierba santa (span., „Heiliges Kraut“), Wor-mod (altengl.), Rihân (arab.).
Das bittere Kraut, das pur gegessen starke Übelkeit hervorruft, war bereits in der Antike gut bekannt. Im Neuen Testament wird A. ebenfalls erwähnt (Offb 8, 11). Den Ägyptern war die Pflanze heilig, und sie spielte auch bei den Mysterien des Osiris und der Isis eine Rolle. Im Mittelalter schenkte man dem A. im Hortulus des Walahfried Strabo große Aufmerksamkeit (9. Jh.), und wenig später lobte dann die heilige > Hildegard von Bingen die Wirksamkeit der Pflanze gegen Erschöpfungszustände (Hildegard von Bingen, Physica I, 109). Durch das Interesse spanischer Jesuiten trat der Wermut im 16. Jh. seine Weltreise an. Heute ist er von entscheidender Bedeutung für die Naturheilkunde, vor allem wegen seiner Wirkung bei Verdauungsstörungen und Hauterkrankungen. Man schrieb der Pflanze magische Wirkung zu, und ihr sollte die Kraft innewohnen, Druden, Hexen und Geister abweisen zu können.
Unter dem Namen A. wird auch ein psychoaktives alkoholhaltiges Getränk verstanden, das aus dem > ätherischen Öl des Krautes und Alkohol hergestellt wird und dessen Genuss zu erheblichen Schäden führen kann (Gehirnschäden, Absinthismus). Wegen des Wirkstoffes Thujon wurde A. auch als illegales Abtreibungsmittel verwendet. Die Herstellung dieser grünlichen oder gelblichen Künstlerdroge des 19. Jhs. ist heute weltweit verboten, doch kursiert sie weiterhin in privaten Kreisen, während in der Schweiz seit den 90-er Jahren ganz gewöhnliche Alkoholika unter dem Namen „Grüne Fee“ Eingang in die Szene gefunden haben. Die Herstellung des echten Absinth wird in der Schweiz heute mit 100.000 Schweizer Franken geahndet (Rätsch).

Lit.: Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, 1984; Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, 21999.

Absinthium. Eine magische Pflanze, die noch nicht eindeutig identifiziert werden konnte. Manches spricht dafür, dass es sich um > Wermut (artemisia absinthium) handelt. Aus der Antike ist eine Reihe solcher magischer Pflanzen bekannt. Bei den Ägyptern war es eine heilige Pflanze, welche die Eingeweihten bei den Mysterien des > Osiris und der > Isis in der Hand trugen. Ob sich auch die Hinweise auf „Wermut“ im AT (Dtn 29, 17; Jer 9, 14; Am 6, 12) und im NT (Offb 8, 11): „Der Name des Sterns ist ‚Wermut‘. Ein Drittel des Wassers wurde bitter, und viele Menschen starben durch das Wasser, weil es bitter geworden war“ auf A. beziehen, muss offen bleiben.

Lit.: Roberts, Marc: Das neue Lexikon der Esoterik. München: Goldmann, 1995.

Absolut, das Absolute (lat. absolutus von absolvere, lösen). Losgelöst von allem, absolut unabhängig, der Gegensatz ist relativ (in Verbindung gesetzt); so spricht man von absoluten und relativen Zahlen. Philosophisch bezeichnet „absolut“ das, was in sich ist, das absolute Ding. Losgelöst von Raum, Zeit und dem Irdischen überhaupt, bezeichnet das Absolute das Ewige, das Unendliche, den letzten Grund aller Erscheinungen, die Einheit von Natur und Geist, den Weltgrund, Gott. Durch die Philosophie Fichtes und Schellings erlangt der Begriff allgemeine Geltung und fächert sich in spezielle Bedeutungen auf. So ist für Fichte (1762 – 1814) das Absolute das Ich, für Schelling (1775 – 1854) die Einheit von Idealem und Realem. In der Theologie bezeichnet das Absolute schlechthin „Gott“.
Im Okkultismus ist das Absolute die potentielle und unmanifestierte Quelle des Seins, über die nicht gesprochen werden kann. Die im Einzelnen verwendeten Bezeichnungen haben daher meist Symbolcharakter, wie die Bezeichnung des Absoluten durch > Großer Baumeister in der > Freimaurerei.

Lit.: Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1985.

Absolution (von lat. absolvere, lösen). Bezeichnet kirchenrechtlich die Lossprechung von Sünden im Bußsakrament. Als Absolution und Absolutionen werden auch kurze Segenssprüche und Entlassungsformeln am Ende eines Ritus oder Textes in der Bedeutung von Entlassung und Abschluss, wie etwa das „Ite, missa est“, bezeichnet. Im Okkultismus bedient man sich der Absolution vornehmlich in der Bedeutung von „absolvieren, entbinden, freisprechen“ und „hinter sich bringen“ wie bei > Schwarzen Messen, > Exorzismus, > Bannen negativer Einflüsse, magischen > Heilritualen und anderen okkulten Praktiken.

Lit.: Paulus, N.: Geschichte des Ablasses im Mittelalter. 3 Bde. Paderborn, 1922 – 1923; Jungmann, Andreas: Die lateinischen Bußriten in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Innsbruck, 1932.

Absorbierende Mystik. Mystische Erlebnisform, bei welcher der Mystiker vom Gegenstand seiner mystischen Betrachtung so absorbiert wird, dass Betrachtungsgegenstand und Selbst eine Einheit bilden. > Einheitserlebnis, > unio mystica.

Lit.: Ariel, David S.: Die Mystik des Judentums: eine Einführung. München: Diederichs, 1993.

Absorption (lat. absorbere, verschlingen; engl. absorption). In-sich-Aufnehmen: physiologisch z. B. von Licht an Oberflächen oft durch Rezeptoren der Netzhaut, von Schall durch elastisch weiche Oberflächen; psychologisch von Informationen und Empfindungen. Bei der psychischen Absorption erfolgt ein völliges Aufsaugen des Angebotenen in Form einer gedanklichen und gefühlsmäßigen Identifikation. Derartige psychische Absorptionen fördern Kreativität, telepathische Kommunikation und persönliche Leistung. Dabei spielt der jeweilige Grad der Absorption eine entscheidende Rolle, und zwar entsprechend der jeweils geforderten Umfeldkontrolle. So muss z. B. der erfolgreiche Spitzensportler seine sportliche Leistung so absorbieren, dass jener Vigilanzgrad noch aufrecht bleibt, der bei der konkreten sportlichen Leistung zur Umfeldorientierung notwendig ist.

Lit.: Quarrick, Gene: Our Sweetest Hours: Recreation and its Mental State of Absorption. Jefferson, NC: McFarland, 1989; Richardson, Alan: Individual Differences in Imaging: Their Measurement, Origins and Consequences. Amityville, NY: Baywood, 1994.

Absteigende Häuser > Häuser.

Absteigender Knoten. Schnittpunkt der Planetenbahn mit der Ekliptik in Richtung Nordsüd.

Absteigung, schiefe, auch Deszension (lat. descensio). Vom Himmelsäquator ausgehend gemessener Bogen zwischen dem Frühlingspunkt und dem Punkt, der mit dem betreffenden Stern untergeht.

Abstieg (lat. descensus). Bezeichnung des Wechsels von einer höheren zu einer tieferen Ebene. Im AT ist die Rede vom Abstieg der Seele in das Grab (Ijob 33, 28) und vom Abstieg des mesopotamischen Fruchtbarkeitsgottes Tammus zur Unterwelt in der Zeit der Sommerdürre (Ez 8, 14). Der Mensch steigt im Tod in die Unterwelt ab, die im AT wie im Alten Orient als Welt der Toten in der Tiefe unter der Erdscheibe verstanden wurde (Dtn 32, 22). Mit der Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses vom Abstieg Christi zu denen der Unterwelt (> Scheol, > Hades) und seinem Aufstieg zum Himmel am dritten Tage wurde der Tod überwunden und die Auferstehung der Toten vorgezeichnet (Neuner, 543). Die Vorstellung des Abstiegs der Götter und Menschen in die Unterwelt findet sich als Ausdruck einer verankerten Hoffnung in vielen Religionen, auch im griechisch-römischen Synkretismus.
Im Schamanismus kann der Schamane zwischen Oberwelt, mittlerer Welt und Unterwelt auf- und absteigen.
„Abstieg“ dient schließlich auch als Bezeichnung des Übergangs von einem Bewusstseinszustand zu einem eingeschränkteren.

Lit.: Neuner, Josef; Roos, Heinrich: Der Glaube der Kirche in Urkunden der Verkündigung. Regensburg: Pustet, 101979, S. 543; Portmann, Adolf; Ritsema, Rudolf: Aufstieg und Abstieg – Rise and Descent – Descente et Ascension. Frankfurt a. M.: Insel Verlag, 1982; Resch, Andreas: Veränderte Bewusstseinszustände. Innsbruck: Resch, 1990.

Abstimmtechnik. Von Reinhard Schneider in die > Rädiästhesie eingeführte Messtechnik, die von Substanzen emittierten Wellenlängen, welche von J. Wüst und J. Wimmer aufgezeigt wurden, durch Veränderung der Grifflänge der > Wünschelrute zu ermitteln.

Lit.: Wüst, Josef: Über physikalische Nachweismethoden der sog. „Erdstrahlen“. In: 6. Beiheft zur Zeitschrift Erfahrungsheilkunde: Geopathie; (1953), 1 – 16; Schneider, Reinhard: Radiästhesie, Geomantie, Naturwissenschaft. Zum Phänomen des Wünschelruteneffekts. In: Andreas Resch: Kosmopathie. Innsbruck: Resch, 1981, S. 223 – 246.

Abstrakt (lat. abstractus, von: abstraere, abziehen). Abstrakt ist jeder Bestandteil einer Vorstellung oder eines Begriffes ohne konkrete Merkmale. Abstrakte Begriffe haben nur mehr Verhältnisse, völlig Unanschauliches, Nicht-Sinnliches zum Inhalt (z. B. das Sein).

Lit.: Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1995.

Abstraktion (lat. abstractio). Gedankliches Verfahren zur Erlangung abstrakter Begriffe, die von konkreten Merkmalen absehen und nur mehr das Wesentliche, eine spezifische Eigenschaft an einem einzelnen Gegenstand (isolierende Abstraktion) oder das Gemeinsame einer Menge von Gegenständen festhalten, um zu Allgemein- und Gattungsbegriffen und den damit bezeichneten Gegenstandsbereichen zu gelangen.

Lit.: Ritter, Joachim (Hg.): Historischer Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: WBG, 1971.

Abstraktionsfähigkeit, individuelle Disposition, das allgemeine Merkmal eines Sachverhalts unter Ausschaltung der konkreten Merkmale zu erfassen.

Lit.: Rüfner, Vinzenz: Psychologie: Grundlagen und Hauptgebiete. Paderborn: Schöningh, 1969.

Abstreifen. Abstreifen gehört neben lecken, spucken, saugen, blasen, hauchen, streichen, wälzen zu den Urhaltungen von Tier und Mensch. Wie sich Tiere instinkthaft an Bäumen, Mauern, Felsen scheuern, um lästige Parasiten und Juckreiz zu beseitigen, so versuchen auch Menschen sich durch Reiben zu heilen oder gegen Krankheiten zu schützen. Besondere Bedeutung erlangt das Abstreifen bei der Tätigkeit von Heilern und beim > Heilmagnetismus. Der Heiler streift nach der Behandlung durch entsprechende Handbewegungen negative Einwirkungen des Patienten ab und der Patient versucht durch Abstreifen das „magnetische Band“ zu lösen, das sich zwischen ihm und dem Heiler gebildet hat. Gelingt dies nicht oder wird es verabsäumt, so kann sich eine gewisse Unruhe und Unrast, ein Unbefriedigtsein einstellen, da die nötige Entspannung ausbleibe und so das Abströmen des „Krankhaften“ verhindert werde. Diese Vorstellung wird von der Annahme getragen, dass jeder gesunde Körper eine normale Grundspannung besitzt, deren Störung zu Krankheit führt.
Abstreifen wird nicht selten auch durch Berühren „entladender“ Gegenstände wie > Erde, > Feuer, > Bäume und > Wasser verstärkt.

Lit.: Thetter, Rudolf: Magnetismus – das Urheilmittel: eine Einführung in sein Wesen und praktische Anleitung zum Magnetisieren. Wien: Gerlach und Wiedling, 41956.

Absurd (lat. absurdus, missklingend), hat die geläufige Bedeutung von widersinnig, unlogisch, das diskursive Denken übersteigend. So besagt „eine Behauptung ad absurdum führen“ die Aufdeckung ihrer Widersinnigkeit durch konsequente Durchführung des in den Prämissen angelegten Gedankens. In paranormologischer Sicht kann eine widersinnige Aussage oder Begebenheit auf verborgenen Kräften und Inhalten beruhen, die sich dem linear-logischen Denken entziehen.

Lit.: Heinemann, Fritz H.: Die Menschheit im Stadium der Absurdität. In: Menschliche Existenz und moderne Welt. Teil I. Hg. v. Richard Schwarz. Berlin: de Gruyter, 1967, S. 227 – 244.

Abtei von Borley (> Borley Rectory). Englisches Spukhaus, das zwischen 1929 und 1939 von Harry > Price (1881 – 1948) unter Beobachtung zahlreicher Forscher untersucht wurde. 1937 mietete Price das Haus sogar für ein Jahr. 1939 brannte die Abtei ab. Price veröffentlichte darüber zwei Bücher und berichtet darin von etwa 2000 Ereignissen, darunter auch Poltergeistphänomenen: Gegenstände flogen durch die Luft, Glocken läuteten ohne wahrnehmbare Ursache, mannigfaltige Geräusche wurden gehört und Erscheinungen gesehen. Auf öfters empfangene Mitteilungen mittels > Planchette hin ließ Price 1943 auch im Keller nachgraben, wobei man die Reste eines Schädels und eines Kinnbackens einer jungen Frau entdeckte, die man mit jener Nonne in Verbindung brachte, welche angeblich so oft im Haus gesehen wurde. Man dachte dabei an Marie Lairre, die dort 1667 auf tragische Weise ums Leben gekommen sei. Nach dem Tod von Price (1948) wurden Eric J. > Dingwall, K. M. > Goldney und Trevor > Hall von der > Society for Psychical Research mit dem Fall betraut. Sie schlossen ihre Arbeit 1956 mit einer herben Kritik an der Untersuchung von Price ab, dem sie Überzogenheit und sogar Manipulation vorwarfen. Diese Darlegung wurde dann 1969 von R. J. > Hastings aufgegriffen, der Price verteidigte: Seine Ausführungen seien zwar volkstümlich, die Dokumente bekräftigten jedoch die Echtheit der Phänomene.

Lit.: Price, Harry: The Most Haunted House in England. Ten years’ investigation of Borley Rectory. London: Longmans,1940; Price, Harry: The End of Borley Rectory. London: Longmans,1946; Dingwall, E. J.; Goldney K. M.; Hall, T. H.: The Haunting of Borley Rectory: A Critical Survey of the Evidence. Proceedings of the Society of Psychical Research 51 (1956) 1; Hastings, R. J.: An Examination of the ,Borley Report‘. Proceedings of the Society of Psychical Research 55 (1969), 65.

Abtei Thelema. Die Bezeichnung „Abtei Thelema“ findet sich erstmals in dem von François Rabelais (1494 – 1553) verfassten Roman Gargantua et Pantagruel, der von 1532 an in 5 Bänden erschien. Im ersten Buch schildert Rabelais, wie Gargantua die Abtei Thelema bauen lässt, in der Männer und Frauen nicht nach irgendwelchen Ordensregeln, sondern einzig nach ihrem freien Willen und Gutdünken leben. „Fay ce que vouldras“, „Tu, was du willst“, ist ihre Devise. 400 Jahre später errichtete Aleister > Crowley in einem Landhaus in der Nähe von > Cefalù auf Sizilien in Anlehnung an die Erzählung Rabelais‘ seine Abtei Thelema, in der er und seine Anhänger gemäß seinem Gesetz > Thelema lebten. Das ausschweifende Leben sowie der mysteriöse Tod eines Ordensmitgliedes veranlassten die italienischen Behörden 1923, Crowley des Landes zu verweisen. Etwa zwei Jahre später wurde auch die Abtei geschlossen.

Lit.: Eschner, Michael D.: Der Orden Thelema. Berlin: Stein-der-Weisen-Verlag Kersken-Canbaz, 1983.

Abteilung für Parapsychologie, Universität von Virginia (Division of Parapsychology, University of Virginia). 1968 wurde an der Universität von Virginia ein Forschungsprogramm zum Studium der verschiedenen Aspekte der > Parapsychologie errichtet. Die Forschung erfolgt am Institut für Psychiatrie, University of Virginia Medical Center, Charlottesville, Va. 22901. Die Leitung übernahm Prof. Ian > Stevenson, der besonders durch seine Reinkarnationsforschung hervortrat.

Abteilung für Psychologie und Parapsychologie, Andhra Universität, Indien. 1967 wurde an der Andhra Universität in Indien eine Abteilung für Psychologie und Parapsychologie gegründet, an der Studenten den Dr. phil. auch in Parapsychologie erwerben können. Der erste Leiter war K. Ramakrishna Rao. Adresse: Andhra University, Visakhapatnam 530 003, A.P., Indien.

Abtun wird die Beseitigung des von einer Hexe verursachten Übels durch diese selbst genannt.

Lit.: Walz, Rainer: Hexenglaube und magische Kommunikation im Dorf der Frühen Neuzeit. Die Verfolgungen in der Grafschaft Lippe. Paderborn: Schöningh, 1993.

Abu. Sumerischer Vegetationsgott. Er soll aus dem Scheitel von > Enki, dem „Herrn der Erde“, geboren worden sein – Sinnbild für das Hervorsprießen der Pflanzen aus der Erde.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Abu-El-Hasan Ash-Shadhili (1196 – 1252). Großer sufischer Meister und Gründer des Ordens der Shadhiliten.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Abu Gosch. Dämon des Blutes, des Krieges und des Mordes. Er gehört zur sechsten Legion der Mächte des Himmels. Den Besessenen fügt er Schnitte und Verwundungen zu, weshalb sein Name bei Besessenheitsfällen immer wieder genannt wird.

Lit.: Delacour, Jean-Baptist: Apage Satana! Das Brevier der Teufelsaustreibung. Genf: Ariston, 1975.

Abu Yazid al-Bestami (801? – 874). Bekannter islamischer Mystiker und Gründer der ekstatischen Schule des > Sufismus. Er wurde in Bestam im Nordosten des Iran geboren, daher auch sein Name. A. spricht, wohl unter dem Einfluss von > Vedanta, vom vollständigen Aufgehen und Einswerden mit der Göttlichkeit, gefolgt von einer langen Isolation und der Rückkehr zum Selbst. Als er mit dem Sufikonzept der Begegnung mit Gott in der Rolle des Liebenden und Geliebten begann, stellte er fest, dass diese Liebe in sich selbst ein Hindernis ist. Er verzichtete daher auf die konventionelle Gebetspraxis in der Moschee, die Pilgerfahrt nach Mekka sowie auf Askese und Meditation. Die einen betrachteten ihn als Heiligen und schrieben ihm eine Reihe von Wundern zu, die anderen sprachen ihm jegliche Normalität ab und interpretierten seine Äußerungen als Produkt von Trunkenheit.

Lit.: Zaehner, Robert C.: Hindu and Muslim Mysticism. London, 1960; Zaehner, Robert C.: Mystik religiös und profan. Stuttgart: Klett, o. J.

Abudatsuma (jap. für sanskr.: abhuta-dharma). Ein paranormales Ereignis, ein von einer Gottheit im Hinduismus oder von einem > Buddha im > Buddhismus vollbrachtes Wunder.

Lit.: Bowker, John (Hg.): Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 1999.

Abulafia, Abraham ben Samuel (1240 – 1291). Kabbalistischer Mystiker aus Saragossa, der sich als Messias ausgab. Er wollte sich Papst Nikolaus III. stellen, der jedoch 1280 völlig unerwartet starb. Nach mehrmonatiger Gefangenschaft wurde A. freigelassen und reiste anschließend mit einer Schar von Anhängern nach Sizilien. In seiner Lehre spielt die geistige Integration als visionärer Seelenflug eine größere Rolle, was an den > Yoga der Inder erinnert: Abkehr von der Welt, um sich durch Kontemplation des Namens Gottes mit dem Absoluten zu verbinden. A. ist Autor des Kommentars Gan Naul (Verschlossener Garten) zum > Sefer Jezira, von Sefer ha Oth (Buch des Zeichens), einer merkwürdigen Apokalypse, dem einzig uns erhalten gebliebenen Werk von 1288, sowie der Traktate Das Buch des Rechtschaffenen und Das Buch des Lebens. Besonders wichtig war für ihn die göttliche Symbolik der Heiligen Schrift und des hebräischen Alphabets. Sein Ziel war es, die Seele zu entriegeln, die Knoten aufzulösen, die sie binden.

Lit.: Idel, Moshe: A. Abulafia’s Works and Doctrine. 2 Bde. Diss., Jerusalem, 1976 (hebr.); Idel, Moshe: Abraham Abulafia und die mystische Erfahrung. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verl., 1994.

Abulafia, Todros (2. H. des 13. Jhs.). A. war Schatzmeister von König Sanchos II. von Kastilien und schuf in Anlehnung an Platons Ideenlehre die Lehre von den 10 Kelippoth (wörtl. „Schalen, Rinden, Hülsen“), die als materielle Formen den 10 > Sephiroth entsprechen.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Abulie (griech. bule, Wille). Willenlosigkeit, Unfähigkeit, Entschlüsse zu fassen; kann bei organischen Hirnstörungen, Depression, Demenz, Stupor, aber auch bei > Mediumistischen Psychosen auftreten.

Lit.: Bender, Hans (Hg.): Parapsychologie: Entwicklung, Ergebnisse, Probleme. Darmstadt: Wiss. Buchges., 51976.

Abundantia. Die römische Göttin A. ist die Personifikation des Überflusses (abundantia). Sie lebte in der Domina Abundia, der Dame Habonde des französischen Volksglaubens weiter, die des Nachts angeblich würzige Wiesen durchstreift und Ställe und Häuser besucht, um den Menschen Wohlstand zu bringen.

Lit.: Wissowa, Georg: Religion und Kultus der Römer. München: Beck, 1902.

Abusir, Kernbohrungen. Die Kernbohrungen in den Steinbrocken des Totentempels der Sahure-Pyramide in Abusir (Ägypten), deren Alter sich auf 4.300 Jahre beläuft, sind bis heute Gegenstand der Diskussion. Handelt es sich bei den Bohrlöchern tatsächlich, wie von Fachleuten versichert, um Riegellöcher für die Türen des Totentempels aus früher Zeit oder entstanden sie später?

Lit.: Bürgin, Luc: Geheimakte Archäologie. München: Bettendorf, 1998.

Abwärts, aufwärts. Bei verschiedenen Zauber- und Heilhandlungen ist es von Bedeutung, ob sie ab- oder aufwärts erfolgen. Wasser, das für Zauber- oder Heilzwecke verwendet wird, soll stillschweigend stromabwärts vor Sonnenaufgang geschöpft werden. Ähnliches gilt für die Zubereitung der Heilpflanzen. So sagt > Agrippa von Nettesheim u. a. von der > Nieswurz: „Wenn man nämlich beim Einsammeln dieses Krautes die Blätter entweder a. oder aufwärts zieht, so verursacht diese Bewegung, dass sie beim Purgieren die Säfte entweder nach oben oder nach unten leiten“ (Agrippa, I, 235). Von besonderer Bedeutung wird „abwärts“ und „aufwärts“ bei den Heilhandlungen, insbesondere beim Streichen. > Mesmerismus.

Lit.: Kuhn, Adalbert; Schwartz, W: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche. Leipzig, 1848; Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim: Magische Werke. 5 Bde. Berlin, 1916.

Abwärtsverursachung, kausaler Einfluss von nächsthöheren Ganzheiten auf darunterliegende. Nach ganzheitlichem Denken ist ein System oder eine Ganzheit entgegen dem > Reduktionismus nicht vollständig auf seine materiellen Teile reduzierbar. In einer höheren Schicht existieren Eigenschaften, die in der nächstniederen auch nicht ansatzweise vorhanden sind, denn jede Schicht ist durch wesentlich Neues gekennzeichnet, das sich aus den neuen Beziehungsmustern der Teile der nächstniederen Schicht, aber nicht aus deren Gegenstandseigenschaften ergibt. Auch die nächsthöheren Ganzheiten werden als Kausalprinzip anerkannt. Dies entspricht den Grundaussagen der hermetischen Philosophie: „wie oben, so unten“.
Solche schichtungsinvariante Prinzipien sind z. B. das > Simileprinzip (Resonanzprinzip, Ähnlichkeits- / Gleichheitsprinzip), das > Polaritätsprinzip (> Yin-Yang-Prinzip), das > Pars-Pro-Toto-Prinzip (Holographisches Prinzip) und das Prinzip der Mitte.
Die letzte Konsequenz dieser Denkweise ist, dass lebende Systeme nicht ausschließlich auf physikalische und chemische Systeme reduzierbar sind.

Lit.: Ammon, Günter: Der mehrdimensionale Mensch: zur ganzheitlichen Schau von Mensch und Wissenschaft. München: Pinel Verlag, 1986; Schulz, Reinhard: Selbstorganisationskonzepte – Entwürfe einer neuen Naturphilosophie? Über ganzheitliches Denken im naturwissenschaftlichen Unterricht. Oldenburg: Univ. Oldenburg, Zentrum f. Pädagog. Berufspraxis, 21992.

Abwaschung. Reinigungszeremonie, die bereits in den Mysterien der Antike üblich war und in den religiösen Riten die verschiedensten Formen aufweist. Sie findet sich auch in esoterischen Praktiken, in Ritualen von Geheimgesellschaften und in einzelnen Hochgradriten der Freimaurerei. So ist die aus der „Zauberflöte“ bekannte Wanderung durch Feuer und Wasser nicht als Mutprobe, sondern als Reinigungszeremonie gedacht. Ebenso dient die Abwaschung in den Ritualen vieler Johannislogen der symbolischen Reinigung.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Abwehr. Sträuben des Ichs gegen unerwünschte oder unerträgliche Vorstellungen und Gefühle (Freud 1, 423 – 459). Der Begriff wurde in dieser Bedeutung 1894 von S. Freud (1, 61) in die Psychoanalyse eingeführt, nach 1896 durch „Verdrängung“ ersetzt und 1926 zur allgemeinen Bezeichnung für all jene Techniken wieder aufgenommen, „deren sich das Ich in seinen eventuellen, zur Neurose führenden Konflikten bedient, während Verdrängung der Name einer bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt, die uns infolge der Richtung unserer Untersuchungen zuerst besser bekannt geworden ist“ (Freud 14, 196).
In der Magie bedeutet Abwehr die Abwendung von Einflüssen böser Geister mittels > Abwehrzauber.

Lit.: Freud, S.: Zur Ätiologie der Hysterie (1896), GW 1, S. 423 – 459; Freud, S.: Die Abwehrneuropsychosen (1896), GW 1, S. 61; Freud, S.: Hemmungen, Symptom und Angst (1926), GW 14, S. 196.

Abwehrmechanismen (engl. defense mechanisms). Unbewusste Techniken des Ichs zur Verteidigung gegen Triebansprüche des Es und die daraus entstehenden Konflikte. Anna Freud unterscheidet dabei folgende Mechanismen: Apathie oder Resignation, Fixierung, Flucht, Identifikation, Intellektualisierung, Introjektion, Isolierung, Konversion, Negation, Phantasie(n) / Realitätsverleugnung, Projektion, Rationalisierung, Reaktionsbildung, Regression, Rückzug oder Sublimierung, Übertreibung, Ungeschehen-Machen, Verdrängung, Verleugnung, Verschiebung, Wendung gegen die eigene Person.
In der Parapsychologie bedient man sich zuweilen der Dynamik solcher Mechanismen zum Verständnis paranormaler Ereignisse, ohne dass damit schon eine Erklärung gegeben wäre. Eine von Abwehrmechanismen getragene Psychodynamik ist nicht schon Auslöser eines parapsychischen Phänomens, denn alle Phänomene, die sich durch Abwehrmechanismen erklären lassen, haben als rein psychische Phänomene zu gelten. So können Abwehrmechanismen das > paranormale Phänomen höchstens fördern oder auch verhindern, wie etwa > Besessenheit, > Psychokinese, > Spuk, > Telepathie usw.

Lit.: Freud, Anna: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Wien, 1936.

Abwehrzauber. Magische Maßnahmen zum Fernhalten oder Unwirksammachen von schädigendem Zauber. Dabei können folgende Hauptgattungen von Abwehrhandlungen unterschieden werden: 1) gegen menschliche Bosheit, 2) gegen Hexen und Hexer, 3) gegen Tote, 4) gegen Dämonen, 5) gegen böse Kräfte.
Als Abwehrmittel dient alles, was verwendet wird, wobei sich folgende Bezeichnungen eingebürgert haben: lat. servatoria, rettend; griech. apotropaia, Abwehrmittel; phylakteria, Schutzmittel; (pro-)baskania, Tötung durch den Blick (Seligmann, 4).
1) Die Abwehr gegen menschliche Bosheit umfasst vor allem das Unwirksammachen feindlichen Zaubers durch Gegenzauber; Begegnung von Verwünschungen durch Ausspucken oder Anspucken; Abschirmung des > bösen Blickes (Hovarka, 37) durch Ausstrecken des kleinen und des Zeigefingers, > Talismane oder das Klopfen auf die Schulter; Schutz des Eigentums durch Diebesbann, geschriebene Sprüche und Glockengeläute. Ist das Gut bereits gestohlen, versucht man es durch direktes magisches Einwirken auf den Dieb zurückzubekommen.
2) Abwehrriten gegen > Hexen und > Hexer vornehmlich durch Verwendung geweihter Gegenstände wie Weihwasser, Weihrauch und Glockengeläute, Anwendung des > Drudenfußes, Erzeugen von Lärm und symbolhafte Verbrennung der Hexe.
3) Verhinderung der Rückkehr der > Toten und der von ihnen befürchteten Rachehandlungen durch desorientierendes Herumtragen des Leichnams zwecks Verlust der Orientierung, damit der Tote den Heimweg nicht mehr finde (Beth, 12 – 14). Diese Riten gehen auf Denkformen zurück, wo man noch nichts von einer dem Körper gegenüber selbständigen Seele wusste. Auch die Grabbeigaben und das Verbrennen der Leiche sollen eine Rückkehr verhindern. Im christlichen Glauben soll schließlich durch das Gebet die Seelenruhe des Verstorbnen gesichert werden.
4) Entziehung der Kraft und Wirkungsmöglichkeiten der > Dämonen durch übelriechende Stoffe, durch Zaubermittel wie Zettel mit Zauberformeln, Stahl und Stahlgeräte (Beth, 12 – 17), insbesondere aber durch Gebet und religiöse Gegenstände (Katechismus, 1993). 5) Neben den genannten Formen des Abwehrzaubers gibt es auch den Abwehrzauber gegen das > Böse selbst durch Tragen von > Amuletten und in Form zahlreicher Volksriten.

Lit.: Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. Bd. 1. Stuttgart, 1908 – 09; Seligmann, Siegfried: Der böse Blick und Verwandtes, Bd. 2. Berlin, 1910. Nachdr.: Hildesheim: Olms, 1985; Beth, Karl: Religion und Magie bei den Naturvölkern. Leipzig, 21927; Katechismus der Katholischen Kirche. München: Oldenburg, 1993; Scholz Williams, Gerhild: Hexen und Herrschaft. Überarb. Ausg. München: Fink, 1998.

Abweichung (engl. deviation, fr. ecart, it. scarto). Die Höhe, in der eine beobachtete Trefferzahl oder eine Durchschnittstrefferzahl bei ASW-Tests von der mittleren Zufallserwartung oder dem zufälligen Durchschnitt abweicht. Eine Abweichung vom Mittelwert kann für eine Serie von Versuchsreihen oder für eine einzige Versuchsreihe erstellt werden.

Lit.: Rhine, J. B.: Parapsychologie. Bern: Francke Verlag, 1962.

Abwesenheitstelepathie bezeichnet den telepathischen Kontakt mit einer Person, die nicht (im selben Raum) anwesend ist. Von A. ist vornehmlich in spiritistischen Sitzungen die Rede, wenn das Medium den Anwesenden völlig Unbekanntes über abwesende Personen mitteilt oder mitzuteilen hat. Während bei Aussagen über Handlungen und Vorstellungen lebender Personen, die nicht anwesend sind, gewisse Kontrollmöglichkeiten bestehen, entziehen sich Aussagen über Handeln und Denken Verstorbener jeglicher Wahrheitsfindung, denn die „Geister“, die sich über ein Medium mitteilen oder von diesem telepathisch kontaktiert werden, liegen außerhalb der empirischen Kontrollmöglichkeit.

Lit.: Moser, Fanny: Der Okkultimus. Täuschungen und Tatsachen. München: Ernst Reinhardt, 1935, S. 543.

Abydos. Hauptort des > Osiriskultes.

Abyss (lat. abyssus), bodenloser Abgrund; bezeichnet in Magie und Kabbala den Abgrund oder die Kluft zwischen dem An-sich-Seienden (dem Geist) und dem Phänomenalen (der Erscheinungswelt).
In der Kabbala ist Abyss der Abgrund zwischen den drei > Sefirot des Göttlichen: > Kether = Krone, > Chokmah = Weisheit sowie > Binah = Verstand, und den sieben Sefirot der äußeren Kräfte. Abyss wird gelegentlich auch mit der so genannten elften Sefira, Da`at = Erkenntnis, gleichgestellt, die nach Binah angesiedelt wird, weil durch Seine Erkenntnis Urtiefen gespalten wurden, wie Spr 3, 19 nach der Torah (Maier, 159) zu verstehen sei: „JHW´´H – durch Weisheit gründete Er Erde, richtete Himmel ein durch Einsichtigkeit, durch Seine Erkenntnis wurden Urtiefen gespalten“. Nach den Vorstellungen der Magie könne diesen Abgrund nur der > Adept überschreiten.
Abyss dient auch als Ausdruck für eine Daseinsbegründung ohne Beziehung, zur Bezeichnung des Zustandes der Welt vor dem Schöpfungsakt und zur poetischen Beschreibung des Totenreiches > Scheol.

Lit.: Maier, Johann: Die Kabbalah. München: Beck, 1995.

ABZ > Außergewöhnliche Bewusstseinszustände.

Abzapfen. Wissens- und Erlebniserwerb durch paranormalen Kontakt mit anwesenden oder abwesenden Personen. Dabei kann sich die betroffene anwesende Person empfindungsmäßig des Abzapfens bewusst werden. Meist handelt es sich hier um reine Mutmaßungen, die jedoch zu Abneigungen führen können. Das Abzapfen abwesender Personen oder von „Geistwesen“ entzieht sich zwar jedweder Kontrollmöglichkeit, kann aber Angst auslösen. > Gedankenabzapfen, > Gedankenlesen, > Abwesenheitstelepathie.

Lit.: Lehmann, Alfred: Aberglaube und Zauberei. Bindlach: Gondrom, 1990.

Abzu > Apsu.

 

Begriffe Ac

AC. 1. Gebräuchliche Abkürzung für > Aszendent. 2. Engl. für anomalous cognition > Anomale Erkenntnis.

Acaça > Akasha.

Acacia > Akazie.

Academia de Estudo Psichicos „Cesar Lombroso“. Die Akademie für Psychische Forschung „Cesar Lombroso“ wurde 1919 von José de Freitas Tinoco in São Paulo, Brasilien, gegründet; Tinoco wurde zum ersten Ehrenpräsidenten ernannt. Den Vorsitz übernahm Dr. Carlos Pereira de Castro. Die erste Arbeit betraf die Untersuchung des Mediums Carlos > Mirabelli in 392 Sitzungen mit bemerkenswerten Ergebnissen.

Lit.: Fodor, Nandor: Encyclopaedia of Psychic Science. New York: University Books, Inc., 1966.

Academia masonica. Von Dr. Paul Hänsel ins Leben gerufener Verein zur wissenschaftlichen Erforschung der > Freimaurerei. Zur Mitarbeit kann jeder einer regulären, symbolischen Freimaurerloge angehörende Bruder herangezogen werden. Die Mitarbeiter teilen sich in zwei Kreise: Im inneren Kreis können nur Personen sein, welche sich bereits durch freimaurerische Arbeit, die von eben diesem inneren Kreis approbiert wurde, qualifiziert haben. Zum äußeren Kreis kann jeder Br. zugelassen werden, sofern der innere Kreis seine Zustimmung gibt.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Acala („der Unerschütterliche“). Gottheit des indischen Buddhismus. Als „Schützer der Lehre“ steht sein Bild, dreiäugig, zähnefletschend und mit sechs Armen, vor den Tempeln, um Feinde abzuwehren. Als Waffen trägt er Schwert, Donnerkeil, Beil und Schlinge.

Lit.: Lexikon der Religionen. Hg. v. Hans Waldenfels. Freiburg u. a.: Herder, 1987.

Acarie, Barbe, geb. Avrillot (1566 – 1618), heiratete 1582 Pierre Acarie und machte ihre Pariser Wohnung („Hotel Acarie“) zu einer Begegnungsstätte führender spiritueller Persönlichkeiten (unter ihnen auch Franz von Sales). Nachdem sie 1601 die Werke der > Theresia von Avila kennen gelernt hatte, bemühte sie sich erfolgreich um die Einführung der Karmelitinnen in Frankreich. Nach dem Tod ihres Gatten 1614 trat sie als Mutter von 6 Kindern unter dem Namen Maria von der Inkarnation zu Pontoise in den von ihr mitbegründeten Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen ein. Ihr Leben war gekennzeichnet von mystischer Gotteserfahrung, häufigen Ekstasen und anderen mystischen Charismen. 1791 wurde sie selig gesprochen.

Lit.: Boucher, Jean Baptiste Antoine: Vie de la bienheureuse Soeur Marie de l’Incarnation, dite dans le monde Mad. Acarie. Paris: Barbou, 1800; Paulus, Martha: Barbe Acarie. München: Schnell & Steiner, 1949.

Acatius (Acacius, Achatius, Agatius). Der heilige A., Hauptmann aus Kappadokien bzw. Anführer der 10.000 Märtyrer vom Berge Ararat, zählt zu den 14 Nothelfern. Seine Reliquien sind in einem amtlichen Verzeichnis von Engelsberg (Schweiz) aus dem 12 Jh. aufgeführt mit Hinweis auf seine Wunderkraft, insbesondere gegen Feuer (multum valet contra ignem).

Lit.: Delehaye, Hippolyte: Die hagiographischen Legenden. Übers. Von E. A. Stückelberg. Kempten: Kösel, 1907.

Acca Larentia (auch Larentia), altrömische Mutter- und Schutzgöttin. Acca stellt ein Lallwort für Mutter dar und Larentia steht in Verbindung mit der sabinischen Gottheit > Larunda. Hingegen ist die Verbindung mit > Laren und > Larven unsicher.
Die zugrundeliegende Mythologie beruht auf zwei Versionen:
Nach > Varro forderte ein Tempeldiener des > Hercules den Gott zu einem Würfelspiel heraus, dessen Preis eine Mahlzeit und ein Mädchen waren. Der Diener verlor. Die Mahlzeit wurde durch eine Flamme verzehrt und dem Mädchen versprach der Gott im Traum, dass sie ihren Lohn von jenem Mann erhalten werde, der ihr als Erster begegnete. Sie traf auf den reichen Tarutius, der sie sogleich heiratete. Zur Witwe geworden, vermachte sie das Vermögen dem römischen Volk. Aus diesem Grund wurde das Fest > Larentalia gefeiert.
Nach der zweiten Version ist A. L. die Frau des Hirten Faustulus und damit die Amme von > Romulus und Remus. Da sie früher eine lupa (Dirne) war, entstand die Sage von der Wolfssäugung der Zwillinge. Nach dem Tod des Faustulus heiratete sie den genannten Tarutius und setzte das römische Volk zum Erben ein.
Bei der Neubelebung der Kulte durch Augustus tauchte die Geschichte von zwölf Söhnen der A. L. auf. Als einer davon starb, soll Romulus seinen Platz eingenommen haben und man bezeichnete die Söhne daraufhin als
fratres arvales > Arvalbrüder.
A. L. wurde zuweilen auch der Beiname Fabula gegeben, wodurch sie zur Ahnherrin des Geschlechts der Fabier, einer der führenden Patrizierfamilien Roms, wurde. In diesem Zusammenhang entstand wohl auch das Priesterkollegium der Luperci Fabiani.

Lit.: Varro, Marcus Terentius: M. Terenti Varronis De vita populi Romani (ad Q. Caecilium Pomponium Atticum librorum 4 reliquiae): fonti, esegesi, ed. crit. dei frammenti / Benedetto Riposati. Milano: Vita e pensiero, 1939.

Accademia dei Segreti (it.), Akademie der Geheimnisse. In dieser Akademie versammelte der Naturphilosoph Giambattista > della Porta (1535 – 1615) in Neapel einen Kreis von Gelehrten um sich, um die Ansichten seiner Magia naturalis (1558) bekannt zu machen und den Geheimnissen der Natur nachzuspüren.

Lit.: Della Porta, Giovanni Battista: Magia naturalis. Nürnberg, 1715.

Accepted (Acceptance, Acception). Aus dem Rechnungsbuch der „Worshipful Company of Masons of the City of London“, das im Jahre 1619 angelegt wurde, geht hervor, dass in der Company neben den Freemen und Liverymen noch eine Kategorie von Mitgliedern bestand, die der Vereinigung Acceptance oder Accepcion / Acception angehörten. Es handelte sich dabei um eine besondere Abteilung der Company, der heute noch bestehenden Gilde der Werkmaurer, die für die Aufnahme in den engeren Kreis besondere Taxen vorschrieb. Im Nachweis der Accepted liegt nicht nur die Deutung des Namens Free and A. Masons, sondern auch der strikte Beweis der Abstammung der Freimaurerlogen von den alten > Bauhütten und damit der Beweis für die einzig richtige Tradition der > Freimaurerei, die nur aus Bauhüttenbräuchen und deren Symbolik zu verstehen sei. Alles andere habe als aufgepfropft zu gelten.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Accolade (auch Akkolade), lat. ad collum. In den ritterlichen Bräuchen Ritterschlag auf die Schulter, verbunden mit Umarmung und Kuss.

Ach, Plur. Achu. Ägyptisches Wort für „Licht“, das im weiteren Sinne den „verklärten Verstorbenen“ im Gegensatz zu den Lebenden und Verdammten bezeichnet. Während der > ba und der > ka unterschiedliche Aspekte des erlösten Toten beinhalten, bezeichnet „ach“ die Kombination der verschiedenen Elemente als eine Person.

Lit.: Forman, Werner: Die Macht der Hieroglyphen. Stuttgart: Kohlhammer, 1996; Bonnet, Hans: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. 3., unveränd. Aufl. Berlin: Walter de Gruyter, 2000.

Achad, Frater > Jones, Charles Stansfeld.

Achaius. Legendärer schottischer König, dem nach der Ordenslegende des > Andreasordens in einer blutigen Schlacht ein weißes Balkenkreuz erschien, das in seiner besonderen Form noch heute als > Andreaskreuz bekannt ist. Der Apostel Andreas ist Schutzpatron von Schottland. Der Orden selbst war ursprünglich wohl eine christliche Ritterschaft, die 1687 von Jakob II. eine Organisation erhielt.

Lit.: Frick, Karl R. H.: Licht und Finsternis. Graz: ADEVA, 1978.

Achamoth (hebr.). Wort für Weisheit nach Spr 9, 1. In der > Gnosis ist A. die untere Weisheit. Sie ist außerhalb des Lichts und des Pleroma. Ihre Befreiung erfolgt durch den obersten Christus. Diese geschieht aber noch nicht durch die Erkenntnis (Gnosis), sondern ist nur ein erster Schritt, der darin besteht, dass die A., die bis zu dieser Befreiung jedweder Gestaltung und allen Bewusstseins entbehrt hat, zur Wahrnehmung ihres Leidens und zur Sehnsucht nach dem Höheren gelangt. Sie bleibt jedoch weiterhin in tiefer Unwissenheit über alles, was über ihr ist, und all ihre Leiden sind nichts als die Qualen des in Endlichkeit befangenen Geistes. Erst ihr Gebet an das von ihr gewichene Licht bringt ihr Befreiung von den Qualen, indem der > Soter zu ihr herabkommt und sie durch Vermittlung der Gnosis zu dem ihr noch fehlenden Bewusstsein der übersinnlichen Welt erwacht und so von allen sinnlichen Affekten befreit wird.

Lit.: Kurt, Rudolph (Hg.): Gnosis und Gnostizismus. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 1975.

Acharya (sanskr.), Lehrer, Meister. Im Hinduismus Bezeichnung für den spirituellen Meister, der die philosophischen Systeme beherrscht und die in ihnen enthaltenen Wahrheiten verwirklicht. Zahlreiche große Heilige erhielten diese Bezeichnung als Namensergänzung, so z. B. Shankaracharya für Shankara.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Achat (engl. agate). Unter A. wird eine ganze Edelsteinfamilie zusammengefasst: roter A. oder Karneol, Obsidian, Laubachat oder Moosachat, Chalcedon; weißer A. oder Anacthit, Hirschhornstein, Stephanstein und Adlerstein.
Der älteste Achat stammt aus Ägypten. Die Chinesen kennen ihn unter dem Namen Manao. In Indien, Nepal und Tibet wird dem enggebänderten A. besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Dort ist er ein Glücksbringer, der auch das Leben verlängern soll. Nach Theophrast soll der kostbare Stein aus dem Fluss Achates in Sizilien stammen, während Plinius einige seiner Merkmale aufzählt, so etwa seinen an Myrrhe erinnernden Duft beim Erhitzen, seine Bäumchen ähnlichen Maserungen oder die ihn durchziehenden goldenen Pünktchen.
Je nach Färbung wurde dem A. bereits seit der Antike als beliebtem Schmuckstein eine Symbolverbindung zum > Mond oder zum Planeten > Merkur nachgesagt. In seinen Adern wollte man Göttergestalten erkennen und schrieb ihm daher auch magische Kräfte in vielerlei Hinsicht zu: Abwendung von Unwettern, Bannung der Überschwemmung von Flüssen, Entgiftung bei Schlangenbiss, Schutz vor Fallsucht und Mondsüchtigkeit. Besonders die Augensteine sollten vor dem > Bösen Blick schützen.
Wird der A. auf der bloßen Haut getragen, so dass er sich erwärmt, macht er den Träger tüchtig, verständig und klug in der Rede. Wird er nachts, bevor sich der Mensch zu Bett legt, in Kreuzform durch sein Haus getragen, haben Diebe dort keine Chance.
In der arabischen Medizin wird dem roten Achat die Kraft zugeschrieben, Blutungen zu stillen, die Geburt zu erleichtern, vor dem Bösen Blick und vor > Hypnose zu schützen. Nach der neueren esoterischen Medizin beeinflusst der A. das Basis-Chakra, der rote Achat wirkt gegen Tumorerkrankungen und der Laubachat hilft gegen Lymphdrüsen-, Nieren- und Lebererkrankungen. Magier schätzen den A. als Liebesstein, der übrigens auch den Durst löschen könne.
Eine weitere Besonderheit des kostbaren Steins ist die ihm zugeschriebene Funktion bei der Perlensuche. Perlenfischer ließen den A. an einer Schnur in das Wasser hinab und warteten, bis der Stein über einer Perle stehen blieb. Wegen dieser Fähigkeit des Steins, Perlen ausfindig zu machen, verglich man den A. mit Johannes, der geistliche Perlen aufzeigte (Becker, 8).

Lit.: Paulys Realencyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart 1839 ff., Bd. 1 1894; Ruppenthal, A. (Hg.): Mythologie der Edelsteine. Idar-Oberstein/Georg-Weierbach: Prinz Druck GmbH & Co. KG, 1988; Rätsch, Christian; Guhr, Andreas: Lexikon der Zaubersteine aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1989; Hildegard von Bingen: Das Buch von den Steinen. Salzburg: Otto Müller, 31997; Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Freiburg: Herder, 1998; Giener, Michael: Lexikon der Heilsteine. Saarbrücken: Neue Erde, 32000.

Acheiropoeta > Acheropita.

Achelóos (griech.), griechischer Flussgott, namensgleich mit dem Fluss, der in das Jonische Meer mündet; Sohn des > Okeanos und der > Tethys. Im Mythos rang A. zunächst in Gestalt einer Schlange, dann in der eines Stieres mit Herkules um den Besitz der Deianeira. Verheiratet mit der Muse Melpomene, galten die > Sirenen (Acheloiden) als seine Töchter. Seit dem 6. Jh. v. Chr. findet sich A. unter dem Namen Achlae mit bärtigem Kopf und Stierhörnern dargestellt in Etrurien.

Lit.: Isler, Hans Peter: Achelóos. Bern: Francke, 1970.

Acheron (griech.). Der Sohn von Sonne und der Erde versah die > Titanen, welche gegen den > Olymp kämpften, mit Wasser, und wurde daher in einen Fluss, dessen Wasser schlammig war, verwandelt und in die Unterwelt verwiesen. Nach anderen Autoren war A. der auf Kreta geborene Sohn der > Ceres, der das Tageslicht nicht ertragen konnte und deshalb in die Unterwelt ging. Die Seelen der Abgeschiedenen wurden von > Charon über den Fluss Acheron getragen, weshalb „über den Acheron gehen“ zur sprichwörtlichen Bezeichnung für „sterben“ wurde, da die Seelen, die ihn überschreiten, keine Hoffnung auf Wiederkehr haben. A. fand auch Verwendung zur Bezeichnung anderer Flüsse und in zahlreichen literarischen Werken, wie in Virgils Aeneis und in Dantes Divina Commedia.

Lit.: Radermacher, Ludwig: Mythos und Sage bei den Griechen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 31968.

Acheropita (griech., „nicht von Menschenhand gemacht“; engl. acheropite). Von einem solchen Acheropita-Bild wird zum ersten Mal 574 berichtet. In diesem Jahr wurden nach dem Bericht des Historikers Georgios Kedremos die Acheropita aus Kamulia in Kappadokien und Stücke des wahren Kreuzes aus Apameia in Syrien nach Konstantinopel gebracht. Bei den Byzantinern spielte das nicht von Menschenhand gemachte Christusbild eine große Rolle. Es wurde in verschiedenen Schlachten als Fahne vor den Truppen hergetragen. Noch vor 705, also vor Beginn des zweiten Regierungsabschnittes Kaiser Justinians II., verschwand das Bild, das nach seinem Ursprungsort „Kamuliana“ genannt wurde. Es soll nach Rom gekommen und in der Cappella Sancta Sanctorum im Lateran vor den byzantinischen Beamten versteckt worden sein. Die „Acheropsita“ des Laterans sei nämlich nichts anderes als die byzantinische „Acheropita“. Nach der Einnahme Konstantinopels 1204 durch die Kreuzfahrer war die „Acheropsita“ des Laterans nicht mehr gefährdet und wurde daher nach St. Peter gebracht, was spätestens unter Innozenz III. (1198 – 1216) geschehen sei, wo sie zur „römischen Veronica“ wurde. Dante berichtet davon in Paradiso XXXI, Verse 103 – 109. Im Heiligen Jahr 1300, wenn nicht schon früher, wurde sie einem großen Publikum gezeigt, und von da an in jedem Heiligen Jahr. Beim Abriss des zweiten Teils der Peterskirche 1608, wenn nicht schon früher, bei dem auch die Kapelle abgetragen wurde, in der die Veronika [aus dem griechischen Wort eikon (Bild) und dem lateinischen Adjektiv vera (wahr), also das „wahre Bild“] aufbewahrt war, verschwand das Bild aus Rom und tauchte dann im dem Abruzzen-Städtchen Manoppello bei Pescara auf, wo es 1638 den Kapuzinern übergeben wurde und seit 1646 als Volto Santo zur öffentlichen Verehrung ausgestellt ist. Es handelt sich dabei um ein feines durchsichtiges Leinentuch von 24 x 17,5 cm mit dem Abbild eines männlichen Antlitzes, das wie bei einem Dia von der Vorder- und Rückseite betrachtet werden kann. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich das Antlitz der Veronika mit dem Antlitz auf dem Grabtuch von Turin deckt.

Lit.: Schlömer, Blandina P.: Der Schleier von Manoppello und das Grabtuch von Turin. Innsbruck: Resch, 1999; Pfeiffer, Heinrich W.: Die römische Veronika. In: Grenzgebiete der Wissenschaft; 49 (2000) 3, 225 – 240; Resch, Andreas: Das Antlitz Christi: Grabtuch – Veronika. Innsbruck: Resch, 22006.

Acheropsita > Acheropita.

Achillea, Pflanzengattung, zu der die in der Volksheilkunde beliebte Schafgarbe (Achillea millefolium L.) gehört, eine in Europa häufig vorkommende Wiesen- und Wegesrand-Pflanze aus der Familie der Korbblütler mit matt-weißlichen Blüten und vollem, würzigem Duft. Die zahlreichen alten Namen der Schafgarbe, wie etwa > Ambrosia, weisen auf ihre traditionelle Bedeutung hin. Die vielseitig verwendete Heilpflanze wird in den berühmten Kräuterbüchern und naturgeschichtlichen Schriften vergangener Jahrhunderte durchgängig erwähnt, so schon in der Antike bei > Dioskurides (Materia Medica) und > Plinius (Naturalis Historiae), bei > Hildegard von Bingen im 12. Jh. (Physica), im > Hortus Sanitatis (germanice) (1485), bei Hieronymus > Bock (New Kreütter Buch, 1539), Leonhart > Fuchs (New Kreutterbuch, 1543), > Lonicerus (Naturalis historiae, 1551), Caspar > Ratzenberger (Herbarium, 1598) usw. Garbe, Röllike (schwed. röllika), Katzenschwanzl, Lämmerschwanz, Gänsezunge, Hunderippe, Bauchwehkraut, Pestilenzkraut, Pissblum, Sichelkraut, Wundkraut und Blutkraut sind einige der vielen auf Form oder Anwendungsmöglichkeit weisenden Namen für das gern von Schafen gefressene Kraut. Oft wird die Schafgarbe auch zur Hasengarbe. Wegen ihrer fein zerteilten Blätter heißt sie weiters Tausendblatt (lat. millefolium) oder Hundertblatt.
Warum die „tausendblättrige“ A. ihren lat. Namen von dem Helden des Trojanischen Krieges, > Achilleus, erhalten hat, steht in Zusammenhang mit ihrer Bedeutung als ausgezeichneter Wundpflanze. Achilles galt als unverwundbar, da ihn seine Mutter, die Seegöttin Thetis, in den Fluss > Styx getaucht hatte. Der einzig wunde Punkt blieb die Achilles-Ferse, an der ihn seine Mutter gehalten hatte. Hier war es die A., die > Aphrodite erfolgreich empfahl, um die Wunde zu schließen. Ob allerdings die Schafgarbe mit der antiken A. gleichzusetzen ist, bleibt offen. Bis in die Neuzeit hinein ist die Schafgarbe eines der wichtigsten Wundheilmittel geblieben. In Griechenland ist es immer noch Sitte, die frisch zerstoßenen Blätter auf Wunden und Quetschungen aufzulegen. Der Tee aus der Heilpflanze wirkt blutdrucksenkend, harndesinfizierend, entzündungswidrig und krampflösend. Er ist eine Hilfe bei Rheumatismus, Arthritis, Magen- und Gallenbeschwerden. > Hildegard von Bingen beschreibt sie als Heilmittel bei inneren Verletzungen, Fieber und Schlaflosigkeit (Physica I, 113). Die Pflanze ist auch als ein gutes Frauenheilkraut bekannt. Sie enthält viele Bitterstoffe, Gerbstoffe, Flavonoide und Mineralien, besonders Kalium. Außerdem wird aus der A. wertvolles blaues, Azulen enthaltendes > Schafgarbenöl gewonnen.
Der A. millefolium werden auch geistervertreibende und vor bösem Zauber schützende Kräfte zugeschrieben. Selbst Blitze sollen mit ihrer Hilfe abgehalten werden. Für die Slowenen dagegen ist sie eine Zauberkräfte verleihende Pflanze. Aus Irland und England ist die Bedeutung der Schafgarbe im Liebesorakel bekannt. So soll sie etwa einem Mädchen über die Treue ihres Liebhabers Auskunft geben können oder, unter das Kopfkissen gelegt, ihm den zukünftigen Ehemann im Traum anzeigen.
A. (Achillea sp.) gehört zu den Blumen, die Verstorbenen auf ihre Reise mitgegeben werden (Rätsch 1998, 231).

Lit.: Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Rätsch, Christian: Heilkräuter der Antike in Ägypten, Griechenland und Rom. Mythologie und Anwendung einst und heute. München: Eugen Diederichs, 1995; Vickery, Roy: A Dictionary of Plant-Lore. Oxford University Press, 1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

Achillea millefolium > Achillea.

Achilleus (lat. Achilles). 1. Held der Griechen. A., einer der Helden des trojanischen Krieges, ist der Sohn der Seegöttin > Thetis und des Peleus, eines Sterblichen. Als kleines Kind tauchte ihn die Mutter in den Fluss > Styx, damit er unsterblich werde, vergaß jedoch die Ferse (Achillessehne) an der sie den Knaben festhielt, unterzutauchen. An dieser verletzlichen Stelle wurde er beim Kampf um Troja durch Paris tödlich verletzt. In ganz Griechenland genoss er als Heros und im Gebiet des Schwarzen Meeres als Gott große Verehrung, der seit der hadrianischen Zeit den Beinamen Pontarchos („Herrscher des Meeres“) hatte.
2. Bezeichnung eines vom griechischen Philosophen Zeno aufgestellten Schlusses (Trugschluss), um die Unwirklichkeit der Bewegung zu beweisen: Achilleus könne als schnellster Läufer der Griechen eine Schildkröte nicht einholen, denn jedes Mal wenn er dort ankomme, wo die Schildkröte gerade war, sei sie bereits wieder weitergekrochen. Die trennende Distanz besteht nämlich aus einer unendlichen Zahl von Teilen, die in einer endlichen Zeit gar nicht durchlaufen werden können. Der Trugschluss entstehe durch diese unwirkliche Zerlegung des faktisch durchlaufenen Abstandes, der dann in einer endlichen Zeit nicht durchlaufen werden kann. Dabei werden jedoch die Schwierigkeiten, die das Problem der Bewegung dem Denken stellt, offenbar.

Lit.: Hommel, Hildebrecht: Der Gott Achilleus. Heidelberg: Winter, 1980; Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1995.

Achipanganya, Schöpfergott der Mwera am Ilulu (Afrika); er wird auch Mkubwa oder Mkulungwa, „der Große“ genannt. Nur die Ältesten durften ihm opfern, und wenn kein männlicher Ältester anwesend war, dann vollzog das Opfer eine alte Frau. Geopfert wurden meist Mehl oder Bier, Mais und Hirse. „Der Alte zog an die gewählte Stelle, streute ein wenig Mehl auf den Boden“ und sprach dreimal: „Achipanganya, Nandoka, Nambembele, bitt für uns bei Achipanganya. Bitt für uns in dieser Not, aber du weißt sie alle“ (Ohm, 55). Nambembele oder Anabembele wird einmal als „göttliche Weisheit“, dann aber auch als eine Art Engel verstanden.

Lit.: Ohm, Thomas: Stammesreligionen im südlichen Tanganyika-Territorium. Köln; Opladen: Westdt. Verl., 1953.

Achler, Elisabeth (1386 – 1420), auch „Elisabeth Bona von Reute“ oder die „gute Beth“ genannt, wurde am 25. 11. 1386 in Reute, Oberschwaben, Deutschland, geboren und trat mit 14 Jahren in den Dritten Orden der Franziskaner ein. In der 1403 gegründeten Terziarierinnen-Klause von Reute war sie für die Küche zuständig. Sie meditierte vor allem über das Leiden Christi, trug die > Stigmen, hatte > Ekstasen und soll 12 Jahre ohne Nahrung gelebt haben.

Lit.: Köck, Werner: Vita der seligen Elisabeth von Reute. Innsbruck, Univ. Diss., 1972.

Achmet, auch Ahmad ibn Sirin, arabischer Seher und Autor des bekannten Traumbuches > Oneirokritikon (um 820), das indisches, persisches und arabisches Wissen vereint, aber nur mehr in griechischer und lateinischer Fassung überliefert ist, die 1603 in Paris erschien. Ähnlich bekannt sind die > Oneirokritika des > Artemidoros von Daldis (Mitte des 2. Jhs.).

Lit.: Achmetis Oneirocriticon rec. Franciscus Drexl. Leipzig: Teubner, 1925.

Achom, gotthafte Wesen bei den Ägyptern. Der verklärte König wird als der Stärkste von ihnen verehrt. A. wird als überragende Kraft verstanden, die, gleich einem Raubvogel, rasch zugreift. Daher wird das Wort A. mit dem Bild eines Falken geschrieben. Im Neuen Reich wird A. dann als eine allgemeine Bezeichnung für Götterbilder verwendet.

Lit.: Die altägyptischen Pyramidentexte: nach d. Papierabdrücken u. Photogr. d. Berliner Museums / neu hrsg. u. erl. von Kurt Sethe. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1960, 407.

Achsel. Die Achsel stellt bei aufrecht stehenden Menschen den höchsten Teil der oberen Gliedmaßen dar und hat von jeher eine besondere magische Bedeutung. Das Heben der rechten Achsel oder der Blick darüber auf jemanden bekundet Überlegenheit und das Spucken über die Achsel ist ein besonderer Ausdruck der Verachtung.
Der penetrante Schweißgeruch der Achselhöhle wie auch die Achselhaare werden dazu verwendet, um Tiere anhänglich zu machen, indem man ihnen mit Achselschweiß getränktes Brot oder Achselhaare zum Fressen gibt.
Schließlich gilt die Achselhöhle als geeigneter Platz zur Verbergung des Teufelspaktes und als ein beliebter Sitz der Dämonen.
In China erzählt man von zahlreichen psychisch begabten Kindern, dass sie mit den Ohren und den Achselhöhlen sehen könnten. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten diese Fähigkeit allerdings nicht bestätigen.

Lit.: Vernaleken, Theodor: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. Wien, 1859; Wuttke, Adolf: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. Berlin, 1900; Truzzi, Marcello: China’s psychic savants. Omni 66 (1985), 63 – 64, 66, 78 – 79.

Achsendurchstrahlung (oder Achsigkeit). Durchstrahlung materieller Gegenstände durch polariserte Odstrahlen (8. Großkraft der Natur). Die Gegenstände werden nach L. Straniaks Verständnis der > Radiästhesie aus sechs Richtungen des Raumes von S / N / O / W / Höhe und Tiefe durchstrahlt. Dabei unterscheidet er Gegenstände, die nur ein, zwei, drei, vier, fünf und sechs Durchstrahlungen durch die 8. Naturkraft aufweisen. So spricht er von 1-Achser, 2-Achser usw.; es sind drei – polare Richtungen und drei + polare Richtungen erkennbar. Aus der Kombination der sechs Richtungen und deren Polarität ergeben sich 64 Varianten (64 Trigramme beim > I-Ging).

Lit.: Straniak, L.: Radiästhesie: Aberglaube, Betrug oder Teufelskunst? Aktuell: Pendel und Rute für Sie. München: Herold-Verlag Dr. Wetzel, o. J.

Acht. Aufgrund der eigentümlichen arithmetischen und geometrischen Verhältnisse gelangte die Zahl 8 zu besonderem Ansehen. Nach der biblischen Erzählung der Sintflut blieben 8 Menschen übrig: Vater, Mutter, drei Söhne und drei Schwiegertöchter (Gen 8, 16). Am 8. Tag hat die Beschneidung zu erfolgen (Gen 17, 12), und 8 Tage soll das Gedächtnis der Altarweihe dauern (1 Makk 4, 59).
Eine besondere Rolle spielt die 8 in > Hinduismus und > Buddhismus. Der hinduistische Gott > Vishnu hat 8 Arme, die im Zusammenhang mit den 8 Wächtern des Raumes gesehen werden müssen. Im Buddhismus wird die 8 häufig mit der Anzahl der Speichen des > Rad-Symbols und anderen Bezeichnungen verbunden wie > Acht Befreiungen, > Achtfacher Pfad, > Acht Kostbarkeiten, > Acht Überwindungen. In Japan gilt die Acht außerdem als Zahl der im Grunde nicht mess- und zählbaren Größe.
In der Astrologie der Chaldäer dienten acht Orte des Himmels der näheren Bestimmung der Weltgegenden. 8-strahlig ist der Stern der > Ischtar-Venus. Die Etrusker sprachen von acht Weltzeitaltern, die Gnostiker von acht Himmelssphären.
Die Griechen bildeten die Hauptwinde auf einem Oktogon ab. Nach Aristoteles und Pythagoras ist die erste Kubikzahl: 23 = 2 x 2 x 2 = 8 die Vollkommenheit einer Zahl in ihrer 3. Potenz. Die > Pythagoräer nennen die 8 daher auch die Zahl der Gerechtigkeit, weil sie in zwei gleiche Zahlen geteilt werden kann. Hierher gehört auch der Eid des Orpheus bei den 8 Gottheiten: > Feuer, > Wasser, > Erde, > Himmel, > Mond, > Sonne, > Phanes und > Nacht.
Im Christentum verweist die Acht auf den 8. Schöpfungstag, d. h. die Neuerschaffung des Menschen, und ist daher zugleich ein Symbol der Auferstehung Christi und der Hoffnung auf die Auferstehung der Menschen. In der Acht spielt sich die Vollkommenheit des Oktogons in der achteckigen Form des Taufbeckens bzw. der Taufkirche (Baptisterium) als Symbol der Kirche und der Auferstehung Christi ab. 8 ist auch die Zahl der Seligkeiten (Mt 5, 3 – 11).
In der > Numerologie steht die 8 für Charakterstärke und individuelle Zielsetzung.

Lit.: Gräfe, E. H.: Die acht Urbilder des I Ging. Oberstedten / Oberursel  /Ts.: Hugo Gräfe Verlag, 1968; Endres, Franz Carl: Das Mysterium der Zahl: Zahlensymbolik im Kulturvergleich / Schimmel, Annemarie. München; Kreuzlingen: Hugendubel, 1984; Hausmann, Axel: Kreis, Quadrat und Oktogon. Aachen: Meyer & Meyer, 1994; Kritzinger, Helmut-Whitey: Numerologie. Aitrang: Windpferd, 1996; Hitchcock, Helyn: Das große Buch der Numerologie. München: Goldmann, 1999.

Acht Befreiungen (sanskr. Ashta-Vimoksha), acht Stufen der meditativen Sammlung zur Befreiung jeder Anhänglichkeit an das Körperliche und Unkörperliche: 1. Erkennen von Formen im Inneren und Äußeren; 2. Erkennen von Formen im Äußeren; 3. Wahrnehmen des Schönen; 4. Erlangen des Gebietes der Unendlichkeit des Raumes; 5. Erlangen des Gebietes der Unendlichkeit des Bewusstseins; 6. Erlangung des Gebietes des Nichts; 7. Erlangung des Gebietes der Weder-Wahrnehmung-Noch-Nichtwahrnehmung; 8. Erlöschen von Wahrnehmung und Gefühlen.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Acht Kostbarkeiten (sanskr. Ashtamangala), acht Symbole der Verehrung des Weltenherrschers und im übertragenen Sinne des > Buddha, die in chinesischen Klöstern vielfach vor den Standbildern des Buddha auf Lotosständern aufgestellt sind. Es sind dies: Fahne (Siegeszeichen der Religion), Fische (Zeichen des indischen Weltenherrschers), Knoten des unendlichen Lebens, Rad der Lehre, Lotosblume (Symbol der Reinheit), Muschelhorn (Symbol des Sieges im Kampf), Schirm (Symbol der königlichen Würde, die Unheil abhält), Weihwassergefäß (gefüllt mit dem Nektar der Unsterblichkeit).

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Acht Lehren (Lehrweisen) und fünf Zeitabschnitte. Klassifizierung der Lehren des > Buddha vom Standpunkt der > Tendai-Sekte durch deren chinesischen Gründer, Chisha Daishi. Die Lehren werden in vier Doktrinen sowie zusätzlich in vier Auslegungsmethoden eingeteilt und stellen fünf Stufen der Belehrung von der ersten bis zur letzten und höchsten dar, wie sie der Buddha gab.

Lit.: Kapleau, Philip (Hg.): Die drei Pfeiler des Zen. Zürich: Rascher, 1969.

Acht Überwindungen (sanskr. Abhibhavayatana), acht Meditationsübungen zur Überwindung der Sinnensphäre durch Beherrschung der Wahrnehmung verschiedener Objekte: Diese Übungen finden sich bereits im frühen > Buddhismus. Es sind: 1. Wahrnehmung von Formen des eigenen Körpers und begrenzter Formen der Außenwelt. 2. Wahrnehmen von Formen am Körper und unbegrenzter Formen der Außenwelt. 3. Wahrnehmen begrenzter Formen der Außenwelt. 4. Wahrnehmen unbegrenzter Formen der Außenwelt. 5.–8. Wahrnehmen blauer, gelber, roter und weißer Formen außen.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Acht Unsterbliche. Die chinesische traditionelle Symbolik kennt 8 Unsterbliche, die auf Inseln der Seligen wohnen sollen: Chang-kuo-lao, eine ehemalige Fledermaus, die sich in einen Menschen verwandelte. Er trägt ein hohles Bambusrohr, oft auch eine Phönixfeder und den Pfirsich des langen Lebens. Chung-li-chüan, Alchemist, der Quecksilber und Blei in „gelbes und weißes Silber“ verwandeln konnte, den > „Stein der Weisen“ besaß und durch die Lüfte wandeln konnte. Han-tsiang-tse ließ Blumen schnell wachsen und hat als Attribut die Flöte. Ho-hsien-ku, eine Frau mit einer magischen Lotosblüte. Lants’ai-ho, Androgyn, trägt einen Korb mit Blüten oder Früchten, manchmal auch eine Flöte. Li-t’ieh-kuai trägt eine Krücke wie Saturn in der abendländischen astrologischen Bilderwelt. Sein Körper wurde angeblich irrtümlich eingeäschert und die Seele musste den Leib eines lahmen Bettlers annehmen; sein Attribut ist ein Flaschenkürbis, aus dem eine Fledermaus flattert. Lü-tung-pin trägt ein dämonentötendes Schwert. Anstelle einer Bezahlung malte er – so wird erzählt – in einem Gasthaus zwei Kraniche an die Wand, die viele Besucher anzogen, aber wegflogen, als die Schuld dadurch beglichen war. Ts’ao-kuo-chiu, Schutzpatron der Schauspieler, in höfischer Kleidung und meist mit zwei Klanghölzern in der Hand.
Diese „Pahsien“ werden meist auf einer Terrasse dargestellt, wie sie gerade den auf einem Kranich daherfliegenden
Shou-hsing, den Gott der Langlebigkeit, begrüßen, und sind ein beliebter Gegenstand der taoistischen Ikonographie.

Lit.: Ehrich, Kurt S.: Shichifukujin: ein Versuch über Genesis und Bedeutung volkstümlicher ostasiatischer Gottheiten = Die sieben Glücksgötter Japans. Recklinghausen: Bongers, 1991; Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole. Augsburg: Weltbild-Verl., 2000.

Acht Verneinungen > Nagarjuna.

Achtblättriger Yoga. Nach > Patañjali, der mit seiner „Yoga-Sutra“ (um 150 n. Chr.) den wichtigsten Beitrag zur Systematisierung der bis dahin entstandenen vielfältigen Yogaformen leistete, ist > Yoga „jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen“ (Yogas citta vritti nirodha). Der Weg dorthin umfasst 8 Stufen oder Teile, die hintereinander zu durchlaufen sind, gleich einer Knospe, bei der ein Blütenblatt nach dem anderen hervorkommt. Patañjali nennt folgende „Blütenblätter des „achtblättrigen Yoga“: Äußere und innere Disziplin, Körperhaltung, Atemregelung, Zurückhalten der Sinne, Konzentration, Meditation und Versenkung in die acht Aspekte des Yoga.

Lit.: Yoga-Sutra: der Yogaleitfaden des Patañjali. Hamburg: Papyrus-Verlag, 1987.

Achte Sphäre (oder „Planet des Todes“), verschwommener esoterischer Begriff der geheimen Mysterienschulen zur Bezeichnung der tiefsten geistig-psychischen Entartung, in der eine Wiederbelebung durch den Strahl der spirituellen Monade nicht mehr möglich ist. Die 8. Sphäre ist der Hort der „verlorenen Seelen“, die dort zerrieben und in ihre psychisch-astralen Bestandteile aufgelöst werden. H. P. > Blavatsky bringt diese Vorstellung mit dem Mondgott in Verbindung, der die sieben Naturkräfte repräsentiere, die ihm vorausgingen (Blavatsky, 248). Der Mond sei nämlich in seinen inneren Prinzipien, d. h. psychisch und geistig, tot (Blavatsky, 172). Rudolf > Steiner befasst sich in Geheimwissenschaft im Umriss mit der 8. Sphäre.

Lit.: Blavatsky, H. P.: Kosmogenesis. A. Kosmische Evolution. Den Haag: J. J. Couveur, o. J.; Steiner, Rudolf: Die Geheimwissenschaft im Umriss (1930). Dornach: Philosophisch-Anthroposophischer Verlag am Goetheanum, 1930.

Achtert-Zutz-AASW-Experimente. 1967 / 68 wurden am „Institut für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie“ in Freiburg, Deutschland, mit den Studenten Lutz Achtert und Sabine Zutz am > Psi-Recorder 70 ASW-Experimente durchgeführt, die meist hochsignifikant waren und einer Antizufallswahrscheinlichkeit von 1 : 1 000 000 000 entsprachen. Die telepathischen Leistungen wurden nur erreicht, wenn die männliche Versuchsperson als Sender, die weibliche als Empfänger fungierte. Von den Symbolen der verwendeten > Zener-Karten wurde dabei keines bevorzugt. Man interpretierte daher die Ergebnisse als Stützung der These, dass > Psi weniger eine Eigenschaft der Personen, sondern vielmehr ein Effekt von Konstellationen sei. Eine Wiederholung der Experimente im folgenden Semester erbrachte keine Erfolge.

Lit.: Bender, H.: Unser sechster Sinn. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1971.

Achtfacher Pfad (sanskr. Ashtangika-Marga), achtgliederiger Pfad zur Befreiung vom Leiden: 1. vollkommene Erkenntnis; 2. vollkommener Entschluss; 3. vollkommene Rede; 4. vollkommenes Handeln; 5. vollkommener Lebenserwerb; 6. vollkommene Anstrengung; 7. vollkommene Achtsamkeit; 8. vollkommene Sammlung.

Lit.: Frauwallner, Erich: Die Philosophie des Buddhismus. Berlin: Akad.-Verl., 41994.

Achtheit. Die A. ist ein symbolisch-kosmologischer Begriff aus den Priesterschulen der altägyptischen Stadt Chemenu (heute arab.: Eschmunên), hellenistisch > Hermopolis, Stadt der Acht. In der Kosmogonie von Hermopolis wurde die Qualitätslosigkeit der Urmaterie durch Aufspaltung in ihre Elemente aktiv gemacht, wobei gleichzeitig eine Personifizierung der mit der Aufspaltung gewonnenen Wesenheiten in ein männlich-weibliches Dualsystem erfolgte: > Nun und > Naunet symbolisieren das Urwasser in männlicher und weiblicher Form, > Heh und > Hehet den endlosen Raum, > Kek und > Keket die Finsternis, > Amun und > Amaunet das Verborgene (die Leere). Diese Achtheit brachte Lebewesen in Gestalt von Fröschen und Schlangen hervor, die im Urschlamm lebten, aus dem sich der Urhügel erhob. Die Priesterschaft von Theben, die einen solchen Platz für Amun nicht annehmen konnte, bemächtigte sich der Achtheit und erfand eine Schlange, eine Erscheinungsform des Amun, genannt > Kematef. Die Schlange starb, nachdem sie die Schlange > Itra geboren hatte, eine andere Escheinungsform des Amun, welche die Achtheit schuf. So bildete die Priesterschaft aus Theben die Wiege der Götter der Achtheit, die, nachdem sie zur Durchführung ihres Schöpfungsaktes nach Hermopolis gegangen waren, angeblich nach Theben zurückkehrten, um auf dem Hügel von Dijeme (Medinet Habu) zu sterben. Dort wurden sie noch am Ende der griechischen Zeit verehrt. Die A. weist schließlich auch auf die allgemeine Bedeutung der > Acht hin.

Lit.: Hornung, Erik: Der Eine und die Vielen: ägyptische Gottesvorstellungen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 51993; Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

Achtkreuz. Kreuz mit acht Ecken und vier Malkreuzen. Das Kreuz ist in einem Zug zu schreiben. Form und Richtung der Linien sollen eine schwarzmagische Benutzung völlig ausschließen.

Lit.: Glahn, A. Frank: Radio des Geistes: Magie der Symbole: der spirituelle Pendel. 3. Aufl. Freiburg i. Br: Hermann Bauer, o. J.; Jahrbuch für kosmobiologische Forschung. Augsburg: Dom Verlag, 1928.

Achtort. Achteck, das in der Bakunst der Gotik als Proportionssystem zur Grundrissbildung von Türmen und Pfeilern verwendet wurde. In seiner symbolischen Aussage steht der A. (Ort = Ecke) für Universalität und Vollkommenheit.

Lit.: Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Freiburg: Herder, 1998.

Achtsamkeit (sanskr. smriti, Pali: sati). A. ist die 7. Stufe des > Achtfachen Pfades, auf der bei voller Klarheit des Bewusstseins alle Tätigkeiten, auch die im Alltag automatisch ablaufenden Funktionen wie Atmen, Gehen usw., zu beobachten sind, um so zur Wissensklarheit zu gelangen und den Geist unter Kontrolle und zur Ruhe zu bringen. Die Übung der A. vermittelt Einsicht in die vergängliche, unbefriedigende und nicht-wissende Natur allen Seins und wird somit zur Grundlage für jede höhere Erkenntnis. Geübt wird A. durch die in den Ländern des > Theravada gepflegte Übung des > Satipatthana.

Lit.: Ehrhard, Franz-Karl; Fischer-Schreiber, Ingrid: Das Lexikon des Buddhismus. Bern: O. W. Barth, 1992.

Achtsamkeitsmeditation. Die A. dient nach buddhistischer Lehre der Gewinnung von Einsicht in die Erfahrungen des Lebens und die Natur innerer und äußerer Gegebenheiten sowie zur Wahrnehmung der Beziehung der beiden. Um dies zu erreichen, nimmt man eine entspannte Körperhaltung ein und beobachtet in Ausübung der reinen Aufmerksamkeit den Atem. Nach wenigen Minuten erkennt man, dass eine ständige Kette mentaler Geschehnisse stattfindet. Durch solche Beobachtungen wird Einsicht in die uns eigentümlichen mentalen Prozesse gewonnen und der Bereich ausgemacht, der therapeutisch durch A. zu bearbeiten ist, um die innere Ausgeglichenheit herzustellen oder zu bewahren.

Lit.: Boorstein, Seymour (Hg.): Transpersonale Psychotherapie. Bern: Scherz, 1988.

Achtundzwanzig, vollkommene Zahl und Mondzahl – vollkommene Zahl, weil sie sich in ihre Divisoren 1 + 2 + 4 + 7 + 14 aufteilen lässt; Mondzahl, weil in ihr die vier Phasen des > Mondes vollkommen sind, nachdem er 28 Sterngruppen durchwandert hat.
Als Mondzahl spielt A. vor allem im Islam eine wichtige Rolle, denn die 28 Buchstaben des arabischen Alphabets, in denen Gottes Wort, das ist der > Koran, aufgezeichnet ist, werden mit den Mondstationen in Beziehung gestellt. Auch dass es 28 Propheten vor Muhammad gegeben hat, passt in dieses Bild, wobei Muhammad alle überstrahlt, wie der Vollmond die Sterne.

Lit.: Endres, Franz Carl: Das Mysterium der Zahl: Zahlensymbolik im Kulturvergleich / Schimmel, Annemarie. München; Kreuzlingen: Hugendubel, 1984.

Achtzehn, astrale Zykluszahl. Die A. taucht in der präkolumbianischen Zeitrechnung auf. Eine astrale Zykluszahl ist sie, weil sich Sonnen- und Mondfinsternis nach 18 Jahren in gleicher Reihenfolge wiederholen.
In der mittelalterlichen christlichen Exegese wird A. mit 10 + 8 als Erfüllung des Gesetzes durch die Gnade gedeutet, wie man aus der Heilung der seit 18 Jahren gelähmten Frau schließen konnte (Lk 13,11–13).
Die A. ist ferner Einteilungszahl im jüdischen Achtzehn-Gebet, und auch das indische Epos Mahabharata ist in achtzehn Bücher geteilt.
In der islamischen Tradition ist die A. (gelegentlich auch die Neunzehn) die Zahl der Konsonanten der Eingangsformel Bismillāhi’r-rahmāni’r-rahīm (Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen und Gnädigen). Vielleicht stammt daraus die Vorstellung, dass es 18000 Welten gibt. Für die > Mevlevi, den Orden der „Tanzenden Derwische“, hat die A. eine vielfache Bedeutung: Das Eingangsgedicht von Dschelaluddin Rumis Mathnawi („Lied der Rohrflöte“) hat 18 Verse; wer Mevlevi-Derwisch werden will, muss 18 Tage als Laufbursche im Kloster dienen und die 18 Arten des Küchendienstes erlernen. Nach 1001 Tagen Vorbereitungszeit wird er mit einem achtzehnarmigen Leuchter in seine neue Zelle geführt, wo er 18 Tage zu meditieren hat. Auch war es Brauch, dass Besucher ihre Gaben in achtzehnfacher Zahl brachten. Ob hier eine Verbindung zur türkischen traditionellen Neunzahl von Geschenken gegeben ist, bleibt offen. Jedenfalls erscheint auch im Germanischen die A. gelegentlich als Verdoppelung der heiligen Neun: So hatte > Haldan 18 Söhne und > Odin weiß 18 Dinge.

Lit.: Endres, Franz Carl: Das Mysterium der Zahl: Zahlensymbolik im Kulturvergleich / Schimmel, Annemarie. München; Kreuzlingen: Hugendubel, 1984.

Achuma (Trichocerus pachanoi BRITTON et ROSE), in Südamerika beheimateter hoher Stangenkaktus mit halluzinativer Wirkung. A. ist der in Bolivien volkstümliche indianische Name für den Kaktus, der in den nördlichen Anden „Huachuma“ und in Ecuador „Aguacolla“ und „Gigantón“ heißt, und der im nördlichen Küstengebiet Perus aus unbekannten Gründen den Namen „San Pedro“ trägt, d. h. den Namen des heiligen Petrus, der den Schlüssel zum Himmel besitzt. Vermutlich spielte der Kaktus ursprünglich in heidnischen Regenritualen eine Rolle (Rätsch, 505). Allgemein nennen die Indianer die Form des San Pedro-Kaktus mit langen Stacheln männlich, während für sie der kurzstachelige bzw. stachellose Kaktus weiblichen Charakter hat. Der Kaktus strotzt nur so vor Lebensenergie und kann monatelang ohne Wasser auskommen, abgeschnittene Teile des Kaktus können sogar jahrelang überleben.
A. ist eine der ältesten magischen Pflanzen Südamerikas und spielt sowohl in der > weißen als auch in der > schwarzen Magie eine Rolle. Die Pflanze enthält verschiedene Alkaloide und ist vor allem reich an Meskalin. In Bolivien und Peru stellt man vornehmlich ein Getränk daraus her, Cimora. Man kocht kleine, zerstoßene Stückchen des Stammes bis zu sieben Stunden in Wasser und gibt manchmal auch noch andere Pflanzen hinzu. Die Schamanen trinken das Getränk hauptsächlich bei psychedelischen Ritualen, d. h. zur Förderung visionärer Zustände und zum Voraussehen der Zukunft. Auch zur Identitätsänderung, zur Tierverwandlung, für Erfolg in persönlichen Angelegenheiten, gegen Alkoholismus, Wahnsinn, > Liebeszauber usw. wird die Pflanze verwendet.
In Peru wird der Kaktus noch heute in Form des Getränks von Heilern benutzt, um die Ursachen von Krankheiten herauszufinden. Das Getränk wird dabei von den Heilern wie von den Patienten allerdings in so geringen Dosen genossen, dass vermutlich keinerlei bewusstseinsverändernde Wirkung eintritt.
Das Fleisch des Kaktus gilt als > Aphrodisiakum.

Lit.: Rätsch, Christian: Lexikon der Zauberpflanzen aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1988; Schultes, Richard Evans; Hofman, Albert: Plants of the Gods. Rochester, Vermont: Healing Arts Press, 1992; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

Acidum nitri (lat.), Salpetersäure, spielt durch die Eigenschaft, > Silber, nicht aber > Gold zu lösen, in der > Alchemie eine Rolle. In der Schrift De Inventione veritatis des Geber-Corpus wird berichtet, dass man durch Auflösung von Ammoniumchlorid in Salpetersäure ein noch stärker auflösendes Wasser erhalte.

Lit.: Geber: De Alchimia libri tres. Straßburg, 1529; Ploss, Emil E. et al.: Alchimia: Ideologie und Technologie. München: Moos, 1970.

Acidum primigenium (lat.), Ursäure, von Johann Joachim > Becher aus der Mischung einer „elementaren Erde“ mit Wasser versuchte Bildung einer Ursäure zur Verwirklichung der Idee eines einheitlichen Sauerstoffes (auch > Acidum universale genannt).

Lit.: Becher, Johann Joachim: Physica subterranea. Frankfurt, 1669.

Acidum universale (lat.), Universalsäure. Saure Pflanzensäfte, die bis in die Neuzeit als eine Art Essig betrachtet wurden, führten dazu, dass sich in der > Alchemie die Konzeption einer Universalsäure (acidum universale) bilden konnte, die alle Säuren als Variante einer einzigen Ursäure betrachtete. Dieser Idee eines einheitlichen Sauerstoffes schloss sich auch Johann Joachim > Becher an, der aus einer Mischung von „elementarer Erde“ mit Wasser eine Ursäure (> acidum primigenium, acidum universale) hervorgehen ließ. Diese Vorstellung wurde erst durch die Sauerstofftheorie von Antoine Laurent-Lavoisier (1743 – 1794) abgelöst.

Lit.: Becher, Johann Joachim: Physica subterranea. Frankfurt, 1669; Priesner, Claus; Figala, Karin (Hg): Alchemie. München: Beck, 1998.

Acker. Der A. gehört zum Vorstellungskomplex der Fruchtbarkeit und der Erhaltung des Lebens. Der gepflügte Acker ist Symbol des weiblichen Schoßes. So findet bei verschiedenen Völkern die Hochzeit auf einem A. statt. Nach Homer soll sich die Erdmutter > Demeter mit > Iasion auf der Kruste dreimal gepflügter Erde vereinigt haben. Die mütterliche Erde wird daher von Gottheiten oder Dämonen, den > Korngeistern, geschützt, deren Segens- und Wachstumskraft man in der letzten Garbe einzufangen hofft.
Im alten Ägypten dienten nicht nur die Früchte des Feldes, sondern der Acker selbst als bevorzugte Opfergabe. So vermehrte Ramses III. dem Sonnengott > Re-Harachte die Äcker des Tempels, um das Gottesopfer zu verdoppeln, und ein Denkstein des Königs Tef-nacht (23. Dynastie) zeigt die Gabe eines Feldes (Korb mit drei Schilfblättern) an die Göttin > Neith von Sais und den Gott > Atum, verbunden mit der Hoffnung, dass die Götter dem König Ewiges Leben gewähren. So ist in alten ägyptischen Totenbuch-Illustrationen der Ackerbau Ausdruck auf ein Fortleben nach dem Tode.
Auch im AT und im NT finden die angeführten Bedeutungen des A. ihren Niederschlag. In Mt 13, 38 wird sogar die Welt mit einem A. verglichen. Schließlich ist gelegentlich der unversehrte A., der ohne Saat Weizen hervorbringt, Symbol der Jungfräulichkeit Marias.

Lit.: Mannhardt, Wilhelm: Antike Wald- und Feldkulte aus nordeuropäischer Überlieferung erl. Berlin: Borntraeger, 1905; Naumann, Hans: Primitive Gemeinschaftskultur. Jena: Diederichs, 1921; Ägyptisches Totenbuch / übers. u. kommentiert von Gregoire Kolpaktchy. Sonderausg. Bern: Barth, 1998.

Ackerbau. Der A. ist eine der ältesten Wirtschaftsformen und umrankt von einer Fülle von Vorstellungen. Die Abhängigkeit von Naturgewalten führte zu einem breitgefächerten Geisterglauben. Die guten Vegetationsgeister entwickelten sich zu Ackerbaugottheiten, wie der Himmelsgott > Djanus und die Mutter Erde, > Prithivi in Indien, > Jupiter, > Terra und > Ceres bei den Römern, > Donar und > Wodan bei den Germanen. Die Sorge um Sicherheit und Ertrag führte zu einer Reihe von Schutzriten, insbesondere durch Umhertragen von Götterbildern, Umschreiten des Ackers in Schweigen und Gebet, im christlichen Brauch durch Segnung der Felder zu bestimmten Anlässen und Festen wie dem Dreikönigsfest. In Ex 23, 16 erhalten die Israeliten den Auftrag, das Fest der Ernte beim ersten Ertrag und bei der Lese am Ende des Jahres zu feiern. In der Katholischen Kirche haben sich in verschiedenen Gegenden die Feldprozessionen zu den Quatembertagen, die Kräuterweihe am 15. August und das Erntedankfest eingebürgert. In den Ev. Gemeinden wird der Erntedank am 29. September (Michael) bzw. am darauffolgenden Sonntag gefeiert. Die mit dem A. verbundenen magischen Bräuche reichen von der Zauberabwehr mittels Wasser und Feuer, vom Vergraben von Eiern und Tierknochen bis zur Ertragssteigerung durch Abhaltung des „Brautlagers“ auf den Feldern. Eine Wöchnerin hingegen schadet dem A. und eine Leiche, die über den A. getragen wird, nimmt den Erntesegen weg.

Lit.: Mannhardt, Wilhelm: Antike Wald- und Feldkulte. Berlin: Borntraeger, 1905; Rantasalo, Aukusti Vilho: Der Ackerbau im Volksaberglauben der Finnen und Esten, mit entsprechenden Gebräuchen der Germanen verglichen. Helsinki: Suom. Tiedeakat, 1919; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 1. Bd. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Ackergauchheil (lat. anagallis arvensis), eine überall häufig vorkommende Heilpflanze, deren zinnoberrote, selten auch blaue kleine Blüten sich nur bei Sonnenschein öffnen und bei bewölktem Himmel sowie bei bevorstehendem Regen schließen, weshalb sie auch Schönwetterblümchen genannt wird. Die Pflanze ist ein altes Heilmittel bei Wasserscheu.
Andere volkstümliche Namen der Acker- und Wegesrandpflanze, wie Vernunft und Verstand, Geckenheil, Narrenheil und Wuthkraut, weisen auf ihre alte Bedeutung als Mittel gegen Geisteskrankheiten, etwa Schwermut, Tollheit und Raserei, hin. Das Pulver der Wurzel soll Epilepsie vertreiben. Fuchs schreibt: „Diese kreuter haben die alten aberglaubischen Teutschen Gauchheyl darumb geheyssen, wo mans im eingang des vorhofs auffhencke, das sie allerlei gauch und gespenst vertreibe“ (Fuchs, 6).
Neben vielen anderen ihm zugeschriebenen Wirkungen, wie etwa bei Augenkrankheiten (Plinius, XXV, 145; Fischart, 193), ist das A. auch ein „Wundtkreutlin“, denn „der Safft in die Wunden gethan / säubert dieselbigen“ (Tabernaemontanus, 1093).

Lit.: Fuchs, Leonhart: New Kreutterbuch. Basel, 1543; Fischart, J.: Onomastica duo. I. Philosophicum, Medicum, Synonymum ex variis vulgaribusque linguis. II. Theophrasti Paracelsi: h.e. earum vocum, quarum in scriptis ejus solet usus esse, explicatio. Argentorati 1574; Tabernaemontanus, Jac. Theod.: New Kreuterbuch. 1731; Plinius, C. Secundus: Naturalis historiae libri XXXVII. Hg. v. Lud. Jan und Carol. Mayhoff. Lipsiae 1892 bis 1898; Marzell, Heinrich: Neues Illustriertes Kräuterbuch. Reutlingen, 1921, ³1935; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, 1984.

Ackermennig (agrimonia eupatoria L.), auch Odermennig, Otterminze oder König aller Kräuter genannt, ist ein an Wiesen-, Wald- und Wegesrändern wachsendes, hellgelb blühendes Heilkraut aus der Familie der Rosengewächse. Es enthält Gerb- und Bitterstoffe und wird in der Volksheilkunde bei Erkältungen, Hautproblemen und Fußbeschwerden eingesetzt. A. ist eine alte Zauberpflanze, die im Mittelalter als Saat- und Ernteorakel diente und auch für > Amulette und Räucherungen benutzt wurde. Am Karfreitag mit einem Werkzeug, das nicht aus Eisen sein darf, ausgegraben, bringt sie ihrem Besitzer Glück in der Liebe (Schöpf, 121). Ludwig Bechstein bietet im 19. Jh. in seinen Hexengeschichten das Rezept einer Wetterhexensalbe an, auf deren Inhaltsliste neben > Sanikel, > Beschreikraut, > Schwarzem Andorn und > Teufelsabbiss auch A. gehört.

Lit.: Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, 21995.

Ackerminze (mentha arvensis L.), schon von > Hildegard von Bingen in dem Abschnitt De Minori Myntza beschriebene heilkräftige Pflanze, die bei Augenschmerzen, „ubi audswer est“, in Form eines Umschlags Hilfe bieten kann. Ebenso kann sie bei Magenerkältung und Verdauungsbeschwerden dem Essen beigemischt werden (Hildegard von Bingen, 33).

Lit.: Hildegard von Bingen: Naturkunde. Das Buch von dem innern Wesen der verschiedenen Naturen in der Schöpfung. Nach den Quellen übersetzt und erläutert von Peter Riethe. Salzburg: Otto Müller Verlag, 41989.

Ackerschachtelhalm (lat. equisetum arvense), auf Äckern und am Wegesrand häufig anzutreffende blütenlose Heilpflanze mit tiefgehenden, fest verankerten Wurzelstöcken, deren Giftigkeit in der Literatur sowie in der Volksmeinung umstritten ist. Der Pferdeschwanz, engl. horsetail, wächst bevorzugt auf Wiesen sowie am Feld-, Wald- und Wegesrand.
Die Namen Scheuerkraut und Zinnkraut für den A. deuten auf die Verwendung des kieselsäurereichen und Saponine enthaltenden Krautes zum Reinigen von Geschirr, später besonders von Zinngeschirr, hin. Aufgrund ihres hohen Kieselsäuregehaltes, der bis zu 70% betragen kann, wirkt die Pflanze auch harntreibend, was sich z. B. aus der Bezeichnung Pißkrut ablesen lässt. Weltweit wird die Pflanze in der Volksmedizin gegen Durchfall benutzt. Bei Lungenbeschwerden und zur Blutstillung wird der A. ebenfalls angewandt.
Hexenbesen ist ein weiterer Name für den A., der im magischen Bereich vor allem in der Schlangenmagie und im > Fruchtbarkeitszauber Bedeutung hat. Die aus dem stabilen Halm der Pflanze hergestellten Pfeifen sollen nach alter Indianerweisheit Schlangen anlocken, während im Mittelalter die getrockneten Ähren in Form von > Talismanen, die im Schlafzimmer aufgehängt wurden, die männliche Fruchtbarkeit unterstützen sollten. In Südmexiko gilt der
equisetum myriochaetum als > Aphrodisiakum.
Die der Saturn-Pflanze bisweilen zugeschriebene psychoaktive Wirkung ist unsicher (Rätsch, 597).

Lit.: Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 2. Leipzig: Hirzel, 1972; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, ²1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

Ackerwinde (convolvulus arvensis L.). Pflanze, die nach neueren Forschungen Tropanalkaloide, u. a. Tropin, Tropinon, Cuskohygrin und Hygrin, und außerdem Mutterkornalkaloide enthält. Tropanalkaloide, auch Tropane oder Tropeine genannt, chemisch gesehen Ester des Tropanals, sind psychoaktive Stoffe, die vor allem in > Nachtschattengewächsen (Solanaceae), typischen > Hexenpflanzen, vorkommen. Sie werden von Schleimhaut und Haut aufgenommen und sind daher auch in Salbenform wirksam. Ihre chemische Verwandtschaft mit Kokain hat ähnliche pharmakologische Wirkungen zur Folge (Rätsch 1998, 184, 867 f.).

Lit.: Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Mit e. Vorwort v. Albert Hofmann. Aarau, CH: AT, 1998.

Acllas, „auserwählte Frauen“ des Inkaherrschers > Inti, die man auch als „Sonnenjungfrauen“ bezeichnete. Mit acht Jahren kamen sie in spezielle Klöster der Inkahauptstadt Cuzco, die Acllahuasi genannt wurden. Dort wurden sie von den Mama Cunas erzogen, um das heilige Feuer von Inti zu hüten, die Kleider für seine Statuen zu weben und Chicha (Maisbier) für das Inti-Raymi-Fest zu brauen. Manchmal verschenkte er sie an Krieger oder verheiratete sie mit fremden Herrschern, um Verbindungen herzustellen.

Lit.: Dukszto, Aneta: Sacred Valley of the Incas and Cusco: includes Inti Raymi, Moray, Maras, Tipon, Raqchi /José Miguel Helfer Arguedas. Lima: Ed. del Hipocampo, 2002.

Aconitum (lat.), Akonit, eine Gruppe weltweit verbreiteter, hochgiftiger Pflanzen aus der Familie der Hahnenfußgewächse. Das wohl zu den spektakulärsten Zauber- und Heilpflanzen zählende A. wurde schon in der Antike von einigen Autoren mit dem griechischen Namen Akoniton angeführt, und man brachte diese Bezeichnung früher mit der antiken Stadt Akonai in Bithynien am Pontos Euxeinos in Verbindung.
Die mythologischen Wurzeln der Entstehung des A. führen zurück zu dem lichtscheuen Höllenhund > Kerberos, der die Pflanze aus seinem triefenden Speichel hervorbrachte, als ihn > Herakles gewaltsam aus der Unterwelt in lichtere, irdische Gefilde heraufziehen wollte. So wächst nach antiken Autoren das A. am Eingang zur Unterwelt, am bithynischen > Acheron, aber auch nördlich und östlich vom Schwarzen Meer. Im Skythenland soll > Medea A. gepflückt haben, und im kolchischen Zaubergarten der > Hekate spielte die Pflanze eine wichtige Rolle. Nach > Dioskurides soll die alabasterartig glänzende Wurzel des A. Skorpione auf der Stelle zum Erstarren bringen. Unter den A.-Arten sind folgende besonders bekannt: > Aconitum ferox, > Aconitum Napellus.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart 1894 ff., Bd. 1 1894; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin, Graz: ADEVA, 1984; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998.

Aconitum ferox (lat.) > Blauer Eisenhut. Bereits im alten Indien wurde die Wurzel dieser Aconitum-Art als Pfeilgift verwendet. In der tibetischen Medizin werden aufgrund ihrer pharmakologischen Eigenschaften mehrere Arten unterschieden. A. ist eine typische Himalayapflanze und kann bis zu einem Meter hoch werden. Für die ayurvedische Medizin werden die Wurzelknollen entgiftet, während für tantrische und psychoaktive Zwecke die Wurzel ohne Entgiftung getrocknet wird. A. ist die stärkste Giftpflanze des Himalaya. Sie enthält die Diterpenoid-Alkaloide Aconitin und Pseudoaconitin und findet vielfältige Verwendung. In der extremen Gruppe der indischen Tantriker, den Aghoris, die auf dem Linken Pfad wandeln und Sexualität und Drogen als wichtige Methoden der Bewusstseinserweiterung betrachten, verwenden die Fortgeschrittenen zur Bewusstseinserweiterung für ihre Rauchrohre auch eine Mischung aus ganja (Blüten von Cannabis indica) und Aconitum ferox-Wurzeln, um sich dem hinduistischen Gott der Rauschmittel und Gifte, > Shiva, anzugleichen, indem sie alle Gifte nach der Devise aufnehmen: „Was mich nicht umbringt, macht mich stark“. Die Wirkung von A. soll so extrem sein, dass selbst erfahrene Tantriker vor dem Gebrauch warnen. In der ayurvedischen Medizin werden die gereinigten Knollen bei Neuralgien und schmerzhaften Entzündungen sowie bei Krebsgeschwüren verwendet. A. wird auch als Heilmittel bei dämonischer Besessenheit gepriesen. In der nepalesischen Volksmedizin wird A. bei Lepra, Cholera und Rheumatismus eingesetzt.

Lit.: Laufer, Heinrich: Tibetische Medizin. Ulm / Donau: Fabri-Verl., 1991; Rau, Wilhelm: Altindisches Pfeilgift. Stuttgart: Steiner, 1994; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Stuttgart; Aarau, CH: Wiss. Verl.-Ges.; AT Verlag, 1998.

Aconitum napellus (lat.) > Echter Sturmhut, bzw. Eisenhut, eine blau blühende und hochgiftige Pflanze, die in den Alpen und Mittelgebirgen wild wächst und in Europa unter Naturschutz steht. Medizinisch wird Eisenhuttinktur heute als schmerzlinderndes Mittel bei Gicht, Ischias und Neuralgien sowie bei beginnenden fiebrigen Erkältungen eingesetzt. Die Wurzel des Eisenhuts fungiert in der Volksmedizin auch als psychoaktiver Zusatzstoff im Wein. Der Honig des Eisenhuts wirkt ebenfalls psychoaktiv und ist giftig (Rätsch 1998, 36, 757). Der Eisenhut hat noch viele andere Volksnamen wie Appolloniabraut, Blaukappen, Eisenkappe, Helmblum, Hex, Mönchswurz, Muttergottesschühlein, Kapuzinerchäppli, Königsblume, Odins Hut, Satanskraut, Totenblume, Venuskutschen, Wolfskraut, Würgling, und Ziegentod, um nur einige zu nennen.
Der Echte Sturmhut ist ein wichtiger Bestandteil von > Hexensalben bzw. > Flugsalben. Er erzeugt auf der Haut ein Kribbeln, kann Vorstellungen auslösen, einen Pelz oder ein Federkleid zu tragen (Rätsch 1998, 36), und besitzt die Fähigkeit, die Seele vom Körper loszulösen (Müller-Ebeling, 59).
Es wird ihm auch eine Bedeutung für den > Liebeszauber ebenso wie für Todesfälle aufgrund falscher Dosierung zugeschrieben. Schon 10 – 15g der Wurzel, der Blätter oder des Extrakts sind hochgiftig und bewirken Schwindel, Ohnmacht, Blindheit und Lähmung (Most). So spielte der Sturmhut auch eine Schlüsselrolle im politischen Mord. Auf diesem Wege sollen z. B. Kaiser Claudius 54 n. Chr. und Papst Hadrian der VI. ermordet worden sein (Schöpf).

Lit.: Schöpf, Hans: Zauberkräuter, Graz: ADEVA, 1986; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Mit e. Vorw. v. Albert Hofmann. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin, Aarau, CH: AT, 51999.

Acontius (Acontio, Aconcio, Contio, Concio) Jacob, italienischer protestantischer Humanist, Jurist und Theologe (*  vor 1515 in Ossana (Val di Sole) oder Trient, †  um 1566 / 67), dessen Buch De stratagematibus Satanae libri octo (Basel 1565, Neuaufl. Florenz 1946) über die Kriegslisten des Teufels besondere Aufmerksamkeit erweckte. Zu den drei auf 1565 datierten Drucken kamen zwischen 1610 und 1664 zwölf Ausgaben, überwiegend Übersetzungen in das Französische, Holländische, Englische und Deutsche, hinzu. In seinen Ausführungen versucht A., Heilsnotwendiges von weniger Wichtigem im christlichen Glauben zu unterscheiden, und gibt dabei Einblicke in den damaligen Teufels- und Zauberglauben.

Lit.: Theologische Realenzyklopädie. Bd. I. Berlin: Walter de Gruyter, 1977, S. 402 – 407.

Acoran. Höchstes Wesen bei den Einwohnern der Kanarischen Inseln (Gran Canaria). Auf schwer zugänglichen Bergen wurden ihm Tempel errichtet, und in weißes Leder gekleidete Mädchen brachten ihm Milchopfer dar. Auf der Insel Teneriffa hatte er den Namen Achaman.

Lit.: Barker-Webb, Philip; Berthelot, Sabin: Histoire naturelle des Iles Canaries. Paris: Béthune, 1836.

Acta Latomorum oder Chronologie de l’histoire de la Franche-Maçonnerie français et ètrangere ist der Titel des zweibändigen Werkes von Claude Antoine Thory über die Geschichte der Freimaurerei bis zum Jahre 1814, das trotz einiger Unrichtigkeiten von bleibendem Wert ist. Thory war ein bedeutender Gelehrter, eifriger Freimaurer und außerdem Bürgermeister von Paris.

Lit.: Thory, Claude Antoine: Acta latomorum, ou chronologie de l’histoire de la Franche-Maçonnerie français et ètrangere, contenant les faits les plus remarquables de l’institution, depuis ses temps obscurs jusques en l’année 1814: … avec un supplèment … ouvrage ornè de figures. Paris: Dufart, 1815.

Acta Sanctorum (lat.), Heiligenakten. Eine Dokumentation von Akten der Heiligen der katholischen Kirche in der Reihenfolge des liturgischen Kalenders, erstellt nach literarischen Quellen (Vitae, Passiones, Miracula, Translationes, Gloria posthuma, Inschriften, usw.) sowie nach Berichten in historischen Quellen (Martyrologien, Kalendarien, liturgische Bücher). Die Mitarbeiter werden > Bollandisten genannt, weil der erste Band vom Hagiographen Jean Bolland (1596 – 1665) herausgegeben wurde. Die Idee kam jedoch von Heribert Rosweyde (1569 – 1629), die dieser 1607 nach reicher Materialsammlung öffentlich kundtat. Unter dem Titel Fasti sanctorum quorum vitae in belgicis bibliothecis manuscriptae gab er ein kleines Büchlein mit einer alphabetischen Liste der Heiligen, deren Namen er ausfindig machte, und einen Anhang mit Angaben nicht veröffentlichter Akten heraus. 1615 wurde mit der Herausgabe der Vitae Patrum belgischer Heiliger der Grundstein der Acta Sanctorum gelegt, mit deren Fortführung 1630 dann Jean Bolland SJ betraut wurde. 1643 konnten schließlich mit Unterstützung von Godfrey Henschen SJ (1601 – 1681) die ersten beiden Bände für Januar und 1658 drei Bände für Februar vollendet werden. 1659 kam dann noch Daniel Papebroch (1628 – 1714) hinzu. Damit war der Grundstein der Arbeit gelegt und bis 1794 waren die Heiligen vom 1. Januar bis zum 14. Oktober erfasst. Die Aufhebung der Jesuiten 1773 führte 1778 auch zur Unterdrückung der Bollandisten in den Niederlanden und ihrer Übersiedlung nach Belgien, wo 1837 die Gesellschaft der Bollandisten wiedergegründet wurde. Seit 1882 erscheint das Jahrbuch zur Forschungsarbeit über Heilige, Analecta Bollandiana, und seit 1910 die Monographiereihe Subsidia Hagiographica. 1940 wurde der Kommentar zum Martyrologium Romanum, dem offiziellen Kalender der Heiligen aus der Anfangszeit des Christentums, veröffentlicht. Eine komplette Originalausgabe der Acta Sanctorum steht allerdings noch aus.
Paranormologisch sind die Acta SS eine historische Fundgrube für Berichte über paranormale Phänomene und Erlebnisse, deren systematische Aufarbeitung noch auf sich warten lässt.

Lit.: Acta Sanctorum (Acta SS). 3. Ausg.: Originalausgabe (die einzige, für welche die Bollandisten garantieren): 68 Bde. (1. Jan. bis 10. Nov.). Antwerpen-Brüssel, 1643 – 1940.

Acting out > Agieren.

Actio in distans (lat.), Fernwirkung. Begriff zur Bezeichnung von Wechselwirkungen ohne vermittelndes Medium. Wichtigstes Beispiel ist die Gravitationstheorie von I. Newton. Historisch wurden Fernwirkungstheorien schon früh als unbefriedigend empfunden und durch Wirbeltheorien, Äthertheorien, und Feldtheorien ersetzt. In der Paranormologie spricht man von > Telekinese ohne Angabe eines Mediums und in der Parapsychologie von > Psychokinese, wobei man > „Psi“ als verursachendes Medium ausmacht. Im > Spiritismus ist die Rede vom Wirken der > Geister, vornehmlich Verstorbener, während im religiösen Bereich darüber hinaus auch transzendente Mächte wie > Engel, > Dämonen, > Selige, > Heilige und Gott genannt werden. Empirisch ist die actio in distans in Ermangelung eines vermittelnden Mediums als Effekt höchstens phänomenologisch, nicht aber ursächlich zu erklären.

Lit.: Hesse, M.: Action at Distance and Field Theory. In: Donald M. Borchert (Hg.): The Encyclopedia of Philosophy. New York: Simon & Schuster, 1967, 9 – 15.

Actus purus (lat.), reine Wirklichkeit. Aristoteles (Met. XI 7) führte zur Beschreibung einer Bewegung bzw. Veränderung das Begriffspaar Akt / Potenz (energeia / dynamis) ein. Jede Veränderung lässt sich als Überführung von der Möglichkeit (Potenz) in die Wirklichkeit (Akt) beschreiben. Jede Wirklichkeit, die Möglichkeiten des Andersseins besitzt, ist daher noch kein reiner Akt. Im reinen Akt, dem actus purus, der reinen Wirklichkeit, sind nämlich alle Möglichkeiten erfüllt. Er ist das Absolute, die reine energeia, der unbewegte Beweger, Gott. Diese Argumentation wurde besonders von der Scholastik aufgegriffen. Während jedoch Aristoteles das Sein nicht als Akt bestimmt, bezeichnet Thomas von Aquin auch das Sein als Akt. Als absolutes Sein, actus purus, ist Gott nach Thomas daher von jedem begrenzten Seienden zu unterscheiden: Deus est purus actus non habens aliquid potentialitate. (S.th.I q. 3a.2).

Lit.: Stallmach, Josef: Dynamis und Energeia. Meisenheim am Glan: Hain, 1959.

Acutomantie (engl. acuto-manzia), Wahrsagen mit Hilfe von Reißnägeln. Dazu bedarf es 10 gerader und drei verbogener Reißnägel. Sie werden in den geschlossenen Händen geschüttelt und auf eine mit Puder bestreute Oberfläche geworfen. Aus den entstandenen Formationen wird dann die Zukunft gedeutet. Diese Wahrsagemethode wurde besonders vom italienischen Medium Maria Rosa Donati-Evstigneeff angewandt.

Lit.: Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. 1. Bd. Detroit, Michigan: Gale Research Company; Book Tower, 21984.

 

Begriffe Ad

Adad (in Syrien Hadad). Babylonischer Sturm-, Wetter- und Regengott, der als „Herr des Überflusses“ Fruchtbarkeit bringt. Hält er aber den Regen zurück, treten Dürre und Hungersnot auf. A. galt als Sohn des Himmelsgottes > An. Sein Symboltier war der Stier und sein Symbolzeichen das Blitzbündel, da er auch als Gott der > Aeromantie verehrt wurde.

Lit.: Schobies, H.: Der akkadische Wettergott (Mitteilungen der Altorientalischen Gesellschaft 1, 3 / 1925; Andrae, Walter: Ausgrabungen der Deutschen Orient-Gesellschaft in Assur. 1. Der Anu-Adad-Tempel in Assur. Osnabrück: Zeller, 1984; Grätz, Sebastian: Der strafende Wettergott. Bodenheim: Philo, 1998.

Adalbert (slaw. Voitech), hl., Bischof, geb. 956, stammte aus dem Geschlecht der Slavnikiden, wurde 983 zweiter Bischof von Prag und legte wegen erheblicher Spannungen zwischen Slavnikiden und Premysliden das Bischofsamt in die Hände Johannes XV. 989 trat er in das römische Benediktinerkloster St. Bonifatius und Alexius ein. Kehrte dann 992 wieder auf den Bischofssitz in Prag zurück, den er jedoch 994 erneut verlassen musste. Nach kurzer Missionstätigkeit in Ungarn und einem Aufenthalt in Rom erlitt er bei der Missionierung der Preußen am 23. April 997 den Märtyrertod und wurde in Gnesen beerdigt. 999 wurde A. von Silvester II. heiliggesprochen (Fest: 23. April), zumal seine Verehrung in den östlichen Ländern besonders groß war. In Böhmen schreibt man seiner Fürbitte in mehreren Quellen eine besondere Heilkraft zu. In Polen glaubt man, dass die Frösche nach A(da)lberti so viele Tage verstummen, als sie vorher gequakt hatten. Nach der Legende hätte Adalbert den Fröschen die Mäuler gestopft, als sie ihn beim Gebet störten. Zudem sei er einer Schlange auf den Kopf getreten, wobei auch alle anderen Schlangen im Umkreis ihre Köpfe verloren, weshalb man das Verschwinden der Schlangen aus der Gegend von Wielun dem hl. Adalbert zuschrieb (Kühnau, 298).

Lit.: Voigt, Heinrich Gisbert: Adalbert von Prag. Berlin, 1898; Kühnau, Richard: Schlesische Sagen III. Leipzig: Teubner, 1913; Theologische Realenzyklopädie. Bd. I. Berlin: Walter de Gruyter, 1977, S. 410 - 414.

Adam, der biblische Urvater (Gen 1, 26 – 29; 2, 7 – 3, 24), wird in der Sage als Zwitter oder zweigeschlechtiges Urwesen (Helm, 330), als aus vier Elementen gebildet oder aus sieben bzw. acht Teilen geschaffen gedacht (Golter, 517). Diese Vorstellungen haben ihre Wurzeln im Orient. Nach den Sagen der Perser, Türken, Araber usw. nahm Gott den Staub, aus dem er ihn bildete, aus der ganzen Welt, und es entstand ein Mannweib, bis Gott die Geschlechter teilte. Seine Größe war unermesslich, das Haupt reichte bis zum Himmel, und wenn er sich niederlegte, reichte er von einem Ende bis zum anderen Ende der Welt. Vor seiner Größe und Macht beugten sich die Engel. Er war aber doch nur ein Geschöpf, denn als er eingeschlafen war, zerstückelte Gott seine Glieder und befahl ihm beim Erwachen, dieselben auf der ganzen Erde zu zerstreuen, damit sie von ihm befruchtet werde. So blieb ihm nur mehr die Weisheit. Daraufhin bildete Gott eine Frau aus Erde, > Lilith. Da sie aus demselben Stoff gemacht wurde, wollte sie ihm nicht untertan sein, sprach die Formel Schem Hammeforasch („Name des Gesegneten“), den Namen Gottes, und entfloh durch diesen Zauber in die Luft. Dann bildete ihm Gott aus einer Rippe eine Frau, die Eva. Diese ließ sich von der Schlange verführen und aß von dem verbotenen Baum, womit sie sich dem Tode weihte. Um nicht allein zu sterben, verführte sie auch Adam zur gleichen Handlung. Beide wurden aus dem Paradies auf die unterste der sieben Erden vertrieben. Adam verlor das Buch der Weisheit und kam auf die zweite Erde Adamah, wo er – getrennt von Eva – 130 Jahre mit Lilith lebte und wider seinen Willen Riesen und böse Geister erzeugte, was auch Eva widerfuhr. Nach dieser Zeit gebar Eva von Adam Kain, Abel und Seth. Dann durfte er aus der Verdammnis zur siebten Erde emporsteigen, auf der wir leben. Trotzdem war er untröstlich über den Verlust seines Buches und wollte sich im Fluss Gihon ertränken, doch das Wasser machte nur seinen Leib unscheinbar. Gott hatte Erbarmen und ließ ihn das Buch wiederfinden, das sich auf seine Nachkommen vererbte und bis zu Abraham gelangte. Darin waren alle Geheimnisse der > Kabbala und alles, was der Mensch weiß, enthalten. Das Buch ging verloren. Indes behaupten die Inder, es in den Büchern zu besitzen, das > Brahman den Menschen von Himmel brachte.

Sehr ähnlich ist dieser Beschreibung die Vorstellung von Adam im > Islam. Nach der Verführung durch die Schlange und der Vertreibung aus dem Paradies erfasste Adam Reue und er flehte um Gnade. Der Herr ließ ihn nach der Stelle des späteren Mekka bringen. Nach 200-jähriger Prüfung wurde Adam schließlich auf das Gebirge Arafat gebracht, wo er Eva wiederfand. 900 Jahre lebte er, dann wurde er in Mekka begraben, der Berg Aburais ist sein Grabhügel, oder: Noah nahm ihn mit in die Arche und begrub ihn am Ort des späteren Jerusalem – daher die Heiligkeit dieser beiden Orte für die Moslems (Vollmer, 284).
Nach Ansicht der Gnostiker verlor Adam seine himmlische Natur, weil er sich in sein Bild im Spiegel verliebte (Seligmann, 284). Ihm wurde auch eine tiefere Kenntnis der geheimen Naturkräfte, der Sympathien und Antipathien, des Sternenlaufs, also der natürlichen > Magie zugeschrieben (Soldan, 294). So sind nach dem Volksglauben Adam und Eva im > Mond zu sehen (Ur-Quell 4, 121).

Lit.: Am Ur-Quell. Monatsschrift für Volkskunde 4 (1893); Golther, Wolfgang: Handbuch der germanischen Mythologie. Leipzig: Hirzel, 1895; Helm, Karl: Altgermanische Religionsgeschichte. Bd. 1. Heidelberg: Winter, 1913; Seligmann, S.: Die Zauberkraft des Auges und das Berufen. Hamburg, 1922; Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1994; Theologische Realenzyklopädie. Bd. I. Berlin: Walter de Gruyter, 1977, S. 414 - 437; Soldan, Wilhelm G.: Geschichte der Hexenprozesse. Köln: Parkland-Verl., 1999.

Adam Kadmon (hebr. Urmensch). A. K. ist in der ältesten jüdischen Mystik die Bezeichnung der Gottheit, in der späteren > Kabbala die erste Emanation Gottes, der himmlisch astrale Urmensch, die erste Kronkretisierung des > En-Soph, der erste Adam, der Mensch im Menschen, der Archetypus des Menschen. Da die Kabbala in vielerlei Hinsicht zur mythologischen Auffassung der Gottheit regredierte, brauchte sie verschiedene Urbilder, um gewisse Aspekte der Gottheit auszudrücken. Das Bild des Urmenschen diente dabei der Veranschaulichung, da die mystische Gottheit der Kabbalisten, En-Soph (das Unbegrenzte), sonst zu abstrakt gewesen wäre. Der wirkliche Mensch (Mikrokosmos) findet somit sein Urbild im lebendigen Gott als dem Makroanthropos.

Besondere Bedeutung erlangte die Konzeption des A. K. bei den Kabbalisten von Safed im 16. Jh. (> Luria, Rabbi Yitzak).
Philosophiegeschichtlich finden sich Anklänge an die Konzeption des A. K. bei > Philo von Alexandrien (Identifikation von Sophia und Logos), in der alexandrinisch beeinflussten > Gnosis und im > Manichäismus wie auch in der idealistischen und romantischen deutschen und französischen Philosophie des ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jhs., insbesondere bei Jakob > Böhme und Friedrich Christoph > Oetinger.

Lit.: Ritter, Joachim (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1971, S. 79 – 80; Scholem, Gershom: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 2000.

Adam kasia („der verborgene Adam“), auch Adam Qadmaia, „der erste Adam“, genannt. Gottähnliche Gestalt, die Mikro- und Makrokosmos in sich verbindet. A. k. gilt als Seele des leiblichen Adam und zugleich als Seele jedes Menschen. Er ist Erlöser und wird doch selbst erlöst. Ähnliche Vorstellungen finden sich in der Konzeption von > Adam Kadmon in der jüdischen Mystik und in der > Kabbala.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Adam und Eva. Das Stammelternpaar im biblischen Schöpfungsbericht (Gen 1, 27) ist zum Symbol des Urpaares geworden. Dieser Vorstellung gehen Urzeitsagen von verschiedenen Versuchen, den Göttern genehme Wesen zu schaffen, voraus. Die Erschaffung aus Erde und Lehm erinnert an den altägyptischen Mythos, demzufolge der widderköpfige Gott > Chnum alle Geschöpfe auf einer Töpferscheibe modelliert.
Auch das Motiv, dass in der ersten Zeit der Menschheit diese durch einen Frevel die Unsterblichkeit verlor, ist weit verbreitet. Im biblischen Bericht besteht der Frevel in der Vermessenheit der Stammeltern aufgrund der Versuchung durch die Schlange, die verbotene Frucht (Apfel) vom > Baum der Erkenntnis von Gut und Böse zu essen, was zum Verlust der Unsterblichkeit, zur Vertreibung aus dem Paradies (Gen 3, 1 – 24) führte und die ganze Menschheit mit hineinzog. So werden A. u. E. auch stellvertretend für alle Menschen, die durch Christus die Erlösung finden, zu beiden Seiten des Kreuzes Christi dargestellt.

Lit.: Esche, Sigrid: Adam und Eva: Sündenfall und Erlösung. Düsseldorf: Schwann, 1957; Theologische Realenzyklopädie. Bd. I. Berlin: Walter de Gruyter, 1977, S. 414 – 437.

Adam(m)as. Parentale Gottheit bei den Naasenern, einer gnostischen Richtung in Phrygien, die als Elternpaar der Äonen „Vater und Mutter“ in sich vereint.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Adam, Buch der Buße. Auf das Interesse v. Christen und Juden am ersten Menschen geht eine Reihe von Schriften zurück, die man zusammenfassend als apokryphe Adambücher bezeichnet. In zwei griechischen Handschriften und in der armenischen und slawischen Übersetzung der Vita Adae et Evae (das Original dürfte im 1. Jh. v. oder n. Chr. entstanden sein) ist eine kleinere Schrift, Die Buße Adams, enthalten, die sich mit der kabbalistischen Tradition befasst. Sie erzählt, dass Adams Erbe auf seinen dritten Sohn, > Seth, überging, der bis zum Tor des irdischen Paradieses vordringen konnte, ohne das ihn der
Wächterengel mit dem Feuerschwert bedrohte, was einer > Initiation in die okkulte Wissenschaft gleichkam. Seth sah den > Baum des Lebens und der Erkenntnis, die so ineinander verwoben waren, dass sie einen einzigen Baum bildeten. Von diesem Baum gab der Engel Seth drei Samenkörner, damit er sie seinem Vater Adam bei dessen Tod in den Mund lege. Dieser Pflanzung entwuchs der brennende Dornbusch, aus dem Gott zu Moses sprach. David verpflanzte ihn auf den Berg Zion, wo er in drei Bäume verzweigte. Aus einem Abkömmling dieses Baumes sei schließlich das Kreuz Christi geformt worden, was auch in der Vorstellung zum Ausdruck kam, dass das Kreuz Christi vom > Baum der Erkenntnis stammte, die im Mittelalter sehr verbreitet war. In dieser Legende werden zudem Hinweise auf die Erzählung vom heiligen > Gral ausgemacht: Der Mensch wird durch das Holz erlöst, durch das Adam, der erste Mensch, gesündigt hat.

Lit.: Pauphilet, Albert: Etudes sur la Queste del Saint Graal, attribuée à Gautier Map. Paris, 1921; Die Pseudoepigraphen des Alten Testaments. Hildesheim: Olms, 1992.

Adam, Isobel > Pittenweem, Hexen von.

Adamantius. Jüdischer Arzt, der zur Zeit Kaiser Konstantins (306 – 337) in Konstantinopel zum christlichen Glauben übertrat und dem Kaiser das zweibändige Werk über Physiognomie, oder Die Kunst der Beurteilung der Menschen nach deren Aussehen widmete. Das Werk ist voller phantastischer Vorstellungen und wurde 1780 in den Scriptores Physiognomoniae Veteres herausgegeben.

Lit.: Adamantius: Scriptores Physiognomoniae Veteres. Enth. Adamantii Sophistae physiognomonicon: graece et latine, 1780; Albertus Magnus: Albertus des Großen Kunst, die Menschen kennen zu lernen. … Mit physiognomischen Bemerkungen von Adamantius … u. a. Reuttlingen: Mäck, [ca. 1800].

Adamapokalypse. Eine im > Nag Hammadi (N.H. V, 64, 1 – 85, 32) enthaltene gnostische Schrift, die als apokryphe Adamapokalypse bezeichnet wird und am Ende des 1. bzw. zu Beginn 2. Jhs. entstanden ist. In ihr erzählt Adam von der Herrlichkeit, die er und Eva anfangs besaßen. Sie standen höher als der > Demiurg, der Archont der Äonen, der jedoch aus Neid die Trennung von Adam und Eva in zwei Äonen bewirkte, wobei deren Gnosis und Herrlichkeit verloren gingen. Zudem unterwarf er sie der Macht des Todes. Adams Sohn > Seth hingegen wurde zum Ahnherrn eines neuen Menschengeschlechts erhoben, das durch Entrückung vor der Sintflut bewahrt blieb. Später kehrten die Seth-Menschen zur Erde zurück und bewohnten dort eine von der > Gnosis beherrschte Stätte.

Lit.: Barns, J. W. B et. al. (Hg.): Nag Hammadi codices. Leiden: Brill, 1981.

Adamenko, Viktor G., russischer Biophysiker, der sich zunächst mit > Akupunktur und > Kirlianfotografie befasste. Dabei entwickelte er zur Auffindung der Akupunkturstellen das Tobiskop. Auf dem Gebiet der > Parapsychologie befasste sich Adamenko vor allem mit dem Phänomen der > Psychokinese. Er hielt darüber Vorträge und gab wissenschaftliche Publikationen heraus. Als dann nach 1970 die Parapsychologie von der Regierung unterdrückt wurde, verlor Adamenko seine Position. Er verließ daraufhin die damalige Sowjetunion und wurde Direktor des parapsychologischen Laboratoriums der Kreta-Universität in Griechenland. 1988 ging er in die USA, wo er als Gastforscher an der „Foundation for Research on the Nature of Man“ in Durham arbeitete, um schließlich wieder nach Griechenland zurückzukehren.

Lit.: Adamenko, Viktor G.: Electrodynamics of Living Systems. In: Journal of Paraphysics (1970) 4, 113 – 120.

Adamiten, Adamianer. Epiphanios (Haer. 32 bzw. 52), Augustinus (Haer. 52) und Johannes von Damaskus (De haer. 52) erwähnen die Adamiten, die nackt zu ihren Kulten zusammenkamen. Die Anhänger dieser Sekte waren der Meinung, dass ihre Kirche ein Paradies sei und sie daher wie Adam und Eva paradiesische Unschuld und Vollkommenheit zu leben hätten. Da Adam erst nach der Vertreibung aus dem Paradies mit einer Frau zusammenlebte, lehnten sie die Ehe ab. Als Gründer der Sekte wird von Epiphanios ein Mann namens Adam genannt, während Augustinus den Namen der Sekte auf den biblischen Adam zurückführt. Theodoret (Haeret. Fab. 1, 6) setzt sie der von Klemens v. Alexandrien genannten gnostischen Sekte der > Karpokratianer gleich. Seit dem 13. Jh. wird der Name A. verunglimpfend auf die > Katharer, gewisse Gruppen der > Waldenser (> Luziferianer), auf die niederrheinischen > Brüder des freien Geistes, die enthusiastischen > Hussiten (> Nikolaiten) und die niederländischen Wiedertäufer (> Täufer) angewendet. Die Vorwürfe der Nacktheit und insbesondere der nächtlichen Orgien sind dabei immer zweifelhaft. Jedenfalls gab es keine kontinuierliche Sekte der A.

Lit.: Heckenbach, Josephus: De nuditate sacra sacrisque vinculis. Gießen: Töpelmann, 1911; Büttner, Theodora; Werner, Ernst: Circumcellionen und Adamiten. Berlin: Akad.-Verl, 1959.

Adamitische Zustände. Psychische Erlebnisse, die sich auf die „paradiesischen Zustände“ beziehen, deren es sehr viele gibt, die jedoch nicht verraten werden können. Der gewöhnliche adamitische Zustand ist das Gefühl der Nacktheit.

Lit.: Karl Weinfurter: Mystische Fibel. Sersheim /Wttbg.: Osiris Verlag, 1954.

Adams, Evangeline Smith (ca. 1870 – 1932), geb. in Jersey City, New Jersey, als Tochter von George und Harriette E. (Smith) Adams; Ausbildung in Andover, Massachusetts, und Chicago, Illinois; frühzeitige Verbindung mit Dr. J. Herbert Smith, damals Professor für Medizin an der Universität Boston, der sich besonders für Astrologie interessierte. Angesichts des Horoskops von Adams glaubte er, in Abschätzung ihrer Fähigkeiten, in Miss Adams die ideale Persönlichkeit zu erkennen, um die > Astrologie zu einer anerkannten Wissenschaft zu lancieren. Er lehrte sie alles, was er wusste, und sie ergänzte dies durch das Studium von > Vedanta bei Swami > Vivekananda. Jahre später eröffnete sie eine astrologische Beratungsstelle in New York. Die Voraussage eines unmittelbar bevorstehenden schweren Unglücks betreffend das Windsor Hotel in der Fifth Avenue, New York, der keine Beachtung geschenkt wurde, die sich aber erfüllte, machte Miss Adams national bekannt. 1914 wurde sie wegen „Wahrsagerei“ angezeigt, focht diese Beschuldigung jedoch vor Gericht an. Sie demonstrierte ihre Arbeitsweise und traf eine genaue Voraussage in Bezug auf den Sohn des Richters. Der Richter John H. Freschi sprach sie schließlich frei mit der Feststellung: „Die Angeklagte hat die Astrologie zur Würde einer exakten Wissenschaft erhoben.“
Adams verfasste mehrere Bücher und Broschüren zur Astrologie und wurde von Persönlichkeiten wie dem Sänger Caruso oder Edward VII. von England aufgesucht. Von 1930 an sprach sie dreimal wöchentlich im Rundfunk. 1931 sagte sie voraus, dass die USA 1942 in den Krieg eintreten würden. 1932 prophezeite sie ihren Tod, der exakt eintraf. Sie war die führende Astrologin ihrer Zeit in den USA. Von ihren Büchern seien genannt: The Bowl of Heaven (1926); Astrology, Your Place in the Sun (1928); Astrology, Your Place Among the Stars [mit einigen hundert Horoskopen berühmter Leute] (1930); Astrology for Everyone; What it is and How it Works (1931).

Lit.: Adams, Evangeline: The Bowl of Heaven. New York: Dodd, Mead, 1970; Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. 1. Bd. Detroit, Michigan: Gale Research Company; Book Tower, 21984.

Adamsbaum. Ein baumartiges Wolkengebilde, das als Wetterbaum gedeutet wird. Blüht er nach Mittag, bleibt das Wetter schön, blüht er nach Mitternacht, so kommt Regen. Die Deutungen sind allerdings nach Gegenden verschieden. So sagt man an anderen Orten: Der Adamsbaum blüht, es wird regnen (Meyer, 130). Manche sehen im Adamsbaum auch eine Art Vorläufer des Maibaums (Birlinger 2, 50 f.).

Lit.: Meyer, Elard H.: Mythologie der Germanen. Straßburg: Trübner, 1903; Birlinger, Anton (Hg.). Volksthümliches aus Schwaben. 2 Bände in einem Band. Nachdr. d. Ausg. Freiburg i. Br., 1861 – 1862. Hildesheim u. a.: Olms, 1974.

Adamski, George (1891 – 1965). Der gebürtige Pole, der als Würstchenhändler am Mount Palomar (USA) arbeitete, erklärte, dass ihn die Bewohner der Venus besucht hätten. Sein Bericht fand zunächst keinen Verleger. Als dann das Gerücht kursierte, A. sei am 20. November 1952 in der kalifornischen Wüste mit einem Mann aus dem Weltraum zusammengetroffen, wurde sein Manuskript 1953 zusammen mit der beim Verlag T. Werner Laurie in London liegenden Arbeit von Desmond Leslie unter dem Titel Flying Saucers Have Landed herausgegeben. Das Buch, das mit dem Bericht einer UFO-Landung von 1920 beginnt, rief weltweite Reaktionen über fliegende Untertassen hervor. Nach Desmond Leslie waren in George Adamski alle Tugenden, aber auch alle Mängel unseres Planeten vereinigt (Barker, 14). So lösten auch seine weiteren Veröffentlichungen (Inside the Space Ships, 1955; Flying Saucers Farewell, 1961) sowie seine zahlreichen Vorträge in Amerika und Europa entweder uneingeschränkte Annahme oder völlige Ablehnung aus. Am holländischen Königshof spielte A. sogar die Rolle einer Art > Rasputin. Er starb am 23. April 1965 in Silver Springs, Maryland, USA, als Pionier der UFO-Bewegung.

Lit.: Adamski, George: Flying Saucers Have Landed. London: T. Werner Laurie Ltd., 1953; Leslie, Desmond; dt.: Fliegende Untertassen sind gelandet. Stuttgart: Europa-Verlag, 1954; Barker, Gray: Das Buch über Adamski. Wiesbaden-Schierstein: Ventla-Verlag, 1967.

Adamson, Henry. Er schrieb 1638 in einem in Edinburgh erschienenen Gedicht mit dem Titel The Muses Threnodie:

“… For we be Brethren of the Rosie Cross,
We have the Mason’s Word and second sight … ”.

Deutsch:

„ … Wir sind die Brüder vom Rosenkreuz,
Wir haben des Maurers Wort und das zweite Gesicht… “.

In diesem Rosenkreuzergedicht liegt der erste gedruckte Hinweis auf ein besonderes > Wort der Freimaurer vor.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.:Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Adapa > Abgal.

Adaptationssyndrom. Ferdinand Hoff und später ergänzend der ungarische Physiologe Hans Selye fassen mit dem 1936 beschriebenen „Adaptationssyndrom“ den Komplex von Anpassungsreaktionen des Organismus zusammen, die nun unter der Bezeichnung „allgemeines Adaptationssyndrom“ (AAS) in drei Phasen aufgegliedert werden: 1) Initialschock mit verringerter Widerstandskraft und Alarmreaktion mit entgegenwirkenden Abwehrmechanismen; 2) Widerstand mit optimaler Anpassung und Normalisierung der Reaktionen; gelingt diese Anpassung nicht, kann es 3) zu Erschöpfung mit Zusammenbruch der Adaptation bzw. des Widerstandes und zu Krankheitssymptomen kommen. Die Ursachen solcher Reaktionen sind vielfältig und werden vor allem mit der Bezeichnung „Stress“ in Verbindung gebracht, worunter laut Selye Dauerbelastungen jeder Art, wie Kälte, Hitze, Übermüdung, Infektionen, somatische und psychische Traumata fallen; dazu zählen auch paranormologische Phänomene und Reaktionen.

Lit.: Hoff, Ferdinand: Unspezifische Therapie und natürliche Abwehrvorgänge. Stuttgart: Hippokrates, 1930; Selye, Hans: Einführung in die Lehre vom Adaptationssyndrom. Stuttgart: Thieme, 1953.

Adare, Lord Windham Th. W. (1841 – 1926). A. kam 1867 mit D. D. > Home in Verbindung, woraus eine ungetrübte Freundschaft entstand. 1869 gab er auf Wunsch seines Vaters, des Earl of Dunraven, privat unter dem Titel Experiences in Spiritualism with D. D. Home die Aufzeichnungen seiner Beobachtungen mit Home heraus und stimmte schließlich einer 2. Auflage durch die S.P.R. 1925 zu. Die aufgezeichneten Phänomene decken ein reiches Feld ab. Es fehlen jedoch Berichte über Apporte und Materialisationen, vielleicht deshalb, weil Home deren Möglichkeit ablehnte.
Das Buch ist keine wissenschaftliche Arbeit, sondern es handelt sich vielmehr um Briefe, die Adare jeweils nach den Sitzungen mit Home im Zeitraum von zwei Jahren seinem Vater schrieb. Dies verleiht ihnen besonderen Dokumentationswert, zumal Adare sich dann in Ermangelung weiterer Fortschritte von der parapsychologischen Forschung zurückzog.

Lit.: Dunraven, Earl of: Experiences in Spiritualism with. D. D. Home. Glasgow: R. Maclehose & Co., 1924.

Addanc (auch adanc, addane, afanc, avanc, abhac, abac), nach der walisischen Mythologie ein > Seeungeheuer, das auch im keltischen und britischen Brauchtum vorkommt. Die genaue Beschreibung variiert; zuweilen wird es als einem Krokodil, einem Bieber oder Zwerg ähnlich beschrieben, manchmal auch mit einem > Dämon gleichgesetzt. Auch der See, in dem es angeblich lebt, wird unterschiedlich lokalisiert.
Wie viele Seeungeheuer soll auch A. Jagd auf jene machen, die es wagen, in seinem See zu baden. Wenn es den See verlässt, verliert es seine Macht und kann getötet werden.

Lit.: Cooper, Susan: The Dark is Rising; illustrations by Alan E. Cober London: Chatto and Windus, 1973.

Addey, John (1920 – 1982), Theosoph und Astrologe. Geb. am 15.6.1920 in Barnsley, Yorkshire, England, studierte er am Saint John’s College in Cambridge, begann sich für Astrologie zu interessieren und trat nach dem Zweiten Weltkrieg der astrologischen Loge der Theosophischen Gesellschaft bei. 1951 erlangte er an der von C. E. O. Carter 1948 gegründeten Fakultät für Astrologische Studien das Diplom in Astrologie. 1958 gründete A. die Britische Astrologische Gesellschaft und entwickelte eine Theorie der Harmonik für die Astrologie. 1970 gründete er den Urania Trust, um die Astrologie in die Astronomie zu integrieren, was jedoch ohne Erfolg blieb. Eine Zeitlang war A. auch Herausgeber des Astrological Journal.

W.: Harmonic Anthology. Tempe, Ariz.: American Federation of Astrologers, 1976; Harmonics in Astrology. Romford: L. N. Fowler, 1976.

Addigitation (lat., „Fingerbewegung“). Von Aubin Gauthier, dem Sekretär auf Lebenszeit der „Société du Magnétisme“ in Paris, eingeführter Begriff zur Bezeichnung einer Magnetisierungsmethode durch Fingerbewegung im Nabel zur Heilung von der Roten Ruhr. Gauthier wurde dabei von dem italienischen Botaniker Prospero Alpino (1553 – 1616) inspiriert, der 1580 Ägypten bereiste und das Werk De Medicina Aegyptiorum über die Heilkunst der Ägypter verfasste. Darin berichtet Alpino, dass die Ägypter bei der Behandlung der Roten Ruhr, nach zarter Reibung mit der ganzen Hand, den Finger in den Nabel setzten und ihn dann mehrere Male drehten. Er selbst habe gesehen, wie Ruhrkranke dadurch geheilt wurden.

Lit.: Alpino, Prospero: Prosperi Alpini Medicina Aegyptiorum. Lugduni Batavorum: Boutestein, 1719; Gauthier, Aubin: Magnetisme Catholique. Paris, 1844.

Additor. Modifizierte Form des > Oui-ja-Board. Das Brett ist wie üblich mit einem Alphabet versehen. Auf dem Brett befindet sich jedoch zusätzlich ein kleiner, runder, kästchenartiger Aufsatz mit einem Zeiger, der durch Berührung mit den Fingern eines oder mehrerer Teilnehmer über das Brett gleitet. Dieses Kästchen ist als ein Miniaturkabinett gedacht, das bei der Bewegung unter den Fingern über das glatte Brett mit dem aufgedruckten Alphabet psychische Kraft speichern soll. Additor, Oui-ja-Board und > Planchette werden auch als > Autoskop bezeichnet, da sie das Hervorbringen von Botschaften unbekannter intelligenter Quellen erleichtern, die zuweilen vom Unbewussten und dann von Verstorbenen zu kommen scheinen.

Lit.: Predire il futuro. Mailand: Fabbri, 1984.

Adebar > Storch.

Adelgunde (um 624 / 639 – 684 / 712), hl. (Fest: 30. Jan.). 1. Äbtissin von Maubeuge an der Sambre, Nordfrankr., wo sie in der Adelgundkirche begraben ist. Ihre älteste Biografie (Ende 8. / 1. Hälfte 9. Jh.) überliefert zahlreiche Visionen und paranormale Ereignisse. Weitere Nachrichten über Wunder und gesteigerte Verehrung knüpfen sich an die Öffnung des Grabes von 1161 und 1439, da von ihrem Leichnam ein überaus angenehmer Geruch ausging. A. ist Schutzpatronin gegen Krebs, Augenleiden und Kinderkrankheiten.

Lit.: Dierkens, Alain: Abbayes et chapitres entre Sambre et Meuse (VIIe – Xie siècles). Sigmaringen: Thorbecke, 1985, S. 97 f., 291, 294.

Adelheid Langmann (ca. 1312 – 1 375), Witwe, Dominikanerin, Mystikerin. Aus ratsfähigem Nürnberger Geschlecht wurde A. mit 13 Jahren verheiratet und war 14-jährig bereits Witwe. Eine Wiederverheiratung lehnte sie ab und trat mit etwa 15 Jahren in das Dominikanerinnenkloster Engeltal ein, wo sie ein von Krankheit, Askese und mystischen Erlebnissen geprägtes Leben führte. Ihre charismatischen Erfahrungen, die wohl durch das Beispiel ihrer Verwandten, Christine Ebner, die ebenfalls dort Nonne war, angeregt wurden, bilden die Grundlage eines aus Selbstaufzeichnungen bzw. Diktaten aus den Jahren 1340 – 1347 und anderem Material über sie zusammengestellten Textes. Diese zu einem mittelhochdeutschen „Gnaden-Leben“ zusammengefügte Schrift entstand auf Weisung eines „Lesemeisters“ des Ordens und enthält, dem Kirchenjahr folgend, die an Adelheid gerichteten Tröstungen und oft allegorischen Belehrungen Christi. Ihre erste Vision erlebte A. bei der Profess. Sie berichtet besonders von Christkind-, Marien- und Heiligenerscheinungen und beschäftigt sich oft mit dem Fegefeuer und den Armen Seelen. Sie versteht sich als Braut Christi und erlebt geradezu romantisch anmutende Liebesbezeugungen mit stark persönlichen Zügen, die wohl mehr für persönliche Wunschvorstellungen als für mystisches Eingebundensein sprechen.

Lit.: Langmann, Adelheid: Die Offenbarungen der Adelheid Langmann, Klosterfrau zu Engelthal / Hg. von Philipp Strauch. Strassburg; London [usw.]: Trübner, 1878; Ebner, Margareta: Die Offenbarungen der Margaretha Ebner und der Adelheid Langmann /in das Neuhochdeutsche übertr. v. Josef Prestel. Weimar: Böhlau, 1939; Gieraths, Gundolf Maria: Reichtum des Lebens: die dt. Dominikanermystik d. 14. Jhs. Düsseldorf: Albertus-Magnus-Verl., 1956.

Adelheid von Adelhausen. Die Chronik des ehemaligen Dominikanerinnenklosters Adelhausen in Freiburg, verfasst von der Priorin Anna v. Munzingen (um 1318), berichtet von einer > Levitation der Schwester Adelheid, die wissen wollte, was die Jünger bei der Herabkunft des Hl. Geistes beim Pfingstfest empfanden: „Daher, als sie einst an einem Pfingsttage vor dem Frohnaltare ihr Gebet und ihre Begierde vor Gott ausgegossen, kam ein sonnenklarer Strahl über sie, und sie wurde mit solcher göttlichen Süße und innerlichen Erleuchtung vom hl. Geiste erfüllt, daß ihr Leib es nicht ertragen mochte. Denn vom Orte ihres Gebetes fuhr sie auf, und, schwebend in der Luft, wurde sie um den Altar herum gewirbelt, und dann vor ihm niedergelassen; worauf ihr das Blut zum Munde und zur Nase herausstürzte.“ Dies sah Schwester Lucia, die nach eindringlichen Fragen, die Schwester wollte nämlich darüber nicht sprechen, folgende Antwort erhielt: „Liebe Schwester! in dem Augenblicke, wo der Strahl göttlichen Geistes über mich arme Sünderin gekommen, ist mein Herz mit göttlichem Trost und Gnadenschein dermassen erfüllt worden: dass, wofern das Blut nicht von mir geschossen wäre, hätte mein Herz in derselben Stunde müssen zerbrechen; denn die Natur war zu schwach, den Überfluss und die Fülle der göttlichen Süße zu fassen“ (Görres 2, 536 – 537).

Lit.: Die Chronik der Anna von Munzingen. Hg. v. J. König. In: Freiburger Diözesan-Archiv 13 (1888), S. 19 ff.; Görres, Joseph von: Die christliche Mystik. Bd. 2. Graz: ADEVA, 1960; Steill, Fridericus: Epemerid. Dominic. sacrae I, S. 20.

Adelheid von Schaarbeek (1215 – 1250), heilig (Fest: 11. Juni). A. (Aleydis, Alice, Alix) wurde mit 7 Jahren den Zisterzienserinnen von La Cambre bei Brüssel anvertraut. Mit 22 Jahren wurde sie vom Aussatz befallen und lebte, von heftigen Schmerzen geplagt, bis zu ihrem Tod als Reklusin am Rande des Klosters. Ihr Leben und ihre mystischen Erfahrungen wurden vom Spiritual des Kloster aufgezeichnet.

Lit.: Enriquez, Crisóstomo: Quinque prudentes virgines Antverpiae: Cnobbaert, 1630.

Adelheid von Vilich († um 1015), heilig (Fest: 5. Febr.). A. war 1. Äbtissin des Kanonissenstiftes Vilich bei Bonn. Auf Drängen des Kaisers wurde sie auch Äbtissin von St. Maria im Kapitol zu Köln. Sie wurde in Vilich beigesetzt; Reliquien finden sich auch im benachbarten Pützchen. A. war Beraterin des Erzbischofs von Köln und eine außergewöhnliche Frau. So wird von ihr berichtet, was ohne Gegenstück ist, dass sie den Schwestern im Kloster Vilich, die beim Singen nicht den richtigen Ton fanden, durch einen Schlag für alle Zeit ihres Lebens eine helle, reine Stimme verliehen haben soll. Zudem habe sie durch Schelten kranke Nonnen geheilt.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 1. Bd. Berlin: W. de Gruyter, 1987, S. 169 – 170.

Adelung, Johann Christoph (1732 – 1806). Deutscher Philologe und Herausgeber einer bekannten Quellensammlung des älteren Okkultismus: Geschichte der menschlichen Narrheit, oder Lebensbeschreibungen berühmter Schwarzkünstler, Goldmacher, Teufelsbanner, Zeichen- und Liniendeuter, Schwärmer, Wahrsager, und anderer philosophischer Unholden.
Die Darlegung der einzelnen Themen erfolgt in einer grundsätzlich ablehnenden Haltung, was bei der Lektüre zu beachten ist.

Lit.: Adelung, Johann Christoph: Geschichte der menschlichen Narrheit. Leipzig: Weygand, 1785.

ADEPT. Abk. für engl. Advanced Decimal Extrasensory Perception Trainer > Fortgeschrittener dezimaler ASW-Trainer.

Adept (lat. adeptus). Begriff aus der Alchemie des späten Mittelalters, der zu dem lat. Verb adispiscor, „erreichen, erlangen, erhalten, einholen, erringen“ gehört. Der A. ist demnach „einer, der etwas erreicht hat“.
Er nimmt die höchste Stellung unter den Alchemisten ein, denn er hat ein hohes geistiges Ziel erlangt. Er ist eingeweiht, initiiert und hat die Kenntnis um den > Stein der Weisen gefunden sowie andere Einsichten in größere Geheimnisse,
arcana maiora, gewonnen.
Die Adepten lebten üblicherweise zurückgezogen, um ihr geheimes Wissen zu bewahren, doch gab es vor allem auch im 17. Jh. reisende Adepten, die – selbst anonym bleibend – ihr Wissen um die Metallveredelung gegenüber einzelnen Personen demonstrierten. So soll 1666
Johann Friedrich Helvetius von einem A. besucht worden sein, der ihm ein winziges Teilchen des Steines der Weisen übergab, mit dem diesem daraufhin die Umwandlung von Blei in Gold gelang. Der polnische A. Michael Sendivogius und der schottische A. Alexander Seton führten jedoch öffentlich Metallverwandlungen vor.
In der Esoterik werden mit A. neue Eingeweihte oder neue Meister bezeichnet, die in einer Vorbereitungszeit in das geheime Wissen einer Gruppe eingeführt wurden und durch eine besondere Weihehandlung, > Initiation, die Berechtigung erhielten, die Geheimlehre oder Teile davon zu lehren, zu deuten und an den Zeremonien teilzunehmen. In einigen Gesellschaften wie den Rosenkreuzern ist der A. die Einweihungsstufen eines Adeptus Exemptus, Adeptus Junior, Adeptus Maior, Adeptus Minor erfolgreich emporgestiegen, um auf der 5. Stufe durch die Einweihung in die Adeptschaft das geistige Reich zu betreten und damit zum Meister der Wissenschaft der esoterischen Philosophie zu werden. In diesen oder ähnlichen Bedeutungen findet sich die Bezeichnung A. in zahlreichen Gemeinschaften und Geheimgesellschaften.

Lit.: Helvetius, Friedrich: Vitulus aureus, quem mundus adorat et orat. Amsterdam, 1667; Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. Freiburg: Bauer, 1970; Priesner, Claus; Figala, Karin (Hg.): Alchemie: Lexikon einer hermetischen Wissenschaft. München: Beck, 1998.

Adepten-Hierarchie. Viele magische und okkulte Gemeinschaften kennen eine Hierarchie der Mitglieder wie auch der spirituellen Meister. So sind in der > Theosophie mit „Eingeweihten“ meist körperlose Lamas oder tibetische Priester gemeint, die in esoterischen Lehren bewandert sind. Okkultisten der westlichen Magie, speziell S. L. > MacGregor Mathers und Aleister > Crowley, geben an, in Kontakt zu „Meistern“ oder geheimen Oberhäuptern gestanden zu haben. Auf eine A.-H. wird jedenfalls immer dann zurückgegriffen, wenn bestimmte esoterische oder magische Lehren Anhängern nur über die „Absegnung“ durch eine „höhere Instanz“ zugänglich gemacht werden, meist verbunden mit Organisationstreue und zuweilen auch mit Verschwiegenheit. Neben dieser > Adeptschaft, dem Streben nach höchster Erkenntnis der Naturgesetze und -kräfte höherer Wesen und selbst der Gottheiten, gibt es die Adeptschaft nach höchster Vervollkommnung anhand eines Vorbildes, wie z. B. des Symbols vom > Allmächtigen Baumeister aller Welten in der > Freimaurerei, ohne magische Anleihe rein in Form der Bewusstseinserweiterung, zuweilen auch verbunden mit ritueller Einweihung ohne Transzendenzbezug.

Lit.: Blavatsky, H. P.: Die Geheimlehre. Den Haag: J. J. Couveur, o. J., Bd. 3, S. 24; Bd. 1. u. 2; Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. Erika Ifang [Übers.]. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988.

Adeptschaft > Adepten-Hierarchie.

Ader. Die Ader hat als Lebensfluss von jeher eine ominöse Bedeutung. So soll ein neugeborenes Kind mit einer streifenartigen A. auf der Stirn oder über der Nase angeblich nicht lange leben. In Süddeutschland werden diese Adern „Totenbäumchen“ genannt. Zu stark wie zu schwach hervortretende Adern sind allgemein Ausdruck gebremster Lebensdynamik.

Lit.: Stunzer, Johann Kaspar: Über die goldene Ader für Unerfahrene in der Arzneiwiss. Wien: Hörlin, 1788; Drechsler, Paul: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. Bd. 1. Leipzig: Teubner, 1903, S. 184.

Ader, goldene. Die besondere Lebensbedeutung der Ader kommt insbesondere in der Bezeichnung der Mastdarmvene als „goldene Ader“ zum Ausdruck. Das spontane Bluten der Hämorrhoiden galt als goldwertig, weil es das ärztliche Honorar für den Gewohnheitsaderlass ersparte.
Die Bezeichnung „goldene Ader“ dürfte jedoch eher auf den biblischen Bericht über die Rückgabe der Bundeslade durch die Philister zurückgehen, die diese nach ihrem Sieg über die Israeliten mitgenommen hatten. Als die Philister daraufhin mit Pestbeulen geschlagen wurden, riefen sie die Priester und Wahrsager zu Rate, die ihnen mitteilten, dass sie zusammen mit der Lade fünf goldene Beulen, entsprechend der Zahl der Philisterfürsten, sowie fünf goldene Mäuse, entsprechend der Zahl der Philisterstädte, als Geschenk entrichten sollten (1 Sam 6). Die Philister weihten also goldene Abbildungen ihrer Geschwüre und der Mäuse, die das Land verwüsteten, als Votive, um von der Plage befreit zu werden.

Lit.: Stunzer, Johann Kaspar: Uiber die goldene Ader für Unerfahrne in der Arzneiwiss. Wien: Hörlin, 1788; Jühling, Johannes: Die Tiere in der deutschen Volksmedizin alter und neuer Zeit. Bad Tölz, 1900; Höfler, Max: Deutsches Krankheitsnamen-Buch. Reprografischer Nachdr. der Ausg. München, 1899. Hildesheim: Olms, 1970.

Aderlass (Phlebotomie). Punktion oder chirurgische Eröffnung (Venae sectio) einer peripheren subkutanen Vene, in Dringlichkeitsfällen einer Arterie, zur therapeutischen Blutentnahme (ca. 500 – 800 ml) zwecks Kreislaufentlastung bei Linksherzinsuffizenz (Lungenstauung), akutem Hirnödem, malignem Hochdruck, Eklampsie, Polyzythämie.
Diese moderne medizinische Beschreibung war in ihrer ursprünglichen Form – > Schröpfen, Anwendung von > Blutegeln usw. – bereits bei den ältesten Völkern bekannt. Da Blut mit Leben gleichgesetzt wurde, war das Blutlassen ursprünglich ein Ersatz für das Menschenopfer, wie dies sehr deutlich aus dem Götterkult der Bewohner von Yukatan hervorgeht: man durchbohrte sich die Ohren und Schultern, sammelte das Blut und gab es in die Opferschalen vor den Götterbildern (Lippert 2, 328). So besaß der Aderlass schon zu Zeiten des Hippokrates eine jahrhundertealte Tradition. Im Lauf der Zeit entwickelte er sich zu einer der beliebtesten Methoden. So ist er nach > Hildegard von Bingen, von ganz wenigen Ausnahmen wie akute Infektionskrankheiten, Körperschwäche oder Blutarmut abgesehen, das tiefgreifendste Umstimmungsmittel zur Heilung chronischer Krankheiten. Hildegard schränkte den Aderlass auch nach dem Lebensalter ein. So soll er nach dem 50. Lebensjahr nur mehr einmal im Jahr und nur zur Hälfte durchgeführt werden. In manchen Gegenden artete der Aderlass jedoch geradezu zum „Vampirismus“ aus, indem man selbst noch halb Toten das Blut absaugte. > Paracelsus (1493 – 1541) warnte daher davor, zu viel Blut abzunehmen. Ch. W. > Hufeland (1762 – 1836) hingegen würdigte den Aderlass und zählte ihn neben > Opium und > Brechverfahren zu den drei Kardinalmitteln der Heilkunst. Nach einer vorübergehenden Ausrichtung auf die technische Medizin gewinnt im Rahmen der Betonung der Naturheilverfahren nun auch der Aderlass wieder an Bedeutung, selbst in ärztlichen Praxen.

Lit.: Hildegard von Bingen: Heilkunde. Salzburg: Müller, 1957, S. 253 ff.; Lippert, Julius: Kulturgeschichte der Menschheit in ihrem organischen Aufbau. Bd. 2. Stuttgart: Enke, 1887; Maier, Karlmann: Vom Aderlass zum Laserstrahl. Backnang: Stroh, 1993.

Aderlassmännchen. Lassmännlein, in früheren Jahrhunderten häufige Darstellung eines Menschen mit Angabe der Aderlass-Stellen in Form von Strichen, meist aber durch Zuordnung der zwölf > Tierkreiszeichen zu bestimmten Organen. Mit dieser Zuordnung sollte nach der astrologischen Lehre der > Entsprechungen der > Aderlass des betreffenden Organs nur bei der gegebenen Konstellation vorgenommen werden, wobei der > Mond eine besondere Rolle spielte. Schon in der Ptolemäus zugeschriebenen astrologischen Spruchsammlung > Centiloquium wird darauf verwiesen, dass jenes Glied, in dessen korrespondierendes Tierkreiszeichen der Mond tritt, nicht zur Ader gelassen werde (> Iatromathematik bzw. -medizin). Diese Regel fand durch die sogenannten > Aderlasszettel (Einzelblattdrucke) bis in das 19. Jh. weiteste Verbreitung.

Lit.: Stemplinger, Eduard: Antiker Volksglaube. Stuttgart: Spemann, 1948; Knapp, I. M.: Tierkreismann und Aderlassmann. In: Ciba-Zeitschrift. Basel, 1953, S. 758 ff.

Aderlasszettel. Die A., kurz Lasszettel genannt, die als Kalender und Einblattdrucke, oft in plumper und drastischer Form und Ausführung zu Tausenden verbreitet wurden, enthielten das wesentliche astronomische Gedankengut in Bezug auf Gesundheit und Krankheit, insbesondere auch zur zeitgerechten Durchführung des Aderlasses. Bei schwerer Krankheit ebenso wie bei leichten Unpässlichkeiten, vor lebenswichtigen Operationen und schweren Geburten wurde vorerst der Lasszettel zu Rate gezogen, denn – so sagte ein Sprichwort: „Wenn die Anatomie das rechte Auge der Medizin ist, dann ist die Astrologie ihr linkes.“ Von größter Wichtigkeit war dabei die Kenntnis des Mondstandes zu Beginn einer Erkrankung. Die Lasszettel gaben auch wichtige Hinweise über das Alter des Patienten und sein Temperament, über Brechmittel, Abführmittel, über Bäder, Haarschneiden, Zahnziehen, Kinderentwöhnen, Hochzeiten, Schuldenzahlen. Trotz herber Kritik bis zu bissigem Spott, selbst von Anhängern der Astrologie, konnten die manchmal lebensbedrohlichen Auswüchse nicht gänzlich ausgerottet werden.

Lit.: Schmidt, Philipp: Astrologische Plaudereien: Geschichte, Wesen und Kritik der Astrologie. Bonn: Verlag der Buchgemeinde Bonn, 1950, S. 94 – 98.

Adhab-Algal. Das islamische Fegefeuer, wo die Toten von den schwarzen Engeln mit den blauen Augen, > Munkar (der Unbekannte) und > Nakir (der Verleugnete), auf ihren Glauben an den Propheten und seine Religion geprüft werden.

Lit.: Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. 1. Bd. Detroit, Michigan: Gale Research Company; Book Tower, 21984; Hughes, Thomas Patrick: Lexikon des Islam. Wiesbaden: Fourier, 1995.

Adhara (sanskr., „Gefäß“). A. ist das, worin sich Bewusstsein manifestiert, das physisch-psychische Instrument des Körpers und Denkens, das sich aus fünf Hüllen (> Kosha) zusammensetzt, die das absolute Bewusstsein (> Atman) im Menschen umgeben.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Adharma (sanskr.). A. bezeichnet im Gegensatz zu > Dharma das Fehlen von Rechtschaffenheit und Tugend, einen Zustand, der durch Nicht-Erkenntnis entsteht. In ihm herrschen Trägheit (Tamas) und Gier (Rajas).

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Adhuc stat! (lat.). Noch steht sie! – die gebrochene Säule, nämlich der > Templerorden, der trotz seiner Zerstörung durch Philipp IV. (den Schönen, 1285 – 1314) von Frankreich weiter bestehe. Symbol in der strikten Observanz und in schottischen Hochgraden. Es findet sich wiederholt auch auf Denkmünzen und diente als Titel eines weitverbreiteten Buches über Freimaurerei des Schweizer Kulturhistorikers Otto Henne am Rhyn.

Lit.: Henne am Rhyn, Otto: Adhuc stat, die Freimaurerei in 10 Fragen und Antworten. St. Gallen, 1870.

Adhyatma-Yoga (sanskr., von adhyatma: „der höchste Atman“, „das höchste Selbst“). Yogaübung, die durch Selbsterkenntnis und Selbstverwirklichung die Identifizierung mit Körper und Denken überwindet, um zur Feststellung zu gelangen, dass der Mensch als > Atman absolutes Bewusstsein und somit mit > Brahman identisch ist.
Adhyatma ist auch der Name einer philosophischen Schule der > Shankara-Tradition.

Lit.: The Adhyatma Ramayana: concise English version. New Delhi: M.D. Publications, 1995. Waterhouse, M.: Training the Mind Through Yoga. Hg. v. Shanti sadan, 29 Chepstow Villas, London W11 3DR, U.K., 1964.

Adhyatmika (sanskr.). Der spirituelle Weg zum inneren Erleben des Selbst auf der Reise vom Sterblichen zum Unsterblichen.

Adi (sanskr., „der Erste“, „das Erste“), gleichbedeutend mit der göttlichen Ebene, der Ebene des Logos, wie auch der ersten kosmisch-ätherischen Ebene. Diese erste Ebene ist bei Max > Heindel die Welt Gottes, die aus sieben Regionen besteht, und bei Alice A. > Bailey die Ebene des Logos.

Lit.: Heindel, Max: The Rosicrucian Cosmo-Conception. London: Fowler, 1937; Bailey, Alice A: Initiation. Lucis: New York, 1952.

Adibuddha (sanskr., „Urbuddha“). Die Schulen des > Buddhismus kennen eine Vielzahl von > Buddhas und > Bodhisattvas, die in späterer Zeit in eine Art Beziehungssystem gestellt wurden. Nach dieser Vorstellung gibt es seit Uranfang einen Buddha, der ewig und durch sich selbst entstanden ist. In Meditation (> Dhyana) seiner selbst bringt er die fünf Meditationsbuddhas hervor, die ihrerseits fünf Dhyani-Bodhisattvas erstehen lassen, aus denen in einander ablösenden Schöpfungen das Universum hervorgeht. Während diese Buddhas bzw. Bodhisattvas in höheren Welten leben, tauchen auf der Erde als Ergebnis magischer Projektionen fünf menschliche Buddhas (manushi-buddhas) auf.
Diese Konzeption des Adibuddha geht bis in das 9. Jh. zurück. Als eine Art Urschöpfer habe A. auch zahlreiche esoterische Lehren und > Tantras verkündet.

Lit.: Glasenapp, Helmuth von: Buddhismus und Gottesidee. Mainz: Verl. d. Akademie d. Wiss, 1954.

Adi-Granth (sanskr. adi, „ur“, grantha, „Buch“), Bezeichnung für das Heilige Buch der Sikhs. Es wurde 1604 von Guru Arjan begonnen und von Guru Govind Singh (1666 – 1708), dem Gründer einer Sikh-Bruderschaft, in der jeder Sikh bei der Aufnahme als zweiten Namen „Singh“ erhält, 1705 vollendet. Er ernannte das heilige Buch zum Guru, und so wurde es unter dem Titel Guru Granth bekannt. Es enthält 3384 Hymnen mit 15575 Versen und wird heute im Goldenen Tempel in Amristar aufbewahrt. Dieses umfassende, größtenteils in Hindi geschriebene Kompilationswerk wird als Manifestation der mystischen Persönlichkeiten der > Gurus und somit als Stimme der unsterblichen, spirituellen Lehrer betrachtet. Die Verse sind ein Lobpreis auf den Einen Gott und jeder Sikh muss morgens das Eingangskapitel aufsagen.

Lit.: Trumpp, Ernest: The Adi Granth or the Holy Scriptures of the Sikhs. New Delhi: Munshiram Manohalal Publ., 41989.

Aditi (sanskr.), Unendlichkeit, grenzenloses Bewusstsein, in femininer Form Mutter der Sonnengötter, der göttlichen Weltordnung, der > Adityas. Eine spätere Überlieferung erblickt in ihr eine Personifizierung der Erde; ihr Schoß gilt als Nabel der Welt. Als Göttin soll sie die ihr Vertrauenden von Krankheit, Not und Sündenbefleckung befreien. Als eine Inkarnation von A. gilt Devaki, die Mutter von > Krishna.

Lit.: Hillebrandt, Alfred: Ueber die Göttin Aditi. Breslau: Aderholz, 1876.

Adityas. Sonnengötter, Söhne der > Aditi, des unendlichen Bewusstseins, meist sieben oder auch acht Götter umfassend. An ihrer Spitze steht > Varuna, oft in Verbindung mit > Mitra und > Aryaman. Wie von Aditi erhoffen sich die Menschen auch von den Adityas Befreiung von ihren Übeln. Im nachvedischen Schrifttum werden 12 Adityas in der Rolle von 12 Sonnengöttern genannt, die wiederum mit den 12 Monaten verbunden werden. Die Singularform von Aditya in der Bedeutung von Sonne bzw. Sonnengott wird in den > Veden manchmal mit > Savitri, manchmal mit > Surya gleichgesetzt.

Lit.: Brereton, Joel Peter: The Rgvedic Adityas. New Haven, Conn.: American Oriental Soc., 1981.

Adiutor bzw. Adjuteur, 12. Jh., hl. (Fest: 20. April). Ayoutre de Vernon, normannischer Ritter und Teilnehmer am 1. Kreuzzug, wurde auf wunderbare Weise aus sarazenischer Gefangenschaft befreit und anschließend Mönch in der Abtei Tiron. Er starb 1131 als Eremit im Ruf eines Wundertäters. Seine Biografie schrieb Erzbischof Hugo von Rouen.

Lit.: ActaSS Apr. III 823 – 872.

Adler (12. Jh., adelare, zus.ges. aus „Adel“ und „Aar“). Unter allen Vögeln, im Märchen wie in der religiösen Symbolik, ist der Adler der König. Er soll das einzige Tier sein, das direkt in die Sonne blicken kann (Dante, Par. I, 48). Den Assyrern galt er als Symbol der Sonnengottheit und war Sinnbild hoher Geistigkeit. Im AT ist der A. Symbol von Jugend und Kraft (Ps. 102, 5; Is 40, 31), Schnelligkeit und Stärke (Ez 17, 3 f; 2 Kg 1, 33; Jr 4, 13), Fürsorge (Ex 19, 4) und zuweilen auch Bild und Erscheinungsform Gottes. Im NT steht er als Symbol des Evangelisten Johannes (Offb 4, 7) und als Künder von Unheil (Offb 8, 13). Bei den Griechen begleitet er den Gott > Zeus, bei den Römern den Jupiter; in Rom wurde er zudem zum Symbol des Kaisers und des Sieges.
Symbolprägend sind hierbei vor allem seine Kraft und Ausdauer, seine Zielstrebigkeit und sein mächtiger Flug gen Sonne und Himmel. Dies macht ihn zum Symbol der Sonne, des Himmels und der göttlichen Herrschaft. Als solares Tier ist der A. dem Sonnengott von Palmyra geweiht und repräsentiert den aztekischen Sonnengott > Tonatiuh. Bei den Jakuten ist er der Gebieter der Sonne. Als Wesen, das die Natur zum Leben erweckt, ist der A. auch in den Vorstellungen anderer Völker Sibiriens und der nordamerikanischen Indianerstämme in den > Schamanismus eingebunden.
In der christlichen Literatur und Kunst wird er zu einem Symbol Christi, der Taufe und gelegentlich der Himmelfahrt. Auch kommen ihm vornehmlich positive Bedeutungen zu, wie Kraft, Erneuerung, Kontemplation, Scharfsichtigkeit, königliches Wesen. In der mittelalterlichen Mystik spielt der A. in den Visionen der flämischen Mystikerin > Hadewijch eine besondere Rolle. In der > Kabbala wird er zum Beschützer Israels.
Als Töter von Schlangen und Drachen ist der A. Symbol des Sieges des Lichts über die dunklen Mächte. Diese Vorstellung geht auf den indischen > Garuda, den Fürst der Vögel und Feind der Schlangen zurück. In Altchina war der A. ein Symbol von Kraft und Stärke. Die ihm zugeschriebenen Vorzüge veranlassten viele Fürsten, Könige und Länder, ihn als Wappentier zu führen.
Im > Okkultismus symbolisiert der A. Höhe, Transzendenz, Vorstellungskraft und Macht. So soll er den Wind schaffen, vor Blitz und Sturm schützen, die Heuschrecken fernhalten und mit seinen Federn die Wanzen vertreiben. Man setzt ihn auch mit den vier Buchstaben des > Tetragrammatons (JHWH) gleich. In der > Astrologie soll der A. unter den > Tierkreiszeichen ursprünglich den Platz des Skorpions eingenommen haben. Auch von Geheimgesellschaften wird die Symbolik des A. häufig verwendet. So ist er im > Alten und Angenommenen Schottischen Ritus zum Abzeichen des Ritus geworden.
Einen besonderen Stellenwert hat er schließlich in der Alchemie. Der A. (> Aquila) ist dort Symbol für > Merkur, den > Stein der Weisen, für Salmiak und für zahlreiche andere Substanzen. So steht
aquila magna für Ammoniaksalz, aquila alba für das, was aus dem Ammoniaksalz bereitet wird, aquila nigra für Antimon, und aquila coelestis, sonst auch Sulphur oder Tinctura Mercurii genannt, soll von unbeschreiblicher Wirkung sein und alle Krankheiten heilen können.

Lit.: Rech, Photina: Inbild des Kosmos: eine Symbolik der Schöpfung. Bd. 1. Salzburg-Freilassing: Otto Müller, 1966; Korn, Johannes Enno: Adler und Doppeladler: ein Zeichen im Wandel der Geschichte. Göttingen, 1969; Biedermann, Hans: Lexikon der magischen Künste. Bd. 1. Graz: Adeva, 31986; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Maier, Johann: Die Kabbalah. München: Beck, 1995; Hofmann, Gerald: Hadewijch: Das Buch der Visionen. 2 Bde. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 1998.

Adler, Alfred, geb. am 7. 2. 1870 in Rudolfsheim bei Wien; litt als Kind an Rachitis und einem wiederkehrenden Stimmritzenkrampf – eine Erfahrung, die wohl auch für seine spätere Konzeption der „Organminderwertigkeit“ von Bedeutung war. Er studierte Medizin, promovierte 1895 in Wien und arbeitete zunächst in einem Krankenhaus. 1897 eröffnete er eine Privatpraxis. A. stand dem Sozialismus nahe, ebenso wie seine Frau Raissa Timofejevna, die aus Moskau stammte und mit Leo Trotzkij befreundet war. 1902 begegnete A. Sigmund Freud, trennte sich aber 1911 von diesem, da er hinter dem Sexualtrieb den männlichen Protest und in der Neurose nicht einen Konflikt zwischen Bewusstem und Unbewusstem, sondern die Reaktion eines sich überfordert fühlenden Ichs, eines Konflikts zwischen Gemeinschaftsgefühl und Überlegenheitsstreben sah. So seien Neurose und Psychose Produkte eines fehlgeschlagenen Suchens nach Überlegenheit. 1912 wollte sich Adler mit seinem Hauptwerk Über den nervösen Charakter habilitieren, scheiterte jedoch am Gutachten des Psychiaters Julius Wagner von Jauregg (1857 – 1940). 1929 wurde er Gastprofessor an der Columbia Universität und 1932 Professor am Long Island Medical College. 1934 wanderte A. nach Amerika aus, wo er 1937 während einer Vortragsreise in Aberdeen starb.
Einige Begriffe seiner „Individualpsychologie“ sind in die Volkssprache übergegangen, nämlich Minderwertigkeitskomplex und Minderwertigkeitsgefühl, die man durch Kompensation oder Überkompensation zu überwinden sucht.
Für die > Parapsychologie wird bei der Klärung von Spukfällen und anderen paranormalen Phänomenen auch die Frage der Kompensation und Überkompensation als psychologischer Motivation in Erwägung gezogen. Seine Traumdeutung kann ebenfalls hier Anwendung finden, gehört der Traum doch zu den Kunstgriffen, die dem Machtstreben zum Sieg verhelfen, denn der Mensch will nach A. immer oben sein. In der Deutung geht A. stets den kürzesten Weg zur jeweiligen Lebenssituation eines Menschen, denn: erreicht der Mensch seine Macht nicht im Wachbewusstsein, so sucht er sie im Traum.

Lit.: Adler, Alfred: Studie über Minderwertigkeit von Organen. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verlag, 1977; Adler, Alfred: Praxis und Theorie der Individualpsychologie. Frankfurt a. M.: Fischer-Taschenbuch-Verl., 1994; Adler, Alfred: Über den nervösen Charakter. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1997; Adler, Alfred: Die Technik der Individualpsychologie. Fischer-Taschenbuch-Verl, o. J.

Adlerstein, auch Aetit (griech.), Klapperstein, Lapis Aquilae, Aquilaeus, Erodalis oder Endryos genannt – ein seit Plinius bekannter und noch von Jean Paul erwähnter > Talisman. Es handelt sich dabei um die Achat-Varietät Wasserachat oder Moqui-Marbels (Limonitkugeln), meist in Form eines ovalen Toneisensteins mit innen gelöstem Kern, der umherrollt und klappert. Im klassischen Altertum glaubte man, dass die > Adler ihn als Schutzmittel gegen den > Bösen Blick ins Nest legten. Als solcher ist er weit verbreitet. Er soll vor allem Schwangere bzw. das ungeborene Kind behüten und die Geburt erleichtern, was in der lateinischen Bezeichnung lapis praegnans („Schwangeren-Stein“) zum Ausdruck kommt. Die gleiche Wirkung soll er auch bei weiblichen Tieren haben. Darüber hinaus war der A. beim Leibbruch von Kindern, bei Vergiftungen, Epilepsie, Kopfschmerzen, Augenfluss usw. ein empfohlenes Heilmittel. Abarten des A. waren unter dem Namen Callimus, Geodes, Hydrotites, Lapis Violaceus und Thapusium im Handel. Heute wird der A. unter dem Namen „Moqui-Marbles“, gut aufgemacht und mit rührenden Indianermärchen garniert, mit großem Erfolg angepriesen.

Lit.: Paraphrasis librorum Dionysii de avibus, lib.I. c. III. In: Poetae bucolici et didactici. Hg. v. Karl Friedrich Ameis u. F. Siegfried Lehrs. Paris: Didot, 1846; Biedermann, H.: Handlexikon der magischen Künste, Graz: Adeva, 1986; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Gienger, Michael: Lexikon der Heilsteine: von Achat bis Zoisit. Saarbrücken: Neue Erde, 42000.

Adni (hebr.). Die unpunktierte (ohne kurze Vokale vorgenommene) Schreibweise von > Adonai.

Adonai (hebr., „Herr“). A. ist nicht ein eigentlicher Gottesname, sondern ein Epitheton (Ex 23, 17), eine Gottesanrede, die dann in der nachexilischen Zeit absolut gebraucht wird und den Namen Jahwe (JHWH > Tetragrammaton) zunehmend abgelöst hat, da man ihn nicht mehr auszusprechen wagte.
In den magischen Zeremonien des > Hermetischen Ordens der Goldenen Dämmerung wurde A. als Gottesname bei der Aufzeichnung des > Pentagramms der Erde verwandt. Aleister > Crowley verwendet ihn auch als Bezeichnung für den Heiligen Schutzengel, da sein Zahlenwert im Hebräischen 65 lautet und 65 die Verbindung des Menschen (> Mikrokosmos), symbolisiert durch die Zahl 5, mit Gott (> Makrokosmos), symbolisiert durch die Zahl 6, darstellt. In der > Freimaurerei wurde er in mehreren Hochgraden der > Hermetischen Maurerei und des > Alten und Angenommen Schottischen Ritus zum Erkennungswort.

Lit.: Gregorius: Aleister Crowley’s Magische Rituale. Berlin: Richard Schikowski, 1980; Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg i. Br: Herder, 1993; Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000; Rösel, Martin: Adonaj – warum Gott „Herr“ genannt wird. Tübingen: Mohr Siebeck, 2000.

Adoniastai. Religiöse Gemeinschaft zur Verehrung des > Adonis.

Adonis (semit. adon, „Herr“). Ursprünglich phönizisch-syrischer Gott, in der griechischen Mythologie als schöner junger Mann gerühmt, um dessen Herkunft viele Sagen kreisen. So wird er etwa als Sohn von > Phoinix und Alphesiboia bezeichnet, auch als Sohn aus dem Vater-Tochter-Verhältnis von Theias und Smyrna, oder er soll sogar von > Zeus persönlich geboren worden sein. Statt des syrischen Königs Theias wird später fast immer der kyprische König Kinyras genannt, dessen Tochter > Myrrha ist. In der antiken Literatur wird einstimmig Myrrha für den Inzest verantwortlich gemacht – sie soll z. B. mit ihren schönen Haaren so sehr angegeben haben, dass > Aphrodite sie in den gleichnamigen Baum verwandelte. Aus dem Myrrhenbaum wurde also A. geboren, wozu nach einer Version ein Eber mit seinem Zahn die Rinde spalten musste. Unter der Pflege von > Nymphen wuchs er zu göttlicher Schönheit und zum Geliebten der Liebesgöttin Aphrodite (lat. Venus) heran, mit der er einen gemeinsamen Tempel hatte. Als er auf der Jagd von einem Eber getötet wurde, ließ Aphrodite aus seinem Blut Anemonen oder Adonisröschen wachsen, während seine Seele in den Hades kam. Die Liebesgöttin erreichte jedoch bei Zeus für die Hälfte des Jahres seine Auferstehung aus der Unterwelt, die mit Festen und Liedern sowie dem Anlegen von „Adonisgärtchen“ (in Schalen oder Kästen) gefeiert wurde. Dem A. ist die Pflanze > Myrrhe geweiht.
So wurde A. in der griechisch-römischen Mythologie zum alljährlich sterbenden und wieder auferstehenden göttlichen Repräsentanten der im Sommer verdorrenden und im Frühling neu erstehenden Vegetation. In dieser Funktion entspricht er Göttern wie > Balder, > Tammuz, > Osiris, > Attis und > Dionysos. Der jährliche Vegetationszyklus wurde in vielen Kulturen durch in die Unterwelt sinkende und periodisch wieder auferstehende Gottheiten als Hinweis auf Tod und Leben symbolisiert. Die Anhänger des Adonis waren zumeist Frauen, und seine Feste, die Adonien, hatten keinen öffentlichen Charakter. Von den Etruskern wurde Adonis als Atunis übernommen. Zur Verehrung des Adonis bildete sich die religiöse Gemeinschaft der Adoniastai.

Lit.: Atallah, Wahib: Adonis dans la littérature et l’art grecs. Paris: Klincksieck, 1966; Nötscher, Friedrich: Altorientalischer und alttestamentlicher Auferstehungsglauben. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1970, S. 85 – 95; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, ²1989; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, ²1995; Detienne, Marcel: Die Adonis-Gärten. Darmstadt: Wiss. Buchges, 2000.

Adonisgärtchen, kleine Getreide-, Gemüse- und Blumenkulturen, die meist von den Frauen eines Hauses in Töpfen, Krügen und Körben gezogen und stets nur zu bestimmten Festen, so zum Adonisfest, angelegt wurden.
Generell sind die A. vermutlich mit einem agrar- bzw. analogiemagischen Ritus zur Wachstumsförderung von Feldfrüchten in Verbindung zu bringen. Speziell scheinen sie an bestimmte Vegetationsgottheiten (> Adonis) geknüpft. Der Brauch wurde von Irland über den Mittelmeerraum bis nach Indien gepflegt und findet heute z. B. in der Pflanzung des > Barbarazweiges am Barbaratag seine Fortsetzung – ein Brauch, der nach dem Zweiten Weltkrieg aus dem Südosten Europas kam. Das A. als Symbol von Leben, Fruchtbarkeit, Liebe und Geborgenheit ist auch zu einem Motiv in Kunst und Dichtung geworden.

Lit.: Detienne, Marcel: Die Adonis-Gärten: Gewürze und Düfte in der griechischen Mythologie. Aus dem Franz. übers. von Gabriele und Walter Eder. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2000.

Adoniskult. Feier von Tod und Aufleben des > Adonis, die seit dem 2. Jh. v. Chr. in Byblos am besten bezeugt ist. > Adonisgärtchen.

Lit.: Nötscher, Friedrich: Altorientalischer und alttestamentlicher Auferstehungsglauben. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1970, S. 85 – 95; Detienne, Marcel: Die Adonis-Gärten. Darmstadt: Wiss. Buchges, 2000.

Adonisröschen (lat. adonis vernalis), aus dem Blut des sterbenden > Adonis von > Aphrodite erzeugte Blume. Das Röschen gehörte in der Antike in die Reihe der heiligen Pflanzen. Später wurde es als „Teufelsauge“ oder „Teufelsblume“ der dunklen, dämonischen Seite zugeordnet.
In der Medizin spielt das A. heute als homöopathisches Mittel eine wichtige Rolle. Die Pflanze enthält das Glykosid Quercetin.

Lit.: Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Band 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart: Kröner, 1985; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, ²1989; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

Adoptierte (lat.). Zahlreiche Berichte über das außergewöhnliche Zusammentreffen und -finden von Adoptivkindern mit ihren leiblichen Eltern wirft die Frage nach einer außersinnlichen Verbindung, einer göttlichen Führung oder einer genetischen, noch völlig unbekannten Programmierung auf. Ein solches Zusammentreffen ist umso häufiger als ein Teil sich auf die Suche macht. Dabei ist das Suchen oft von Synchronizitäten und paranormalen Ereignissen, vom Zusammentreffen von Begebenheiten – wie die Wahl der gleichen Stadt, Entfaltung gleicher Interessen und Erinnerungsgemeinsamkeiten – begleitet. Ein endgültiges Urteil ist noch nicht möglich, doch empfiehlt das gesammelte Material weitere Untersuchungen, weil es einen neuen Aspekt der Familienkommunikation zu versprechen scheint.

Lit.: Stiffler, LaVonne Harper: Synchronicity and Reunion: The Genetic Connection of Adoptees and Birthparents. Hobe Sound, FL: FEA Publishing, 1992.

Adoption (lat.), Annahme an Kindes statt. Der meistverbreitete Brauch in diesem Zusammenhang ist die Nachahmung der leiblichen Geburt. Als > Hera auf Wunsch des > Zeus den > Herakles adoptieren sollte, legte sie sich auf ihr Ehelager, nahm ihn an ihren Körper und ließ ihn durch ihre Kleider zu Boden gleiten. Im MA wurde diese Form der Adoption auch von Männern geübt. Als der Fürst von Edessa Balduin adoptierte, presste er ihn an seinen nackten Leib. Zu den weiteren Adoptionsformen gehört auch die Handauflegung und das Zusammenbinden mit einem Gürtel. In der > Freimaurerei bezeichnet A. den Brauch, Kinder von Freimaurern in einer besonderen Zeremonie unter den Schutz der Loge zu stellen, wobei das Mindestalter mit 7 Jahren festgelegt ist. Da die Freimaurer ursprünglich (1717) ein reiner Männerbund waren, was zu allerlei Missdeutungen führte, suchte man denselben durch Gründung von > Adoptionslogen, d. h. Frauenlogen, zu begegnen, die den Männerorden mehr oder weniger unterstanden. Durch die Gründung der Gemischten FM stellten die Frauenlogen ihre Tätigkeit praktisch ein.

Lit.: Diodor 4, 39; Liebrecht, Felix: Zur Volkskunde. Alte und neue Aufsätze. Heilbronn: Henninger, 1879, S. 432; Mellor, Alec: Logen, Rituale, Hochgrade. Graz: Styria, 1967; Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Adoptionslogen > Adoptionsmaurerei.

Adoptionsmaurerei. Maçonnerie d’adoption. Zur Vermeidung von Kritik an dem ausschließlichen Männerbund der > Freimaurer wurden sogenannte Adoptionslogen gestiftet, in denen zunächst Männer und Frauen gemeinsam arbeiteten. Diese Logen nannten sich entweder fälschlich direkt Freimaurerlogen und hatten ein eigenes, in gewisser Hinsicht auf dem Freimaurerritual basierendes Brauchtum, oder es waren Orden mit eigenem Namen. Von 1775 an erhielten die reinen Damenlogen als Adoptionslogen eine gewisse Bedeutung, blieben aber praktisch nur in Frankreich und in den von Frankreich kulturell beeinflussten Ländern wirksam. In England gab es nie Adoptionslogen.
Die symbolischen Zeremonien der Adoptionslogen umfassen drei Grade: 1. Apprentie, 2. Compagnonne, 3. Maîtresse. Jedes Logenamt ist doppelt besetzt. So wirkt neben der „Schwester“ ein „Bruder“ der patronisierenden Loge.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Adorni, Anna Maria (1805 – 1893), verw. Botti, Gründerin der Dienerinnen der Immaculata und des Instituts vom Guten Hirten von Parma. A. lebte in ständiger Einheit mit Gott, die von > Luminositätsphänomenen begleitet war.

Lit.: Cioni, Raffaello: Anna Maria Adorni: Fondatrice delle Ancelle dell’Immacolata e dell’Istituto del Buon Pastore di Parma. Parma: Ancelle dell’Immacolata, imprim. 1953.

Adrammelech. Nach dem flämischen Arzt Johannes > Weyer (1515 – 1588) ist A. Regent der Höllenregionen, Gewandmeister des Dämonenkönigs und Präsident des hohen Rates der Teufel. Die Bewohner von Sefarwajim, einer assyrischen Stadt, „verbrannten ihre Kinder zur Ehre Adrammelechs und Anammelechs, der Götter von Sefarwajim“ (2 Kön 17, 31). Rabbis erzählen, dass er sich in Gestalt eines Maultieres und manchmal auch eines Pfaus zeigte.

Lit.: Wierus, Joannes: De praestigiis daemonum, et incantationibus ac veneficijs, libri V. Basileae: Oporin, 1563.

Adrásteia (griech., „die Unentfliehbare“). Troisch-phrygische Berggottheit, die ab ca. 400 v. Chr. in Griechenland als Hüterin der Gerechtigkeit und Rächerin allen Unrechtes mit > Némesis verbunden wurde. Einer mythischen Überlieferung zufolge war sie die Amme und Hüterin des kleinen > Zeus, dem sie als Hinweis auf die künftige Weltherrschaft eine goldene Kugel schenkte. Nach einem anderen Bericht sitzt sie vor einer Höhle und hält die Menschen durch die Töne ihrer Trommel im Banne der Gerechtigkeit.

Lit.: Posnansky, Hermann: Nemesis und Adrasteia. Breslau: Koebner, 1890.

Adrastos (griech., „dem man nicht entrinnen kann“), König von Argos, Sohn des Talaos und der Lysimache, Bruder der Eriphyle.

Um den Polyneikes, der aus Theben fliehen hatte müssen, und den Tydeus, der aus Kalydon vertrieben worden war, wieder in ihre Heimat zurückzuführen, sammelte A. ein Heer und führte den Zug der Sieben gegen Theben. Dort kamen alle bis auf A. ums Leben, den sein Pferd Areion, das > Poseidon mit > Demeter gezeugt hatte und das über Herakles den Weg zu A. fand, rettete.
Zehn Jahre nach diesem Kriegszug führte A. die Söhne der Gefallen, die Epigonen, in einem zweiten Zug gegen Theben, eroberte und zerstörte die Stadt. In der Schlacht fiel jedoch auch sein Sohn Aigialeus, worüber er sich zu Tode grämte. Er starb in Magara, wurde auf dem Marktplatz von Sikyon begraben und dort in historischer Zeit als Heros kultisch verehrt.

Lit.: Blatter, R.: Adrastos als Friedensstifter. In: Archäol. Anz. 98 (1983), S. 17 –22;  Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. 8., erw. Aufl. Wien: Verlag Brüder Hollinek, 1988.

Adrienne von Speyr > Speyr, Adrienne v.

Adspiration (lat. > Anhauchen). Von alters her wird die Heilwirkung des warmen Lebenshauches eines gesunden Menschen besonders geschätzt. So berichtet das 2. Buch der Könige (um 850 v. Chr.) des Alten Testaments von folgender Heilung eines toten Kindes durch den Propheten Elischa: „Er ging in das Gemach, schloss die Tür hinter sich und dem Kind und betete zum Herrn. Dann trat er an das Bett und warf sich über das Kind; er legte seinen Mund auf dessen Mund, seine Augen auf dessen Augen, seine Hände auf dessen Hände. Als er sich so über das Kind hinstreckte, kam Wärme in dessen Leib. Dann stand er auf, ging im Haus einmal hin und her, trat wieder an das Bett und warf sich über das Kind. Da nieste es siebenmal und öffnete die Augen“ (2 Kön 4, 33 – 35).
Im Lauf der Jahrtausende haben sich dann zahlreiche Formen des Anhauchens herausgebildet, so auch die Anweisung: „Man breitet ein reines Tuch über die kranke Stelle, presst den geöffneten Mund darüber und haucht anhaltend darauf. Die Wirkung ist eine ungemein belebende auf den ganzen Organismus des Kranken. Sterbende, denen stundenlang einige untereinander sich ablösende Gesunde auf die Herzgrube hauchten, werden auf diese Weise dem Leben erhalten, ja schon tote Personen wieder ins Leben zurückgebracht“ (Korschelt, 69). Die Mund-zu-Mund-Beatmung mit Verschluss der Nase des Patienten, Einblasen der ausgeatmeten Luft des Helfers in den Mund des Patienten wie auch die Mund-zu-Nase-Beatmung mit Verschluss des Mundes und Einblasen der ausgeatmeten Luft in die Nase ist heute medizinische Praxis geworden.

Lit.: Korschelt, Oskar: Die Nutzbarmachung der lebendigen Kraft des Aethers in der Heilkunst. Bad Schmiedeberg u. Leipzig: Baumann, [ca. 21924].

Adularisieren. Der Name leitet sich von Adular („Mondstein“) ab. Durch Lichtstreuung und Interferenz an den Schnittstrukturen des Minerals entsteht ein wogender, flächenhaft bläulicher Lichtschimmer, der beim Bewegen des Steines über die Oberfläche gleitet und mit dem Licht des Mondes verglichen wird. Dieses A. findet man auch bei Rosenquarz und Feldkristall. Da es sich um Steine des „Mondes“ handelt (der Rosenquarz wird auch mit der Venus in Zusammenhang gebracht), deren Verehrung von alters her den Frauen vorbehalten ist, gelten sie als Tor zur Seele der Frau und haben den Rang von Engeln.

Lit.: Roberts: Marc: Das neue Lexikon der Esoterik. München: Goldmann, 1995; Gienger, Michael: Lexikon der Heilsteine: von Achat bis Zoisit. Saarbrücken: Neue Erde, 42000.

Advaita (sanskr., „Nicht-Zweiheit“). Lehre des brahmanischen Monismus, der zwischen dem 6. und 8. Jh. v. Chr. entstand und zur Lehre vieler indischer Systeme wurde. Zentralbegriff ist die absolute Identität der menschlichen Seele mit dem > brahman, der nicht persönlich, sondern als Weltseele ewiger Urgrund allen Seins ist (aham brahma asmi, ich bin Brahman) bzw. des eigenen Selbst mit dem höchsten Selbst, dem > atman (tat tvam asi, das bist du). Das brahman oder der atman (Wechselbegriffe) ist die einzige Wirklichkeit. Weitere Wesensmerkmale sind Geistigkeit und Wonne, frei von jedem Bezug zur Welt und dem empirischen Ich-Bewusstsein. Erschaffung und Erhaltung der Welt gibt es nämlich nur beim niederen brahman der Volksreligionen, dem zum Zweck der Verehrung mancherlei Unterschiede, Gestalten und Bestimmungen beigelegt werden, welche der Heilsbeflissene durch die Einheit der Seele mit dem ewigen Urgrund abzustreifen hat. C. G. > Jung versuchte diesen Urgrund in seine > Unus Mundus-Vorstellungen einzubauen.

Lit.: Jung, Carl Gustav: Die dritte Stufe der Konjunktion: Der Unus Mundus. In: GW 14/2. Rascher: Zürich, 1968, S. 312 – 323; Sharma, Arvind: The philosophy of religion and Advaita Vedanta. University Park, Pa: Pennsylvania State Univ. Press, 1995.

Advaita-Vedanta (sanskr.). Eines der drei Denksysteme des > Vedanta, dessen wichtigster Vertreter der > Shankara ist. Nach der Lehre des Advaita-Vedanta, sind die gesamte Erscheinungswelt, Seele und Gott identisch. Die Wirklichkeit besteht aus Bewusstsein (> Chit) und der Mensch nimmt durch ego-bedingte Körperidentifizierung mit grobstofflichen Sinnesorganen ein grobstoffliches Universum wahr.

Lit.: Sharma, Arvind: The Philosophy of Religion and Advaita Vedanta. University Park, Pa: Pennsylvania State Univ. Press, 1995.

Advent (lat. adventus, Ankunft), seit dem Hellenismus und besonders in der Spätantike und im Mittelalter Bezeichnung des Rituals der „Ankunft“ eines Herrschers.
Seit der Mitte des 5. Jhs. finden sich die ersten Spuren von A. als Vorbereitungszeit auf Weihnachten. Diese Vorbereitungszeit beginnt am Sonntag zwischen dem 27. November und 3. Dezember und umfasst die vier Adventsonntage vor Weihnachten.

Lit.: In froher Erwartung: Kunst, Liturgie und Brauchtum in der Advent- und Weihnachtszeit / Diözesanmuseum Graz. Hrsg. Heimo Kandl. Mit Beitr. von Herbert Messner und Evelyn Kaindl-Ranzinger. Graz; Budapest: Schnider, 1991; Hack, Achim Thomas: Das Empfangszeremoniell bei mittelalterlichen Papst-Kaiser-Treffen. Köln: Böhlau, 1999.

Advocatus Dei (lat., „Anwalt Gottes“), nicht-amtliche Bezeichnung des Vertreters des Antragstellers bei > Kanonisationsverfahren.

Advocatus Diaboli (lat., „Anwalt des Teufels“), scherzhafte Bezeichnung des Generalglaubensanwalts bei > Kanonisationsverfahren.

Lit.: Veraja, Fabijan: Heiligsprechung. Innsbruck: Resch, 1998.

Advokat (lat., „der Gerufene“). Der A. wird in der Volksmeinung als geldgierig und rechtsverdreherisch bezeichnet, daher sei für ihn im Himmel kein Platz, in der Hölle aber deren viele. Diese Anschauung ist ein so fester Volksbestand, dass er sich in magischen Formeln eingenistet hat. So lautete in Bayern ein Spruch für die Tauben: „Flieg’ aussi, flieg’ eini, Flieg’ ein’ in dein G’stell, Wie der A. in die Höll’“ (Köhler, 428). Der Teufel verschmähe es auch nicht, als Advokat vor Gericht zu erscheinen, um sich eine sündige Menschenseele zu sichern.

Lit.: Köhler, Johann A. E.: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen. Leipzig, 1867; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Adyar (sanskr., „das Weggenommene“), Vorort der Stadt Madras (Indien) und seit 1882 Hauptsitz der Theosophischen Gesellschaft „Adyar-TG“, des anglo-indischen Zweiges der von H. P. > Blavatsky u. a. 1875 in den USA begründeten „Theosophical Society“. Dort befinden sich heute auch ein Forschungszentrum, eine Bibliothek, eine Presseabteilung und ein Schulungszentrum.

Adyton (griech., „unzugänglich“). Das Unbetretbare oder das Allerheiligste, lat. Sacrarium, Sanctum Sanctorum, hebr. Kadosch-Kadoschim, das für alle oder einzelne Menschen bzw. Menschengruppen überhaupt oder zu gewissen Zeiten unzugänglich ist. Das Verbot bringt die Heiligkeit des Ortes, die durch menschliche Unreinheit nicht entweiht werden darf, oder auch die Rangordnung der Menschen in einer religiösen Gemeinschaft zum Ausdruck. Im A. feiern die Priester Teile besonderer Zeremonien, aber auch die Orakelsprüche (> Orakel) werden dort vorbereitet. Homer spricht vom A. in der Ilias, V, 420, Cäsar im Bellum Civile III, 105.
Adyton oder Abaton heißt auch der hinter der Bilderwand (Ikonostase) sich befindende Kultraum der orthodoxen Kirchen.
In der Esoterik wird A. auch als Bezeichnung für den > Kausalkörper auf der höheren Mentalebene verwendet.

Lit.: Bambamius, Joannes: Apotheosis Principum Superstitum Seu Principes Divi, licet Vivi, & vel ideo Eorundem Occulti Pectoris Adyton. Hamburgi: Rebenlin, 1690; Thalmann, Susan K: The Adyton in the Greek Temples of South Italy and Sicily. Ann Arbor: Univ. Microfilms Internat, 1987.

 

Begriffe Ae

A. E., Künstlername des irischen Schriftstellers, Malers und Mystikers George W. > Russell (1867 – 1935).

AE > Außergewöhnliche Erfahrung.

Aegidius, heilig (Fest: 1. September), Abt; angeblich in Athen geboren, lebte als Einsiedler in einer Einöde bei Arles, gründete um 680 vor der Rhonemündung ein Kloster, dem er als Abt vorstand und das später nach ihm Saint-Gilles benannt wurde. Er starb um 720. Sein Grab, am Jakobsweg gelegen, war im Mittelalter ein berühmter Wallfahrtsort. Der Hauptteil seiner Reliquien kam schon im Mittelalter nach Saint-Sernin in Toulouse. Abgebildet im Gewand eines Benediktinerabtes mit Pfeil und Hunden, umgibt ihn ein reicher Legendenkranz. So soll ihm eine Hirschkuh in der Einsiedelei die Milch gegeben haben. Weil er Gott bat, die Hirschkuh möge ihm erhalten bleiben, wurde er im ausgehenden Mittelalter zum Patron der stillenden Mütter. Die einst vom westgotischen König Wamba und seinem Jagdgefolge verfolgte Hirschkuh führte den König zur Höhle des Heiligen. Der abgeschossene Pfeil traf jedoch nicht die Hirschkuh, sondern den Heiligen. So wurde er auch zum Viehpatron. Wegen der Hilfe aus seelischer und leiblicher Not wurde er zu einem der 14 Nothelfer und zum Patron zahlreicher Kirchen.

Lit.: Nied, Edmund: Heiligenverehrung. Freiburg i. Br.: Herder, 1924, S. 60; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 1. Bd. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Aegidius von Assisi (1190 – 1262), selig (Fest: 23. April). A. schloss sich 1209 dem heiligen Franziskus an, unternahm weite Missionsreisen und zog sich dann in die Einsamkeit zurück. In den letzten Lebensjahren hatte er viele Visionen, deren Inhalt er aber niemandem erzählte; er ließ lediglich wissen, dass er durch die Visionen seinen Glauben verloren habe, was wohl besagt, dass ihm alles offenbar geworden war. Berühmt wurde er vor allem wegen seiner mystischen Aphorismen, von denen es allein im niederdeutschen Sprachgebiet 54 Handschriften gibt, die auch Einfluss auf die Theorie der Mystik hatten.

Lit.: Schlüter, Alfred: Leben und „goldene Worte“ des Bruders Ägidius. Unveränd. Neuaufl. Werl /Westf.: Dietrich-Coelde, 1986.

Aegidius v. Laurenzana (1443 – 1518), selig (Fest: 10. Januar); lebte zuerst als Einsiedler und Landarbeiter, wurde dann Laienbruder der Franziskaner. Neben seiner strengen Lebensführung und Naturverbundenheit werden ihm Ekstasen, Prophetie und Wunder zugeschrieben.

Lit.: Da Vincenza, A. M.: Vita e miracoli del Beato Egidio. Venezia, 1880.

Aegidius von Viterbo (Familienname: Antonini; 1469 – 1532). Förderte als Ordensgeneral der Augustiner-Eremiten (1506 – 1518) Studien und Disziplin, wurde 1517 Kardinal, 1523 Patriarch von Konstantinopel und Bischof von Viterbo. A. war ein Universalmensch. Bereits als Student editierte er philosophische Schriften. Er verfasste einen Kommentar zum Sentenzenwerk des Petrus Lombardus, eine Kirchen- und Papstgeschichte, schrieb Gedichte und Novellen und befasste sich mit jüdischer Literatur, insbesondere mit dem > Talmud und der > Kabbala. Seine kabbalistischen Traktate füllen mehrere Handschriftenbände (Biblioteca Apostolica Vaticana, Cod. Vat. Lat. 3 146.5808; Biblioteca Angelica, Cod. Lat. 3), die noch kaum bearbeitet sind. Die Kabbala war für ihn die Tradition der Alten. In > Pico della Mirandola sah er den Initiator der christlichen Kabbala, und Johannes > Reuchlin schenkte ihm sein Werk De arte cabbalistica. > Erasmus v. Rotterdam besuchte ihn 1520 in Rom. Aegidius’ große Liebe galt Plato, während er Aristoteles ablehnte. Unter dem Einfluss von > Marsilius Ficinus gründete er in seinem Orden sogar eine platonische Schule. 1513 ernannte er Martin > Luther zum Lektor innerhalb des Augustiner-Eremiten-Ordens, wurde dann aber in den Reformationsbestrebungen zu einem seiner entschiedensten Gegner. A. gilt als führender Vertreter der christlichen Kabbala.

Lit.: Martin, Francis Xaver: The Writings of Giles of Viterbo: Augustiniana (L) 29 (1979), S. 141 – 193 (Schriftenverzeichnis); Theologische Realenzyklopädie (TRE). Bd. 3. Berlin: Walter de Gruyter, 1982, S. 301 – 304.

Aegir, der milde Gott des Meeres, Sohn des Urstoffs, Bruder der Luft und des Feuers, Gatte der > Ran. Bei einem Gelage für die Götter ließ er leuchtendes Gold in seine Halle tragen, so dass diese wie durch ein Feuer erhellt wurde. Das Gold versuchte man als das Leuchten des windstillen Meeres zu deuten. So werden auch die Wellen des Meeres in der altnordischen Dichtung als Aegirstöchter umschrieben. Ein anderer Name für Aegir ist Hlér (altnord., „Meer“).

Lit.: Fischer, Wilfried Peter A.: Ägir und Ran: Beiträge zur vorkarolingischen Genealogie. Münster: Fischer, 1990.

Aeiei, > Zauberwort gegen Krämpfe bei Pferden in der Formel: + AEIEI + ANA +AZAL + MALTE.

Lit.: Grohmann, Joseph Virgil: Aberglauben und Gebräuche aus Böhmen und Mähren. Vaduz: Wohlwend, 1995.

Aemilia Bicchieri (1238 – 1314), selig (Fest: 3. Mai), Dominikanerin und Mystikerin mit besonderen paranormalen Gaben (Schmerzen der Dornenkrone und paranormale Manifestationen).

Lit.: ActaSS maii 7, 557; Mersemann, G. G.: Archivum Fratrum Praedicatorum 24 (1954), S. 199 – 239 (Lit.).

Aeneas (griech.), griechischer Held im Kampf um Troja, Sohn des Königs Anchises und der Göttin > Aphrodite. Die Sage von seiner Flucht aus dem zerstörten Troja, der Rettung des durch Blitzschlag gelähmten Vaters und der Götterbilder aus der Heimat, die er auf seinen Irrfahrten mitnahm, ließ ihn bei den Römern zur Inkarnation der altrömischen Tugend der pietas, der Ehrfurcht vor dem Alter und der Überlieferung werden. Kaiser Augustus führte die Abstammung seiner Familie auf den Göttersohn Aeneas zurück.

Lit.: Heitsch, Ernst: Aphroditehymnos, Aeneas und Homer. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1965.

Aenigma (griech.), > Rätsel, > Rätselwort, in Rätseln reden; Begriff aus der Mythenerklärung und der Orakelsprache. In diesem Zusammenhang taucht A. auch in der Philosophie auf. So heißt es bei Platon (Tim. 72 b2), dass die Seher in Rätselworten reden, die erst übersetzt werden müssen. Diese Aufgabe steht den Dolmetschern der Weissagungen, den Propheten, zu, da sie eine besondere Gabe verlangt. Später gelangte der Begriff in die Rhetorik zur Bezeichnung einer undurchsichtigen > Allegorie. Da das Unverständliche und Unverstandene in den Lebensäußerungen der Religion auch als das Rätselhafte verstanden werden kann, wird der > Orakel- und Prophetenspruch sachlich mit dem Begriff des Rätsels verknüpft. Das Wesen der prophetischen Offenbarung ist daher bei den Griechen und Juden eine Rätselrede, die der Auslegung bedarf. Prophetisch sehen wird daher auch als „im Spiegel“ sehen bezeichnet. Diesem unvollkommenen Sehen im Jetzt steht das eschatologische vollkommene Schauen gegenüber: „Jetzt schauen wir in einen Spiegel und sehen nur rätselhafte Umrisse, dann aber schauen wir von Angesicht zu Angesicht“ (1 Kor 13, 12). Aus diesem Grunde bezeichnet > Nikolaus von Kues die Philosophie selbst als scientia aenigmatica („rätselhafte Wissenschaft“). „Als erstes aber bedenke mein Sohn , dass wir in dieser Welt durch Gleichnisse und Rätselbilder wandeln, weil der Geist der Wahrheit nicht von dieser Welt ist und auch nur insofern von ihr gefasst werden kann, als wir durch Gleichnisse und Symbole, die wir als solche erkennen, zum Unerkannten emporsteigen werden“ (Cusanus-Texte IV/3, 46 u. 49).

Lit.: Kittel, Gerhard: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. 1. Bd. Stuttgart: Kohlhammer, 1933 / 1966; Nicolaus <de Cusa>: Cusanus-Texte. Heidelberg: Winter, 1956.

Aequitas, Göttin der ausgleichenden Gerechtigkeit und Billigkeit, erscheint schon auf Münzen und Gemmen der römischen Republik. In der Kaiserzeit häufen sich seit ca. der Mitte des 1. Jhs. n. Chr. die Darstellungen der Göttin, meist als ernste Jungfrau, gestaltet nach dem Ideal der > Minerva als Ganzfigur mit den Attributen Füllhorn im linken Arm und Waage im rechten Arm. Aequitas wird auch als Tugend der Kaiser gedeutet und findet sich auf römischen Münzen häufiger als > Iustitia, die dann eher in der Neuzeit dargestellt ist, oftmals mit verbundenen Augen.

Lit.: Maifeld, Jan: Die aequitas bei L. Neratius Priscus. Trier: Wiss. Verl. Trier, 1991.

Aer > Luft.

Aeradi > Luftgeister, > Aeromantie.

Aerial Phenomena Research Organisation (APRO). Die Organisation wurde im Januar 1952 zur Untersuchung und Erforschung unbekannter Flugobjekte (unidentified flying objects, > UFOs) ins Leben gerufen, um eine wissenschaftlich akzeptable Lösung des Phänomens zu finden. Die APRO war in über 50 Ländern vertreten und bediente sich eines breit gefächerten Beraterstabes, der von Biochemikern bis zu Astronomen reichte. Sie unterhielt eine computergestützte Bibliothek von Monografien und anderen Publikationen aus der ganzen Welt, veranstaltete UFO-Ausstellungen, gab ein monatliches Mitteilungsblatt heraus und errang weltweit einen guten Ruf. Ende 1980 stellte sie ihre Arbeit ein.

Lit.: Clarck, Jerome: The Emergence of a Phenomenon – UFOs From the Beginning Through 1959. Detroit, MI: Omnigraphics, 1992.

Aerolith, > Meteorstein, in dem man die phrygische Göttermutter > Kybele anwesend glaubte. 204 v. Chr. wurde er aus Pessinus in Galatien nach Rom überführt, um Rom vom „hannibalischen Geschwür“ zu befreien.

Lit.: Bachofen, Johann J.; Kippenberg, Hans G. (Hg.): Mutterrecht und Urreligion. 6., erw. Aufl. Stuttgart: Kröner, 1984.

Aeromantie (griech. aer, Luft; mantike, Wahrsagung; engl. aeromancy), > Wahrsagung durch Deutung von Luftformationen, Wolkenbildern, Blitz und Donner, Meteoren, Kometen, Sternschnuppen, seltener von Rauchformen (eines Feuers oder einer Räucherkerze).
Götter der Aeromantie:
> Adad, der babylonische Gott des Donners und Blitzes, der auch der Gott der Wahrsagung war; > Tin, einer der Hauptgötter der Etrusker, der später mit dem römischen Gott > Jupiter assoziiert wurde. Wie Jupiter war Tin der Gott des Donners und Blitzes.
Formen der Aeromantie:
Austromantie: Wahrsagung durch Beobachtung des Windes;
Ceraunomantie: Wahrsagung aus Donner und Blitz;
Chaomantie: Wahrsagung aus Lufterscheinungen.
Die praktische Anwendung der einzelnen Formen ist vielfältig. So werden neben der Beobachtung der Luftformationen auch Sand, Staub und Samenkörner in die Luft geworfen. Man wartet, bis sie zur Erde fallen, und deutet deren Formationen. Auch Mehl kann verwendet werden. Dann spricht man von > Aleuromantie. Bei der Deutung spielt nicht zuletzt die Windrichtung eine Rolle:
Wind aus dem Osten: Glück;
Wind aus dem Süden: Enthüllung von Geheimnissen;
Wind aus dem Norden: keine Entscheidung;
Wind aus dem Westen: Unglück.
Besonders begabte Menschen sollen sogar in der Lage sein, am Himmel die > Luftgeister oder Aeradi wahrzunehmen.
Als Erklärung werden Projektionen der Beobachter, astrologische Kräfte wie auch Luftgeister genannt.

Lit.: Das große Handbuch der Magie. München: Wilhelm Heyne, 31990.

Aesch Mezareph (hebr., „reinigendes Feuer“). Titel einer kabbalistisch-alchemistischen Schrift, die wahrscheinlich im 16. Jh. in Italien entstanden ist. Christian > Knorr von Rosenroth (1636 – 1689) berichtet auf dem Titelblatt des ersten Buches seiner Kabbala denudata (1677), dass der Band u. a. ein Kompendium des kabbalistisch-alchemistischen Buches Aesch Mezareph enthalte. Ausdrucksweise und Inhalt zeigen, dass Knorr eine hebräische Handschrift dieses Titels, nach dem besonders gesucht wurde, vorgelegen haben muss. Die 16 Zitate aus A. M, die in Knorrs Buch in den Kap. 1 – 8 in lateinischer Fassung angeführt werden, sind nach den Metallen gegliedert – Gold, Silber, Eisen, Zinn, Kupfer, Blei, Quecksilber und Schwefel – und weisen eine dreifache Thematik auf: 1. kabbalistisch: Die Metalle werden den zehn > Sephiroth zugeordnet; 2. chemisch: Es werden einzelne alchemistische Prozesse beschrieben; 3. astrologisch: Am Schluss der Kapitel werden die planetarischen > Amulette des betreffenden Metalls aufgezählt. Das geheimnisvolle Buch hatte großen Einfluss auf die späteren Okkultisten. Eliphas > Levi hielt A. M. sogar für eines der größten hermetischen Werke. Der von ihm als Supplement zu seinem Buch Clef des grands mystères (1860) angeführte Text des A. M. hat mit dem Original jedoch nichts zu tun.

Lit.: Kabbala denudata seu doctrina Hebraeorum transcendentalis et metaphysica atque theologica: Opus … in quo ante ipsam translationem libri difficillimi atque in literatura Hebraica summi, commentarii nempe in Pentateuchum, & quasi totam Scripturam V. T. Cabbalistici, cui nomen Sohar tam veteris, quam recentis, ejusque Tikkunim seu supplementorum tam veterum, quam recentiorum, praemittitur apparatus / [Christian Knorr von Rosenroth [Hrsg.]]. Sulzbaci: Lichtenthaler, 1677; Knorr von Rosenroth, Christian: Kabbala denudata. Hildesheim [u. a.]: Olms, 1974. Nachdr. der Ausg. Sulzbach, 1684 – 1677 (Volkskundliche Quellen; 2: Aberglaube).

Aeshma Daeva, ein > Daeva, der Dämon der Gier und des Zorns, der Wut und der Rache, personifiziert die Gewalt und hat eine Vorliebe für Konflikte und Krieg. Gemeinsam mit > Asto Vidatu jagt er die Seelen bei ihrer Auffahrt zum Himmel.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Aeternitas, bei den Römern Personifikation der Ewigkeit, des Reiches wie auch der vergöttlichten Herrscher. Als Symbole der Anfang- und Endlosigkeit dienen der sich durch Selbstverbrennung erneuernde > Phönix und der > Uroboros, die sich in den Schwanz beißende Schlange. Auch die strahlende Sonne und der zunehmende Mond in den Händen der auf Münzen dargestellten Göttin versinnbildlichen das Ewige.

Lit.: Drexelius, Hieremias: Aeternitas pars / explicavit e latine scrpsit Hieremias Drexelius. Antverpiae: Cnobbaert, 1636; Aeternitas: Das ist Ewigkeit zue welcher wir Menschen alle auß diesem sterblichen Leben wanderendt; fürgestellet v. d. Studenten d. hohen Schul zu Freyburg i. Br. Freyburg i. Br.: Böckler, 1639. Toelken, Ernst Heinrich: Ueber die Darstellung der Vorsehung und der Ewigkeit, Providentia und Aeternitas auf Römischen Kaisermünzen: ein Vortrag, gehalten in der eröffnenden Versammlung der numismatischen Gesellschaft zu Berlin am 22. Januar 1844; Tempus aevum aeternitas: la concettualizzazione del tempo nel pensiero tardomedievale; atti del colloquio internazionale, Trieste, 4 – 6 marzo 1999 / a cura di Guido Alliney. Florenz: Olschki, 2000.

Äetes (griech), König von Kolchis und Sohn des Sonnenkönigs > Helios. Er wurde zum Wächter des > Goldenen Vlieses. Seine Tochter > Medea verliebte sich in den Helden > Jason, mit dem sie floh und das Vlies raubte.

Lit.: Greene, Liz: Schicksal und Astrologie. München: Hugendubel, 21990.

Aetherius Society. Okkulte Gesellschaft, die 1956 von dem englischen Geistheiler Dr. George > King (1919 – 1997) ins Leben gerufen wurde. Am 8. Mai 1954 vernahm King angeblich eine Stimme, die sagte: „Bereite dich vor. Du wirst die Stimme des Interplanetarier-Parlaments sein.“ Unter dieser kosmischen Verbindung gründete er „The Aetherius Society“ und gab die Zeitschrift Cosmic Voice heraus. Am 21. Mai demonstrierte er im britischen Fernsehen > Samadhi-Yoga, wobei ein Kosmischer Meister von einem anderen Planeten gesprochen haben soll. In den nächsten Jahren nahm er ca. 600 kosmische Mitteilungen auf, die das Grundgerüst der Lehren der Gesellschaft bilden: Gesetz des Karma und der Reinkarnation; das Universum ist von Lebewesen bewohnt, alles ist lebendig; die Erde ist in eine neue Epoche getreten; Dienst am Nächsten ist Fortschritt; spirituelle Energie ist so wirklich wie Elektrizität.
Die Mitglieder stehen in Verbindung mit spirituellen Meistern, die auf verschiedenen Planeten wohnen, darunter auch Jesus, der auf der Venus residieren soll. Diese geistigen Meister überwachen die Erde und besuchen sie von Zeit zu Zeit mittels > Fliegender Untertassen, die kosmische Energie abstrahlen. Die Mitglieder machen sich diese Energien nutzbar, indem sie ihrerseits bestimmte Berge damit spirituell „aufladen“. Der erste war Holdstone Down in Devonshire, England, wo King Meister Jesus erschienen sein soll. 1960 fasste die Gesellschaft in Amerika Fuß und anschließend auch in verschiedenen anderen Ländern, vor allem in Neuseeland.

Lit.: Jesus Christ <(Spirit)>: The Twelve Blessings: the Cosmic Concept for the New Aquarian Age as Given by the Master Jesus in his Overshadowing of George King. Hollywood, Calif., U.S.A: Aetherius Society, [1974?, c 1958].

Aethyr, eine „jenseitige“ oder höhere Dimension („Oberreich“, astrale Ebene), die in visionärer oder schamanischer Form bereist werden kann. Diese Vorstellung geht auf den englischen Philosophen, Mathematiker und Astrologen, den Universalgelehrten Dr. John > Dee (1527–1608), zurück, der 1581 mit spiritistischen Experimenten begann, um mit Engeln in Kontakt zu treten. Sein wissenschaftliches Ziel war es, ein tieferes und vollständigeres Wissen über das Universum zu erhalten. Da er selbst nicht medial begabt war, arbeitete er mit dem berüchtigten Medium Edward > Kelly zusammen. Diesem wurden angeblich von Engeln das henochische System und 19 Schlüssel in einer Sprache diktiert, die sie „Engelssprache“ nannten. Da Dee um seinen Ruf fürchten musste, falls seine magischen Aufzeichnungen in falsche Hände gerieten, versteckte er die Manuskripte unter dem doppelten Boden einer Kiste, wo sie Jahrzehnte später von Elias > Ashmole gefunden wurden und dann erst wieder in dem 1888 in England gegründeten magischen Orden, dem „Hermetic Order of the Golden Dawn“ (> Hermetischer Orden der Goldenen Dämmerung), auftauchten, in dem das Fundament, welches Dee legte, zu einem komplexen und vielschichtigen System mit 30 Aethyren ausgebaut wurde. Der erste Mensch, der alle 30 Aethyre bereiste und seine Erfahrungen auch niederschrieb, war Aleister > Crowley. Sein Werk Liber CDXVIII The Vision and The Voice beschreibt seine Visionen und auch, wie er diese erlangt hat.

Lit.: Crowley, Aleister: Die Vision und die Stimme: Liber XXX aerum vel saeculi CCCCXVIII; dies ist der Ruf der 30 Aethyre / von Aleister Crowley. Übers. und kommentiert von Marcus M. Jungkurth. Bergen /Dumme: Kersken-Canbaz, 1993; Regardie, Israel: Das magische System des Golden Dawn, 3 Bde. Freiburg: Bauer, 1995.

Aetit > Adlerstein.

Aevum > Äon.

Ägis, kragenförmiger Halsschmuck, dem die Bedeutung eines Schutzsymbols zukommt. Im Ägyptischen Totenbuch gibt es einen Spruch für den „Halskragen von Gold, der am Tage der Beerdigung an den Hals des Verklärten gelegt wird“. Diese Halskragen tragen häufig eine Falken- oder Uräus-Ornamentierung. Im Tempel Sethos’ I. bei > Abydos fand sich in der Kammer des > Re-Harachte ein Bild, auf dem der König einen Halskragen mit daranhängender Brusttafel für die Bekleidung des Götterbildes darbringt. Bei diesem Ritus des morgendlichen Gottesdienstes sprach der Priester: „O Atum, mögest du deine Arme um Re-Harachte legen, damit er zusammen mit seinem Ka in Ewigkeit lebe.“ Halskragen mit darüber gesetzten Tierköpfen (Göttersymbole) zieren auch die Vorder- und Hintersteven der Götterbarken. Als Ä. werden ferner an einem Collier getragene Schmuckstücke mit dem Gesicht einer Gottheit bezeichnet. Die gleiche Bedeutung, nämlich das Umfasstwerden von göttlichen Armen, hat das Bild eines seine Flügel entfaltenden Geiers, das an Stelle des Halskragens bei den Mumiensärgen zu finden ist.
Ä. wird auch zur Bezeichnung des mit dem Gorgonenhaupt versehenen Schildes des Zeus und anderer Götter verwendet, doch ist hier die Bezeichnung > Aigis angebrachter.
Aleister > Crowley münzte Re-Harachte in Ra-Hoor-Khuit, die oberste Wesenheit in dem von ihm initiierten philosophisch-religiösen System > Thelema, um.

Lit.: Abydos: le temple de Séti Ier; étude générale / Jean Capart. Rééd. der Ausg. Bruxelles 1912. Thotweb, [2002]; Brand, Peter J.: The Monuments of Seti I. Leiden; Boston; Köln: Brill, 2000; Vierck, Sigrid: Die Aigis: zu Typologie und Ikonographie eines mythischen Gegenstandes. Münster (Westfalen), Univ., Diss., 1991, vorgelegt von Sigrid Vierck, 2000.

Ägomantie (griech. aix, aigòs: Ziege; aram. aic). > Weissagung durch > Ziegen. Der Name ist vermutlich eine Neubildung aus dem 16. Jh. (Bulengerus, 215) zur Bezeichnung einer von Tertullian (Apologet. 23) und Clemens von Alexandria (Protr. 2, 11, 6) erwähnten Form der Weissagung durch Ziegen. Die Ziegen wurden wie Raben zur Weissagung abgerichtet, schrieb ihnen doch das Altertum, wie vielen anderen Tieren, die Fähigkeit zu, Hungersnöte, Erdbeben, Wetter, Ernteausfall und vieles mehr anzukündigen. Sie spielten auch im > Delphischen Orakel ein Rolle. Lange vor der Besiedlung Delphis grasten Ziegen um den Erdspalt herum: jede Ziege, die in den Erdspalt hineinschaute, verfiel in ein wunderliches Springen und stieß ungewöhnliche Laute aus. Als der Hirte dem nachgehen wollte und in den Spalt sah, erhielt er die Kraft der Weissagung ebenso wie alle anderen, die hineinblickten.

Lit.: Bulengerus: Opusc. (1621); Claudius Aelianus Werke, übers. von Dr. Wunderlich. Stuttgart, 1839; Aelianus, Claudius: Claudii Aeliani varia historia / edidit Mervin R. Dilts. 1. Aufl. Leipzig: Teubner, 1974; Rosenberger, Veit: Griechische Orakel: eine Kulturgeschichte. Darmstadt: Wiss. Buchges., 2001.

Ägypten. Als Inbegriff der wohl ältesten Hochkultur der Menschheit ist Ägypten auch Symbol für alles Uralt-Geheimnisvolle. Die Einordnung dieser magischen Begebenheiten kann jedoch nur anhand eines kurzen Zeitrasters erfolgen. Die wissenschaftliche Erschließung der Geschichte Ägyptens hat eigentlich erst die Entzifferung der Hieroglyphen durch den Franzosen François Champollion 1822 ermöglicht.
Im Mittelpunkt des politischen Interesses des Alten Ägypten steht die Reichseinigung der einzelnen Dynastien:

Thinitenzeit (um 3000 – 2740: 1. – 2. Dynastie); Altes Reich (um 2740 – 2180: 3. – 6. Dynastie): Hauptstadt: Memphis, Nekropolen Sakkara und Gizeh mit den bekanntesten Pyramiden; 1. Zwischenzeit (um 2180 – 1990: 7. – 10. Dynastie); Mittleres Reich (um 2081 – 1759: 11. – 12. Dynastie); 2. Zwischenzeit (um 1759 – 1539: 13. – 17. Dynastie): Fremdherrschaft der Hyksos; Neues Reich (um 1539 – 1069: 18. – 20. Dynastie): Hauptstadt: Theben, Nekropolen: z. B. das Tal der Könige). Es regieren u. a. die bekannten Pharaonen Thutmosis III. (Palästinafeldzug), Amenophis III., Amenophis IV. (Echnaton), Sethos I. und Ramses II. (Großarchitektur in Karnak, neue Reichshauptstadt: Piramesse im Ostdelta); 3. Zwischenzeit (um 1069 – 720: 21. – 23. Dynastie): Hauptstädte zunächst Tanis und Bubastis, Theben als Zentrum eines Gottesstaates: u. a. mit den Pharaonen Siamun, Schoschenk I., Taharka; Spätzeit (um 727 – 330: 24. – 31. Dynastie) u. a. mit den Pharaonen Necho II. und Apries (Hofra).
Es folgen die Ptolomäer (Gründung der Stadt > Alexandrien) und die römischen Imperatoren (Ä. als Kornkammer, Festung Babylon, Alt-Kairo). Anschließend kommen die Byzantiner, nach der islamischen Eroberung (640 n. Chr.) die Omajjaden und Abbasiden (640 – 935), die Fatimiden und Ajjubiden (935 – 1250), die Mamluken und Osmanen (1250 – 1798), die Franzosen (1798 – 1801), der Vize-König (Khedive) Mohammed Ali und dessen Nachfolger, sodann die Engländer (1805 – 1952) und schließlich die heutige Arabische Republik.

Kosmogonie
Die ägyptische Vorstellung von der Erschaffung der Welt fußt auf mehreren Mythen, die einander aber nicht ausschließen. Nach einigen Beschreibungen ist die Welt aus dem Urwasser, dem > Nun, entstanden. Die entscheidendsten Taten des Schöpfers sind jedoch Trennung, das Setzen einer Ordnung in Natur und Leben sowie die Überwindung des Todes durch die Auferstehung (Osiris).
Ein mehrmals in Wort und Bild überlieferter Mythos lehrt, dass der Pharao vom Geistgott Amun gezeugt und von einer Jungfrau geboren wurde. Dies macht die gottmenschliche Doppelnatur des Pharao evident: er ist zwar sterblich, erfährt aber den Willen der Götter, den er auf Erden zu verwirklichen hat.

Religion
Die ägyptische Religion ist eine polytheistische Nationalreligion, die auch die Verehrung anderer Götter ermöglicht, da es niemals zu einem festgefügten System religiöser Anschauungen kam. Trotz aller Vielfalt bietet sich eine Gliederung in Götter und Fortleben (Mensch) an.
Unter den Göttern seien hier nur jene genannt, die unter dem einen oder anderen Namen im ganzen Land verehrt wurden. Auf die unendliche Zahl von Geistern und Dämonen, die beinahe alles belebten, mit dem der Mensch in Verbindung kam, kann nur verwiesen werden. Eine besondere Stellung nahm auch der Tierkult (> Zoolatrie) ein, der in Ägypten dermaßen entwickelt war, dass er fast als Charakteristikum der ägyptischen Religion gelten kann.
Zu den allerorts verehrten Göttern gehören: > Amun (Ammon), > Atum, > Re, > Hathor, > Osiris, > Isis, > Horus und > Ptah. Jeder Gott hat seine eigene Geschichte und jedem ist ein Lebensbereich zugeordnet, so z. B. Osiris: Totengericht und Auferstehung; Ptah: Materie und Handwerk; Hathor: Liebe, Rausch und auch Totenreich.
Um 1365 ersann König Echnaton (Amenophis IV.) einen echten Monotheismus mit > Aton als Gott, der in der Sonnenscheibe verkörpert war. Die anderen Götter wurden verfolgt. Aton war ein guter Gott, und so fehlte eine Deutung des Bösen und des Todes. Mit dem Tod Echnatons erlosch jedoch diese Vorstellung.
Um 1200 kam es dann sogar zu einer Systematisierung von drei Göttern als Trinität: Amun (verborgen ), Re (der sichtbare Amun), Ptah (der Leib von Amun).

Tempel
Der Tempel ist Kultstätte und Abbild des Kosmos. In ihm wird der jeweilige Gott, dem der Tempel geweiht ist, von Priestern bedient, die seit etwa 2000 einen eigenen Stand bilden. Die Gottheit wird mit Nahrung und Kleidung versorgt und in Prozessionen unter das Volk geführt, das nur den vorderen Teil des Tempels betreten darf.

Pyramiden
Das nach außen hin eindrucksvollste und bis heute mit vielen Rätseln behaftete Kulturwerk Ägyptens sind zweifellos die Königspyramiden. Architektonisch ist die > Pyramide das Ergebnis einer Entwicklung, an deren Anfang bis zur III. Dynastie die Mastaba, das viereckige Grab, stand. Durch den pyramidenförmigen Grabbau sollte der Körper des Königs besser geschützt werden und das Grab sich von den übrigen abheben. Über die Errichtung der Königsgräber im Alten Reich, die fugenüberschreitenden Strukturen und die astronomischen Berechnungen gehen die Meinungen allerdings noch immer auseinander.

Jenseitsglaube
Eine eigene Stellung in der Religion der Ägypter hat der > Jenseitsglaube, der in seiner besonderen Bedeutung in den Gräbern der Alten Ägypter und in den als > Ägyptisches Totenbuch bezeichneten Manuskripten mit Texten aus einem Repertoire von etwa 175 Einzel-„Sprüchen“, von den Ägyptern als „Sprüche vom Herausgehen am Tage“ bezeichnet, zum Ausdruck kommt. Der Korpus stammt von den Sargtexten des mittleren Reiches und erscheint erstmals auf Särgen und Leichentüchern der königlichen Familien der 17. Dynastie. Unter der Bezeichnung „Buch vom Durchwandeln der Ewigkeit“ wurden Totentextsammlungen der späten Ptolomäer- und frühen Römischen Herrschaft in die Totenliteratur aufgenommen, um den Verstorbenen einen sicheren Übergang in das Nachleben zu garantieren. Zu diesen Texten gehören auch die vorwiegend an den Innenwänden der Särge und Grabkammern angebrachten „Sargtexte“ sowie das „Zweiwegebuch“, die Karte und die Begleittexte, zumeist am Boden, zum Passieren der Widerstände gegen das Ewige Leben.
Dieser starke Glaube an das Fortleben der > Seele, die als aus drei Aspekten, nämlich > Ka, > Ba und > Ach, bestehend verstanden wurde, hat sich erst im Laufe der Zeit entfaltet. So war im Alten Reich das Ewige Leben ausnahmslos ein Vorrecht der Könige, während der normale Mensch in einer Art unterirdischer Jenseitswelt der Ahnen auf eine „Fortdauer über den Tod“ hinaus in der Natur hoffen durfte. Dies kam auch in den Grabformen von > Pyramide (Könige) und Mastaba (viereckiger Grabbau für die Bürger) sowie dem Bemühen zum Ausdruck, sich in unmittelbarer Nähe der königlichen Pyramiden begraben zu lassen, um Anteil am Ewigen zu haben.
Erst durch das Auftreten der > Osiris-Religion wurde das Unsterblichkeitsmonopol der Könige gebrochen und allen Ägyptern ein Ewiges Leben zuteil. Der Totengott > Osiris war nicht mehr ortsgebunden und so begannen ab der 5. Dynastie die Beamten sich am Ort ihrer Arbeit begraben zu lassen, da für die Fortdauer im Jenseits die Fürsprache des verklärten Königs nicht mehr notwendig war. Jedem wurde vielmehr überall im Lande seine eigene Rechtfertigung der im Leben vollbrachten Taten und Gesinnungen vor dem > Totengericht beim Gang der Seele vom Grab zur Schwelle des > Amenti ermöglicht. Werden die Aussagen als echt beurteilt, öffnet ihr Osiris den Eingang in sein Paradies, wenn nicht, stürzt sich die „Verschlingerin“, ein Monster, auf den Verstorbenen, um ihn zu vernichten.

Geister
Die Vorstellung, dass der > Ka oder das Doppel eines Menschen nach dem Tod umherstreife, entfachte den Glauben der Ägypter an > Geister und ihr Bemühen, diese durch Grabbeigaben in Form von Speisen an das Grab zu binden.

Magie
Wie alle anderen Systeme kann auch die > Magie in Ägypten in zwei Formen gegliedert werden: jene für die Lebenden und jene für die Verstorbenen. Ihre Anfänge liegen in neolithischer Zeit. Wenngleich sich im Laufe der Jahrhunderte die Praktiken änderten, blieb die Grundbedeutung der magischen Wirkung dieselbe. So verband man magische Kräfte mit > Amuletten, Figuren, Bildern, Formeln, Namen, Riten und okkulten Praktiken. Die konkreten Anwendungen waren zahllos: > Bannen von Sturm, Schutz vor wilden Tieren, Schlangen, Krankheit, Wunden und vor den Geistern der Toten. Neben den Amuletten nehmen vor allem die > Zaubersprüche breiten Raum ein, wie sie im Papyrus Ebers und im Harris-Papyrus zu finden sind. Bei der Anwendung solcher Zaubersprüche wurden auch Gegenstände wie Wachsfiguren und andere als Symbole für Personen oder Tiere und sonstige Zielobjekte verwendet, denen man Glück oder Schaden zufügte. An der ersten Stelle aller magischen Handlungen stand jedoch der Ritus der > Einbalsamierung, wo jeder Griff mit bestimmten Sprüchen ausgeführt wurde, um die Konservierungsdauer zu erhöhen.

Alchemie
Ägypten ist auch die Geburtsstätte der > Alchemie. Sie entstand etwa im 1. Jh. n. Chr., als Ägypten unter dem Einfluss des Hellenismus stand, und endete ca. im 7. Jh. Zentren waren vor allem die Tempel, denn nur bei der hellenistisch gebildeten Priesterschaft waren alle für die Entstehung der A. notwendigen Voraussetzungen gegeben. Dabei weist die A. einen chemisch-technischen und einen spirituellen Aspekt auf, die beide miteinander verwoben sind. Zeugen dieses Tempelhandwerks sind der Papyrus Leiden und der Papyrus Stockholm, die um 1828 in einem Gräberfeld bei Theben in Oberägypten gefunden wurden. Beide sind griechisch geschrieben und datieren anscheinend aus dem Übergang zwischen 3. und 4. Jh. n. Chr. Sie befassen sich mit der Herstellung von Ersatzstoffen für natürliche Perlen und stammen wahrscheinlich nicht von Alchemisten, waren jedoch Wegbereiter der Alchemie.

Astrologie
Das frühere Ägypten kannte wohl eine Astronomie zur Bestimmung der Sterne und der Tage. Es gab 36 katalogisierte Sterne, von denen jeder einer Periode von zehn Tagen vorstand, was zusammen ein Jahr von 360 Tagen ergab.
Die Astronomie spielte auch eine Rolle bei der Ausrichtung der Tempel und Pyramiden.
Die > Astrologie und die Vorhersage der Zukunft nach der Position der Sterne am Tage der Geburt findet sich erst in der griechischen und römischen Zeit. Wohl aber kannte man nach Papyri aus dem Neuen Reich eine Art > Horoskop in Form eines Kalenders der Glücks- und Unglückstage. Die Stunden, Tage und Monate waren jeweils dem Schutz einer Gottheit unterstellt.

Traum
Eine weitere Besonderheit der Ägypter war ihr Umgang mit Träumen. Für jeden Ägypter gab es Träume in der Nacht und bei Tage, was wohl darauf verweist, dass mit > Traum auch die > Vision verbunden wurde. Am bekanntesten sind die königlichen Träume bzw. Visionen aus dem Neuen Reich mit Erscheinungen von Göttern. Doch nicht nur der König, sondern jedermann konnte bisweilen im Traum die Gottheit schauen. Zur Weckung von Träumen gab es zudem eigene Techniken.

Medizin
Was die Medizin betrifft, so wissen wir aus dem Papyrus Ebers, dass es drei Arten von Ärzten gab: die Ärzte, die nach den Büchern und einer reichen empirischen Erfahrung praktizierten; die Priester, die unter Eingebung der Götter eine Medizin religiösen Charakters anwandten; die Magier, Zauberer oder Heilkundigen, die Kranke durch magische Praktiken zu heilen versuchten.

Marienerscheinung
Von besonderer Eigenart war schließlich die > Marienerscheinung von 1982.
Am 2. April 1982 sahen zwei Muslime in Kairo eine weiße Frau, die in der Nähe der koptischen Marienkirche von Zeitoum stand. Die Gestalt wurde dann bis Ende Mai als strahlende Figur auf dem Dom und immer wieder vor dem Dom wahrgenommen. Tausende von Menschen konnten sie sehen. Das fotografische Dokumentationsmaterial spricht für ein echtes Ereignis. Bereits 1968, 1969, 1970 und 1971 wurde von kürzeren Erscheinungen berichtet, die nur von wenigen gesehen wurden, und auch der Bau der Kirche sei 1925 auf eine Marienerscheinung im Traum hin erfolgt.

Lit.: Chabas, François Joseph: Le papyrus magique Harris. Chalon s-S, 1860; Chabas, François Joseph: Notice du Papyrus médical Ebers. Paris, 1876; Les alchimistes Grecs: Tome I: Papyrus de Leyde; Papyrus de Stockholm; Fragments de recettes / Robert Halleux [Hg.]. Paris: LBL, 1981; [Extrait du Journal d’Egyptol.]; Rogo, D. Scott: Miracles: A Parascientific inquiry into Wondrous Phenomena. New York: Dial Press, 1982, S. 250 – 257; Hornung, Erik: Der Eine und die Vielen: ägyptische Gottesvorstellungen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 51993; Forman, Werner: Die Macht der Hieroglyphen. Stuttgart: Kohlhammer, 1996; Haase, Michael: Im Zeichen des Re. München: Herbig, 1999; Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999; Schütt, Hans-Werner: Auf der Suche nach dem Stein der Weisen: die Geschichte der Alchemie. München: C. H. Beck, 2000.

Ägypterevangelium. Unter diesem Titel sind zwei Schriften bekannt, die jedoch keinerlei Gemeinsamkeiten aufweisen. Die eine, aus der ersten Hälfte des 2. Jhs., war in gnostisch-christlichen Kreisen Ägyptens besonders beliebt. Origenes (Hom. in Lucam I), Hippolyt (Refut. 5, 7, 9) und Epiphanius (Panar. 62, 2, 4f.) bezeugen die Existenz in Zusammenhang mit der Bekämpfung von Häresien. Das bis jetzt bedeutendste Bruchstück findet sich bei Clemens von Alexandrien (Stromateis III, 45.63 / 8.91f.) und bringt einen Dialog zwischen Jesus und Salome. Die Verwendung im 2. Clemensbrief weist auf die 1. Hälfte des 2. Jhs. als Abfassungszeit hin.
Die zweite Schrift mit dem Titel „Heiliges Buch des großen unsichtbaren Geistes“, > Nag Hammadi codices III, 2 und IV, 2, gibt in der Abschrift eines gewissen Eugnostos vor, von > Seth verfasst zu sein. Der Text stammt aus dem 3. Jh. und sein Inhalt ist gnostisch.
Seth offenbart in gnostischer Sicht den Aufbau des Jenseits und sein Eingreifen zur Errichtung eines sethianischen Geschlechts (> Adamapokalypse). Seine Manifestation ist Jesus. Eine besondere Rolle spielt dabei die > Zahlenmystik. Zudem finden sich magisch-kultische Elemente wie Inkantationen in Form von Buchstabenfolgen oder Nennungen einer Gottheit mit verschiedenen Namen mehrmals hintereinander. Den Abschluss bildet ein langer Hymnus an die Taufe. Die Entstehung wird um die oder nach der Wende des 2. / 3. Jhs. vermutet.

Lit.: Böhlig, A.: Das Ägypterevangelium von Nag Hammadi. Wien, 1974; Barns, J. W. B.; Browne G. M; Shelton, J. C. (Hg.): Nag Hammadi Codices. Greek and Coptic Papyri From the Cartonnage of the Covers. Leiden: Brill, 1981 (Nag Hammadi Studies; 16).

Ägyptisch-Chaldäische Kulturepoche > Nachatlantisches Zeitalter.

Ägyptische Freimaurerei, von dem am 8. Juni 1743 zu Palermo geborenen Giuseppe Balsamo unter dem Namen Graf Alessandro > Cagliostro gegründeter magischer Ritus. Cagliostro, erfolgreicher Hochstapler und Schwindler des 18. Jhs., der auf Kosten seiner Zeitgenossen lebte, erfand die Pseudo-Freimaurerei zu eigennützigen Zwecken. Die Ordensgründung tauchte zuerst um 1782 auf und wurde von Goethe im „Großkophta“ köstlich beschrieben. Cagliostro beschloss um 1775 mit seiner Frau Lorenza Feliciani, dem Hang zum Magischen innerhalb der Freimaurerei durch die Gründung neuer Logen nach dem von ihm entwickelten bzw. modifizierten Rite égyptien entgegenzukommen, und trat für die Gleichberechtigung der Frauen in der Freimaurerei ein. Nach Cagliostro besäße die ägyptische Freimaurerei den Schlüssel zum > Stein der Weisen und die Teilnehmer könnten ihre „ursprüngliche Unschuld“ entdecken. Zur Loge waren Männer wie Frauen zugelassen. Bei der Initiation der weiblichen Neophyten assistierte seine Frau, die diese anhauchte mit den Worten: „Ich hauche dir diesen Atem ins Gesicht, um in deinem Herzen die Wahrheit keimen und wachsen zu lassen, in deren Besitz wir sind; ich hauche hinein, um deine guten Absichten zu stärken und dich im Glauben deiner Brüder und Schwestern zu bestätigen…“.
Später nahmen die Frauen in weißen Gewändern an einer Zeremonie teil, bei der sie ermutigt wurden, die „schändlichen Bande“ ihrer männlichen Meister abzuwerfen. Darauf wurden sie in einen Garten und dann in einem Tempel geleitet, wo sie eine „einführende Begegnung“ mit Cagliostro selbst hatten. Dieser pflegte dabei nackt auf einer goldenen Kugel aus dem Tempeldach herabzuschweben und seine Neophyten aufzufordern, im Namen der Wahrheit und der Unschuld ihre Kleider abzulegen. Dann erklärte er ihnen die symbolische Natur ihres Strebens nach Selbsterkenntnis, ehe er wieder die goldene Kugel bestieg und in die Tempelkuppel emporschwebend verschwand. Diese Zeremonie verlangte auch ihren Preis. Viele der Teilnehmer stammten jedoch aus der Pariser Aristokratie und konnten sich dies somit durchaus leisten. Der Ritus verschwand mit Cagliostro.
Als „Ägyptischer Ritus“ bezeichnete sich auch das Freimaurersystem „Memphis-Ritus“ (frz.
Rite de Memphis), das als Konkurrenzsystem gegen den „Misraim Ritus“ entstand.

Lit.: Marcello, Stefano Antonio: Vie de Joseph Balsamo, connu sous le nom de comte Cagliostro. Paris: Onfroy; Strasbourg: Treuttel, 1791; Frick, Karl R. H.: Licht und Finsternis II. Graz: Akadem. Druck- u. Verlagsanstalt, 1978, S. 135 – 136; Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988; Lennhoff, Eugen: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Ägyptische Geheimnisse. Ein Zauberbuch mit dem Titel: Albertus Magnus: bewährte und approbirte sympathetische und natürliche egyptische Geheimnisse für Menschen und Vieh. Für Städter und Landleute. Das Alter ist nicht genau bekannt. Es ist in einer alten Ausgabe, Brabant 1816 u. ö., und dann 1852 in Reutlingen gedruckt worden, weshalb es auch als Reutlinger Buch bezeichnet wird. > Albertus Magnus (1193 – 1280), der als Bischof im Ruf eines Schwarzkünstlers stand, wurden nachweislich zu Beginn des 18. Jhs. Zaubersprüche, die im Volk kursierten, zugeschrieben. Auch in Frankreich trugen zu dieser Zeit populäre Schriften magischer Art den Titel Le grand oder Le petit Albert.
Die Ä. G., die erst zu Beginn des 19. Jhs. entstanden, haben jedoch mit Albertus Magnus nichts zu tun. Das aus vier Teilen bestehende Buch enthält vorwiegend Krankheitsheilsegen für Mensch, Vieh und Feldfrüchte sowie Bittsegen für alle Arten von Gefahren sowie Beschwörungs- und Verwünschungsformeln mit zum Teil völlig sinnlosen Buchstabengebilden.

Lit.: Albertus Magnus: bewährte und approbirte sympathetische und natürliche egyptische Geheimnisse für Menschen und Vieh. Für Städter und Landleute. Reutlingen: L. Ensslin, 1852.

Ägyptische Lebenslehren, altägyptische Weisheitsliteratur, die sich während der gesamten Pharaonenzeit nach einer literarischen Rahmenfiktion von einem Vater an den Sohn (= Schüler) richtete. Ihr Inhalt ist die Verwirklichung der > Ma’at, der Wahrheit, Gerechtigkeit, Weltordnung und Weisheit, im Leben des Einzelnen. Die Begründungen der Ä. L. sind zeitabhängig und weichen stark voneinander ab. Die Lehren des Ani und des Amenemope, die beide zur Zeit des neuen Reiches (1550–1069) verfasst wurden, weisen Ähnlichkeiten zum biblischen Buch der Sprüche auf.

Lit.: Studien zu altägyptischen Lebenslehren. Freiburg / Schweiz: Univ.-Verl, 1979; Römheld, Diethard: Wege der Weisheit: die Lehren Amenemopes und Proverbien 22,17 – 24,22. Berlin: de Gruyter, 1989.

Ägyptische Mysterien. Als ä. M. bezeichnete man Feste, die einerseits öffentliche Veranstaltungen beinhalteten, bei denen man die Taten der Götter nachspielte, insbesondere aber > Rituale, die im geheimen Teil der Tempel stattfanden. Diese Feste waren im Allgemeinen den Leiden des > Osiris, der Suche der > Isis und den Kämpfen zwischen > Horus und > Seth gewidmet. Unter anderem spielte man auch den Tod des Osiris und seine Wiederauferstehung nach. Es soll sogar Schauspielertruppen gegeben haben, die im Lande umherzogen, um nach Art eines Mysterientheaters die Göttergeschichten nachzuspielen, die sich vor allem mit der Erschaffung der Welt und der Vorstellung von Leben und Tod befassten. Die Themen sind überaus reich an magischen Vorstellungen, wie etwa dem Sonnenmythos, dem Mythos des > Skarabäus, der am Himmel umherirrt, sowie des jungen Horus, der aus einer Lotusblume geboren wurde, gegen die > Schlange kämpfte und auf dem Rücken seiner Mutter, der Himmelskuh, die Menschen verließ. Zu den ältesten Darstellungen höherer Wesen gehören der Falke > Horus, der Hund > Anubis, der Ibis > Toth, das > Krokodil Thebens, die Kuh > Hathor und viele andere. Zu Beginn der ersten Dynastie nahmen Falken und Fische menschliche Züge an. Am Ende der zweiten Dynastie erschienen die ersten Abbildungen von Menschenkörpern mit den Köpfen der alten Totems, wobei einige Totems dann als Götter verehrt wurden. So wurde seit der Zeit von König Ptolemaios im Tempel des > Ptah der > Stier angebetet.
Berichte über die ä. M. übten schließlich im 18. Jh., namentlich in England, besonderen Einfluss auf die > Freimaurer aus, die wiederholt ihre Abstammung auf diese zurückzuführen suchten. Daher auch die häufigen Anklänge an dortige Bräuche und Baustile, was besonders in Text und Szenenbild von Mozarts „Zauberflöte“, in Logennamen (Isis, Osiris, Pyramide, Horus, Sphinx u. a. ) sowie in der Ausstattung mancher Freimaurertempel zum Ausdruck kommt. > AMORC machte aus diesen Ideen einen regelrechten Kult, indem man teils Passwörter einzelner Grade auf ägyptische Wortwurzeln zurückführte.

Lit.: Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen. Bd. 2. Freiburg: Herder, 1987, S. 249 – 253; Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999; Lennhoff, Eugen: Internat. Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Ägyptische Plagen. Nach Ex 7, 1 – 11, 10 sandte Gott dem Pharao folgende 10 Heimsuchungen, damit er die Israeliten freilasse: blutrotes Nilwasser, Frösche, Stechmücken, Ungeziefer, Viehseuche, Geschwüre, Hagel, Heuschrecken, Finsternis, Tod der Erstgeborenen. Diese Plagen werden auch im Koran genannt (Sure 8 und 17).

Ägyptische Reihe. Das Ägyptische System gehört zur den geozentrischen Systemen. Es ordnet die Planeten in einer von der > Chaldäischen Reihe abweichenden Form, nämlich Mond, Sonne, Merkur, Venus, Mars, Jupiter und Saturn. Sein Einfluss war jedoch gering.

Lit.: Lexikon der Astrologie. München: Goldmann, 1981.

Ägyptische Tage (lat: dies aegyptiaci). Die Ä. T. entstanden in Rom, und zwar nicht vor der Kaiserzeit, weil sie die von Augustus eingesetzten dies senatus legitimi voraussetzten, die sich nach den Kalenden und Iden richteten und deshalb auch auf die erste Monatshälfte fielen, während die dies aegyptiaci deutlich nach jenen angesetzt sind. Zwei Tage stimmen überein, bei sechs Tagen hingegen handelt es sich um Nachtage zu den dies senatus legitimi.
Die erste Erwähnung der Ä. T. findet sich im Kalender des Philocalus. Nun galten bei den Römern die auf Kalenden, Nonen und Iden folgenden Tage als Unglückstage, was im Volksglauben seinen Niederschlag fand und bald auch von der christlichen Bevölkerung beachtet wurde, weshalb Augustinus sich genötigt sah, gegen diesen Aberglauben einzuschreiten (Friedberg). Im Mittelalter wurde der Glaube an solche Glücks- und Unglückstage besonders durch den im Libellus de tonitruis des Beda Venerabilis (673 – 735) enthaltenen Abschnitt „de septem feriis“ gefördert. Die Unglückstage heißen „verworfene Tage“, weil nach der volkstümlichen Erklärung an diesen Tagen die > Ägyptischen Plagen eintraten. Die Bezeichnung wird daher auch auf bereits in Ägypten umlaufende Tabellen von Unglückstagen zurückgeführt.
Im Spätmittelalter wurden die Ä. T. einerseits von Theologen wie Wilhelm von Paris (ZfVk, 1901, 276, 278), Nikolaus Jauer und Bernardin von Siena (ZfVk, 1912, 117) bekämpft, andererseits durch eigene Merkverse gefördert. Wer die Ä. T. kennt, wird sich durch besondere Vorschriftsmaßnahmen schützen. Er wird an solchen Tagen weder heiraten noch reisen, weder ein großes Werk vollbringen, noch sich zur Ader lassen.

Lit.: Furii Dionysii Philocali Calendarium antiquum sub annum CCCLII scriptum, notis illustratum a Fr. Xysto Schier, opus postumum curis Martini Rosnak. Graecii, 1781; Friedberg, Emil; Richter, Aemilius Ludwig: Corpus iuris canonici ex officina Bernhardi Tauchnitz. Lipsiae, 1879; Franz, Adolph: Nikolaus Magni de Jawer. Freiburg, 1898; Zeitschrift für Volkskunde (ZfVk) 11 (1901); 22 (1912); Moser, Dietz-Rüdiger (Hg.): Glaube im Abseits: Beiträge zur Erforschung des Aberglaubens. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1992.

Ägyptisches Bilsenkraut (Hyoscyamus muticus L.). Pflanze aus der Familie der > Nachtschattengewächse (Solanaceae), die Wüstengebiete bevorzugt und in Ägypten bis hin zum Sudan sowie in Syrien, Afghanistan, Pakistan und Nordindien anzutreffen ist. Mit ihrem alten ägyptischen Namen sakran wird das Kraut als „das Trunkene“ bezeichnet. Noch heute schätzt man die Pflanze in Ägypten als Heil- und Rauschmittel, während sie in Arabien, wo sie „die Berauschende“, sekaran, heißt, von Kriminellen zur Berauschung der von ihnen anvisierten Opfer benutzt wird (Rätsch 1998, 274). Die aus dem antiken Griechenland bekannte Pflanze namens > Nepenthes wurde u. a. auch als Ä.B. gedeutet (Rätsch 1998, 275, 613). Im heutigen Griechenland wird das Ä.B. zur „Drachenpflanze“, Pitonionka.
Es wirkt nicht nur am meisten berauschend von allen Hyoscyamus-Arten, sondern führt auch zu Halluzinationen, Koordinationsstörungen, Ideenflucht und Delirium. Aus Indien sind Fälle bekannt, bei denen der Genuss des Krautes Schwachsinn, Tanzwut und Exhibitionismus hervorrief (Rätsch 1998, 276). Benutzt werden Blätter und Samen, die frischen Blätter auch als Pflaster, während die getrockneten Blätter und Samen ein beliebter Räucherstoff sind.
Von allen Bilsenkraut-Arten kann das Ä. B. den höchsten Alkaloidgehalt vorweisen, der in den Blüten am stärksten konzentriert ist. Pharmazeutisch und ökonomisch gesehen rangiert es von allen Bilsenkraut-Arten heute an erster Stelle.

Lit.: Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Mit e. Vorwort v. Albert Hofmann. Aarau, CH: AT, 1998; Wulle, Stefan: 50 Jahre DFG-Sondersammelgebiet Pharmazie: Bilsenkraut und Bibergeil; zur Entwicklung des Arzneischatzes. Braunschweig: UB, 2001.

Ägyptisches Henkelkreuz > Ankh-Kreuz.

Ägyptisches Kuhbuch. Bild-Text-Komposition über den Mythos von der Vernichtung des Menschengeschlechts, die in den königlichen Grabanlagen Ägyptens seit > Tutanchamun, dem ersten Pharao nach > Echnaton, vorliegt. Im ersten Teil berichtet der Mythos von der Rebellion der Menschen gegen den alt gewordenen Sonnengott > Re, der gleichermaßen über Götter und Menschen herrscht, die den Wechsel von Tag und Nacht sowie den Tod noch nicht kennen. Re reagiert auf die Rebellion mit der Vernichtung des Menschengeschlechts durch die Göttin > Hathor, deren Tötungsrausch nur durch eine List beendet werden kann. Im zweiten Teil des Mythos belässt Re einen Teil des Menschengeschlechts am Leben, zieht sich aber auf dem Rücken der Himmelskuh in den Himmel zurück, um von dort aus die Unterwelt einzurichten, die nunmehr für die Toten benötigt wird. Nach dem Beispiel des Re wird als dessen „Sohn“ und Nachfolger auch der Pharao bei seinem Tod auf dem Rücken der Himmelskuh zum Himmel emporgetragen.
Im Bildteil des Mythos dominiert die Himmelskuh, deren Körper den Himmel mit Sternen und der Barke des Re symbolisiert, wobei die Kuhbeine die vier Himmelsstützen bilden, die von Göttern stabilisiert werden.
Der Mythos von der Himmelskuh erklärt die Trennung von Göttern und Menschen, besonders aber auch, wie der Tod in die Welt gekommen ist. Als Totentext soll das Kuhbuch die Trennung wieder aufheben, sodass der Pharao bis ans Ende der Zeit im himmlischen Jenseits in Gegenwart der Götter weiterleben kann. > Ägypten.

Lit.: Hornung, Erik: Der ägyptische Mythos von der Himmelskuh. Eine Ätiologie des Unvollkommenen. Unter Mitarbeit von Andreas Brodbeck, Hermann Schlögl, Elisabeth Staehelin. Mit einem Beitrag von Gerhard Fecht. Orbis Biblicus et Orientalis, Bd. 46, 31997.

Ägyptisches Totenbuch. 1842 veröffentlichte C. R. Lepsius in deutscher Sprache eine aus verschiedenen Zeiten stammende Textsammlung, der er den noch heute gültigen Namen „Ägyptisches Totenbuch“ gab. François > Champollion nannte diese Sammlung „Begräbnisritual“. Die von den Ägyptern verwendete Bezeichnung „Sprüche vom Herausgehen am Tage“ ist vielleicht noch treffender. Lepsius nummerierte die Schriften mit Kap. 1 – 165, eine Einteilung, die heute noch verwendet wird. Sie verläuft jedoch selten nach einem bestimmten System. So gibt es in den früheren Manuskripten Texte, die später nicht mehr vorkommen und umgekehrt. Um nun die Ordnung der Totenbücher der Spätzeit aus dem Neuen Reich und der Dritten Zwischenzeit zu übertragen, führten die Ägyptologen Edoard Naville und Wallis Budge die Nummerierung von Lepsius bei den anderen Schriften des Neuen Reiches bis „Kapitel 190“ fort.
Der Korpus stammt von den Sargtexten des Mittleren Reiches und erscheint erstmals auf Särgen und Leichentüchern der königlichen Familien der 17. Dynastie. Unter der Bezeichnung „Buch vom Durchwandeln der Ewigkeit“ wurden Totentextsammlungen der späten Ptolomäer- und der frühen Römerherrschaft in die Totenliteratur aufgenommen, um den Verstorbenen einen sicheren Übergang in das Nachleben zu garantieren. Zu diesen Texten gehören auch die vorwiegend an den Innenwänden der Särge und Grabkammern angebrachten „Sargtexte“ sowie das „Zweiwegebuch“, die Karte und die Begleittexte, vornehmlich am Boden, zum Passieren der Widerstände gegen das Ewige Leben.
Vom Neuen Reich an bis in die griechische Zeit wurden Texte in mehr oder weniger großer Zahl auf Papyri geschrieben, die dann direkt oder in Kästchen in die Gräber, die Sarkophage oder auch zwischen die Mumienbinden gelegt wurden. Die Papyri variieren sowohl in Zahl und Auswahl der Formeln als auch nach den Vignetten, die diese illustrieren.
Die Texte sind meist Exzerpte eines umfangreichen Materials über Unterweltfahrt und Totengericht. Sie beschreiben die Reise der > Seele nach dem Tode, das > Totengericht, und das Leben im > Iaru-Gefilde. Sie enthalten zahlreiche Sprüche, um die > Uschebti zu beleben, Opfergaben zu empfangen, zu essen und zu trinken, frische Luft zu atmen, die Welt der Lebenden zu besuchen, am Abend in die Barke des Re zurückzukehren und sich gegen Krokodile und alle Arten von Monstern, die das Jenseits bevölkern, zu verteidigen.

Lit.: Lepsius, C. R: Denkmäler aus Aegypten und Aethiopien. Leipzig: Nicolai, 1897; Budge, Ernest A. Wallis: A Hieroglyphic Vocabulary to the Book of the Dead. London, 1911. New York: Dover Publ., 1991; Kolpaktchy, Gregoire: Ägyptisches Totenbuch. München; Wien: Barth, 1991; Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

Ähnlichkeit. Übereinstimmung in mehreren wesentlichen Merkmalen, ohne einander gleich zu sein. Ähnlichkeit ist daher ein relativer Begriff, dessen Unschärfe empirisch nicht zu beheben ist, weil die Beurteilung der Ähnlichkeit die subjektive Komponente nicht völlig ausschließen kann. Der Gedanke der Ä. ist von grundlegender Bedeutung und findet sich daher bei allen Kulturen. Er ist die Grundvoraussetzung der Möglichkeit von Einheit in der Vielheit, von Individualität und Gemeinschaft. In der > Magie wird die Ähnlichkeit zur Grundlage des Analogiedenkens: Wie oben, so unten, wie im Himmel, so auf Erden. Es wird eine Entsprechung von > Mikrokosmos und > Makrokosmos zum Ausdruck gebracht, also von Universum und Mensch, wie auch von Gott und Mensch, wobei der Mensch Ebenbild Gottes (imago dei, Gen 1, 27) ist. Diese Analogie von oben nach unten mit der Möglichkeit verschiedener Zwischenebenen ist Grundlage zahlreicher astrologischer sowie esoterischer Deutungen und wird auch als „senkrechte Ähnlichkeit“ bezeichnet, die man als esoterisches Prinzip der Wissenschaft entgegensetzt, welche nur die waagrechte Ähnlichkeit und damit nur eine Ebene kenne. In diesem Zusammenhang spielt Ä. auch in > Alchemie, > Gnosis, > Volksmedizin, > Signaturenlehre, > Homöopathie, beim > Analogiezauber und im > Simile (Tischner) eine besondere Rolle.
In der Psychologie spricht man sogar von > Ähnlichkeitsgesetz (Assoziationsgesetz, > Gestaltgesetz), da Ä. nicht nur phänomenal in Erscheinung tritt, sondern auch funktional wirksam wird. Zwischen ähnlichen Elementen treten nämlich Kräfte auf, die Einzelnes zu höheren Einheiten zusammenführen. Dieses Gesetz gilt für alle Bereiche der Wahrnehmung und wird in der Psychotherapie bei der Frage nach der Ä. von Wunsch und Selbstbild bedeutsam. Ä. kann aber auch zu Lernhemmung führen, wenn zwei unmittelbar aufeinanderfolgende Inhalte gleich oder sehr ähnlich sind (Ranschburgsches Phänomen).

Lit.: Ritter, Joachim (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie, Bd. 1. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1971; Gebhardt, Karl-Heinz (Hg.): Beweisbare Homöopathie. Heidelberg: Karl F. Haug, 21986; Schlegel, Emil (Hg.): Religion der Arznei: Das ist Herr Gotts Apotheke – Erfindungsreiche Heilkunst – Signaturenlehre als Wissenschaft. Regensburg: Johannes Sonntag, 61987; Bohnke, Ben-Alexander: Esoterik: die Welt des Geheimen. Düsseldorf: Econ Verlag, 1991.

Ähnlichkeitserleben. Elementares Beziehungserlebnis, durch das gegenwärtige Sinneseindrücke, Wahrgenommenes, Gestalten und komplexe Vorstellungen mit erinnerten, auch gleichzeitig erlebten anderen, in Verbindung gesetzt werden. Das Ä. wird teilweise als eine Gedächtnisleistung urtümlich-ganzheitlicher Art aufgefasst und ist auch bei Tieren, z. B. als Wiedererkennen, feststellbar. Es ist zu unterscheiden vom Gleichheits- und Identitätserlebnis.

Lit.: Hehlmann, Wilhelm: Wörterbuch der Psychologie. Stuttgart: Kröner, 1959.

Ähnlichkeitsgesetz > Ähnlichkeit.

Ähnlichkeitsprinzip, auch Ähnlichkeitsregel oder Ähnlichkeitsgesetz genannt. Gilt als die therapeutische Grundregel der > Homöopathie, die besagt, dass Krankheitszustände durch Mittel beseitigt werden, die im gesunden Zustand ähnliche Krankheitserscheinungen hervorrufen. Diese Aussage fußt auf dem therapeutischen Leitsatz des > Paracelsus: „Similia similibus curantur“ (Ähnliches wird durch Ähnliches geheilt). Dem Ä. liegt die Annahme Samuel > Hahnemanns (1755 – 1843) zugrunde, dass die Arznei eine ,Kunstkrankheit‘ erzeuge, die durch eine große Ähnlichkeit mit der bestehenden natürlichen Krankheit diese heilen könne. „Wähle, um sanft, schnell, gewiss und dauerhaft zu heilen, in jedem Krankheitsfall eine Arznei, welche ein ähnliches Leiden (homoios pathos) erregen kann als sie heilen soll“ (Hahnemann, S. 74). Aus dem Verlauf der Behandlung kann rückblickend auf den Grad der Übereinstimmung von Symptomatik und Arzneimittelbild geschlossen werden. Das Ähnlichkeitsgesetz der Homöopathie ist vom > Ähnlichkeitsgesetz der Psychologie zu unterscheiden, weshalb man in der Homöopathie auch sachlich besser von Ähnlichkeitsprinzip spricht.

Lit.: Hahnemann, Samuel: Organon der Heilkunde. Heidelberg: Karl F. Haug, 61996; Dorcsi, Mathias: Homöopathie heute: ein praktisches Handbuch. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1998.

Ähre, Getreideähre, uraltes Symbol, das bereits in den ältesten Hochkulturen für Fruchtbarkeit, Leben, Tod und Wiedergeburt stand. In Ägypten war das aufwachsende Korn Sinnbild des vom Tode auferstandenen > Osiris.
Ä. oder Ährenbüschel sind Attribut der altmesopotamischen Getreidegöttin > Aschnan, der altsemitischen > Atargatis, der griechischen > Demeter und der römischen > Ceres. Auch die Himmelsjungfrau (virgo caelestis) veranschaulichte man sich mit einer Ähre in der Hand. So heißt der hellste Stern im Sternbild der > Jungfrau > Spica (Ähre).
In der christlichen Symbolik finden wir das > Ährenkleid Mariae, die Ähre als Hinweis auf den Leib Christi im Abendmahl, als Verzierung für Kelche, Monstranzen und Altartücher sowie als Symbol der Auferstehung auf Grabsteinen.

Lit.: Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen, Stuttgart: Kröner, 21989. Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Freiburg: Herder 1998.

Ährenkleid Mariae. Darstellung Marias in einem mit > Ähren besetzten Kleid oder im Weizenfeld stehend, wie sie im Mittelalter und in der Renaissance oft auch auf Andachts- und Wallfahrtsbildern zu sehen ist. Diese Bilder sind seit dem 14. Jh. in deutschen Frauenklöstern in Anlehnung an das Hohelied 7, 3: „Dein Leib ist ein Weizenhügel, mit Lilien umstellt“ entstanden und wurden zum Sinnbild des Lebens sowie der Bitte um Erntesegen.

Lit.: Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole. Augsburg: Weltbild-Verl., 2000.

Ährenschnitt > Bilwis.

Ältere Brüder. Von Rudolf > Steiner eingeführter Begriff zur Bezeichnung der sog. Meister der > Theosophie. Der Ausdruck ist gleichbedeutend mit > Adept, Meister, Rishi oder Weiser und wurde auch von Max > Heindel und von > AMORC übernommen. In der Theosophischen Gesellschaft Deutschlands bezeichnet man mit > Jüngere Brüder die Tiere.

Äolsharfe, auch „Windharfe“ oder „Geisterharfe“, benannt nach dem Gott > Äolus, war schon im Altertum bekannt. Laut Talmud soll König David bei Nacht neben dem Bett seine Harfe aufgehängt haben, die um Mitternacht, wenn der Nordwind aufkam, zu tönen begann. Ebenso gab die Harfe des hl. Dunstan OSB (909 – 988), Erzbischof von Canterbury, eine wohlklingende Antiphon von sich, wenn er sie an der Mauer seiner Zelle aufhängte. Die Ä. wurde dann von Athanasius > Kircher wiederentdeckt. Er versteckte das von ihm gebaute Instrument in einem Schrank und schlug in die Mauer dahinter ein Loch. Kamen Besucher, öffnete er den Schrank, und ein ätherisch-geisterhafter Klang durchströmte zum Erstaunen der Gäste das Haus. Selbst in die Literatur (E. T. A. Hoffmann, Eduard Mörike) fand die Ä. Eingang.
1999 erbaute der Musiker Rüdiger Oppermann auf der Schlossruine Hohenbaden in Baden-Baden eine riesige Windharfe mit 120 Seiten und über 4 m Höhe.

Lit.: Hammerstein, Reinhold: Macht und Klang: tönende Automaten als Realität u. Fiktion in der alten und mittelalterlichen Welt. Bern: Francke, 1986.

Äolus (griech. auch aiolos), Gott und König der Winde. Ä. hält in den Höhlen von Liparos, nördlich von Sizilien, die vier Winde gefangen und lässt sie auf Anweisung der höheren Götter als leichte Brise, Böen oder Sturm entweichen. Dem > Odysseus gab er bei seinem Besuch auf der Insel einen Schlauch mit Winden, die ihn nach Ithaca bringen sollten. Als Odysseus einschlief, öffneten seine Männer neugierig den Schlauch, die Winde entwichen und trieben das Schiff auf die Insel zurück.

Lit.: Vergilius Maro, Publius: Aeneis. Übers. von Gerhard Fink. Düsseldorf: Artemis und Winkler, 2007.

Äon (griech., lat. aevum). Weltalter, beständige Dauer, Weltperiode, Zeitalter. Das Wort Ä. wurde ursprünglich im Griechischen in der poetischen Sprache zur Bezeichnung von Leben, Lebenszeit und Lebenskraft, vornehmlich im Hinblick auf Menschen und Götter, verwendet; die Bedeutung von Zeitalter findet sich nur gelegentlich. Doch schon bei Platon wird mit Ä. die „Lebenszeit“ des intelligiblen Wesens, nämlich die in sich selbst ruhende, überzeitliche Ewigkeit bezeichnet (Timaios 37 d). Bei ihm findet sich zum ersten Mal auch das Adjektiv „äonisch“ (aionios). Aristoteles bezeichnet mit Äon die unveränderliche Dauer der unvergänglichen Wesen wie etwa des Himmels (Met. 1072 b 29; De coelo 283 b ff.). Für Plotin ist der Ä. das Leben des Geistes, das keine Vergangenheit und keine Zukunft kennt, sondern in sich ein grenzenloses Ganzes bildet (Enn. III. 7, 5). In der Septuaginta wird mit Ä. eine fernste Zeit, sowohl der Vergangenheit wie der Zukunft, gekennzeichnet, wodurch Ä. auch die Bedeutung von Ewigkeit erlangt (Jes 40, 28). Im NT kann Ä. über die rein zeitliche Bedeutung im AT hinaus in Kennzeichnung der Welt und der ihr eigenen Zeit auch die räumliche Dimension umfassen (1 Kor 10, 11; Hebr 1, 2; 11, 3). Zudem verwendet das NT, vor allem Paulus, das Ä. auch zur Unterscheidung zwischen dem durch Schöpfung und Gericht begrenzten Ä. der Welt und dem zukünftigen Ä. des Reiches Gottes. Beide überschneiden sich, weil im Glaubenden als gegenwärtigem Ä. der zukünftige Ä. als pneumatische Wirklichkeit innewohnt (Gal 1, 4; Hebr 6, 6; Kor 1, 20). Die Scholastik gibt das aristotelische Verständnis von Äon als unveränderliche Dauer mit aevum wieder (Suarez, Disp. met. 50, sct. 6, 9), das zwischen Ewigkeit und Zeitlichkeit steht, da die eigentliche Ewigkeit nur Gott zukommt.
In der > Gnosis wird der Ä. personifiziert. Er gehört zu den obersten Wesenheiten, die zwischen Gott und der Welt stehen, kann aber auch die Gesamtheit dieser Wesenheiten und die Verbindung zwischen der geistigen und materiellen Welt, der Unendlichkeit und der Begrenztheit bezeichnen. Der Inbegriff der Äonen ist das > Pleroma. Aus dem ursprünglich vollkommenen Äon entspringen, vornehmlich paarweise, weitere niedere Äonen. Schließlich wurde das Paar, Christus und das heilige Pneuma, zur Befestigung und Sicherung des Pleroma hervorgebracht, um Harmonie in die Welt der Äonen zu bringen (Ptolomaios).
In der deutschen Sprache wird das Wort Ä. im 19. Jh. durch Goethe und die Romantik eingeführt. In der Philosophie findet sich der Begriff bei Schelling und bei Hedwig Conrad-Martius, die den platonischen und aristotelischen Begriff des Äon in ihre Theorie der Zeit einbaut, von wo er Eingang in die „Einheitliche Beschreibung der Materiellen Welt“ von Burkhard Heim fand (Heim 2, 68).
Paranormologisch sind die magischen Vorstellungen zu nennen, die besonders von Aleister > Crowley betont wurden, nämlich dass Äonen charakteristische Grundmuster mythischer, zeremonieller Kulte seien: Isis-Zeitalter (Verehrung der Mondgöttinnen) Osiris-Zeitalter (Verehrung von Sonnengöttern), Horus-Zeitalter (Verehrung des magischen Kindes, das als > Androgyn das Männliche und Weibliche in sich vereint), Zeitalter der Fische (Intellekt und Christentum), Wassermannzeitalter (Erleuchtung, Aufhebung der Gegensätze und Androgynität), das in seiner magisch-kosmischen Mächtigkeit als Äon die Zukunft prägen soll.

Lit.: Leisegang, Hans: Die Gnosis. Stuttgart: Kröner, 41955; Ritter, Joachim (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1971; Bochinger, Christoph: New Age und moderne Religion. Gütersloh: Kaiser; Gütersloher Verlagshaus, 1994; Resch, Andreas: Die Welt der Weltbilder. Innsbruck: Resch, 1994; Heim, Burkhard: Elementarstrukturen der Materie 2. Innsbruck: Resch, 21996.

Äpfel der Iduna, Früchte im Besitz der > Iduna, der germanischen Göttin der Jugend und der Fruchtbarkeit, die den > Asen, zu denen Iduna gehört, ewige Jugend schenkt. Die Äpfel wurden von ihrer Dienerin Fylla aufbewahrt. „Wenn die Götter altern, so müssen die Äpfel der Iduna gegessen werden, dann werden sie wieder jung und sie werden es bis zum Untergang der Götter bleiben“ (Edda, Gylsis Verblendung). Der > Apfel ist kein zufällig gewähltes Symbol, sondern spielt in der Mythologie aller Völker eine besondere Rolle.

Lit.: Holzapfel, Otto: Lexikon der abendländischen Mythologie. Sonderausg. Freiburg / Br.; Basel; Wien: Herder, 2002.

Äquatortaufe oder Linientaufe (engl. baptism of the line), weltweit übliches Ritual von Seeleuten, wenn ein Besatzungsmitglied oder ein Passagier zum ersten Mal den Äquator überquert. Der Täufling wird dabei von (einem verkleideten) > Neptun gereinigt, erhält einen see- oder wetterbezogenen Scherznamen und eine Urkunde. Um 1557 segelte Jean de Léry von Frankreich nach Brasilien und berichtete von der Überquerung des Äquators: „Als wir den Gürtel der ganzen Welt überfuhren, haben die Schiffsleute mit großer Festlichkeit ihren Brauch gepflegt. Sie banden diejenigen, die zuvor diese Linie noch nicht überquert hatten, an ein Seil und warfen sie vom Schiff ins Wasser, wo die Taufe erfolgte.“ Wegen der vielen Unfälle wurde die Taufe in dieser Form offiziell verboten. Die Zeremonie findet heute an Deck eines Schiffes statt. Es handelt sich dabei um eine Art Initiationsritual, jedoch nicht im religiösen Sinn. In der Berufsschifffahrt ist die Ä. nur noch selten anzutreffen. Das Ritual, das auch sehr ausgiebig gestaltet werden kann, hat heute lediglich Unterhaltungscharakter.

Lit.: Léry, Jean de: Brasilianisches Tagebuch 1557. Tübingen: Erdmann, 1967; ders.: Histoire d’un voyage fait en la terre du Brésil (1578). Genève: Droz, 1975.

Äquidistanter Punkt. Als Ä. wird in der > Astrologie ein unbesetzter, nicht aspektierter Grad des > Horoskops bezeichnet, der sich zwischen zwei anderen Planeten und in gleicher Distanz zu ihnen befindet.

Lit.: Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988.

Äquinoktium (lat. aequus, gleich; nox, Nacht). Tagundnachtgleiche, also die Tage des Jahres, an denen Tag und Nacht jeweils 12 Stunden dauern, was am Frühlings- und Herbstanfang der Fall ist. An diesen Tagen durchschneidet die Erdbahn oder Ekliptik den Äquator in den sog. Äquinoktialpunkten. Diese Tage haben seit alters her eine große magische und religiöse Bedeutung, was dadurch zum Ausdruck kommt, dass sie in vielen Kulturen und Organisationen Tage großer > Äquinox-Feste waren und sind, wie z. B. bei den > Rosenkreuzern und in vielen Volksbräuchen.
> Equinox (1909 – 1914) hieß ferner die Zeitschrift von Aleister > Crowley.

Lit.: Katalog von 3356 schwachen Sternen für das Äquinoktium 1950. Hamburg-Bergedorf: Verl. d. Sternwarte, 1955; Delany, Samuel R.: Äquinoktium. Bellheim: Ed. Phantasia, 1997.

Äquinox-Feste, Feiern zur Tag- und Nachtgleiche. Bei manchen Organisationen (z. B. O.T. O., Rosenkreuzer) ist das > Äquinoktium ein besonderer Festtag. Die gleiche Länge von Tag und Nacht ist als Ausgleich von Sonne und Dunkelheit Symbol des Machtstillstandes und damit der offenen Rezeptivität sowohl für die Impulse der Leben spendenden Sonne als auch für die Lebenskraft der Erde. Im Frühjahr werden daher die verschiedensten Feste zur Weckung und Stärkung der Fruchtbarkeit gefeiert, im Herbst führen die eingesammelten Früchte zu allerlei Formen von Dankfesten.
Diesen Festen liegt auch, wie Martinez > de Pasqualis hervorhebt, der Gedanke zugrunde, dass gerade die Tag- und Nachtgleiche besonders günstig für bestimmte Rituale sei. So wird z. B. beim Ritual ein Band gewoben, in das die Wünsche der Festversammlung eingeflochten werden. Die Hexen erneuern zum Fest ihre „Gelübde“, um den Eid zu bekräftigen, der anlässlich der Initiation geschworen wurde. Im Herbst ist dies auch der Tag, an dem die Hexenbesen hergestellt werden.
In der rein profanen Gesellschaft sind die Äquinox-Feste zu Unterhaltungsfesten verkommen, die rein vom Konsum gesteuert werden.

Lit.: Martinésisme, Willermosisme, Martinisme et Franc-Maconnerie: avec un résumé de l‘histoire de la franc-maçonnerie en France, de sa création à nos jours et une analyse nouvelle de tous les grades de l‘écossisme … / Encausse, Gérard (1865 –1916), Chamuel, 1899; Martines de Pasqually; (suivis) des Catéchismes des élus coens; (augmenté de) Martinésisme, willermosisme, martinisme et franc-maçonnerie / Encausse, Gérard (1865 – 1916). Demeter, 1986; Papus: Die Grundlagen der okkulten Wissenschaft. Sinzheim: AAGW, 1997.

Ärztebüro > Lourdes.

Äsche (lat. thymallus). Schon in frühen Jahrhunderten wurde das Schmalz der Äsche, einer bis zu 50 cm langen Lachsart in Gebirgsbächen, zur Heilung von Augen- und anderen Krankheiten empfohlen (Mangolt, 146).
> Hildegard von Bingen spricht im Abschnitt „De Ascha“ von einem Heilmittel: „Die Äsche besteht mehr aus kalter als aus warmer Luft, liebt den Tag und hält sich gern in mittlerer Wassertiefe auf, auf Steinen ruht sie gern. Sie ernährt sich von Körnern und Kräutern, deshalb ist auch ihr Fleisch gesund und Gesunden und Kranken bekömmlich. Als Heilmittel taugt bloß die Galle, und zwar verdünnt mit einem Tropfen reinen Wassers gegen Gerstenkörner im Auge, ‚wisza in oculo‘ “ (Hildegard von Bingen, 98).
In Tirol und anderen Gebieten wurde die Salbe außer beim „Fehlen“ in den Augen auch gegen Gicht angewandt (Jühling, 31). Das aus der Äsche gewonnene Öl mache sogar ein blindes Pferd gesund.

Lit.: Mangolt, Gregor: Fischbuch. Von der Natur und Eigenschafft der Fischen / insonderheit deren so gefangen werden im Bodensee. Zürich, 1557; Jühling, Johannes: Die Tiere in der deutschen Volksmedizin. Leipzig, 1900; Hildegard von Bingen: Naturkunde. Das Buch von dem innern Wesen der verschiedenen Naturen in der Schöpfung. Nach den Quellen übersetzt und erläutert von Peter Riethe. Salzburg: Otto Müller, 41989.

Äskulap > Asklepios.

Äskulapstab > Asklepiosstab.

Äsop (griech. Aisopios, lat. Aesopus), griechischer Fabeldichter, der als Begründer der Tierfabel gilt, die in Form eines Gleichnisses praktische Ratschläge und moralische Unterweisungen gibt sowie politische Aussagen trifft. Ä. soll ein freigelassenen phrygischer Sklave aus Samos gewesen sein, der vermutlich von 620 bis 560 v. Chr. lebte. Der Überlieferung nach war er hässlich und verwachsen, aber klug und erfinderisch. Unter anderem soll er auch als „Rechtsanwalt“ gearbeitet und im Auftrag des lydischen Königs Kroisos in Delphi Geschenke verteilt haben. Die Delphier waren mit der Verteilung nicht einverstanden und stürzten ihn den Felsen hinab.
Seine Fabeln, die er aus mündlicher Überlieferung geschöpft haben will, sind nur in Überarbeitung jüngerer Autoren erhalten. Die älteste Sammlung ist die von Demetrius von Phaleron (um 350 bis um 307).

Lit.: Aesopus: Fabeln: griechisch-deutsch. Hrsg. und übers. von Rainer Nickel. Düsseldorf u. a.: Artemis & Winkler, 2005.

Ästhetik (griech. aisthesis, Wahrnehmung, Empfindung, Gefühl). Lehre von der sinnlichen Erkenntnis, bis A. G. Baumgarten 1750 seine lat. Abhandlung Aesthetica veröffentlichte, nachdem er den Begriff bereits 1735 in den Meditationes philosophiae de nonnullis ad poema pertinentibus vorgestellt hatte. 1742 wurde dann von ihm in Frankfurt a. O. erstmals Ä. als Vorlesung vorgetragen, was zur Veröffentlichung der Aesthetica führte. Der Begriff fand im Deutschen und in den Nachbarsprachen als Bezeichnung der Wissenschaft vom Schönen und der Kunst rasche Verbreitung und wurde sehr bald zum Modewort. So konnte Jean Paul 1804 sagen: „Von nichts wimmelt unsere Zeit so sehr als von Ästhetikern“ (Vorschule). Baumgarten entwickelte Ä. in Zusammenhang mit einer allgemeinen metaphysischen Lehre vom Schönen als Vollkommenheit der sinnlich wahrnehmbaren Welt und als Lehre der sinnlichen Erkenntnis. Heute wird Ä. im weitesten Sinne als Lehre des Schönen und der Kunst gebraucht. Dabei ist für die philosophische Ä. das relevanteste Problem die Frage nach der Beziehung zwischen dem Schönen und der Wahrheit. Theologisch erlangt die Ä. im Zusammenhang mit der Lehre von Gott eine besondere Stellung: Gott ist schön, handelt nach den Grundsätzen des Schönen, der Mensch erreicht seine wahre Schönheit als Abbild Gottes und die Natur im neuen Himmel und in der neuen Erde. Psychologisch versteht man unter Ä. das Bemühen, die allgemeinen und individuellen Ursachen des Gefallens und Missfallens zu klären. Als Begründer der psychologischen Ä. gilt G. Th. > Fechner, der der philos.-spekulativen Ä. von oben eine empirische Ä. von unten entgegenstellte. Damit ist auch die Ethik als Thema der Ä. angesprochen.
Paranormologisch ist Ä. die Lehre des Schönen als harmonikale Struktur in ganzheitlicher Erfahrung personalen Wohlempfindens des Selbst im ewigen Grund. In diese Richtung weist auch die Bezeichnung des Schönen als Glanz der Form, die das Wesen nicht vollständig enthüllt, den Menschen aber dem letzten unergründlichen Geheimnis entgegenführt (J. Maritain), oder als Hinweis auf Kunst als Möglichkeit, die Chiffren zu lesen, die uns die Transzendenz ahnen lassen. > Magie und > Esoterik greifen diesen Aspekt des Harmonikalen und Unergründlichen auf. Während die Magie durch magische Techniken das unergründlich Schöne einzufangen sucht, vermittelt es die Esoterik durch Heilslehren von Schönheit, Gesundheit und ewigem Frieden unter Verzicht auf Transzendenz.

Lit.: Baumgarten, Alexand. Gottlieb: Aesthetica. Traiecti as Viadrum: Christ. Kleyb, 1750; Maritain, Jacques: Creative Intuition in Art and Poetry. New York: Pantheon Books, 1953; Ritter, Joachim (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1971; Fechner, Gustav Theodor: Vorschule der Ästhetik. 2 Bde. in e. Bd. Nachdr. d. Ausg. Leipzig 1925 u. 1871. Hildesheim; New York: Olms, 1978; Tatarkiewicz, Wladyslaw: Geschichte der Ästhetik. 3 Bde. Basel: Schwabe, 1979 – 1987; Bochinger, Christoph: New Age und moderne Religion. Gütersloh: Kaiser; Gütersloher Verlagshaus, 1994.

Ästhetische Religiosität. Das von vorwiegend optimistischen Grundzügen getragene religiöse Erlebnis soll durch Betrachtung des Schönen und Erhabenen in Kunst und Natur ästhetische Beglückung als religiöse Seligkeit vermitteln. Dabei wird Religion als Welt des Schönen und der inneren Harmonie ohne Transzendenzverpflichtung zur innersubjektiven Selbstbeglückung ohne Verantwortung vor Gott oder dem Menschen, wie dies in Vorstellungen der > Esoterik, des > Neuen Zeitalters und religiösen Subkulturen der > Postmoderne gepflegt wird.

Lit.: Timm, Hermann: Das ästhetische Jahrzehnt. Gütersloh: Gütersloher Verl.-Haus Mohn, 1990; Bochinger, Christoph: New Age und moderne Religion. Gütersloh: Kaiser; Gütersloher Verlagshaus, 1994.

Äther (griech. aither). Höhere, reinere Luftschicht jenseits der Wolken, jenseits der gewöhnlichen Luft, dem aer. Im überirdischen Ä. wohnten nach der griechischen Mythologie die Götter. Zu ihnen können auch die vom Körper frei gewordenen Seelen emporsteigen, sofern sie von guten und gottesfürchtigen Menschen stammen (Rohde 1929, 223).
Nach orphischer Lehre ist der Ä. die Weltseele. Als Personifikation wird der Ä. zum Sohn des > Erebos und der > Nyx, also von Unterwelt und Nacht. Mit seiner Schwester > Hemera zeugte er Brotos, den Repräsentanten der Menschheit, nach anderer Quelle > Uranos, das Himmelsgewölbe. In einer weiteren mythologischen Variante ist Ä. der Sohn von Chaos und Caligo, ein Bruder von Nyx, Erebos und Dies. In dieser Fassung zeugt er mit seiner Schwester > Dies, die eine Personifikation des Tages darstellt, Himmel, Erde und Meer und schließlich mit seiner Tochter Erde auch viele schreckliche Personifikationen aller möglichen Leiden und Schwächen, darunter > Okeanos, > Tartarus, die > Titanen und die > Furien. Aus dem Paar > Erde und Ä. sind alle Dinge der Welt hervorgegangen, wobei die Erde den Mutterschoß bildet, aus dem der Ä. alles erzeugt. Der Ä. symbolisiert hier das aktive, geistige und beseelte Element (Rohde 1903, Bd. 2, 255 f.). Der Ä. wird auch als Vater der Wolken, des > Pan und des > Eros gesehen, und bisweilen wird er mit Uranos und ebenso mit der > Sonne identifiziert.
Nach philosophischen Darstellungen ist Ä. die > Quintessenz, die feinste Materie, die den Weltraum erfüllt, ein Element, das sich von den anderen vier unterscheidet, eine göttliche Kraft, ein Körper, der sich ohne Anfang und Ende bewegt (Aristoteles). Die Seelen seien von derselben Art. Synkretisten verstehen durch Verschmelzen der verschiedenen Anschauungen ihrer Vorgänger den Ä. als lichtartige, beseelte, himmlisch astrale, überirdische, feinste Materie. Nach den > Neuplatonikern, insbesondere Porphyrios und Proklos, bildet der Ä. die Körper der Dämonen und Engel. Er dient zudem als Vehikel der Seelen (ochema), die aus ihm als Umhüllung einen Leib nehmen, der zwischen ihnen und ihrem irdischen Leib vermittelt. > Origenes knüpft hier mit seiner Lehre über die Eigenschaften des wiederauferstandenen menschlichen Leibes an.
Diese Auffächerung der platonischen Auffassung von Ä. als „corpus spiritualis“ und der aristotelischen als „materia caeli“ pflanzt sich über das Mittelalter in die Neuzeit fort. So spricht > Agrippa von einem „spiritus mundi“. Ähnlich bestehen für > Paracelsus alle Wesen aus einem elementarischen, irdischen, sichtbaren und einem himmlischen, unsichtbaren Leib, der „spiritus“ genannt wird. Ähnliche Vorstellungen leben heute weiter in der Theosophie, im Rosenkreuzertum, bei den Vitalisten, den Spiritisten, in der Reinkarnationslehre und in der Esoterik.
In der Physik erhält der Ä. mit Newton die Bedeutung einer feinen Materie zur Klärung des Lichtes und der Schwerkraft. Mit der allgemeinen Relativitätstheorie (1916), die auf der experimentellen Ununterscheidbarkeit von Schwere und Beschleunigung sowie auf der speziellen Relativitätstheorie beruht, wurde an die Stelle des Ä. eine von der Verteilung stellarer Massen abhängige hypothetische Struktur von Raum und Zeit gesetzt.

Lit.: Origines: De Principiis III, 41; Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894 ff., Bd. 1 1894; Rohde, Erwin: Psyche. 2 Bde. Tübingen und Leipzig: J. C. B. Mohr, 31903; hg., ausgew. u. eingel. von Hans Eckstein. Leipzig: Alfred Kröner, 1929; Whittaker, Edmund Taylor: A History of the Theories of Aether and Electricity From the Age of Descartes to the Close of the Nineteenth Century. Los Angeles: Tomash Publishers, 1987; Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1995.

Ätherialisation. Materialisation feinstofflicher Art; Vorstufe der > Materialisation, die fotografisch dokumentiert und von Hellsichtigen wahrgenommen werden könne.

Lit.: Zahlner, Ferdinand: Kleines Lexikon der Paranormologie. Hg. v. A. Resch. Abensberg: Josef Kral, 1972; Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt a. M.: Fischer, 1981; Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Ätherisch (griech. aithérion). Aus > Äther bestehend, abgeleitet von dem Wort Äther (griech. aithér). Parmenides spricht vom „ätherischen Feuer“, griech. aithérion pûr (Simpl. ad Phys. 9, 38). Auch in der > Alchemie wird „ein besonders fein glühendes Feuer“ als ätherisch bezeichnet.

Lit.: Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Berlin: Mittler, 1927; Zahlner, Ferdinand: Kleines Lexikon der Paranormologie. Hg. v. A. Resch. Abensberg: Josef Kral, 1972.

Ätherische Kräfte > Bildekräfte.

Ätherische Öle. Aromatische Pflanzenwirkstoffe, die seit dem Altertum für Räucherungen und als Parfum verwendet werden. Der Duft der Pflanzen sollte per fumum, d. h. durch den Rauch, in die himmlischen Sphären zu den Göttern aufsteigen und eine Verbindung herstellen. Auch als > Aphrodisiaka wurden und werden einige Duftöle benutzt, so etwa das Öl der > Nachthyazinthe. Wenn die ursprüngliche Anwendung von Duftstoffen mehr im heiligen als im profanen Bereich lag, so ist es heute eher umgekehrt. Moderne Ärzte und Heiler wissen um die Wirkung der aromatischen Öle auf das Riechhirn, den ältesten Teil des menschlichen Gehirns, und setzen die Essenzen zweckmäßig zur Förderung der Gesundheit von Körper und Seele ein. Ä. Ö. können auf das vegetative Nervensystem und auf das Gedächtnis einwirken, Erinnerungen wachrufen, die Kreativität fördern, das erotische Leben sowie Sympathie und Antipathie steuern und schließlich ganz erheblich das Wohlbefinden steigern oder umgekehrt auch Unbehagen erzeugen (Fischer-Rizzi, 29 – 32).
Es gibt Zeugnisse dafür, dass die Gewinnung der aromatischen Öle schon rund 5000 Jahre alt ist, so etwa ein Destilliergerät aus Mesopotamien. Ä. Ö. werden auch heute noch durch Wasserdampfdestillation gewonnen, aber außerdem durch Kaltpressung, Enfleurage, durch chemische Lösungsmittel, Resinoid-Herstellung oder durch Extraktion mittels Kohlendioxyd (Fischer-Rizzi, 19 – 22).
Die chemischen Substanzen der duftenden Essenzen sind komplexe Mischungen von Kohlenwasserstoffen, Alkoholen, Ketonen, Säuren, Estern, Äthern, Aldehyden sowie Schwefelverbindungen. Einige Bestandteile der Öle von ganz unterschiedlichen Pflanzen, wie etwa > Eugenol, > Myristicin, > Safrol, > Thujon und das > Ud-Öl, haben eindeutig psychoaktive Wirkungen (Rätsch, 816 f.).
Entscheidend für den Heileffekt beim Einsatz der Ä. Ö. in der > Aromatherapie ist deren Echtheit und Reinheit. Seit den dreißiger Jahren des 20. Jhs. kamen die synthetischen Duftstoffe in Mode, und die Qualitätsansprüche an ein gutes ätherisches Öl gingen verloren. Die kostbaren echten Öle haben wie Weine gute und schlechte Jahre und schwanken nicht nur in ihrer chemischen Zusammensetzung, sondern ebenso in ihrem Aroma und ihrer Wirkung.
Heute werden Ä. Ö. und Aromatherapie in zunehmendem Maße anerkannt. > Aroma-Pflanzen.

Lit.: Gatti, G. / Cayola, R.: L’azione delle essenze sul sistema nervoso. In: Revista Italiana delle Essenze e Profumi, 1923; Maury, Marguerite: The Secret of Life and Youth. London, 1964; Rovesti, Paolo: Alla ricerca di profumi perduti. Venezia, 1980; Valnet, Jean: Aromathérapie. Traitement des maledies par les essences des plantes. 10. verb. u. erw. Aufl. Paris: Le Livre de Poche, 1985; Fischer-Rizzi, Susanne: Himmlische Düfte. München: Hugendubel, 21989; Faure, Paul: Magie der Düfte. Eine Kulturgeschichte der Wohlgerüche. Von den Pharaonen zu den Römern. München und Zürich: Artemis, 1990; Trott-Tschepe, Jürgen: Mensch und Duft im Elementen-Kreis. Feuer, Wasser, Luft und Erde in der Psycho-Aromatherapie. Leer, Ostfriesland: Verlag Grundlagen und Praxis, 1993; Gattefossé, René-Maurice: Gattefossés Aromatherapie: der Klassiker der Aromatherapie. Aarau, CH: AT-Verlag, 1994; Rätsch, Christian: Heilkräuter der Antike in Ägypten, Griechenland und Rom. Mythologie und Anwendung einst und heute. München: Eugen Diederichs, 1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998.

Ätherischer Christus. 1909 sprach Rudolf > Steiner erstmals von der Parusie des ätherischen Christus. Für ihn war Christus der Wendepunkt der Menschheitsgeschichte, auf den alle vorhergehenden Religionen nur hingewiesen hatten. Demzufolge konnte eine physische Reinkarnation Christi nicht möglich sein, denn „nur einmal konnte dieser Impuls gegeben werden, den der Christus gab“ (Geistige Führung, 84).
Für die Theosophen, deren Generalsekretär Steiner war, ist Christus jedoch nur einer der vielen Weltenführer, der der Menschheit auf dem Weg der Einheit weiterhalf. Als daher, ebenfalls 1909, Annie > Besant > Krishnamurti als reinkarnierten Christus proklamierte, konnte Steiner dies nicht akzeptieren und wurde 1913 von ihr aus der Theosophischen Gesellschaft ausgeschlossen.

Lit.: Steiner, Rudolf: Die geistige Führung des Menschen und der Menschheit: Geisteswissenschaftl. Ergebnisse über d. Menschheits-Entwicklung. Dornach: Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung, 1963; Steiner, Rudolf: Der Christus-Impuls und die Entwicklung des Ich-Bewusstseins. 7 Vorträge, gehalten in Berlin zwischen d. 25. Oktober 1909 u. 8. Mai 1910. [Nach e. vom Vortragenden nicht durchges. Nachschr. hrsg. von der Rudolf-Steiner-Nachlassverwaltung]. Dornach / Schweiz: Rudolf-Steiner-Verlag, 1982.

Ätherischer Körper > Ätherleib.

Ätherisches Doppel. Bezeichnung des > Ätherleibs als > Doppelgänger. Nach der > Theosophie geht das Ä. D. auf die Hinduphilosophie zurück und bezeichnet den unsichtbaren Teil des normalen, physischen Körpers, den es durchdringt und etwas überragt, wodurch es mit anderen feinstofflichen Körpern die > Aura bildet. Nach anderen Vorstellungen ist das Ä. D. das Energiefeld, das die drei Körper des Menschen, den grobstofflichen, psychischen, physischen und noetischen, am Leben erhält und miteinander verbindet. Jedes Teilchen im menschlichen Körper hat eine Entsprechung im ätherischen Doppel, auch Lebenskörper oder > Astralkörper genannt.

Lit.: Menninger-Lerchenthal, E.: Der eigene Doppelgänger. Bern: Hans Huber, 1946; Tischner, Rudolf: Ergebnisse okkulter Forschung: eine Einführung in die Parapsychologie. Stuttgart: Deutsche Verlags-Anstalt, 1950.

Ätherisches Sehen. Optisches Wahrnehmen des > Ätherischen Doppels, „Lesen“ im Weltäther ( > Weltgedächtnis, > Akasha-Chronik) und Erfahrung durch das Medium eines > Ätherleibes. Im > Lectorium Rosicrucianum wird es synonym für > Hellsehen gebraucht. Nach Rudolf > Steiner tritt der Mensch mit 30 Jahren in eine Lebensphase, in der es zum Äthersehen kommen kann.

Lit.: Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt a. M.: Fischer, 1981; Steiner, Rudolf: Mein Lebensgang. Dornach /Schweiz: Rudolf-Steiner-Verl, 1983, S. 272; Shepard, Leslie A. (Ed.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. In Two Volumes. Detroit: Gale Research Inc., 31991.

Ätherkörper > Ätherleib.

Ätherleib, auch > Ätherisches Doppel oder Ätherkörper genannt, engl. etherical body oder etherical double; ätherisches Gegenstück zum physischen Körper, das sich bisweilen von diesem loslösen kann. Der Begriff des Ätherleibes wurde und wird oft synonym mit > Astralleib gebraucht, so etwa von > Du Prel. Auch Begriffe wie > Äther, > Äther-Region und > Astralwelt sind von diesen Verwischungen betroffen. Allgemein gebräuchlicher sind heute Bezeichnungen mit „astral“. Oft deckt sich Ä. auch mit dem Begriff > Doppelgänger, wenngleich sich beide phänomenologisch unterscheiden. So kennt Daumer ein Doppel-Ich, Du Prel ein tranzendentales Subjekt, Myers ein subliminales Ich, > Richet ein Reserve-Ich. > Tischner hält es für verfrüht, von einem Doppel-Ich auszugehen (Tischner, 52) und begründet seine Skepsis mit dem Verweis auf die mehrfachen Persönlichkeiten der Frau Beauchamp (Tischner, 52). Der Ä. wird auch als eine Strahlenhülle um den irdischen Körper beschrieben, die diesen mit dem > Astralleib verbindet (PNW 57, S. 14). Nach spritistischen Lehren ist er „die als Körper sichtbare Zwischenstufe von Leib und Seele“ (Sahihi, 41), er ist Kraftleib, Bildekräfteleib (> Steiner), Träger des > Od-Magnetismus (> Reichenbach), Träger der Lebenskraft und > Chakras, Vitalseele, Eidolon, Linga Sharira (Miers). Die meisten esoterischen Lehren unterscheiden zwei Körper, den physischen und den ätherischen bzw. astralen.
In der > Theosophie und > Anthroposophie wird der Ä. vom Astralleib unterschieden und bezeichnet im Anschluss an die hinduistische Philosophie den feinstofflichen Energiekörper der Menschen, Tiere, Pflanzen und Mineralien. Der Mensch wird demnach vom Strom der Weltenergie, > Prana, durchdrungen (Roberts, 65). Im Ä. befinden sich Energiezentren, die > Chakren. Nach der Anthroposophie wird der Körper viergliedrig gestaltet: der „Stoffleib“ ist die materielle Grundlage, der Ä. stellt den „Bildekräfteleib“, „Lebensleib“ bzw. den „elementarischen Leib“ dar, der die gesamte Lebensorganisation wie Wachstum, Regeneration, Ernährung, Gedächtnis und Denken umfasst – ohne ihn wäre der physische Leib nicht lebensfähig –, der Astralleib oder „Seelenleib“ gilt als der Träger der unbewussten Empfindungsfähigkeit einschließlich der Reflexe, und der „Ich-Leib“ ist der Anteil, durch den sich die geistige Individualität bis in die stoffliche Natur des Leibes mitteilt. Alle 4 Leibesglieder entsprechen den vier Elementen > Erde, > Wasser, > Luft und > Feuer. Es wird davon ausgegangen, dass eine Unausgewogenheit der Leibesanteile Krankheit bedeutet. Demgemäß haben organische Erkrankungen ihre Ursache im Seelenleib und andersherum Seelen- und Gemütskrankheiten in organischen Schäden (Pschyrembel, S. 185 f.). Der Ä. spielt auch an sich selbst, als Chakren-Träger, eine wichtige Rolle in gesundheitlicher Hinsicht: Die Energien müssen ungestört fließen, und Stauungen in den Chakren gelten als Ursachen vieler Krankheiten. Auch von philippinischen Heilern werden Behandlungen an der > Aura bzw. am feinstofflichen Körper des Menschen durchgeführt.
Manche Okkultisten vermuten im Ä. die unsterbliche Seele. Allen, die sich über ihn äußern, gilt er als konstant und unveränderlich während der Lebenszeit, doch nicht für alle ist er deshalb auch ewig. Nach Zahlner löst sich der Ä. nach dem Tod auf.
Die potentielle Sichtbarkeit des normalerweise unsichtbaren Körpers ist umstritten. Sensitive sehen ihn etwa als rötlichblaue Farbe, beispielsweise in der Nähe von Gräbern (Zahlner). Dora van Gelder-Kunz sieht strahlende, den Körper umgebende Energien, die sie als Ä. versteht. Der Ä. wird bisweilen auch als rötlichblaue Lichtform wahrgenommen, „als ein Schemen, der glänzt und leuchtet und in der Farbe der jungen Pfirsichblüte ähnelt“ (Miers). Nach alter, okkultistischer Auffassung spiegelt die physische Gestalt des Menschen den feinstofflichen Körper wieder, und der Ä. liegt sozusagen „auf halbem Wege zwischen physischer und astraler Form“ (Drury, 57). > Spiritualer Körper, > Außerkörperliche Erfahrung, > Bilokation.

Lit.: Eisler, Rudolf: Wörterbuch der philosophischen Begriffe. Berlin: Mittler, 1927; Tischner, Rudolf: Ergebnisse okkulter Forschung. Eine Einführung in die Parapsychologie. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1950; Fodor, Nandor: Encyclopaedia of Psychic Science. University Books, Inc., 1966; Monroe, Robert A.: Journeys Out of the Body. Garden City: N. Y.: Doubleday, 1971; Monroe, Robert A.: Der Mann mit den zwei Leben. Reisen außerhalb des Körpers. Düsseldorf; Wien, 1972; Zahlner, Ferdinand: Kleines Lexikon der Paranormologie. Hg. v. A. Resch. Abensberg: Josef Kral, 1972; Aivanhov, Omraam Mikhael: Geheimnis Mensch. Seine feinstofflichen Körper und Zentren. Fréjus, Cedex (France): ProsvetaVerlag, Reihe Izvor, Bd. 219; Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete, Frankfurt a. M.: Fischer, 1981; Frei, Gebhard: Probleme der Parapsychologie. Innsbruck: Resch, 1985 (Imago Mundi; 2); Drury, Nevill: Lexikon des esoterischen Wissens. München: Droemer Knaur, 1988; Kunz, Dora: The Personal Aura: the Emotional Field. Quest Books, 1991; Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. München: Goldmann, 1993; Shepard, Leslie A. (Ed.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. In Two Volumes, Detroit: Gale Research Inc., ³1991; Roberts, Mark: Das neue Lexikon der Esoterik. München: Goldmann, 1995; Pschyrembel. Wörterbuch der Naturheilkunde und alternativen Heilverfahren. Berlin: Walter de Gruyter, 1996.

Ätherprojektion. Willentliche oder auch spontane Herauslösung des > Ätherleibes aus dem physischen Körper. Der Ätherleib kann bei einer Ä. mitunter als weißliches, nebelartiges Gebilde wahrgenommen werden, was ihn in die Nähe von > Gespenst und > Geistererscheinung bringt. Ä. und > Astralprojektion werden wie > Ätherkörper und > Astralkörper häufig synonym gebraucht, wobei heute der Begriff „Astralprojektion“ der geläufigere ist.

Lit.: Durville, H.: Der Fluidalkörper des lebenden Menschen. Leipzig: Joh. Wiedenmann, o. J.

Äther-Region. Nach Max > Heindel jener Bereich der physischen Welt, der über die Erdatmosphäre hinausreicht. Die Ä.-R. ist feinstofflich, technisch nicht messbar, kann jedoch von Sensitiven wie normale Gegenstände wahrgenommen werden. Sie verleiht den Mineralien, Pflanzen und dem tierischen wie menschlichen Körper die Vitalkraft und dient als Träger der menschlichen Gedanken auf das menschliche Gehirn. > Ätherleib.

Lit.: Heindel, Max: The Rosicrucian Cosmo-Conception or Mystic Christianity. London: L. N. Fowler & Co. Ltd., 261971, S. 34 – 38; Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. München: Goldmann, 1993.

Äthiopien (griech. aithiopia, „verbrannte Gesichter“) war in der klassischen Antike der Name für Afrika südlich von Ägypten, z. T. für ganz Ostafrika, und ist jetzt die Bezeichnung des Reiches, das im Altertum im Gebiet des heutigen Eritrea und Tigre entstand und auch Abessinien (aus dem arab. al-Habašah) genannt wird. Aufgrund der geographischen Lage an der Seehandelsstrasse zwischen Ägypten und Indien war die Prägung durch afrikanische Elemente erstaunlich gering. Hingegen gab es einen starken arabischen und insbesondere griechischen Einfluss, während über die Religion der Agaw, der ehemaligen Bewohner des Landes, wenig bekannt ist.
Heute hat das Land ein Fläche von 1,1 Mio. km2 und zählt 66 Millionen Einwohner mit insgesamt 70 Sprachen, darunter Oromiffa, Amharisch und Englisch.
An Religionen finden sich in Ä. Autochthones, Christentum, Islam und Judentum. Die Religion der Ureinwohner besteht in der Hauptsache im Ahnenkult und in der Verehrung eines unbekannten „großen Geistes“, der den Regen spendet. Die Galla kennen einen Himmelsgott Waq, daneben gute und böse Geister, auch heilige Tiere, wie Hyäne, Schlange, Krokodil und Eule.
Die Bekenner des Judentums sind die so genannten Falascha mit Schriften in Geez. Das Christentum fand im 4. Jh. durch die Mission der möglicherweise aus Syrien stammenden Brüder
Frumentius und Aedesius Eingang. Um 500 wirkten die „9 Heiligen“, die angeblich das äthiopische Christentum dem > Monophysitismus zuführten. Im Laufe der Jahrhunderte verfiel die äthiopische Kirche mehr und mehr durch christologische Streitigkeiten. Sie stand in einem losen historischen Abhängigkeitsverhältnis zur > koptischen Kirche Ägyptens, entwickelte sich dann 1951 zu einer „autokephalen Kirche“ und hat sich seit 1959 mit dem Patriarchen „Katholikos“ an der Spitze verselbständigt. Eine große Rolle spielen die Klöster als religiöse Zentren. Der seit dem 8. Jahrhundert eingedrungene Islam macht in neuerer Zeit vor allem im äthiopischen Heidentum Fortschritte.
Dank der relativen Isolierung Ä. konnten sich religiöse Anschauungen aus römischer und byzantinischer Zeit bis zur Neuzeit halten.

Lit.: Heyer, Friedrich: Die Kirche Äthiopiens: Eine Bestandsaufnahme. Berlin: de Gruyter, 1971; Bartnicki, Andrzej: Geschichte Äthiopiens: von d. Anfängen bis zur Gegenwart; in 2 Teilen. In dt. Sprache hg. von Renate Richter. [Aus d. Poln. übers. von Waldemar Hein]. Berlin: Akademie-Verlag, o. J.

Äthiopisches Henochbuch. Das Ä. H. (es gibt auch noch ein Slawisches und ein Hebräisches Henochbuch) gehört zu den sog. > Apokryphen, den „geheimen“ Schriften, die nicht in den Bibelkanon gelangten, aber dem Titel bzw. der angeblichen Herkunft nach (atl. oder ntl.) dahin zu gehören beanspruchen. Der vollständige Text liegt in klassischem Äthiopisch vor und ist um 500 auf der Grundlage einer griechischen Fassung entstanden. Das Buch besteht aus fünf verschiedenen Schriften unterschiedlicher Entstehungszeit: Das Buch von den Wächtern (Kap. 6 – 36), das Buch von den Bilderreden (Kap. 37 – 71), das Astronomische Buch (Kap. 72 – 82), das Buch der Traumgesichte (Kap. 83 – 90) und der Brief Henochs (Kap. 91 – 105). Den Büchern ist eine Einleitung vorangestellt und am Ende folgen zwei Anhänge. In der koptischen Kirche hat das Ä. H. kanonische Geltung und wurde in neuerer Zeit in das Amharische übersetzt.
Aus paranormologischer Sicht interessieren die Beschreibung der Engel und der Gottesschau im ersten Buch, die „zweite Vision Henochs“ im zweiten Buch sowie die Beschreibung eines von den Mondphasen abhängigen Kalenders von 364 Tagen im dritten Buch. Das > Traumbuch, das aus zwei Visionsschilderungen besteht, bringt in der zweiten, der sog. Tierapokalypse mit Darstellung der Menschen unter Tiersymbolen, die Geschichte der Menschheit von Adam bis zu den Makkabäern. Im Brief liest Henoch schließlich die Geschichte, wie sie auf den „himmlischen Tafeln“ aufgezeichnet ist.

Lit.: Das Buch Henoch / übers. und erklärt von Dr. A. Dillmann. Leipzig, 1853; Rau, Eckhard: Kosmologie, Eschatologie und die Lehrautorität Henochs. Hamburg, Univ., Fachbereich Evang. Theologie, Diss. 1970; Theologische Realenzyklopädie. Bd. 3. Berlin: Walter de Gruyter, 1993, S. 42 – 54.

Ätiologie (griech. aitiología), die Lehre von Ursache, Grund, Ursprung; bezeichnet im weitesten Sinn die methodische Frage nach dem Warum eines Seienden. Der Grund einer Gegebenheit im engeren Sinn kann ganz einfach in einem früheren Geschehen liegen. So lautet z. B. die Antwort auf die Frage, warum der Sabbat als Ruhetag gefeiert wird: weil Gott nach dem Sechstagewerk der Schöpfung das Bedürfnis hatte, zu ruhen (Gn 2, 2 f.). Ä. spielt auch bei der Frage nach dem jetzigen Zustand der Menschheit (Erbsünde) und dem Ursprung von Welt und Mensch (Schöpfung) eine entscheidende Rolle.
Unzählige > Mythen, > Sagen, > magische Praktiken, > Zauberformeln und > Heilungsrituale bekommen durch die Ä. ihre Bedeutung und Wirksamkeit.
Die ältesten ätiologischen Aussagen beziehen sich auf Besonderheiten der Natur, Naturerscheinungen und die Macht des Guten und Bösen. Einen eigenen Raum nehmen die ätiologischen Aussagen über den Ursprung von > Kultstätten, > Orten der Kraft, > Heilquellen, Ursachen von > Unglück und > Krankheit ein. So werden im > Ayurveda vier Ursachen von Krankheit genannt: grobstoffliche Einflüsse, Einflüsse durch die Zeit, krankmachende Sinneswahrnehmungen und mentale Aktivitäten. In der Medizin ist der Begriff Ä. zum Grundbegriff der Krankheitsentstehung geworden.

Lit.: Buess, Eduard: Die Geschichte des mythischen Erkennens: Wider sein Missverständnis in d. „Entmythologisierung“. München: Kaiser, 1953; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Dohmen, Christoph: Ätiologie. Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg i. Br.: Herder, 31993; Golowin, Sergius: Die großen Mythen der Menschheit. Freiburg: Herder, 1998.

Ätiologische Sagen, Erklärungen außergewöhnlicher Inhalte und Ereignisse unter Zuhilfenahme mythologischer Deutungen von Götter-, Dämonen- und Heldentaten sowie magischer Gestalten und Märchenfiguren, um das Ganze verständlich zu machen und zugleich Ehrfurcht vor der Tradition zu vermitteln.

Lit.: Holzapfel, Otto: Lexikon der abendländischen Mythologie. Sonderausg. Freiburg i. Br. u. a.: Herder, 2002.

Ätna (griech. Aitne; lat. Aetna), mit etwa 3.330 bis 3.340 Metern der höchste aktive Vulkan Europas. Er liegt im Nordosten der süditalienischen Insel Sizilien, rund 25 km nordwestlich der Stadt Catania.
Wegen seiner häufigen Ausbrüche – sein erster Ausbruch ist historisch für 1226 v. Chr. belegt, sein letzter erfolgte am 13. September 2004 – unterliegt er ständigen Veränderungen.
Nach antiker Überlieferung soll der Ä. nach der Tochter des > Uranos und der > Gaia benannt worden sein. Nach einer anderen Version ist Ä. jedoch die Tochter des hundertarmigen Aegaeon, die von > Ceres und > Vulcanus beim Streit um den Besitz der Insel zur Schiedsrichterin erwählt wurde.
Unter dem Berg lag der Gigant > Typhon begraben. Er trat der Sage nach am thrakischen Berg Haimon > Zeus entgegen. Dieser jagte Typhon nach Süden zum Meer vor Italien, packte eine Insel und schleuderte sie über ihn. Die Insel wurde später an ihrer neuen Stelle unter dem Namen Sizilien bekannt und Typhons Feueratem wurde zum Ätna, denn er war unsterblich und kein Tod konnte ihn erlösen. Wenn Typhon sich regt, kommt es auf Sizilien zu Erdbeben. Sein Schnauben äußert sich als Austritt von Rauch und sein gespieenes Feuer dient, einer jüngeren Sage zufolge, dem unter dem Berg hausenden > Hephaistos und seinen Gehilfen, den > Kyklopen, als Esse zum Schmieden der Donnerkeile für Zeus.
Ferner wird berichtet, dass in der Gegend um den Ä. der Zeus Aitnios herrschte. Im 5. Jh. v. Chr. produzierte ein unbekannter Künstler ein Meisterwerk: die Aetna Tetradrachme, von der ein einziges Exemplar mit dem Bild des Zeus Aitnios und eines > Silenos gefunden wurde. Die Fähigkeit des Künstlers, der gute Zustand und die Geschichte, die diese Münze darstellt, machen sie zur teuersten und wertvollsten der Welt.
Im MA erscheint der Ä. in der Artussage als Paradies, als Ort der > Bergentrückung des Königs > Artus. In den weitaus meisten Zeugnissen aber, vielleicht nach antiker Mythologie, ist der Ä. der Eingang zur Hölle bzw. erscheint als Aufenthalt der Abgeschiedenen in höllischer Natur.

Lit.: Bräuner, Johann Jacob: D. Johann Jacob Bräuners Physicalisch- und historisch-erörterte Curiositäten, oder, Entlarvter teufflischer Aberglaube von Wechselbälgen, Wehr-Wölffen, fliegenden Drachen, Galgen-Männlein, Diebs-Daumen, Hexen-Tantz, … also fürgestellet und erläutert: was von solchen Sachen zu halten und zu glauben ist: auch bey jedem Capitel einige rare und recht wunderwürdige Historien … zu nützlicher Erbauung und Zeitkürtzung in 50 curiosen Materien fürgestellet. Franckfurth am Mayn: Jung, 1737; Hamilton, William: Beobachtungen über den Vesuv, den Aetna und andere Vulkane: in e. Reihe von Briefen an d. Königl. Großbr. Ges. d. Wiss. Nachdr. d. Ausg. Berlin, Haude u. Spener, 1773; Vergilius Maro, Publius: Aetna. Hg. und übers. von Will Richter. Berlin: de Gruyter, 1963; Kerényi, Karl [Hg.]: Auf Spuren des Mythos. München; Wien: Langen Müller, 1967; Ausführliches Lexikon der griechischen und römischen Mythologie / W. H. Roscher. [Im Verein mit Th. Birth …]. Nachdr. Hildesheim u. a., o. J.; Weinheim: VCH, 1985; Vogl, Hubert: Italische Wohnsitze der Götter: Aetna, Cumae, Eraclea Minoa, Filicudi, Ischia, Li Galli, Monte Cicero, Monte Soracte . Schwabach: Eigenverlag, 1990.

Äußeres Elexier > Wai-Tan > Nei-Tan.

Begriffe Af

A. F. A. M. (Abk.), Alte Freie und Angenommene Maurer. Diese Bezeichnung wurde für die herkömmliche > Freimaurerei aus dem Englischen übernommen (Ancient Free Accepted Masons). In Deutschland war die Bezeichnung gleichbedeutend mit „humanitärer“ FM im Gegensatz zur „christlichen“ FM und dem „Le Droit Humain“, wo Frauen und Männer gleichberechtigt aufgenommen wurden.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Affe (griech. pithekos, lat. simia). Symboltier, das wegen seiner Beweglichkeit und Intelligenz, aber auch seiner Hinterlist, Geilheit sowie seines Nachahmungstriebes und Geizes wegen seit alters her mit besonderen Bedeutungen verbunden wird. In der Frühzeit gab es sogar einen Paviangott, der „Große Weiße“ (Hez-ur) genannt, der hockend, mit erigiertem Phallus und häufig mit der Mondscheibe auf dem Kopf, als Verkörperung des Mondgottes > Toth verehrt wurde. Dieser galt als Schutzpatron der Schreiber und als Herr der heiligen Schriften. Über der Ausflussöffnung von Wasseruhren sitzende Affen versinnbildlichen Thot als Gott der Zeitrechnung. In > Indien wurde der Affengott > Hanuman verehrt, der im Epos > Ramayana als mächtiger Helfer und Minister des > Rama auftritt. Auch in China wurden dem A. große Ehren zuteil. Familien führten ihre Abkunft auf Affen zurück, die Menschenfrauen entführt und mit ihnen Kinder gezeugt haben sollen. In der chinesischen Astrologie ist der Affe das 9. Tierkreiszeichen und entspricht somit dem > Schützen. Ein Kalendersymbol ist der A. auch in den altmexikanischen Kulturen (> Azteken).
Berühmt wurden die drei Affen vom „Heiligen Stall“ in Nikko, Japan, von denen der eine sich die Augen, der andere die Ohren und der dritte den Mund zuhält. Sie galten als Boten, die den Göttern über die Menschen berichten sollten und daher als eine Art > Abwehrzauber gegen das Ausspähen stumm, taub und blind dargestellt wurden. Heute werden sie als Sinnbild des weisheitsvollen und glücklichen Lebens, auch im Umgang mit Menschen, gedeutet: nichts sehen, nichts hören, nichts reden, was unzutreffend ist; denn die eigentliche Bedeutung lautet: „Nichts Böses sehen, hören und sprechen“. Besonders bekannt ist die Beziehung des A. zur > Sonne. Bei bildlichen Darstellungen findet sich die aufgehende Sonne von Pavianen umgeben, die sie mit erhobenen Vorderpfoten begrüßen.
„Affe“ galt und gilt aber auch als Schimpfwort und Symbol für Bösartigkeit, Dummheit und hässliches Aussehen. So tritt der A. in der christlichen Bilderwelt und Literatur als Karikatur des Menschen, als Symboltier für Laster und Eitelkeit (mit einem Spiegel in der Hand), für Geiz und für den Teufel auf. Mit einer Kette gefesselt stellt er meist den überwundenen Satan dar.
Auch in der Tiefenpsychologie hat der A. als Zeichen von Unsicherheit, Unverschämtheit, Minderwertigkeit und Aufruhr fast ausschließlich negative Bedeutung. Und in deutschen Volkssagen erscheinen Geister des öfteren in Affengestalt, insbesondere der Teufel, den schon > Wierus einen „Affen Gottes“ nennt.

Lit.: Wedemeyer, A.: Das japanische Drei-Affen-Symbol und der Koshin-Tag. Jahrbuch d. Mus. f. Völkerkunde Leipzig, 16 (1958); Wierus, Ioannes: De praestigiis demonum. Amsterdam: Bonset, 1967. Dr. d. Ausg. 1578; Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole. Augsburg: Weltbild-Verl., 2000; Bonnet, Hans: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. 3. unveränd. Aufl. Berlin: Walter de Gruyter, 2000.

Affekt (lat. affectus). Gefühl, Stimmung, Emotion. Der Begriff ist sehr vielschichtig und daher nur ganz allgemein zu definieren, da allein schon mehrere „Primäreffekte“ wie Freude, Verzweiflung, Wut, Furcht, Ekel, Überraschung, Interesse unterschieden werden. Ferner sind auch noch Scham, Schuld, Verachtung zu nennen. So lässt sich A. im weitesten Sinne als rasch auftretendes und meist kurzdauerndes, intensives Gefühl mit starken vegetativen Begleiterscheinungen und Ausdrucksbewegungen bezeichnen. In der Paranormologie werden Affektausbrüche mit persongebundenem > Spuk, > Psychokinese, somatischen Reaktionen wie > Stigmatisation und paranormalen > Heilungen, > Telepathie und > Geistererscheinungen in Verbindung gebracht.

Lit.: Stuart, Charles: An Interest Inventory Relation to ESP Scores. In: Journal of Parapsychology 10 (1946); Crinis, Max de: Der Affekt und seine körperlichen Grundlagen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1973; Kernberg, Otto F.: Affekt, Objekt und Übertragung. Gießen: Psychosozial-Verl., 2001.

Affektives Feld > Affektivität.

Affektivität. Gefühlsansprechbarkeit. Die paranormale Kommunikation wird durch positive Affektivität in einem affektiven Feld gefördert. Versuchspersonen, die gefühlsmäßig ansprechbar sind, erreichen bessere Resultate als gefühlsmäßig unansprechbare Personen. Dabei spielen Einheitsgefühl und Einheitserlebnis eine besondere Rolle bis hin zum psychotherapeutischen Erfolg. Bei diesen Gefühlen stellt sich eine physische und psychische Entspannung ein, was die Fühligkeit steigert und die Informationsebene erweitert. Hier ist A. von > Suggestibilität zu unterscheiden, weil die individuelle Fühligkeit durch den Grad der Suggestion eingeschränkt wird. A. ist vielmehr mit > Empathie und Empfänglichkeit verwandt. Inwieweit Sensitive, Heiler und Mystiker mit A. arbeiten ist noch offen; ohne A. mangelt es jedenfalls am nötigen Einfühlungsvermögen.

Lit.: Stuart, Charles: An analysis to determine a test predictive of extrachance scoring in card-calling tests. In: Journal of Parapsychology 5 (1941); Jung, C. G.: Psychologische Typen. GW 15. Zürich: Rascher, 91960; Johnston, William: Spiritualität und Transformation. München: Kösel, 1986; Ballard, John: Rychlakean theory and parapsychology. In: Journal of the American Society for Psychical Research 85 (1991) 2, 167 – 181.

Affektprojektion. Besetzung von Lebewesen, Gegenständen und Vorgängen mit emotionalen Anmutungen, wodurch diese so erlebt werden, als ob sie die Träger der empfundenen affektiven Äußerungen wären. A. kann zu animistischen und magischen Vorstellungen, wie > Geisterbeschwörungen, > Besessenheitserlebnissen, zu Tabubildungen, Angstsyndromen und Verfolgungswahn, aber auch zu > pseudomystischen Erfahrungen und Liebesträumen führen.

Lit.: Freud, Sigmund: Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse. GW 11. Frankfurt: Fischer, 51969, S. 447 – 465; Izard, Carroll E.: Die Emotionen des Menschen. Weinheim; Basel: Beltz, 1981.

Affiliation. In der > Freimaurerei Annahme, Übernahme oder Einverbrüderung eines Mitgliedes aus einer Loge in eine andere, wobei die Mitgliedschaft in der Mutterloge entweder aufgegeben werden muss oder unter besonderen Bedingungen beibehalten werden kann.
Im kirchlichen Hochschulrecht ist A. die Anbindung einer Hochschulinstitution an eine Fakultät.

Lit.: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg: Herder, 1996; Lennhoff, Eugen et al.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Affinität (lat. affinitas, Verwandtschaft). In der Erkenntnistheorie I. Kants der „objektive Grund aller Assoziation der Erscheinungen“ (KrV A 122). Kant unterscheidet eine transzendentale Affinität, die Verknüpfung aller Erscheinungen nach notwendigen Gesetzen, von einer empirischen A., die deren Folge ist (KrV A 113 f.).
In der Astrologie bezeichnet A. die Nähe oder Verwandtschaft zwischen einem Planeten und einem Tierkreiszeichen, die eine harmonische Situation erzeugt, z. B. Sonne im Zeichen des Löwen. Zudem zeigen die aus den „vier Elementen“ entwickelten Temperamente eine Affinität zur materiellen, organischen, seelischen und geistigen Ebene (Ring, 77).

Lit.: Ring, Thomas: Kräfte und Kräftebeziehungen. Freiburg i. Br.: Hermann Bauer, 21969.

Affirmation (lat. affirmatio). Bejahung, bei Aussagen gleichbedeutend mit Behauptung. A. geht als Sammelbegriff für alle Suggestionsmethoden auf Emile > Coué (1857 – 1926) zurück und wird besonders von den Psychotechniken verwendet, die durch Förderung des positiven Denkens, wie z. B. durch häufige Wiederholung des Satzes: „Alles wird gut“, heilsame und konstruktive Wirkungen hervorzurufen suchen. Nach der Methode > Rebirthing würden sich therapeutische Effekte nur dann einstellen, wenn der Klient aufhöre, über Vergangenes zu klagen. Dies gelinge ihm am besten durch Ersetzen der Negativität durch Affirmationen. Im Gegensatz dazu erfordert A. nach C. G. Jung auch das Einverstandensein mit dem persönlichen > Schatten, also mit jenem Teil der eigenen Person, mit der man wenig zu tun hat oder haben will. Das Verdrängen des Schattens verursache Krankheit, Leid und Unglück vieler Menschen. Hier stoßen die Theorien über Vergangenheitsbewältigung und zukunftsweisende Lebensbejahung aufeinander. Paranormologisch ist das Wohlbefinden des Menschen umso größer, je stärker das psychoenergetische Potential mit positiver Affirmation besetzt ist.

Lit.: Jung, C. G.: Aion: Beiträge zur Symbolik des Selbst. GW 9. Olten; Freiburg i. Br.: Walter, 81992, S. 17 – 31; Holdger, Platta: New Age-Therapien. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt, 1997.

Affodil(l) (lat. asphodelus ssp.). Ein Liliengewächs, das aus dem Mittelmeergebiet stammt und in mehreren Arten verbreitet ist. Nach der griechischen Mythologie wuchs die Pflanze nicht nur in der Oberwelt, sondern auch in den Auen des Hades, auf der Asphodeloswiese, dem Aufenthaltsort der Totengeister (Homer, Odyssee XXIV, 12 – 14). Sie war daher den Göttinnen geweiht, die mit der Unterwelt in Verbindung standen, wie > Hekate, > Demeter und > Persephone (röm. Ceres und Proserpina). Sie war eine typische Grabpflanze, wobei die Blütenkrone zum Schmücken der Götterbilder verwendet wurde.
Zudem fand die Pflanze auch in der Volksmedizin breite Verwendung. Nach > Dioskurides (II, 199) treibe A. den Urin, befördere die Menstruation, heile Husten, Seitenstechen und Gicht (Podagra). Der Genuss der Wurzel mache unempfindlich gegen Liebesgenüsse und Vergiftungen.

Lit.: Dioskurides, Pedanios: De materia medica; Rohde, Erwin: Psyche. Leipzig: Kröner, 1929; Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Rätsch, Christian: Heilkräuter der Antike in Ägypten, Griechenland und Rom. München: Diederichs, 1995; Dioscorides, Pedanius: Pedanii Dioscuridis Anazarbei De materia medica libri quinque / ed. Max Wellmann. Hildesheim: Weidmann, 1999; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, 51999.

Afi. Regen- und Gewittergott der Abchasen, die im westlichen Kaukasus leben. Die Frauen nennen ihn „der in der Höhe“, weil sie den Namen nicht aussprechen dürfen.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

A. F. L. Allgemeine Freimaurer-Liga > Freimaurer-Liga, Allgemeine.

AFMK. Abk. für „Außergewöhnliche Funktionen des menschlichen Körpers“. Bezeichnung für paranormale Fähigkeiten unter chinesischen Wissenschaftlern.

Lit.: Koestler, Arthur: Die Armut der Psychologie. Bern: Scherz, 1980.

Afra († 304), heilig (Fest: 7. August). Der Name besagt „die Afrikanerin“. Historisch gesichert ist die Enthauptung einer Afra in Augsburg unter Diokletian um 304. Sie soll der Legende nach eine Tochter des Königs von Zypern gewesen sein. Afras Mutter Hilaria soll eine Kapelle errichtet haben, die ab 565 als Wallfahrtsstätte bezeugt ist. An deren Stelle steht heute das 1012 gegründete Benediktinerstift St. Ulrich und Afra. Nach der im 8. Jh. entstandenen Passio wurde A. zum Feuertod verurteilt. 1064, im Jahr der Heiligsprechung Afras, wurde in Augsburg ein Sarkophag mit angekohlten Gebeinen entdeckt, der sich heute in der Bartholomäus-Kapelle von St. Ulrich und Afra befindet. A. ist Patronin der Büßerinnen, der > Armen Seelen, der > Heilkräuter und Helferin bei Feuersnot. Ihr Attribut ist der Fichtenzapfen. Im Freiburger Münster trägt die mit Namen genannte Heilige Salbenbüchse und Palme. In den St. Afraturm in Augsburg gelegte Kräuter sind geschützt vor jeglichem Ungeziefer, was sich Apotheker zunutze machten (Baeßler, 200).

Lit.: Bäßler, Ferdinand: Altchristliche Geschichten und Sagen, gemeinhin Legenden genannt. Eisleben: Klöppel; Leipzig: Schulze, 1864; Brambach, Wilhelm: Hermannus: Die verloren geglaubte Historia de sancta Afra martyre und das Salve Regina des Hermannus Contractus. Karlsruhe: Groos, 1892.

Afrika. „Africa“ bezeichnete zur Römerzeit das Land um Karthago. Hier wohnten die Afri. Der Name wurde schließlich auf den gesamten Kontinent übertragen, dessen rund 30 Mio. km2 ein Fünftel der Landfläche der Erde bilden. Vorgeschichtliche Funde lassen vermuten, dass in Afrika der Ursprung des Menschengeschlechtes lag. Dennoch gab es bis vor kurzem mit Ausnahme von Arabisch und Swahili keine einheimische Schriftsprache, so dass über frühere Ereignisse keinerlei Aufzeichnungen existieren. Von diesen Ereignissen können wir jedoch aus den über Generationen erfolgten Überlieferungen viel-
fältige Informationen gewinnen.
Religion
Heute sind 85% der Afrikaner Christen oder Moslems. Etwa 13% leben nach „einheimischen religiösen“ Vorstellungen. Aus der Überlieferung und aus gegenwärtigen Praktiken geht hervor, dass es unabhängig von Christentum, Islam und anderen Schriftreligionen einen Glauben an ein höheres Wesen gibt, das vom Menschen verehrt wird und dem Opfer dargebracht werden. Zugrunde liegt eine Art von Ganzheitsdenken, das die Bereiche von religiös und profan, von Diesseits und Jenseits im Lebensvollzug nicht voneinander scheidet. Die Welt ist dann in Ordnung, wenn die Lebenskraft stark und lebendig ist. Der Schöpfergott, die dynamische Kraft schlechthin, weist allen Seinswesen ihre Lebenskraft zu, die ihre eigentliche Natur ausmacht. Als Übermittlungskanäle für die diesseitige Hälfte der jeweiligen Gruppe mit Lebenskraft aus dem Jenseits, der Welt der Ahnen, fungieren die Könige oder Häuptlinge bzw. die Sippen- und Clan-Ältesten. Der Tod bedeutet daher nicht Ende, sondern Übergang in einen anderen Seinszustand innerhalb der Gemeinschaft. Der Lauf des Lebens ist somit wie folgt: Abschied vom Alten, Sterben des Alten und Rückkehr, Auferstehen zu einem neuen Menschen. Gut ist daher, was die Lebenskraft unter Wahrung des Lebensranges stärkt, böse, was sie schwächt.
Geister
Diese Lebenskraft ist besonders eng verbunden mit jener der Geister oder Schatten der verstorbenen Könige, Häuptlinge, Medizinmänner und einflussreicher Menschen und Verwandter, die durch die Räume fliehen, bis sie einen neuen Körper finden. Sie können verletzen oder helfen, die Elemente beeinflussen, Kinderkrankheiten hervorrufen, in Träumen erscheinen, sich in der Nacht melden und durch viele unerklärliche Phänomene auf sich aufmerksam machen. Die Geister einfacher Personen haben hingegen weniger Kraft, im Leben wie nach dem Tod. Sie verschwinden, doch muss all diesen Geistern ein fixer Wohnsitz zugewiesen werden, was durch spezielle Zeremonien geschieht: Man ruft den Geist in eine Höhle, in einen heiligen Hain, manchmal in ein lebendes Tier, meist jedoch in eine Figur aus Erde, Holz oder Metall, die man auf dem Schädel des Ahnen platziert oder die Haare, Fingernägel, Augenbrauen bzw. ein Stück Haut von diesem beinhaltet. Es gibt aber auch widerspenstige Geister, die sich nicht so ohne weiteres einweisen lassen. Sie werden mit eigenen Zeremonien bedacht. Die so versorgten Geister werden zu allen möglichen Anlässen des täglichen Lebens mittels Gebeten, Gaben (Perlen, Reis, Mais, Milch, Bier) und Opfer (Menschen- wie Tieropfer) angerufen. Das Opfer muss in der Folge gemeinsam verzehrt werden, um dem Ahnen Genüge zu tun. Diese Genugtuung ist dann am größten, wenn man jene opfern kann, die seinen Tod verursachten. Es ist dies der Ursprung des Kannibalismus, der in manchen Gebieten Afrikas besonders ungute Formen angenommen hat.
Besessenheit
Neben den Ahnen gibt es noch eine Reihe von Geistern unbekannten Ursprungs, die sich auf verschiedene Weise kundtun und entweder gutmütig oder bösartig sein können. Ihre verborgenen Aktivitäten gelten als Ursache von Epidemien, Überflutungen, Feuersbrunst, für alles, wofür es keine Erklärung gibt, insbesondere die > Besessenheit. Zur Befriedung dieser Geister bedarf es eines sog. > Sehers, der nach entsprechenden „Zeremonien“ Name und Art des betreffenden Geistes erkennt und dem Medizinmann mitteilt, an wen er sich zu wenden hat, um das Ende der Versuchung, die Heilung der Krankheit, die Befreiung von der Besessenheit zu erreichen. Hierbei werden auch > Voodoorituale eingesetzt.
Magie
Durch den Einfluss der Ahnen und die Anwesenheit verborgener Geistwesen und Kräfte hat sich die allgemeine Vorstellung gebildet, dass es für jeden Menschen, für jede Familie etwas Heiliges oder Verbotenes gibt, eine Frucht, einen Baum, einen Fisch oder sonst ein Tier, dessen Namen man trägt. Ein > Amulett als Schutz muss entsprechend gestaltet sein, genauso wie die > Fetische für alles und gegen alles.
Mantik
Dieses magische Verständnis von Welt und Mensch führte zur Bildung einer Reihe mantischer Praktiken: > Wahrsagen, > Zweites Gesicht, > Zaubertrank, > Zauberei, > Horoskope und > Weissagung sind ebenso bekannt wie > Wahrsager, > Zauberer und > Hexen. In Allianz mit den verborgenen Kräften können sie Krankheit und Tod, aber auch Hilfe und Heil bringen. Sie werden von Menschen aufgesucht und um Hilfe gebeten, genauso wie dies auch auf anderen Kontinenten der Fall ist.
Medizinmann
In diesem Wirkgeflecht von Ahnen, Geistern und unbekannten Kräften, guten wie bösen, nimmt der > Medizinmann oder > Schamane eine besondere Stellung ein. Er ist eine Person, die von der Gemeinschaft, in der sie lebt, für fähig gehalten wird, Gesundheitsfürsorge zu betreiben durch Anwendung, pflanzlicher, tierischer oder mineralischer Substanzen sowie bestimmter anderer Methoden, die auch die Befriedung der Geister, die Bannung oder Harmonisierung unbekannter Kräfte und die Bereitstellung von wirksamen Amuletten, Fetischen und anderen wirkungsvollen Schutz- und Heilmitteln ermöglichen. Die dafür notwendigen Kenntnisse werden überwiegend innerhalb der Familien weitergegeben und durch besondere Begabungen erworben. Dementsprechend gibt es auch mehr oder weniger spezialisierte Heilertypen: Pflanzenheilkundige, > Knocheneinrichter, > Gesundbeter, > Fetischisten, > Schlangendoktoren und andere Spezialisten.
In den letzten Jahrzehnten hat sich die Vorstellungswelt der Afrikaner gewaltig verändert, so dass sich die angeführten Einstellungen und magischen Praktiken zunehmend auflösen.

Lit.: Bozzano, Ernesto: Übersinnliche Erscheinungen bei Naturvölkern. Bern: A. Francke AG, 1948; Mair, Lucy P.: Magie im Schwarzen Erdteil. München: Kindler, 1969; Bonin, Werner F.: Die Götter Schwarzafrikas. Graz: Verlag für Sammler, 1979; Bonin, Werner F.: Naturvölker und ihre übersinnlichen Fähigkeiten: von Schamanen, Medizinmännern, Hexen und Heilern. München: Goldmann, 1986; Wagner, Johanna: Anleitung zu afrikanischen Orakeltechniken. Berlin: Zerling, 1991; Pfleiderer, Beatrix: Ritual und Heilung: eine Einführung in die Ethnomedizin. 2., vollst. überarb. u. erw. Neuaufl. Berlin: Dietrich Reimer, 1995.

Afrit, auch Ifrit oder Dschinn (arab.), ist der Geist eines Menschen, der ermordet wurde und zurückkehrt, um sich am Mörder zu rächen. Nach alter Überlieferung erscheint der A. immer an der Stelle, wo das Blut der getöteten Person auf den Boden tropfte, und materialisiert sich gleichsam wie Rauch aus dem Feuer. Das Verhalten dieser Geister kann großen Schreck auslösen. Die einzige Möglichkeit, ihr Auftreten zu verhindern, besteht darin, einen neuen Nagel an der Stelle in den Boden zu schlagen, wo das Verbrechen verübt wurde. Diese Tradition des Festnagelns des Geistes erinnert an Methoden, die in der europäischen Folklore im Umgang mit Vampiren empfohlen werden.

Lit.: Haining, Peter: Das große Gespensterlexikon: Geister, Medien und Autoren / Christiane Oehlmann; Marianne Schulz-Rubach [Uebers.]. Lizenzausg. f. Gondrom Vlg. GmbH, Bindlach, 1996; Düsseldorf: Econ Verlag GmbH, 1983.

Afro-brasilianische Kulte. Religiöse afrikanische Traditionen in verschiedenen Ländern, vor allem Brasilien, die stark mit Elementen des Volkskatholizismus der Kolonialzeit vermischt sind. Den geschichtlichen Ausgang bildeten die Bruderschaften der Katholischen Kirche der Kolonialzeit, die es den Negersklaven gestatteten, ihre Kulte zu praktizieren und afrikanische Gottheiten unter dem Namen katholischer Heiliger zu verehren. Die bekanntesten Formen sind der > Voodoo, der > Candomblé und die > Macumba in ihren verschiedenen Ausprägungen. So nahmen besonders seit 1945 viele Macumba-Kulte spiritistische Elemente auf, die dann als > Umbanda bekannt und äußerst populär wurden.

Lit.: CELAM (Dp. De Misiones): Los grupos afroamericanos: fuentes documentales y bibliograficas. Bogotá, 1985.

Aftermystik. Vortäuschung mystischer Erlebnisse oder Nachahmung mystischer Verhaltensformen in Ermangelung echter mystischer Erfahrung.

 

Begriffe Ag

Agada oder Haggada (hebr., Gesprochenes, Aussage, Vortrag). Bezeichnung für einen Teil des Talmud, der die Texte zur Erbauung, Unterhaltung, Geschichte, Sage und Ethik enthält. Die A. ist jedoch inhaltlich vom religionsgesetzlichen > Talmud, der Halacha, nicht immer klar geschieden. Sonderbarerweise haben sich die Philosophie und zum Teil auch die > Kabbala mit diesen schöpferischen Kräften des Judentums kaum befasst, obwohl di A., die Legende, im rabbinischen Judentum ein ungebrochener, unmittelbarer Ausdruck strömenden religiösen Lebens ist. Als Ganzes kann sie nämlich als ein volkstümlicher Mythos der jüdischen Welt betrachtet werden.

Lit.: Scholem, Gershom: Die jüdische Mystik in ihren Hauptströmungen. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1980.

Agama (sanskr., Quelle der Lehre). Bezeichnung für Sammlungen von Schriften des Sanskrit-Kanons (> Sutra), wobei vier Agamas unterschieden werden: 1. Dirghagama (Lange Sammlung, bestehend aus 30 Sutras); 2. Madhyamagama (Mittlere Sammlung, die sich mit metaphysischen Problemen beschäftigt); 3. Samyuktagama (Mischsammlung, über abstrakte Meditation); 4. Ekottarikagama (Numerische Sammlung). Die Agamas enthalten die grundlegenden Lehren des > Hinayana, die der Buddha in seiner ersten Lehrrede vorgetragen haben soll (> Vier edle Wahrheiten, > Achtfacher Pfad, > Nidana, > Karma usw. Der Pali-Terminus > Nikaya deckt sich inhaltlich im Wesentlichen mit Agama, doch kommt noch ein 5. Nikaya, eine Kurzsammlung, hinzu (> Khuddaka-Nikaya).

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Agamedes > Trophonios.

Agamemnon (griech., Mythos). König von Agros oder Mykene, Sohn des Atreus aus dem Geschlecht der Tantaliden, auf dem ein Fluch lag. Er war einer der griechischen Helden im Trojanischen Krieg. In der Odyssee erhält er als Anführer der Achaier gegen die Trojaner einen Orakelspruch über den Verlauf des Trojanischen Krieges (8, 9). Nach seiner Rückkehr wird er auf Anstiften seiner Gemahlin Klytämnestra von deren Geliebten Ägisth ermordet. Eine Inschrift in Delphi aus dem ersten vorchristlichen Jahrhundert birgt einen Orakelspruch, den A. vor dem Aufbruch zum Krieg gegen die Trojaner erhalten haben soll: „Hüte dich, göttlicher Agamemnon, dass du nicht von einem griechischen Helden mit fremder Sprache besiegt wirst, wenn du irrtümlicher Weise im Land der Mysier landest…“ (Roux, 164)

Lit.: Roux, Georges: Delphi: Orakel und Kultstätten. München: Hirmer, 1971.

Agami-Karma (sanskr., „zukünftiges“ > Karma). Das A. entsteht durch gegenwärtige Handlungen und Wünsche und wirkt sich nach dem Gesetz der Kausalität in der Zukunft aus. Es ist deshalb von besonderer Bedeutung, weil man durch die jetzigen Taten und Wünsche die eigene Zukunft beeinflussen kann. Vom Agami-Karma sind das > Prarabdha-Karma, das „angefangene“, sich gegenwärtig auswirkende Karma, und das > Sanchita-Karma, das noch auf seine Auswirkung wartet, zu unterscheiden.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Agape (griech., Liebe). A. ist der durch die LXX (Septuaginta) und das hellenistische Judentum vorbereitete neutestamentliche Begriff für die Liebe. Seit dem 2. Jh. bezeichnet er im Unterschied zum eucharistischen Mahl ein liturgisch geprägtes, mit der Eucharistie verbundenes oder zeitlich von ihr getrenntes abendliches Sättigungsmahl der ganzen Gemeinde oder eines Teiles von ihr. Die Sorge um Missbrauch (1 Kor 11, 20ff.) und das Anwachsen der Gemeinden nach Ende der Verfolgungszeit führten zur Loslösung vom Sättigungsmahl hin zu geselligen Zusammenkünften (Clem. Alex. paed. II, 4 – 8); ab dem 3. Jh. wird A. zur Armenpflege. Im 4. Jh. wird sie in kirchlichen Räumen verboten und verschwindet im 5. Jh. fast gänzlich. Gegenwärtig kommt es zu Wiederbelebungsversuchen, nachdem in einzelnen christlichen Gruppierungen wie den Baptisten und Methodisten, aber auch bei den orthodoxen Juden ein derartiges Liebesmahl, bei dem der Zadik (Wunderrabbiner) die Speisen durch Berührung segnet, gepflegt wird. Künstlerisch verwertet ist die Idee der A. im Parsifal.
Auch in den Rosenkreuzergraden der > Freimaurerei hat sich die A. als mystisches Liebesmahl erhalten, vor allem im > Alten und Angenommenen Schottischen Ritus und in der > Johannismaurerei. Da die Buchstaben des Wortes Agape und > Aiwaz den gleichen Zahlenwert haben, wurde A. von Aleister > Crowley zu einem der Schlüsselwörter seines Horuszeitalters gewählt. In der > Gnosis zählt Ptolomaios die A. zu den zwölf Äonen, die der Anthropos mit der Ekklesia hervorgebracht hat (Leisegang, 310).

Lit.: Leisegang, Hans: Die Gnosis. Stuttgart: Kröner, 41955; Theologische Realenzyklopädie (TRE). Bd. I. Berlin: Walter de Gruyter, 1977, S. 748 – 753; Lennhoff, Eugen: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Agar, Margaret > Somerset, Hexen von.

Agares. Nach Johannes > Weyer ist A. der Großfürst der östlichen Gefilde der Unterwelt. Dargestellt ist er als wohlwollender Gebieter, der auf einem Krokodil sitzt und einen Falken auf seiner Hand trägt. Das Heer, das er in der Schlacht beschützt, ist in einer glücklichen Lage, zerstreut A. doch seine Feinde. Er verteilt Raum und Macht, Titel und Würden, lehrt alle Sprachen und hat noch andere bemerkenswerte Kräfte. Ihm unterstehen 31 Legionen.

Lit.: Wierus, Joannes: De praestigiis daemonum, et incantationibus ac veneficijs, libri V. Basileae Oporin, 1563.

Agartha oder Agarthi (assyro-chaldäisch, Erde). Bezeichnet in asiatischen Mythen und Berichten, insbesondere in tibetischen Sagen, ein „unterirdisches Königreich“, das alle Bezirke des Seelischen vom Menschen an bis zu Gott in sich enthält. Es ist der Ort der Gerechten, wo der „König der Welt“ regiert, und mit allen fünf Kontinenten verbunden. Der König kennt das Leben der Menschen auf der Erde und versucht im Geheimen Einfluss auf sie zu nehmen.
Ähnliche Vorstellungen verbinden sich mit dem persischen „Ariana“ oder „Arianne“, dem germanischen > Asgard, mit Luz, der „blauen Stadt“ in der jüdischen Tradition, oder mit > Shambhala, das nach buddhistischer Tradition jenseits der Schneegipfel des Himalaja liegen soll. Bei den Skandinaviern gibt es die Sage um das „Ultima Thule“, die Griechen sprachen von > Hyperborea.
Die Legende eines „verborgenen Reiches“, wo sich die geistigen Führer der Welt treffen und Frieden und Harmonie herrschen, hat zu zahlreichen esoterischen Darstellungen geführt, angefangen von René > Guénon, Saint-Yves > d’Alveydre und Ferdinand > Ossendowski über die Aussagen von Rosenkreuzern und Theosophen bis hin zu den Berichten über unterirdische Städte. Der Phantasie waren dabei keine Grenzen gesetzt. Es ist ein Spiel mit der Sehnsucht der Menschen nach Frieden und Gemeinschaft durch das Angebot eines weltimmanenten „Paradieses“.

Lit.: D‘Alveydre, S.-Y. de: L’Archéomètre. Paris, 1903; Ossendowski, Ferdinand: Tiere, Menschen und Götter. München: List, 1955; Guénon, René: Der König der Welt. Freiburg i. Br.: Aurum, 1987.

Agassiz, Alexander (1835 – 1910). Der bekannte Zoologe A. hatte bei seiner Arbeit über die fossilen Fische Schwierigkeiten bei der Bestimmung eines Fisches aufgrund der schwachen Abdrücke in Schieferplatten, so dass er es schließlich aufgab und nicht mehr daran dachte. Dann erwachte er drei Nächte hintereinander und war plötzlich „überzeugt“, die Lösung gefunden zu haben, denn jedes Mal erschien ihm der Fisch vollständig hergestellt mit allen Teilen, die auf den Abdrücken nicht zu sehen waren. In den beiden ersten Nächten verschwand der Traum zu schnell, um festgehalten zu werden. In der dritten Nacht sah er den Fisch aber so deutlich, dass er ihn auf dem bereitgelegten Papier im Dunkeln aufzeichnen konnte. Am Morgen fand er auf seiner Skizze Spuren, die auf der Platte nicht sichtbar waren. Nach längerer Arbeit mit Nadel und Hammer stellte sich die Traumvision als richtig heraus. Diese Form der Traumarbeit fußt mehr auf einem inneren, unterschwelligen Denkprozess als auf einem paranormalen Erkenntnisgewinn und gehört somit in den Bereich der kreativen Träume.

Lit.: Flournoy, Theodor: Esprits et mediums. Mélange de métaphysique et de Psychologie. Paris: Fischbacher, 1911, S. 327 / 28.

Agastya (auch Agasti). Vedischer Weiser, der aus dem Samen von > Mitra und > Varuna entstanden sein soll. Er gilt als der legendäre Wegbereiter der arischen Besetzung der indischen Halbinsel. Nach dem > Ramayana war > Rama, als er ins Exil ging, sein Gast und erhielt > Visnus Schwert sowie einen Bogen mit einem unerschöpflichen Köcher von Agastya. A. habe den Ozean ausgetrunken und die Dämonenbrüder Atapi und Vatapi verspeist. Viele Tamilen-Hindus, die ihn mit einem späteren Agastya gleichgesetzt haben, glauben, dass er noch lebe und unsichtbar auf seinem heiligen Berg, dem Agastya Malai, wohne. Von Südindien verbreitete sich die Verehrung des A. nach Ostasien und Indonesien.

Lit.: Ghurye, G. S.: Indian Acculturation: Agastya and Skanda. Bombay: Popular Prakashan, 1977; Sivaraja Pillai, K. Narayanan: Agastya in the Tamil Land. New Delhi: Asian Educational Services, 1985.

Agat > Achat.

Agatha († 251?), heilig (Fest: 5. Februar). Die hl. A. erlitt in Catania (Sizilien), wahrscheinlich unter Decius (249 – 251), den Märtyrertod. Das genaue Todesjahr ist nicht bekannt. Als sie ihrem Glauben trotz Folterungen treu blieb, wurden ihr die Brüste abgeschnitten, worauf ihr in der Nacht der hl. Petrus erschien und ihre Wunden pflegte. Am folgenden Tag erlitt sie weitere Grausamkeiten, an denen sie starb. Dabei soll sie auch auf glühende Kohlen gelegt worden sein. Ihre Passion liegt in vielen lateinischen und griechischen Versionen vor. Sie ist Schutzpatronin von Catania. Der Legende nach brach am Jahrestag ihrer Bestattung der Ätna aus. Man trug der sich ergießenden Lava den Schleier der A. entgegen und brachte dadurch die Lava zum Stillstand. Ferner habe A. Kranke und Besessene geheilt, Catania von Pest und Hungersnot befreit und durch ihren Schleier des öfteren die Flammen und Lavaausbrüche des Ätna beschwichtigt.
Agathenzettel
In der Vita der A. wird auch berichtet, dass ein Engel an ihrem Grab eine Tafel mit der Inschrift niederlegte: „Mens Sancta, Spontaneus Honor Dei Et Patriae Liberatio“ (ASS, 595 ff.), auch M.S.S.H.D.E P.L. Dieser Tafel bzw. Inschrift wurde die Eigenschaft zugeschrieben, Brände zu löschen. Im späteren Mittelalter war dies Anlass, geweihte Lichtmesskerzen mit den Worten der Inschrift zu beschreiben und sie gegen Brandgefahr zu benutzen (Meyer, 255). Später fertigte man auch Zettel und fügte noch hinzu: „Ignis a laesura protege nos, o Agatha pia“. Dazu gab es besondere Benediktionsformeln (Franz I, 272). Auf diesem Agathenzettel wird A. auch mit einer brennenden Kerze in der Hand abgebildet.

Lit.: Acta SS Febr II (1735), 595 – 656; Meyer, Elard Hugo: Deutsche Volkskunde. Strassburg: Trübner, 1898; Ohse, Franz, Adolph: Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter. Graz: ADEVA, 1960; Ohse, Hildegard: Das S[ank]t-Agatha-Fest in Sizilien: der Kult an seinem Ursprungsort Catania. München: Selbstverl., 1972.

Agathenzettel > Agatha.

Agathion (griech.). Ein Geist, der angeblich nur zur Mittagszeit erscheint. Er nimmt dabei die Gestalt eines Menschen oder eines Tieres an oder verbirgt sich in einem Talisman, einer Flasche oder einem magischen Ring.

Lit.: Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. 1. Bd. Detroit: Gale Research Company, 21984.

Agathodaimon (griech., „guter Geist“): Bei den alten Griechen findet sich der Glaube an einen „guten Geist“, der bildhaft als Schlange und zuweilen als Jüngling mit einem Füllhorn, einer Schale oder einer Kornähre unsichtbar den Menschen umschwebt und seinem Hause Segen bringt. In der Ptolomäerzeit fällt er mit dem ägyptischen Gott > Schai zusammen. In antiken Zauberpapyri wird der das Pneuma des Lebens einhauchende Pantokrator ebenfalls als Agathos Daimon bezeichnet. Oft wird er auch mit > Seth, dem Sohn Adams, identifiziert. Das um 300 nach Chr. auftauchende > Rätsel des A. ist im Stil der spätantiken > Sibyllinischen Orakel gehalten. Darin werden die Zahl der Silben, der Buchstaben mit ihrem Zahlenwert und ähnliche Details genannt, doch konnte das Rätsel bis jetzt noch nicht gelöst werden.

Lit.: Agathodämon. In: Pauly-Wissowa: Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft, Suppl. III. 1918; Luck, Georg: Magie und andere Geheimlehren in der Antike. Stuttgart: Kröner, 1990, S. 219.

Agathon (griech., „das Gute“). Bezeichnet allgemein das, was keinen Mangel aufweist, wonach alles strebt, weil es Erfüllung bringt. Für > Platon ist das A. der Urquell des Seins. In der > Theosophie ist A. die Weltseele, die > Anima mundi.

Lit.: Gadamer, Hans-Georg: Die Idee des Guten zwischen Plato und Aristoteles. Heidelberg: Winter, 1978; Blavatsky, H. P.: Kosmogenesis. A. Kosmische Evolution. Den Haag: J. J. Couveur, o. J. (Die Geheimlehre; 1), S. 80.

Agave (Agavaceae, Agavengewächse). Zu den agaveähnlichen Gewächsen gehört besonders auch die > Aloe, von der in der Bibel die Rede ist (Ps 45, 9, Joh 19, 39) und die erstmals vor 3.500 Jahren in Hieroglyphenschriften erwähnt wurde. Diesen zufolge benutzten bereits die Königinnen > Nofretete und später Kleopatra Salben und Öle mit dem Zusatz frischer Aloe zur Körper- und Haarpflege. Im Sanskrit trägt die Aloe den Namen Ghrita-kumari. Ebenso findet die Aloe vielfältige Verwendung in der indischen Ayurveda-Medizin. Besondere Verbreitung hat heute der wegen seiner entzündungshemmenden und antibakteriellen Eigenschaften als Aloe vera bezeichnete stabilisierte Saft.
Auch die Kulturpflanze Mittelamerikas, die Agava americana, ist seit alters her bekannt. Die Indianer verwenden sie als Nahrung, als Heilmittel und für magische Zwecke. In der A. lebt ihrer Vorstellung nach die jugendliche Göttin Mayahuel, die dem Mythos zufolge aus dem Himmel entführt und von Dämonen getötet wurde. Doch dienten ihre Gebeine als Rohstoff für die Schöpfung der A. durch den Gott Quetzalcoatl. Aus dem süßen Saft der Zauberpflanze stellt man ein berauschendes Getränk her. Der Trunk untersteht verschiedenen Göttern: dem „Medizin-Herrn“ Pahtecatl und den „Vierhundert Kaninchen“, genannt Centzontotochtlin, die als göttliche Mondwesen den Kreislauf von Geburt und Tod in der Natur symbolisieren. Der Genuss von Pulque wird daher mit religiösen Ritualen, etwa zur Erntezeit, verbunden und muss sich in Maßen halten, d. h. er sollte vier Schalen nicht überschreiten – ein Gebot, das von den Huaxteken nicht eingehalten wurde, die den Rausch vielmehr verherrlichten.
Die mexikanischen Indianer verwenden heute für medizinische Zwecke die ganze Pflanze, und auch weiterhin den Pulque, den man als > Aphrodisiakum ansieht. Selbst die Blätter der A. finden Anwendung als > Amulette, die alles Böse vom Haus fernhalten, den Haussegen bewahren und vor krankheitsbringenden Winden schützen sollen.

Lit.: Rätsch, Christian: Lexikon der Zauberpflanzen aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1988.

Agdistis, hermaphroditisches Ungeheuer. Nach der phrygischen Mythologie entstand dieses Ungeheuer, als Samen des Gottvaters > Zeus auf den Berg Ida tropfte, wo die Göttermutter > Kybele schlief. Um A. zu bändigen, gossen die Götter Wein in das Badewasser, denn betrunken schlief er ein. Daraufhin banden die Götter seine Genitalien an einem Baum fest. Als er aufwachte und sich bewegte, kastrierte er sich selbst und aus seinen Geschlechtsteilen wuchs ein Mandel- bzw. Granatapfelbaum. Eines Tages sammelte die Tochter eines Flussgottes, Nana, die Früchte des Baumes in ihren Schoß. Eine Frucht verschwand. Sie wurde schwanger und gebar den > Attis.
Nach einer anderen Version verliebt sich Attis in ein schönes Mädchen. Bei der Hochzeit erscheint A. in Gestalt der Kybele und wird von Attis hofiert. Die Braut bringt sich vor Eifersucht in Raserei Wunden bei und stirbt daran. Attis verliert daraufhin vor Kummer den Verstand und entmannt sich unter einer Pinie.

Lit.: Storm, Rachel: Die Enzyklopädie der östlichen Mythologie: Legenden des Ostens. Reichelsheim: Edition XXL GmbH, 2000.

AGE > Außergewöhnliche Erfahrung.

Agena, Beta Centauri, 23° 06’; heller Fixstern im südlichen Sternbild Centaurus, der im Sternzeichen > Skorpion gelegen ist.

Lit.: Lexikon der Astrologie. München: Goldmann, 1981.

Agens (lat. agere, tun). Ontologischer Begriff für das Wirkende, Tätige als Prinzip. Der Terminus entstammt inhaltlich der aristotelischen Ursachenlehre und wird in Fachbereichen vornehmlich zur Bezeichnung einer nicht klar definierten Verursachung verwendet, und zwar auch in der Bedeutung von „das Treibende“, die „Triebkraft“ sowie „Träger der Kraft“, insbesondere eines krank- bzw. gesundmachenden Stoffes. Paranormologisch dient A. zudem zur Bezeichnung der Ursache des Rutenausschlages, der alchemistischen Wirkung des Lebenselixiers und des magischen Potentials schlechthin.

Lit.: Aktuell: Pendel und Rute für Sie. München: Herold-Verlag Dr. Wetzel, o. J.; Feld, Lars P: Omne agens agendo perficitur: the Economic Meaning of Subsidiarity. St. Gallen: Univ., Volkswirtschaftl. Abt, 1995; Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenchaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: J. B. Metzler, 1995; Marschang, Rachel E.: Isolierung und Charakterisierung von Irido-, Herpes- und Reoviren aus Landschildkröten sowie Beschreibung eines nicht charakterisierten zytopathogenen Agens. Giessen: Köhler, 2000.

Agent (von lat. agere, tun; engl. / fr. agent; ital. agente). Im ASW-Test diejenige Person, welche die Informationen betrachtet, die das Zielbild darstellt und die diese Informationen einem Perzipienten „sendet“ oder „übermittelt“. Beim Telepathie-Test und in Fällen spontaner ASW bezeichnet A. die Person, deren psychischer Zustand von einem Perzipienten erfasst wird. Manchmal kann sich A. auch auf die Versuchsperson bei einem Psychokinese-Test beziehen. Die Wirkweise des A. ist noch weitgehend unbekannt. Eine emotionaler Bezug des A. zu einem > Perzipienten und einem perzipierten Gegenstand wie auch zu einer Person scheint die Wirkung zu fördern. Spontane Phänomene, wie etwa der persongebundene Spuk, stehen oft in Zusammenhang mit einem A. in einer besonderen psychischen Krise oder Spannung. Im magischen Bereich kann der A. durch besondere persönliche Kräfte oder auch nur durch Anwendung spezieller Rituale wirksam werden. Schließlich können auch Geister und Geistwesen zu A. werden.

Lit.: Wolman, Benjamin B.: Handbook of Parapsychology. New York: Van Nostrand Reinhold Company, 1977; Grattan-Guinness, Ivor (Hg.): Psychical Research: A Guide to its History, Principles and Practices. Wellingborough, Northamptonshire: The Aquarian Press, 1982; Nash, Carroll B.: Parapsychology: the Science of Psiology. Springfield, Il.: Charles C. Thomas, 1986.

Aggregatzustand (lat. aggregare, zusammenfügen, anschließen). Erscheinungsform der Materie, die nach der klassischen Einteilung als fest, flüssig oder gasförmig, nach der molekularkinetischen als kristallin, amorph oder gasförmig bezeichnet wird. Annie > Besant unterscheidet beim Menschen sieben A.: die drei erwähnten beim physischen Körper und vier ätherische beim Doppelkörper. Diese Einteilung wurde von Alice Ann > Bailey übernommen. Max > Heindel bezeichnet die Ätherzustände einzeln: chemischer Äther, Lebensäther, Lichtäther und rückstrahlender Äther.

Lit.: Besant, Annie: Der Mensch und seine Körper. 2., verm. Aufl. Leipzig, 1906; Bailey, Alice A.: Telepathie und der Ätherkörper. Lorch, Württ.: Karl Rohm Verlag, 1960; Heindel, Max: The Rosicrucian Cosmo-Conception or Mystic Christianity. London: L. N. Fowler & Co. Ltd., 261971.

Aggregierungs-Hypothese. Durch Aggregation von psychologischen Variablen auf der einen Seite und physikalischen Variablen auf der anderen Seite lässt sich die Korrelation zwischen den beiden Gruppen erhöhen (H1). Eine solche Verstärkung der Korrelation lässt sich nicht nachweisen (H0). Mit dieser Hypothese wird explizit das Brunswick’sche Linsenmodell getestet, möglicherweise aber auch die Frage nach der Verteilung der „PK-Fähigkeiten“, wo es zwei extreme Positionen gibt: 1. Nur wenige Menschen haben ausgeprägte „PK-Fähigkeiten“; 2. alle Menschen weisen mehr oder weniger schwache „PK-Fähigkeiten“ auf. Eine endgültige Entscheidung steht noch aus (Lucadou, 215).

Lit.: Lucadou, Walter von: Experimentelle Untersuchungen zur Beeinflussbarkeit von stochastischen quantenphysikalischen Systemen durch den Beobachter. Frankfurt a. M.: Haag und Herchen, 1986.

Aggression (lat. aggredior, angreifen). Verhaltensweisen, die in der Absicht ausgeführt werden, direkt oder indirekt Schaden zuzufügen. Dieses Verhalten wird in der Psychologie kontrovers behandelt, wobei das Gespräch von einem Aggressionstrieb bis zur Reaktion auf negative Reize reicht. In der Parapsychologie wurde A. in Zusammenhang von ASW, PK, Spuk und Psi untersucht. Dabei zeigte sich ganz allgemein, dass Entspannung und Interesse auf > ASW fördernd, Aggression und negative Einstellungen hemmend wirken. Bei Spukphänomenen scheinen hingegen unterdrückte Aggressionen und psychische Störungen beteiligt zu sein, weshalb man bei > wiederkehrender spontaner Psychokinese (WSPK) auch von > Abwehrmechanismen spricht. In der > Magie wird A. negativen Kräften in und um die Person oder Personengruppe sowie bösen Geistwesen zugeschrieben. Zudem wird A. gedanklich und rituell zum Schutz und zur Bestrafung eingesetzt und mündet dabei nicht selten in die Praxis der > Verfluchung.

Lit.: Schmeidler, Gertrude R.: Personality Tests and ESP Scores with College Classes. In: Proceedings of the First International Conference of Parapsychological Studies. New York: Parapsychology Foundation, 1955, S. 123 – 124; Wolman, Benjamin B.: Handbook of Parapsychology. New York: Van Nostrand Reinhold Company, 1977; Nolting, Hans-Peter: Lernfall Aggression. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt Taschenbuch Verlag, 1978; Der Carvalho, Andre Percia: A Study of Thirteen Brazilian Poltergeist Cases and a Model to Explain Them. In: Journal of the Society for Psychical Research 58 (1992), 302 – 319.

Aghorî. Eine Klasse shivaistischer Asketen, auch Aghorapanthî genannt, sind die Nachfolger des Ordens der Kapalika oder „Schädelträger“. Der Name A. wurde mit „nicht schreckend“ (a-ghora) übersetzt. Ausgangspunkt ihrer Lehre ist der bei den Asketen der indischen Ureinwohner weitverbreitete Symbolismus des „Friedhofs“ und der „Leichen“. Der Friedhof versinnbildlicht die Totalität des psychomentalen Lebens, das vom Ichbewusstsein genährt wird; die Leichen symbolisieren die verschiedenen Sinnes- und Geistestätigkeiten. Diesen Symbolismus haben nun die A. manchmal auf materielle Weise interpretiert. Sie aßen aus menschlichen Schädeln, hielten sich häufig auf Friedhöfen auf und pflegten noch zu Ende des 19. Jhs. den Kannibalismus. Sie nähren sich von Unreinheiten aller Art und von jeder Fleischsorte außer Pferdefleisch, um alle natürlichen Gelüste und Neigungen auszurotten. Die Einverleibung von Schmutz aller Art mache den Körper fruchtbar und den Geist zu jeder Meditation fähig. Es gebe weder Gutes noch Böses, weder Angenehmes noch Widerwärtiges. Für die A. gibt es auch keine Unterschiede der Kasten und Religionen; die Eltern sind reiner Zufall. Sie gliedern sich in zwei Gruppen: suddha (die Reinen) und malin (die Schmutzigen).

Lit.: Barrow, H. W.: On Aghorîs and Aghorapanthîs. Proceedings of the Anthropological Society of Bombay 3 (1893), 197 – 251.

Agiel. In der Kabbala und Magie die Intelligenz des Saturn.

Lit.: Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. Freiburg: Bauer, 1970.

Agieren (lat. agere; engl. acting out). Veräußerlichung eines inneren Geschehens in Gestik und Handlung, oft noch bevor es gedanklich erfasst und verbalisiert werden kann. So bildet A. das motorische Bindeglied zwischen „Innen“ und „Außen“, zwischen Affekt und Ausdrucksverhalten, im > Wachen, im > Schlaf, im > Traum und bei verschiedenen Verhaltensstörungen. Bei manchen Menschen scheinen soziopathische und „agierende“ Züge der „Abwehr“ psychotischer Symptome, wie Halluzinationen und Wahnideen, zu dienen. In der Terminologie deutschsprachiger Analytiker wird oft die englische Übersetzung acting out in der Kennzeichnung eines impulsiven Hervortretens des Verdrängten verwendet, das nicht in die Normalpersönlichkeit integriert ist und sich aggressiv gegen den Betreffenden selbst oder eine andere Person richten kann, in der Psychotherapie vornehmlich gegen den Therapeuten. A. ändert sich mit dem Entwicklungsgrad und dem aktuellen Zustand der Meisterung und Kontrolle der Motorik.
Von A. wird auch im Zusammenhang mit > Schlafwandeln, > Spuk und > Besessenheit gesprochen.

Lit.: Freud, Siegmund: Bruchstücke einer Hysterie-Analyse. GW 5. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 41968, S. 283; ders.: Jenseits des Lustprinzips. GW 13. Frankfurt: S. Fischer, 61969, S. 19 f.; Streeck, Ulrich (Hg.): Erinnern, agieren und inszenieren. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 2000.

Agla (hebr.). Ein Wort, das aus den Anfangsbuchstaben des hebräischen Satzes Athah Gibor Leolam, Adonai (Gott, du bis mächtig und ewig) gebildet wird. Der Satz ist liturgischen Ursprungs und stammt aus dem jüdischen Gebet „Schemoneh esreh“ nach der babylonischen Rezension (Buxtorf, 134). Die Bildung eines solchen Akrostichons, in der > Kabbala Notarikon genannt, dient zur Erhebung verborgener Bedeutungen der Worte durch Auslegung der einzelnen Buchstaben als Wortanfang. Wir finden A. schon im 10. Jh. als Ogla in einer Formel für ein Gottesurteil (Zeumer, 643). Ab dem 15. Jh. erscheint A. häufig als Inschrift in > Beschwörungsformeln, auf > Amuletten und > Talismanen, einerseits um Glück zu bringen, andererseits um böse Einflüsse fernzuhalten.

Lit.: Zeumer, Karolus: Formulae Merowingici et Karolini aevi. Hannover: Hahn, 1963; Buxtorf, Johannes: Lexicon Chaldaicum Talmudicum et Rabbinicum. Hildesheim, 1977 (Nachdr. d. Ausg. Basel 1639); Maier, Johann: Die Kabbalah. München: Beck, 1995.

Aglaia > Chariten.

Aglaophotis (griech., „die herrlich Leuchtende“). Eine Zauberpflanze, die nach > Plinius (23 – 79 n. Chr.) unter Berufung auf das verloren gegangene Buch Cheirokmeta, einer vielbändigen Enzyklopädie über Alchimie, ihren Namen von > Demokrit aufgrund der Bewunderung ihrer besonderen Farbe erhalten habe und in den Marmorbrüchen Arabiens gedeihe, weshalb man sie auch „marmaritis“ (Marmorkraut) nennt; ihrer „bedienten sich die Magier, wenn sie die Götter herbeirufen wollten“ (Plinius, XXIV, 164), oder zur Beschwörung der Dämonen. A. wurde mehrfach auch als Pfingstrose (Paeonia) gedeutet, die nicht psychoaktiv ist. Auch Mandragora officinarum wurde in Erwägung gezogen. In der Botanik gilt der Terminus A. als überholt.

Lit.: C. Plinius Secundus, Gaius: Naturalis historia. Nachdr. Hildesheim u. a.: Olms, o. J.; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Stuttgart; Aarau, CH: Wiss. Verl.-Ges.; AT Verlag, 1998, S. 604.

Aglauros. Tochter des Kekrops, König von Athen. Ihr war gemeinsam mit ihrer Schwester Herse jener Korb anvertraut, in dem > Athena > Erichthoniós verborgen hatte, der aus > Hephaistos’ Begierde nach der Göttin hervorgegangen und von der Erde empfangen worden war. Trotz Warnung, den Korb nicht zu öffnen, wollten sie das Kind sehen, das ihnen jedoch in Gestalt einer Schlange erschien. Vor Schrecken stürzten sich A. und Herse daraufhin von der Akropolis. Nach einer anderen Überlieferung soll A. in ein Steinbild verwandelt worden sein, weil sie die Liebe des > Hermes zu ihrer Schwester behinderte.

Lit.: Hunger, Herbert: Lexikon der griechischen und römischen Mythologie. Reinbek b. Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verlag, 1974.

Aglibol. Mondgott von Palmyra (Altsyrien) mit einer Mondsichel über der Stirn, später auf den Schultern; wurde auch in Griechenland und Rom verehrt.

Lit.: Eissfeldt, Otto: Tempel und Kulte syrischer Städte in hellenistisch-römischer Zeit. Leipzig: Hinrichs, 1941, S. 83 f.

Agnes, heilig (Fest: 21. Januar), römische Märtyrerin. Ihr Gedächtnistag ist in der Depositio Martyrum von 354 erwähnt. Fraglich ist, ob sie ein Opfer der Verfolgung unter Decius (249 – 251), Valerian (253 – 260) oder Diokletian (284 – 305) war. Sie soll im 13. Lebensjahr für den Glauben und die Reinheit ihr Leben gelassen haben. Bezüglich ihrer Todesart, ob Verbrennung oder Enthauptung, gehen die Berichte auseinander. Über ihrem Grab an der Via Nomentana ließ Kaiser Konstantin eine Basilika errichten. In der altchristlichen Kunst wird A. mit einem Lamm (agnus) dargestellt, ein Motiv, das in der jährlichen Segnung zweier Lämmer am Agnestag in der Basilika weiterbesteht, aus deren Wolle das Pallium, heute ein weißes mit schwarzen Kreuzen versehenes Band, für Papst, Patriarchen und Erzbischöfe gefertigt wird. Bis zur Verleihung der Pallien am Fest Peter und Paul (29. Juni) werden dieselben in einer Nische über dem Petrusgrab aufbewahrt und so zu Berührungsreliquien. Das Pallium war ursprünglich ein vom Kaiser verliehenes Würdezeichen, das der Papst selbst trägt und das dieser spätestens seit 500 kirchlichen Würdenträgern verleiht.
Der Agnestag war zudem noch mit anderen Bräuchen verbunden. So glaubten heiratsfreudige Mädchen, in der Nacht zum Agnestag ihren zukünftigen Gatten im Traum zu erblicken. Am Agnestag sollen auch die Vögel heiraten, die Bienen ausschwärmen, und die Neujahrswünsche werden bis zu diesem Tag angenommen.

Lit.: Nork F.: Der Festkalender. Stuttgart, 1847, S. 15 / 16; Stritzky, Maria Barbara v.: Agnes. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg: Herder, 31993; Becker-Huberti, Manfred: Lexikon der Bräuche und Feste. Freiburg: Herder, 2000; S. 13 – 14.

Agnes Blannbekin († 1315). Alles, was wir über A. wissen, geht auf die einzig vorhandene Quelle zurück, nämlich die von ihrem Beichtvater verfasste „Vita et Revelationes“, wonach A. laut einer Notiz am Ende des Textes die Tochter eines Bauern war. Als Heimat ist das niederösterreichische Plambachek bei Plambach in der Pfarre Grünau bei Wien anzunehmen. Mit 7 oder 8 Jahren begann A. ein ca. 10-jähriges Fasten und nahm etwa 30 Jahre hindurch kaum Fleisch zu sich. Sie lebte als Begine, und ihre Frömmigkeit war gekennzeichnet durch mystische Erlebnisse, häufige > Ekstasen und > Visionen. A. starb am 10. Mai 1315. Das Geburtsjahr ist unbekannt. Ein anonymer Minorit war ihr Beichtvater, der ihre dauernden > Privatoffenbarungen als Gotteslob und zur Erbauung aufzeichnete, beginnend im Advent des Jahres 1290 am Nikolaustag. Unter dem Titel Leben und Offenbarungen der Wiener Begine Agnes Blannbekin liegt nun auch eine lateinisch-deutsche Fassung der „Vita et Revelationes“ vor.

Lit.: Leben und Offenbarungen der Wiener Begine Agnes Blannbekin († 1315). Hg., übers. u. komment. von Peter Dinzelbacher. Göppingen: Kümmerle, 1994.

Agnes von Bayern, Tochter Kaiser Ludwigs IV., wurde 1345 geboren und kam schon 1349, im Alter von vier Jahren, zusammen mit neun Gespielinnen zur Erziehung und als Weihegabe in das Klarissenkloster am Anger in München, wo sie sich zu Hause fühlte. Als man sie wegholen wollte, flüchtete sie zum Tabernakel. Eitrige Geschwüre an den Gliedern wurden als Stigmatisation gedeutet, sodass sie bereits zu Lebzeiten als Heilige verehrt wurde. Agnes starb am 11.11.1352 im genannten Klarissenkloster. Ihre sterblichen Überreste ruhen in der Fürstengruft der Marienkirche in München. 1988 wurde der Seligsprechungsprozess, der seit 1705 geruht hatte, wieder aufgenommen.

Lit.: Bavaria Franciscana antiqua III / hrsg. von der bayer. Franziskanerprovinz. München: Lentner, 1957.

Agnes von Jesus (geb. um 1570 / 80, gest. 18.06.1620), Karmelitin und Mystikerin in Saragossa. Sie hatte die Gabe der Kardiognosie, „schmeckte“ wie > Theresia v. Avila das Blut Christi beim Kommunionempfang (am Sonntag in der Osteroktav) und spürte die Schmerzen der Dornenkrone am Freitag.

Lit.: Silverio de S. Teresa: Historia del Carmen Descalzo, Bd. 9. Burgos, 1940, S. 206 – 211.

Agnes von Montepulciano (1268 – 1317), heilig (Fest: 20. April). Geboren in Gracciano Vecchio bei Montepulciano (Toscana) als Tochter der reichen Familie Segni, trat sie gegen den Willen der Eltern mit 9 Jahren in das Dominikanerinnenkloster „del Sacco“ ein. Mit 15 Jahren wurde A. mit päpstlicher Dispens Äbtissin des neu gegründeten Klosters in Proceno bei Viterbo. Von Kindheit an mit Schauungen und Erscheinungen bedacht, erhielt sie 1306 in einer Vision den Auftrag, nach Montepulciano zu ziehen und dort ein neues Kloster zu gründen, das sie bis zu ihrem Tod als Priorin leitete. 15 Jahre lang nahm A. nur Brot und Wasser zu sich und schlief auf dem Boden, so dass sie schwer erkrankte. Sie prophezeite den Krieg, der ihr Heimatland verwüstete, und hatte mehrere > Marienerscheinungen. Zudem sollen sich, wenn sie betete, unter ihren Knien wohlriechende Blumen und in ihrem Mantel > Manna gebildet haben. 1726 wurde A. heiliggesprochen.

Lit.: Vita von. Raimund v. Capua: Acta Sanctorum, apr. 2. (1738), 792 – 812.

Agnes von Orlamünde. Angeblich geb. Herzogin von Meran und Gattin Ottos II. von Orlamünde, der im Jahre 1284 (nach anderen Quellen 1280, 1298, 1340) starb und Agnes mit zwei Kindern zurückließ. Sie verliebte sich in der Folge in Albrecht den Schönen, Markgraf von Brandenburg. Dieser aber erwiderte ihre Liebe nicht, sondern meinte, danach befragt: „Ja, wenn vier Augen nicht wären“. Agnes bezog diese Aussage auf ihre beiden Kinder, entschied sich im Kampf zwischen Mutterliebe und der Liebe zu Albrecht für Letzteren und ließ die Kleinen nachts von ihrem Jäger erschießen. Als Albrecht von der grausamen Tat erfuhr, war er entsetzt und ließ mitteilen, dass er mit den vier Augen die ihrigen und seine eigenen gemeint habe, die nicht zusammenpassen würden. Agnes verfiel daraufhin in Schwermut und tiefe Reue und ging langsam einem frühen Tod entgegen. Zur Strafe für ihre Untat irrte sie in stiller Nacht umher, an den Orten, wo sie einst gelebt, auf der Plassenburg und um die zerfallenen Burgtrümmer Orlamündes, ein blasses Weib in weißem, wallenden Gewand, ruhelos, auf der Suche nach ihren ermordeten Kindern. So wurde sie schließlich als „Weiße Frau von Orlamünde“ zu einer der bekanntesten deutschen Sagengestalten, die in mehreren Varianten vorliegt. Nach einer anderen Sage habe Agnes die Kinder selbst getötet und sei dann als Büßende nach Rom gepilgert, wo sie – unter der Bedingung, dass sie ein Kloster stifte – die Absolution erhielt. Das habe die Gräfin auch getan, dann aber trat sie in das Kloster Himmelskron ein, in dem ihre Kinder beigesetzt wurden. Dort sei sie als Äbtissin gestorben und begraben worden.
Die > Weiße Frau wurde so zum Symbol der Buße für schwere Vergehen, der Ankündigung dunkler Ereignisse und der Wiederkehr nach dem Tode. Ein Thema, das zahlreiche Beschreibungen gefunden hat.

Lit.: Kraußold, L.: Die weiße Frau. In: Archiv für Geschichte von Oberfranken 1 (1869), 1 – 48; Kügler, H.: Die Sage von der Weißen Frau. In: Mitt. d. Ver. f. die Geschichte Berlins 45 (1928), 57 – 96 (Lit.); Deutsche Sagen / hg. von den Brüdern Grimm. Sonderausg., Ausg. auf der Grundlage der 1. Aufl. Frankfurt am Main: Dt. Klassiker-Verl., 1999, S. 585.

Agni (sanskr., Feuer; lat. ignis), der Gott des Feuers im Hinduismus, der besonders in der vedischen Periode von großer Bedeutung war. Im > Veda repräsentiert A. die Sakralität des Feuers schlechthin. A. wurde als Sohn des Dyaus (Rigveda I, 26,10) im Himmel geboren, von wo er in Gestalt eines Blitzes herniederfährt. Er ist jedoch nicht nur im Feuer, sondern auch im Holz und in den Pflanzen sowie im Wasser gegenwärtig. Zudem wird er mit der Sonne gleichgesetzt. Wie das > Opfer der Mittelpunkt der vedischen Religion ist, ist A. der Mittelpunkt des Opfers und als solcher Mittler zwischen den Menschen und den Himmlischen, indem er das im Opferfeuer Verbrannte zu den Göttern bringt. Alle Opfergaben müssen daher durch das heilige > Feuer gehen, um ihre göttlichen Ziele zu erreichen. So ist A. in gewissem Sinne die Kraft des Göttlichen, das allen Dingen immanent ist, die Quelle des Wissens, der Gott der Priester, Priester der Götter und mächtiger Feind der Dunkelheit. Im Veda wird A. mit sieben Zungen, goldenen Zähnen, 1000 Augen und flammendem Haar, schwarz gekleidet und mit flammendem Wurfspieß in einer von vier Händen beschrieben. Als sein Reittier oder Begleittier gilt ein Widder oder Ziegenbock. A. ist ewig jung, denn er wird in jedem Feuer wiedergeboren und verleiht daher > Leben und > Unsterblichkeit. Als „Herr des Hauses“ vertreibt er die Finsternis, hält die > Dämonen fern und schützt vor > Krankheit und > Zauberei. In der > Mythologie, wo er keine besondere Ausprägung erfährt, nimmt er neben der Sohnschaft des Dyaus auch die anderer Götter an, wie jene von > Kashyapa und > Brahma. Zahlreiche Helden und spätere Nachkommen werden unter der Bezeichnung Agneya oder Agnivesha mit ihm in Verbindung gebracht. A. ist das erste Wort des Veda und als das weltverzehrende unterirdische Feuer oder die Flamme des Begräbnisscheiterhaufens der elementarste Ausdruck menschlichen und göttlichen Lebens. In diesem Zusammenhang hat A. in der indischen Religion zahlreiche kosmisch-biologische Meditationen und Spekulationen ausgelöst und Synthesen ermöglicht.
In der Esoterik ist A. Symbol der mentalen Ebene und der Kraft des einwohnenden Höheren Selbst.
Im Rahmen des > Ayurveda wird A. im Plural als Agnis zur Bezeichnung für einen der fünf elementaren Zustände im grobstofflichen Körper des Makrokosmos. Zudem werden 13 biologische Feuer unterschieden, von denen das sog. große Verdauungsfeuer, > Jatharagni, im Magen-Darmtrakt, das wichtigste ist.

Lit.: Bailey, Alice A: Initiation: menschliche und solare Einweihung. New York; London: Lucis Publishing Co., 1952; Oldenberg, Hermann: Die Religion des Veda. Darmstadt: Wiss. Buchges., 51970, S. 103 – 132; Staal, Frits: Agni: the Vedic Ritual of the Fire Altar. Berkeley: Asian Humanities Press, 1983; Verma, Vinod: Ayurveda: der Weg des gesunden Lebens. München; Wien: O. W. Barth, 1992; Pschyrembel Wörterbuch Naturheilkunde und alternative Heilverfahren. Berlin; New York: de Gruyter, 1996.

Agnichayana (sanskr., „Feuer[altar]-Schichtung“), altindisches Ritual der Schichtung eines Feueraltars in Vogelform mit 10.800 Backsteinen.

Lit.: Staal, F.: Agni, the Vedic Ritual of the Fire Altar / in collaboration with C.V. Somayajipad and M. Itti Ravi Nambudiri; photographs by Adelaide de Menil. Delhi: Motilal Banarsidass, 1984.

Agnihotra (sanskr., „Trankopfer für das Feuer“). Das A. findet als tägliches Hinduritual zur Morgen- und Abenddämmerung statt und besteht in einer Milchgabe an > Agni, den Gott des Feuers, in den Hausherdfeuern und den Opferfeuern. In Wirklichkeit soll das Ritual der Vorbereitung und Unterstützung der Kontemplation dienen.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986; Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen. Bd. 1. Freiburg: Herder, 1987, S. 203.

Agnis > Agni.

Agnishwattas (sanskr. agni, Feuer; shwatta, gekostet, angenehm, sanft gemacht), wörtlich: einer, der durch das Feuer erfreut oder sanft gemacht wurde. Die A., auch Kumaras oder Manasaputras, sind drei Erscheinungsformen derselben Wesen. Die > Kumaras stellen die Form ursprünglicher, spiritueller, von den Elementen der Materie unberührter Reinheit dar. Die A. bilden den solaren, höher-geistig intellektuellen Teil im Menschen und sind die inneren Lehrer. Die > Manasaputras repräsentieren die Verstandeskraft, die Tätigkeit des höheren Gemüts. In der Theosophie gehören die A. zu den wichtigsten Lehrern der Menschheit und versinnbildlichen das spirituelle Suchen.

Lit.: Bailey, Alice A.: Eine Abhandlung über kosmisches Feuer. Bopfingen, Württembg.: Karl Rohm Verlag, 51958; Miers, Horst E.: Lexikon des Geheimwissens. Freiburg: Bauer 1970.

Agni-Vaishvanara (sanskr.). Das göttliche, universale Bewusstsein, in dem alle Götter, Welten und Menschen enthalten sind.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Agni-Yatavedas (sanskr.). Das Feuer der Bewusstseinskräfte, das als „Kenner aller Geburten“ bezeichnet wird. A. ist das absolute Bewusstsein, das als geistiges Feuer den Intellekt beflügelt und ihn befähigt, das Kommen und Gehen in der > Maya zu beobachten.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern, München: Scherz, 1986.

Agnosie (griech. hagnôsia), Unwissenheit. Bei Sokrates bezeichnet A. den Ausgangspunkt der Forschung (Plat. Ap.21 B), während bei den Neuplatonikern A. das Endergebnis ihrer theoretischen Philosophie darstellt.
In Psychologie und Medizin versteht man unter A. eine Störung des Erkennens trotz intakter Wahrnehmung, wobei folgende Formen unterschieden werden: akustische A. („Seelentaubheit“) oder die Unfähigkeit, Gehörwahrnehmungen mit dem akustischen Erinnerungsgut zu identifizieren; optische A. („Seelenblindheit“), die Unfähigkeit, Sichtwahrnehmungen mit dem optischen Erinnerungsgut zu identifizieren; pragmatische A. bzw. Pragmatognosie, die Unfähigkeit, Gegenstände wiederzuerkennen; taktile A. bzw. Astereognosie, die Unfähigkeit zu tastendem Formerkennen.
Neben biologischen Störungen ist hier auch die assoziationspsychologische Vorstellung anzuführen, dass sich die Wahrnehmungen aus einer Summe elementarer Sinnesempfindungen wie Farben, Tönen, Tast-, Schmerzempfindungen usw. aufbauen, die in einem besonderen „gnostischen Akt“ zu Wahrnehmungsgestalten mit Identifikation des persönlichen Erinnerungsgutes werden und somit zu Erkenntnissen führen. Dies besagt, dass A. außer durch Störungen im Sinnesbereich auch durch Störungen in der gnostischen Zusammenfassung bedingt sein kann, etwa bei Formen psychischer und paranormaler Taubheit, Blindheit und Unempfindlichkeit in psychotischen, hypnotischen und mystischen Zuständen sowie bei Stressreaktionen.

Lit.: Thurston, Herbert: Die körperlichen Begleiterscheinungen der Mystik. Luzern: Räber & Cie., 1956; Redlich, Fredrick C. / Freedman, Daniel X.: Theorie und Praxis der Psychiatrie X. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1970, S. 819 – 850; Brown, Jason W.: Aphasie, Apraxie und Agnosie. Stuttgart: Fischer, 1975.

Agnostiker (griech.). Vertreter der Lehre des > Agnostizismus in der persönlichen Lebensüberzeugung, dass keine Kenntnis Gottes möglich und Existenz oder Nichtexistenz Gottes nicht nachweisbar sei. Es gilt nur das empirisch Kontrollier- und rational Deutbare, weshalb Begriffe wie Seele, Geist, Himmel, Hölle und Unsterblichkeit ihrer Grundlage entbehren.

Lit.: Bickel, Otto: Aufklärer, Agnostiker, Atheisten. München: Schmidt, 1982.

Agnostizismus (griech.-lat.), Lehre von der Nichterkennbarkeit. Das Wort A. wurde 1869 von Thomas Henry Huxley geprägt und bezeichnet im Gegensatz zur > Gnosis (Wissen) das Nichtwissen (a-gnostisch) hinsichtlich Existenz und Wesen Gottes aufgrund der Annahme, dass die menschliche Erkenntnis die Grenzen möglicher Erfahrung nicht überschreiten kann und daher nicht nur die Metaphysik, sondern die Erkenntnis der Wirklichkeit als solche zu verneinen sei. Jede Frage nach einem Seinsgrund ist abzulehnen. Nur die kontrollierbare Empirie und deren rationale Deutung ist zu bejahen. Das Paranormale existiert nicht und religiöse Fragen sind überflüssig.

Lit.: Der moderne Agnostizismus / hg. von Heinz Robert Schlette. Düsseldorf: Patmos, 1979; Huxley, Thomas Henry: Collected Essays: (1893 – 1894). Nachdr. Hildesheim; New York: G. Olms, o. J. (Anglistica et Americana; 65).

Agnostos Theos (griech., „unbekannter Gott“). Nach der Apostelgeschichte entdeckte Paulus beim Rundgang durch die Heiligtümer von Athen einen Altar mit der Inschrift: EINEM UNBEKANNTEN GOTT (Apg 17, 23), den er in seiner Rede auf dem Areopag als Gott, der die Welt und alles in ihr erschaffen hat, als Herrn über Himmel und Erde bezeichnete, der nicht in Tempeln wohne, die von Menschenhand gemacht sind. Diese Aussage unterscheidet sich grundsätzlich vom gnostischen Begriff des A. in der Bedeutung der Irrationalität Gottes. Dem AT und der Septuaginta wie auch Philo ist die Bezeichnung A. fremd, ging es bei den Griechen doch vor allem um die Anrufung und Verehrung aller Götter (Pantheon). Alle anderen Hinweise auf eine Verehrung des A. sind jünger als die Apostelgeschichte.

Lit: Kittel, Gerhard: Theologisches Wörterbuch zum Neuen Testament. Hg. von Gerhard Friedrich. Bd. 1. Stuttgart: Kohlhammer, 1933, S. 120 – 122; Kurt, Rudolph (Hg.): Gnosis und Gnostizismus. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1975; Van der Toom, Karel / Becking, Bob / Van der Horst, Pieter W. (Hg.): Dictionary of Deities and Demons in the Bible (DDD). 2., erhebl. erw. Aufl. Leiden, 1999, S. 882 – 885.

Agnoszieren. Als richtig anerkennen; Feststellung der Identität eines Toten. Im > Spiritismus Feststellung der Identität einer > Kontrolle mit einem Verstorbenen.

Lit.: Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Bern; München: Scherz, 1976.

Agnus Dei (lat., Lamm Gottes), eine von Johannes dem Täufer (Joh. 1, 20, 36) verwendete Bezeichnung für Christus, die einmalig und in ihrer Herkunft noch nicht völlig geklärt ist. Die Bezeichnung wurde in der Liturgie schon früh verwendet und von Papst Sergius I. (687 – 701) in die Messliturgie aufgenommen. Im 8. Jh. scheint dann in Rom der Brauch bekannt gewesen zu sein, aus einer mit Öl vermischten Wachsmasse Lämmer zu gestalten, die der Archidiakon am Karsamstag in der Lateranbasilika weihte, um sie am Weißen Sonntag anstelle der nicht ausreichenden Reststücke der Osterkerze als A. D. zu verteilen.
Heute haben die A. D. die Form einer runden oder ovalen Wachsscheibe mit der Prägung des Lammes Gottes (
agnus dei) sowie Namen und Regierungsjahr des Papstes auf der Vorderseite und dem Prägebild eines oder mehrerer Heiliger auf der Rückseite. Seit Papst Martin V. (1417 – 1431) blieb die Weihe dem Papst persönlich vorbehalten, der diese im ersten und in jedem siebten Jahr seines Pontifikats vornahm. Gregor XIII. (1572 – 1585) untersagte die bunte Bemalung, während die Fassung in Edelmetall oder aus Holz erlaubt blieb. 1605 verbot eine Prager Synode, Teile des A. D. in Ringe zu fassen. Seit dem 19. Jh. werden Wachsprägungen des A. D. auch von Klöstern ausgegeben.
Das geweihte A. D. diente als Schutz in vielen Nöten: gegen Blitz, Feuer, Überschwemmungen, Seuchen, Sünde, Teufel, böse Geister und Menschen, im Haus, auf Reisen, vor Gericht, zum Schutz der Äcker usw. In den > Hexenprozessen wurde das A. D. verstockten Hexen umgehängt, um die Verbindung zum Teufel zu unterbrechen. Vom 15. bis zum 18. Jh. trugen in Köln Frauen und Männer an einem Halskettchen ein silbernes oder goldenes A. D. als Schutz- und Schmuckstück.

Lit.: Franz, Adolph: Die kirchlichen Benediktionen im Mittelalter. Bd. 1. Freiburg: Herder, 1909, 533ff.; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter 1987.

Agobard (779 – 840), Erzbischof von Lyon, kämpfte gegen Aberglauben und Gottesurteile. Da er sich in seinen Schriften häufig auf die Vernunft beruft, sah man in ihm im 19. Jh. einen Vertreter des religiösen Rationalismus und sogar einen Vorläufer der Reformatoren des 14. – 16. Jhs. In seiner Schrift Gegen die dumme Meinung des Volkes von dem Hagel und Donner bedauert er, dass die französische Gesellschaft an Dämonen glaube, die Getreide stehlen oder Schiffe zu fabelhaften Inseln entführten, um sie dort zu verkaufen. Zudem trat er als früher Kritiker des Hexenglaubens auf.

Lit.: Boshof, Egon: Erzbischof Agobard von Lyon: Leben u. Werk. Köln; Wien: Böhlau, 1969; Agobardus: [Opera omnia]. Turnholti: Brepols, 1981.

AGP. Arbeitsgemeinschaft für Parapsychologie an der Wiener Katholischen Akademie (1958 – 1985). Am 10.11.1958 wurde seitens des Präsidenten der Wiener Katholischen Akademie (WKA), Abt Dr. Hermann Peichl, eine Einladung zur Gründung einer Arbeitsgemeinschaft ausgesandt, die das Studium der paranormalen Phänomene, ihre Interpretation und Wertung vor dem weltanschaulichen Hintergrund des christlichen Glaubens bzw. einer theologischen Reflexion zur Aufgabe haben sollte. Mit der Leitung wurde aufgrund seiner reichen einschlägigen Erfahrung (als Kenner der Medien Maria > Silbert und Einer > Nielsen) Prof. Dr. theol. Peter > Hohenwarter (*18.05.1894 in Obervellach / Kärnten, † 30.07.1969 in Klagenfurt) betraut, der diese Funktion offiziell bis kurz vor seinem Tod innehatte. Schon am 17.11.1958 erfolgte die erste Zusammenkunft dieser AGP in den Räumen des Schottenstiftes. Prof. Hohenwarter war – zusammen mit Josef > Kral, Gebhard > Frei und Gerda > Walther – Mitbegründer der > IGKP (Internationale Gesellschaft Katholischer Parapsychologen), die 1966 auf dem Kongress in München in > Imago Mundi umbenannt wurde. Während der Erkrankung des Gründers der AGP leitete sie Dr. Isidor Grundnigg interimistisch, der jedoch schon 1970 starb. Ab 17.10.1970 übernahm über Einladung von Prof. Ferdinand Krones, des Sekretärs der WKA, Prof. Mag. rer. nat. P. Ferdinand > Zahlner CSsR die Weiterführung der AGP. Die reiche private Fachbibliothek sowie der wissenschaftliche Nachlass Hohenwarters gingen mitsamt den sieben Bildern des Malmediums Maria M. > Hafenscheer († 1968) in den Besitz der WKA über. 1972 erschien (quasi eine erstmals publizierte Frucht der Arbeit der AGP) das Kleine Lexikon der Paranormologie als Doppelheft der Zeitschrift Grenzgebiete der Wissenschaft im J. Kral Verlag in Abensberg / Deutschland. Ab 1973 erschien die periodische Informationsschrift AGP-Information für Mitglieder und Gäste; sie beendete ihr Erscheinen mit dem 10. Jg. 1984 / 85, da Prof. Zahlner 1985 – nach 15-jähriger Tätigkeit – von seiner Funktion als Leiter zurücktrat. Während seiner Funktionsperiode lag der Schwerpunkt der Aktivitäten auf der Öffentlichkeitsarbeit durch informative Vorträge sowie in der Erarbeitung einer Terminologie und einer umfassenden Bibliographie des deutschsprachigen Schrifttums zur Paranormologie bis 1970. Die Schweizerische Vereinigung für Parapsychologie (SVPP) verlieh durch ihren Leiter Dr. Theo Locher am 3.02.1981 einen Preis an P. Zahlner in Anerkennung für dessen Verdienste um die Parapsychologie. Sein bei dieser Gelegenheit damals an der Universität in Bern gehaltener Vortrag erschien in erweiterter Fassung im Resch Verlag, Innsbruck, unter dem Titel Paraphänomene und christlicher Glaube ( 21988).

Lit.: Zahlner, Ferdinand: 25 Jahre AGP (1958 – 1983). In: AGP-Införmation 9 (1983 / 84), H. 1 – 2; ders.: Kirche und Parapsychologie. In: Für Kirche und Heimat. Festschrift Franz Loidl zum 80. Geburtstag. Wien: Herold, 1985, S. 462 – 477.

Agpaoa, Antonio C., genannt „Tony“ (1939 – 1982), philippinischer Heiler, der mit bloßer Hand, ohne Narkose und Sterilisation die sog. > Psychische Chirurgie praktizierte, bei der rote Flüssigkeiten und Objekte zum Vorschein kamen, die er als echtes Blut, Körper- oder andere Substanzen bezeichnete, was wissenschaftliche Untersuchungen jedoch nicht hinreichend bestätigen konnten. Zu Beginn seiner Heilertätigkeit „operierte“ A. im Trancezustand, später dann auch bei vollem Wachbewusstsein. Er war zunächst Mitglied der Unio Espirita Cristiana de Filippinas und gründete schließlich die Philippine Spiritual Church of Science and Revelation. Ab 1965 wurde er auch von einer Reihe ausländischer Patienten aufgesucht, die wegen der vielfältigsten Beschwerden zu ihm kamen und zum Teil auch Hilfe fanden. Inwieweit es sich dabei nur um psychosomatische Reaktionen handelte oder auch um organische Veränderungen, bleibt offen. Jedenfalls hinterließen die Eingriffe im Gegensatz zu den brasilianischen Heilern keinerlei Narben, was für eine rituelle Heilbehandlung spricht bzw. für Betrug, wie es die Gegner nannten. Auch die zahlreichen anderen paranormalen Fähigkeiten, die von A. berichtet werden, sind bislang ungeklärt. Sicher ist hingegen, dass A. aufgrund seiner Heilertätigkeit weltweit zum bekanntesten Heiler der Philippinen avancierte und sich die Euphorie für philippinische Heiler nach seinem Tod 1982 allmählich auflöste. Filmmaterial über A.s Operationen findet sich am Institut für den Wissenschaftlichen Film in Göttingen /Deutschland.

Lit.: Stelter, Alfred: Psi-Heilung. Bern: Scherz, 1973; Naegeli-Osjord, Hans: Die Logurgie in den Philippinen. Remagen: Der Leuchter / Otto Reichl Verlag, 1977.

Agrarische Riten. Seit der neolithischen Revolution des Umstiegs zur Ackerbaukultur werden vor allem Aussaat und Ernte von zahlreichen Riten begleitet, um Wachstum und Schutz der Ernte zu gewährleisten. Erd-, Himmels- und Wettergottheiten, mitunter auch > Ahnen, die für das Wachstum und den Schutz der Saat verantwortlich sind, werden angesprochen und günstig gestimmt. > Vegetationskult.

Lit.: Schwemer, Daniel: Die Wettergottgestalten Mesopotamiens und Nordsyriens im Zeitalter der Keilschriftkulturen: Materialien und Studien nach den schriftlichen Quellen. Wiesbaden: Harrassowitz, 2001; Green, Alberto R.: The Storm-God in the Ancient Near East. Winona Lake, Ind.: Eisenbrauns, 2003.

Agrarreligion. Die A., auch Agrarkult oder Agrarmagie genannt, umfasst Glaubensvorstellungen und Kulte, die von der Landwirtschaft her geprägt und mit allerlei magischen Anschauungen und Praktiken verbunden sind. Diese fußen auf der Vorstellung, dass die Natur in all ihren Erscheinungsformen beseelt und in ein Spannungsfeld von Diesseits und Jenseits eingebunden ist. Man bemüht sich daher durch magische und symbolische Handlungen, die Kräfte der Natur und der Geisterwelt für den Schutz und das Wohl des eigenen Lebens zu gewinnen. So sieht man das Gedeihen der Früchte in Abhängigkeit vom Wohlwollen transzendenter Mächte, dem Himmels- und Wettergott, den Astral-, Vegetations- oder Erdgottheiten, nicht zuletzt von den Ahnen und in neuerer Zeit besonders von den innerkosmischen Kräften. Durch genaue Befolgung bestimmter Riten sollen diese Mächte für sich positiv eingefangen werden. Der Kult der A. besteht daher vornehmlich in Gebeten, Opfern und magischen Handlungen zur Förderung der Fruchtbarkeit und Lebensenergie, zur Herbeiführung von Regen und Bannung von Unheil, zur Aufladung mit kosmischen Energien, um Gesundheit und Jugendlichkeit zu wahren.

Lit.: Mannhardt, Wilhelm: Wald- und Feldkulte. Unveränd. fotomechan. Nachdr. d. 2. Aufl. Berlin 1905. Darmstadt: Wiss. Buchges., o. J.; Wichmann, Jörg: Die Renaissance der Esoterik: eine kritische Orientierung. Stuttgart: Kreuz-Verl., 1990; Frazer, James George: Der goldene Zweig. Reinbek bei Hamburg: Rowohlt-Taschenbuch-Verl., 2000.

Agravitation (lat.). Die Schwerelosigkeit, auch Antigravitation (engl. antigravity) oder Antischwerkraft, eine viel diskutierte Frage der Physik, wird zuweilen zur Erklärung der > Levitation herangezogen, da man in ihr die Auswirkung von Anti-Gravitationskräften vermutet, ähnlich wie in der Medizin, wo man von Erythrozythenantigenen spricht.

Agreda > Maria von Jesus Agreda.

Agrelli, Fortuna, litt 13 Monate lang unter starken Schmerzen und wurde schließlich von den Ärzten aufgegeben. Daraufhin begannen das Mädchen und ihre Verwandten am 16. Februar 1884 eine Rosenkranznovene. Am 3. März 1884 erschien der unheilbar kranken Fortuna die Rosenkranzkönigin von Pompei bei Neapel, begleitet vom hl. Dominikus und der hl. Katherina von Siena, und versprach ihr die Heilung unter Auflage von drei Rosenkranz- und drei Danksagungsnovenen. Am 8. Mai 1884 erfolgte die Heilung, woraufhin Fortuna im darauf folgenden Juni nach Pompei pilgerte. Seither gibt es die sog. „Novene der 54 Tage“, bestehend aus drei Bitt- und drei Danknovenen.

Lit.: Longo, Bartolo: Novena di ringraziamento alla ss. Vergine del rosario di Pompei / per l‘avv. Bartolo Longo – Valle di Pompei, 1893.

Agricola, Franciscus. Geb. zwischen 1545 und 1550 in Lohn bei Aldenhoven, studierte in Köln und Löwen, wurde in Lüttich zum Priester geweiht und 1569 Pfarrer in Rödingen bei Jülich, ab 1599 zugleich Landdechant des Dekanats Süsteren, sodann Pfarrer in Sittard bei Maastricht, wo er 1621 starb. Gegen das damals stark verbreitete Hexenwesen verfasste er das Buch Gründtlicher Bericht, ob Zauberey die ärgste und grewlichste Sünd auff Erden sey. Zum andern, ob die Zauberer noch Buß thun und selig werden mögen. Zum dritten, ob die hohe Obrigkeit, … , die Zauberer und Hexen am Leib und Leben zustraffen schuldig: in siben Tractat, … abgetheilt / durch Franciscus Agricolam. Cölln: Falckenburg, 1597. Weitere Auflagen folgten.

Lit.: Robert Haaß: Art. Agricola. In: Neue Deutsche Bibliographie 1. Bd. Aachen-Behaim, 1953, S. 98.

Agricola, Georgius (eigentlich Georg Bauer (Pawer), geb. 24.03.1494 in Glaucha, gest. 21.11.1555 in Chemnitz, studierte alte Sprachen, später Medizin und Naturwissenschaften in Leipzig, Bologna, Padua und Venedig. 1527 Stadtarzt und -Apotheker in St. Joachimsthal (heute Jáchymov, Tschech. Rep.). Ab 1533 war er Stadtarzt in Chemnitz und mehrfach Bürgermeister der Stadt. Er beschäftigte sich zudem intensiv mit dem Berg- und Hüttenwesen, wobei er sich auf die wissenschaftliche Beschreibung dessen beschränkte, was er von Bergkundigen erfuhr, ohne eigene Messungen vorzunehmen. Weiters führte er historische und paläontologische Studien durch und erkannte Versteinerungen. A. wurde so zum Begründer der Mineralogie, Geologie und Bergbaukunde Seine Hauptschriften sind: Bermanus, sive de re metallica, Basel 1530: Text in Gesprächsform mit Vokabelliste der von ihm eingeführten lateinischen Bezeichnungen und einem Vorwort von > Erasmus von Rotterdam; De mensuris et ponderibus, Basel 1533, mit Angaben über alte und neue Maße, Gewichte und Münzeinheiten; De natura fossiliorum, Basel 1556: Eigenschaften der Mineralien, wobei A. im Zusammenhang mit mineralogisch-geologischen Fragen auch die Erscheinungen der Vulkane und Erdbeben berührt. Sein Hauptwerk: De re metallica, Basel 1546, befasst sich in 12 Büchern (mit 273 Holzschnitten, darunter einige von Hans Rudolf Manuel Deutsch, 1525 – 1571) mit dem Berg- und Hüttenwesen. Neben der Beschreibung verschiedener Bergkompasse sind aus paranormologischer Sicht vor allem seine Hinweise auf den Aberglauben und die > Wünschelrute historisch bedeutsam. Gleich der Alchemie lehnt A. die Wünschelrute als Aberglauben entschieden ab: „Der wahre Bergmann benutzt… den Zauberstab nicht…, er sieht ein, dass ihm die Wünschelrute nichts nutzen kann, sondern er beachtet, wie ich oben ausgeführt habe, die natürlichen Kennzeichen der Gänge“ (2. Buch Ende). Seine Beschreibung des Gebrauchs der Wünschelrute mit den beigefügten Holzschnitten bezeugt nämlich, wie sehr die Wünschelrute im Bergbau und auch sonst verwendet wurde.

W.: Agricola, Georgius: Vom Bergkwerck: XII Bücher in Lat. Sprache durch Georgium Agricolam. Verteüscht durch Philippum Bechium. [Nachdr. d. Ausg.] Basel, 1557; Essen: Verl. Glückauf, 1985; Agricola, Georg: Zwölf Bücher vom Berg- und Hüttenwesen. Vollst. Ausg. nach dem lat. Orig. von 1556. Photomechanischer Nachdr. [der 3. Aufl.], Düsseldorf: VDI-Verl., 1961; München: Dt. Taschenbuch-Verl, 1994; Agricola, Georg: Generalregister der Bände I bis IX / bearb. von Hans Prescher und Ilse Jung. Berlin: Dt. Verl. der Wiss., 1996.
Lit: Prescher, Hans: Georgius Agricola. Leipzig: Dt. Verl. für Grundstoffindustrie, 1985.

Agrippa von Nettesheim, Heinrich Cornelius, *14.09.1486 in Köln, † 18.02.1535 in Grenoble; deutscher Gelehrter, Arzt, Jurist, Kulturhistoriker, Theologe, Astrologe und Philosoph. A. schloss sein Studium an der Kölner Artistenfakultät (1499 – 1502) zunächst mit dem Magister artium ab und soll nach eigenen Angaben auch den Doktortitel sowohl der Rechtswissenschaft als auch der Medizin erworben haben. Sein Leben war äußerst bewegt und führte ihn nach Paris, Dôle, London, Metz, Genf, Fribourg, Antwerpen, Mecheln, Pisa, Pavia, Turin, Rom, Würzburg, Bonn und zwischendurch immer wieder nach Köln. Im Alter von 20 Jahren gründete er in Paris eine Gesellschaft zum Studium und zur Anwendung der geheimen Wissenschaften, die auch in Deutschland Anhänger fand und deren Mitglieder er finanziell belastete, so dass er nach Oberitalien und Spanien flüchten musste. 1509 las er dann vorübergehend an der burgundischen Universität Dôle über das mystisch-kabbalistische „Verbum mirificum“ des Johannes > Reuchlin. 1510 hielt er sich in geheimer Mission in England und im Kloster St. Jakob in der Vorstadt von Würzburg beim „Zauberabt“ > Johannes Trithemius (eigtl. Johannes Heidenberg; 1462 – 1516) auf, der ihm manches in geheimen Künsten beigebracht und zur Abfassung der drei Bücher von De occulta philosophia angeregt habe. Das Werk lehrt eine platonisch-christliche Theosophie.
Ab 1511 war A. in Italien, wo er als Theologe am Konzil von Pavia teilnahm. 1512 wurde er wegen Tapferkeit im Heer des Kaisers Maximilian I. zum Ritter, Eques auratus, geschlagen. In diesem Jahr erlangte er den Dr. jur. et med. und lehrte an der Universität von Pavia. 1513 lobte ihn Papst Leo X. (1513 – 1521) in einem Brief vom 12. Juli wegen seines Eifers um den Apostolischen Stuhl. 1515 hielt er in Pavia Vorlesungen über > Hermes Trismegistos. 1518 – 1520 war er Rechtsrat der Freien Reichsstadt Metz und kehrte dann nach Köln zurück. Als 1521 seine erste Frau starb, zog er nach Genf und arbeitete dort als Stadtarzt, dann 1523 / 24 in Fribourg, wo er sich neuerlich vermählte. 1524 wurde er Leibarzt von Louise von Savoyen, der Mutter des französischen Königs Franz I., in Lyon, fiel jedoch in Ungnade, weil er keine politischen Horoskope stellen wollte. 1528 erlangte er als Seuchenarzt in Antwerpen den Ruf eines Wunderdoktors; seine Frau starb allerdings an der pestartigen Seuche. 1529 wurde A. in Mecheln kaiserlicher Historiograph am Hof Margaretes von Österreich, Stadthalterin der Niederlande, doch zwang ihn die theologische Fakultät Löwen, seine Stellung in Mecheln schon nach einem Jahr aufzugeben. 1531 erschien zu Antwerpen De occulta philosophia. 1531 kam er in das Brüsseler Schuldgefängnis, aus dem er entfloh. Daraufhin ging er 1532 nach Köln und besuchte den Erzbischof von Trier, Herrmann Graf zu Wied, dem er das Werk De occulta philosophia gewidmet hatte, welches 1533 in erweiterter und verbesserter Auflage in Köln herauskam. Anschließend ging A. nach Bonn. Dort ließ sich Johannes > Weyer (1515 – 1588) aus Grave bei Kleve von ihm für das Studium der Medizin vorbereiten, der A. gegen die Anschuldigungen als Teufelsbündler verteidigte (De Praestigiis daemonum, II, cap. 5). 1535 trennte sich A. von seiner dritten, zu Mecheln geheirateten Gattin und zog nach Lyon, wo er verhaftet, aber von Freunden aus der Haft befreit wurde. Er starb kurz darauf, wohl noch im selben Jahr, in Grenoble, und hinterließ 7 Kinder.
A. war ein Mann von vielseitigem Wissen, großer Sprachbegabung und geistiger Eigenart in der Übergangszeit zwischen Mittelalter und Reformation. In seinem wechselvollen Wanderleben als Jurist, Theologe, Mediziner und kabbalistischer Philosoph bekämpfte er Bilder- und Reliquiendienst, die Heiligenverehrung, Prozessionen und Wallfahrten, die Herrschsucht des Klerus, die Spitzfindigkeit der Theologen und die Mönchsorden als Abschaum der Menschheit. Er forderte die Rückkehr zur Heiligen Schrift und zum einfachen Christusglauben, lehnte aber die Reformation Martin Luthers ab.
A. scheint auch paranormale Begabungen besessen zu haben. So spricht er von telepathischen Erlebnissen bei sich wie bei Trithemius und vertritt die Ansicht, dass „Imagination und denkende Kraft“ bei einigen Menschen so stark ausgeprägt seien, dass sie andere Personen über ihre Gedanken und Wünsche sogar auf große Entfernung unterrichten könnten. Die Anerkennung von > Hellsehen und > Präkognition als Tatsachen übernimmt er von > Synesius. A. anerkennt auch psychokinetische Effekte: „Der Körper ist der Bewirkung durch eine fremde Seele nicht minder unterworfen als der durch einen fremden Körper“ (De occ. phil. I c 66). > Spuk und > Geistererscheinungen entstehen durch Gedankenkonzentration, und die ruhelosen Seelen schlechter Menschen – hier klingt Platon an – können als idolum erscheinen. Auf A. geht der Begriff > Okkultismus zurück.
A.s Hauptwerk, De occulta philosophia (Über die verborgene Philosophie), das zuerst 1510, seinem Lehrer Johannes Trithemius gewidmet, dann in überarbeiteter Ausgabe 1531 erschien, ist das erste systematische Werk über die abendländische Magie. Grundlage für dieses kompilatorische Werk sind die Physik des > Aristoteles, die Astronomie des > Ptolemäus, die Lehren des > Christentums, des > Neuplatonismus, der > Hermetik, > Alchemie, > Astrologie, > Zahlenmystik und > Kabbala, alles zu einer einheitlichen Kosmologie verwoben, die das christliche Gedankengut immer wieder durchscheinen lässt. A. geht von einer dreifachen Welt, mundus triplex, aus, d. h. einer elementar-irdischen (Welt der Elemente), einer astral-himmlischen (Welt der Gestirne) und einer alles umfassenden göttlich-intelligiblen Welt (Welt der > Engel bzw. > Geister). Alle drei Weltenbereiche sind durchdrungen von wirkenden Kräften, virtutes, die in Physik, Mathematik und Theologie wissenschaftlich erfasst werden können. Das Kräftespiel entspricht drei Bereichen der > Magie: auf unterster Ebene der > natürlichen Magie, im mittleren Bereich der himmlischen und auf höchstem Niveau der religiösen Magie. Das diese Kräfte in ihren Bereichen verbindende Band ist auf der irdischen Ebene die > Weltseele (Quinta essentia), in himmlischer Sphäre der > Weltgeist (Spiritus mundi), während Gott über allem steht. Auch die > Sefirot-Lehre fand Eingang in sein Weltbild. Die Namen Gottes sind Ausstrahlungen seiner Macht.
Der Mensch hat Anteil an drei Welten: der Welt der Elemente, der Welt der Gestirne und der Welt der Geister. Um in den Besitz der höheren Welt zu gelangen, bedarf er der Magie. Alle magischen Wirkungen beruhen auf zwei Gesetzen: 1. Höheres und Niedrigeres beeinflussen sich gegenseitig, wobei das Höhere stärkere Wirkung ausübt. 2. Auf gleicher Stufe Stehendes beeinflusst sich ebenfalls wechselseitig und zieht sich gegenseitig an. Die Aufgabe des Magiers ist es nun, die Kräfte der unterschiedlichen Ebenen miteinander zu verbinden. „Die magischen Handlungen sollten keine geheimen Künste sein, sondern natürliche Anwendungen jener [oben genannten] Wissenschaften“ (Lehmann, 202). In einem Brief an Aurelius Aquapendente betont A., dass wir die Ursachen der magischen Wirkungen niemals im Außen suchen sollen: „In uns ist das wirkende Wesen, welches alles ohne Beleidigung Gottes und der Religion erkennt und vollbringt […]. Ich sage: in uns ist der Urheber jener Wunderdinge“ (Lehmann, 425). Ein Magier sei eben nicht ein Hexer oder Abergläubischer, sondern ein Priester und Prophet, ein Weiser. Das Werk ist teilweise mit Absicht verschlüsselt geschrieben. Auf diese Weise sollen gewisse Geheimnisse dem schlechten und ungläubigen Leser verborgen bleiben, die der Kluge und Verständige jedoch herauslesen könne.
Sein zweites bedeutendes Werk, das “Über die Unsicherheit und Eitelkeit der Wissenschaften und Künste” berichtet, zeigt die Unstimmigkeiten der etablierten wissenschaftlichen Lehrmeinungen auf, auch die der > Alchemie, und erschien 1530 unter dem lat. Titel De incertitudine et vanitate scientiarum atque artium declamatio invectiva. Es gilt als „Summa“ seiner Lebenserfahrungen (Müller-Jahncke, 18), steht jedoch in krassem Gegensatz zu seinem Erstwerk. Das von Skeptizismus und Agnostizismus geprägte Werk verweist auf einen religiösen Positivismus, der Gottes Wort als den einzigen Weg zur Wahrheit aufzeigt. Seinen > Okkultismus versteht A. wohl als christlichen Humanismus (Goldammer, 120 f.).
Als Schüler des A. gelten neben Johannes > Weyer, dem großen Feind der Hexenverfolgung, im weiteren Sinne auch Giordano > Bruno und > Goethe. Die Persönlichkeit Agrippas hat beim Entwurf des Magiers im Faust Pate gestanden, und auch der dort erwähnte Pudel findet offenbar seinen Vorläufer in dem A. von Paul Jovius zugeschriebenen schwarzen Pudel, einer Art bösartigem > Familiargeist, den A. für sein ganzes Unglück verantwortlich gemacht haben soll (Biedermann).

W.: De occulta philosophia. Bd. 1. Antwerpen: Johannes Graphaeus, 1531, Bd. 1 – 3; Köln: Johannes Soter, 1533; Neudruck hg. v. Karl Anton Nowotny, Graz 1967; Heinrich Cornelius Agrippa’s Magische Werke samt den geheimnisvollen Schriften des Petrus von Abano, Pictorius von Villingen, Gerhard von Cremona, Abt Tritheim von Spanheim, Dem Buche Arbakel, der sogenannten Heil. Geist-Kunst und verschiedenen anderen. Zum ersten Male vollständig ins Deutsche übersetzt. 5 Bde., Wien: Amonesta-Verlag, 4. Aufl. o. J.; Die Eitelkeit und die Unsicherheit der Wissenschaften und die Verteidigungsschrift. 2 Bde., hg. v. Fritz Mauthner, München / Wien, 1913; Nachdruck Wiesbaden 1969; Opera, 2 Bde., Lyon (korrekt Köln) um 1550. Neudruck mit Einl. v. Richard H. Popkin. Hildesheim / New York 1970; De Occulta Philosophia. Auswahl, Einführung und Kommentar von Willy Schrödter. Remagen: Der Leuchter. Otto Reichl Verlag, 1967 und 1988; Magische Werke (…) ins deutsche übersetzt. 5 Bde., Stuttgart 1856, Nachdr. Wiesbaden 1985; De occulta philosophia libri tres, Leiden / NewYork / Köln 1992; Über die Fragwürdigkeit, ja Nichtigkeit der Wissenschaften, Künste und Gewerbe, übers. u. m. Anmerkungen versehen v. G. Güpner, Berlin 1993.
Lit.: Biedermann, Hans: Handlexikon der magischen Künste. Graz: Akadem. Druck- u. Verlagsanstalt, 1968; Tischner, Rudolf: Geschichte der Parapsychologie. Buch I. Tittmoning /Obb: Walter Pustet, 1960 / 1988; Goldammer, Kurt: Agrippa von Nettesheim. In: Gerhard Krause und Gerhard Müller (Hg.): Theologische Realenzyklopädie. Berlin / New York: Walter de Gruyter, 1978; Bonin, Werner F.: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Frankfurt / M.: Fischer, 1981; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 1. Bd. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Lehmann, Alfred: Aberglauben und Zauberei. Bindlach: Gondrom, 1990; Müller-Jahncke, Wolf-Dieter: Agrippa von Nettesheim. In: Claus Priesner und Karin Figala (Hg.): Alchemie: Lexikon einer hermetischen Wissenschaft. München: Beck, 1998.

Agtstein (lat. succinum album und succinum citricum), auch „orientalischer Agtstein, Ambra grisea, succinum orientale“ genannt, ist heute keine gebräuchliche Bezeichnung mehr, sondern deckt sich mit dem > Bernstein. Der A. wurde für den Samen des Wals oder das Exkrement eines großen Seefisches wie auch für ein am Meeresgrund wachsendes Harz gehalten. Er galt als sehr wertvoll, wurde als Amulett um den Hals getragen und diente in der Medizin als kopfstärkendes, herzerquickendes und die Lebensgeister anregendes Räuchermittel.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Agullona, Margareta, geb. 1536 in Xativa, Spanien, gest. am 9.12.1600 in Valencia. Seit 1556 Mitglied des Dritten Ordens des hl. Franziskus, hatte sie im Zusammenhang mit ihrer Buß- und Passionsbetrachtung ekstatische Erfahrungen, die von Erzbischof Juan de Ribera geprüft wurden, der ihren Seelenführer, Jaime Sanchis, OFMObs, mit der Lebensbeschreibung beauftragte. Dieser ist auch Herausgeber ihrer spirituellen Werke.

Lit.: Collectanea Franciscana 31 (1961), 26 – 60 (Ribera und M. A.).

Agyo (jap., „gewährte Worte“). Unterweisung eines Zen-Meister für einen Schüler. Ebenso werden die Aufzeichnungen der Ausführungen eines Zen-Meisters zu einem bestimmten Text oder einem > Koan A. genannt.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Agyrten. Orientalische Bettelpriester im antiken Griechenland, wandernde Zauberer, Wahrsager, Heiler und Beschwörer. Am bekanntesten waren die Metragyrten, die im Dienste der „Großen Mutter“ (Demeter, Kybele) standen.

Lit.: Bonin, Werner F: Lexikon der Parapsychologie und ihrer Grenzgebiete. Bern; München: Scherz, 1976.

Begriffe Ah

Ah Bolom Tzacab. Gott des Ackerbaues bei den Maya, der wegen seiner Darstellung mit einem Blatt in der Nase „Gott mit der Blattnase“ genannt wurde. Die Archäologen nannten ihn früher Gott K. Er galt auch als Herrscher über Regen und Donner sowie als Patron kultischer Feste, der Musik und des Tanzes. In den Chilam-Balam-Büchern erscheint er als „Gott der Hölle“. Ebenso finden sich die Bezeichnungen Ah Bolon Dz’acab und Bolon Zacab.

Lit.: Libro de Chilam Balam de Chumayel. México: Universidad Nacional Autónoma de México, Dirección General de Publicaciones, 1973.

Ah uoh puc. Dämon der Zerstörung bei den Maya, der als „Herr der sechs Höllen“, Uac mitun ahau, als Skelett dargestellt wurde. Seine Attribute waren der Hund und der Moan-Vogel, ein mythischer Wolkendämon.

Lit.: Schellhas, Paul: Die Göttergestalten der Mayahandschriften. Berlin: Asher, 1904; Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Ahad. Islamischer Name > Allahs als der Eine und Einzige.

Ahadiyah (arab., „die Einheit“). A. bedeutet in der Mystik der > Sufis die vollkommene Versenkung des Geistes als höchster erfahrbarer Bewusstseinszustand in der Meditation, in dem sich die volle Einheit einstellt, die sich jeder unterscheidenden Erkenntnis entzieht und daher dem Menschen als solchem nicht zugänglich ist, da sie die Auslöschung aller Spuren der Erschaffenen voraussetzt.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991; Hughes, Thomas Patrick: Lexikon des Islam. Wiesbaden: Fourier, 1995.

Ahalya (sanskr.) In der hinduistischen Mythologie die erste Frau die von > Brahman erschaffen wurde. Sie war eine der Krittika-Schwestern, das indische Äquivalent zu den > Pleiaden, und Gemahlin des Weisen Gautama, der ebenfalls eine Schöpfung Brahmans war. Ihre Schönheit beindruckte > Indra, den König der Götter. Dieser wandte sich an die > Sonne um Hilfe, doch diese lehnte ab. Da wandte er sich an den > Mond, der die Begegnung ermöglichte, indem er die Gestalt eines Hahnes annahm und krähte, so dass Gautama glaubte, es sei schon Zeit, das eheliche Lager zu verlassen und seine morgendlichen Gebete zu verrichten. Seinen Platz nahm Indra ein, der A. verführte. Dies kam beide teuer zu stehen, doch fanden sie Vergebung.
In der Erklärung dieser Legende wird die Verführung als das Verschwinden der Nacht (Ahalya) beim Aufgang der Sonne (Indra) gedeutet. Symbolisch wird dadurch der Zeugungsakt bezeichnet. In der esoterischen Frauenbewegung, die der Mythologie der indischen Göttinnen großes Interesse zollt, wird A. mit der biblischen > Eva verglichen.

Lit.: Bhushan, Indu: Ahalyåa. Dillåi: Såamayika Prakåaâsana, 1969; Ions, Veronica: Indische Mythologie. Neuaufl. Wiesbaden: Vollmer, 1978.

Aham Brahman Asmi (hind., „Ich bin Brahman“), eines der > Mahavakyas, der großen Lehrsätze der Veden. Die mantrischen Formeln lauten:

Aham Brahma,
Aham Brahm (oder Brahma) asmi. (A-ham-brah-ma-as-mi)

in der Bedeutung:

Ich bin Brahma (oder Brahman), als Ausdruck der absoluten Identität des Selbst mit > Brahman. Aham ist das wirkliche Ich (> Atman) des Menschen und muss von > Ahamkara (Ichbewusstsein) unterschieden werden.

Lit.: Spiesberger, Karl: Das Mantra-Buch: Wortkraft – Tongewalten – Macht der Gebärde. Berlin: Richard Schikowski, 1977; Myers, Michael: Brahman: a Comparative Theology. Richmond: Curzon, 2001.

Ahamkara (sanskr., „Ich-Macher“). A., das Ichbewusstsein, entsteht, wenn sich die Seele (> Atman) mit dem feinstofflichen Körper oder dem > Ätherleib verbindet, und gehört neben Verstand (> manah) und Intelligenz (> buddhi) zu den drei feinstofflichen Elementen, die das dreifache innere Organ > Antahkarana bilden, welches alle geistigen Vorgänge möglich macht. Gemäß dem metaphysischen Dualismus des > Samkhya aber fällt es in den Bereich der Materie. Innerhalb der Hierarchie der feinstofflich-psychischen Faktoren ist A. nach der Entfaltung der Intelligenz jene Instanz, die zwischen Subjekt und Objekt unterscheidet und so die Annahme eines Ichs erst ermöglicht. A. ist die Voraussetzung für den Tastsinn und die Möglichkeit des Menschen, mit der Außenwelt in Verbindung zu treten. Aus A. entspringen nämlich ihrerseits die fünf feinen Elemente (tanmatra) und die Fähigkeiten und Tätigkeiten der Sinnesorgane, denen die aus den tanmatras entstandenen Grobelemente (bhuta), aus denen wiederum die wahrnehmbare Welt besteht, als Sinnesobjekte gegenüberstehen.

Lit.: Frauwallner, Erich: Geschichte der indischen Philosophie. Salzburg: Müller, 1953; Spiesberger, Karl: Das Mantra-Buch: Wortkraft – Tongewalten – Macht der Gebärde. Berlin: Richard Schikowski, 1977; Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen. Bd. 2. Freiburg: Herder, 1987, S. 54.

Ahasver. Zu rastlosem Wandern Verurteilter. Der Name Ahasver(osch) für den Perserkönig Xerxes (486 – 465 v. Chr.) stand bei den Juden vom Buch Ester her in übelstem Andenken. Nach rabbinischer Auslegung ist A. ein Mann des Unheils. Der Ausdruck, dessen Etymologie unsicher ist, wurde schließlich zur Symbolbezeichnung für den „ewigen Juden“. Seit etwa 1602, dem Erscheinungsjahr des Traktats „Kurtze Beschreibung und Erklärung von einem Juden mit Namen Ahasver“, trägt der zu ewiger Wanderung verurteilte Jude in der Volkssage diesen Namen. Vorformen finden sich bei Roger de Wendower, Mönch von St. Alban, 1235, und bei italienischen Chronisten des 13. Jhs. (hier unter dem Namen Cartaphilus). Durch das deutsche Volksbuch (man kennt über 50 Auflagen) ist die Geschichte von A. zur Berühmtheit gelangt. Einem Schuhmacher zu Jerusalem, der über Jesus das „Kreuzige“ gerufen und ihm auf dem Weg nach Golgatha roh eine Ruhebank verwehrte, habe Jesus zugerufen: „Ich werde ruhen, du aber sollst gehen, bis ich wiederkomme.“ Der Volksglaube hielt und hält bis in die Gegenwart an dieser Sagengestalt fest und sieht darin die Tragik des jüdischen Volkes, das nicht zur Ruhe komme. Diese Vorstellungen haben auch in Volksbräuchen ihren Niederschlag gefunden. In Tirol schlugen Holzfäller mit der Axt fünf Kreuze in die Strünke gefällter Bäume, damit der ruhelose Wanderer dort ausruhen könne – ein Brauch, der auch als Schaffung eines Ruheplatzes für die von der > Wilden Jagd verfolgten „Holzweiblein“, weibliche Naturgeister des Waldes, erklärt wurde.

Lit.: Kurtze Beschreibung und Erzehlung von einem Juden, mit Namen Ahasverus. Leyden: [s. n.], 1602; Dudulaeus, Chrysostomus: Warhafftige Contrafactur … von einem Juden von Jerusalem Ahasverus. Augsburg: [s. n.], 1618; Schmidt, Arno: Das Volksbuch vom Ewigen Juden. Danzig: Kafemann, 1927; Zirus, Werner: Ahasverus: der ewige Jude Berlin [u. a.]: de Gruyter, 1930.

Ahat oder Aqhat, nach der phönizischen Mythologie Sohn des lokalen Herrschers Daniel, der erst auf die Fürsprache des Regen- und Fruchtbarkeitsgottes > Baal vom obersten Gott > El einen Sohn erhielt. Als A. erwachsen war, bekam er vom göttlichen Handwerker > Kotar einen prächtigen Bogen aus gedrechselten Hörnern. Dieser gefiel auch der Göttin > Anat und sie versprach A. die Unsterblichkeit, wenn er ihr den Bogen überlasse. A. weigerte sich mit der Begründung, dass es das Los der Menschen sei, zu sterben. Anat ließ A. daraufhin ermorden. Im Kampf ging der Bogen jedoch verloren und Baal sandte zur Strafe eine Dürre auf die Erde. Daniel betrauerte den Tod seines Sohnes sieben Jahre lang. Hier endet die Geschichte. Es wird angenommen, dass A. zum Leben erweckt wird und das Land wieder Früchte trägt. Damit zählt A. vermutlich zu den sterbenden und > wiedergeborenen Göttern.

Lit.: Storm, Rachel: Die Enzyklopädie der östlichen Mythologie: Legenden des Ostens. Reichelsheim: Edition XXL GmbH, 2000.

Ahathoor Temple. Bezeichnung eines inneren Zirkels des > Golden Dawn-Ordens, den Samuel L. MacGregor > Mathers 1894 nach seiner Übersiedlung nach Paris gründete. Von 1894 – 1896 bestand diese Gruppe nur aus 11 Personen, zu denen auch Aleister > Crowley und der französische Okkultist > Papus gehörten. Die sehr autoritäre Führung des Ordens und die Aufnahme Crowleys, der bei den meisten Mitgliedern äußerst umstritten war, führte zur Spaltung.

Lit.: Frick, Karl R. H.: Licht und Finsternis: gnostisch-theosophische und freimaurerisch-okkulte Geheimgesellschaften bis an die Wende zum 20. Jahrhundert; Wege in die Gegenwart. Teil 2: Geschichte ihrer Lehren, Rituale und Organisationen. Graz: ADEVA, 1978; Roberts: Marc: Das neue Lexikon der Esoterik. München: Goldmann, 1995.

Ahhazu („Fänger“, „Greifer“). Altsemitischer Dämon und Verursacher von Leberleiden. Zu den ältesten Versuchen der Klärung von Ursachen und Symptomatik der Krankheiten gehört nämlich das medizinische Konzept der > Dämonologie. Dieses Modell wurde nicht nur von den Mesopotamiern entwickelt und praktiziert, es blieb zu allen Zeiten aktuell bis hinein in die > Volksmedizin von heute.

Lit.: Schott, Heinz: Die Chronik der Medizin. Gütersloh; München: Chronik Verlag im Bertelsmann-Lexikon Verlag, 1993, S. 25.

Ahija (hebr., Jahwe = Bruder). A. ist der Name verschiedener atl. Personen. Am bekanntesten ist der Prophet Ahija aus Schilo. Er sagte unter Salomo die Teilung des Reiches voraus: Ahija fasste „den neuen Mantel, den er anhatte, zerriss ihn in zwölf Stücke und sagte zu Jerobeam: Nimm dir zehn Stücke; denn so spricht der Herr, der Gott Israels: Ich nehme Salomo das Königtum weg und gebe dir zehn Stämme“ (1 Kön 11, 30 – 31). Ein Stück verblieb Juda, dem Sohn Salomos.
Als die Frau Jerobeams ihres kranken Kindes wegen später den Propheten verkleidet als Bäuerin aufsuchte, kündigte er ihr den Tod des Prinzen und den Untergang seines Herrscherhauses an, weil er den in ihn gesetzten Erwartungen nicht entsprach (1 Kön 14, 1 – 18).

Ahiman Rezon, or a Help to a Brother showing the Excellency of Secrecy and the first cause or motive of the Institution of Masonry; the Principles of the Craft; and the Benefits arising from a strict Observance thereof etc. etc. Also the Old and New Regulations etc. To which is added the greatest collection of Mason’s Songs etc. By Bro. Laurence Dermott, Secretary. London 1756.
Dieses Buch, dessen Titel noch nicht voll geklärt ist, wurde von der Freimaurerei lange kaum beachtet. In Wirklichkeit stellt der A. R. das Konstitutionsbuch der Ancient Masons dar, einer anderen Freimaurerei, die sich im 18. Jh. neben der Großloge von England bildete und in deren Auftrag es als Gegengewicht gegen die Andersonschen Konstitutionen herausgegeben wurde und mehrere Auflagen erreichte. Die Maurerei besteht nach A. R. aus dem Lehrlingsgrad, dem Gesellengrad und dem erhabenen Meister. Zum Meister sollte jedoch nur wählbar sein, wer den IV. Grad, den heiligen Royal Arch, erreicht hat. Das Buch ist in kämpferischer Form gegen die Neuerer verfasst. Der Unterschied lag vor allem in Ritualgebräuchen, die im Buch jedoch aus Gründen der Geheimhaltung nicht ausführlich beschrieben werden. Seit der Wiedervereinigung der beiden Logen hat das Buch in der > Freimaurerei nur mehr geschichtliche Bedeutung.

Lit.: Lennhoff, Eugen: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Ahimsa (sanskr., „Nicht-Töten“, „Nicht-Schädigen“). Das Zeitwort hims ist die Wunschform von han (töten, schädigen). Mit dem Substantiv A-himsa ist das Aufheben des Töten- und Schädigen-Wollens gemeint. Ab der Zeit der > Upanishaden werden Nicht-Töten und Nicht-Schädigen zu einer konstanten Forderung indischer Ethik. So werden im Rigveda die Ahnen angerufen, den Betern nicht zu schaden (hims). Himsa (das Töten- und Schädigen-Wollen) bedeutet zugleich auch eine Beeinträchtigung des > karman und damit eine negative Auswirkung auf die > Wiedergeburt. In der > Bhagavadgita (X, 5) wird daher von Krishna neben Zufriedenheit auch Mildtätigkeit gefordert, denn A. kann je nach Lebensgesetz (> dharma) des Einzelnen unterschiedliche Verhaltensweisen beinhalten. Auch im > Buddhismus und > Jinismus beruht das Verbot der Tötung von Lebewesen auf der durch den Seelenwanderungs- und Wiedergeburtsglauben getragenen Vorstellung, dass auch im kleinsten Tier eine erlösungsfähige Seele wohnen kann. Vorsichtsmaßnahmen wie Seihen des Trinkwassers, Kehren der Wege und das Verbot, den Erdboden aufzugraben oder gar Fleisch zu essen, dienen dem Schutz aller Lebewesen. Mahatma Gandhi (1869 – 1948) erweiterte das Prinzip der A. zu einer umfassenden Sozial- und Friedensethik. Hingegen haben der Neohinduismus und die neuere Esoterik A. kaum thematisiert.

Lit.: Altman, Nathaniel: The Nonviolent Revolution Ahimsa and Jainism. Bombay: Shree Vallabh Suri Smarak Nidhi, 1960; Kotturan, George: Ahimsa: Gautama to Gandhi. New Delhi: Sterling Publishers, 1973; Ghosh, Indu Mala: Ahimsa, Buddhist and Gandhian. Delhi, India: Indian Bibliographies Bureau, 1988.

Ahl-i-haqq (arab., „Besitzer der Wahrheit“). Eine Geheimreligion, deren Anhänger vor allem im westlichen Iran, in Luristan, Kurdistan und Azerbaidjan sowie im Transkaukasusgebiet leben. Sie sind nicht streng organisiert und es fehlt ihnen die kanonische Einheit, weshalb man sie auch als „Föderation verwandter Bewegungen“ bezeichnete. Die A. reicht in das 11. Jh. zurück und vereinigt in ihrer Lehre zoroastrische, manichäische, gnostische, jüdische, christliche und Sufi-Ideen in einem volkstümlichen messianischen Kult. Folgende Vorstellungen sind allen Gruppen gemeinsam: Ankunft des „Herrn der Zeit“ zur Erfüllung der Wünsche der Freunde und zum Umfangen des Universums; Glaube an sieben aufeinanderfolgende Manifestationen des Göttlichen in menschlicher Form (die sie als Hülle tragen), darunter > Jesus, Ali und Sultan Sohak. Von besonderer Bedeutung ist die Manifestation der Gottheit in Sultan Sohak, mit dem die wichtigste Ära der Menschheit beginnt. Dieser Glaube an die Reinkarnation der Gottheit findet seine Parallele im Glauben an die Seelenwanderung des Menschen. Dieser muss einen Zirkel von 1001 Reinkarnationen durchlaufen. Die Möglichkeit der Reinigung ist allerdings nur den Menschen aus gelbem Ton, nicht aber jenen aus schwarzer Erde möglich. Der „Herr der Zeiten“ wird in der Nähe der Stadt Sharizur oder des kurdischen Sultaniyya erwartet. Bei diesem Gericht werden die weltlichen Herrscher ausgelöscht und die Guten in das Paradies geführt werden.
In den Riten und durch den Glauben an die > Reinkarnation unterscheiden sich die A. erheblich von der Mehrheit der Muslime.

Lit.: Ivanov, Vladimir Alekseevich: The Truth-Worshippers of Kurdistan: Ahl-i haqq Texts Edited in the Original Persian and Analysed by W. Ivanow. Leiden: E. J. Brill, 1953; Khoury, Adel Theodor et al.: Islam-Lexikon. Bd. 1. Freiburg: Herder, 1991.

Ahlkirsche > Traubenkirsche.

Ahmad ibn al-’Arif. Sufi des 12. Jhs. und Verfasser des Buches Mahasin al-Madjalis über die Faszination der mystischen Erfahrung.

Lit.: Ibn al-’Arif, Ahmad ibn Muhammad: Mahasin al-majalis: The Attractions of Mystical Sessions. [Amersham]: Avebury, 1980.

Ahmad ibn Sirin > Achmet.

Ahmadiy(y)a (arab.). Islamische Bewegung, die vor allem im indischen Pundjab aus den Lehren des Hazrat Mirza > Ghulam Ahmad (1839 – 1908) hervorging, der seit 1880 zahlreiche Veröffentlichungen, vorwiegend mystischen Inhalts, herausgab. Am 4. 3.1889 erklärte er, eine Offenbarung von Gott erhalten zu haben, die ihm die „Bay’a“, die Treueerklärung von Anhängern, entgegenzunehmen gestatte. 1891 behauptete er, er sei Masih (Christus) und der von den Muslimen erwartete > Mahdi, und 1904 verkündete er, ein „Avatar“ von > Krishna und schließlich der „Buruz“, die Erscheinung Muhammads, zu sein. Nach seinem Tod spaltete sich dann eine kleine Gruppe ab, die Mirza G. A. nicht als Propheten, sondern als Erneuerer des Islams versteht. Zur Sonderlehre der A. gehört auch die Aussage, dass > Jesus nicht am Kreuz gestorben, sondern von den Jüngern gerettet worden sei und nach Kaschmir auswanderte, wo er in Srinagar im Alter von 120 Jahren starb. Seit 1974 ist die A. aus der Gemeinschaft des Weltislams ausgeschlossen.

Lit.: Handbuch Religiöse Gemeinschaften. 4., völlig überarb. u. erw. Aufl. Gütersloh: Gütersloher Verlagshaus, 1978; Ahmad, Sheikh Nasir: Ahmadiyya: eine Bewegung des Islams. Frankfurt / M.: Verl. Der Islam, 1993.

Ahndung > Ahnung.

Ahnen. Vorfahren, jene Personen, von denen ein Mensch abstammt und mit denen er nach Auffassung vieler Kulturen über deren Tod hinaus in Verbindung steht. A. sind entweder verstorbene, machtvolle Verwandte, die im > Ahnenkult verehrt werden, oder sie repräsentieren schon zu Lebzeiten bestimmte, für eine Gesellschaft bedeutende Persönlichkeiten. Der Status eines A. kommt nicht automatisch jedem Toten zu, sondern ist an bestimmte Bedingungen gebunden, wie Volljährigkeit, friedvollen, altersbedingten Tod, Hinterlassen von legitimen Kindern und Erhalt der > Totenriten.
Die von den A. stammenden Seelen haben ihren Sitz in den Körpern der Lebenden und bleiben gleichzeitig weiterhin mit den A. verbunden, ja, treffen sie nach dem Tod der von ihnen bewohnten Menschen wieder. Der Ahne kehrt jedoch nicht als individuelle Person zu den im Diesseits verbliebenen Seinen zurück, sondern als Repräsentant der ganzen Ahnengemeinschaft. So kann etwa ein Ahne gleichzeitig in mehreren Kindern, Jungen wie Mädchen, wiedererkannt werden. Die Art und Weise der Verbundenheit der A. mit ihrer Familie oder ihrem Stamm ist dabei immer kulturspezifisch. Generell kann die von den  A. stammende Seele als Bindeglied eines lebenden Menschen mit Vergangenheit und Zukunft angesehen werden.
Als Geistwesen sind die unsterblichen A. auch mit besonderen Kräften, die über die normal-menschlichen Fähigkeiten weit hinausreichen, ausgestattet. Prinzipiell müssen sich die Lebenden um das Wohlergehen der A. bemühen und erhalten dafür deren Schutz und Beistand. Die Identifikation mit den A. kann bis zur Vorstellung der > Reinkarnation reichen. So gilt etwa bei den Aboh, einer Sprachgruppe der Ibo am unteren Niger in Nigeria, jeder Mensch als Wiedergeburt eines A. (Friedli, S. 92).
Am meisten verbreitet ist die Verehrung von Ahnen bei Agrar- und Hirtenvölkern in Afrika, Eurasien, Süd- und Ostasien, Ozeanien, teilweise in Amerika, auch bei Hochkulturen wie in China (Ohm).

Lit.: Anwander, Anton: Wörterbuch der Religion. Würzburg: Echter, 1948; Friedli, Richard: Zwischen Himmel und Hölle – Die Reinkarnation: ein religionswissenschaftliches Handbuch. Freiburg, CH: Universitätsverlag 1986; Ohm, Th.: Ahnen, Ahnenkult. Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg i. Br.: Herder, 1986; Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen. Bd. 3 / 2. Freiburg i. Br.: Herder, 1991; Guzy, Lidia: Ahnen / Vorfahren. In: Metzler Lexikon Religion. Bd. 1. Stuttgart: J. B. Metzler, 1999, S. 39 – 42.

Ahnenerbe > Artamanen > Atland.

Ahnen-Erfahrung. Erlebnis der Anwesenheit von > Ahnen oder der Kommunikation mit ihnen. In der > Transpersonalen Psychologie spricht man von induzierten transpersonalen Erlebnissen, die mit einem intensiven Gefühl der > Regression in eine vergangene Zeit verbunden sind. Dabei ist der gemeinsame kulturelle wie genetische Hintergrund des Erlebenden und seines bzw. seiner Ahnen das entscheidende Bindeglied. Bei solchen Erfahrungen werden von der Testperson Fakten aus dem Leben eines oder mehrerer Vorfahren aufgenommen, die sogar Jahrhunderte zurückreichen können. Gelegentlich befinden sich darunter auch Informationen, die der Versuchsperson unbekannt gewesen sein mussten oder überhaupt nicht zugänglich waren. Nach spiritistischer Deutung kann es sich hier auch um Kundgaben oder Erscheinungen der verstorbenen Vorfahren handeln.

Lit.: Grof, Stanislav: Topographie des Unbewussten. LSD im Dienst der tiefenpsychologischen Forschung. Stuttgart: Klett-Cotta, 1978.

Ahnenfigur. Gezeichnete, gemalte oder geformte Darstellung eines > Ahnen, eines Vorfahren. Eine A. kann als Schutzmittel dienen, um Rat gefragt und entsprechend kultisch verehrt werden. Manchmal werden außer solchen Figürchen auch Knochen, Schädel oder Haarbüschel eines Ahnen an einem besonderen Ort aufbewahrt und zu besonderen Anlässen mit Speiseopfern oder anderen Riten geehrt. Auf den Neuen Hebriden kommt es auch vor, dass der Schädel eines Ahnen mit Ton bearbeitet wird, so dass er seinem Vorbild ähnlicher sieht.

Lit.: Lurker, Manfred (Hg.): Wörterbuch der Symbolik. Aufl. Stuttgart: Kröner, 51991; Chesi, Gert: Die Medizin der Schwarzen Götter: Magie und Heilkunst Afrikas. Innsbruck: Haymon, 1997.

Ahnengeister. > Geister der Vorfahren bzw. > Ahnen, auch eine Art von > Doppelgängern der von den Ahnen stammenden Elemente im Menschen, die der anderen Welt angehören und über das Leben und Schicksal der in dieser Welt lebenden Menschen wachen. Diese Vorstellung ist weit verbreitet, insbesondere bei afrikanischen Kulturen. Im Kongo erreichen z. B. die Geister der Verstorbenen, die Mizumu, denselben Realitätsgrad, der ihnen schon zu ihren Lebzeiten zukam. Auch auf Madagaskar ist der Glaube an die Macht der Geister der Ahnen, der dort Razana heißt, stark ausgeprägt; er geht davon aus, dass sie in das Dasein der Lebenden wirksam eingreifen.
Bei manchen Völkern kann sich die Bedeutung der A. zu der von höheren Göttern steigern, wie es etwa bei den indonesisch-ozeanischen Dema-Gottheiten oder den Ahnengöttern Japans der Fall ist.

Lit.: Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. 4. Aufl. / neu bearb., erg. u. hg. v. Kurt Goldammer. Stuttgart: Kröner, 1985; Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen. Bd. 3 / 2. Freiburg: Herder, 1991; Parker, Derek und Julia: Das Übernatürliche. Atlas des Paranormalen. RVG Interbook, 1993.

Ahnenglaube. Glaube an die über den körperlichen Tod hinausgehende Verbundenheit der Lebenden mit den verstorbenen Vorfahren. Trauer, Mitleid, Furcht und Verehrung sind die Bindeglieder, die den Lebenden mit seinen > Ahnen verbinden. Götterkult und A. können ineinander übergehen. A. und > Ahnenverehrung waren bzw. sind in vielen Kulturen verbreitet. Auch aus dem germanischen, vorchristlichen Bereich ist der Glaube an das Eingreifen der Ahnen in das Leben der Verbliebenen überliefert, vor allem durch die altnordische Literatur. Etymologisch gesehen zeugt z. B. das Wort Enkel heute noch von diesem Glauben, denn ahd. hieß es eninchilî, das so viel wie „der kleine Großvater“ bedeutete.

Lit.: Bömer, Franz: Ahnenkult und Ahnenglaube im alten Rom. Leipzig: Teubner, 1943; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd.  1. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Kerner, Martin: Ahnenglaube im bronzezeitlichen China und sein kultureller Einfluss im Malayischen Archipel. 2., erw. Aufl. Kirchdorf / Schweiz: M. Kerner, 1997.

Ahnenkult > Ahnenverehrung.

Ahnenpfahl > Totempfahl.

Ahnenverehrung (engl. ancestor worship). Verehrung der Vorfahren. Die A. basiert auf dem > Ahnenglauben, der von der Einflussnahme der Ahnen auf die Lebenden ausgeht. Sie gestaltet sich von Kultur zu Kultur unterschiedlich, schließt in der Regel jedoch Gebete, inständiges Bitten und Opfergaben der Verbliebenen ein, die den Ahnen zu Ehren dargebracht werden und sie wohlwollend stimmen sollen. Die Annahme von der Einwirkung der Ahnen auf das hiesige Leben ist die Triebfeder jeglichen Ahnenkultes, wobei die Grenzen zwischen Kult und Verehrung unscharf gezogen sind. Dabei ist die Verehrung der Ahnen nicht auf die Vorfahren einer Familie beschränkt, sondern bezieht alle Toten einer Gemeinschaft, auch schon längst Verstorbene, mit ein (Ohm). A. kann als das Kernstück der Totenverehrung betrachtet werden.
Eine besondere Form der A. drückte sich in dem römischen „Recht auf Bilder“, ius imaginum, aus (> Manen). Vornehme römische Bürger konnten sich danach Wachsmasken von ihren Vorfahren anfertigen lassen, die dann von Schauspielern bei Bestattungen eines Familienmitgliedes getragen wurden. Diese Schauspieler, die außerdem die Kleider des betreffenden Ahnen trugen, gingen vor der Leiche her und sollten die Aufnahme des Verstorbenen in den Kreis darstellen. Auch bei den Germanen wurden die Ahnen hoch geschätzt, so dass diese sogar zu höheren Himmelsgöttern emporstiegen.
Masken haben besonders in Afrika sowie in Melanesien eine wichtige Funktion im Ahnenkult. Hier sind sie das Medium, durch das der Ahne sich ausdrücken, d. h. handeln und sprechen kann. Der > Ahnenglaube bleibt dabei auf dem Niveau der Verehrung stehen und geht nicht in Gottesanbetung über. Die Verbindung zum höchsten Wesen, dem Schöpfergott, bleibt unangetastet über der Gemeinschaft mit den Ahnen bestehen.
Im biblischen Israel gab es vermutlich keinen Ahnenkult, auch wenn > Totenbefragung praktiziert wurde (1 Sam 28, 7 ff; Jes 8, 19; 29, 4). Möglicherweise existierte jedoch in Kanaan, wahrscheinlich sogar in Mesopotamien, eine kultische Verehrung der Ahnen. Grundsätzlich lässt sich der alttestamentliche Glaube an Jahwe jedoch nicht mit einem solchen Kult vereinbaren (Lev 19, 28; Dtn 14, 1).
In Ägypten wurde der Ahnenkult nach Ablauf der Periode des personenbezogenen Ahnenkultes in der dritten bis fünften Generation gewöhnlich durch kollektive Kultformen abgelöst. Spätestens für die römische Zeit verdichten sich die Belege einer andauernden Nutzung von Mumien im Ahnenkult (Fitzenreiter).
In Amerika spielt A. nur bei wenigen Völkern eine Rolle, am ehesten noch bei den Muisca Kolumbiens und den Inka in den Anden Perus. Hier wurden den Verstorbenen Hilfsmittel auf die schwierige Reise ins Jenseits mit in das Grab gegeben, so z. B. Nahrung oder auch ein Hund, wie von den Azteken bekannt ist. Auch Frauen oder Diener wichtiger Persönlichkeiten wie etwa Fürsten konnten diesem Zweck dienen und zur Verbesserung der Lebensbedingungen in der anderen Welt beitragen, d. h. sie wurden geopfert und gemeinsam mit dem verstorbenen Fürsten bestattet. In der nachklassischen Mayazeit war es Brauch, aus den Schädeln von Fürsten Masken herzustellen und zusammen mit Ahnenbildern aufzubewahren. In Nordamerika ist nur von den Zuni, einem Stamm der Pueblo, Ahnenkult bekannt. Sie nannten ihre > Ahnengeister Katchina und stellten sich dabei freundliche Wesen vor, die einmal im Jahr in ihr irdisches Heimatdorf zurückkehrten, um dort Gutes zu tun.
In Ostasien (China, Japan, Korea) ist die A. weit verbreitet und hat großen Einfluss auf das Gesellschafts- und Privatleben. Noch heute ist es in China, wo seit den Anfängen der Kultur A. geübt wurde, Sitte, aus Seidenpapier gebastelte prachtvolle Kleidchen, auch Geld und Tücher zu verbrennen – den Ahnen im Jenseits zur Ehre.
Für die Hindus wird die A. in den Kontext der Befreiung aus dieser Welt eingebunden, sie steht also nicht im Widerspruch zum > Reinkarnationsglauben. Durch eine besondere mit Opfern verbundene Zeremonie, sapindikarana, am 12. Tag nach dem Tod (bei bestimmten Kasten auch erst ein Jahr danach) gelangt der Verstorbene zu seinen Ahnen, ist nun selbst Ahne und hat damit Anspruch auf die Ahnenopfer. Diese Opfer sollen den guten Verlauf der Wiedergeburten fördern, den Ahnen ein glückliches Dasein im Jenseits ermöglichen, so dass diese wiederum den Lebenden hilfreich sein können (Hänggi, 35 f. bzw. 34 f.).

Lit.: Caland, W.: Die altindischen Toten- und Bestattungsgebräuche. Amsterdam, 1896; Frazer, Th.: The Belief in Immortality and the Worship of the Dead. 3 Bde. London, 1913–24; Krickeberg, W. u. a.: Die Religionen des alten Amerika. Stuttgart: Kohlhammer, 1961; Nötscher, Friedrich: Altorientalischer und alttestamentlicher Auferstehungsglauben. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1970; Biardeau, Madeleine: Clefs pour la Pensée Hindoue. Edition Seghers, 1972; Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart: Kröner, 41985; Ohm, Th.: Ahnen, Ahnenkult. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg i. Br.: Herder, 1986; Hänggi, Hubert: Reinkarnation und Ahnenverehrung im Glauben der Hindus. In: Hubert Hänggi / Carl A. Keller u. a.: Reinkarnation – Wiedergeburt – aus christlicher Sicht. Zürich: Paulus Verlag, 1987, S. 25 – 37; Resch, Andreas: Fortleben nach dem Tode. Innsbruck: Resch, 41987 (Imago Mundi; 7); Waldenfels, Hans (Hg.): Lexikon der Religionen. Freiburg: Herder, 1987; Bürkle, Horst: Ahnen, Ahnenverehrung. In: Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg: Herder, 1993; Fitzenreiter, M.: Zum Ahnenkult in Ägypten. Göttinger Miszellen. Beiträge zur ägyptologischen Diskussion (1994) 143, 51 – 72; Eliade, Mircea: Die Religionen und das Heilige. Frankfurt / u. a.: Insel, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, 21999.

Ahnfrau > Weiße Frau.

Ahnung (älter: Ahndung, auch > Vorahnung oder > Prämonition (Bossard), engl. premonition, presentiment). Inneres, vages Vorauswissen eines Zukünftigen oder gleichzeitig an einem entfernten Ort Stattfindenden, das „von selbst und ohne nachweisbaren Anlass auftritt“ (Lehmann, 566), nicht auf übliche Weise erkannt werden kann bzw. dessen Kenntnis nicht bewusst erworben wird. Die A. rückt damit in die Nähe von > Präkognition und > Hellsehen. Das mit einer A. gegebene Wissen kann sehr intensiv sein, hat jedoch nicht die Klarheit einer Gewissheit, sondern es schwingt etwas Ungewisses leise mit, und so ist dieses Vorherwissen auch verwandt mit Fürwahrhalten, Erwartung, Gefühl und > Vermutung. Eine A. ist das „Vorgefühl eines Kommenden“ (Tenhaeff, 301). Häufig ist die A. mit einem unerfreulichen Ereignis, Lebenskrisen, Krankheits- oder Todesfällen verknüpft. Man spricht von einer bösen A. oder auch von Todesahnung. Bossard weist daraufhin, dass sich beim Überblicken der Geschicke des eigenen Lebens häufig „innere Empfindungen und Beunruhigungen“ entdecken lassen, die ihnen vorausgehen (Bossard, 553).

Lit.: Bender, Hans: Unser sechster Sinn. Telepathie, Hellsehen, Spuk. München: Goldmann, 1981; Tenhaeff, W. H. C.: Anthropologische Parapsychologie und historischer Idealismus. In: Andreas Resch: Der kosmische Mensch. Innsbruck: Resch, 21984 (Imago Mundi; 4), S. 263 – 307; Lehmann, Alfred: Aberglauben und Zauberei. Bindlach: Gondrom, 1990; Bossard, Robert: Zukunftsvisionen und wissenschaftliche Prognosen. In: Andreas Resch: Aspekte der Paranormologie. Innsbruck: Resch, 1992 (Imago Mundi; 13), S. 533 – 563.

Ahorn (lat. acer). Gattungsname für über 150 Baumarten, die sich durch eine bunt geflammte Färbung ihres Holzes auszeichnen. Der A. hatte seine Urheimat im antiken Griechenland. In Mitteleuropa sind heute vor allem drei Arten des saftreichen A.-Baumes verbreitet, der weißholzige Berg-A. oder Weißbaum (Acer pseudoplatanus), der Spitz-A. (Acer platanoides) und der Feld-A. bzw. Maßholder oder auch Deutscher Ahorn (Acer campestre).
Wegen der sprichwörtlichen Härte und schönen Maserung des Holzes wurde der A. schon in der Antike als Bauholz, massiv oder als Furnierholz geachtet. So war auch das Trojanische Pferd teilweise aus A.-Holz gezimmert. Dieses Holz wird auch dafür verantwortlich gemacht, dass die Trojaner beim Anblick des Pferdes in Angst und Schrecken versetzt wurden. A.-Bäume wuchsen auch in dem heiligen, dunklen Opferhain der Kybele-Rheia, wobei sie jedoch nicht den wichtigsten Teil des Haines ausmachten. Macrobius kann den A. jedoch weder den „glücklichen“ noch den „unglücklichen“ Bäumen zuordnen (Paulys Real-Encyclopädie).
Das Wissen um die Heilkraft des A. hat eine lange Geschichte. In der ägyptischen Heilkunde stand der A. bereits um 1600 v. Chr. hoch im Kurs, wie aus dem Papyrus Ebers hervorgeht. Für die antike Heilkunst bot vor allem die Wurzel des Baumes ihre Hilfe an, so z. B. als Mittel gegen Leberschmerzen oder Ungeziefer bei Schafen. In Deutschland finden wir im 12. Jh. ein frühes Zeugnis für die Heilkraft des A. bei > Hildegard von Bingen, die ihn als Mittel bei täglichem Fieber und Gicht empfiehlt. Generell wurde in der Medizin des Mittelalters die kühlende Wirkung des A. geschätzt, die bei verschiedenen Arten von Geschwüren und Schwellungen eingesetzt wurde. In der deutschen > Volksmedizin wurden vor allem die A.-Blätter als wundheilend und menstruationsfördernd geschätzt. Im 16. Jh. bekommt der A. von dem Autor eines berühmten Kräuterbuches, von Tabernaemontanus, schließlich auch ein Kompliment für seine Wesenart, und zwar für seinen „lustigen Schatten“ (Tabernaemontanus, 1588). In der deutschen Tradition wird dem A. ferner antidämonische Kraft zugeschrieben. Zapfen aus dem Holz des Baumes, an Türen und Schwellen angebracht, verhindern das Eindringen von Hexen in Häuser und Ställe (Bächtold-Stäubli).

Lit.: Tabernaemontanus, Jac. Theod.: New Kreuterbuch. Das erste Buch Frankf. / M., 1588. – Das ander Theyl … durch Nicol. Braun. Frankf. / M., 1591 (spätere Ausgaben z. B. 1613); Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart, 1894 ff., Bd. 1, 1894; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 1. Bd. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Fischer, Susanne: Blätter von Bäumen. Legenden, Mythen, Heilanwendung & Betrachtung von einheimischen Bäumen. München: Hugendubel, 41989.

Ah-Puch. Einer der Namen, die von den Maya in Yucatán dem Herrscher der Unterwelt gegeben wurden. Welcher der Namen als der echte aufzufassen ist, bleibt offen. Aus diesem Grunde wird der Unterweltsherrscher von den Forschern nach der von Paul Schellhas erstellten Götterliste der Maya nur „Gott A“ genannt.
Der in den Maya-Codices achtzigmal gezeigte reich geschmückte Totengott mit den Attributen Nachteule und Hund, deren Erscheinen in diesem Zusammenhang als böses Omen gedeutet wurde, gilt als unterweltliches Gegenstück des Himmelsgottes > Itzamná.

Lit.: Schellhas, Paul: Die Göttergestalten der Mayahandschriften. Berlin: Asher, 1904.

Ahriman (mittel- und neupersische Form für avestisch angra mainyu, „arger Geist“, zu altpers. a(h)rika, „feindselig“, „feind“). Name des Prinzips des Bösen, das in der dualistischen Religion des Zoroaster (> Zarathustra) dem Gott > Ahura Mazda, dem Prinzip des Guten, das die Welt geschaffen hat, gegenübersteht. Als oberster der Teufel ist A. der Erreger der 9999 Krankheiten. Er regiert die Welt 9000 Jahre, bis er von Ahura-Mazda überwunden wird, worauf dann eine Zeit ewigen Friedens ohne Tod, Krankheit und Not anbricht. In der > Mitrareligion und im > Zervanismus wird A. als Gott verehrt, dem jene Tiere geopfert werden, die der bösen Macht angehören. Nachzarathustrisch sind die Aussagen: verderblicher Lügner, Haupt der > Devas mit den Hexen, Versucher des Propheten und Urheber einer Gegenschöpfung. Sein Symboltier ist die Schlange und sein Aufenthaltsort die Unterwelt voll anfangloser Finsternis, aus der er Rauch und Schwärze, Unheil und Tod in die Welt mitbringt.
Der Materie wird er erst im gnostischen > Manichäimus gleichgestellt. In dieser Bedeutung wurde A. von der > Anthroposophie aufgegriffen. Bei Rudolf > Steiner ist A. zusammen mit > Luzifer eine geistige Macht, die über dem Menschen steht. A. ist der König der Materie. Sein Prinzip ist die Materialität und der Tod. Ahrimanisch ist demnach das Denken, welches das Leben nach den Gesetzen des Physischen beurteilt und behauptet, dass Geist und Seele ohne physischen Körper nicht existieren können und ein Weiterleben nach dem Tode deshalb grundsätzlich unmöglich sei. Sein Begleiter Luzifer (Lichträger) versucht hingegen das Denken des Menschen zu beeinflussen. Dieser Dualismus des „Guten“ und „Bösen“ fand auch in der > Astrologie (Luck, 394) durch die Rede von „guten“ und „bösen“ Planeten eine Entsprechung.

Lit.: Darmesteter, James: Ormazd et Ahriman. Paris, 1877; Steiner, Rudolf: Der Mensch – ein Ergebis des Zusammenwirkens von Luzifer und Ahriman. Dornach: Philosophisch-Anthroposophischer Verl., 1948; Duchesne-Guillemin, Jacques: Ormazd et Ahriman. Paris: Presses Universitaires de France, 1963; Luck, Georg: Magie und andere Geheimlehren in der Antike. Stuttgart: Kröner, 1990, S. 383 – 398.

Ahti. Finnischer Wassergeist, ursprünglich in der Bedeutung einer Gottheit, die von den Fischern um einen guten Fang angerufen wurde.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Ahu ist die Bezeichung der mörtellos zusammengefügten Steinplattformen auf der Osterinsel Rapa Nui in Polynesien. Es sind dies enorme rampenförmige Steinaufschichtungen entlang der Küste, mit meterhohen Stützmauern zur See. Im Inselinnern stehen nur wenige Ahu. Archäologen unterscheiden fünf Typen von Ahu: Plattform-Ahu, Image- Ahu, Halbpyramiden-Ahu, Kanu-Ahu und Keil-Ahu. Die ersten Ahu entstanden kurz nach der Besiedlung der Insel um das 5. Jahrhundert. Um 1000 n. Chr. wurden die ersten Kolossalstatuen aufgerichtet und es entstanden die sog. Image-Ahu. Alle Ahu sind Bestandteil von Riten, die ausschließlich dem Ahnen- und Totenkult gewidmet waren. Den Monumenten ist ein Krematorium für die Leichenverbrennung zugeordnet; zudem enthielten die historischen Bauwerke Grabkammern. Die letzten Ahu entstanden noch im ausgehenden 19. Jahrhundert.

Lit.: Leopold, Peter: Rapa Nui – Die Osterinsel: Alltag & Mythos des entlegensten Eilands der Welt. Wien: Löwen-Ed., 1994; Bierbach, Annette: Religion and Language of Easter Island: an Ethnolinguistic Analysis of Religious Key Words of Rapa Nui in their Austronesian Context. Berlin: Reimer, 1996.

Ahuna vairya. Die heiligste Gebetsformel des > Avesta als Bekenntnis zu > Zarathustra, dem von > Ahura Mazda zum „Hirten“ und Bereiter eines künftigen Reiches eingesetzten Herrn: „Der Wille des Herrn ist das Gesetz der Gerechtigkeit; der Lohn des Himmels für die Werke, die hier in der Welt für Mazda geübt werden; das Reich schenkt Ahura demjenigen, der die Armen unterstützt.“ Dieses Gebet hat die Kraft, alle bösen Geister zu vertreiben.

Lit.: Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart: Kröner, 1985.

Ahura Mazda (avest., „Herr der Weisheit“; altpers. Auramazda, mittelpers. O(h)rmazd). Hochgott, Schöpfer und Erhalter der Welt nach der Lehre des Propheten und Religionsstifters > Zarathustra. Die meisten Gelehrten vertreten hierbei die Ansicht, dass Zarathustra die Lehre in Bezug auf eine existierende Gottheit völlig reformierte, zumal medha in der vedischen Tradition „weise“ bedeutet. Sicher ist jedenfalls, dass sich der Schwerpunkt der Lehre von der überkommenen Tradition unterscheidet. Zarathustra behauptet, A. persönlich gesehen zu haben und von ihm berufen worden zu sein. Dies führte im Zoroastrismus von Anfang an zur Vorstellung von einem persönlichen Gott. In den auf Zarathustra zurückgehenden ältesten Teilen des > Avesta, den Gathas (Gesänge, Hymnen), wird von Ahura M. berichtet, er sei der Schöpfer aller Dinge, der Himmel, der Menschheit, der materiellen wie der geistigen Welt. Der altarische Polytheismus und die mit ihm verbundenen Rinderopfer werden zugunsten des Monotheismus abgelehnt, der allerdings im Widerspruch zu dem von Zarathustra betonten strikten Dualismus vom „bösen Geist“ (> Angra Mainyu, mittelpers. > Ahriman) als Widersacher von A. und dem „heiligen Geist“ (> Spenta Mainyu) steht, der später mit A. identifiziert wurde. Die ersten Schöpfungen von A. waren die > Amesha Spentas, die himmlischen Mächte. Unter ihnen stehen in der Hierarchie die yazatas oder die verehrungswürdigen Wesen, die sich aus alten vorzoroastrischen Gottheiten wie etwa > Mitra zusammensetzen. In der modernen zoroastrischen Auslegung werden die Amesha Spentas oft mit Engeln und Erzengeln des Juden- und Christentums verglichen.
Was die Attribute von A. betrifft, so wird gesagt, dass er ein sternenbedecktes Gewand trage und seine reinste Form die Sonne in ihrem Höchststand und das Licht auf der Erde seien. A. ist der gute Schöpfer, der mittels des Feuers das Gute vom Bösen unterscheiden kann und der letztendlich über das Böse triumphieren wird.
Im späteren > Zervanismus wurde dann der Versuch unternommen, einen Ausgleich zwischen Monotheismus und Dualismus in der Konzeption eines über Ormazd und Ahriman stehenden höchsten Prinzips Zurvan (die Zeit) herzustellen.
Von den Magiern wurde dieser Feuer- und Lichtkult dann so überformt, dass nur mehr wenig vom alten persischen Gedankengut übrig blieb. So sind auf die > Chaldäer wesentliche Aspekte der > Magie wie auch der > Alchemie zurückzuführen, wie die Vergöttlichung bzw. Dämonisierung von Planeten und deren Verbindung mit den Metallen, oder die Verbindung von Astrologie und Alchemie, von Zahlenmystik und Alchemie, die wiederum die hellenistischen Denkschulen beeinflussten (Priesner, 229).

Lit.: Sickle, Sal: The Greater Truth from the Great Spirit: the Supreme Lord God, Jehova – Ahura-Mazda, the Supreme Architect and Grand Master of this Solar System, His Universe. Salt Lake City, 1922; Duchesne-Guillemin, Jacques: Ormazd et Ahriman. Paris: Presses Universitaires de France, 1963; Jhabvala, Yasmine: Vers Ahura Mazda. Bern: Lang, 1992; Priesner, Claus / Figala, Karin (Hg): Alchemie. München: Beck, 1998.

Ahurani („die zu Ahura Gehörende“). Altiranische Wassergöttin, von der man sich Wachstum, Erleuchtung und Nachkommenschaft erflehte und die kultisch verehrt wurde.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

 

 

Bisher in gedruckter Form erschienen:
Resch, Andreas: Lexikon der Paranormologie. Band 1: A – Azurit-Malachit. Innsbruck: Resch, 2007 (LPN; 1), XII, 580 S., ISBN 978-3-85382-081-0
Resch, Andreas: Lexikon der Paranormologie. Band 2: B – Byzanz. Innsbruck: Resch, 2011 (LPN; 2), XII, 509 S., ISBN 978-3-85382-090-2
Resch, Andreas: Lexikon der Paranormologie. Band 3: C – Czudo morskoe. Innsbruck: Resch, 2017 (LPN; 3), VII, 322 S., ISBN 978-3-85382-102-2

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