Lexikon Paranormologie

Die Idee eines Lexikons der Paranormologie geht bereits in die 1960er Jahre zurück, wo Andreas Resch sich mit dem Gedanken trug, den gesamten Bereich des Paranormalen zumindest begrifflich einzufangen. Als er dann nach dem II. Vatikanum 1969 den ersten Lehrauftrag in der Geschichte der Kirche zu Vorlesungen über den Bereich des „Okkulten“ an der Accademia Alfonsiana, Päpstliche Lateran-Universität in Rom, erhielt, nahm das Vorhaben konkrete Gestalt an. Dabei stand er vor dem großen Problem, einen Terminus zu finden, der den Gesamtbereich des Paranormalen abzudecken vermag, ohne dabei schon eine Deutung zu beinhalten. Als Ausweg bediente er sich zur Benennung meiner Vorlesung zunächst der allgemeinen lateinischen Formulierung Introductio in scientiam phaenomenum paranormalium (Einführung in die Wissenschaft der paranormalen Phänomene). Diese Formulierung fasste er schließlich zu dem Begriff Paranormologie zusammen, der ganz neutral die „Wissenschaft der paranormalen Phänomene“ bezeichnet, zumal sich der Terminus „Parapsychologie“ für die Bezeichnung des gesamten Gebiets des Paranormalen als zu eng und Begriffe wie „Esoterik“ oder „Okkultismus“ als zu unwissenschaftlich erwiesen.

Paranormologie

Der Begriff „Paranormologie“,der bereits international verwendet wird, ist frei von jeder Fachbegrenzung, jeder Ausgangshypothese, jeder Deutungsrichtung, und eignet sich daher zur Bezeichnung des wissenschaftlichen Bemühens um den Gesamtbereich des Paranormalen. Gerade im Bereich des Paranormalen hat der Grundsatz zu gelten: „Das Phänomen hat die Wissenschaft zu bestimmen und nicht die Wissenschaft das Phänomen.“ Die Paranormologie befasst sich jedoch nicht nur mit der Klärung der außergewöhnlichen Phänomene, die in die Bereiche Paraphysik, Parabiologie, Parapsychologie und Parapneumatologie gegliedert werden, sondern auch mit der Geschichte des Paranormalen, den verschiedenen Lehren, Gemeinschaften, Gesellschaften und Instituten im Bereich des Außergewöhnlichen.

Lexikon der Paranormologie

Das Lexikon der Paranormologie beschreibt daher begrifflich den Gesamtbereich der Grenzgebiete der Wissenschaft, angefangen von den Grenzgebieten der Physik über jene der Biologie, Medizin, Psychologie, Geschichte und Religionswissenschaft bis hin zu Volks- und Völkerkunde, Mythologie und Mystik, verbunden mit Informationen über einschlägige Lehren, Personen, Institutionen, Gemeinschaften und Praktiken. Dazu mussten für die Begriffssammlung unzählige Nachschlagewerke von Physik bis Mystik konsultiert werden, um einen vorläufigen Thesaurus zu erstellen. Ein solcher Thesaurus ist ständig durch neue Begriffe in den Publikationen zu ergänzen, um größtmögliche Vollständigkeit zu erreichen.
Die Begriffsliste wird jeweils durch das Begriffsregister der Bibliothek des Instituts für Grenzgebiete der Wissenschaft (IGW) sowie die einschlägigen Wörterbücher, Lexika und die diesbezüglichen Neuerscheinungen vervollständigt. Die endgültige Festlegung erfolgt dann bei der Ausarbeitung selbst, wo noch weitere Begriffe hinzugenommen, aber auch ausgesondert werden. Das Kriterium bilden dabei immer „das Außergewöhnliche und die Bedeutsamkeit des Begriffes“. So finden Begriffe, die durch keinerlei nähere Angaben oder literarische Unterlagen verifiziert werden können, keine Aufnahme. Ebenso werden noch lebende Personen oder solche, deren Lebensdaten nicht hinreichend geklärt sind, nur bedingt aufgenommen. Das gilt auch für Vereine, Gesellschaften und Journale. Desgleichen können von den unzähligen Götter-, Engels- und Teufelsnamen sowie Fabelwesen in Religion, Mythologie, Sagen und Märchen nur die wichtigsten berücksichtigt werden.
Die fremdsprachigen Bezeichnungen einzelner Begriffe werden nur bei speziellen Fachbegriffen berücksichtigt.
Die ausgewählten Begriffe werden jeweils nach dem Schema: Begriff – Definition – Geschichte – Aktuelle Bedeutung – Literatur beschrieben. Die Beschreibung zielt dabei neben einer umfassenden Darstellung auf eine einprägsame Verständlichkeit ab. Weniger gebräuchliche Termini werden hingegen lediglich definiert. Dem raschen Überblick über die einzelnen Begriffe und Namen dient das Register.

Begriffe Aa

A Der Buchstabe A ist in fast allen Alphabeten der erste Buchstabe, im Hebräischen aliph, im Griechischen alpha. Als erster Buchstabe lässt sich A vielleicht bis zur hieratischen Schrift der Ägypter, sicher jedoch bis zum Phönizischen zurückverfolgen. Die älteste Form erinnert an einen Ochsenkopf und wurde daher von den Semiten Aliph bzw. Aleph = Ochse genannt, woraus das griechische alpha entstand. Auch in der > Astrologie entspricht das erste Tierkreiszeichen, der Stier, dem aliph der Hebräer. Ebenso wird das > Andreaskreuz im magischen Sinn mit dem hebräischen aliph in Beziehung gesetzt. Religionsgeschichtlich bezeichnet A das „Ursprüngliche im Menschen“ und umfasst Geist, Leben, Licht – also alles, was auf das Höchste hinweist. So drückt es aus: > Brahman, > Brahma, > Atem, > Allah im Islam und verweist auf den Ausdruck > A und O, > Alpha und Omega, in der Bibel.
Alles fließt offen im und durch das A. A ist Ausruf der Freude und des entzückten Erstaunens. Seine Farbe sind das Blau und das Grün.

Lit.: Bardon, Franz: Der Schlüssel zur wahren Quabbalah. Freiburg i. Br.: Hermann Bauer, 1957; Frick, Karl R. H.: Die Erleuchteten. Graz: ADEVA, 21998; Spiesberger, Karl: Das Mantra-Buch. Berlin: Richard Schikowski, 1977 (Die magischen Handbücher; 24).

A und O

(Abk. für griech. > Alpha und Omega). Der erste und letzte Buchstabe im griechischen Alphabet müsste also deutsch mit A und Z wiedergegeben werden. Die Ausdrucksweise hat sich jedoch durch die Formulierungen der Bibel als Redewendung in der Bedeutung des Allumfassenden festgesetzt. „Ich bin das A und O, sagt Gott der Herr“ (Apk 1, 8; vgl. 21, 6). Gleiches gilt auch von Christus: „Ich bin das A und O, der Erste und der Letzte, der Anfang und das Ende“ (Apk 22, 13; 1, 17; 2, 18). Wie A als erster und O als letzter Buchstabe alle Buchstaben und damit alles Sagbare in sich umfangen, so sind nach der Apokalypse Gott bzw. Christus Anfang und Ende, Schöpfer und Vollender. Seit dem 14. Jh. ist das Symbol „A und O“ in der christlichen Kunst ausschließlich auf Christus bezogen und findet sich als Christusmonogramm u. a. auf Grabsteinen, Sarkophagen, Münzen und Ringen. Im Griechischen beschreibt das ganze Alphabet das All, so dass man z. B. die Stunden des Tages mit den 24 griechischen Lettern kennzeichnete und zudem eine Beziehung zu den 12 Tierkreiszeichen herstellte. In der > Bhagavadgita 10, 23: wird > Krishna als „der Schöpfung Anfang, Mitte und Ende“ bezeichnet.

Lit.: Dornseiff, Franz: Das Alphabet in Mystik und Magie. 21925. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, [1994]; Die Bhagavadgita. Übers. und hrsg. von Klaus Mylius. Vollst. Ausg. München: Dt. Taschenbuch-Verl., 1997.

A.  A., auch A.·. A .·., lat. Abk. von Astrum Argenteum (auch bekannt unter dem Namen Argenteum Astrum bzw. Argentinum Astrum, engl. S.·. S.·. = Silver Star). Von Aleister > Crowley (1875 – 1947) im Jahr 1900 in Mexiko gegründeter magischer Orden, den er als eine Fortsetzung der > Goldenen Dämmerung (G. D.) sah, mit deren Führung er unzufrieden war. Als er 1904 den Kontakt zur G. D. wieder herstellen konnte, bezeichnete er den A. A. als den „Inneren Orden des Neuen Äons“, von dem das Gesetz von > Thelema ausgehe. Der A. A. verfügt über elf Grade (0 –10) und zwei Zwischengrade. Grundlage des Gradsystems ist der kabbalistische > Baum des Lebens. Der Orden lehrt die Selbsteinweihung und den Hass des Ichs, um den > Abyss(us), den > Abgrund, zu überqueren. Der > Neophyt des A. A. musste u. a. schwören: „…, das große Werk zu verfolgen, nämlich: die Herrschaft über die Natur und die Erlangung der Kräfte des eigenen Wesens“. Durch eine Reihe von Abwegigkeiten (Schläge und Sexualmagie) in der > Abtei Thelema in > Cefalù auf Sizilien kam der A. A. in großen Misskredit. Als offizielles Mitteilungsblatt diente dem Orden die Zeitschrift Equinox, die ab 1909 jeweils zur Frühlings- und Herbst-Tagundnachtgleiche erschien, zu Zeitpunkten also, an denen nach alten okkulten Traditionen neue esoterische Kräfte in die Welt fliessen sollen.
Heute z. B. versteht sich der A.·. A.·. , mit Sitz in Chicago, als Thelema-Organisation. Er führt seinen Ursprung gleich dem > Ordo Templi Orientis und der > Ecclesia Gnostica Catholica auf A. Crowley zurück und bezeichnet sich als die Höchste und Ewige Innere Schulung von Initiationen, die zu aller Zeit die Bewusstseinbildung auf diesem Planeten im Blick hatte. Ihre Hauptaufgabe sieht er in der individuellen Initiation, die in zehn Stufen erfolgt. Das von ihm herausgegebene
Buch des Gesetzes, eine schwer verständliche Sammlung von Aphorismen, die Crowley direkt von einem Abgesandten des Horusgottes diktiert worden sein soll, verkündet die Ankunft des Zeitalters des > Horus. Die derzeitige äußere Form des A. A. wurde 1906 von A. Crowley und George Cecil Jones geprägt und fußt auf den folgenden beiden Grundsätzen des Liber legis: „Jeder Mann und jede Frau sind ein Stern.“ – „Tu was Du willst, soll das oberste Gesetz sein.“

Lit.: The Equinox: the official organ of the A. A. Hrsg. v. Aleister Crowley. London 1 (1913); Crowley, A.: Liber AL vel legis sub figura CCXX as delivered by LXXVII unto DCLXVI. Handschrift, auf 74 Kartonkarten; Cefalù (?). Nach 1920 (?); Crowley, A.: Liber AL vel legis sub figura CCXX wie gegeben ward von CXIII = 418 an DCLXVI. Deutsche Übertragung von Frater Fines Transcendam. Zürich: Genossenschaft Psychosophia, 1953; Eschner, Michael D.: Der Orden Thelema. Berlin: Stein-der-Weisen-Verlag Kersken-Canbaz, 1983.

AAB, Abk. für Alice Ann > Bailey.
Aachen. Kreisfreie Stadt in Deutschland, laut Geschichtsschreibung zwischen 89 und 120 als römisches Militärbad gegründet und nach dem keltischen Quellgott > Grannus „Aquae Granni“ benannt. Lange Zeit verfallen, wurde der Ort 765 vom Frankenkönig Pippin dem Kurzen als Bad wiederentdeckt. Diese Entdeckung ist mit der Sage verbunden, wonach der Frankenkönig auf einer Jagd einem Hirsch gefolgt sei und sich im Wald verirrt habe. Dort stieß er auf eine Schlossruine, die sich aus einem spiegelglatten See erhob. Als er näher heranreiten wollte, versank das Tier mit den Vorderhufen im Sumpf und aus der Erde brach Dampf hervor. Der König erkannte, dass ihn Gott zu einer heißen Quelle geführt hatte und entschied, das Schloss wieder aufzubauen und in der Nähe zu Ehren der Gottesmutter eine Kirche zu errichten.

Lit.: Paulsen, Astrid: Der Schwarze Führer: Deutschland. Freiburg i. Br.: Eulen Verlag, 2000.

Aah, einer der Namen des altägyptischen Mondgottes > Thot.

Lit.: Drury, Nevill: Lexikon des esoterischen Wissens. München: Knauer, 1988.

Aal, gemeingermanische Bezeichnung (ahd. / mhd. al ) der aalartigen Fische, deren im Blut vorkommendes Gift (Ichthyotoxin) beim Kochen und Räuchern zerstört wird. Im natürlichen Zustand sei das Blut des Aals vor allem dem Auge schädlich.
Der Aal bzw. Teile von ihm finden nicht selten auch in der > Volksmedizin Verwendung. Pferden lasse man bei Bauchschmerzen einen lebenden Aal in den Hals laufen, der dann wieder herauskomme (Drechsler, 115). Die Kuh lasse man zur Steigerung des Geschlechtstriebes einen Aal schlucken. Das Blut des Aals wirke gegen Bauchgrimmen, Hühneraugen, Krämpfe, Warzen und vertreibe die Feuermähler (Jühling, 17–20). Im Branntwein ertränkter Aal heile Trunksüchtige, wenn sie einen solchen Branntwein trinken. Sein Fett helfe bei Schwerhörigkeit, Augenleiden, Hämorrhoiden und kräftige Haar und Hautfarbe. Die Leber sei fördernd bei Schwergeburt wie auch die Galle, die zudem bei Schwerhörigkeit, Augenleiden, Gelbsucht und Schlaflosigkeit wirke. Bei Koliken lege man dem Betroffenen einen lebenden Aal auf den Bauch. Derlei Vorstellungen wurden zudem noch durch die vom Altertum über das Mittelalter bis in die Neuzeit vertretene Auffassung untermauert, dass der Aal beide Geschlechter in sich vereinige, da sich in den Flüssen nur Weibchen aufhalten (Bächtold-Stäubli 1, 1–2).

Lit.: Drechsler, Paul: Sitte, Brauch und Volksglaube in Schlesien. 2 Bde. Leipzig, 1903 –1906; Jühling, Johannes: Die Tiere in der deutschen Volksmedizin. Leipzig, 1900; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Aalener Schule > Kosmobiologie.
Aalraupe, (Aal-)Quappe, Quakaal, Rutte, Drüsche, Trische, Rufurken, Rufolk (lat. lota vulgaris), helfe gegen Gelbsucht und bei Schwergeburt. Bei entzündeten Augen sei insbesondere das Aalquappenfett aus der Leber der Aalraupe heilsam.

Lit.: Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, Nachdr. (1843) 1973.

Aanru, den Verstorbenen zugewiesenes Gefilde, wo die > Manen, die vergötterten Schatten der Toten, als Ernte dessen, was sie durch ihre Handlungen im Leben gesät haben, das sieben Ellen hohe Korn einsammeln, welches in einem in sieben und in vierzehn Teilen geteilten Gebiet des > Osiris wächst (Blavatsky 1, 257, 737, 241).

Lit.: Blavatsky, Helena P.: Die Geimlehre. Bd. 1. Den Haag: J. J. Couveur, o. J.

Aanrufeld, ein Gebiet in > Amenti, dem Reich, wo das Korn wächst, von dem die Toten leben oder das sie tötet (Blavatsky 1, 157).

Lit.: Blavatsky, Helena P.: Die Geimlehre. Bd. 1. Den Haag: J. J. Couvreur, o. J.

AAORRAC, lat. Abk. von Antiquus Arcanus Ordo Rosae Rubeae Aureae Crucis (Ehrwürdiger Geheimer Orden der Rubinroten Rose des Goldenen Kreuzes). Seine Lehre fußt auf den vier esoterischen Säulen: Astrologie, Alchimie, Mystik und Magie. Der Orden wurde im letzten Quartal 1952 von Eduard Munninger auf der Donauburg Krämpelstein / Österreich gegründet. Als die Burg Krämpelstein abbrannte, wurde der Ordenssitz nach Klosterneuburg verlegt. Die Hauptaufgabe des Ordens liegt in der Verbreitung der > Pansophie, worunter eine religiöse Naturphilosophie zu verstehen ist, die in den Schriften von > Comenius und > Paracelsus auftaucht und den Grundanschauungen neuplatonischer Lehre ähnelt.

Lit.: Haack, Friedrich W.: Geheimreligion der Wissenden. Stuttgart; Berlin: Kreuz-Verlag, 1966.

Aaron (Etymologie ungewiss). A. ist der um drei Jahre ältere (Ex. 7, 7) Bruder des Moses und der Mirjam und stammte über Amran und Quehat von Levi ab (Ex. 6, 16 –20). Er hatte vier Söhne (Ex. 6, 23) und unterstützte Moses als dessen „Mund“ oder „Prophet“ (Ex. 4, 16; 7, 1) bei den Verhandlungen mit dem Volk und dem Pharao, wobei er zum Wundertäter wurde:

„Der Herr sprach zu Mose und Aaron: Wenn der Pharao zu euch sagt: Tut doch ein Wunder zu eurer Beglaubigung!, dann sag zu Aaron: Nimm deinen Stab und wirf ihn vor den Pharao hin! Er wird zu einer Schlange werden. Als Mose und Aaron zum Pharao kamen, taten sie, was ihnen der Herr aufgetragen hatte: Aaron warf seinen Stab vor den Pharao und seine Diener hin, und er wurde zu einer Schlange.
Da rief auch der Pharao Weise und Beschwörungspriester, und sie, die Wahrsager der Ägypter, taten mit Hilfe ihrer Zauberkunst das gleiche: Jeder warf seinen Stab hin, und die Stäbe wurden zu Schlangen. Doch Aarons Stab verschlang die Stäbe der Wahrsager“ (Ex 7, 8 –12).
„Dann sprach der Herr zu Mose: Sag Aaron: Nimm deinen Stab, und streck deine Hand über die Gewässer Ägyptens aus, über ihre Flüsse und Nilarme, über ihre Sümpfe und alle Wasserstellen; sie sollen zu Blut werden. Blut soll es geben in ganz Ägypten, in den Gefäßen aus Holz und Stein.
Mose und Aaron taten, was ihnen der Herr aufgetragen hatte. Er erhob den Stab und schlug vor den Augen des Pharao und seiner Höflinge auf das Wasser im Nil. Da verwandelte sich alles Nilwasser in Blut“ (Ex 7, 19 –20).

In dieser Eigenschaft des Vollstreckers der Anordnungen Gottes nimmt Aaron immer mehr die Aufgabe des Priestertums an, das ihm und seinen Söhnen bei der Ordnung des Kultes im Anschluss an den Sinaibund übertragen wurde. Seine Stellung als oberster Priester wurde durch besondere priesterliche Gewänder hervorgehoben, vor allem durch das sog. Brustschild mit den 12 Edelsteinen und den > Urim und > Tummim, die > Losorakel zur Befragung Jahwes. Ihr Gebrauch war dem Priester (Dt 33, 8), nach Ex. 28, 30 dem Hohepriester, vorbehalten.
Wie Moses durfte auch Aaron wegen des Vergehens bei Meriba (Num 20, 22 – 29) das verheißene Land nicht betreten, sondern starb auf dem Berg Hor.
Aus paranormologischer Sicht vereint Aaron durch seine Berufung, seine Fähigkeiten (> Aaronstab) und sein Priestertum die Gestalt des Schamanen, Propheten und Gottesboten.

Lit.: Bücher des AT: Exodus, Leviticus, Numeri, Deuteronomium, Josua, Samuel, Chronik, Psalmen, Weisheit, Jesus Sirach, Micha. NT: Apostelgeschichte, Zweiter Brief an Timotheus und Brief an die Hebräer.

Aaron HaLevy (ca. 1234 –1300). A. H., spanischer Kabbalist, ist Autor des bekannten Werkes Sefer hachinuch („Buch der Erziehung“).
Aaronitischer Segen. In Num 6, 22 – 23 wird Moses von Gott aufgefordert, Aaron und seinen Söhnen (Priester) die Segnung der Israeliten in folgender Form anzuordnen:

„Der Herr segne dich und behüte dich.
Der Herr lasse sein Angesicht über dich leuchten und sei dir gnädig.
Der Herr wende sein Angesicht dir zu und schenke dir Heil.“ (Num 6, 24 – 26)

Dieser in drei rhythmischen Wunschsätzen vorgetragene Aaronitische Segen ist in seiner Du-Form primär auf den Einzelnen ausgerichtet. Für die Verwendung im Kult finden sich daher nur allgemeine Hinweise (Lev 9, 22; Dtn 10, 8). Auch in der christlichen Liturgie blieb er lange unbeachtet. Franz von Assisi verwendete ihn in seinem „Segen für Bruder Leo“. Luther stellte ihn 1523 in der Wir-Form zur Wahl, in der Deutschen Messe 1525/26 führte er ihn im biblischen Wortlaut an. Calvin folgte 1542 mit einer zweigliedrigen Fassung im Plural. Nach dem II.Vaticanum wurde der Aaronitische Segen auch in die römische Messe eingeführt.

Lit.: Liturgia: Handbuch des evangelischen Gottesdienstes. Bd. 2. Kassel: Stauda 1954 / 55, S. 588 f.; Dürig, W.: Der Entlassungssegen in der Messfeier. In: Liturgisches Jahrbuch 19 (1969), 205 – 218; Luther, M.: Der Segen, so man nach der Messe spricht über das Volk, 1532 (WA 30, III, 572 ff.); Diebner, B. J.: Der sogenannte „Aaronitische Segen“ (Num 6, 24 – 26). In: Festschrift für Frieder Schulz: Freude am Gottesdienst / hrsg. von Heinrich Riehm. Heidelberg: H. Riehm, 1988, S. 201 – 218.

Aaronschurz der Jahwebrüder. General Erich Ludendorff (1865 – 1937) vertrat in seinem Kampf gegen Freimaurer, Jesuiten und Juden die Ansicht, das Geheimnis der > Freimaurerei sei überall der Jude. Zur Fundierung dieser These entwickelte er die Theorie vom „künstlichen Juden“, zu dem der Aaronschurz, der Schurz der hohepriesterlichen Bekleidung der Juden, gehöre. Da nämlich der „Schurz“ das Wesen der Fraumaurerei ausmache und eine mit ihm in Verbindung stehende Zeremonie des Meistergrades nach Ludendorff „die jüdische Beschneidung“ symbolisiere, würden auch christliche Freimaurer zu „künstlichen Juden“, um so ihre Völker den Juden hörig zu machen. Diese Grundidee findet sich in anderer Form auch bei Hitler, der ebenfalls in der Freimaurerei ein Instrumentarium des Judentums sah. Von freimaurerischer Seite werden alle Thesen Ludendorffs als haltlos und einwandfrei widerlegt bezeichnet.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Aaronstab (engl. Aaron’s rod). Die Bezeichnung „Aaronstab“ geht auf jene biblischen Berichte zurück, in denen Moses im Auftrag Gottes bei der Forderung des ägyptischen Pharao, zur Beglaubigung ein Wunder zu wirken, Aaron die Weisung erteilte: „Nimm deinen Stab, und wirf ihn vor den Pharao hin! Er wird zu einer Schlange werden“ (Ex 7, 9; 10 – 13). Darauf streckte Aaron den Stab über die Gewässer Ägyptens und sie wurden zu Blut (Ex 7, 19 – 20; 8, 1). Beim Schlag auf die Erde bildeten sich Stechmücken (Ex 8, 12 – 13). In der Bundeslade trieb der Stab Aarons Blüten und Mandeln (Num 17, 23). Schließlich schlug Aaron mit seinem Stab auf den Felsen und es quoll Wasser heraus (Num 20, 8-10).
So wurde der Aaronstab nicht nur zum > Zauberstab und zur > Wünschelrute, sondern auch zum > Aronstab (
arum maculatum) als Bezeichnung einer Pflanze mit kolbenförmigem Blütenstand und weißlichem, lilienähnlichen Hochblatt. Die Pflanze soll dort entstanden sein, wo Aaron seinen Wanderstab in den Boden steckte, und magische Heilwirkung haben, wenn die erkrankte Stelle mit dem Blütenblatt berührt wird. In der > Homöopathie findet sie als D2 – D6 bei Heiserkeit und Schnupfen Verwendung. Da die Pflanze außerdem auf den grünenden Stab Aarons verweist, steht sie, wie dieser, auch in Zusammenhang mit der Auferstehungssymbolik.

Lit.: AT: Exodus, Numeri; Magister Botanicus. Speyer: Die Sanduhr, 21995.

Aas (engl. carrion), der tote Körper eines Tieres, das ohne Blutverlust oder Schlachtung umkam. Es ist unrein und macht unrein (Lev 11, 24 – 40). Es soll vom Menschen nicht gegessen werden.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

AASE (Abk.) > Allgemeine Außersinnliche Erfahrung, > AASW, > ASE, > PE.

AASR. Abk. für > Alter und Angenommener Schottischer Ritus.

AASW > Allgemeine Außersinnliche Wahrnehmung (engl. GESP = general extra sensory perception; fr. perception extrasensorielle générale; it. percezione extrasensoriale generale).

AASW-Test. Nach J. B. > Rhine eine Technik, die das Auftreten außersinnlicher Wahrnehmung testet, wobei > Telepathie, > Hellsehen oder beides beteiligt sein kann.

Lit.: Rhine, J. B.: Die Reichweite des menschlichen Geistes. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1950; Wolman, Benjamin B. (Ed.): Handbook of Parapsychology. M. e. Einf. v. Howard M. Zimmermann. New York: Van Nostrand Reinhold Company, 1977; Nash, Carroll B.: Parapsychology: the Science of Psiology. Springfield, Il.: Charles C. Thomas, 1986.

Aatxe (baskisch „Jungstier“). Baskischer Geist in Stiergestalt, der in stürmischen Nächten seine Höhle verlässt und zuweilen Menschengestalt annimmt. In Synonymen wird die rote Farbe (gorri) hervorgehoben, wie bei der Bezeichnung Aatxe-gorri („roter Jungstier“). Unter dem Namen Etsai („Teufel“) unterrichtet er die sich ihm Hingebenden in seinen Künsten.

Lit.: Barandiarán, José Miguel de: Mitología vasca. San Sebastián: Ed. Txertoa, 1979; Barandiarán, José M. de: Dictionnaire illustré de mythologie basque. Baiona: Elkar, 1993.

Begriffe Ab

Ab. Semitischer magischer Monat. Überquert man am 20. dieses Monats einen Fluss, so verursacht dies Krankheit. Isst jemand am 30. des Ab Schweinefleisch, so wird er mit Geschwüren behaftet.

Lit.: Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. 1. Bd. Detroit, Michigan: Gale Research Company; Book Tower, 21984.

Aba. Zauberwort in der Formel: + Aba Aluy + Abafroy + Agera + Procha usw., um im Spiel zu gewinnen.

Lit.: Thiers, J. B.: Traité de Superstition qui regardent les sacrements. Bd. 1. Paris 1697, S. 356.

Abaasy, unheilvolle Wesen. Nach den sibirischen Jakuten sind die A. übernatürliche Wesen, die in den niederen Welten leben und vom bösen Geist Ulu Toyo ‘N regiert werden. Sie bringen Schaden. Der Sohn des höchsten A. hat Zähne aus Eisen und nur ein Auge.

Lit.: Storm, Rachel: Die Enzyklopädie der östlichen Mythologie: Legenden des Ostens. Reichelsheim: Edition XXL GmbH, 2000.

Abaddon ist nach der Offenbarung des Johannes der König der Schaden bringenden Heuschrecken, der Engel des Abgrunds. Abaddon (hebr.) und Apollyon (griech.) haben beide die Bedeutung von „Verderben“. „Sie“, die Heuschrecken, „haben als König über sich den Engel des Abgrunds; er heißt auf hebräisch Abaddon, auf griechisch Apollyon“ (Offb 9, 11). Im AT ist Abaddon der „Untergang“, das Totenreich, in der Septuaginta mit apoleia und in der Vulgata mit perditio übersetzt.

Lit.: Offenbarung des Johannes; Frick, Karl R. H.: Das Reich Satans 1. Graz: ADEVA, 1982.

Abadiah, steht mit 72 anderen Namen im > Tetragrammaton.

Lit.: Horst, G. C.: Zauber-Bibliothek III. Nachdr. d. sechsbänd. Ausg. Mainz, 1821 – 1826, m. e. zusätzl. Registerband. Freiburg i. Br.: Aurum Verlag, 1979.

Abadie, Jeannette d’ > Jeannette d’Abadie.

Abadir (phön.): Bezeichnung kegelförmiger Steine, welche als älteste Symbole der Gottheiten genannt werden. > Baetylien.

Lit.: Vollmer, Walter: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abaissement du niveau mental > Herabsetzung des Bewusstseinsniveaus.

Abakus. Ursprünglich waren unter A. die über das Kapitell einer Säule gelegte Deckplatte sowie ein Rechenbrett zu verstehen. Bei den Tempelrittern wurde als A. der vom Großmeister getragene Stab bezeichnet, dessen Kopf ein Ordenskreuz mit der Inschrift „In hoc signo vinces“ zierte.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Aban (pers.), Genius des Wassers.

Lit.: Vollmer, W.: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1994.

Abano, Petrus (ca. 1250 – 1316), war einer der bedeutendsten Wissenschaftler zur Zeit Dantes. Er übersetzte ins Lateinische, kommentierte einige Werke von Aristoteles und lehrte auch in Paris. Zudem übersetzte er das astrologische Corpus von > Abraham ben Meir ibn Ezra (1090 – 1164) und schrieb Werke über > Physiognomie und > Geomantie. Er ist wahrscheinlich auch der Autor des Zauberbuches > Heptameron seu elementa magica, das magische Formeln und Figuren zur Anrufung von Geistern enthält und 1559 als Anhang zum 4. Buch von > De occulta philosophia des > Agrippa von Nettesheim veröffentlicht wurde. Außerdem erfand er eine einfache astrologische Wahrsagemethode. Wegen magischer Betätigung zum Tod auf dem Scheiterhaufen verurteilt, entfloh er der Hinrichtung und starb im Kerker.

Lit.: Abraham Ben-Ezra: Abrahe Avenaris Judei Astrologi peritissimi in re iudiciali opera: ab exycellentissimo Philosopho Petro de Abano post accurataz castigationem in latinum traducta. Venetijs: Liechtenstein, 1507; Petrus < >: De occulta Philosophia lib. 3. Item [Liber de caeremoniis magicis] Spurius Liber de caeremoniis magicis, qui quartus Agrippae habetur Quibus acc. Heptameron Petri de Abano Ratio compendiaria magiae naturalis, ex Plinio desumpta. Disputatio de fascinationibus. Epistola de incantatione et adiuratione, collique suspensione. Johannis Tritemii Opuscula quaedam huius argumenti. Diversa divinationum genera à quodam antiquitatis studioso coll. [ca. 1550]; Pietro d’Abano: Comincia La Geomantia. Venetia: [Drucker:] Troianus, 1552.

Abarbanel, Rabbi Don Yitzchak, geb. 1437 in Lissabon, Portugal, gest. 1508 in Padua, Italien, war Philosoph und Bibelkommentator. Aufgrund seiner besonderen Fähigkeiten ernannte ihn König Alphons V. von Portugal zum Schatzkanzler. Wegen des Verdachts der Komplizenschaft bei einem Aufstand gegen den König floh er nach Spanien, wo ihn König Ferdinand von Kastilien zum Finanzminister ernannte und ihm den Titel „Don“ (HaSar) verlieh. Bei der Vertreibung der Juden aus Spanien (1492) schloss er sich den Vertriebenen an und ging nach Italien.
Neben seinem großen Kommentar zur Torah und den Propheten verfasste A. einen Kommentar zum Buch Daniel und zwei Bücher über die Ankunft des Messias. In seinen Schriften greift er die christliche Theologie scharf an. A. gilt auch als einer der Wiederentdecker der jüdischen Mystik.

Lit.: Abarbanel, Rabbi Don Yitzchak: Peirush Abarbanel al Nevieem & Ketuvim (3 vol.) (Hebrew). Hotzaat Sefarim Bnei Abarbanel.

Abarimon (griech.). Großes Tal im Gebirge Imaus, wo Menschen mit rückwärts gekehrten Fußsohlen wohnen sollen, die besonders schnell laufen und mit den Tieren des Waldes umherstreifen. Man glaubte, dass sie nur unter diesem Himmelsstrich atmen könnten, weshalb man sie immer dort beließ.

Lit.: Vollmer, W.: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abaris, der antiken Sage zufolge ein skythischer Apollo-Priester. Er rühmte sich eines goldenen Pfeils, den ihm Apollo geschenkt haben soll und auf dem er durch die Luft reisen konnte. Zudem war er ein Seher der Zukunft und konnte Seuchen bannen. Von ihm stammt das „Palladium“, ein > Talisman, den er den Trojanern zum Schutz ihrer Stadt verkaufte.
A. soll schließlich den Pfeil Pythagoras geschenkt und mit ihm den Bau des Kosmos und die Bewegungen der Himmelskörper diskutiert haben, wofür er von diesem in die Geheimnisse seiner Zahlenreihe eingeführt wurde. A. wird auch als > Hyperboreer bezeichnet. Nachrichten über ihn sind höchst widersprüchlich. So scheint Herodot nicht an ihn zu glauben.
Abaris war auch der Ordensname > Goethes im > Illuminatenorden, dem er seit dem 11. Februar 1783 als „Censor“ der Illuminatos dirigentes im Regentengrad angehörte.

Lit.: Herodotus: Hist. IV.36.1; Plato: Char; Strabo: Geo; Schüttler, Hermann: Die Mitglieder des Illuminatenordens 1776 – 1787 / 93. München: Ars Una Verlagsges., 1991.

Abaskanton, ein > Amulett, das die Griechen gegen Zauber und Verhexung trugen.

Lit.: Vollmer, W.: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abathur, mythische Gestalt der Mandäer, die beim Endgericht die Taten der Seele wägt. Der Name wird aus dem Persischen abgeleitet und als „der mit der Waage“ gedeutet.

Lit.: Rudolph, Kurt: Theogonie, Kosmogonie und Anthropogonie in den mandäischen Schriften. Göttingen: Vandenhoeck & Ruprecht, 1965.

Abaton > Adyton.

A.B.A.W. Abk. f. „Allmächtiger Baumeister aller Welten“; auch G.B.a.W., „Großer Baumeister aller Welten“ (oder: der Welt) (engl. G.A.O.T.U., Great (auch Grand) Architect of the Universe; franz. G.A.D.U., Grand Architecte de l’universe; lat. U.T.O.S.A., Universi terrarum orbis summus architectus), in der Freimaurerei verwendete Bezeichnung des höchsten schöpferischen Prinzips. Die Bezeichnung ist biblischen Ursprungs: „… denn er erwartete die Stadt mit den festen Grundmauern, die Gott selbst geplant und gebaut hat“ (Hebr 11, 10). „Der Gnade Gottes entsprechend, die mir geschenkt wurde, habe ich wie ein guter Baumeister den Grund gelegt“ (1 Kor 3, 10). Ferner gibt es die Ausdrucksweise: Zum Ruhme des A.B.a.W. (engl.: To the glory of the…; franz.: A la gloire du…; lat.: Ad universi terrarum orbis summi architecti gloriam). 1989 fasste die United Grand Lodge of England die Grundprinzipen neu, wobei die auffallendste Änderung den Gottesbegriff betrifft, indem die theistische Gottesauffassung durch eine deistische abgelöst wurde. Das Mitglied muss nur noch an ein höchstes Wesen glauben und nicht mehr an den Großen Baumeister aller Welten.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Abayakoon, Cyrus D. F., Astrologe aus Ceylon (geb. 1912), Experte der traditionellen > Palmblattorakel Indiens; wurde besonders durch Vorhersagen der Rückkehr an die Macht von Haile Selassie und Charles de Gaulle bekannt. Zudem soll er die Ermordung von Mahatma Gandhi, Benito Mussolini und John F. Kennedy vorausgesagt haben.

Lit.: Abayakoon, Cyrus D. F.: Astro-Palmistry: Signs and Seals of the Hand. New York: ASI, 1975.

Abba (aram.), die vertrauliche Form, in der man den Familienvater anredete, entspricht der Bezeichnung „Papa“. Nur Familienangehörige durften den Vater so ansprechen. Als Anrede Gottes kommt die Bezeichung erst im NT vor, wo Christus sie gerne verwendet: „Er sprach: Abba, Vater, alles ist dir möglich“ (Mk 14, 36; vgl. auch Röm 8, 15; Gal 4, 6). In der syrischen und koptischen Kirche wird Abba zum Titel der Bischöfe und Patriarchen.

Lit.: Jeremias, J.: Abba: Studien zur neutestamentlichen Theologie und Zeitgeschichte. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht, 1966.

Abbacken.

I. Abbacken des Brotes, bis sich die Rinde von der Krume, dem inneren, weichen Teil des Brotes abhebt.

II. Uralte volksmedizinische Heilweise, bei der vornehmlich skrofulöse, tuberkulöse Kinder und Rheumatiker in den Ofen gelegt wurden. Die lebensgefährliche Heilmethode wurde allerdings bereits von den Bußordnungen des 11. Jahrhunderts verboten, welche es den Müttern bei strenger Strafe untersagten, fiebrige Kinder in den Ofen zu legen. Dieser Brauch wird vor allem von der > Rockenphilosophie ausführlich geschildert: „Sie binden die Arme dem ohnedem schmachtenden Kinde auf eine Kuchen-Scheibe und schieben solche nach ausgenommenem Brote etliche Male in einen Back-Ofen, daß es nicht Wunder wäre, das Kind erstickte in der Hitze“ (Friedberg, 123).

Lit.: Friedberg, E.: Aus den deutschen Bußbüchern. Ein Beitrag zur deutschen Kulturgeschichte. Halle, 1868.

Abbé (fr.; von aram. abba). Abt, Kleriker, der kraft des Konkordates Leos X. mit Franz I. von Frankreich (25.7.1516) vom König eine Abtei als Kommende erhielt (abbé commendataire). Die Bezeichnung wurde dann im 18. Jh. in Belgien und Frankreich auf jeden, der das geistliche Kleid trug, angewendet. Heute wird dort mit A. vor allem der Weltpriester bezeichnet.

Lit.: Pelliccia, Guerrino; Rocca, Giancarlo (Hg.): Dizionario degli Istituti di Perfezione. Bd. 1. Rom: Edizioni Paoline, 1974, S. 23 – 27.

Abbé de Villars (1635 – 1673). De Villars wuchs in der Nähe von Toulouse auf und ging 1667 nach Paris, um die geistliche Laufbahn einzuschlagen. Durch die Veröffentlichung seiner kritischen Schriften, insbesondere des bekannten Rosenkreuzerromans Le Comte de Gabalis (Der Graf von Gabalis), wurde er jedoch bald mit einem Predigtverbot belegt. In diesem Roman führt A. in vier fingierten Gesprächen mit dem deutschen Kabbalisten, dem Grafen von > Gabalis, in die geheimen Wissenschaften ein und beschreibt dabei in Anlehnung an > Paracelsus > Elementargeister wie > Nymphen, > Salamander, > Gnomen und > Sylphen. Der Erfolg des Buches beruht vor allem auf der Propagierung der Lehren der > Gold- und Rosenkreuzer. Sein höchstes Ziel sieht A. jedoch im Einswerden mit Gott. Gleichzeitig kämpft er unter dem Einfluss der Aufklärung gegen den > Teufelsglauben und gegen die geistige Unterdrückung durch die Kirche. Das Buch hatte zudem großen Einfluss auf die europäische Literatur. Von Gabalis leitet sich auch die Bezeichnung > Gabalika für „Geheimwissenschaften“ ab. Als A. 1673 auf dem Weg nach Lyon ermordet wurde, glaubten viele, dass er einem Racheakt der Rosenkreuzer zum Opfer gefallen sei.
Es gibt auch Stimmen, die im Roman eine Satire auf den zeitgenössischen Okkultismus sehen.

Lit.: Montfaucon de Villars, Nicolas Pierre Henri: Graf von Gabalis oder Gespräche über die verborgenen Wissenschaften. Aus dem Franz. Berlin: Maurer, 1782.

Abbeißen, im Gegensatz zu abschneiden und abreißen; kommt in verschiedenen Bedeutungen vor: die Fingernägel der Kleinkinder sind zum ersten Mal (oder im ersten Lebensjahr) von der Mutter abzubeißen, weil sie sonst stehlen lernen (Birlinger, 392) oder weil dem Kind sonst das Glück abgeschnitten wird (Wuttke, 392 § 600). Insbesondere müssen Pflanzen, die man für einen bestimmten Zweck verwenden will, abgebissen werden (Kuhn, 581). Der Ursprung dieser Anschauungen des Abbeißens, die sich auf alles Mögliche beziehen, ist unklar, wenngleich auch die Ansicht vertreten wird, dass die Hexen über den Gewalt erhalten, von dessen Körper sie etwas in ihre Hände bekommen (Haltrich, 313 f.).

Lit.: Kuhn, K.: Sagen, Gebräuche und Märchen aus Westfalen. 2 Bde. Leipzig, 1859; Birlinger, A.: Aus Schwaben. Sagen, Legenden, Aberglaube usw. Neue Sammlung. 2 Bde. Wiesbaden, 1874; Meyer, C.: Der Aberglaube des Mittelalters und der nachfolgenden Jahrhunderte. Basel, 1884; Haltrich, J.: Zur Volkskunde der Siebenbürger Sachsen. In neuer Bearbeitung hg. v. J. Wolff. Wien, 1885; Wuttke, A.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearb. v. E. H. Meyer. Berlin, 1900.

Abbeten. A. einer Krankheit, von der man überzeugt ist, dass sie durch Verwünschung, Fluch, Hexerei oder von Geistern hervorgerufen wurde, durch Gebete und Zaubersprüche. Der Ausdruck deckt sich weitgehend mit der Bezeichung „verbeten“ und ist weit verbreitet (Hovorka, 403, 724, 500).
Während beim Abbeten eine magische Wirkung mitschwingt, sind das > Befreiungsgebet und der > Exorzismus ein reines > Fürbittgebet, das die gewünschte Befreiung von bösen Einwirkungen einzig Gott überlässt.

Lit.: Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. 2. Bd. Stuttgart, 1909.

Abbild, zunächst im 14. Jh. in der Fügung „Abbild nehmen“, nach der mhd. Bedeutung von bilde nehmen, „sich ein Bild nehmen“; im pilosophischen Sprachgebrauch seit dem 18. Jh. als konkrete oder gedankliche Entsprechung eines Urbildes verwendet. So fasst die erkenntnistheoretische Lehre Erkennen als Abbilden der Wirklichkeit auf, während die auf die griechischen Philosophen Leukipp und Demokrit zurückgehende Abbildtheorie die sinnliche Wahrnehmung durch Abbilder (griech. eidola) erklärt, die von den Dingen ausgehen, die Sinne treffen und dadurch Wahrnehmung bewirken. Platon erblickt in der sichtbaren Welt (topos horatos, mundus sensibilis) ein Abbild, das zwischen Sein und Nichtsein steht. Nach der Bibel ist der Mensch Abbild Gottes (Gen 1, 26 – 27) im Sinne der Ähnlichkeit, während Christus als Abbild seines Wesens mit Gott identifiziert wird (Hebr 1, 3). Bei der > ASW werden Bilder, sofern sie als Inhalte empfangen werden, als realistische Wiedergabe eines Geschehens oder als symbolische Verschlüsselung eines Inhalts, einer Begebenheit oder eines feststehenden bildhaften Musters erfahren. In > Magie und > Mantik wird das Abbild zum jeweils Abbgebildeten.

Lit.: Ritter, Joachim (Hg.): Historisches Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: WBG, 1971; Paul, Hermann: Deutsches Wörterbuch. Tübingen: Niemeyer, 91992; Thomas von Aquin: Urbild, Abbild, Spiegelung. Hg. von R. Briese und O. Zsok. München: Claudius-Verlag, 1995.

Abbildungsfurcht, die Angst, sich abbilden oder fotografieren zu lassen, weil das Bild in fremde Hände geraten könnte und man sich so der Gewalt des fremden Besitzers ausliefere. Diese Angst spiegelt sich im Ausdruck wider: „Das Bild raubt die Seele“. In der > Radiästhesie, bei verschiedenen Diagnosetechniken und mantischen Praktiken wird die Abbildung als Vorlage für diagnostische, mantische und magische Aussagen sowie für Beeinflussungen im positiven wie im negativen Sinne verwendet. > Bildzauber, > Schadenzauber.

Lit.: Seligmann, Siegfried: Die Zauberkraft des Auges und das Berufen: ein Kapitel aus d. Geschichte d. Aberglaubens. Hamburg: L. Friederichsen & Co., 1922; Biedermann, Hans: Lexikon der magischen Künste: Alchemie, Sterndeutung, Hexenglaube, Geheimlehren, Mantik, Zauberkunst. Wiesbaden: VMA-Verl., 1998.

Abbinden. In der Chirurgie zur Bezeichnung eines künstlichen Drosselns der Blutzufuhr zur Peripherie durch starkes Abschnüren verwendet, hat es im Volksbrauch die verschiedensten Bedeutungen: Abbinden von Warzen mit einem Faden oder einem Rosshaar zur Entfernung derselben (Hovorka / Kronfeld 2, 829); Abbinden von Krankheiten, bei denen eine mechanische Abschnürung nicht möglich ist, durch Umbinden eines kranken Körperteils, etwa des verrenkten Fußes oder der verkrampften Beine, zur Befreiung von Schmerzen. Nasenbluten soll aufhören, nachdem man den kleinen Finger der linken Hand mit einem Faden umwickelt hat (Köhler, 350). Wunden werden durch Gebetssprüche abgebunden, wie dem dreimaligen Spruch: „Die Wunde verbinde ich in drei Namen †††“, dann fährt man mit dem Faden dreimal um die Wunde herum (Seyfahrt, 223). Hier bekommt das Binden die Bedeutung von > Bannen. So werden als Abbinden auch Heilhandlungen bezeichnet, die mit dem künstlichen Abschnüren nichts mehr zu tun haben – wenn etwa der Fieberkranke mit einem Strohseil das Fieber an einen Baum bindet (Hovorka / Kronfeld 2, 878).

Lit.: Wolf, J. W.: Beiträge zur deutschen Mythologie. 2. Bd. Göttingen und Leipzig, 1857; August, E.: Volksbrauch, Aberglauben, Sagen. Leipzig, 1867; Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. 2. Bd. Stuttgart, 1909; Köhler, J.; Seyfahrt, C.: Aberglaube und Zauberei. Leipzig, 1913.

Abboth. Zauberwort. Auf einem Lederfleck steht es in folgender Form: Abboth dabat, „von Gott gegeben“.

Lit.: Seyfarth, Carly: Aberglaube und Zauberei. Leipzig, 1913, S. 157.

Abbott, David P(helps) (1863 – 1934). A. befasste sich als Amateur-Magier in kritischer Haltung mit spiritistischen Medien und veröffentlichte folgende Bücher: Behind the Scenes with the Mediums (1907); The History of a Strange Case (1907); Spirit Portrait Mystery … Its Final Solution (1913).

Lit.: Hansen, George P.: Magicians who endorsed psychic phenomena. In: Linking Ring 70 (1990) 8, 52 – 54.

Abbreviaturen (lat., Abkürzungen). Von alters her dienten Abkürzungen auf Steinen, Münzen, Siegeln, in Handschriften, aber auch in frühen Drucken hauptsächlich der Ersparnis von Zeit, Raum und Material, nicht selten aber auch der Geheimhaltung und magischen Ausdrucksform. Die Kenntnis von Abbreviaturen ermöglicht daher nicht nur das Lesen und sehr oft auch die Datierung von Zeit und Ort verschiedener Inschriften, Handschriften und Drucke, sondern auch das Verständnis ihrer symbolischen und magischen Bedeutung. Besonders beliebt sind Abkürzungen bei den Geheimgesellschaften, insbesondere in der Freimaurerei.

Lit.: Siefert, Kurt: Abbreviaturen. Beerfelden-Gab., Unt. Erbsenbach: Siefert, 71997; Römer, Jürgen: Geschichte der Kürzungen. Göppingen: Kümmerle, 21999 (Göppinger Arbeiten zur Germanistik; 645); Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

ABC. Bezeichung des Alphabets und der kurzen, umfassenden und praktischen Darlegung einer Lehre oder eines Fachgebietes, wie etwa ABC der Anthroposophie, Okkultes ABC, Hermetisches ABC. Das Alphabet enthält die Zeichen für alles, was in Wort und Schrift mitgeteilt werden kann. So wird schon das Erlernen mit zahlreichen Anschauungen verbunden. Den Kindern soll durch das Essen von aus Speisen geformten Buchstaben das Lernen erleichtert werden. Daher waren in Deutschland einst Schultafeln aus Lebkuchenteig weit verbreitet, auf denen die Buchstaben in einem dem römischen Metallspiegel ähnlichen Rahmen dargestellt waren (Höfler, 34). Ein ähnlicher Brauch ist seit dem 11. Jahrhundert auch im jüdischen Schulunterricht belegt (Dornseiff, 136).
Im Hebräischen werden damit Werke bezeichnet, die in alphabetischer Ordnung verschiedene Personen und Gegenstände behandeln (z. B. in mystischer Darstellungsform). Bekannt ist das Alphabetum Siracidis, „Othijoth ben Sira“, dem Verfasser von Jesus Sirach zugeschrieben, das jedoch aus dem 8. Jh. stammt. Es enthält die Erzählung von der Dämonin > Lilith, „Adams Frau“ nach Goethes Faust.
Das Alphabet hat aber auch heilende, magische Bedeutung. So gilt das rasche Hersagen des ABCs als Heilmittel der Schlucker und die ganze hingeschriebene Alphabetenreihe als zauberkräftig.
Die allegorische Auslegung von Bibeltexten führte in der Kabbala zur Ausbildung ihrer > Alphabetmagie und -symbolik. Auch die Worte Christi (Offb 1, 8; 21, 6; 22, 13), „Ich bin das Alpha und das Omega“, geben dem Alphabet einen mystischen Inhalt.
Schließlich ist das Alphabet als festgelegte Reihe sämtlicher Bestandteile der Sprache wie geschaffen, um beim Losen und Wahrsagen aus ihm herauszulesen (Wuttke, 233).

Lit.: Wuttke, A.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearb. v. E. H. Meyer. Berlin, 1900; Höfler, M.: Weihnachtsgebäcke. Wien, 1905 (ZföVk. 11, Suppl. III); Dornseiff, M.: Das Alphabet in Mystik und Philosophie. Leipzig, 21925.

Abd (arab., Knecht, Sklave), dient bei den Arabern wie in der semitischen Sprache überhaupt und später bei allen Völkern, die den Islam angenommen haben, zur Bildung von Eigennamen, z. B. Abd-Allah oder Abdullah = Knecht Gottes.

Abd al-Karim al-Gili (1365 – 1428). Muslimischer Mystiker, Anhänger des Systems des > Ibn al-Arabi, schrieb die Sufi-Abhandlung al-Insan al-Kamil („Der vollkommene Mann“), worin er kosmische und ontologische Probleme behandelt: Das Sein ist ein Einziges und das Wesen Gottes ist unerkennbar. Reines Sein als solches hatte weder Namen noch Eigenschaften. Erst beim Absteigen der Stufen kommt es auf Stufe 5, dem Bereich der Manifestationen, zu Attributen. So wird die Welt zur Selbstoffenbarung des Reinen Seins, von Allah. > Mohammed ist der Logos, der vollkommene Mann. Der Mensch ist der Mikrokosmos, der alle Attribute enthält. In ihm allein wird das Absolute in all seinen Aspekten sich seiner selbst bewusst.

Lit.: Nicholson, Reynold Alleyne: Studies in Islamic mysticism. London: Kegan Paul International, 1998.

Abd-Al-Qadir-Djilani (†  1172), auch Pir Dastagir genannt, ist der berühmte Gründer des Derwischordens der Quadiriyah. Sein Grab befindet sich in Bagdad. Quadiriyah ist der in Asien verbreitetste sunnitische Orden.

Lit.: Hughes, Thomas Patrick: Lexikon des Islam. Wiesbaden: Fourier, 1995.

Abdal (arab., „Stellvertreter“). Numerische Gruppe von 70 „Sufi-Heiligen“, deren Anzahl bis zum Ende der Welt immer gleich bleibt, bis sie dann abnimmt und die Welt untergeht. Die Hauptgestalt, die nur Gott bekannt ist, der Qutb, oder die Achse, der Welt, ist von vier Pflöcken umgeben, so dass die Abdal zusammen ein Zelt zum Schutz der Welten bilden.

Lit.: Bowker, John (Hg.): Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

Abdalan-i Rum (Rum Abdallari), „die Verrückten Ostroms“; Derwische, die in Tierfelle gehüllt, ansonsten völlig nackt, in frühosmanischer Zeit barfuß durch Anatolien zogen. Sie rasierten ihren Kopf, waren am Oberkörper tätowiert und trugen einen silbernen Ring im Ohr. Zu ihrer Ausrüstung gehörten Äxte, Keulen, Holzschwerter und Musikinstrumente. Solche Derwische, die im 15. Jh. den asketischen Otman Baba (†  1478 / 79) in Rumelien und auf dem östlichen Balkan begleiteten, sollen teilweise aus armen Hirtenfamilien der Yörük-Bevölkerung gekommen sein. Sie werden als Vorläufer der Bektashi angesehen, von denen sie im 16. Jh. völlig absorbiert wurden. In der Türkei gehörten sie den häretischen Kizilbash /Aleviten an. In Mittelasien, vor allem in den Oasen des südwestlichen Tarim-Beckens (Ostturkestan), leben sie noch heute als wandernde Bettler und Handwerker. Einige von ihnen sind in der zweiten Hälfte des 19. Jhs. sesshaft geworden. Es wird auch die Ansicht vertreten, dass diese wandernden Derwische aus dem Gauklertum hervorgingen, da manche Gruppen nordsyrischer > Abdal ihren Lebensunterhalt noch immer als Gaukler und Schlangenbeschwörer bestreiten.

Lit.: Frembgen, Jürgen Wasim: Reise zu Gott: Sufis und Derwische im Islam. München: C. H. Beck, 2000, S. 110 – 111.

Abdallah ibn Sina > Avicenna.

Abdankung. Abschluss der Teufels- oder Geisterbeschwörung, im Zuge dessen der > Teufel bzw. die > Geister verabschiedet, d. h. „abgedankt“ werden. Dieses Abdanken geschieht oft durch > Rückwärtslesen der Beschwörungsformel (Baumgartner, 75). Nicht selten bedarf es dazu jedoch besonderer Abdankungsformeln (Kiesewetter, 408).

Lit.: Baumgartner, Armand: Aus der volksmäßigen Überlieferung der Heimat. 1.Teil. Linz (Mus. Progr.), 1862; Kiesewetter, Carl: Faust in der Geschichte und Tradition. Leipzig, 1893.

Abdecker. Die A. gehörten wie die Bader, Gassenfeger, Gerber, Scharfrichter und andere mehr zu den „unehrlichen Berufen“, einer Besonderheit der mittelalterlichen Ständegesellschaft. Dieser Status der „Unehrlichkeit“ bestimmte weitgehend das Leben, doch gab es selbst bei den Abdeckern, entgegen vielfacher Annahme, keine durchgehende Distanzierung zur übrigen Bevölkerung. Seit Beginn des 17. Jhs. können nämlich nur die Verweigerung des Bürgerrechts und öffentlicher Ehrenämter sowie der Ausschluss von den Zünften und die Irregularität bestätigt werden. Die Ursprünge des Abdeckereigewerbes liegen allerdings noch im Dunkeln. Sicher ist, dass z. B. in München der erste amtliche Abdecker 1477 eingestellt wurde. Seine Aufgabe bestand, neben der Straßenreinigung, ausdrücklich darin, das „Aß ab dem Pflaster zu stubern“ (Waldburg-Wolfegg, 13 f.). Diese „unehrliche“ Arbeit verhalf dem Abdecker jedoch zusehends zu einer besonderen Stellung. Er hatte nicht nur die Tierkadaver, sondern im amtlich befohlenen Hilfsdienst der Scharfrichter auch die Leichen der Hingerichteten zu entsorgen. Dies brachte ihm gewisse anatomische Kenntnisse und den Ruf geheimer Heil- und Zauberkräfte ein. So wandten sich nicht nur einfache Leute, sondern auch Angehörige höherer Stände mit ihren Anliegen an ihn, was schließlich zu einem Konflikt mit der Ärzteschaft führte. Mit der gesetzlichen Verpflichtung vom 21. August 1756, die Leichen grundsätzlich zu den Anatomien zu bringen, und dem Verbot jeglicher medizinischer Tätigkeit blieb nur noch der Ausweg in die Tiermedizin. Die Abdecker spezialisierten sich nun besonders auf Vieh- und Rosskuren. Dabei spielte auch die Magie eine anerkannte Rolle. So ist in den Rossarzneibüchern die Bereitschaft, Bezauberung als klar definierte Krankheit mit eindeutig bestimmbaren Symptomen zu betrachten, grundsätzlich vorhanden. Doch trotz der vielfältigen Tätigkeit, die neben der beruflichen Aufgabe von sympathischen Kuren bis zur Wahrsagerei, oft in geheimer Sprache, reichten und von der Bevölkerung ganz ungeniert in Anspruch genommen wurden, blieben die Abdecker arme und ungebildete Außenseiter. Auch das Verschwinden der „Unehrlichkeit“ im 19. Jh. änderte an ihrer Unterschichtszugehörigkeit wenig. In den Augen des bürgerlichen Betrachters waren die Abdecker „größtenteils versoffene, unreinliche, nicht für das Beste des Nächsten, sondern nur für sich bedachte Leute“ (Lux, 104 f.), doch gerade deshalb von besonderer magischer Kraft.

Lit.: Lux, Johann, J. W.: Über das Abdecker-Wesen und die Folgen seiner Aufhebung. Leipzig, 1918; Waldburg-Wolfegg, Johannes Graf: Das mittelalterliche Hausbuch. Betrachtungen von einer Bilderhandschrift. München, 1957; Nowosadtko, Jutta: Scharfrichter und Abdecker. Paderborn: Schöningh, 1994.

Abdelazys. Arabischer Astrologe des 10. Jhs. in Europa, bekannt unter dem lateinischen Namen > Alchabitius. Seine Abhandlung über Astrologie wurde so gepriesen, dass sie in das Lateinische übertragen und 1473 veröffentlicht wurde. Es folgten weitere Ausgaben, vor allem in Venedig und Paris.

Lit.: Alchabitius: Alchabitij Opus ad scrutanda stellarum magisteria isagogicum,… cum Joannis de Saxonia commentario. Venetiis: Sessa et de Ravanis, 1521.

Abdias > Obadja.

Abdiel (hebr., Diener Gottes), Engelsname der jüdischen Kabbalisten. In John Miltons Das verlorene Paradies als einer der > Seraphim dargestellt.

Abdiroth. Von > Paracelsus verwendete Bezeichnung des Gefühls, das man beim Anzug eines Gewitters hat.

Lit.: Werner, H.: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fournier, 1991, S. 8.

Abdrücke (engl. plastics, spirit markings). Abbildungen von Extremitäten auf verschiedenen Gegenständen bei angeblichen Erscheinungen von Geistwesen, meist in Form von Phantombildungen im Rahmen spiritistischer und experimenteller Sitzungen zum Beweis der Echtheit der Erscheinung durch die hinterlassene sichtbare Spur. Neben Ton und Gips verwendete man dabei auch Paraffin sowie Glas und andere feste Gegenstände, die man als Unterlage für Abdrücke mit Ruß, Staub, Mehl u. dgl. bestreute. In neuerer Zeit kamen dann Film, Tonbänder (Tonbandstimmen) und elektronische Aufzeichnungsformen zum Einsatz.
Der erste Abdruck wurde 1875 von William > Denton in Boston mit dem Medium Mary M. > Hardy in Paraffin gewonnen. Dieses Verfahren verbreitete sich sehr rasch und wurde vor allem von Gustav > Geley und Charles > Richet beim Medium Franek > Kluski angewandt. Das Paraffin wurde 1930 von C. L. v. > Reichenbach im Holzteer entdeckt und findet heute sowohl in dünn- und dickflüssiger als auch in fester Form Anwendung.

Bei den hier zu besprechenden Paraffinabdrücken handelt es sich meist um Hände. Die „Phantome“ wurden gebeten, in ein Gefäß mit Paraffin in heißem Wasser zu greifen und sodann die Hand in kaltes Wasser zu halten, um so den Handabdruck zu erzeugen. Pawlowski beschreibt das Verfahren mit Kluski, bei dem sich das kalte Wasser sogar erübrigte, folgendermaßen: „Die Phantome tauchen ihre Hände in das Paraffin und lassen die handschuhartigen Abdrücke auf den Tisch fallen … Das Phantom braucht ½ – ¾ Minuten Zeit zur Herstellung einer Form. Als ich versuchte, dies selbst zu machen, dauerte es mehrere Minuten, bis das Paraffin nur so weit abgekühlt war […], und auch dann war es unmöglich, den Handschuh, ohne ihn zu zerbrechen, von der Hand zu streifen, ja, ich konnte es nicht einmal mit einem einzigen Finger, der bis zum zweiten Glied in Paraffin getaucht war, fertigbringen“ (Pawlowski, 12). Die Kluskischen Paraffinformen fielen nach wenigen Stunden in sich zusammen, weshalb sie Pawlowski mit Gips füllte, um Abgüsse zu erhalten.

Friedrich > Zöllner erhielt bei seinen Experimenten mit Henry > Slade merkwürdige Abdrücke von Händen und Füßen auf mehlbestreuten oder berußten Flächen. Neben anderen Gelehrten lud er auch den berühmten Physiker Wilhelm Weber und den Philosophen G.  Th. > Fechner ein. Bei einem Versuch entstand ein Handabdruck in Mehl. Bei der sofortigen Untersuchung der Hände und Füße Slades konnten nicht die geringsten Spuren von Mehl festgestellt werden. Beim Vergleich seiner Hand mit dem Abdruck im Mehl erwies sich der Abdruck als viel größer. Der Versuch wurde an den folgenden Tagen mit gleichem Erfolg wiederholt. Der Abdruck einer Fußsohle bei einem weiteren Experiment war hingegen 4 cm kürzer als der Fuß Slades (Zöllner, 54).
Eine Bestätigung erhielten diese Experimente durch die in größerer Zahl hervorgebrachten Abdrücke von Händen und Köpfen mit dem Medium Eusapia > Paladino, die allerdings in Dunkelheit oder bei sehr schwacher Beleuchtung stattfanden, so dass Beobachter wie J. > Maxwell und der Experimentator E. > Morselli nach mehrjähriger Untersuchung Zweifel anmeldeten.

Lit.: Zöllner, Friedrich: Vierte Dimension, hg. von Rudolf Tischner. Leipzig: Oswald Mutze, 1922; Pawlowski, F. W.: Die Mediumschaft des F. Kluski. In: Zeitschrift für Parapsychologie (1926), 12 f.; Moser, Fanny: Der Okkultimus – Täuschungen und Tatsachen. München: Ernst Reinhardt, 1935.

Abd-ru-shin (Pseud.) > Bernhardt, Oskar Ernst, Gründer der > Gralsbewegung.

Abduktion (engl. abduction). Unter A. versteht man in der UFO-Literatur Entführungen von Menschen, die sich irgendwo im Freien, auf einer Landstraße oder zu Hause im Schlafzimmer ereignen, woraufhin laut Aussage der „Opfer“ eine medizinische Untersuchung durch fremde Wesen an Bord eines unbekannten Flugobjektes (UFO) erfolge. Die gemachten Fallstudien erlauben allerdings keine überzeugenden Aussagen.
Wohl aber gibt es Erfahrungsberichte über traumatische „UFO-Erlebnisse“, die eine therapeutische Behandlung erforderlich machten, wobei das Entführungssyndrom stets Ähnlichkeiten aufweist: Beobachtung eines landenden unidentifizierten Flugobjekts, dem kleine, graue Gestalten mit großen kahlen Köpfen und großen schwarzen Augen entsteigen. Die Betroffenen fühlen sich von diesen, wie unter Hypnose, willenlos unter Kontrolle und an Bord gebracht, wo dann im Allgemeinen eine Furcht einflößende „medizinische Untersuchung“ erfolgt, worauf sie wieder entlassen werden. In rund zwei Drittel aller Fälle wird die Erinnerung an die Entführung und Behandlung vergessen, arbeitet jedoch nicht selten unbewusst weiter.
In diesem Zusammenhang sind die sog. psychischen Abduktionen voller surrealer und traumhafter Elemente zu nennen. Die Betroffenen berichten von Reisen außerhalb ihres Körpers oder von Erlebnissen in anderen Bewusstseinszuständen. Bei solchen Berichten ist jedoch große Vorsicht geboten, weil von einem Ereignis erzählt wird, das im physikalischen Sinne eindeutig nicht stattgefunden hat.
Ebenso problematisch ist auch die Gruppe der „freiwilligen“ Abduktionen, wo also die Betroffenen freiwillig in ein Raumschiff steigen. Handelt es sich hier vielleicht um eine Art Sinnestäuschung oder sogar um eine bewusste Konfabulation?
Das Gleiche gilt auch für die so genannten „Kontaktler“, die angeben, mit > Außerirdischen in Verbindung zu stehen, und ihre Erfahrungen vermarkten. Dieser Kreis kann noch um die „Channeler“ und jene angeblich paranormal begabten Personen bereichert werden, die bei ihren > Automatismen zuweilen mit Außerirdischen zu kommunizieren pflegen. Die große Popularität der Verbindung mit Außerirdischen, vor allem durch zahlreiche Filmproduktionen, führt zudem noch zu vielfältigem Schwindel. Hauptmotiv der Abduktionserfahrungen dürfte der verdrängte Wunsch nach einem Fortleben sein.
Wie immer auch die einzelne Erfahrung zu deuten sein mag, so ist allen klassischen Abduktionsberichten, also jenen Berichten, die normalerweise mit UFO-Abduktionen assoziiert werden, ein Schlüsselphänomen eigen. Vielleicht beruht es nur darauf, dass Menschen ihre Emotionen, Ängste, Hoffnungen und Verhaltensweisen in gemeinsamen Formulierungen ausdrücken.

Lit.: Alien Discussions: von Außerirdischen entführt. Hg. von Andrea Pritchard u. a. – Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1996.

Abduktionsberichte (engl. abduction reports). Erzählungen über Entführungen durch > Extraterrestrische. Diese Berichte beinhalten zumeist Erinnerungen, die durch zahlreiche Faktoren beeinflusst sein können, wozu auch pathologische Persönlichkeitsstrukturen zu zählen sind. Daher dürfen solche Berichte, selbst wenn sie zuverlässig und stichhaltig erscheinen, nicht für bare Münze genommen werden.

Lit.: Alien Discussions: von Außerirdischen entführt. Hg. von Andrea Pritchard u. a. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1996.

Abdul Alhazard > Necronomicon.

Abduzierter (engl.: abductee), ein angeblich von > Extraterrestrischen bzw. UFO-Insassen an Bord eines UFOs Entführter.

Lit.: Alien Discussions: von Außerirdischen entführt. Hg. von Andrea Pritchard u. a. Frankfurt a. M.: Zweitausendeins, 1996.

Abe Mango, nach der südamerikanischen Mythologie eine sehr hilfreiche Göttin des Kochens, der Töpferei, des Bauens und Webens. Sie ist die Tochter von > Page Abe, des Schöpfergottes der Tukano-Indianer am Amazonas. Nachdem ihr Vater die Menschen geschaffen hatte, stieg sie persönlich zu ihnen auf die Erde, um ihnen die Nutzung des Feuers beizubringen und zu zeigen, wie man kocht, baut, töpfert und webt.

Lit.: Jones, David M.: Die Mythologie der Neuen Welt: die Enzyklopädie über Götter, Geister und mythische Stätten in Nord-, Meso- und Südamerika. Reichelsheim: Edition XXV, 2002.

Abecedarium, auch abc(e)darium (-durium, –turium), abgetorium (-itorium, -atorium). Eine im christlichen Altertum und Mittelalter beliebte Form der Aneinanderreihung von Anfangsbuchstaben einer Zeile oder von Versen nach dem Alphabet. Bei der Kirchweihe dient A. zur Bezeichnung des griechischen und lateinischen Alphabets, das der Bischof mit dem Stab als Zeichen der Besitznahme des Gotteshauses durch Christus in das Kreuz der Diagonalen des Kultraumes schreibt. Schließlich sind unter A. Psalmen und Dichtungen zu verstehen, deren Strophen oder Verse mit je einem Buchstaben des Alphabets in der Reihenfolge A – Z beginnen.

Lit.: Ez 9, 4.6; Lexikon für Theologie und Kirche. Bd. 1. Freiburg: Herder, 1996.

Abellin, Mirjam von > Mirjam v. Abellin.

Abellio. Gottheit der Gallier, die in einigen Altarinschriften erwähnt wird, welche bei Cominges in Südfrankreich gefunden wurden. A. wird bald mit Mars, bald mit dem Apollo der Römer verglichen, zumal bei den Kretern Abelios die Sonne hieß.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. – Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abels-Orden oder „Orden der wahren Aufrichtigkeit und Redlichkeit“ (Biedenfeld, 181 – 182). Diese Geheimgesellschaft wurde 1745 in Greifswald / D gegründet. Ihre Mitglieder nannten sich Abeliten oder Abels-Nachfolger und suchten gemäß ihrem Wahlspruch „Aufrichtigkeit, Freundschaft und Hoffnung“ christlich-moralisch-philanthropisch zu leben.
Der Orden bestand aus zwei Graden: Die Mitglieder des ersten Grades strebten aus freiem Entschluss „mit allem Fleiße“ nach einer „wahren Aufrichtigkeit und Redlichkeit bey allen ihren pflichtmäßigen Handlungen“ und suchten sich darin zu üben (Schuster, 252). Die Mitglieder des zweiten Grades hatten schon wirkliche und verschiedene Proben in dieser großen Vollkommenheit gezeigt und waren daher bestrebt, einen größeren Grad in derselben zu erlangen.
Über geheime Zeichen und Rituale ist nichts bekannt. Als „Sinn- und Denkbilder“ galten das „Allsehende Auge“, Kreuz, Herz, gekreuzte Schlüssel, Ring und Totenkopf.
Der Orden ist kaum über Greifswald hinausgewachsen und sein Bestand war nicht von Dauer.

Lit.: Ahlwardt, Peter: Der Abelit. Leipzig, 1746; Biedenfeld, Ferdinand von: Geschichte und Verfassung aller geistlichen und weltlichen, erloschenen und blühenden Ritterorden. Bd. 1. Weimar: Voigt, 1841; Schuster, Georg: Geheime Gesellschaften, Verbindungen und Orden. Bd. 2. Wiesbaden: Fourier, o. J.

Abend. Der A. ist eine besondere Tageszeit im menschlichen Leben. Die Unsicherheit der anbrechenden Nacht führt zu Vorsorge, Riten und Opferhandlungen, um die Gefahren der Nacht zu bannen, gehört diese doch den Geistern. Jede Berührung mit bösen Geistern und jeglicher Kontakt mit der gefährlichen Außenwelt sind zu meiden.
Der Abend schließt aber nicht nur den alten Tag ab, sondern nimmt bereits Verbindung mit dem neuen auf. So kommt ihm auch die Zukunftsdeutung zu. Vor allem am Vorabend von Festtagen, die einen neuen Zeitabschnitt einleiten, wie Weihnachten, Silvester und Dreikönig, ist Zukunftsdeutung am erfolgreichsten. Aus den verschiedenen Abendzeichen kann zudem auf das künftige Wetter geschlossen werden.
Der Abend ist die Zeit der Rückbesinnung auf sich selbst und der Bewusstseinsveränderung zum Schlaf hin, wo die Empfänglichkeit für außergewöhnliche Erfahrungen besonders groß ist. Zudem sind einige Abende, insbesondere der Andreas-, Johannis-, Thomas- und Heilige Abend sowie der Abend vor Ostern und Christi Himmelfahrt von besonderem magischen Gehalt. Der Andreasabend z. B. wird für Liebe und Ehe empfohlen.
In der Volksmedizin wird den an bestimmten Abenden gesammelten Heilkräutern eine besondere Kraft zugesprochen.
In der Astrologie bildet der Abend das 7. Haus im Horoskop.

Lit.: Wuttke, Adolf.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearbeitung von E. H. Meyer. Berlin, 1900; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Abendglocke > Abendläuten.

Abendläuten. Von den sieben Glockenzeichen der sieben Gebetszeiten (horae canonicae) kamen für den Abend das Vesperläuten und das Completläuten in Betracht. Das im 11. Jh. auftauchende Ave Maria führte dann vom 13 Jh. an zum Angelusläuten am Morgen (zuerst 1317 / 1318 in Parma) und am Abend (zuerst 1307 in Gran), sodann auch am Mittag (zuerst 1386 in Prag). Das Abendläuten markierte das Ende des Arbeitstages, denn vom Abendläuten bis zum Morgenläuten gehört die Zeit den Geistern, die vor dem Abendläuten nur selten erscheinen. Zuweilen kommt dem Abendläuten, wie dem > Abend überhaupt, eine besondere Wirkung zu, die nicht selten Zukunftsbedeutung hat.

Lit.: Eisenhofer, L.: Handbuch der katholischen Liturgik 1. Freiburg: Herder, 21941; Bächtold-Stäubli, H.: Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Abendmahl. Das A., auch „Herrenmahl“ genannt, wird im frühen Christentum als Fortführung der Tischgemeinschaft Jesu mit seinen Jüngern (Brotbrechen), als Erinnerung an das letzte gemeinsame Mahl (das letzte Abendmahl) und als Auftrag zu Seinem Gedächtnis gefeiert (Lk 22, 17 – 21).
Das Abendmahl beinhaltet für die Christen ihre mystische Verbindung mit Christus und untereinander. Während man das „Herrenmahl“ zunächst mit einer wirklichen Mahlzeit feierte, wurde es im Laufe des 2. Jhs. zu einer kultischen Feier in der Bedeutung des Opfermahls im Glauben an die Wandlung der Elemente von Brot und Wein in den Leib und das Blut Christi (> Transsubstantiation), was in der Ostkirche in der Vorstellung einer dynamischen >„Transformation“ nach dem Vorbild der Verklärung Christi zum Ausdruck kommt.
Luther leugnete die Wandlung der Elemente, vertrat jedoch (Marburger Religionsgespräch), entgegen der rein symbolischen Deutung Zwinglis, die reale Gegenwart Christi (> Konsubstantiation). So spricht man heute in der protestantischen Kirche von Abendmahl, in der katholischen Kirche hingegen von Eucharistie oder Messopfer (Katechismus).
Aus paranormologischer Sicht sind neben den Lehren von Transsubstantiation, Transformation und Konsubstantiation die mit dem Abendmahl verbundenen magischen Vorstellungen und Handlungen von Interesse. So wird das Abendmahl als Zaubermittel verwendet, um sich besondere Vorteile zu verschaffen, wie eine leichte Geburt und ein kräftiges Leben für das Neugeborene (Hoffmann-Krayer, 23). Vielfach gilt das Abendmahl als Heilmittel gegen Krankheit, als Schutz vor bösen Geistern und als Quelle besonderer Kräfte (Kühnau, 243). Wer sich hingegen dem Abendmahl gegenüber unwürdig verhält, kann sich Schaden zufügen (Kuhn, 445).
Schließlich dient das Abendmahl auch als Gottesurteil in Form der > Abendmahlsprobe.
Im Hexen- und Teufelskult wird das Abendmahl zum Gegenstand der Nachahmung und Verspottung (Horst, 328).

Lit.: Das Marburger Religionsgespräch, 1529; Kuhn, A.; Schwartz, W.: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche ect. Leipzig: Brockhaus, 1848; Kühnau, Richard: Schlesische Sagen. 3 Bde. Leipzig, 1910 – 1913; Hoffmann-Krayer, Eduard: Feste und Bräuche des Schweizervolkes. Zürich, 1913; Katechismus der Katholischen Kirche. München: Oldenburg, 1993; Horst, Georg Konrad: Zauberbibliothek, J. J. Couvreur, o. J.

Abendmahlsprobe. Bei der A. wird dem als Verbrecher Verdächtigten zur Klärung der Wahrheit die heilige Hostie gereicht. Kann er sie ohne schädliche Wirkung genießen, ist er unschuldig; stirbt er, ist er schuldig und zugleich bestraft (Glitsch, 24).
In dieser Abendmahlsprobe finden sich zwei Momente: das uralte Gottesurteil in Form des geweihten Bissens, wie es bei Afrikanern (Glitsch, 34), Indianern (Globus 29, 40), Indern (Glitsch, 31), Israeliten (1 Sam 6, 9) und in den altgermanischen Volksrechten (Schild, 10) vorkommt, sowie die Aussage im NT: „Wer mein Fleisch isst und mein Blut trinkt, der isst und trinkt sich das Gericht.“

Lit.: Globus. Illustrierte Zeitschrift für Länder- und Völkerkunde. Braunschweig, 1862 ff.; Glitsch, Heinrich (Hg.): Mittelalterliche Gottesurteile. Leipzig: Voigtländer, 1918; Schild, Wolfgang: Alte Gerichtsbarkeit. München: Callwey, 1985.

Abendpunkt. Der. A., auch Westpunkt genannt, ist der Untergangspunkt der Sonne zur Zeit der Tagundnachtgleichen.

Lit.: Lexikon der Astrologie. München: Goldmann, 1981.

Abendstern. Der A. gilt bei den meisten Völkern als Zeichen für den Anbruch der Nacht und der Ruhezeit, als Zeitpunkt der Vermählung und der Liebeszusammenkunft. Liebende, die getrennt sind, senden sich über ihn Grüße. So wurde der Abendstern schon sehr früh besungen. Die griechische Dichterin Sappho huldigt ihm, wie später eine Reihe anderer Dichter, mit gefühlvollen Worten. Der Abendstern, Hesperos, wurde daher auch vom Morgenstern, Phosphoros, wohl unterschieden. In der Astrologie wird als Abendstern jeweils jener Planet bezeichnet, der nach der Sonne untergeht.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wyssowa u. a., Stuttgart, 1893 ff.; Sappho: Lieder: griechisch und deutsch. Hg. von Max Treu. Darmstadt: WBG, 81991; Mertz, Bernd A.: Venus und Merkur als Morgen- und Abendstern im Horoskop. Mössingen: Chiron-Verl., 1997.

Abendweite. Die A. ist das Bogenstück auf dem Horizontkreis zwischen > Abendpunkt und Untergangspunkt eines Gestirns.

Lit.: Lexikon der Astrologie. München: Goldmann, 1981.

Aben-Ragel > Albohazen Haly.

Aberacula, flügelförmig geschriebenes Zauberwort gegen Fieber, eine Nebenform von > Abracadabra.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg.): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987, S. 63; Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988.

Aberdeen-Hexen. Eine Gruppe von Hexen, die 1596 / 97 während eines Prozesses in Nordost-Schottland hingerichtet wurden.
1596 wurde Aberdeen vom Hexenwahn erfasst. In einer Flut gegenseitiger Anschuldigungen wurden Behauptungen über allerlei Arten magischer Übeltaten vorgebracht. So hätten zahlreiche Angeklagte Magie angewandt, um durch die Macht des > Bösen Blickes den Tod herbeizuführen, Männer zu Ehebrechern zu machen, dem Vieh zu schaden, die Milch sauer werden zu lassen, Unwetter heraufzubeschwören und Zauberformeln für die Liebe zu erfinden. Die Angst vor Hexerei war so groß, dass selbst das Ansetzen einer harmlosen Kräutermedizin Anlass zu Verhaftungen gab. Durch Druck und Zwang wurden die unglaublichsten Geständnisse erpresst. Schließlich kam zu Tage, dass sich die Hexen von Aberdeen zum Hexenzirkel trafen, dem 14 Mitglieder angehörten und der unter Anleitung des Teufels stattgefunden habe. Dieser habe sich als grauer Schafsbock, als Eber oder Hund getarnt und sich Christsonday genannt. Häufig sei er in Begleitung seiner Gemahlin, der Elfenkönigin, gewesen. Die Mitglieder des Zirkels hatten als Ehrerbietung das Gesäß ihres Herrn und ihrer Herrin zu küssen und häufig mit ihnen Geschlechtsverkehr zu üben.

Die alte Janet Wishart wurde verdächtigt, Andrew Webster durch Magie ermordet, bei Alexander Thomson Fieber hervorgerufen und Teile einer noch am Galgen hängenden Leiche für schändliche Zwecke verwendet zu haben. Isobel Cockie warf man vor, Mühlen und Vieh verhext zu haben, Margaret Ogg habe sich auf das Vergiften von Fleisch spezialisiert und Helen Rogie habe von ihren Opfern Wachsbilder angefertigt, um ihnen zu schaden. Isobel Strachan habe junge Männer verführt, Isobel Ritchie Zauberspeisen für werdende Mütter zubereitet und Isobel Ogg Unwetter heraufbeschworen.
Viele der Angeklagten waren von einer der ihren identifiziert worden, die behaupteten, an einer großen Versammlung von zweitausend Hexen in Atholl teilgenommen zu haben.

Andrew Mann, selbst ein bekannter Hexer, erklärte sich bereit, als Kronzeuge aufzutreten. Vom Gericht zum > Hexenriecher ernannt, unterzog er die Verdächtigen der > Nagelprobe, um das > Teufelsmal zu finden.

Am Ende der Gerichtsverfahren im April 1597 wurden 23 Frauen und ein Mann der Verbrechen für schuldig befunden, an Pfosten gebunden, vom Scharfrichter erdrosselt und dann an einer Stelle nahe der heutigen Commerce Street verbrannt, um zu verhindern, dass das Böse von ihren Körpern auf andere übertragen würde. Mehrere Angeklagte entgingen dieser Grausamkeit durch Selbstmord. Ihre Körper wurden durch die Straßen geschleift, bis sie in Fetzen gerissen waren. Jene, für die kein Schuldbeweis zu erbringen war, wurden auf der Wange gebrandmarkt und aus der Stadt gewiesen.

Nicht lange nach den Hexenprozessen von Aberdeen veröffentlichte König Jakob VI. von Schottland (1603 – 1625) seine Dämonologie, die dazu beitrug, den Hexenwahn überall in der schottischen Gesellschaft zu verbreiten.

Lit.: Baroja, Julio Caro: Die Hexen und ihre Welt. M. e. Einf. u. e. ergänz. Kap. v. Will-Erich Peuckert. Stuttgart: Klett, 1967; Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. Erika Ifang [Übers.]. München: Droemersche Verlagsanst. Th. Knaur Nachf., 1988; Pickering, David: Lexikon der Magie und Hexerei; Regina Van Treeck [Übers.]. Dt. Erstausgabe; s. l.: Bechtermünz Verlag, 1999.

Aberfan. Dorf in Wales, wo 1966 bei einem Haldenrutsch 144 Menschen, darunter 128 Kinder, den Tod fanden. Der englische Psychologe J. C. Barker suchte daraufhin über einen Aufruf in der Presse nach Personen, die > Ahnungen oder > Wahrträume im Hinblick auf das Unglück gehabt hatten. Von den 76 Zuschriften aus dem ganzen Land wurden 60 eingehend überprüft. Dabei konnte in 24 Fällen durch Zeugen dokumentiert werden, dass die Erlebnisträger vor dem Unglückstag anderen Personen von ihren diesbezüglichen präkognitiven Erfahrungen berichtet hatten. Bei den gesicherten Fällen überwogen die Frauen mit 5 : 1. Das Alter der Erlebnisträger lag zwischen zehn und 75 Jahren. Bei den Erlebnissen selbst handelte es sich größtenteils um Träume mit schreienden Kindern, schwarzen Massen, walisischer Landschaft, Rappen mit Leichenwagen u. Ä.

Lit.: Barker, J. C.: Premonitions of the Aberfan Disaster. In: Journal of the Society for Psychical Research 44 (1967), 734; Grattan-Guinness, Ivor [Hg.]: Psychical Research: A Guide to its History. Principles and Practices. Wellingborough, Northamptonshire: The Aquarian Press, 1982.

Aberglaube. Seit dem 13. / 14. Jh. verwendete Bezeichnung von irrigem Glauben, vor allem im religiösen Kontext, an besondere Kräfte, deren Realität weder empirisch noch theologisch begründbar ist.

Begriffsgeschichtlich umfasst das Wort „Aberglaube“ den griechischen Begriff von deisidaimonia (übertriebene Götterfurcht) und die antiken und mittelalterlichen Bedeutungsinhalte von superstitio („Überglaube“) und idololatria (Götzendienst). Seit dem 19. Jh. nimmt das Wort „Aberglaube“ immer häufiger die Bedeutung von „blindem Vorurteil“, „einfältiger Lebensauffassung“ und unkritischem „Volksglauben“ an. In dieser allgemeinen Bedeutung von naiver Lebenseinstellung hat die Kategorie „Aberglaube“ theologisch keine Bedeutung mehr.
Hingegen bleibt im religiösen Kontext die von
Thomas von Aquin in der Summa theologiae (II – II, 92 – 96) im Rückblick auf altrömische, biblische und patristische Daten erstellte Beschreibung von Aberglaube als religiöse Praxis am falschen Gegenstand („dem sie nicht zukommt“) und als unlautere religiöse Praxis gegenüber dem wahren Gott („wie es sich nicht gebührt“) weiterhin wegweisend: > superstitio, falscher Kult des wahren Gottes, wozu jedwede Kultpraxis zu zählen ist, die im Christentum nicht dem NT bzw. in anderen Religionen nicht der jeweiligen Lehre entspricht; > idololatria, Vergöttlichung endlicher Gegenstände und Mächte; > superstitio divinativa, Wahrsagerei aus pseudoreligiösen Praktiken; > superstitiones observantiarum, magische Praktiken. Da sich der Mensch der Wahrheit aber nur nähern kann, ohne ihrer voll habhaft zu werden, ist auch der Versuch der Eliminierung von Aberglaube durch Aufklärung und Rationalismus nur bedingt gelungen, zumal die verbliebenen Deutungsfreiräume notgedrungen zu mutmaßlichen Deutungen führen. Zudem bedarf der Mensch zur Gestaltung seiner Vorstellungen von Welt und Mensch übergreifender Zusammenhänge, die, genährt von Unsicherheit und Angst, zu den verschiedensten Deutungen führen. Somit sind strenge Rationalität wie unkontrollierte Irrationalität gleichermaßen aberglaubenverwandt.

Paranormologisch gesehen ist Aberglaube im engeren Sinne eine den Gesetzen der Erfahrung und des Denkens zuwiderlaufende Ansicht von ursächlichen Zusammenhängen der sinnlichen Welt mit nichtsinnlichen Mächten und Gewalten, die auch unter Einbezug paranormologischer Deutungsmöglichkeiten wie Telepathie, Hellsehen, Präkognition, Psychokinese, Privatoffenbarungen, Sensitivität, Wunder usw. offensichtlich nicht gegeben sind. So ist es z. B. abergläubisch, der Zahl 13 besondere Kräfte zuzuweisen.

Lit.: Zucker, Konrad: Psychologie des Aberglaubens, Heidelberg: Scherer, 1948; Vasiliev, Leonid L.: Mysterious Phenomena of the Human Psyche. Sonia Volochova [Übers.]. New York: University Books, 1965; Lehmann, Alfred: Aberglaube und Zauberei. Übers. u. nach d. Tode d. Verf. bis in d. Neuzeit erg. von Dominikus Petersen, I. Aalen: Scientia-Verlag, 41985; Aberglaube – Sitten – Feste germanischer Völker: das festliche Jahr. Reprint der Orig.-Ausg., 2. Aufl. Leipzig: Barsdorf, 1898. Tübingen: Niemeyer, 1992; Meyer, Carl: Der Aberglaube des Mittelalters und der nächstfolgenden Jahrhunderte. Unveränd. Nachdr. [d. Ausg. Basel, Schneider, 1884]. Essen: Magnus-Verlag, 1985; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 10 Bde. Berlin: W. de Gruyter, 1987; Hemminger, Hansjörg; Harder, Bernd: Was ist Aberglaube? Bedeutung, Erscheinungsformen, Beratungshilfen. Gütersloh: Quell, 2000.

Aberkios-Inschrift. Grabinschrift in 22 metrischen Zeilen eines gewissen Aberkios, die 1882 / 83 von W. M. Ramsay durch zwei Inschriftenfunde beim heutigen Koz-Hissar (Türkei) bestätigt wurde. Die Inschrift ist auf 200 zu datieren und steht als Grabgedicht am Anfang der christlichen Dichtung. In dem verschlüsselt wirkenden Text bezeichnet sich der Verfasser als Jünger eines hl. Hirten, der mit großen Augen Schafherden weidet und verlässliches Wissen bietet. Er habe ihn nach Rom gesandt. Überall habe Aberkios Glaubensbrüder gefunden und Paulus sei sein Reisebegleiter gewesen. Der Glaube sei ihm vorausgegangen und als Speise habe er überall einen Fisch erhalten, den eine reine Jungfrau gefangen habe. Im Besitz guten Weines reichte er Mischtrank mit Brot.
Damit ist dieses Grabepigramm nicht nur einer der ältesten Belege der christlichen Fischsymbolik, sondern auch ein Dokument über die Erfahrung der Katholizität der Kirche von Rom bis zum Eufrat als Eucharistiegemeinschaft.

Lit.: Lüdtke, Willy; Nissen, Theodor: Die Grabschrift d. Aberkios. Lipsiae: Teubner, 1910; Wischmeyer, Wolfgang: Die Aberkios-Inschrift als Grabepigramm. In: Jahrbuch für Antike und Christentum 23 (1980), S. 22 –  47.

Abfuhr. Sigmund Freud bezeichnete als A. die Abgabe von Erregungsquantitäten, um Stauungen zu vermeiden. Eine nicht adäquate Abfuhr kann zu psychischen Störungen und – sofern sie nur motorisch erfolgt – zu hysterischen Anfällen führen. Solche Entladungen werden auch mit persongebundenen Spukerscheinungen und psychokinetischen Effekten in Verbindung gebracht.

Lit.: S. Freud: Gesammelte Werke. Frankfurt a. M.: Fischer, 1966, XIII, 273; XVII, 13, 91; Huesmann, Monika; Schriever, Friederike: Steckbrief des Spuks. In: Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 31 (1989), 52 – 107.

Abgad. Muslimische Methode des Rechnens nach dem Zahlenwert der Buchstaben: alif = 1, ba’ = 2, usw. Die Zahlen werden durch Buchstaben ersetzt, oder die Buchstaben sind zu Quadraten angeordnet, um Prophezeiungen und geheime Bedeutungen zu erlangen, ähnlich der jüdischen > Gematrie.

Lit.: Bowker, John (Hg.): Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 1999.

Abgal (> Apkallu). Sieben sumerische Geistwesen, die dem Abzu (> Apsu), dem personifizierten Süßwasserozean, entstammen und dem > Enki, dem Herrn der Erde, untertan sind. Mit einigen ist die Vorstellung von > Fischmenschen verbunden. Der Name Abgal ist etymologisch ungeklärt und wurde in altmesopotamischer Zeit in der Bedeutung „die Weisen“ verwendet. Zu ihnen wurde auch der Heros > Adapa, der Helfer gegen die Dämonin > Lamaschtu, gezählt. Da Adapa die vom Himmelsgott angebotene Speise und das Wasser des Lebens ablehnte, verwirkte er die Unsterblichkeit.

Lit.: Zimmern, H.: Die sieben Weisen Babyloniens. In: Zeitschrift für Assyriologie, NF 1 (1923).

Abgar V. Ukama (reg. 4 v. Chr.  – 7 n. Chr. sowie 13 – 50 n. Chr.), König von Edessa (Osrhoene). Der an ihn gerichtete Brief Jesu, der > Abgarbrief, erstmals erwähnt bei Eusebius (260 – 339) in seiner Geschichte der Kirche (h. e. I, 13; II, 1, 6 – 8), wird als Versuch der Frühdatierung und legitimierenden Traditionsbildung des syrischen Christentums von Edessa gegen Ende des 3. Jhs. gewertet. Doch auch Egeria (Aetheria), die Verfasserin des frühesten von einer Frau geschriebenen Pilgerberichtes (Itinerarium Egeriae), der erst 1884 entdeckt wurde, kommt in der Beschreibung ihrer Fahrt in das Hl. Land in den Jahren 381 – 384 auf den Brief Jesu zu sprechen, der in Edessa aufbewahrt wurde und von dem man Kopien als Talisman benutzte. Dies besagt, dass dem Brief eine besondere Verehrung zukam und er in Edessa schon länger bekannt war.

Lit.: Die Pilgerreise der Aetheria: Peregrinatio Aetheriae / eingel. und erkl. von Hélène Pétré. Stift Klosterneuburg bei Wien: Bernina-Verl, 1958; Cramer, Winfrid: Abgar. Bd. 1. Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg: Herder, 31993.

Abgarbrief. Der A. fußt auf der Abgar-Legende, die von einem Briefwechsel König > Abgars V. Ukama (4 v. Chr. – 7 n. Chr. und 13 – 50 n. Chr. ) mit Jesus und der Gründung der Kirche von Edessa spricht. Die älteste Erwähnung dieses Briefes, angeblich aus dem Archiv von Edessa, findet sich bei Eusebius (h. e. I, 13; II, 1, 6 – 8): Demgemäß habe sich der erkrankte König Abgar V. über seinen Boten an Jesus gewandt und um Heilung gebeten. Jesus versprach die Sendung eines Jüngers nach Vollendung seiner irdischen Aufgabe. Der Bote habe dabei versucht, Jesus zu malen, jedoch ohne Erfolg. Daraufhin habe Jesus sein Gesicht gewaschen und mit einem Handtuch getrocknet, in dem dann seine Gesichtszüge erhalten geblieben seien. Dieses Handtuch, Mandylion genannt, wurde in Edessa während der Belagerung durch die Perser um 450 aufgefunden und habe wesentlich zum Sieg über die Belagerer beigetragen, wie eine der historischen Quellen, das Geschichtswerk des Evagrios, das um 544 verfasst wurde, berichtet. Das Handtuch sei dann über Konstantinopel nach Rom gelangt, wo es als „Veronika“ (lat. vera und griech. eikon, „wahres Abbild“) in der von dem griechischen Papst Johannes VII. um 705 erbauten Kapelle aufbewahrt und 1600 zum letzten Mal der breiten Öffentlichkeit gezeigt wurde. Beim Abbruch der alten Peterskirche verschwand es aus Rom.
Seit 1646 wird nun im Kapuzinerkloster von Manoppello bei Pescara das > Volto Santo verehrt, das ein männliches Antlitz darstellt und auf dem durchsichtigen Schleier wie ein Diapositiv wirkt, und zwar ohne jedwede Farbspuren. Neuere Untersuchungen haben zudem gezeigt, dass sich dieses Volto Santo mit dem Antlitz auf dem Turiner Grabtuch vollständig deckt. Diese und weitere Eigenschaften lassen den Schluss zu, dass es sich beim Volto Santo um die römische Veronika, also um das aus dem Orient stammende > Mandylion, das > Acheiropoeta („nicht von Menschenhand gemacht“), handelt.
Eine abgewandelte Form der Abgarlegende ist der Bericht von der Heilung Abgars durch den von Thomas beauftragten Jünger Thaddäus (Addai). Diese Ende des 4. Jhs. entstandene Doctrina Addai ist von besonderer Wichtigkeit: Segensspruch Jesu über Edessa, Gottesdienstordnung, authentisches Christusbild (Acheiropoeta: nicht von Menschenhand gemacht, Kreuzauffindung).

Lit.: Peregrinatio Aetheriae. 19.9 16 f.; Prokop: De bello Persico. II,12; Philipp, G.: The doctrine of Addai; London, 1876; Oppenheim, Max von: Höhleninschrift von Edessa. Berlin, 1914; Desreumaux, Alain: Histoire du roi Abgar et de Jésus / présentation et trad. du texte syriaque intégral de La doctrine d’Addai. Turnhout: Brepols, 1993 (Apocryphes; 3); La leyenda del rey Abgar y Jésus. Madrid: Ciudad Nueva, 1995; Schlömer, Blandina P.: Das Grabtuch von Turin und der Schleier von Manoppello. Innsbruck: Resch, 1999; Resch, Andreas: Das Antlitz Christi. Grabtuch – Veronika. Innsbruck: Resch Verlag, 22006.

Abgeschiedenheit bezeichnet in der > Mystik den Zustand der Loslösung von der raum-zeitlichen Wahrnehmung zum völligen inneren Einswerden mit Gott. Dieses Einswerden kann durch A. allerdings nur vorbereitet, nicht aber bewirkt werden. Dazu bedarf es der Gnade Gottes. So kann die A. zunächst auch zur Einsamkeit, zur > dunklen Nacht des Geistes und damit zur inneren Läuterung als Vorbereitung auf das Einheitserlebnis mit Gott werden.

Lit.: Weg der Vollkommenheit: mit kleineren Schriften der hl. Theresia von Jesu. München: Kösel – Pustet, 1941. Die Seelenburg der heiligen Theresia von Jesu. Mit einem Anhang: Gedanken über die Liebe Gottes / Rufe der Seele zu Gott / Kleinere Schriften. München; Kempten: Kösel, 21952.

Abgeschirmte Tippzuordnung (engl. screened touch matching test, STM-Test). Ein von G. > Pratt, G. B. > Gardner, G. > Murphy und J. B. > Rhine entwickelter und angewandter ASW-Kartentest, bei dem die Versuchsperson auf eine von fünf Schlüsselkarten zeigt, um damit anzugeben, welche Karte in dem Päckchen, das der Experimentator hinter einem Schirm nach unten gewendet hält, jeweils oben liegt.

Lit.: Rhine, J. B.: Die Reichweite des menschlichen Geistes. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1950, S. 62 f.

Abgezogenes Denken. Ein von Emanuel > Swedenborg (1688 – 1772) verwendeter Ausdruck zur Bezeichnung eines Zustandes bewusst herbeigeführter Geistesabwesenheit, bei dem das Empfindungsvermögen mehr oder weniger ausgeschaltet ist.

Lit.: Hamlin, John: Die Grundlehren der christlichen Theosophie. Leipzig: F. B. Baumann, o. J.

Abgötterei bezeichnet bereits im AT das Abrücken vom echten Glauben an den einen wahren Gott durch Hinwendung zu einem gegenständlichen Gottesbild (Ri 8, 27) oder einem Lokalgott (Ri 8, 33), was zum Verlust des Schutzes durch den einen Gott führt. Dieses Verständnis der Abgötterei wird auch von > Krishna geteilt, wenn er sagt: „Wer immer die Götter verehrt, wird zu diesen gehen, wer immer aber mich liebt oder verehrt, wird wahrlich zu mir kommen.“ Im Islam wird denen, die nicht an Allah glauben, also der Abgötterei dienen, mit Unterwerfung gedroht: „Bekämpft diejenigen…, die nicht an Allah glauben … bis sie unterworfen“ sind. Auf diesem Hintergrund erhält das Wort Abgötterei die Bedeutung von > Götzendienst, > Idololatrie.

Lit.: Bagavad-Gita 7, 23. Koran 9, 29. Gosda, P.: Du sollst keine anderen Götter haben neben mir. Neukirchen-Vluyn: Neukirchener Verlag, 1999.

Abgotts-Schlange. Riesenschlange, die bei einigen Völkern als göttlich verehrt wird. Die ältesten Nachrichten darüber verdanken wir den Portugiesen.

Lit.: Vollmer, Walter: Wörterbuch der Mythologie aller Völker. Neu bearb. von W. Binder. Holzminden: Reprint-Verl. Leipzig, 1979.

Abgrund (lat. abyssus), bezeichnet in der christlichen Mystik den unergründlichen Innenraum der Gottheit. So ist bei > Hadewijch das Bild des A. die Veranschaulichung des Einheitsmoments im Leben der Gottheit (I. Vision, 175). Dabei ist nach Meister > Eckhart Gott „im Meer seiner Grundlosigkeit“ nicht zu begreifen (DW, I 123, 2 f). Heinrich > Seuse fühlt sich in seinen Schauungen „in den wilden Abgrund der göttlichen Verborgenheit“ hineingezogen (Bihlmeyer, 21). Diese Verborgenheit erfährt der Mensch, nach Johannes > Tauler, wenn ihn Verstand und Weisheit „in den göttlichen Abgrund führen, wo Gott sich selbst erkennt und sich selbst versteht und seine eigene Weisheit und Wesenheit schmeckt. In diesem Abgrunde verliert sich der Geist so tief und in so grundloser Weise, dass er von sich selbst nichts weiß“ (Oehl, 55). > Mechthild von Magdeburg hingegen bezeichnet mit Abgrund den alles Negative umfassenden Zustand der > Hölle. Hier klingt das psychologische Verständnis des Abgrundes an, das in der > Kabbala mit dem Begriff des > Abyss und im AT mit > Scheol beschrieben wird.

Lit.: Bihlmeyer, Karl (Hg.): Heinrich Seuse, Deutsche Schriften. Stuttgart, 1907; Eckhart, Meister: Die deutschen und lateinischen Werke. Stuttgart: Kohlhammer, 1936; Mechthild von Magdeburg: Das fließende Licht der Gottheit. Einsiedeln: Benziger, 1955; Oehl, Wilhelm (Hg.): Deutsche Mystikerbriefe des Mittelalters: 1100 – 1550. Unveränd. reprograf. Nachdr. d. Ausg. München, 1931. Darmstadt: Wissenschaftliche Buchgesellschaft, 1972; Gerald Hofmann: Hadewijch, Das Buch der Visionen, Teil 1. Einleitung, Text und Übersetzung. Stuttgart-Bad Cannstatt: frommann-holzboog, 1998.

Abhasa-Chaitanya (sanskr. abhasa: Schein, Reflexion; chaitanya: Bewusstsein), das absolute Bewusstsein, das sich im Denken des Menschen reflektiert. Diese Reflexion wird vom sterblichen, auf sein Ich bezogenen Menschen > Jiva für den einzigen Bewusstseinszustand gehalten, wodurch die Entdeckung des absoluten Bewusstseins, das identisch ist mit > Brahman, verhindert wird. Überwindet Jiva diese Begrenzung, so wird er sich seines wahren Selbst, des > Atman, und dessen Einheit mit dem > Brahman bewusst und erlangt Befreiung.

Lit.: Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Buddhismus, Hinduismus, Taoismus, Zen. Bern u. a.: Scherz, 1986.

Abhasa Vada (sanskr.). Der sterbliche Mensch (> Jiva) ist als Erscheinung > Brahmans nur eine Denkprojektion des inneren Organs (Denk- und Empfindungsvermögen) des Menschen (> Antahkarana).

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhay Charan De > Hare Krishna.

Abhidharma (sanskr., Pali: abhidhamma), „besondere Lehre“. Der Abhidharma ist das früheste Kompendium der buddhistischen Philosophie und Psychologie und gilt als die dogmatische Grundlage von > Hinayana und > Mahayana. Er entstand zwischen dem 3. und 4. Jh. n. Chr. und bildet den dritten Teil des buddhistischen Kanons (> Tripitaka).

Lit.: Frauwallner, E.: Die Philosophie des Buddhismus. Berlin: Akad.-Verl., 1994; Frauwallner, Erich: Studies in Abhidharma Literature and the Origins of Buddhist Philosophical Systems. Albany, NY: State Univ. of New York Press, 1995.

Abhidharmakosha (sanskr., „Schatzkammer des Abhidharma“). Der A. ist das wichtigste Kompendium der > Sarvastivada-Lehre. Er wurde im 5. Jh. n. Chr. von > Vasubandhu in Kaschmir verfasst und besteht aus einer Sammlung von 600 Versen (Abhidharmakosha-Karika) mit Prosakommentar (Abhidharmakosha-Bhashya); er ist heute nur noch in chinesischer und tibetischer Version erhalten. Der A. spiegelt den Übergang von der hinayanistischen zur mahayanistischen Lehrauffassung wider und ist das grundlegende Werk der buddhistischen Schulen Chinas, deren Verbreitung er wesentlich beeinflusste. Inhaltlich werden neun Themen behandelt: Elemente, Fähigkeiten, Welten und Existenzweisen, Karma, Neigungen, Erlösungsweg, Erkenntnis, Sammlung. Das neunte Thema, Theorien zur Person, bildet eine selbständige Einheit und tritt der von den > Vatsiputriyas vertretenen Auffassung der Existenz einer „Person“ entgegen.

Lit.: Vasubandhu: Tibetskij perevod: Abhidharmakoçakarikah i Abhidharmakoçabhasyam. Osnabrück: Biblio-Verl., 1970; Vasubandhu: Tibetskij perevod Abhidharmako & sacute. Delhi: Motilal Banarsidass Publ., 1992.

Abhidharma-Pitaka (sanskr.; Pali: abhidhamma-pitaka), wörtl.: „Korb der besonderen Lehre“. Dieser „Korb“ ist der dritte und jüngste Teil der buddhistischen Textsammlung. Er besteht aus sieben Büchern, die sich mit der buddhistischen Scholastik befassen. Ihr Wert für den älteren Buddhismus und die spätere buddhistische Philosophie wurde lange verkannt. Das wichtigste Buch ist der siebte Teil der Sammlung, das Kathavatthu.

Lit.: Potter, Karl H. (Hg.): Encyclopedia of Indian Philosophies. Bd. 7. Abhidharma Buddhism to 150 A.D. Reprint, 1998.

Abhijña (sanskr.; Pali: abhinna), die sechs höheren Kräfte, die ein > Buddha, > Bodhisattva oder > Arahat besitzt. Die ersten fünf sind weltlich und werden durch vier Versenkungsstufen (> Dhyana) hervorgerufen. Es sind dies: 1. Magische Kräfte, 2. „Himmlisches Gehör“ (Wahrnehmung menschlicher und göttlicher Stimmen), 3. Wahrnehmen der Gedanken anderer Wesen, 4. Erinnerungen an frühere Existenzen, 5. Göttliches Auge (Erkennen des Kreislaufs von Leben und Tod aller Wesen). Die 6. Kraft, das Erkennen des Erlöschens der eigenen Befleckungen und Leidenschaften (> Asrava), der persönlichen Befreiung, ist überweltlich
und kann nur durch den höchsten Hellblick (> Vipashyana) erreicht werden.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhirati (sanskr., „Reich der Freude“) bezeichnet das im Osten des Universums gelegene „Paradies“ des Buddha > Akshobhya, wobei „Paradies“ im Buddhismus nicht als Lokalität, sondern als Bewusstseinszustand aufgefasst wird und die den Buddhas zugeordneten Himmelsrichtungen symbolische und ikonographische Bedeutung haben.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhisheka (sanskr., „Salbung“, „Weihe“), der für den > Vajrayana zentrale Vorgang der Initiation, bei welcher der Schüler vom Meister (> Guru) zur Ausübung spezieller Meditationsübungen ermächtigt wird. Im Tibetischen Buddhismus spricht man von Kraftübertragung. Für das höchste Yoga-Tantra (> Tantra) gibt es vier verschiedene, sukzessive Einweihungsstufen.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Abhiyoga. Gattungsname der dienstbaren Götter im > Jainismus. Sie helfen den obersten Göttern, den > Indra, Regen und Finsternis zu erzeugen; ebenso sind sie bei der Weihe eines > Tirthamkara beteiligt.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Abia, Zauberwort in Formeln wie „abia, obia, sabia“ oder „abia, dabia, fabia“ u. Ä., das zum sicheren Schuss auf den Flintenlauf oder auf einen Stock geschrieben wird, um jemanden aus der Ferne zu prügeln.

Lit.: Dieterich, Albrecht: Kleine Schriften. Leipzig: Teubner, 1911.

Abida, Gottheit der Kalmücken, die Ähnlichkeit mit dem > Shiva der Inder hat. A. herrscht über die Seelen der Verstorbenen. Die Guten lässt er in das Paradies, die Schlechten schickt er auf die Erde zurück in andere Geschöpfe. A. wohnt im Himmel, wohin ein Weg ganz aus Silber führt.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. – Erftstadt: area verlag gmbh, 2004. Diese modernisierte Ausgabe lehnt sich eng an das Originalwerk von 1874 an.

Abiegnus Mons > Monte Abiegno.

Abigor (auch Abigar, Eligos oder Eligor), gilt als der Kriegsdämon schlechthin, erscheint als Soldat auf einem geflügelten Untier, das einem Pferd ähnelt, mit Lanze, Zepter und Fähnchen oder auch mit einer > Schlange. Als Höllenherzog herrscht er über 60 Legionen.

Lit.: Wierus, Joannes: Ioannis Wieri: De Praestigiis Daemonum, et in cantationibus ac veneficiis: Libri sex; Acc. Liber apologeticus, et pseudomonarchia daemonum; Cum rerum ac verborum copioso indice. Postrema editione quinta aucti & recogniti. Basileae: Oporinus, 1577; Dictionnaire infernal, ou bibliothèque universelle sur les etres, les personnages, les livres, les faits et les choses, qui tiennent apparitions, a la magie … / Jacques Auguste Simon Collin de Plancy. 2. éd.. Paris: Mongie, 1825 – 1826.

Abimi. Bezeichnung für Seele, Geist und Leib eines jeden Dinges bei > Paracelsus.

Abiogenesis (griech.), Entstehung aus dem Unbelebten, Urzeugung.

Abjad (arab.), die Wissenschaft von der Zuordnung der arabischen Buchstaben zu Zahlen, > Gematrie.

Lit.: Crowley, Aleister: 777 [Siebenhundertsiebenundsiebzig] und andere kabbalistische Schriften: Inklusive Gematria [u.] Sepher sephiroth. Clenze: Bohmeier, 31985.

Abklatschung. Kurze, kräftige Schläge auf Rücken, Lenden und Extremitäten mit einem nassen, zu einem Streifen zusammengelegten Handtuch. Die Schläge werden in schnell kreisender Bewegung mit dem Handtuch und in dosierter Form ausgeführt, wobei die Körperoberfläche tangential getroffen wird. Die Anwendung soll vor allem bei Bronchitis und Pneumonie zur Heilung beitragen.

Lit.: Ritter, Ulrich: Naturheilweisen. Regensburg: Johannes Sonntag, 1982.

Abkömmlinge des Unbewussten. Von Sigmund Freud verwendete Bezeichnung für verdrängte Inhalte des Unbewussten, die sich über das Vorbewusste bis in das Bewusstsein vordrängen können. „Das Ubw wird an der Grenze des Vbw durch die Zensur zurückgewiesen. Abkömmlinge desselben können diese Zensur umgehen, sich hoch organisieren, im Vbw bis zu einer gewissen Besetzung heranwachsen, werden aber dann, wenn sie diese überschritten haben, als Abkömmlinge des Ubw erkannt und an der neuen Zensurgrenze zwischen Vbw und Bw neuerlich verdrängt“ (Freud, 292). Diese Vorstellung wird u. a. auch zur Klärung paranormaler Manifestationen wie > Spuk, > Visionen, > Erscheinungen, > Besessenheit und > Eingebungen herangezogen. Wie weit es sich hierbei tatsächlich um Abkömmlinge des Unbewussten handelt, muss offen bleiben.

Lit.: Freud, S.: Das Unbewusste. In: GW 10. Frankfurt a. M.: S. Fischer,1969.

Abkürzungen > Abbreviaturen.

Ablass (lat. indulgentia). Nach katholischer Lehre „Erlass einer zeitlichen Strafe vor Gott für Sünden, die hinsichtlich der Schuld schon getilgt sind. Ihn erlangt der Christgläubige, der recht bereitet ist, unter genau bestimmten Bedingungen durch die Hilfe der Kirche, die als Dienerin der Erlösung den Schatz der Genugtuungen Christi und der Heiligen autoritativ austeilt und zuwendet“ (Katechismus, 401). Man spricht von Teilablass bei teilweiser Befreiung von zeitlichen Sündenstrafen und von vollkommenem Ablass bei voller Befreiung von denselben. Zudem können Ablässe den Lebenden und den Verstorbenen zugewendet werden. Der Ablass kam im 11. Jh. im Sinne der Umwandlung schwerer kanonischer Bußstrafen in leichtere Ersatzwerke auf. Einen bedeutenden Aufschwung nahm das Ablasswesen durch die Kreuzzüge und die seit 1300 gefeierten Jubiläen. Den Ausartungen des Ablasses im Spätmittelalter trat insbesondere die Reformation entgegen. Bei der Ablassreform von 1967 hielt man am genannten autoritativen Verwalten und Zuwenden des Schatzes der Sühneleistung Christi und der Heiligen fest.

Lit.: Apostolische Konstitution über Neuordnung des Ablasswesens. Trier, 1967; Katechismus der Katholischen Kirche. München: Oldenburg, 1993.

Ablösung. Nach der Sankhya- (Samkhya-) Philosophie erfolgt Erlösung in der völligen Ablösung des Selbst bzw. des Geistes (sanskr. purusha) von allem, was der Materie entstammt, einschließlich Verstand, bewusstem Ich und dem, was man Seele in Abhebung zu Geistseele nennt. Unter diesem Einfluss hat C. G. Jung zwischen dem Ich als dem Zentrum des Wachbewusstseins und dem Selbst (sanskr. atman) als dem Zentrum der Gesamtpersönlichkeit unterschieden. Im > Vedanta ist nämlich > Purusha identisch mit > Atman und so auch mit > Brahman.

Lit.: Zaehner, Robert C.: Mystik, Harmonie und Resonanz: die östlichen und westlichen Religionen. Olten: Walter, 1980, S. 123 – 124; Lichtenauer, Gerd: Das Denken der Vorindogermanen: das Geheimnis der Sankhya-Philosophie. Berlin: Frieling, 2000; Yuktidipika: The Most Significant Commentary on the Samkhyakarika. Stuttgart: Steiner, o. J.

Abmelden – Anmelden > Künden.

Abnoba. Die keltische Göttin des Schwarzwaldes gilt als Beschützerin der Quellen und des Wildes. Als Herrin großer Waldgebiete wurde sie von den Römern der > Diana gleichgesetzt. In Badenweiler war sie Schutzgöttin der Heilquellen.

Lit.: Heinz, W.: Der Altar der Diana Abnoba in Badenweiler. In: Archäologische Nachrichten aus Baden 27 (1981).

Abnormal. Bezeichnet das Abweichen von der idealen oder der statischen Norm, vom allgemeinen kulturellen Verhalten oder von allgemeinen Verhaltensmustern, ohne schon pathologisch, also > anormal zu sein.

Lit.: London, Perry; Rosenhan, David (Hg): Foundations of Abnormal Psychology. New York u. a.: Holt, Rinehart and Winston, Inc., 1968.

Abnormalität. A. bezeichnet im Unterschied zu Abnormität das Abweichen von der idealen oder der statischen Norm, vom allgemeinen kulturellen Verhalten oder von allgemeinen Verhaltensmustern, ohne schon pathologische Züge, also > Abnormitäten aufzuweisen.

Lit.: London, Perry; Rosenhan, David (Hg): Foundations of Abnormal Psychology. New York: Holt, Rinehart and Winston, Inc., 1968.

Abnormität. Allgemeine Bezeichnung für „Abweichung von der Norm“. Die Abweichung kann dabei über oder unter der Norm liegen. So sagt C. G. Jung: „Geistige Abnormität kann auch eine dem Durchschnittsverstand unfassbare Gesundheit oder überlegene Geisteskraft sein“ (Jung, 132). Andererseits kann Abnormität aber auch für außergewöhnliche körperliche (> Monstrum) und geistige (Debilität, Persönlichkeitsstörungen) Beeinträchtigungen stehen. Im Verhaltensbereich wird der Begriff „Abnormität“ vom Begriff > Abnormalität abgelöst.

Lit.: London, Perry; Rosenhan, David: Theory and Research in Abnormal Psychology. New York: Holt, Rinehart and Winston Inc., 1969; Jung, C. G: Ulysses. In: GW 15. Olten: Walter, 1971.

Aboda Zarah > Mischna-Traktat über den Götzendienst.

Abonmelchem, Abonnilchkar. Bezeichnung eines Dinges durch > Paracelsus, das von zwei ungleichen Sachen hervorgebracht wird, z. B. ein Kind oder der > Stein der Weisen aus Merkur und Sulphur.

Abora. Von den Kanariern auf der Insel Palma als höchstes Wesen verehrt, thront als Gott im Himmel und setzt die Sterne in Bewegung.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Aborigines (lat. ab origine). Ureinwohner eines Landes vor dessen Besiedlung durch Ausländer, bes. in Australien. Nach archäologischen Befunden kamen die dortigen Ureinwohner wahrscheinlich vor mindestens 50.000 Jahren aus dem südostasiatischen Raum nach Australien. Zum Zeitpunkt der Landnahme durch J. Cook, 1770, sollen etwa 350.000 Aborigines mit etwa 250 Sprachen dort gelebt haben.
Die migrative Lebensweise basierte auf einer Jäger- und Sammlerökonomie, die sich bis heute in ihrem Weltbild niederschlägt, das von ideellen Fähigkeiten getragen wird. So gilt nach den Aranda und anderen Gruppen Zentralaustraliens die Erde als unerschaffen und zeitlos. Am Anfang war sie eine kahle Ebene ohne Gestalt und Leben. Dann tauchte eine große Zahl von übernatürlichen Wesen, die Totemvorfahren, aus ihrem immerwährenden Schlaf unter der Oberfläche dieser Ebene auf. Jedes von ihnen war mit einem bestimmten Tier oder einer Pflanze verbunden. Mit ihrer Schöpfungskraft gestalteten sie die Erde. So sind Berge, Hügel und Flüsse Zeichen der Taten der Totemvorfahren. Die Mythen der Aborigines befassen sich mit allen Orten, an denen die Totemvorfahren gewirkt hatten.
Von besonderer Bedeutung ist bei den Aranda das Wort „altjira“ in der Bedeutung von „ewig, unerschaffen“. Sie verbinden damit die Vorstellung einer Welt, die in der Ewigkeit begonnen hat, deren Ende aber nicht absehbar ist. In dieser
Ewigen Traumzeit, der Zeit der Schöpfung vor langem, die bis in die Gegenwart geführt werden kann, vermag der Eingeweihte bewusst die Kräfte der außersinnlichen Erfahrung zu verwenden. Einen besonderen Stellenwert nimmt dabei die Kontemplation ein, in der Raum und Zeit überschritten und telepathische Fähigkeiten entfaltet werden. So kann der Eingeweihte während einer Unterredung in einen tranceähnlichen Zustand treten und wenige Minuten später Namen von Personen nennen, die demnächst auftauchen oder schon gestorben sind. Die > Trance hat zudem eine besondere Bedeutung für die Entfaltung des Eingeweihten, insbesondere der > Medizinmänner, die aus den Reihen jener jungen Männer ausgesucht werden, die besonders leicht in Trance geraten und Erscheinungen haben. All diese außergewöhnlichen Fähigkeiten und Zustände sind gekennzeichnet durch das Einssein mit dem Universum, einer überwältigenden Trance, Liebe und Innerlichkeit. In diesem Zusammenhang zeigten auch Telepathieexperimente eine hohe Signifikanz, während Psychokineseexperimente im Bereich des Zufalls blieben.
Neben diesen besonderen Fähigkeiten gibt es bei den Aborigines einen intensiven Glauben an > Magie. Jemand, der aus nicht erkennbarem Grund krank wird oder stirbt, muss ein Opfer > Schwarzer Magie geworden sein, die auf mehrere Arten praktiziert werden kann.
Schließlich ist noch darauf zu verweisen, dass die Geheimgesellschaft „Aborigines“, die um das Jahr 1783 in England bestand und deren Einweihungsriten im British Magazine des gleichen Jahres beschrieben wurden, mit den Ureinwohnern Australiens nichts zu tun hat.

Lit.: Rose, Ronald: Psi and Australian Aborigines. In: Journal of the American Society for Psychical Research 46 (1952), 17 – 58; Hough, Michael: The psychic and mystical experiences of the Aborigines. In: Australian Institute of Psychic Research (AIPR) Bulletin 8 (1986), 1 – 7, 6 figs., 45 refs.; Narogin, Mudrooroo: Die Welt der Aborigines: das Lexikon zur Mythologie der australischen Ureinwohner. Aus dem Engl. von Wolf Koehler. München: Goldmann, 1996; Ronald M.; Catherine H. Berndt: The World of the First Australians: Aboriginal Traditional Life Past and Present. Canberra, ACT: Aboriginal Studies Press, 1996; Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Abort. Die früher und auch heute noch vielerorts außerhalb des Hauses, also wirklich abseitig gelegene, Toilette war stets von allerlei Unheimlichkeiten umgeben, insbesondere dort, wo die Örtlichkeiten von mehreren Personen benutzt werden konnten. Das Unheimliche dieses wüsten Ortes, den man bei Nacht kaum allein zu betreten wagte, war dadurch gegeben, dass er bei Isländern, Skandinaviern, Deutschen und Arabern als Erscheinungsstätte von > Totengeistern und > Teufeln galt. Als solche ist er Stätte des > Zaubers und > Aberglaubens.

Lit.: Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. Bd. 1. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Abou Rayhan > Al-Biruni.

Abrac. Okkulter Begriff in der Bedeutung des persischen > Abraxas, der den Namen einer Gottheit bezeichnet, welche das Jahr symbolisiert. Der Zahlenwert des Wortes ist 365. Das Wort wurde auch von der > Freimaurerei aufgegriffen, insofern es in einem Freimaurer-Manuskript (Leland MS) heißt: Die Masons verheimlichen „the wey of wynninge the facultye of Abrac“, was besagt, dass die Steinmetzen im Besitz streng bewahrter magischer Künste sind.

Lit.: Lennhof, Eugen; Posner, O.; Binder, D. A.: Internationales Freimaurer Lexikon. München: Herbig, 2000.

Abracadabra. Berühmtes symbolisches Zauberwort aus der Spätantike. Die eigentliche Herkunft ist umstritten. Die einen führen es auf > Abraxas oder > Abrasax (> Abraxasgemmen) zurück (Seligmann, 300), eine Zauberform, die in der gnostischen Sekte des > Basilides (um 150 n. Chr.) in hohem Ansehen stand. Eine andere Deutung will darin a = abba (Vater), b = ben (Sohn), r = ruach (Geist) sehen, es also aus dem Hebräischen ableiten (Bischoff, 192). Wieder andere erblicken darin ein Schwindewort ohne Sinn, wie etwa das heutige Hokuspokus als Ausdruck für „falschen Zauber“ (Heim, 491).
Der Mediziner Q. Serenus Sammonicus (Heim, 491) benutzte das Zauberwort um 200 n. Chr. mit genauen Anweisungen als > Amulett bei gefährlichen Fiebererkrankungen. Auch bei Zahnschmerzen, Wunden und zum Herbeirufen guter Geister fand das Zauberwort Verwendung, und zwar bis in die Gegenwart. Dabei wurde es meist elfmal so untereinander geschrieben, dass immer der erste und der letzte Buchstabe weggelassen wurden (Schwindeschema), bis nur noch A übrig blieb:

A b r a c a d a b r a
A b r a c a d a b r
A b r a c a d a b
A b r a c a d a
A b r a c a
A b r a c
A b r a
A b r
A b
A

Das Zauberwort wurde zum Vertreiben von Krankheit und Unheil auf einen Zettel geschrieben und findet sich graviert auf Amuletten, auch in der Form von Abrasadabra (Ersch, 153).

Lit.: Heim, Ricardus: Incantamenta Magica Graeca-Latina. Jahrbücher für klassische Philologie. Hg. von A. Fleckeisen. XIX. Supplem.-Bd. Leipzig, 1892; Bischoff, Erich: Die Elemente der Kabbala. Berlin, 1913 / 14; Ersch, J. S.; Gruber J. G.: Allgemeine Enzyklopädie der Wissenschaften und Künste. Bd. 1. Unveränd. Nachdr. Graz, 1969; Seligmann, Siegfried: Der böse Blick und Verwandtes: ein Beitrag zur Geschichte des Aberglaubens aller Zeiten und Völker. 2 Bde. Berlin, 1910. Nachdr.: Hildesheim; Zürich; New York: Olms, 1985; Biedermann, H.: Handlexikon der magischen Künste. Graz: ADEVA, 1986.

Abraham (hebr., zunächst Gen 11, 26 – 17, 5 Abram = der Vater ist erhaben, dann ab Gen 17, 5 Abraham, der Vater der Völker). Der erste der drei Erzväter (Patriarchen) und Stammvater Israels wird religionsgeschichtlich auch als Aufdecker profaner, ja geheimer Wissenschaft dargestellt. Im Jubiläenbuch finden wir Abraham als einen Mann mit magischen Fähigkeiten (11, 19 ff.), Erfinder des Pfluges (11, 23), als einen, der Sterne beobachtet (12, 16). Eusebius gibt die Traditionen von Abraham als Erfinder der Astrologie wieder, die er u. a. den Ägyptern übermittelt hat (Praep. Ev. IX, 16 u. 17).
In den gnostischen Systemen spielt Abraham zwar keine große Rolle, doch bezeichnen in der valentinischen Schriftauslegung „Abraham“ und „die Kinder Abrahams“ das Hervorbringen der Seelen durch den > Demiurgen (Hippolit, Refutatio VI, 34, 4).

Lit.: Berger, Klaus: Unterweisung in erzählender Form. Das Buch der Jubiläen, 1981 (Jüdische Schriften aus hellenistisch-römischer Zeit II/3).

Abraham a Sancta Clara. Johann Ulrich Megerle, geb. 1644 in Kreenheinstetten in Baden, trat 1662 in Mariabrunn bei Wien in den Orden der Unbeschuhten Augustiner ein, wo er den Namen Abraham a Sancta Clara erhielt. Nach der Priesterweihe 1668 wurde er vor allem als Hofprediger von Wien bekannt. Seine Beredsamkeit, seine umfassende Welt- und Menschenkenntnis, seine Allgemeinbildung und sprachschöpferische Begabung machten ihn zum unübertroffenen Kanzelredner. In seinen Sittenpredigten nahm er auch die okkulten und alchemistischen Praktiken ins Visier: „Schädlich sind die chymischen und Laboranten-Bücher, durch die sich schon so mancher von Haus und Hof laboriert hat… Sie machen kein Gold, sondern lassen Gold in Rauch aufgehen“ (Narrenspiegel, 1709). Er starb 1709 in Wien. Seine Schriften sind ein unerschöpfliches Quellenmaterial für die Kultur-, Sitten- und Seelengeschichte des süddeutschen Hochbarocks.

Lit.: Abraham a St. Clara’s sämmtliche Werke. Passau: Winkler; Wien: Gerold, 1834.

Abraham ben Meir ibn Ezra, geb. 1090 in Tudela / Spanien, gest. 1164 in Narbonne / Frankreich, war Exeget und Philosoph, Grammatiker, Dichter, Astronom und Astrologe. Den Hauptkomplex seiner vielschichtigen und umfangreichen literarischen Werke bilden die Bibelkommentare. An zweiter Stelle stehen die Schriften zur Astrologie und Astronomie sowie zur Mathematik. Hier ist besonders ein sieben astrologische Arbeiten umfassendes Corpus zu nennen, das gegen Ende des 13. Jhs. von Petrus > Abano anhand einer älteren französischen Übersetzung in das Lateinische übertragen und an der Wende vom 15. zum 16. Jh. zweimal gedruckt wurde. Einen ähnlich weitreichenden Einfluss auch außerhalb des Judentums hatten seine astronomischen Werke Tabulae Pisanae und Fundamenta Tabularum.

Lit.: Abraham Ben-Ezra: Abrahe Avenaris Judei Astrologi peritissimi in re iudiciali opera: ab exycellentissimo Philosopho Petro de Abano post accurataz castigationem in latinum traducta. Venetijs: Liechtenstein, 1507; Ben-’Ezra, Abraham: El libro de los fundamentos de las tablas astronómicas de R. Abraham Ibn ‘Ezra / ed. crítica, con introd. y notas por José M. Millás Vallicrosa. Madrid [u. a.], 1947 (Consejo Superior de Investigaciones Científicas, Instituto Arias Montano; 2).

Abraham der Jude. Der berühmte Alchemist > Nicolaus Flamell (1330 – 1417 / 18), der in Paris als Schreiber lebte, nennt in seinem Buch Chymische Werke Abraham den Juden als Verfasser der mit Eisengriffel bemalten und beschriebenen Rinden-Blätter: „Abraham der Jude / ein Priester und Levit /Astrologe und Philosophus“ (Flamell, 32) habe das Buch zur Unterstützung seiner jüdischen Leidensgenossen geschrieben. In der weiteren Ausdeutung werden mit „Abraham der Jude“ mehrere sagenhafte Alchemisten und Autoren magischer Bücher bezeichnet, von denen wir nichts Genaues wissen:
Abraham Eleazar wird als Autor von Uraltes chymisches Werk bezeichnet, das aus dem 17. Jh. stammt und die > Tabula Smaragdina zum Hauptthema hat.
Abraham von Worms, auch als „Abraham der Jude“ und „Abraham Ben Simeon“ bezeichnet, sei 1362 in Mayance geboren worden und habe 1387 ein hebräisches Zauberbuch verfasst, das 1725 in Köln in deutscher Übersetzung als Wahre Praktik der göttlichen Magie erschien.
Abraham von Mainz, ebenfalls 1362 geboren, gilt schließlich als Autor von Heilige Magie des Abramelin mit Anleitungen zu magischen Praktiken, Beschwörungsformeln für > Engel und anderen Arten von Ritualmagie, wie die Erlangung von Visionen, Verbindung mit Geistern, die Wandlung des Selbst in andere Formen, das Fliegen durch die Lüfte usw.
Von diesen Werken wurde neben anderen insbesondere Aleister > Crowley stark beeinflusst.

Lit.: Des berühmten Philosophi Nicolai Flamelli Chymische Werke, Hamburg, 1681; Die heilige Magie des Abramelin: die Überlieferung des Abraham von Worms; nach dem hebräischen Text aus dem Jahre 1458 / in die dt. Sprache übertr. und hg. von Johann Richard Beecken. Neuaufl. Berlin: Schikowski, 1986; Abraham von Worms: Buch Abramelin, das ist die egyptischen grossen Offenbarungen oder des Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie. Vollst. kritisch überarb. Ausg. von Georg Dehn. 1. Aufl. Saarbrücken: Verl. Neue Erde, 1995.

Abraham Eleazar > Abraham der Jude.

Abraham Julita. Zauberworte, zusammengesetzt aus den Namen Abraham und Julita, deren es mehrere Heilige gibt. Sie sind nach dem Schwindeschema geschrieben und werden gegen Fieber eingesetzt (Hovorka, 1, 144; 2, 239).

Lit.: Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. 2 Bde. Stuttgart, 1908 / 09; Bibliotheca Sanctorum: Indici. Rom: Città Nuova Editrice, 1970.

Abraham v. Franckenberg (1593 – 1652). Schüler von Jakob > Böhme. Seine religiösen Erlebnisse gab er in zahlreichen Schriften wieder, so z. B. in dem Buch Raphael oder Artztengel (1676), in dem die Entstehung der Krankheiten und ihre Behandlung durch Kuren und „chymische“ Arzneimittel beschrieben sind.

Lit.: Franckenberg, Abraham von: Raphael oder Artzt-Engel. Amsterdam: Felsen, 1676; Frankenberg, Abraham von: Bekandtnis und Rechenschafft von den Hauptpuncten des Christlichen Glaubens. Amsterdam, 1676; Franckenberg, Abraham von: Briefwechsel. Stuttgart- Bad Cannstatt: Frommann-Holzboog, 1995.

Abraham von Mainz > Abraham der Jude.

Abraham von Worms > Abraham der Jude.

Abraham-Apokalypse > Apokalypse Abrahams.

Abrahams Schoß (hebr. be-heiko shel Avraham), eine Bezeichnung des Wohnortes der gerechten Seelen. Er erscheint in der aggadischen Literatur, im > Midrash und im > Talmud. > Jesus verwendet den Begriff im Gleichnis vom reichen Mann und Lazarus. Als der arme Lazarus starb, „wurde er von den Engeln in Abrahams Schoß getragen“ (Lk 16, 22). Als der Reiche nach seinem Tod in der Unterwelt qualvolle Schmerzen litt, „blickte er auf und sah von weitem Abraham, und Lazarus in seinem Schoß“ (Lk 16, 23). Dieser biblische Bericht machte Abraham zum Symbol der ewigen Geborgenheit des gottesfürchtigen, aufrechten Menschen. So zeigen viele romanische und frühgotische Plastiken Abraham, wie er auf seinen Knien ein Tuch hält, in dem die Seelen der gerechtfertigten Gläubigen gleich kleinen Kindern sitzen.

Lit.: Karlstadt, Andreas: Ein Sermon vom stand der Christglaubigen seelen von Abrahams schoß und fegfeuer der abgeschidnen seelen. [Augsburg]: [Ulhart], [1523].

Abraham-Testament. Das Testamentum Abrahae ist ein zweifach griech., ferner slaw., rumänisch, koptisch, arabisch und äthiopisch überliefertes Werk des ägyptischen Judentums, das wahrscheinlich Anfang des 2. Jhs. entstanden ist. Die Legende berichtet über Abrahams Tod. Nachdem dem Engel Michael die Abberufung Abrahams nicht gelingt, bewirkt schließlich Thanatos, der Todesengel Samael, dessen Tod, indem er sich von ihm die Hand küssen lässt. Vorher schaut Abraham auf einer Himmelsreise noch die Welt, wobei er Adam, der Seelenwaage und Abel als Totenrichter begegnet.

Lit.: James, Montague Rhodes: The Testament of Abraham: the Greek text now first edited with an introduction and notes. Cambrige, 1892; Schmidt, F.: Le Testament grec d’A. Tübingen, 1986.

Abramelin, Ritual des. Ein Zauberbuch aus dem 18. Jh. mit dem Titel: „Die egyptischen großen Offenbarungen, in sich begreifend die aufgefundenen Geheimnißbücher Mosis; oder des Juden Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie und in erstaunlichen Dingen, wie sie durch die heilige Kabbala und durch Elohym mitgetheilt worden. Sammt der Geister- und Wunderherrschaft, welche Moses in der Wüste aus dem feurigen Busch erlernet, alle Verborgenheiten der Kabbala umfassend. Aus einer hebräischen Pergament-Handschrift von 1387 im XVII. Jahrhundert verteutscht und wortgetreu herausgegeben. Köln am Rhein, bei Peter Hammer, 1725.“
Der Verfasser, der sich „Jud Abrahamb, ein Sohn Simons des Sohns Juda“ nennt, gibt vor, viele Jahre durch Europa und den Nahen Osten gewandert zu sein und dabei sämtliche Zauberrezepte, -formeln und -rituale gesammelt zu haben. In Ägypten sei er auf den Magier Abramelin gestoßen, der ihm einen Ritualtext überlassen habe, mit dessen Hilfe es möglich sein solle, seinen > Schutzengel zu beschwören. Die Schrift fußt nämlich auf der Vorstellung, dass die Erde ein Werk böser Geister sei. Gelingt es nun dem Magier, mit seinem „Schutzengel“ in Verbindung zu treten, so kann er diese bösen Geister mit Hilfe der rituellen Magie kontrollieren.
Das Buch entstand jedoch erst im 18. Jh., wobei zwei Ausgaben von besonderer Bedeutung waren: die oben erwähnte Ausgabe von 1725 sowie jene in der Bibliothèque Arsenal in Paris aus der Privatsammlung des Comte d’Artois, der das Buch 1785 gekauft haben will. Die englische Ausgabe erschien 1898 in London. Die Übersetzung besorgte Samuel L. > MacGregor Mathers, einer der Gründer des > Hermetischen Ordens der Goldenen Morgendämmerung, die zu den wichtigsten magischen Organisationen des ausgehenden 19. und beginnenden 20 Jahrhunderts gehörte. Das Buch hatte großen Einfluss auf die Mitglieder des Ordens, darunter auch Aleister > Crowley, der die Ausgabe des Rituals von 1458 besessen haben will. Zur Erprobung des Rituals kaufte er den schottischen Landsitz Boleskine bei Iverness in der Einsamkeit des Loch Ness. Beim Beschwörungsversuch des eigenen Schutzgeistes soll er es jedoch mit der Angst zu tun bekommen haben. Noch schlimmer erging es seinem Nachfolger nach 1947, Dr. C. H. Petersen, als Großmeister des > O.T.O., und dessen Frau, die an angeblichen Rückwirkungen des Rituals zerbrachen und Selbstmord begingen.

Lit.: Die heilige Magie des Abramelin: die Überlieferung des Abraham von Worms; nach dem hebräischen Text aus dem Jahre 1458 / in die dt. Sprache übertr. und hrsg. von Johann Richard Beecken. [Neuaufl.]. Berlin: Schikowski, 1986; Abraham von Worms: Buch Abramelin, das ist die egyptischen grossen Offenbarungen oder des Abraham von Worms Buch der wahren Praktik in der uralten göttlichen Magie. 1. vollst. kritisch überarb. Ausg. v. Georg Dehn. Saarbrücken: Verl. Neue Erde, 1995.

Abrams, Albert (1863 – 1924), geb. in San Francisco / USA, promovierte in Heidelberg in Medizin und wirkte nach seiner Rückkehr in die USA als Prof. für Pathologie am Cooper Medical College in San Francisco. 1920 schuf er mit der Erfindung des Bio-Dynamometers mit „Dynamischer-Einheit“ die praktischen Grundlagen für das alternative Heilverfahren der > Radionik. A. stellte fest, dass jede Krankheit eines Menschen durch Abklopfen der Bauchdecke diagnostizierbar ist und dass sich der Klopfschall im Bauchbereich des Patienten veränderte, sobald eine pathologische Einstellung des Gerätes auf den Probanden gelenkt wurde. Jeder Krankheit wurde also ein bestimmter Punkt auf der Bauchdecke zugeordnet. Das Gerät mit einem variablen Widerstand maß den Ohmschen Widerstand eines Stromkreislaufs bei verschiedenen Erkrankungen, der nach Abrams’ Feststellung bei Krebs z. B. 50 Ohm betrug. Aus diesen festgestellten Werten entstanden die späteren Raten (rates), womit das Verhältnis der Einstellknöpfe zueinander gemeint ist. Damals noch mit dem Kürzel ERA (Electronic Reactions of Abrams) belegt, wird das inzwischen weiterentwickelte und immer noch kontroverse Verfahren „Radionik“ genannt.

Lit.: Abrams, Albert: New Concepts in Diagnosis and Treatment. Physicoclinical Medicine, the Practical Application of the Electronic Theory in the Interpretation and Treatment of Disease. San Francisco, Cal.: Philopolis Press, 1916; ERA. Electronic Reactions of Abrams. New York, 1922; Barr, James: Abrams’ Methods of Diagnosis & Treatment. London, 1925.

Abrams, Stephen Irwin, Psychologe, geb. am 15. Juli 1938 in Chicago, Illinois, USA. 1959 B. A. an der Universität von Chicago, 1957 – 60 Präsident der Parapsychologischen Gesellschaft der Universität Chicago. Seit 1961 Direktor des parapsychologischen Laboratoriums der Oxford Universität und von 1960 – 63 Präsident der Oxford University SPR. Er befasste sich mit der außersinnlichen Stimulation konditionierter Reflexe bei Hypnotisierten und mit qualitativen Experimenten auf der Basis der Synchronizitätstheorie von C. G. Jung.

Lit.: Pleasants, Helene (Hg.): Biographical Dictionary of Parapsychology. With Directory and Glossary 1964 – 1966. New York: Helix Press, 1964.

Abrasax > Abraxas.

Abraxas. Gottesname, der sich in den hellenistischen > Zauberpapyri und auf zahlreichen Amulettsteinen des Altertums und Mittelalters findet. Die häufigere Form ist jedoch > Abrasax, der Jahresgott. Der Name besteht aus 7 Buchstaben (vgl. 7 Tage der Woche) und hat – entsprechend den griechischen Zahlenwerten – 365 Tage (Zahl der Tage eines Sonnenjahres):

A = 1
B = 2
R = 100
A = 1
X = 60
A = 1
S = 200
Summe = 365

Eine besondere Rolle spielte Abraxas im gnostischen System des > Basilides (um 130 n. Chr.) vermutlich in Alexandrien. Für ihn ist Abraxas der Inbegriff der von ihm angenommenen 365 Engelmächte, die das Weltenjahr (> Äon) bilden. Diese Klasse von Engeln hat nach dem basilidianischen System die sichtbare Welt und die Menschheit geschaffen. „Ihr Anführer ist der Judengott, der offenbar auch ,Abrasax‘ (oder ‚Abraxas‘) heißt, ein Name, dem der Zahlenwert 365, wie die Anzahl der Himmel, zugrunde liegt, ursprünglich aber wahrscheinlich eine geheimnisvolle Umschreibung des mit vier (hebräisch: arba – abra) Konsonanten geschriebenen jüdischen Gottesnamens Jahwe (Tetragramm) gewesen ist“ (Rudolf, 336).

Lit.: Langerbeck, Hermann: Aufsätze zur Gnosis. Göttingen: Vandenhoeck u. Ruprecht, 1967; Dieterich, Albrecht: Abraxas: Studien zur Religionsgeschichte des späteren Altertums. Neudr. d. Ausg. Leipzig 1905. Aalen: Scientia-Verlag, 1973; Rudolph, Kurt: Die Gnosis: Wesen und Geschichte einer spätantiken Religion. Unveränd. Nachdr. der 3., durchges. u. erg. Aufl. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1994.

Abraxasgemmen. Amulettsteine des Altertums und Mittelalters, die insbesondere der Geisteswelt der gnostischen Sekte des > Basilides (um 130 n. Chr.) entstammen. Sie verkörpern den Synkretismus der Spätantike, wobei jüdische, persische und gnostische Elemente zu einer Einheit werden. So tragen die > Talismane Inschriften wie „Jao Abrasax“, Sabaoth Adonaios“ usw. und zeigen Prägungen von hahnen- und eselsköpfigen, aber auch schlangenfüßigen Mischwesen.

Lit.: Laarss, Richard H.: Das Buch der Amulette und Talismane. 2. Aufl. Nachdr. d. 3. verm. Aufl. Leipzig, Hummel, 1932. München: Diederichs, 1988.

Abreagieren. Psychoanalytische Bezeichnung der Normalisierung eines zur Symptomerhaltung aufgestauten und eingeklemmten Affekts. Dieser komme dadurch zustande, dass die Auseinandersetzung mit dem aufgestauten Affekt ausbleibt und die Erinnerung mitsamt ihrem Affekt verdrängt wird, was eben zur Symptombildung führt. Wird nun die Erinnerung aufgedeckt und der mit ihr verbundene „eingeklemmte“ Affekt befreit, so kann er abreagiert werden und das Symptom löst sich auf. Eugen Bleuler spricht hier von kathartischem Verfahren (Freud, 46 – 47). Das Abreagieren kann ebenso spontan erfolgen und wird in diesem Zusammenhang auch mit > Poltergeist-Phänomenen und > Psychokinese in Verbindung gebracht.

Lit.: Freud, Sigmund: Selbstdarstellung. GW 14. 5. Aufl. Frankfurt: Fischer, 1972.

Abred, der innerste von drei konzentrischen Kreisen, die in der Kosmologie der Kelten die Gesamtheit des Seins darstellen A. versinnbildlicht den Kampf und die Evolution gegen > Cythrawl, die Macht des Bösen.
Jedes Wesen hat in seiner Lebensentwicklung drei Phasen zu durchschreiten: Es beginnt mit dem kreativen > Abyss, gefolgt von der Transmigration in A., und endet mit der Vollendung im Kreis von > Gwynfyd oder > Himmel. Ohne diese drei Phasen kann niemand zur vollständigen Existenz gelangen, außer Gott, der alle übersteigt.

Lit.: Trioedd ynys Prydein: the Welsh Triads / edited, with introd., translation, and commentary by Rachel Bromwich. Cardiff: University of Wales Press, 1978.

Abreisen. A. ist ein häufiges Traumsymbol (Freud, 154 f.). Meistens tröstet der Traum etwa mit den Worten: ,Sei ruhig, du wirst nicht sterben (abreisen).‘ Zuweilen bleibt der Trost aus und die Angst kann sich bis in das Erwachen fortpflanzen. Das Abreisen kann sich aber auch auf eine andere Person beziehen und manchmal die Gestalt eines > Wahrtraumes annehmen. Die Symbolhaftigkeit ist jedoch nicht nur an den Traum gebunden, sondern ganz allgemein an die Wortbedeutung von Abreisen selbst: Trennung ohne Wiederkehr? In dieser Unsicherheit des Abreisens liegt die Ureigenheit seines Symbolgehaltes. Die Formen des Abreisens können vielfältig sein.

Lit.: Feud, Sigmund: Die Traumdeutung. Über den Traum. Frankfurt: Fischer, 41969 (GW; 2 – 3).

Abrenuntiatio (lat.), Absage. Abrenuntiatio diavoli: Absage an den Teufel; abrenuntiatio parvulorum per ora gestantium: Absage der Kleinkinder durch den Mund der Paten. Diese Absage an den Teufel und seine Werke in der Taufliturgie (außer der nestorianischen) hat die Bedeutung von > Abschwörung.

Lit.: Koch, Kurt: Seelsorge und Okkultismus. Berhausen / Karlsruhe: Evangelisationsverlag, 1957.

Abribalzache. Paracelsicher Ausdruck für Maß, Gewicht und Zahl.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Abricus. Iberische Gottheit.

Abrogation. Fachausdruck im Kirchenrecht zur Aufhebung eines Gesetzes; im Islam zur Deutung einiger Stellen des Korans oder der prophetischen Überlieferung (Hadith). Damit ist die Annahme gemeint, dass Texte bzw. Vorschriften des Korans bzw. des Hadith verändert, aufgehoben oder sogar gestrichen werden können.

Lit.: Khoury, Adel Theodor: Einführung in die Grundlagen des Islams. 3., durchges. Aufl. Würzburg: Echter, 1993.

Abrufreize. Abruf von Gedächtnisinhalten durch Reizung – suggestiv oder durch Versetzen der Person in eine dem ursprünglichen Erlebnis entsprechende Situation. Solche Abrufreize tragen nach E. Tulving am besten dazu bei, dass das ursprüngliche Ereignis, d. h. die ursprüngliche Erfahrung oder der Kontext, in dem das Ereignis bzw. die Erfahrung stattgefunden hat, wiederhergestellt wird. Dies gilt offenbar auch für den inneren Zustand einer Person: Was in einem betrunkenen Zustand erlebt wird, wird auch in einem betrunkenen Zustand am besten wieder erinnert.

Lit.: Tulving, Endel: The effects of presentations and recall of material in free-recall learning. Journal of Verbal Behavior, 5 (1967), 175 – 184; Tulving, Endel: Cue-dependent forgetting. American Scientist, 1974; Bower, Gordon H.; Hilgard, Ernest R.: Theorien des Lernens. In dt. Sprache hg. u. neu übers. von Urs Aeschbacher. Stuttgart: Klett-Cotta, o. J.

Abruzanum. Nach der persischen Mythologie eine Pflanze, die von einem Liebesgeist bewohnt ist. Die Perser wandten sie daher bei ihren Liebes- und Zaubertränken an.

Lit.: Vollmer, Wilhelm: Wörterbuch der Mythologie. Erftstadt: area verlag gmbh, 2004. Diese modernisierte Ausgabe lehnt sich eng an das Originalwerk von 1874 an.

Absam. Wallfahrtsort in Tirol / Österreich. In schwerer Kriegszeit, am 17. Januar 1797, saß die 18-jährige Bauerntochter Rosina Buecher in ihrem Haus in Absam beim Nähen dem Fenster gegenüber. Zwischen 15 und 16 Uhr wurde an der Scheibe des inneren Fensters (nach außen war dasselbe mit einem Winterfenster versehen) ein Brustbild der weinenden Gottesmutter sichtbar. So oft man das Bild wegwischen wollte, so oft erschien es wieder wie zuvor. Nach eingehender Untersuchung wurde es auf Verlangen der Bevölkerung und mit Zustimmung des Bischofs von Brixen am 24. Juni 1797 feierlich in die Kirche von Absam übertragen, wo es heute noch auf dem rechten Seitenaltar der am 24. Juni 2000 zur Basilika erhobenen Wallfahrtskirche aufgestellt ist und als Gnadenbild verehrt wird. In der Votivtafelkapelle sind über 400 Votivtafeln zu sehen.

Lit.: Seeböck, Philipp: Die liebe Gottesmutter im Gnadenbilde zu Absam. Innsbruck, 1897; Troger, A.: Unsere Liebe Frau von Absam. Innsbruck, 1931; Haider, Paul: Herz-Jesu und Marien-Büchlein. Innsbruck: Steiger, 2000.

Abschied. Das mit einer gewissen Zeremonie verbundene Auseinandergehen dient auch zur Bezeichnung des > Sterbens und des > Todes, des Abschieds ohne Wiederkehr. So kennt die Umgangssprache den Ausdruck: „Er hat sich für immer von uns verabschiedet.“ Dieser endgültige Abschied kann paranormologisch eine Reihe von Phänomenen und Formen aufweisen, wie direktes Voraussagen der Todesstunde, > Anmelden, luzide Eingaben zur Verabschiedung der Angehörigen sowie poltergeistähnliche Geräusche und akustische Zeichen.

Lit.: Passian, Rudolf: Abschied ohne Wiederkehr? Pforzheim: R. Fischer, 1973; Kübler-Ross, Elisabeth: Leben, bis wir Abschied nehmen. Stuttgart: Kreuz Verlag, 21980.

Abschirmgeräte. Die Erkenntnis, dass > Reizzonen pathogen wirken können, führte zur Anwendung von Schutzmaßnahmen durch die verschiedensten Arten von Entstörungsgeräten, angefangen von Störfeldmodulatoren in Form eines Interferenzsenders zur Sanierung von geopathischen Störfeldern bis hin zu Kupferringen, Drahtgeflechten, Flaschen oder ganz einfach Behältern mit Sand. So oft auch das Abschirmen von Reizzonen diskutiert wurde, so kam es doch nie zu befriedigenden Aussagen, da weder die pathogenen Einwirkungen selbst noch die Wirkungen derartiger Abschirmgeräte technisch messbar sind. Also verbleibt neben der subjektiven Empfindungsbeurteilung lediglich die radiästhetische Kontrolle, womit die Objektivierung offen bleibt. Unseriösen Angeboten ist daher weiterhin der Weg geebnet, zumal die Gesundheitsängste in diesem Bereich ständig zunehmen.

Lit.: Rohrbach, Christof: Radiästhesie: physikalische Grundlagen und Anwendung in Geobiologie und Medizin. Heidelberg: Karl F. Haug, 1996.

Abschirmung. A. bezeichnet ganz allgemein eine Anordnung von Materie zur Verringerung störender Strahlung in die Umgebung, wie u. a. bei der atomaren, elektrischen, magnetischen und thermischen Abschirmung, wobei die biologische Abschirmung einen besonderen Stellenwert einnimmt.

Abschirmung, biologische, auch biologischer Schild; besteht in der Reduzierung ionisierender Strahlung auf biologisch zulässige Werte.

Abschirmung, geistige. Diese Form der Abschirmung besteht in der bewussten Hinwendung zum persönlichen Innenraum durch geistige Inhalte, die den Bezug zum Außenraum teilweise oder völlig aufheben.

Lit.: Resch, Andreas: Veränderte Bewusstseinszustände: Träume, Trance, Ekstase. Innsbruck: Resch, 1990.

Abschirmung, magische. In der praktischen Magie dient z. B. der > magische Kreis zur Abschirmung, d. h. zum Schutz des Magiers. > Talismane, > Zaubersprüche und magische Rituale sollen die persönliche Sicherheit verstärken und als Abschirmung vor negativen Einflüssen dienen.

Abschirmung, psychologische. Die individuelle psychische Ausgeglichenheit erfordert zuweilen nicht nur eine persönliche Informations- und Wahrnehmungsselektion, sondern häufig auch eine Verringerung der Gefühlsstimulation, Vermeidung von Körperkontakt bis hin zur Einschränkung persönlicher Begegnungen im Allgemeinen wie im Besonderen, was volkstümlich als „Abschirmung“ bezeichnet wird. In diesem Zusammenhang ist auch die in der Esoterik betonte Abschirmung durch Umhüllung mit einem psychischen Panzer oder durch Verstärkung der eigenen Aurakraft als individueller Filter zu nennen.

Lit.: Resch, Andreas: Veränderte Bewusstseinszustände: Träume, Trance, Ekstase. Innsbruck: Resch, 1990.

Abschirmung, radiästhetische. Die in der > Radiästhesie betonte Feststellung, dass Reizzonenkreuzungen pathogen wirken können, führte zu einer Vielzahl von Schutzmaßnahmen, die volkstümlich meist als „Entstörung“ oder „Abschirmung“ bezeichnet werden. Die zur Sanierung dieser so genannten geopathogenen Störfelder verwendeten Gegenstände und Geräte reichen von einem Kupferdraht bis zu einem Interferenzsender. Da derartige Störungen technisch – zumindest derzeit – nicht messbar sind, verbleiben als Wirkkriterium nur die radiästhetische Kontrolle und das subjektive Empfinden, wobei Placeboeffekte nicht auszuschließen sind.

Lit.: Rohrbach, Christof: Radiästhesie: physikalische Grundlagen und Anwendung in Geobiologie und Medizin. Heidelberg: Karl F. Haug, 1996.

Abschneiden (ahd.: abschniden), durch Schnitte abtrennen, stutzen; ist besonders bei Haaren und Nägeln mit Vorstellungen der Beeinträchtigung der Lebenskraft verbunden. So verlor Simson nach Abschneiden seiner Locken alle Kraft: „Delila ließ Simson auf ihren Knien einschlafen, [rief einen Mann] und schnitt dann die sieben Locken auf seinem Kopf ab. So begann sie ihn zu schwächen, und seine Kraft wich von ihm“ (Ri 16, 19).
Der Haarschnitt dient zudem der Reinigung bei Verunreinigung des Kopfes: „Wenn aber jemand in seiner Nähe ganz plötzlich stirbt und er dabei sein geweihtes Haupt unrein macht, dann soll er sein Haar an dem Tag abschneiden, an dem er wieder rein wird: Am siebten Tag soll er sein Haar abschneiden“ (Num 6, 9).
Schließlich kann die Lebenskraft des Haares auch verführerisch sein: „Wenn eine Frau kein Kopftuch trägt, soll sie sich doch gleich die Haare abschneiden lassen. Ist es aber für eine Frau eine Schande, sich die Haare abschneiden oder sich kahl scheren zu lassen, dann soll sie sich auch verhüllen“ (1 Kor 11, 6).
Diese Vorstellung, dass man mit dem Haar das Leben in Besitz nimmt, ist auch beim Skalpieren der Indianer lebendig (Friederici).
Von ähnlich magischer Bedeutung ist das Schneiden der Nägel, wobei es schon bei den Römern die Vorschrift gab, die Fingernägel am neunten Tag vom Zeigefinger an abzuschneiden (Plinius, XXVIII, 28).
Zudem gibt es eine Reihe astrologischer Vorschriften über die beste Zeit des Abschneidens von Haaren und Nägeln (Plinius, XVI, 194; XVIII, 321 – 322).
Aus Angst vor > Schadenzauber sind abgeschnittene Haare und Nägel zu verbrennen oder zu verbergen, damit sie nicht in fremde Hände gelangen. Schließlich werden abgeschnittene Haare und Nägel auch zu Heilzwecken verwendet (Plinius, XXVIII, 86).

Lit.: C. Plinius Secundus: Naturalis historia; Friederici, Georg: Skalpieren und ähnliche Kriegsgebräuche in Amerika. Fotomech. Nachdr. der Ausg. Braunschweig 1906. Kassel: Hamecher, 1991.

Abschnitt (engl. set). Unterteilung der Protokollseite bei quantitativ-qualitativen Psi-Tests, die als Treffereinheit für eine aufeinanderfolgende Gruppe von ASW-Einzelversuchen gilt, gewöhnlich bei gleichem Zielmaterial.

Lit.: Rhine, J. B.: Parapsychologie: Grenzwissenschaft der Psyche. Bern: Francke Verlag, 1962.

Abschreiben. Abschreiben hat als Besitznahme eines Textes einen positiven Sicherheitseffekt. So verlieren Zauberformeln durch das Abschreiben an Kraft in fremder Hand. Dies ist auch der Grund, warum man handschriftliche Sammlungen sorgfältig hütet. Was nämlich allgemein zugänglich ist, hat keine magische Kraft. Wandelt sich hingegen das Abschreiben von der Geheimnislüftung zur Geheimnisgestaltung, steigert es die Wirkung des abgeschriebenen Textes wie etwa bei den > Kettenbriefen.
Diese Mächtigkeit des Abschreibens wird auch bei Krankheiten im Sinne einer Bannung derselben verwendet. So wird z. B. Fieber „abgeschrieben“, indem man Zauberworte auf einen Streifen Papier schreibt und diesen, in Brot gelegt, dem Kranken zum Essen reicht. Oder man hängt das Schriftstück in den Kamin; sobald es geräuchert ist, sollte die Krankheit verschwunden sein.

Lit.: Wuttke, Adolf.: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. 3. Bearb. von E. H. Meyer. Berlin, 1900; Hemminger, Hansjörg; Harder, Bernd: Was ist Aberglaube? Gütersloh: Quell, 2000.

Abschwächungseffekt (engl. attenuation effect). Abnahme von Zahl und Stärke wiederkehrender paranormaler Erscheinungsformen durch Vergrößerung der Distanz zur Fokus-Person bzw. durch Informationserhellung der Betroffenen. > Wiederkehrende spontane Psychokinese (WSPK).

Lit.: Hans, Bender: Der Rosenheimer Spuk. Ein Fall spontaner Psychokinese. In: Zeitschrift für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie 11 (1968), 104 – 112; Wolman, Benjamin B.(Hg.): Handbook of Parapsychology. New York: Van Nostrand Reinhold Company, 1977.

Abschwörung, sich durch Schwur von jemandem / etwas lossagen, seltener auch mit Akkusativ: seinen Glauben, seinen Irrtum abschwören. So enthalten die Texte der > Teufelspakte seit alters her neben der positiven auch die negative Abschwörung (Entsagung). Seit dem 2. Jh. gehört die Abschwörung (griech. apotaxis, lat. > abrenuntiatio, abiuratio diaboli) zur Taufpraxis (fast) aller Liturgiefamilien. So widersagt in der römischen Liturgie der Taufbewerber durch Abschwörung dem Satan und seiner „Herrschaft“. Diese Abschwörung wird in der Kath. Kirche seit 1951 von den Gläubigen jährlich auch bei der Osternachtfeier ausgesprochen.

Lit.: Kleinheyer, Bruno: Abschwörung. Bd. 1. Lexikon für Theologie und Kirche. Freiburg: Herder, 31993.

Absence (fr., Absenz, Abwesenheit). Kurze Vigilanzabsenkung bis Vigilanzausfall aufgrund intensiver Konzentration auf persönliche Gedanken- oder Emotionsgehalte mit festem Blick und nachfolgender klarer Erinnerung. Von diesen Vigilanzeinschränkungen sind die Absencen mit kurzem Bewusstseinsverlust von 15 – 30 Sekunden, die so genannten > Petit mal-Anfälle mit leichtem Zucken der Gesichtsmuskulatur und leerem Blick sowie nachfolgender Amnesie zu unterscheiden. Diese Petit mal-Anfälle beginnen meist in der Kindheit und bleiben oft bis in das Erwachsenenalter bestehen. Sie sind physiologisch bedingt und können auch nicht durch psychologische Mittel, wie etwa Fremd- oder Selbsthypnose, hervorgerufen werden. Seelische Belastungen können jedoch die Häufigkeit dieser Anfälle steigern.

Lit.: Freud, Sigmund: Über Psychoanalyse. Frankfurt a. M.: S. Fischer, 51969 (Sigm. Freud Gesammelte Werke; 8), S. 7, 14, 239; Redlich, Fredrick C.; Freedman, Daniel X.: Theorie und Praxis der Psychiatrie X. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1970, S. 890.

Absinkungseffekt (engl. decline effect) oder chronologische Abnahme (engl. chronological decline). Allmähliche Abnahme der Trefferleistungen in einem parapsychologischen Experiment innerhalb einer Versuchssitzung bei wiederholten Einzelversuchen oder in der paranormalen Leistungsfähigkeit einer Testperson über einen bestimmten Zeitraum. Der A. kann sich auch auf das Nachlassen und Verschwinden einer parapsychologischen Begabung beziehen. Der Grund dafür kann in einer Reizanpassung, einer psychischen Gewöhnung oder in der natürlichen Abnahme einer Begabung liegen. So sank die paranormale Leistungsfähigkeit bei Pavel > Stepanek nach 10 Jahren und bei J. B. > Rhines Startversuchspersonen nach 3 Jahren auf Null.

Lit.: Mauskopf, B. H. / Mac Vaughan, M. R.: The Elusive Science. Baltimore: John Hopkins Univ. Press, 1980; Pratt, J. G.: A Decade of Research With a Selected ESP Subject: An Overview and Reappraisal of the Work With Pavel Stepanek. In: Proceedings of the American Society of Psychical Research (PASPR) 30 (1973), 1 – 78.

Absinth (Artemisia absinthium L.), Wermut, der Göttin > Artemis geweihte Heilpflanze mit vielen volkstümlichen Namen wie Grüne Fee, Bitterer Beifuß, Eberreis, Heilbitter, Magenkraut, Schweizertee, Wurmkraut, Absinth-alsen (niederl.), Ambrosia (altgriech.), Assenzio vero (it.), Gengibre verde (span., „Grüner Ingwer“), Hierba santa (span., „Heiliges Kraut“), Wor-mod (altengl.), Rihân (arab.).
Das bittere Kraut, das pur gegessen starke Übelkeit hervorruft, war bereits in der Antike gut bekannt. Im Neuen Testament wird A. ebenfalls erwähnt (Offb 8, 11). Den Ägyptern war die Pflanze heilig, und sie spielte auch bei den Mysterien des Osiris und der Isis eine Rolle. Im Mittelalter schenkte man dem A. im Hortulus des Walahfried Strabo große Aufmerksamkeit (9. Jh.), und wenig später lobte dann die heilige > Hildegard von Bingen die Wirksamkeit der Pflanze gegen Erschöpfungszustände (Hildegard von Bingen, Physica I, 109). Durch das Interesse spanischer Jesuiten trat der Wermut im 16. Jh. seine Weltreise an. Heute ist er von entscheidender Bedeutung für die Naturheilkunde, vor allem wegen seiner Wirkung bei Verdauungsstörungen und Hauterkrankungen. Man schrieb der Pflanze magische Wirkung zu, und ihr sollte die Kraft innewohnen, Druden, Hexen und Geister abweisen zu können.
Unter dem Namen A. wird auch ein psychoaktives alkoholhaltiges Getränk verstanden, das aus dem > ätherischen Öl des Krautes und Alkohol hergestellt wird und dessen Genuss zu erheblichen Schäden führen kann (Gehirnschäden, Absinthismus). Wegen des Wirkstoffes Thujon wurde A. auch als illegales Abtreibungsmittel verwendet. Die Herstellung dieser grünlichen oder gelblichen Künstlerdroge des 19. Jhs. ist heute weltweit verboten, doch kursiert sie weiterhin in privaten Kreisen, während in der Schweiz seit den 90-er Jahren ganz gewöhnliche Alkoholika unter dem Namen „Grüne Fee“ Eingang in die Szene gefunden haben. Die Herstellung des echten Absinth wird in der Schweiz heute mit 100.000 Schweizer Franken geahndet (Rätsch).

Lit.: Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, 1984; Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, 21999.

Absinthium. Eine magische Pflanze, die noch nicht eindeutig identifiziert werden konnte. Manches spricht dafür, dass es sich um > Wermut (artemisia absinthium) handelt. Aus der Antike ist eine Reihe solcher magischer Pflanzen bekannt. Bei den Ägyptern war es eine heilige Pflanze, welche die Eingeweihten bei den Mysterien des > Osiris und der > Isis in der Hand trugen. Ob sich auch die Hinweise auf „Wermut“ im AT (Dtn 29, 17; Jer 9, 14; Am 6, 12) und im NT (Offb 8, 11): „Der Name des Sterns ist ‚Wermut‘. Ein Drittel des Wassers wurde bitter, und viele Menschen starben durch das Wasser, weil es bitter geworden war“ auf A. beziehen, muss offen bleiben.

Lit.: Roberts, Marc: Das neue Lexikon der Esoterik. München: Goldmann, 1995.

Absolut, das Absolute (lat. absolutus von absolvere, lösen). Losgelöst von allem, absolut unabhängig, der Gegensatz ist relativ (in Verbindung gesetzt); so spricht man von absoluten und relativen Zahlen. Philosophisch bezeichnet „absolut“ das, was in sich ist, das absolute Ding. Losgelöst von Raum, Zeit und dem Irdischen überhaupt, bezeichnet das Absolute das Ewige, das Unendliche, den letzten Grund aller Erscheinungen, die Einheit von Natur und Geist, den Weltgrund, Gott. Durch die Philosophie Fichtes und Schellings erlangt der Begriff allgemeine Geltung und fächert sich in spezielle Bedeutungen auf. So ist für Fichte (1762 – 1814) das Absolute das Ich, für Schelling (1775 – 1854) die Einheit von Idealem und Realem. In der Theologie bezeichnet das Absolute schlechthin „Gott“.
Im Okkultismus ist das Absolute die potentielle und unmanifestierte Quelle des Seins, über die nicht gesprochen werden kann. Die im Einzelnen verwendeten Bezeichnungen haben daher meist Symbolcharakter, wie die Bezeichnung des Absoluten durch > Großer Baumeister in der > Freimaurerei.

Lit.: Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1985.

Absolution (von lat. absolvere, lösen). Bezeichnet kirchenrechtlich die Lossprechung von Sünden im Bußsakrament. Als Absolution und Absolutionen werden auch kurze Segenssprüche und Entlassungsformeln am Ende eines Ritus oder Textes in der Bedeutung von Entlassung und Abschluss, wie etwa das „Ite, missa est“, bezeichnet. Im Okkultismus bedient man sich der Absolution vornehmlich in der Bedeutung von „absolvieren, entbinden, freisprechen“ und „hinter sich bringen“ wie bei > Schwarzen Messen, > Exorzismus, > Bannen negativer Einflüsse, magischen > Heilritualen und anderen okkulten Praktiken.

Lit.: Paulus, N.: Geschichte des Ablasses im Mittelalter. 3 Bde. Paderborn, 1922 – 1923; Jungmann, Andreas: Die lateinischen Bußriten in ihrer geschichtlichen Entwicklung. Innsbruck, 1932.

Absorbierende Mystik. Mystische Erlebnisform, bei welcher der Mystiker vom Gegenstand seiner mystischen Betrachtung so absorbiert wird, dass Betrachtungsgegenstand und Selbst eine Einheit bilden. > Einheitserlebnis, > unio mystica.

Lit.: Ariel, David S.: Die Mystik des Judentums: eine Einführung. München: Diederichs, 1993.

Absorption (lat. absorbere, verschlingen; engl. absorption). In-sich-Aufnehmen: physiologisch z. B. von Licht an Oberflächen oft durch Rezeptoren der Netzhaut, von Schall durch elastisch weiche Oberflächen; psychologisch von Informationen und Empfindungen. Bei der psychischen Absorption erfolgt ein völliges Aufsaugen des Angebotenen in Form einer gedanklichen und gefühlsmäßigen Identifikation. Derartige psychische Absorptionen fördern Kreativität, telepathische Kommunikation und persönliche Leistung. Dabei spielt der jeweilige Grad der Absorption eine entscheidende Rolle, und zwar entsprechend der jeweils geforderten Umfeldkontrolle. So muss z. B. der erfolgreiche Spitzensportler seine sportliche Leistung so absorbieren, dass jener Vigilanzgrad noch aufrecht bleibt, der bei der konkreten sportlichen Leistung zur Umfeldorientierung notwendig ist.

Lit.: Quarrick, Gene: Our Sweetest Hours: Recreation and its Mental State of Absorption. Jefferson, NC: McFarland, 1989; Richardson, Alan: Individual Differences in Imaging: Their Measurement, Origins and Consequences. Amityville, NY: Baywood, 1994.

Absteigende Häuser > Häuser.

Absteigender Knoten. Schnittpunkt der Planetenbahn mit der Ekliptik in Richtung Nordsüd.

Absteigung, schiefe, auch Deszension (lat. descensio). Vom Himmelsäquator ausgehend gemessener Bogen zwischen dem Frühlingspunkt und dem Punkt, der mit dem betreffenden Stern untergeht.

Abstieg (lat. descensus). Bezeichnung des Wechsels von einer höheren zu einer tieferen Ebene. Im AT ist die Rede vom Abstieg der Seele in das Grab (Ijob 33, 28) und vom Abstieg des mesopotamischen Fruchtbarkeitsgottes Tammus zur Unterwelt in der Zeit der Sommerdürre (Ez 8, 14). Der Mensch steigt im Tod in die Unterwelt ab, die im AT wie im Alten Orient als Welt der Toten in der Tiefe unter der Erdscheibe verstanden wurde (Dtn 32, 22). Mit der Aussage des Apostolischen Glaubensbekenntnisses vom Abstieg Christi zu denen der Unterwelt (> Scheol, > Hades) und seinem Aufstieg zum Himmel am dritten Tage wurde der Tod überwunden und die Auferstehung der Toten vorgezeichnet (Neuner, 543). Die Vorstellung des Abstiegs der Götter und Menschen in die Unterwelt findet sich als Ausdruck einer verankerten Hoffnung in vielen Religionen, auch im griechisch-römischen Synkretismus.
Im Schamanismus kann der Schamane zwischen Oberwelt, mittlerer Welt und Unterwelt auf- und absteigen.
„Abstieg“ dient schließlich auch als Bezeichnung des Übergangs von einem Bewusstseinszustand zu einem eingeschränkteren.

Lit.: Neuner, Josef; Roos, Heinrich: Der Glaube der Kirche in Urkunden der Verkündigung. Regensburg: Pustet, 101979, S. 543; Portmann, Adolf; Ritsema, Rudolf: Aufstieg und Abstieg – Rise and Descent – Descente et Ascension. Frankfurt a. M.: Insel Verlag, 1982; Resch, Andreas: Veränderte Bewusstseinszustände. Innsbruck: Resch, 1990.

Abstimmtechnik. Von Reinhard Schneider in die > Rädiästhesie eingeführte Messtechnik, die von Substanzen emittierten Wellenlängen, welche von J. Wüst und J. Wimmer aufgezeigt wurden, durch Veränderung der Grifflänge der > Wünschelrute zu ermitteln.

Lit.: Wüst, Josef: Über physikalische Nachweismethoden der sog. „Erdstrahlen“. In: 6. Beiheft zur Zeitschrift Erfahrungsheilkunde: Geopathie; (1953), 1 – 16; Schneider, Reinhard: Radiästhesie, Geomantie, Naturwissenschaft. Zum Phänomen des Wünschelruteneffekts. In: Andreas Resch: Kosmopathie. Innsbruck: Resch, 1981, S. 223 – 246.

Abstrakt (lat. abstractus, von: abstraere, abziehen). Abstrakt ist jeder Bestandteil einer Vorstellung oder eines Begriffes ohne konkrete Merkmale. Abstrakte Begriffe haben nur mehr Verhältnisse, völlig Unanschauliches, Nicht-Sinnliches zum Inhalt (z. B. das Sein).

Lit.: Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1995.

Abstraktion (lat. abstractio). Gedankliches Verfahren zur Erlangung abstrakter Begriffe, die von konkreten Merkmalen absehen und nur mehr das Wesentliche, eine spezifische Eigenschaft an einem einzelnen Gegenstand (isolierende Abstraktion) oder das Gemeinsame einer Menge von Gegenständen festhalten, um zu Allgemein- und Gattungsbegriffen und den damit bezeichneten Gegenstandsbereichen zu gelangen.

Lit.: Ritter, Joachim (Hg.): Historischer Wörterbuch der Philosophie. Bd. 1. Darmstadt: WBG, 1971.

Abstraktionsfähigkeit, individuelle Disposition, das allgemeine Merkmal eines Sachverhalts unter Ausschaltung der konkreten Merkmale zu erfassen.

Lit.: Rüfner, Vinzenz: Psychologie: Grundlagen und Hauptgebiete. Paderborn: Schöningh, 1969.

Abstreifen. Abstreifen gehört neben lecken, spucken, saugen, blasen, hauchen, streichen, wälzen zu den Urhaltungen von Tier und Mensch. Wie sich Tiere instinkthaft an Bäumen, Mauern, Felsen scheuern, um lästige Parasiten und Juckreiz zu beseitigen, so versuchen auch Menschen sich durch Reiben zu heilen oder gegen Krankheiten zu schützen. Besondere Bedeutung erlangt das Abstreifen bei der Tätigkeit von Heilern und beim > Heilmagnetismus. Der Heiler streift nach der Behandlung durch entsprechende Handbewegungen negative Einwirkungen des Patienten ab und der Patient versucht durch Abstreifen das „magnetische Band“ zu lösen, das sich zwischen ihm und dem Heiler gebildet hat. Gelingt dies nicht oder wird es verabsäumt, so kann sich eine gewisse Unruhe und Unrast, ein Unbefriedigtsein einstellen, da die nötige Entspannung ausbleibe und so das Abströmen des „Krankhaften“ verhindert werde. Diese Vorstellung wird von der Annahme getragen, dass jeder gesunde Körper eine normale Grundspannung besitzt, deren Störung zu Krankheit führt.
Abstreifen wird nicht selten auch durch Berühren „entladender“ Gegenstände wie > Erde, > Feuer, > Bäume und > Wasser verstärkt.

Lit.: Thetter, Rudolf: Magnetismus – das Urheilmittel: eine Einführung in sein Wesen und praktische Anleitung zum Magnetisieren. Wien: Gerlach und Wiedling, 41956.

Absurd (lat. absurdus, missklingend), hat die geläufige Bedeutung von widersinnig, unlogisch, das diskursive Denken übersteigend. So besagt „eine Behauptung ad absurdum führen“ die Aufdeckung ihrer Widersinnigkeit durch konsequente Durchführung des in den Prämissen angelegten Gedankens. In paranormologischer Sicht kann eine widersinnige Aussage oder Begebenheit auf verborgenen Kräften und Inhalten beruhen, die sich dem linear-logischen Denken entziehen.

Lit.: Heinemann, Fritz H.: Die Menschheit im Stadium der Absurdität. In: Menschliche Existenz und moderne Welt. Teil I. Hg. v. Richard Schwarz. Berlin: de Gruyter, 1967, S. 227 – 244.

Abtei von Borley (> Borley Rectory). Englisches Spukhaus, das zwischen 1929 und 1939 von Harry > Price (1881 – 1948) unter Beobachtung zahlreicher Forscher untersucht wurde. 1937 mietete Price das Haus sogar für ein Jahr. 1939 brannte die Abtei ab. Price veröffentlichte darüber zwei Bücher und berichtet darin von etwa 2000 Ereignissen, darunter auch Poltergeistphänomenen: Gegenstände flogen durch die Luft, Glocken läuteten ohne wahrnehmbare Ursache, mannigfaltige Geräusche wurden gehört und Erscheinungen gesehen. Auf öfters empfangene Mitteilungen mittels > Planchette hin ließ Price 1943 auch im Keller nachgraben, wobei man die Reste eines Schädels und eines Kinnbackens einer jungen Frau entdeckte, die man mit jener Nonne in Verbindung brachte, welche angeblich so oft im Haus gesehen wurde. Man dachte dabei an Marie Lairre, die dort 1667 auf tragische Weise ums Leben gekommen sei. Nach dem Tod von Price (1948) wurden Eric J. > Dingwall, K. M. > Goldney und Trevor > Hall von der > Society for Psychical Research mit dem Fall betraut. Sie schlossen ihre Arbeit 1956 mit einer herben Kritik an der Untersuchung von Price ab, dem sie Überzogenheit und sogar Manipulation vorwarfen. Diese Darlegung wurde dann 1969 von R. J. > Hastings aufgegriffen, der Price verteidigte: Seine Ausführungen seien zwar volkstümlich, die Dokumente bekräftigten jedoch die Echtheit der Phänomene.

Lit.: Price, Harry: The Most Haunted House in England. Ten years’ investigation of Borley Rectory. London: Longmans,1940; Price, Harry: The End of Borley Rectory. London: Longmans,1946; Dingwall, E. J.; Goldney K. M.; Hall, T. H.: The Haunting of Borley Rectory: A Critical Survey of the Evidence. Proceedings of the Society of Psychical Research 51 (1956) 1; Hastings, R. J.: An Examination of the ,Borley Report‘. Proceedings of the Society of Psychical Research 55 (1969), 65.

Abtei Thelema. Die Bezeichnung „Abtei Thelema“ findet sich erstmals in dem von François Rabelais (1494 – 1553) verfassten Roman Gargantua et Pantagruel, der von 1532 an in 5 Bänden erschien. Im ersten Buch schildert Rabelais, wie Gargantua die Abtei Thelema bauen lässt, in der Männer und Frauen nicht nach irgendwelchen Ordensregeln, sondern einzig nach ihrem freien Willen und Gutdünken leben. „Fay ce que vouldras“, „Tu, was du willst“, ist ihre Devise. 400 Jahre später errichtete Aleister > Crowley in einem Landhaus in der Nähe von > Cefalù auf Sizilien in Anlehnung an die Erzählung Rabelais‘ seine Abtei Thelema, in der er und seine Anhänger gemäß seinem Gesetz > Thelema lebten. Das ausschweifende Leben sowie der mysteriöse Tod eines Ordensmitgliedes veranlassten die italienischen Behörden 1923, Crowley des Landes zu verweisen. Etwa zwei Jahre später wurde auch die Abtei geschlossen.

Lit.: Eschner, Michael D.: Der Orden Thelema. Berlin: Stein-der-Weisen-Verlag Kersken-Canbaz, 1983.

Abteilung für Parapsychologie, Universität von Virginia (Division of Parapsychology, University of Virginia). 1968 wurde an der Universität von Virginia ein Forschungsprogramm zum Studium der verschiedenen Aspekte der > Parapsychologie errichtet. Die Forschung erfolgt am Institut für Psychiatrie, University of Virginia Medical Center, Charlottesville, Va. 22901. Die Leitung übernahm Prof. Ian > Stevenson, der besonders durch seine Reinkarnationsforschung hervortrat.

Abteilung für Psychologie und Parapsychologie, Andhra Universität, Indien. 1967 wurde an der Andhra Universität in Indien eine Abteilung für Psychologie und Parapsychologie gegründet, an der Studenten den Dr. phil. auch in Parapsychologie erwerben können. Der erste Leiter war K. Ramakrishna Rao. Adresse: Andhra University, Visakhapatnam 530 003, A.P., Indien.

Abtun wird die Beseitigung des von einer Hexe verursachten Übels durch diese selbst genannt.

Lit.: Walz, Rainer: Hexenglaube und magische Kommunikation im Dorf der Frühen Neuzeit. Die Verfolgungen in der Grafschaft Lippe. Paderborn: Schöningh, 1993.

Abu. Sumerischer Vegetationsgott. Er soll aus dem Scheitel von > Enki, dem „Herrn der Erde“, geboren worden sein – Sinnbild für das Hervorsprießen der Pflanzen aus der Erde.

Lit.: Lurker, Manfred: Lexikon der Götter und Dämonen. Stuttgart: Kröner, 21989.

Abu-El-Hasan Ash-Shadhili (1196 – 1252). Großer sufischer Meister und Gründer des Ordens der Shadhiliten.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Abu Gosch. Dämon des Blutes, des Krieges und des Mordes. Er gehört zur sechsten Legion der Mächte des Himmels. Den Besessenen fügt er Schnitte und Verwundungen zu, weshalb sein Name bei Besessenheitsfällen immer wieder genannt wird.

Lit.: Delacour, Jean-Baptist: Apage Satana! Das Brevier der Teufelsaustreibung. Genf: Ariston, 1975.

Abu Yazid al-Bestami (801? – 874). Bekannter islamischer Mystiker und Gründer der ekstatischen Schule des > Sufismus. Er wurde in Bestam im Nordosten des Iran geboren, daher auch sein Name. A. spricht, wohl unter dem Einfluss von > Vedanta, vom vollständigen Aufgehen und Einswerden mit der Göttlichkeit, gefolgt von einer langen Isolation und der Rückkehr zum Selbst. Als er mit dem Sufikonzept der Begegnung mit Gott in der Rolle des Liebenden und Geliebten begann, stellte er fest, dass diese Liebe in sich selbst ein Hindernis ist. Er verzichtete daher auf die konventionelle Gebetspraxis in der Moschee, die Pilgerfahrt nach Mekka sowie auf Askese und Meditation. Die einen betrachteten ihn als Heiligen und schrieben ihm eine Reihe von Wundern zu, die anderen sprachen ihm jegliche Normalität ab und interpretierten seine Äußerungen als Produkt von Trunkenheit.

Lit.: Zaehner, Robert C.: Hindu and Muslim Mysticism. London, 1960; Zaehner, Robert C.: Mystik religiös und profan. Stuttgart: Klett, o. J.

Abudatsuma (jap. für sanskr.: abhuta-dharma). Ein paranormales Ereignis, ein von einer Gottheit im Hinduismus oder von einem > Buddha im > Buddhismus vollbrachtes Wunder.

Lit.: Bowker, John (Hg.): Das Oxford-Lexikon der Weltreligionen. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 1999.

Abulafia, Abraham ben Samuel (1240 – 1291). Kabbalistischer Mystiker aus Saragossa, der sich als Messias ausgab. Er wollte sich Papst Nikolaus III. stellen, der jedoch 1280 völlig unerwartet starb. Nach mehrmonatiger Gefangenschaft wurde A. freigelassen und reiste anschließend mit einer Schar von Anhängern nach Sizilien. In seiner Lehre spielt die geistige Integration als visionärer Seelenflug eine größere Rolle, was an den > Yoga der Inder erinnert: Abkehr von der Welt, um sich durch Kontemplation des Namens Gottes mit dem Absoluten zu verbinden. A. ist Autor des Kommentars Gan Naul (Verschlossener Garten) zum > Sefer Jezira, von Sefer ha Oth (Buch des Zeichens), einer merkwürdigen Apokalypse, dem einzig uns erhalten gebliebenen Werk von 1288, sowie der Traktate Das Buch des Rechtschaffenen und Das Buch des Lebens. Besonders wichtig war für ihn die göttliche Symbolik der Heiligen Schrift und des hebräischen Alphabets. Sein Ziel war es, die Seele zu entriegeln, die Knoten aufzulösen, die sie binden.

Lit.: Idel, Moshe: A. Abulafia’s Works and Doctrine. 2 Bde. Diss., Jerusalem, 1976 (hebr.); Idel, Moshe: Abraham Abulafia und die mystische Erfahrung. Frankfurt a. M.: Jüdischer Verl., 1994.

Abulafia, Todros (2. H. des 13. Jhs.). A. war Schatzmeister von König Sanchos II. von Kastilien und schuf in Anlehnung an Platons Ideenlehre die Lehre von den 10 Kelippoth (wörtl. „Schalen, Rinden, Hülsen“), die als materielle Formen den 10 > Sephiroth entsprechen.

Lit.: Werner, Helmut: Lexikon der Esoterik. Wiesbaden: Fourier, 1991.

Abulie (griech. bule, Wille). Willenlosigkeit, Unfähigkeit, Entschlüsse zu fassen; kann bei organischen Hirnstörungen, Depression, Demenz, Stupor, aber auch bei > Mediumistischen Psychosen auftreten.

Lit.: Bender, Hans (Hg.): Parapsychologie: Entwicklung, Ergebnisse, Probleme. Darmstadt: Wiss. Buchges., 51976.

Abundantia. Die römische Göttin A. ist die Personifikation des Überflusses (abundantia). Sie lebte in der Domina Abundia, der Dame Habonde des französischen Volksglaubens weiter, die des Nachts angeblich würzige Wiesen durchstreift und Ställe und Häuser besucht, um den Menschen Wohlstand zu bringen.

Lit.: Wissowa, Georg: Religion und Kultus der Römer. München: Beck, 1902.

Abusir, Kernbohrungen. Die Kernbohrungen in den Steinbrocken des Totentempels der Sahure-Pyramide in Abusir (Ägypten), deren Alter sich auf 4.300 Jahre beläuft, sind bis heute Gegenstand der Diskussion. Handelt es sich bei den Bohrlöchern tatsächlich, wie von Fachleuten versichert, um Riegellöcher für die Türen des Totentempels aus früher Zeit oder entstanden sie später?

Lit.: Bürgin, Luc: Geheimakte Archäologie. München: Bettendorf, 1998.

Abwärts, aufwärts. Bei verschiedenen Zauber- und Heilhandlungen ist es von Bedeutung, ob sie ab- oder aufwärts erfolgen. Wasser, das für Zauber- oder Heilzwecke verwendet wird, soll stillschweigend stromabwärts vor Sonnenaufgang geschöpft werden. Ähnliches gilt für die Zubereitung der Heilpflanzen. So sagt > Agrippa von Nettesheim u. a. von der > Nieswurz: „Wenn man nämlich beim Einsammeln dieses Krautes die Blätter entweder a. oder aufwärts zieht, so verursacht diese Bewegung, dass sie beim Purgieren die Säfte entweder nach oben oder nach unten leiten“ (Agrippa, I, 235). Von besonderer Bedeutung wird „abwärts“ und „aufwärts“ bei den Heilhandlungen, insbesondere beim Streichen. > Mesmerismus.

Lit.: Kuhn, Adalbert; Schwartz, W: Norddeutsche Sagen, Märchen und Gebräuche. Leipzig, 1848; Heinrich Cornelius Agrippa von Nettesheim: Magische Werke. 5 Bde. Berlin, 1916.

Abwärtsverursachung, kausaler Einfluss von nächsthöheren Ganzheiten auf darunterliegende. Nach ganzheitlichem Denken ist ein System oder eine Ganzheit entgegen dem > Reduktionismus nicht vollständig auf seine materiellen Teile reduzierbar. In einer höheren Schicht existieren Eigenschaften, die in der nächstniederen auch nicht ansatzweise vorhanden sind, denn jede Schicht ist durch wesentlich Neues gekennzeichnet, das sich aus den neuen Beziehungsmustern der Teile der nächstniederen Schicht, aber nicht aus deren Gegenstandseigenschaften ergibt. Auch die nächsthöheren Ganzheiten werden als Kausalprinzip anerkannt. Dies entspricht den Grundaussagen der hermetischen Philosophie: „wie oben, so unten“.
Solche schichtungsinvariante Prinzipien sind z. B. das > Simileprinzip (Resonanzprinzip, Ähnlichkeits- / Gleichheitsprinzip), das > Polaritätsprinzip (> Yin-Yang-Prinzip), das > Pars-Pro-Toto-Prinzip (Holographisches Prinzip) und das Prinzip der Mitte.
Die letzte Konsequenz dieser Denkweise ist, dass lebende Systeme nicht ausschließlich auf physikalische und chemische Systeme reduzierbar sind.

Lit.: Ammon, Günter: Der mehrdimensionale Mensch: zur ganzheitlichen Schau von Mensch und Wissenschaft. München: Pinel Verlag, 1986; Schulz, Reinhard: Selbstorganisationskonzepte – Entwürfe einer neuen Naturphilosophie? Über ganzheitliches Denken im naturwissenschaftlichen Unterricht. Oldenburg: Univ. Oldenburg, Zentrum f. Pädagog. Berufspraxis, 21992.

Abwaschung. Reinigungszeremonie, die bereits in den Mysterien der Antike üblich war und in den religiösen Riten die verschiedensten Formen aufweist. Sie findet sich auch in esoterischen Praktiken, in Ritualen von Geheimgesellschaften und in einzelnen Hochgradriten der Freimaurerei. So ist die aus der „Zauberflöte“ bekannte Wanderung durch Feuer und Wasser nicht als Mutprobe, sondern als Reinigungszeremonie gedacht. Ebenso dient die Abwaschung in den Ritualen vieler Johannislogen der symbolischen Reinigung.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Abwehr. Sträuben des Ichs gegen unerwünschte oder unerträgliche Vorstellungen und Gefühle (Freud 1, 423 – 459). Der Begriff wurde in dieser Bedeutung 1894 von S. Freud (1, 61) in die Psychoanalyse eingeführt, nach 1896 durch „Verdrängung“ ersetzt und 1926 zur allgemeinen Bezeichnung für all jene Techniken wieder aufgenommen, „deren sich das Ich in seinen eventuellen, zur Neurose führenden Konflikten bedient, während Verdrängung der Name einer bestimmten solchen Abwehrmethode bleibt, die uns infolge der Richtung unserer Untersuchungen zuerst besser bekannt geworden ist“ (Freud 14, 196).
In der Magie bedeutet Abwehr die Abwendung von Einflüssen böser Geister mittels > Abwehrzauber.

Lit.: Freud, S.: Zur Ätiologie der Hysterie (1896), GW 1, S. 423 – 459; Freud, S.: Die Abwehrneuropsychosen (1896), GW 1, S. 61; Freud, S.: Hemmungen, Symptom und Angst (1926), GW 14, S. 196.

Abwehrmechanismen (engl. defense mechanisms). Unbewusste Techniken des Ichs zur Verteidigung gegen Triebansprüche des Es und die daraus entstehenden Konflikte. Anna Freud unterscheidet dabei folgende Mechanismen: Apathie oder Resignation, Fixierung, Flucht, Identifikation, Intellektualisierung, Introjektion, Isolierung, Konversion, Negation, Phantasie(n) / Realitätsverleugnung, Projektion, Rationalisierung, Reaktionsbildung, Regression, Rückzug oder Sublimierung, Übertreibung, Ungeschehen-Machen, Verdrängung, Verleugnung, Verschiebung, Wendung gegen die eigene Person.
In der Parapsychologie bedient man sich zuweilen der Dynamik solcher Mechanismen zum Verständnis paranormaler Ereignisse, ohne dass damit schon eine Erklärung gegeben wäre. Eine von Abwehrmechanismen getragene Psychodynamik ist nicht schon Auslöser eines parapsychischen Phänomens, denn alle Phänomene, die sich durch Abwehrmechanismen erklären lassen, haben als rein psychische Phänomene zu gelten. So können Abwehrmechanismen das > paranormale Phänomen höchstens fördern oder auch verhindern, wie etwa > Besessenheit, > Psychokinese, > Spuk, > Telepathie usw.

Lit.: Freud, Anna: Das Ich und die Abwehrmechanismen. Wien, 1936.

Abwehrzauber. Magische Maßnahmen zum Fernhalten oder Unwirksammachen von schädigendem Zauber. Dabei können folgende Hauptgattungen von Abwehrhandlungen unterschieden werden: 1) gegen menschliche Bosheit, 2) gegen Hexen und Hexer, 3) gegen Tote, 4) gegen Dämonen, 5) gegen böse Kräfte.
Als Abwehrmittel dient alles, was verwendet wird, wobei sich folgende Bezeichnungen eingebürgert haben: lat. servatoria, rettend; griech. apotropaia, Abwehrmittel; phylakteria, Schutzmittel; (pro-)baskania, Tötung durch den Blick (Seligmann, 4).
1) Die Abwehr gegen menschliche Bosheit umfasst vor allem das Unwirksammachen feindlichen Zaubers durch Gegenzauber; Begegnung von Verwünschungen durch Ausspucken oder Anspucken; Abschirmung des > bösen Blickes (Hovarka, 37) durch Ausstrecken des kleinen und des Zeigefingers, > Talismane oder das Klopfen auf die Schulter; Schutz des Eigentums durch Diebesbann, geschriebene Sprüche und Glockengeläute. Ist das Gut bereits gestohlen, versucht man es durch direktes magisches Einwirken auf den Dieb zurückzubekommen.
2) Abwehrriten gegen > Hexen und > Hexer vornehmlich durch Verwendung geweihter Gegenstände wie Weihwasser, Weihrauch und Glockengeläute, Anwendung des > Drudenfußes, Erzeugen von Lärm und symbolhafte Verbrennung der Hexe.
3) Verhinderung der Rückkehr der > Toten und der von ihnen befürchteten Rachehandlungen durch desorientierendes Herumtragen des Leichnams zwecks Verlust der Orientierung, damit der Tote den Heimweg nicht mehr finde (Beth, 12 – 14). Diese Riten gehen auf Denkformen zurück, wo man noch nichts von einer dem Körper gegenüber selbständigen Seele wusste. Auch die Grabbeigaben und das Verbrennen der Leiche sollen eine Rückkehr verhindern. Im christlichen Glauben soll schließlich durch das Gebet die Seelenruhe des Verstorbnen gesichert werden.
4) Entziehung der Kraft und Wirkungsmöglichkeiten der > Dämonen durch übelriechende Stoffe, durch Zaubermittel wie Zettel mit Zauberformeln, Stahl und Stahlgeräte (Beth, 12 – 17), insbesondere aber durch Gebet und religiöse Gegenstände (Katechismus, 1993). 5) Neben den genannten Formen des Abwehrzaubers gibt es auch den Abwehrzauber gegen das > Böse selbst durch Tragen von > Amuletten und in Form zahlreicher Volksriten.

Lit.: Hovorka, O. v.; Kronfeld, A.: Vergleichende Volksmedizin. Bd. 1. Stuttgart, 1908 – 09; Seligmann, Siegfried: Der böse Blick und Verwandtes, Bd. 2. Berlin, 1910. Nachdr.: Hildesheim: Olms, 1985; Beth, Karl: Religion und Magie bei den Naturvölkern. Leipzig, 21927; Katechismus der Katholischen Kirche. München: Oldenburg, 1993; Scholz Williams, Gerhild: Hexen und Herrschaft. Überarb. Ausg. München: Fink, 1998.

Abweichung (engl. deviation, fr. ecart, it. scarto). Die Höhe, in der eine beobachtete Trefferzahl oder eine Durchschnittstrefferzahl bei ASW-Tests von der mittleren Zufallserwartung oder dem zufälligen Durchschnitt abweicht. Eine Abweichung vom Mittelwert kann für eine Serie von Versuchsreihen oder für eine einzige Versuchsreihe erstellt werden.

Lit.: Rhine, J. B.: Parapsychologie. Bern: Francke Verlag, 1962.

Abwesenheitstelepathie bezeichnet den telepathischen Kontakt mit einer Person, die nicht (im selben Raum) anwesend ist. Von A. ist vornehmlich in spiritistischen Sitzungen die Rede, wenn das Medium den Anwesenden völlig Unbekanntes über abwesende Personen mitteilt oder mitzuteilen hat. Während bei Aussagen über Handlungen und Vorstellungen lebender Personen, die nicht anwesend sind, gewisse Kontrollmöglichkeiten bestehen, entziehen sich Aussagen über Handeln und Denken Verstorbener jeglicher Wahrheitsfindung, denn die „Geister“, die sich über ein Medium mitteilen oder von diesem telepathisch kontaktiert werden, liegen außerhalb der empirischen Kontrollmöglichkeit.

Lit.: Moser, Fanny: Der Okkultimus. Täuschungen und Tatsachen. München: Ernst Reinhardt, 1935, S. 543.

Abydos. Hauptort des > Osiriskultes.

Abyss (lat. abyssus), bodenloser Abgrund; bezeichnet in Magie und Kabbala den Abgrund oder die Kluft zwischen dem An-sich-Seienden (dem Geist) und dem Phänomenalen (der Erscheinungswelt).
In der Kabbala ist Abyss der Abgrund zwischen den drei > Sefirot des Göttlichen: > Kether = Krone, > Chokmah = Weisheit sowie > Binah = Verstand, und den sieben Sefirot der äußeren Kräfte. Abyss wird gelegentlich auch mit der so genannten elften Sefira, Da`at = Erkenntnis, gleichgestellt, die nach Binah angesiedelt wird, weil durch Seine Erkenntnis Urtiefen gespalten wurden, wie Spr 3, 19 nach der Torah (Maier, 159) zu verstehen sei: „JHW´´H – durch Weisheit gründete Er Erde, richtete Himmel ein durch Einsichtigkeit, durch Seine Erkenntnis wurden Urtiefen gespalten“. Nach den Vorstellungen der Magie könne diesen Abgrund nur der > Adept überschreiten.
Abyss dient auch als Ausdruck für eine Daseinsbegründung ohne Beziehung, zur Bezeichnung des Zustandes der Welt vor dem Schöpfungsakt und zur poetischen Beschreibung des Totenreiches > Scheol.

Lit.: Maier, Johann: Die Kabbalah. München: Beck, 1995.

ABZ > Außergewöhnliche Bewusstseinszustände.

Abzapfen. Wissens- und Erlebniserwerb durch paranormalen Kontakt mit anwesenden oder abwesenden Personen. Dabei kann sich die betroffene anwesende Person empfindungsmäßig des Abzapfens bewusst werden. Meist handelt es sich hier um reine Mutmaßungen, die jedoch zu Abneigungen führen können. Das Abzapfen abwesender Personen oder von „Geistwesen“ entzieht sich zwar jedweder Kontrollmöglichkeit, kann aber Angst auslösen. > Gedankenabzapfen, > Gedankenlesen, > Abwesenheitstelepathie.

Lit.: Lehmann, Alfred: Aberglaube und Zauberei. Bindlach: Gondrom, 1990.

Abzu > Apsu.

Begriffe Ac

AC. 1. Gebräuchliche Abkürzung für > Aszendent. 2. Engl. für anomalous cognition > Anomale Erkenntnis.

Acaça > Akasha.

Acacia > Akazie.

Academia de Estudo Psichicos „Cesar Lombroso“. Die Akademie für Psychische Forschung „Cesar Lombroso“ wurde 1919 von José de Freitas Tinoco in São Paulo, Brasilien, gegründet; Tinoco wurde zum ersten Ehrenpräsidenten ernannt. Den Vorsitz übernahm Dr. Carlos Pereira de Castro. Die erste Arbeit betraf die Untersuchung des Mediums Carlos > Mirabelli in 392 Sitzungen mit bemerkenswerten Ergebnissen.

Lit.: Fodor, Nandor: Encyclopaedia of Psychic Science. New York: University Books, Inc., 1966.

Academia masonica. Von Dr. Paul Hänsel ins Leben gerufener Verein zur wissenschaftlichen Erforschung der > Freimaurerei. Zur Mitarbeit kann jeder einer regulären, symbolischen Freimaurerloge angehörende Bruder herangezogen werden. Die Mitarbeiter teilen sich in zwei Kreise: Im inneren Kreis können nur Personen sein, welche sich bereits durch freimaurerische Arbeit, die von eben diesem inneren Kreis approbiert wurde, qualifiziert haben. Zum äußeren Kreis kann jeder Br. zugelassen werden, sofern der innere Kreis seine Zustimmung gibt.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Acala („der Unerschütterliche“). Gottheit des indischen Buddhismus. Als „Schützer der Lehre“ steht sein Bild, dreiäugig, zähnefletschend und mit sechs Armen, vor den Tempeln, um Feinde abzuwehren. Als Waffen trägt er Schwert, Donnerkeil, Beil und Schlinge.

Lit.: Lexikon der Religionen. Hg. v. Hans Waldenfels. Freiburg u. a.: Herder, 1987.

Acarie, Barbe, geb. Avrillot (1566 – 1618), heiratete 1582 Pierre Acarie und machte ihre Pariser Wohnung („Hotel Acarie“) zu einer Begegnungsstätte führender spiritueller Persönlichkeiten (unter ihnen auch Franz von Sales). Nachdem sie 1601 die Werke der > Theresia von Avila kennen gelernt hatte, bemühte sie sich erfolgreich um die Einführung der Karmelitinnen in Frankreich. Nach dem Tod ihres Gatten 1614 trat sie als Mutter von 6 Kindern unter dem Namen Maria von der Inkarnation zu Pontoise in den von ihr mitbegründeten Orden der Unbeschuhten Karmelitinnen ein. Ihr Leben war gekennzeichnet von mystischer Gotteserfahrung, häufigen Ekstasen und anderen mystischen Charismen. 1791 wurde sie selig gesprochen.

Lit.: Boucher, Jean Baptiste Antoine: Vie de la bienheureuse Soeur Marie de l’Incarnation, dite dans le monde Mad. Acarie. Paris: Barbou, 1800; Paulus, Martha: Barbe Acarie. München: Schnell & Steiner, 1949.

Acatius (Acacius, Achatius, Agatius). Der heilige A., Hauptmann aus Kappadokien bzw. Anführer der 10.000 Märtyrer vom Berge Ararat, zählt zu den 14 Nothelfern. Seine Reliquien sind in einem amtlichen Verzeichnis von Engelsberg (Schweiz) aus dem 12 Jh. aufgeführt mit Hinweis auf seine Wunderkraft, insbesondere gegen Feuer (multum valet contra ignem).

Lit.: Delehaye, Hippolyte: Die hagiographischen Legenden. Übers. Von E. A. Stückelberg. Kempten: Kösel, 1907.

Acca Larentia (auch Larentia), altrömische Mutter- und Schutzgöttin. Acca stellt ein Lallwort für Mutter dar und Larentia steht in Verbindung mit der sabinischen Gottheit > Larunda. Hingegen ist die Verbindung mit > Laren und > Larven unsicher.
Die zugrundeliegende Mythologie beruht auf zwei Versionen:
Nach > Varro forderte ein Tempeldiener des > Hercules den Gott zu einem Würfelspiel heraus, dessen Preis eine Mahlzeit und ein Mädchen waren. Der Diener verlor. Die Mahlzeit wurde durch eine Flamme verzehrt und dem Mädchen versprach der Gott im Traum, dass sie ihren Lohn von jenem Mann erhalten werde, der ihr als Erster begegnete. Sie traf auf den reichen Tarutius, der sie sogleich heiratete. Zur Witwe geworden, vermachte sie das Vermögen dem römischen Volk. Aus diesem Grund wurde das Fest > Larentalia gefeiert.
Nach der zweiten Version ist A. L. die Frau des Hirten Faustulus und damit die Amme von > Romulus und Remus. Da sie früher eine lupa (Dirne) war, entstand die Sage von der Wolfssäugung der Zwillinge. Nach dem Tod des Faustulus heiratete sie den genannten Tarutius und setzte das römische Volk zum Erben ein.
Bei der Neubelebung der Kulte durch Augustus tauchte die Geschichte von zwölf Söhnen der A. L. auf. Als einer davon starb, soll Romulus seinen Platz eingenommen haben und man bezeichnete die Söhne daraufhin als
fratres arvales > Arvalbrüder.
A. L. wurde zuweilen auch der Beiname Fabula gegeben, wodurch sie zur Ahnherrin des Geschlechts der Fabier, einer der führenden Patrizierfamilien Roms, wurde. In diesem Zusammenhang entstand wohl auch das Priesterkollegium der Luperci Fabiani.

Lit.: Varro, Marcus Terentius: M. Terenti Varronis De vita populi Romani (ad Q. Caecilium Pomponium Atticum librorum 4 reliquiae): fonti, esegesi, ed. crit. dei frammenti / Benedetto Riposati. Milano: Vita e pensiero, 1939.

Accademia dei Segreti (it.), Akademie der Geheimnisse. In dieser Akademie versammelte der Naturphilosoph Giambattista > della Porta (1535 – 1615) in Neapel einen Kreis von Gelehrten um sich, um die Ansichten seiner Magia naturalis (1558) bekannt zu machen und den Geheimnissen der Natur nachzuspüren.

Lit.: Della Porta, Giovanni Battista: Magia naturalis. Nürnberg, 1715.

Accepted (Acceptance, Acception). Aus dem Rechnungsbuch der „Worshipful Company of Masons of the City of London“, das im Jahre 1619 angelegt wurde, geht hervor, dass in der Company neben den Freemen und Liverymen noch eine Kategorie von Mitgliedern bestand, die der Vereinigung Acceptance oder Accepcion / Acception angehörten. Es handelte sich dabei um eine besondere Abteilung der Company, der heute noch bestehenden Gilde der Werkmaurer, die für die Aufnahme in den engeren Kreis besondere Taxen vorschrieb. Im Nachweis der Accepted liegt nicht nur die Deutung des Namens Free and A. Masons, sondern auch der strikte Beweis der Abstammung der Freimaurerlogen von den alten > Bauhütten und damit der Beweis für die einzig richtige Tradition der > Freimaurerei, die nur aus Bauhüttenbräuchen und deren Symbolik zu verstehen sei. Alles andere habe als aufgepfropft zu gelten.

Lit.: Lennhoff, Eugen; Posner, Oskar; Binder, Dieter A.: Internationales Freimaurerlexikon. Überarb. u. erw. Neuaufl. d. Ausg. v. 1932. München: Herbig, 2000.

Accolade (auch Akkolade), lat. ad collum. In den ritterlichen Bräuchen Ritterschlag auf die Schulter, verbunden mit Umarmung und Kuss.

Ach, Plur. Achu. Ägyptisches Wort für „Licht“, das im weiteren Sinne den „verklärten Verstorbenen“ im Gegensatz zu den Lebenden und Verdammten bezeichnet. Während der > ba und der > ka unterschiedliche Aspekte des erlösten Toten beinhalten, bezeichnet „ach“ die Kombination der verschiedenen Elemente als eine Person.

Lit.: Forman, Werner: Die Macht der Hieroglyphen. Stuttgart: Kohlhammer, 1996; Bonnet, Hans: Lexikon der ägyptischen Religionsgeschichte. 3., unveränd. Aufl. Berlin: Walter de Gruyter, 2000.

Achad, Frater > Jones, Charles Stansfeld.

Achaius. Legendärer schottischer König, dem nach der Ordenslegende des > Andreasordens in einer blutigen Schlacht ein weißes Balkenkreuz erschien, das in seiner besonderen Form noch heute als > Andreaskreuz bekannt ist. Der Apostel Andreas ist Schutzpatron von Schottland. Der Orden selbst war ursprünglich wohl eine christliche Ritterschaft, die 1687 von Jakob II. eine Organisation erhielt.

Lit.: Frick, Karl R. H.: Licht und Finsternis. Graz: ADEVA, 1978.

Achamoth (hebr.). Wort für Weisheit nach Spr 9, 1. In der > Gnosis ist A. die untere Weisheit. Sie ist außerhalb des Lichts und des Pleroma. Ihre Befreiung erfolgt durch den obersten Christus. Diese geschieht aber noch nicht durch die Erkenntnis (Gnosis), sondern ist nur ein erster Schritt, der darin besteht, dass die A., die bis zu dieser Befreiung jedweder Gestaltung und allen Bewusstseins entbehrt hat, zur Wahrnehmung ihres Leidens und zur Sehnsucht nach dem Höheren gelangt. Sie bleibt jedoch weiterhin in tiefer Unwissenheit über alles, was über ihr ist, und all ihre Leiden sind nichts als die Qualen des in Endlichkeit befangenen Geistes. Erst ihr Gebet an das von ihr gewichene Licht bringt ihr Befreiung von den Qualen, indem der > Soter zu ihr herabkommt und sie durch Vermittlung der Gnosis zu dem ihr noch fehlenden Bewusstsein der übersinnlichen Welt erwacht und so von allen sinnlichen Affekten befreit wird.

Lit.: Kurt, Rudolph (Hg.): Gnosis und Gnostizismus. Darmstadt: Wissenschaftl. Buchges., 1975.

Acharya (sanskr.), Lehrer, Meister. Im Hinduismus Bezeichnung für den spirituellen Meister, der die philosophischen Systeme beherrscht und die in ihnen enthaltenen Wahrheiten verwirklicht. Zahlreiche große Heilige erhielten diese Bezeichnung als Namensergänzung, so z. B. Shankaracharya für Shankara.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Achat (engl. agate). Unter A. wird eine ganze Edelsteinfamilie zusammengefasst: roter A. oder Karneol, Obsidian, Laubachat oder Moosachat, Chalcedon; weißer A. oder Anacthit, Hirschhornstein, Stephanstein und Adlerstein.
Der älteste Achat stammt aus Ägypten. Die Chinesen kennen ihn unter dem Namen Manao. In Indien, Nepal und Tibet wird dem enggebänderten A. besondere Aufmerksamkeit geschenkt. Dort ist er ein Glücksbringer, der auch das Leben verlängern soll. Nach Theophrast soll der kostbare Stein aus dem Fluss Achates in Sizilien stammen, während Plinius einige seiner Merkmale aufzählt, so etwa seinen an Myrrhe erinnernden Duft beim Erhitzen, seine Bäumchen ähnlichen Maserungen oder die ihn durchziehenden goldenen Pünktchen.
Je nach Färbung wurde dem A. bereits seit der Antike als beliebtem Schmuckstein eine Symbolverbindung zum > Mond oder zum Planeten > Merkur nachgesagt. In seinen Adern wollte man Göttergestalten erkennen und schrieb ihm daher auch magische Kräfte in vielerlei Hinsicht zu: Abwendung von Unwettern, Bannung der Überschwemmung von Flüssen, Entgiftung bei Schlangenbiss, Schutz vor Fallsucht und Mondsüchtigkeit. Besonders die Augensteine sollten vor dem > Bösen Blick schützen.
Wird der A. auf der bloßen Haut getragen, so dass er sich erwärmt, macht er den Träger tüchtig, verständig und klug in der Rede. Wird er nachts, bevor sich der Mensch zu Bett legt, in Kreuzform durch sein Haus getragen, haben Diebe dort keine Chance.
In der arabischen Medizin wird dem roten Achat die Kraft zugeschrieben, Blutungen zu stillen, die Geburt zu erleichtern, vor dem Bösen Blick und vor > Hypnose zu schützen. Nach der neueren esoterischen Medizin beeinflusst der A. das Basis-Chakra, der rote Achat wirkt gegen Tumorerkrankungen und der Laubachat hilft gegen Lymphdrüsen-, Nieren- und Lebererkrankungen. Magier schätzen den A. als Liebesstein, der übrigens auch den Durst löschen könne.
Eine weitere Besonderheit des kostbaren Steins ist die ihm zugeschriebene Funktion bei der Perlensuche. Perlenfischer ließen den A. an einer Schnur in das Wasser hinab und warteten, bis der Stein über einer Perle stehen blieb. Wegen dieser Fähigkeit des Steins, Perlen ausfindig zu machen, verglich man den A. mit Johannes, der geistliche Perlen aufzeigte (Becker, 8).

Lit.: Paulys Realencyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart 1839 ff., Bd. 1 1894; Ruppenthal, A. (Hg.): Mythologie der Edelsteine. Idar-Oberstein/Georg-Weierbach: Prinz Druck GmbH & Co. KG, 1988; Rätsch, Christian; Guhr, Andreas: Lexikon der Zaubersteine aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1989; Hildegard von Bingen: Das Buch von den Steinen. Salzburg: Otto Müller, 31997; Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Freiburg: Herder, 1998; Giener, Michael: Lexikon der Heilsteine. Saarbrücken: Neue Erde, 32000.

Acheiropoeta > Acheropita.

Achelóos (griech.), griechischer Flussgott, namensgleich mit dem Fluss, der in das Jonische Meer mündet; Sohn des > Okeanos und der > Tethys. Im Mythos rang A. zunächst in Gestalt einer Schlange, dann in der eines Stieres mit Herkules um den Besitz der Deianeira. Verheiratet mit der Muse Melpomene, galten die > Sirenen (Acheloiden) als seine Töchter. Seit dem 6. Jh. v. Chr. findet sich A. unter dem Namen Achlae mit bärtigem Kopf und Stierhörnern dargestellt in Etrurien.

Lit.: Isler, Hans Peter: Achelóos. Bern: Francke, 1970.

Acheron (griech.). Der Sohn von Sonne und der Erde versah die > Titanen, welche gegen den > Olymp kämpften, mit Wasser, und wurde daher in einen Fluss, dessen Wasser schlammig war, verwandelt und in die Unterwelt verwiesen. Nach anderen Autoren war A. der auf Kreta geborene Sohn der > Ceres, der das Tageslicht nicht ertragen konnte und deshalb in die Unterwelt ging. Die Seelen der Abgeschiedenen wurden von > Charon über den Fluss Acheron getragen, weshalb „über den Acheron gehen“ zur sprichwörtlichen Bezeichnung für „sterben“ wurde, da die Seelen, die ihn überschreiten, keine Hoffnung auf Wiederkehr haben. A. fand auch Verwendung zur Bezeichnung anderer Flüsse und in zahlreichen literarischen Werken, wie in Virgils Aeneis und in Dantes Divina Commedia.

Lit.: Radermacher, Ludwig: Mythos und Sage bei den Griechen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 31968.

Acheropita (griech., „nicht von Menschenhand gemacht“; engl. acheropite). Von einem solchen Acheropita-Bild wird zum ersten Mal 574 berichtet. In diesem Jahr wurden nach dem Bericht des Historikers Georgios Kedremos die Acheropita aus Kamulia in Kappadokien und Stücke des wahren Kreuzes aus Apameia in Syrien nach Konstantinopel gebracht. Bei den Byzantinern spielte das nicht von Menschenhand gemachte Christusbild eine große Rolle. Es wurde in verschiedenen Schlachten als Fahne vor den Truppen hergetragen. Noch vor 705, also vor Beginn des zweiten Regierungsabschnittes Kaiser Justinians II., verschwand das Bild, das nach seinem Ursprungsort „Kamuliana“ genannt wurde. Es soll nach Rom gekommen und in der Cappella Sancta Sanctorum im Lateran vor den byzantinischen Beamten versteckt worden sein. Die „Acheropsita“ des Laterans sei nämlich nichts anderes als die byzantinische „Acheropita“. Nach der Einnahme Konstantinopels 1204 durch die Kreuzfahrer war die „Acheropsita“ des Laterans nicht mehr gefährdet und wurde daher nach St. Peter gebracht, was spätestens unter Innozenz III. (1198 – 1216) geschehen sei, wo sie zur „römischen Veronica“ wurde. Dante berichtet davon in Paradiso XXXI, Verse 103 – 109. Im Heiligen Jahr 1300, wenn nicht schon früher, wurde sie einem großen Publikum gezeigt, und von da an in jedem Heiligen Jahr. Beim Abriss des zweiten Teils der Peterskirche 1608, wenn nicht schon früher, bei dem auch die Kapelle abgetragen wurde, in der die Veronika [aus dem griechischen Wort eikon (Bild) und dem lateinischen Adjektiv vera (wahr), also das „wahre Bild“] aufbewahrt war, verschwand das Bild aus Rom und tauchte dann im dem Abruzzen-Städtchen Manoppello bei Pescara auf, wo es 1638 den Kapuzinern übergeben wurde und seit 1646 als Volto Santo zur öffentlichen Verehrung ausgestellt ist. Es handelt sich dabei um ein feines durchsichtiges Leinentuch von 24 x 17,5 cm mit dem Abbild eines männlichen Antlitzes, das wie bei einem Dia von der Vorder- und Rückseite betrachtet werden kann. Neuere Untersuchungen haben gezeigt, dass sich das Antlitz der Veronika mit dem Antlitz auf dem Grabtuch von Turin deckt.

Lit.: Schlömer, Blandina P.: Der Schleier von Manoppello und das Grabtuch von Turin. Innsbruck: Resch, 1999; Pfeiffer, Heinrich W.: Die römische Veronika. In: Grenzgebiete der Wissenschaft; 49 (2000) 3, 225 – 240; Resch, Andreas: Das Antlitz Christi: Grabtuch – Veronika. Innsbruck: Resch, 22006.

Acheropsita > Acheropita.

Achillea, Pflanzengattung, zu der die in der Volksheilkunde beliebte Schafgarbe (Achillea millefolium L.) gehört, eine in Europa häufig vorkommende Wiesen- und Wegesrand-Pflanze aus der Familie der Korbblütler mit matt-weißlichen Blüten und vollem, würzigem Duft. Die zahlreichen alten Namen der Schafgarbe, wie etwa > Ambrosia, weisen auf ihre traditionelle Bedeutung hin. Die vielseitig verwendete Heilpflanze wird in den berühmten Kräuterbüchern und naturgeschichtlichen Schriften vergangener Jahrhunderte durchgängig erwähnt, so schon in der Antike bei > Dioskurides (Materia Medica) und > Plinius (Naturalis Historiae), bei > Hildegard von Bingen im 12. Jh. (Physica), im > Hortus Sanitatis (germanice) (1485), bei Hieronymus > Bock (New Kreütter Buch, 1539), Leonhart > Fuchs (New Kreutterbuch, 1543), > Lonicerus (Naturalis historiae, 1551), Caspar > Ratzenberger (Herbarium, 1598) usw. Garbe, Röllike (schwed. röllika), Katzenschwanzl, Lämmerschwanz, Gänsezunge, Hunderippe, Bauchwehkraut, Pestilenzkraut, Pissblum, Sichelkraut, Wundkraut und Blutkraut sind einige der vielen auf Form oder Anwendungsmöglichkeit weisenden Namen für das gern von Schafen gefressene Kraut. Oft wird die Schafgarbe auch zur Hasengarbe. Wegen ihrer fein zerteilten Blätter heißt sie weiters Tausendblatt (lat. millefolium) oder Hundertblatt.
Warum die „tausendblättrige“ A. ihren lat. Namen von dem Helden des Trojanischen Krieges, > Achilleus, erhalten hat, steht in Zusammenhang mit ihrer Bedeutung als ausgezeichneter Wundpflanze. Achilles galt als unverwundbar, da ihn seine Mutter, die Seegöttin Thetis, in den Fluss > Styx getaucht hatte. Der einzig wunde Punkt blieb die Achilles-Ferse, an der ihn seine Mutter gehalten hatte. Hier war es die A., die > Aphrodite erfolgreich empfahl, um die Wunde zu schließen. Ob allerdings die Schafgarbe mit der antiken A. gleichzusetzen ist, bleibt offen. Bis in die Neuzeit hinein ist die Schafgarbe eines der wichtigsten Wundheilmittel geblieben. In Griechenland ist es immer noch Sitte, die frisch zerstoßenen Blätter auf Wunden und Quetschungen aufzulegen. Der Tee aus der Heilpflanze wirkt blutdrucksenkend, harndesinfizierend, entzündungswidrig und krampflösend. Er ist eine Hilfe bei Rheumatismus, Arthritis, Magen- und Gallenbeschwerden. > Hildegard von Bingen beschreibt sie als Heilmittel bei inneren Verletzungen, Fieber und Schlaflosigkeit (Physica I, 113). Die Pflanze ist auch als ein gutes Frauenheilkraut bekannt. Sie enthält viele Bitterstoffe, Gerbstoffe, Flavonoide und Mineralien, besonders Kalium. Außerdem wird aus der A. wertvolles blaues, Azulen enthaltendes > Schafgarbenöl gewonnen.
Der A. millefolium werden auch geistervertreibende und vor bösem Zauber schützende Kräfte zugeschrieben. Selbst Blitze sollen mit ihrer Hilfe abgehalten werden. Für die Slowenen dagegen ist sie eine Zauberkräfte verleihende Pflanze. Aus Irland und England ist die Bedeutung der Schafgarbe im Liebesorakel bekannt. So soll sie etwa einem Mädchen über die Treue ihres Liebhabers Auskunft geben können oder, unter das Kopfkissen gelegt, ihm den zukünftigen Ehemann im Traum anzeigen.
A. (Achillea sp.) gehört zu den Blumen, die Verstorbenen auf ihre Reise mitgegeben werden (Rätsch 1998, 231).

Lit.: Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Rätsch, Christian: Heilkräuter der Antike in Ägypten, Griechenland und Rom. Mythologie und Anwendung einst und heute. München: Eugen Diederichs, 1995; Vickery, Roy: A Dictionary of Plant-Lore. Oxford University Press, 1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

Achillea millefolium > Achillea.

Achilleus (lat. Achilles). 1. Held der Griechen. A., einer der Helden des trojanischen Krieges, ist der Sohn der Seegöttin > Thetis und des Peleus, eines Sterblichen. Als kleines Kind tauchte ihn die Mutter in den Fluss > Styx, damit er unsterblich werde, vergaß jedoch die Ferse (Achillessehne) an der sie den Knaben festhielt, unterzutauchen. An dieser verletzlichen Stelle wurde er beim Kampf um Troja durch Paris tödlich verletzt. In ganz Griechenland genoss er als Heros und im Gebiet des Schwarzen Meeres als Gott große Verehrung, der seit der hadrianischen Zeit den Beinamen Pontarchos („Herrscher des Meeres“) hatte.
2. Bezeichnung eines vom griechischen Philosophen Zeno aufgestellten Schlusses (Trugschluss), um die Unwirklichkeit der Bewegung zu beweisen: Achilleus könne als schnellster Läufer der Griechen eine Schildkröte nicht einholen, denn jedes Mal wenn er dort ankomme, wo die Schildkröte gerade war, sei sie bereits wieder weitergekrochen. Die trennende Distanz besteht nämlich aus einer unendlichen Zahl von Teilen, die in einer endlichen Zeit gar nicht durchlaufen werden können. Der Trugschluss entstehe durch diese unwirkliche Zerlegung des faktisch durchlaufenen Abstandes, der dann in einer endlichen Zeit nicht durchlaufen werden kann. Dabei werden jedoch die Schwierigkeiten, die das Problem der Bewegung dem Denken stellt, offenbar.

Lit.: Hommel, Hildebrecht: Der Gott Achilleus. Heidelberg: Winter, 1980; Mittelstraß, Jürgen (Hg.): Enzyklopädie Philosophie und Wissenschaftstheorie. Bd. 1. Stuttgart: Verlag J. B. Metzler, 1995.

Achipanganya, Schöpfergott der Mwera am Ilulu (Afrika); er wird auch Mkubwa oder Mkulungwa, „der Große“ genannt. Nur die Ältesten durften ihm opfern, und wenn kein männlicher Ältester anwesend war, dann vollzog das Opfer eine alte Frau. Geopfert wurden meist Mehl oder Bier, Mais und Hirse. „Der Alte zog an die gewählte Stelle, streute ein wenig Mehl auf den Boden“ und sprach dreimal: „Achipanganya, Nandoka, Nambembele, bitt für uns bei Achipanganya. Bitt für uns in dieser Not, aber du weißt sie alle“ (Ohm, 55). Nambembele oder Anabembele wird einmal als „göttliche Weisheit“, dann aber auch als eine Art Engel verstanden.

Lit.: Ohm, Thomas: Stammesreligionen im südlichen Tanganyika-Territorium. Köln; Opladen: Westdt. Verl., 1953.

Achler, Elisabeth (1386 – 1420), auch „Elisabeth Bona von Reute“ oder die „gute Beth“ genannt, wurde am 25. 11. 1386 in Reute, Oberschwaben, Deutschland, geboren und trat mit 14 Jahren in den Dritten Orden der Franziskaner ein. In der 1403 gegründeten Terziarierinnen-Klause von Reute war sie für die Küche zuständig. Sie meditierte vor allem über das Leiden Christi, trug die > Stigmen, hatte > Ekstasen und soll 12 Jahre ohne Nahrung gelebt haben.

Lit.: Köck, Werner: Vita der seligen Elisabeth von Reute. Innsbruck, Univ. Diss., 1972.

Achmet, auch Ahmad ibn Sirin, arabischer Seher und Autor des bekannten Traumbuches > Oneirokritikon (um 820), das indisches, persisches und arabisches Wissen vereint, aber nur mehr in griechischer und lateinischer Fassung überliefert ist, die 1603 in Paris erschien. Ähnlich bekannt sind die > Oneirokritika des > Artemidoros von Daldis (Mitte des 2. Jhs.).

Lit.: Achmetis Oneirocriticon rec. Franciscus Drexl. Leipzig: Teubner, 1925.

Achom, gotthafte Wesen bei den Ägyptern. Der verklärte König wird als der Stärkste von ihnen verehrt. A. wird als überragende Kraft verstanden, die, gleich einem Raubvogel, rasch zugreift. Daher wird das Wort A. mit dem Bild eines Falken geschrieben. Im Neuen Reich wird A. dann als eine allgemeine Bezeichnung für Götterbilder verwendet.

Lit.: Die altägyptischen Pyramidentexte: nach d. Papierabdrücken u. Photogr. d. Berliner Museums / neu hrsg. u. erl. von Kurt Sethe. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1960, 407.

Achsel. Die Achsel stellt bei aufrecht stehenden Menschen den höchsten Teil der oberen Gliedmaßen dar und hat von jeher eine besondere magische Bedeutung. Das Heben der rechten Achsel oder der Blick darüber auf jemanden bekundet Überlegenheit und das Spucken über die Achsel ist ein besonderer Ausdruck der Verachtung.
Der penetrante Schweißgeruch der Achselhöhle wie auch die Achselhaare werden dazu verwendet, um Tiere anhänglich zu machen, indem man ihnen mit Achselschweiß getränktes Brot oder Achselhaare zum Fressen gibt.
Schließlich gilt die Achselhöhle als geeigneter Platz zur Verbergung des Teufelspaktes und als ein beliebter Sitz der Dämonen.
In China erzählt man von zahlreichen psychisch begabten Kindern, dass sie mit den Ohren und den Achselhöhlen sehen könnten. Wissenschaftliche Untersuchungen konnten diese Fähigkeit allerdings nicht bestätigen.

Lit.: Vernaleken, Theodor: Mythen und Bräuche des Volkes in Österreich. Wien, 1859; Wuttke, Adolf: Der deutsche Volksaberglaube der Gegenwart. Berlin, 1900; Truzzi, Marcello: China’s psychic savants. Omni 66 (1985), 63 – 64, 66, 78 – 79.

Achsendurchstrahlung (oder Achsigkeit). Durchstrahlung materieller Gegenstände durch polariserte Odstrahlen (8. Großkraft der Natur). Die Gegenstände werden nach L. Straniaks Verständnis der > Radiästhesie aus sechs Richtungen des Raumes von S / N / O / W / Höhe und Tiefe durchstrahlt. Dabei unterscheidet er Gegenstände, die nur ein, zwei, drei, vier, fünf und sechs Durchstrahlungen durch die 8. Naturkraft aufweisen. So spricht er von 1-Achser, 2-Achser usw.; es sind drei – polare Richtungen und drei + polare Richtungen erkennbar. Aus der Kombination der sechs Richtungen und deren Polarität ergeben sich 64 Varianten (64 Trigramme beim > I-Ging).

Lit.: Straniak, L.: Radiästhesie: Aberglaube, Betrug oder Teufelskunst? Aktuell: Pendel und Rute für Sie. München: Herold-Verlag Dr. Wetzel, o. J.

Acht. Aufgrund der eigentümlichen arithmetischen und geometrischen Verhältnisse gelangte die Zahl 8 zu besonderem Ansehen. Nach der biblischen Erzählung der Sintflut blieben 8 Menschen übrig: Vater, Mutter, drei Söhne und drei Schwiegertöchter (Gen 8, 16). Am 8. Tag hat die Beschneidung zu erfolgen (Gen 17, 12), und 8 Tage soll das Gedächtnis der Altarweihe dauern (1 Makk 4, 59).
Eine besondere Rolle spielt die 8 in > Hinduismus und > Buddhismus. Der hinduistische Gott > Vishnu hat 8 Arme, die im Zusammenhang mit den 8 Wächtern des Raumes gesehen werden müssen. Im Buddhismus wird die 8 häufig mit der Anzahl der Speichen des > Rad-Symbols und anderen Bezeichnungen verbunden wie > Acht Befreiungen, > Achtfacher Pfad, > Acht Kostbarkeiten, > Acht Überwindungen. In Japan gilt die Acht außerdem als Zahl der im Grunde nicht mess- und zählbaren Größe.
In der Astrologie der Chaldäer dienten acht Orte des Himmels der näheren Bestimmung der Weltgegenden. 8-strahlig ist der Stern der > Ischtar-Venus. Die Etrusker sprachen von acht Weltzeitaltern, die Gnostiker von acht Himmelssphären.
Die Griechen bildeten die Hauptwinde auf einem Oktogon ab. Nach Aristoteles und Pythagoras ist die erste Kubikzahl: 23 = 2 x 2 x 2 = 8 die Vollkommenheit einer Zahl in ihrer 3. Potenz. Die > Pythagoräer nennen die 8 daher auch die Zahl der Gerechtigkeit, weil sie in zwei gleiche Zahlen geteilt werden kann. Hierher gehört auch der Eid des Orpheus bei den 8 Gottheiten: > Feuer, > Wasser, > Erde, > Himmel, > Mond, > Sonne, > Phanes und > Nacht.
Im Christentum verweist die Acht auf den 8. Schöpfungstag, d. h. die Neuerschaffung des Menschen, und ist daher zugleich ein Symbol der Auferstehung Christi und der Hoffnung auf die Auferstehung der Menschen. In der Acht spielt sich die Vollkommenheit des Oktogons in der achteckigen Form des Taufbeckens bzw. der Taufkirche (Baptisterium) als Symbol der Kirche und der Auferstehung Christi ab. 8 ist auch die Zahl der Seligkeiten (Mt 5, 3 – 11).
In der > Numerologie steht die 8 für Charakterstärke und individuelle Zielsetzung.

Lit.: Gräfe, E. H.: Die acht Urbilder des I Ging. Oberstedten / Oberursel  /Ts.: Hugo Gräfe Verlag, 1968; Endres, Franz Carl: Das Mysterium der Zahl: Zahlensymbolik im Kulturvergleich / Schimmel, Annemarie. München; Kreuzlingen: Hugendubel, 1984; Hausmann, Axel: Kreis, Quadrat und Oktogon. Aachen: Meyer & Meyer, 1994; Kritzinger, Helmut-Whitey: Numerologie. Aitrang: Windpferd, 1996; Hitchcock, Helyn: Das große Buch der Numerologie. München: Goldmann, 1999.

Acht Befreiungen (sanskr. Ashta-Vimoksha), acht Stufen der meditativen Sammlung zur Befreiung jeder Anhänglichkeit an das Körperliche und Unkörperliche: 1. Erkennen von Formen im Inneren und Äußeren; 2. Erkennen von Formen im Äußeren; 3. Wahrnehmen des Schönen; 4. Erlangen des Gebietes der Unendlichkeit des Raumes; 5. Erlangen des Gebietes der Unendlichkeit des Bewusstseins; 6. Erlangung des Gebietes des Nichts; 7. Erlangung des Gebietes der Weder-Wahrnehmung-Noch-Nichtwahrnehmung; 8. Erlöschen von Wahrnehmung und Gefühlen.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Acht Kostbarkeiten (sanskr. Ashtamangala), acht Symbole der Verehrung des Weltenherrschers und im übertragenen Sinne des > Buddha, die in chinesischen Klöstern vielfach vor den Standbildern des Buddha auf Lotosständern aufgestellt sind. Es sind dies: Fahne (Siegeszeichen der Religion), Fische (Zeichen des indischen Weltenherrschers), Knoten des unendlichen Lebens, Rad der Lehre, Lotosblume (Symbol der Reinheit), Muschelhorn (Symbol des Sieges im Kampf), Schirm (Symbol der königlichen Würde, die Unheil abhält), Weihwassergefäß (gefüllt mit dem Nektar der Unsterblichkeit).

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Acht Lehren (Lehrweisen) und fünf Zeitabschnitte. Klassifizierung der Lehren des > Buddha vom Standpunkt der > Tendai-Sekte durch deren chinesischen Gründer, Chisha Daishi. Die Lehren werden in vier Doktrinen sowie zusätzlich in vier Auslegungsmethoden eingeteilt und stellen fünf Stufen der Belehrung von der ersten bis zur letzten und höchsten dar, wie sie der Buddha gab.

Lit.: Kapleau, Philip (Hg.): Die drei Pfeiler des Zen. Zürich: Rascher, 1969.

Acht Überwindungen (sanskr. Abhibhavayatana), acht Meditationsübungen zur Überwindung der Sinnensphäre durch Beherrschung der Wahrnehmung verschiedener Objekte: Diese Übungen finden sich bereits im frühen > Buddhismus. Es sind: 1. Wahrnehmung von Formen des eigenen Körpers und begrenzter Formen der Außenwelt. 2. Wahrnehmen von Formen am Körper und unbegrenzter Formen der Außenwelt. 3. Wahrnehmen begrenzter Formen der Außenwelt. 4. Wahrnehmen unbegrenzter Formen der Außenwelt. 5.–8. Wahrnehmen blauer, gelber, roter und weißer Formen außen.

Lit.: Fischer, Ingrid (Hg.): Lexikon der östlichen Weisheitslehren. Bern; München: Scherz, 1986.

Acht Unsterbliche. Die chinesische traditionelle Symbolik kennt 8 Unsterbliche, die auf Inseln der Seligen wohnen sollen: Chang-kuo-lao, eine ehemalige Fledermaus, die sich in einen Menschen verwandelte. Er trägt ein hohles Bambusrohr, oft auch eine Phönixfeder und den Pfirsich des langen Lebens. Chung-li-chüan, Alchemist, der Quecksilber und Blei in „gelbes und weißes Silber“ verwandeln konnte, den > „Stein der Weisen“ besaß und durch die Lüfte wandeln konnte. Han-tsiang-tse ließ Blumen schnell wachsen und hat als Attribut die Flöte. Ho-hsien-ku, eine Frau mit einer magischen Lotosblüte. Lants’ai-ho, Androgyn, trägt einen Korb mit Blüten oder Früchten, manchmal auch eine Flöte. Li-t’ieh-kuai trägt eine Krücke wie Saturn in der abendländischen astrologischen Bilderwelt. Sein Körper wurde angeblich irrtümlich eingeäschert und die Seele musste den Leib eines lahmen Bettlers annehmen; sein Attribut ist ein Flaschenkürbis, aus dem eine Fledermaus flattert. Lü-tung-pin trägt ein dämonentötendes Schwert. Anstelle einer Bezahlung malte er – so wird erzählt – in einem Gasthaus zwei Kraniche an die Wand, die viele Besucher anzogen, aber wegflogen, als die Schuld dadurch beglichen war. Ts’ao-kuo-chiu, Schutzpatron der Schauspieler, in höfischer Kleidung und meist mit zwei Klanghölzern in der Hand.
Diese „Pahsien“ werden meist auf einer Terrasse dargestellt, wie sie gerade den auf einem Kranich daherfliegenden
Shou-hsing, den Gott der Langlebigkeit, begrüßen, und sind ein beliebter Gegenstand der taoistischen Ikonographie.

Lit.: Ehrich, Kurt S.: Shichifukujin: ein Versuch über Genesis und Bedeutung volkstümlicher ostasiatischer Gottheiten = Die sieben Glücksgötter Japans. Recklinghausen: Bongers, 1991; Biedermann, Hans: Knaurs Lexikon der Symbole. Augsburg: Weltbild-Verl., 2000.

Acht Verneinungen > Nagarjuna.

Achtblättriger Yoga. Nach > Patañjali, der mit seiner „Yoga-Sutra“ (um 150 n. Chr.) den wichtigsten Beitrag zur Systematisierung der bis dahin entstandenen vielfältigen Yogaformen leistete, ist > Yoga „jener innere Zustand, in dem die seelisch-geistigen Vorgänge zur Ruhe kommen“ (Yogas citta vritti nirodha). Der Weg dorthin umfasst 8 Stufen oder Teile, die hintereinander zu durchlaufen sind, gleich einer Knospe, bei der ein Blütenblatt nach dem anderen hervorkommt. Patañjali nennt folgende „Blütenblätter des „achtblättrigen Yoga“: Äußere und innere Disziplin, Körperhaltung, Atemregelung, Zurückhalten der Sinne, Konzentration, Meditation und Versenkung in die acht Aspekte des Yoga.

Lit.: Yoga-Sutra: der Yogaleitfaden des Patañjali. Hamburg: Papyrus-Verlag, 1987.

Achte Sphäre (oder „Planet des Todes“), verschwommener esoterischer Begriff der geheimen Mysterienschulen zur Bezeichnung der tiefsten geistig-psychischen Entartung, in der eine Wiederbelebung durch den Strahl der spirituellen Monade nicht mehr möglich ist. Die 8. Sphäre ist der Hort der „verlorenen Seelen“, die dort zerrieben und in ihre psychisch-astralen Bestandteile aufgelöst werden. H. P. > Blavatsky bringt diese Vorstellung mit dem Mondgott in Verbindung, der die sieben Naturkräfte repräsentiere, die ihm vorausgingen (Blavatsky, 248). Der Mond sei nämlich in seinen inneren Prinzipien, d. h. psychisch und geistig, tot (Blavatsky, 172). Rudolf > Steiner befasst sich in Geheimwissenschaft im Umriss mit der 8. Sphäre.

Lit.: Blavatsky, H. P.: Kosmogenesis. A. Kosmische Evolution. Den Haag: J. J. Couveur, o. J.; Steiner, Rudolf: Die Geheimwissenschaft im Umriss (1930). Dornach: Philosophisch-Anthroposophischer Verlag am Goetheanum, 1930.

Achtert-Zutz-AASW-Experimente. 1967 / 68 wurden am „Institut für Parapsychologie und Grenzgebiete der Psychologie“ in Freiburg, Deutschland, mit den Studenten Lutz Achtert und Sabine Zutz am > Psi-Recorder 70 ASW-Experimente durchgeführt, die meist hochsignifikant waren und einer Antizufallswahrscheinlichkeit von 1 : 1 000 000 000 entsprachen. Die telepathischen Leistungen wurden nur erreicht, wenn die männliche Versuchsperson als Sender, die weibliche als Empfänger fungierte. Von den Symbolen der verwendeten > Zener-Karten wurde dabei keines bevorzugt. Man interpretierte daher die Ergebnisse als Stützung der These, dass > Psi weniger eine Eigenschaft der Personen, sondern vielmehr ein Effekt von Konstellationen sei. Eine Wiederholung der Experimente im folgenden Semester erbrachte keine Erfolge.

Lit.: Bender, H.: Unser sechster Sinn. Stuttgart: Deutsche Verlagsanstalt, 1971.

Achtfacher Pfad (sanskr. Ashtangika-Marga), achtgliederiger Pfad zur Befreiung vom Leiden: 1. vollkommene Erkenntnis; 2. vollkommener Entschluss; 3. vollkommene Rede; 4. vollkommenes Handeln; 5. vollkommener Lebenserwerb; 6. vollkommene Anstrengung; 7. vollkommene Achtsamkeit; 8. vollkommene Sammlung.

Lit.: Frauwallner, Erich: Die Philosophie des Buddhismus. Berlin: Akad.-Verl., 41994.

Achtheit. Die A. ist ein symbolisch-kosmologischer Begriff aus den Priesterschulen der altägyptischen Stadt Chemenu (heute arab.: Eschmunên), hellenistisch > Hermopolis, Stadt der Acht. In der Kosmogonie von Hermopolis wurde die Qualitätslosigkeit der Urmaterie durch Aufspaltung in ihre Elemente aktiv gemacht, wobei gleichzeitig eine Personifizierung der mit der Aufspaltung gewonnenen Wesenheiten in ein männlich-weibliches Dualsystem erfolgte: > Nun und > Naunet symbolisieren das Urwasser in männlicher und weiblicher Form, > Heh und > Hehet den endlosen Raum, > Kek und > Keket die Finsternis, > Amun und > Amaunet das Verborgene (die Leere). Diese Achtheit brachte Lebewesen in Gestalt von Fröschen und Schlangen hervor, die im Urschlamm lebten, aus dem sich der Urhügel erhob. Die Priesterschaft von Theben, die einen solchen Platz für Amun nicht annehmen konnte, bemächtigte sich der Achtheit und erfand eine Schlange, eine Erscheinungsform des Amun, genannt > Kematef. Die Schlange starb, nachdem sie die Schlange > Itra geboren hatte, eine andere Escheinungsform des Amun, welche die Achtheit schuf. So bildete die Priesterschaft aus Theben die Wiege der Götter der Achtheit, die, nachdem sie zur Durchführung ihres Schöpfungsaktes nach Hermopolis gegangen waren, angeblich nach Theben zurückkehrten, um auf dem Hügel von Dijeme (Medinet Habu) zu sterben. Dort wurden sie noch am Ende der griechischen Zeit verehrt. Die A. weist schließlich auch auf die allgemeine Bedeutung der > Acht hin.

Lit.: Hornung, Erik: Der Eine und die Vielen: ägyptische Gottesvorstellungen. Darmstadt: Wiss. Buchges., 51993; Rachet, Guy: Lexikon des alten Ägypten. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1999.

Achtkreuz. Kreuz mit acht Ecken und vier Malkreuzen. Das Kreuz ist in einem Zug zu schreiben. Form und Richtung der Linien sollen eine schwarzmagische Benutzung völlig ausschließen.

Lit.: Glahn, A. Frank: Radio des Geistes: Magie der Symbole: der spirituelle Pendel. 3. Aufl. Freiburg i. Br: Hermann Bauer, o. J.; Jahrbuch für kosmobiologische Forschung. Augsburg: Dom Verlag, 1928.

Achtort. Achteck, das in der Bakunst der Gotik als Proportionssystem zur Grundrissbildung von Türmen und Pfeilern verwendet wurde. In seiner symbolischen Aussage steht der A. (Ort = Ecke) für Universalität und Vollkommenheit.

Lit.: Becker, Udo: Lexikon der Symbole. Freiburg: Herder, 1998.

Achtsamkeit (sanskr. smriti, Pali: sati). A. ist die 7. Stufe des > Achtfachen Pfades, auf der bei voller Klarheit des Bewusstseins alle Tätigkeiten, auch die im Alltag automatisch ablaufenden Funktionen wie Atmen, Gehen usw., zu beobachten sind, um so zur Wissensklarheit zu gelangen und den Geist unter Kontrolle und zur Ruhe zu bringen. Die Übung der A. vermittelt Einsicht in die vergängliche, unbefriedigende und nicht-wissende Natur allen Seins und wird somit zur Grundlage für jede höhere Erkenntnis. Geübt wird A. durch die in den Ländern des > Theravada gepflegte Übung des > Satipatthana.

Lit.: Ehrhard, Franz-Karl; Fischer-Schreiber, Ingrid: Das Lexikon des Buddhismus. Bern: O. W. Barth, 1992.

Achtsamkeitsmeditation. Die A. dient nach buddhistischer Lehre der Gewinnung von Einsicht in die Erfahrungen des Lebens und die Natur innerer und äußerer Gegebenheiten sowie zur Wahrnehmung der Beziehung der beiden. Um dies zu erreichen, nimmt man eine entspannte Körperhaltung ein und beobachtet in Ausübung der reinen Aufmerksamkeit den Atem. Nach wenigen Minuten erkennt man, dass eine ständige Kette mentaler Geschehnisse stattfindet. Durch solche Beobachtungen wird Einsicht in die uns eigentümlichen mentalen Prozesse gewonnen und der Bereich ausgemacht, der therapeutisch durch A. zu bearbeiten ist, um die innere Ausgeglichenheit herzustellen oder zu bewahren.

Lit.: Boorstein, Seymour (Hg.): Transpersonale Psychotherapie. Bern: Scherz, 1988.

Achtundzwanzig, vollkommene Zahl und Mondzahl – vollkommene Zahl, weil sie sich in ihre Divisoren 1 + 2 + 4 + 7 + 14 aufteilen lässt; Mondzahl, weil in ihr die vier Phasen des > Mondes vollkommen sind, nachdem er 28 Sterngruppen durchwandert hat.
Als Mondzahl spielt A. vor allem im Islam eine wichtige Rolle, denn die 28 Buchstaben des arabischen Alphabets, in denen Gottes Wort, das ist der > Koran, aufgezeichnet ist, werden mit den Mondstationen in Beziehung gestellt. Auch dass es 28 Propheten vor Muhammad gegeben hat, passt in dieses Bild, wobei Muhammad alle überstrahlt, wie der Vollmond die Sterne.

Lit.: Endres, Franz Carl: Das Mysterium der Zahl: Zahlensymbolik im Kulturvergleich / Schimmel, Annemarie. München; Kreuzlingen: Hugendubel, 1984.

Achtzehn, astrale Zykluszahl. Die A. taucht in der präkolumbianischen Zeitrechnung auf. Eine astrale Zykluszahl ist sie, weil sich Sonnen- und Mondfinsternis nach 18 Jahren in gleicher Reihenfolge wiederholen.
In der mittelalterlichen christlichen Exegese wird A. mit 10 + 8 als Erfüllung des Gesetzes durch die Gnade gedeutet, wie man aus der Heilung der seit 18 Jahren gelähmten Frau schließen konnte (Lk 13,11–13).
Die A. ist ferner Einteilungszahl im jüdischen Achtzehn-Gebet, und auch das indische Epos Mahabharata ist in achtzehn Bücher geteilt.
In der islamischen Tradition ist die A. (gelegentlich auch die Neunzehn) die Zahl der Konsonanten der Eingangsformel Bismillāhi’r-rahmāni’r-rahīm (Im Namen Gottes, des Allbarmherzigen und Gnädigen). Vielleicht stammt daraus die Vorstellung, dass es 18000 Welten gibt. Für die > Mevlevi, den Orden der „Tanzenden Derwische“, hat die A. eine vielfache Bedeutung: Das Eingangsgedicht von Dschelaluddin Rumis Mathnawi („Lied der Rohrflöte“) hat 18 Verse; wer Mevlevi-Derwisch werden will, muss 18 Tage als Laufbursche im Kloster dienen und die 18 Arten des Küchendienstes erlernen. Nach 1001 Tagen Vorbereitungszeit wird er mit einem achtzehnarmigen Leuchter in seine neue Zelle geführt, wo er 18 Tage zu meditieren hat. Auch war es Brauch, dass Besucher ihre Gaben in achtzehnfacher Zahl brachten. Ob hier eine Verbindung zur türkischen traditionellen Neunzahl von Geschenken gegeben ist, bleibt offen. Jedenfalls erscheint auch im Germanischen die A. gelegentlich als Verdoppelung der heiligen Neun: So hatte > Haldan 18 Söhne und > Odin weiß 18 Dinge.

Lit.: Endres, Franz Carl: Das Mysterium der Zahl: Zahlensymbolik im Kulturvergleich / Schimmel, Annemarie. München; Kreuzlingen: Hugendubel, 1984.

Achuma (Trichocerus pachanoi BRITTON et ROSE), in Südamerika beheimateter hoher Stangenkaktus mit halluzinativer Wirkung. A. ist der in Bolivien volkstümliche indianische Name für den Kaktus, der in den nördlichen Anden „Huachuma“ und in Ecuador „Aguacolla“ und „Gigantón“ heißt, und der im nördlichen Küstengebiet Perus aus unbekannten Gründen den Namen „San Pedro“ trägt, d. h. den Namen des heiligen Petrus, der den Schlüssel zum Himmel besitzt. Vermutlich spielte der Kaktus ursprünglich in heidnischen Regenritualen eine Rolle (Rätsch, 505). Allgemein nennen die Indianer die Form des San Pedro-Kaktus mit langen Stacheln männlich, während für sie der kurzstachelige bzw. stachellose Kaktus weiblichen Charakter hat. Der Kaktus strotzt nur so vor Lebensenergie und kann monatelang ohne Wasser auskommen, abgeschnittene Teile des Kaktus können sogar jahrelang überleben.
A. ist eine der ältesten magischen Pflanzen Südamerikas und spielt sowohl in der > weißen als auch in der > schwarzen Magie eine Rolle. Die Pflanze enthält verschiedene Alkaloide und ist vor allem reich an Meskalin. In Bolivien und Peru stellt man vornehmlich ein Getränk daraus her, Cimora. Man kocht kleine, zerstoßene Stückchen des Stammes bis zu sieben Stunden in Wasser und gibt manchmal auch noch andere Pflanzen hinzu. Die Schamanen trinken das Getränk hauptsächlich bei psychedelischen Ritualen, d. h. zur Förderung visionärer Zustände und zum Voraussehen der Zukunft. Auch zur Identitätsänderung, zur Tierverwandlung, für Erfolg in persönlichen Angelegenheiten, gegen Alkoholismus, Wahnsinn, > Liebeszauber usw. wird die Pflanze verwendet.
In Peru wird der Kaktus noch heute in Form des Getränks von Heilern benutzt, um die Ursachen von Krankheiten herauszufinden. Das Getränk wird dabei von den Heilern wie von den Patienten allerdings in so geringen Dosen genossen, dass vermutlich keinerlei bewusstseinsverändernde Wirkung eintritt.
Das Fleisch des Kaktus gilt als > Aphrodisiakum.

Lit.: Rätsch, Christian: Lexikon der Zauberpflanzen aus ethnologischer Sicht. Graz: ADEVA, 1988; Schultes, Richard Evans; Hofman, Albert: Plants of the Gods. Rochester, Vermont: Healing Arts Press, 1992; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

Acidum nitri (lat.), Salpetersäure, spielt durch die Eigenschaft, > Silber, nicht aber > Gold zu lösen, in der > Alchemie eine Rolle. In der Schrift De Inventione veritatis des Geber-Corpus wird berichtet, dass man durch Auflösung von Ammoniumchlorid in Salpetersäure ein noch stärker auflösendes Wasser erhalte.

Lit.: Geber: De Alchimia libri tres. Straßburg, 1529; Ploss, Emil E. et al.: Alchimia: Ideologie und Technologie. München: Moos, 1970.

Acidum primigenium (lat.), Ursäure, von Johann Joachim > Becher aus der Mischung einer „elementaren Erde“ mit Wasser versuchte Bildung einer Ursäure zur Verwirklichung der Idee eines einheitlichen Sauerstoffes (auch > Acidum universale genannt).

Lit.: Becher, Johann Joachim: Physica subterranea. Frankfurt, 1669.

Acidum universale (lat.), Universalsäure. Saure Pflanzensäfte, die bis in die Neuzeit als eine Art Essig betrachtet wurden, führten dazu, dass sich in der > Alchemie die Konzeption einer Universalsäure (acidum universale) bilden konnte, die alle Säuren als Variante einer einzigen Ursäure betrachtete. Dieser Idee eines einheitlichen Sauerstoffes schloss sich auch Johann Joachim > Becher an, der aus einer Mischung von „elementarer Erde“ mit Wasser eine Ursäure (> acidum primigenium, acidum universale) hervorgehen ließ. Diese Vorstellung wurde erst durch die Sauerstofftheorie von Antoine Laurent-Lavoisier (1743 – 1794) abgelöst.

Lit.: Becher, Johann Joachim: Physica subterranea. Frankfurt, 1669; Priesner, Claus; Figala, Karin (Hg): Alchemie. München: Beck, 1998.

Acker. Der A. gehört zum Vorstellungskomplex der Fruchtbarkeit und der Erhaltung des Lebens. Der gepflügte Acker ist Symbol des weiblichen Schoßes. So findet bei verschiedenen Völkern die Hochzeit auf einem A. statt. Nach Homer soll sich die Erdmutter > Demeter mit > Iasion auf der Kruste dreimal gepflügter Erde vereinigt haben. Die mütterliche Erde wird daher von Gottheiten oder Dämonen, den > Korngeistern, geschützt, deren Segens- und Wachstumskraft man in der letzten Garbe einzufangen hofft.
Im alten Ägypten dienten nicht nur die Früchte des Feldes, sondern der Acker selbst als bevorzugte Opfergabe. So vermehrte Ramses III. dem Sonnengott > Re-Harachte die Äcker des Tempels, um das Gottesopfer zu verdoppeln, und ein Denkstein des Königs Tef-nacht (23. Dynastie) zeigt die Gabe eines Feldes (Korb mit drei Schilfblättern) an die Göttin > Neith von Sais und den Gott > Atum, verbunden mit der Hoffnung, dass die Götter dem König Ewiges Leben gewähren. So ist in alten ägyptischen Totenbuch-Illustrationen der Ackerbau Ausdruck auf ein Fortleben nach dem Tode.
Auch im AT und im NT finden die angeführten Bedeutungen des A. ihren Niederschlag. In Mt 13, 38 wird sogar die Welt mit einem A. verglichen. Schließlich ist gelegentlich der unversehrte A., der ohne Saat Weizen hervorbringt, Symbol der Jungfräulichkeit Marias.

Lit.: Mannhardt, Wilhelm: Antike Wald- und Feldkulte aus nordeuropäischer Überlieferung erl. Berlin: Borntraeger, 1905; Naumann, Hans: Primitive Gemeinschaftskultur. Jena: Diederichs, 1921; Ägyptisches Totenbuch / übers. u. kommentiert von Gregoire Kolpaktchy. Sonderausg. Bern: Barth, 1998.

Ackerbau. Der A. ist eine der ältesten Wirtschaftsformen und umrankt von einer Fülle von Vorstellungen. Die Abhängigkeit von Naturgewalten führte zu einem breitgefächerten Geisterglauben. Die guten Vegetationsgeister entwickelten sich zu Ackerbaugottheiten, wie der Himmelsgott > Djanus und die Mutter Erde, > Prithivi in Indien, > Jupiter, > Terra und > Ceres bei den Römern, > Donar und > Wodan bei den Germanen. Die Sorge um Sicherheit und Ertrag führte zu einer Reihe von Schutzriten, insbesondere durch Umhertragen von Götterbildern, Umschreiten des Ackers in Schweigen und Gebet, im christlichen Brauch durch Segnung der Felder zu bestimmten Anlässen und Festen wie dem Dreikönigsfest. In Ex 23, 16 erhalten die Israeliten den Auftrag, das Fest der Ernte beim ersten Ertrag und bei der Lese am Ende des Jahres zu feiern. In der Katholischen Kirche haben sich in verschiedenen Gegenden die Feldprozessionen zu den Quatembertagen, die Kräuterweihe am 15. August und das Erntedankfest eingebürgert. In den Ev. Gemeinden wird der Erntedank am 29. September (Michael) bzw. am darauffolgenden Sonntag gefeiert. Die mit dem A. verbundenen magischen Bräuche reichen von der Zauberabwehr mittels Wasser und Feuer, vom Vergraben von Eiern und Tierknochen bis zur Ertragssteigerung durch Abhaltung des „Brautlagers“ auf den Feldern. Eine Wöchnerin hingegen schadet dem A. und eine Leiche, die über den A. getragen wird, nimmt den Erntesegen weg.

Lit.: Mannhardt, Wilhelm: Antike Wald- und Feldkulte. Berlin: Borntraeger, 1905; Rantasalo, Aukusti Vilho: Der Ackerbau im Volksaberglauben der Finnen und Esten, mit entsprechenden Gebräuchen der Germanen verglichen. Helsinki: Suom. Tiedeakat, 1919; Bächtold-Stäubli, Hanns (Hg): Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens. 1. Bd. Berlin: W. de Gruyter, 1987.

Ackergauchheil (lat. anagallis arvensis), eine überall häufig vorkommende Heilpflanze, deren zinnoberrote, selten auch blaue kleine Blüten sich nur bei Sonnenschein öffnen und bei bewölktem Himmel sowie bei bevorstehendem Regen schließen, weshalb sie auch Schönwetterblümchen genannt wird. Die Pflanze ist ein altes Heilmittel bei Wasserscheu.
Andere volkstümliche Namen der Acker- und Wegesrandpflanze, wie Vernunft und Verstand, Geckenheil, Narrenheil und Wuthkraut, weisen auf ihre alte Bedeutung als Mittel gegen Geisteskrankheiten, etwa Schwermut, Tollheit und Raserei, hin. Das Pulver der Wurzel soll Epilepsie vertreiben. Fuchs schreibt: „Diese kreuter haben die alten aberglaubischen Teutschen Gauchheyl darumb geheyssen, wo mans im eingang des vorhofs auffhencke, das sie allerlei gauch und gespenst vertreibe“ (Fuchs, 6).
Neben vielen anderen ihm zugeschriebenen Wirkungen, wie etwa bei Augenkrankheiten (Plinius, XXV, 145; Fischart, 193), ist das A. auch ein „Wundtkreutlin“, denn „der Safft in die Wunden gethan / säubert dieselbigen“ (Tabernaemontanus, 1093).

Lit.: Fuchs, Leonhart: New Kreutterbuch. Basel, 1543; Fischart, J.: Onomastica duo. I. Philosophicum, Medicum, Synonymum ex variis vulgaribusque linguis. II. Theophrasti Paracelsi: h.e. earum vocum, quarum in scriptis ejus solet usus esse, explicatio. Argentorati 1574; Tabernaemontanus, Jac. Theod.: New Kreuterbuch. 1731; Plinius, C. Secundus: Naturalis historiae libri XXXVII. Hg. v. Lud. Jan und Carol. Mayhoff. Lipsiae 1892 bis 1898; Marzell, Heinrich: Neues Illustriertes Kräuterbuch. Reutlingen, 1921, ³1935; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin. Graz: ADEVA, 1984.

Ackermennig (agrimonia eupatoria L.), auch Odermennig, Otterminze oder König aller Kräuter genannt, ist ein an Wiesen-, Wald- und Wegesrändern wachsendes, hellgelb blühendes Heilkraut aus der Familie der Rosengewächse. Es enthält Gerb- und Bitterstoffe und wird in der Volksheilkunde bei Erkältungen, Hautproblemen und Fußbeschwerden eingesetzt. A. ist eine alte Zauberpflanze, die im Mittelalter als Saat- und Ernteorakel diente und auch für > Amulette und Räucherungen benutzt wurde. Am Karfreitag mit einem Werkzeug, das nicht aus Eisen sein darf, ausgegraben, bringt sie ihrem Besitzer Glück in der Liebe (Schöpf, 121). Ludwig Bechstein bietet im 19. Jh. in seinen Hexengeschichten das Rezept einer Wetterhexensalbe an, auf deren Inhaltsliste neben > Sanikel, > Beschreikraut, > Schwarzem Andorn und > Teufelsabbiss auch A. gehört.

Lit.: Schöpf, Hans: Zauberkräuter. Graz: ADEVA, 1986; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, 21995.

Ackerminze (mentha arvensis L.), schon von > Hildegard von Bingen in dem Abschnitt De Minori Myntza beschriebene heilkräftige Pflanze, die bei Augenschmerzen, „ubi audswer est“, in Form eines Umschlags Hilfe bieten kann. Ebenso kann sie bei Magenerkältung und Verdauungsbeschwerden dem Essen beigemischt werden (Hildegard von Bingen, 33).

Lit.: Hildegard von Bingen: Naturkunde. Das Buch von dem innern Wesen der verschiedenen Naturen in der Schöpfung. Nach den Quellen übersetzt und erläutert von Peter Riethe. Salzburg: Otto Müller Verlag, 41989.

Ackerschachtelhalm (lat. equisetum arvense), auf Äckern und am Wegesrand häufig anzutreffende blütenlose Heilpflanze mit tiefgehenden, fest verankerten Wurzelstöcken, deren Giftigkeit in der Literatur sowie in der Volksmeinung umstritten ist. Der Pferdeschwanz, engl. horsetail, wächst bevorzugt auf Wiesen sowie am Feld-, Wald- und Wegesrand.
Die Namen Scheuerkraut und Zinnkraut für den A. deuten auf die Verwendung des kieselsäurereichen und Saponine enthaltenden Krautes zum Reinigen von Geschirr, später besonders von Zinngeschirr, hin. Aufgrund ihres hohen Kieselsäuregehaltes, der bis zu 70% betragen kann, wirkt die Pflanze auch harntreibend, was sich z. B. aus der Bezeichnung Pißkrut ablesen lässt. Weltweit wird die Pflanze in der Volksmedizin gegen Durchfall benutzt. Bei Lungenbeschwerden und zur Blutstillung wird der A. ebenfalls angewandt.
Hexenbesen ist ein weiterer Name für den A., der im magischen Bereich vor allem in der Schlangenmagie und im > Fruchtbarkeitszauber Bedeutung hat. Die aus dem stabilen Halm der Pflanze hergestellten Pfeifen sollen nach alter Indianerweisheit Schlangen anlocken, während im Mittelalter die getrockneten Ähren in Form von > Talismanen, die im Schlafzimmer aufgehängt wurden, die männliche Fruchtbarkeit unterstützen sollten. In Südmexiko gilt der
equisetum myriochaetum als > Aphrodisiakum.
Die der Saturn-Pflanze bisweilen zugeschriebene psychoaktive Wirkung ist unsicher (Rätsch, 597).

Lit.: Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 2. Leipzig: Hirzel, 1972; Magister Botanicus: Magisches Kreutherkompendium. Speyer: Die Sanduhr, ²1995; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin. Aarau, CH: AT, ²1999.

Ackerwinde (convolvulus arvensis L.). Pflanze, die nach neueren Forschungen Tropanalkaloide, u. a. Tropin, Tropinon, Cuskohygrin und Hygrin, und außerdem Mutterkornalkaloide enthält. Tropanalkaloide, auch Tropane oder Tropeine genannt, chemisch gesehen Ester des Tropanals, sind psychoaktive Stoffe, die vor allem in > Nachtschattengewächsen (Solanaceae), typischen > Hexenpflanzen, vorkommen. Sie werden von Schleimhaut und Haut aufgenommen und sind daher auch in Salbenform wirksam. Ihre chemische Verwandtschaft mit Kokain hat ähnliche pharmakologische Wirkungen zur Folge (Rätsch 1998, 184, 867 f.).

Lit.: Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Mit e. Vorwort v. Albert Hofmann. Aarau, CH: AT, 1998.

Acllas, „auserwählte Frauen“ des Inkaherrschers > Inti, die man auch als „Sonnenjungfrauen“ bezeichnete. Mit acht Jahren kamen sie in spezielle Klöster der Inkahauptstadt Cuzco, die Acllahuasi genannt wurden. Dort wurden sie von den Mama Cunas erzogen, um das heilige Feuer von Inti zu hüten, die Kleider für seine Statuen zu weben und Chicha (Maisbier) für das Inti-Raymi-Fest zu brauen. Manchmal verschenkte er sie an Krieger oder verheiratete sie mit fremden Herrschern, um Verbindungen herzustellen.

Lit.: Dukszto, Aneta: Sacred Valley of the Incas and Cusco: includes Inti Raymi, Moray, Maras, Tipon, Raqchi /José Miguel Helfer Arguedas. Lima: Ed. del Hipocampo, 2002.

Aconitum (lat.), Akonit, eine Gruppe weltweit verbreiteter, hochgiftiger Pflanzen aus der Familie der Hahnenfußgewächse. Das wohl zu den spektakulärsten Zauber- und Heilpflanzen zählende A. wurde schon in der Antike von einigen Autoren mit dem griechischen Namen Akoniton angeführt, und man brachte diese Bezeichnung früher mit der antiken Stadt Akonai in Bithynien am Pontos Euxeinos in Verbindung.
Die mythologischen Wurzeln der Entstehung des A. führen zurück zu dem lichtscheuen Höllenhund > Kerberos, der die Pflanze aus seinem triefenden Speichel hervorbrachte, als ihn > Herakles gewaltsam aus der Unterwelt in lichtere, irdische Gefilde heraufziehen wollte. So wächst nach antiken Autoren das A. am Eingang zur Unterwelt, am bithynischen > Acheron, aber auch nördlich und östlich vom Schwarzen Meer. Im Skythenland soll > Medea A. gepflückt haben, und im kolchischen Zaubergarten der > Hekate spielte die Pflanze eine wichtige Rolle. Nach > Dioskurides soll die alabasterartig glänzende Wurzel des A. Skorpione auf der Stelle zum Erstarren bringen. Unter den A.-Arten sind folgende besonders bekannt: > Aconitum ferox, > Aconitum Napellus.

Lit.: Paulys Real-Encyclopädie. Hg. v. G. Wissowa u. a. Stuttgart 1894 ff., Bd. 1 1894; Marzell, Heinrich: Wörterbuch der deutschen Pflanzennamen. Bd. 1. Leipzig: Hirzel, 1943; Most, Georg F.: Encyklopädie der Volksmedizin, Graz: ADEVA, 1984; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Aarau, CH: AT, 1998.

Aconitum ferox (lat.) > Blauer Eisenhut. Bereits im alten Indien wurde die Wurzel dieser Aconitum-Art als Pfeilgift verwendet. In der tibetischen Medizin werden aufgrund ihrer pharmakologischen Eigenschaften mehrere Arten unterschieden. A. ist eine typische Himalayapflanze und kann bis zu einem Meter hoch werden. Für die ayurvedische Medizin werden die Wurzelknollen entgiftet, während für tantrische und psychoaktive Zwecke die Wurzel ohne Entgiftung getrocknet wird. A. ist die stärkste Giftpflanze des Himalaya. Sie enthält die Diterpenoid-Alkaloide Aconitin und Pseudoaconitin und findet vielfältige Verwendung. In der extremen Gruppe der indischen Tantriker, den Aghoris, die auf dem Linken Pfad wandeln und Sexualität und Drogen als wichtige Methoden der Bewusstseinserweiterung betrachten, verwenden die Fortgeschrittenen zur Bewusstseinserweiterung für ihre Rauchrohre auch eine Mischung aus ganja (Blüten von Cannabis indica) und Aconitum ferox-Wurzeln, um sich dem hinduistischen Gott der Rauschmittel und Gifte, > Shiva, anzugleichen, indem sie alle Gifte nach der Devise aufnehmen: „Was mich nicht umbringt, macht mich stark“. Die Wirkung von A. soll so extrem sein, dass selbst erfahrene Tantriker vor dem Gebrauch warnen. In der ayurvedischen Medizin werden die gereinigten Knollen bei Neuralgien und schmerzhaften Entzündungen sowie bei Krebsgeschwüren verwendet. A. wird auch als Heilmittel bei dämonischer Besessenheit gepriesen. In der nepalesischen Volksmedizin wird A. bei Lepra, Cholera und Rheumatismus eingesetzt.

Lit.: Laufer, Heinrich: Tibetische Medizin. Ulm / Donau: Fabri-Verl., 1991; Rau, Wilhelm: Altindisches Pfeilgift. Stuttgart: Steiner, 1994; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Stuttgart; Aarau, CH: Wiss. Verl.-Ges.; AT Verlag, 1998.

Aconitum napellus (lat.) > Echter Sturmhut, bzw. Eisenhut, eine blau blühende und hochgiftige Pflanze, die in den Alpen und Mittelgebirgen wild wächst und in Europa unter Naturschutz steht. Medizinisch wird Eisenhuttinktur heute als schmerzlinderndes Mittel bei Gicht, Ischias und Neuralgien sowie bei beginnenden fiebrigen Erkältungen eingesetzt. Die Wurzel des Eisenhuts fungiert in der Volksmedizin auch als psychoaktiver Zusatzstoff im Wein. Der Honig des Eisenhuts wirkt ebenfalls psychoaktiv und ist giftig (Rätsch 1998, 36, 757). Der Eisenhut hat noch viele andere Volksnamen wie Appolloniabraut, Blaukappen, Eisenkappe, Helmblum, Hex, Mönchswurz, Muttergottesschühlein, Kapuzinerchäppli, Königsblume, Odins Hut, Satanskraut, Totenblume, Venuskutschen, Wolfskraut, Würgling, und Ziegentod, um nur einige zu nennen.
Der Echte Sturmhut ist ein wichtiger Bestandteil von > Hexensalben bzw. > Flugsalben. Er erzeugt auf der Haut ein Kribbeln, kann Vorstellungen auslösen, einen Pelz oder ein Federkleid zu tragen (Rätsch 1998, 36), und besitzt die Fähigkeit, die Seele vom Körper loszulösen (Müller-Ebeling, 59).
Es wird ihm auch eine Bedeutung für den > Liebeszauber ebenso wie für Todesfälle aufgrund falscher Dosierung zugeschrieben. Schon 10 – 15g der Wurzel, der Blätter oder des Extrakts sind hochgiftig und bewirken Schwindel, Ohnmacht, Blindheit und Lähmung (Most). So spielte der Sturmhut auch eine Schlüsselrolle im politischen Mord. Auf diesem Wege sollen z. B. Kaiser Claudius 54 n. Chr. und Papst Hadrian der VI. ermordet worden sein (Schöpf).

Lit.: Schöpf, Hans: Zauberkräuter, Graz: ADEVA, 1986; Rätsch, Christian: Enzyklopädie der psychoaktiven Pflanzen. Mit e. Vorw. v. Albert Hofmann. Aarau, CH: AT, 1998; Müller-Ebeling, Claudia u. a.: Hexenmedizin, Aarau, CH: AT, 51999.

Acontius (Acontio, Aconcio, Contio, Concio) Jacob, italienischer protestantischer Humanist, Jurist und Theologe (*  vor 1515 in Ossana (Val di Sole) oder Trient, †  um 1566 / 67), dessen Buch De stratagematibus Satanae libri octo (Basel 1565, Neuaufl. Florenz 1946) über die Kriegslisten des Teufels besondere Aufmerksamkeit erweckte. Zu den drei auf 1565 datierten Drucken kamen zwischen 1610 und 1664 zwölf Ausgaben, überwiegend Übersetzungen in das Französische, Holländische, Englische und Deutsche, hinzu. In seinen Ausführungen versucht A., Heilsnotwendiges von weniger Wichtigem im christlichen Glauben zu unterscheiden, und gibt dabei Einblicke in den damaligen Teufels- und Zauberglauben.

Lit.: Theologische Realenzyklopädie. Bd. I. Berlin: Walter de Gruyter, 1977, S. 402 – 407.

Acoran. Höchstes Wesen bei den Einwohnern der Kanarischen Inseln (Gran Canaria). Auf schwer zugänglichen Bergen wurden ihm Tempel errichtet, und in weißes Leder gekleidete Mädchen brachten ihm Milchopfer dar. Auf der Insel Teneriffa hatte er den Namen Achaman.

Lit.: Barker-Webb, Philip; Berthelot, Sabin: Histoire naturelle des Iles Canaries. Paris: Béthune, 1836.

Acta Latomorum oder Chronologie de l’histoire de la Franche-Maçonnerie français et ètrangere ist der Titel des zweibändigen Werkes von Claude Antoine Thory über die Geschichte der Freimaurerei bis zum Jahre 1814, das trotz einiger Unrichtigkeiten von bleibendem Wert ist. Thory war ein bedeutender Gelehrter, eifriger Freimaurer und außerdem Bürgermeister von Paris.

Lit.: Thory, Claude Antoine: Acta latomorum, ou chronologie de l’histoire de la Franche-Maçonnerie français et ètrangere, contenant les faits les plus remarquables de l’institution, depuis ses temps obscurs jusques en l’année 1814: … avec un supplèment … ouvrage ornè de figures. Paris: Dufart, 1815.

Acta Sanctorum (lat.), Heiligenakten. Eine Dokumentation von Akten der Heiligen der katholischen Kirche in der Reihenfolge des liturgischen Kalenders, erstellt nach literarischen Quellen (Vitae, Passiones, Miracula, Translationes, Gloria posthuma, Inschriften, usw.) sowie nach Berichten in historischen Quellen (Martyrologien, Kalendarien, liturgische Bücher). Die Mitarbeiter werden > Bollandisten genannt, weil der erste Band vom Hagiographen Jean Bolland (1596 – 1665) herausgegeben wurde. Die Idee kam jedoch von Heribert Rosweyde (1569 – 1629), die dieser 1607 nach reicher Materialsammlung öffentlich kundtat. Unter dem Titel Fasti sanctorum quorum vitae in belgicis bibliothecis manuscriptae gab er ein kleines Büchlein mit einer alphabetischen Liste der Heiligen, deren Namen er ausfindig machte, und einen Anhang mit Angaben nicht veröffentlichter Akten heraus. 1615 wurde mit der Herausgabe der Vitae Patrum belgischer Heiliger der Grundstein der Acta Sanctorum gelegt, mit deren Fortführung 1630 dann Jean Bolland SJ betraut wurde. 1643 konnten schließlich mit Unterstützung von Godfrey Henschen SJ (1601 – 1681) die ersten beiden Bände für Januar und 1658 drei Bände für Februar vollendet werden. 1659 kam dann noch Daniel Papebroch (1628 – 1714) hinzu. Damit war der Grundstein der Arbeit gelegt und bis 1794 waren die Heiligen vom 1. Januar bis zum 14. Oktober erfasst. Die Aufhebung der Jesuiten 1773 führte 1778 auch zur Unterdrückung der Bollandisten in den Niederlanden und ihrer Übersiedlung nach Belgien, wo 1837 die Gesellschaft der Bollandisten wiedergegründet wurde. Seit 1882 erscheint das Jahrbuch zur Forschungsarbeit über Heilige, Analecta Bollandiana, und seit 1910 die Monographiereihe Subsidia Hagiographica. 1940 wurde der Kommentar zum Martyrologium Romanum, dem offiziellen Kalender der Heiligen aus der Anfangszeit des Christentums, veröffentlicht. Eine komplette Originalausgabe der Acta Sanctorum steht allerdings noch aus.
Paranormologisch sind die Acta SS eine historische Fundgrube für Berichte über paranormale Phänomene und Erlebnisse, deren systematische Aufarbeitung noch auf sich warten lässt.

Lit.: Acta Sanctorum (Acta SS). 3. Ausg.: Originalausgabe (die einzige, für welche die Bollandisten garantieren): 68 Bde. (1. Jan. bis 10. Nov.). Antwerpen-Brüssel, 1643 – 1940.

Acting out > Agieren.

Actio in distans (lat.), Fernwirkung. Begriff zur Bezeichnung von Wechselwirkungen ohne vermittelndes Medium. Wichtigstes Beispiel ist die Gravitationstheorie von I. Newton. Historisch wurden Fernwirkungstheorien schon früh als unbefriedigend empfunden und durch Wirbeltheorien, Äthertheorien, und Feldtheorien ersetzt. In der Paranormologie spricht man von > Telekinese ohne Angabe eines Mediums und in der Parapsychologie von > Psychokinese, wobei man > „Psi“ als verursachendes Medium ausmacht. Im > Spiritismus ist die Rede vom Wirken der > Geister, vornehmlich Verstorbener, während im religiösen Bereich darüber hinaus auch transzendente Mächte wie > Engel, > Dämonen, > Selige, > Heilige und Gott genannt werden. Empirisch ist die actio in distans in Ermangelung eines vermittelnden Mediums als Effekt höchstens phänomenologisch, nicht aber ursächlich zu erklären.

Lit.: Hesse, M.: Action at Distance and Field Theory. In: Donald M. Borchert (Hg.): The Encyclopedia of Philosophy. New York: Simon & Schuster, 1967, 9 – 15.

Actus purus (lat.), reine Wirklichkeit. Aristoteles (Met. XI 7) führte zur Beschreibung einer Bewegung bzw. Veränderung das Begriffspaar Akt / Potenz (energeia / dynamis) ein. Jede Veränderung lässt sich als Überführung von der Möglichkeit (Potenz) in die Wirklichkeit (Akt) beschreiben. Jede Wirklichkeit, die Möglichkeiten des Andersseins besitzt, ist daher noch kein reiner Akt. Im reinen Akt, dem actus purus, der reinen Wirklichkeit, sind nämlich alle Möglichkeiten erfüllt. Er ist das Absolute, die reine energeia, der unbewegte Beweger, Gott. Diese Argumentation wurde besonders von der Scholastik aufgegriffen. Während jedoch Aristoteles das Sein nicht als Akt bestimmt, bezeichnet Thomas von Aquin auch das Sein als Akt. Als absolutes Sein, actus purus, ist Gott nach Thomas daher von jedem begrenzten Seienden zu unterscheiden: Deus est purus actus non habens aliquid potentialitate. (S.th.I q. 3a.2).

Lit.: Stallmach, Josef: Dynamis und Energeia. Meisenheim am Glan: Hain, 1959.

Acutomantie (engl. acuto-manzia), Wahrsagen mit Hilfe von Reißnägeln. Dazu bedarf es 10 gerader und drei verbogener Reißnägel. Sie werden in den geschlossenen Händen geschüttelt und auf eine mit Puder bestreute Oberfläche geworfen. Aus den entstandenen Formationen wird dann die Zukunft gedeutet. Diese Wahrsagemethode wurde besonders vom italienischen Medium Maria Rosa Donati-Evstigneeff angewandt.

Lit.: Shepard, Leslie (Hg.): Encyclopedia of Occultism & Parapsychology. 1. Bd. Detroit, Michigan: Gale Research Company; Book Tower, 21984.

 

Bisher in gedruckter Form erschienen:
Resch, Andreas: Lexikon der Paranormologie. Band 1: A – Azurit-Malachit. Innsbruck: Resch, 2007 (LPN; 1), XII, 580 S., ISBN 978-3-85382-081-0
Resch, Andreas: Lexikon der Paranormologie. Band 2: B – Byzanz. Innsbruck: Resch, 2011 (LPN; 2), XII, 509 S., ISBN 978-3-85382-090-2
Resch, Andreas: Lexikon der Paranormologie. Band 3: C – Czudo morskoe. Innsbruck: Resch, 2017 (LPN; 3), VII, 322 S., ISBN 978-3-85382-102-2

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