Resch, Andreas: Heilung einer Psychose


DER FALL JOLANDA

Vor Jahren wurde ich zu einer Familie gerufen, um deren kranker Tochter beizustehen. Jolanda (Name geändert) war gerade aus einer psychiatrischen Anstalt entlassen worden, wo man die Diagnose Hebephrenie gestellt und sie entsprechend behandelt hatte.

HEBEPHRENIE

 Die Hebephrenie (griech. hebe, Jugend; phren, Zwerchfell, Sitz der Seele) ist eine Unterform der Schizophrenie, bei der die Veränderungen im affektiven Bereich im Vordergrund stehen. Sie wurde früher auch als Jugendirresein bezeichnet. Das Krankheitsbild ist gekennzeichnet durch eine flache, teilweise resonanzlose, depressive Stimmungslage ohne emotionale Wärme. Im Vordergrund stehen Wahnvorstellungen und Halluzinationen, die bruchstückhaft auftreten. Das Verhalten ist nicht vorhersehbar. Der Kranke neigt dazu, sich zu isolieren. Freundschaften sind wegen des unsteten Verhaltens meist rar. Selbst der Kontakt mit den Familienangehörigen ist eingeschränkt bis abgebrochen. Dies kann ein Selbstschutz sein, um möglichen Stress zu vermeiden.

Hebephrene verfügen jedoch oft über ein reges Innenleben, das nicht nach außen getragen werden kann. Krankheitseinsicht ist meist nicht vorhanden. Es gibt aber auch Patienten, denen die Ursache ihres andersartigen Verhaltens bewusst ist und die daher aus Verzweiflung oft zur Einnahme von Alkohol und Drogen oder zum Suizid neigen. Die Intelligenz bleibt auf gewissen Gebieten erhalten und zeigt nicht selten sogar außergewöhnliche Fähigkeiten. Der Beginn der Erkrankung liegt zwischen dem 15. und 25. Lebensjahr und setzt zumeist schleichend ein.

Wegen der schnellen Entwicklung der Minussymptomatik ist die Prognose in der Mehrzahl der Fälle schlecht. In Stresssituationen können nach Besserungen Schübe auftreten. Nach jedem Schub besteht die Gefahr einer irreversiblen Verstärkung der Minussymptomatik (Persönlichkeitsverlust). Neuroleptika können Schübe unter Umständen lindern, die Krankheit aber nicht heilen.

Die Hebephrenie ist, wie alle Erkrankungen des schizophrenen Formenkreises, eine schwere psychische Erkrankung, eine sogenannte „endogene Psychose“, was besagt, dass eine hirnorganische Ursache vermutet, aber nicht bewiesen werden kann und daher heute auch sehr umstritten ist. Wenn wir diese Beschreibung der Hebephrenie auf unseren Fall anwenden, dann stimmt die Diagnose, wobei folgende Merkmale hervorstechen:

  •  Auftreten der Krankheit nach dem 15. Lebensjahr in schleichender Form;
  •  sporadische Liebesbeziehungen, Alkohol und Drogen;
  •  Isolierung bis zur Unansprechbarkeit;
  •  Erhalt eines reichen Innenlebens, verbunden mit der Entfaltung außerge-
    wöhnlicher Fähigkeiten, insbesondere im Schreiben, Zeichnen, Malen usw.

 ERSTE  BEGEGNUNG

Bei meinem genannten Besuch bei der Familie fand ich Jolanda vor, wie sie regungslos in einer Ecke der Stube kauerte. Die Mutter erzählte mir, dass sie soeben aus der psychiatrischen Anstalt zurückgekehrt sei, Drogen und Alkohol reduziert habe, aber nach wie vor jeden Kontakt ablehne. Sie sitze bloß da und schweige. Sie leide an einer Hebephrenie, einer schwer heilbaren Krankheit, so wurde gesagt, also an einer Psychose, einer affektiven Isolation. Es wurde mir aber auch mitgeteilt, dass sie durch verschiedene Freundschaften, die immer nur von kurzer Dauer waren, weil man lediglich Befriedigung, nicht aber Liebe suchte, auf die sie hoffte, vollkommen enttäuscht war. Darüber verbittert  flüchte sie in die Drogenszene), um sich selbst und alles zu vergessen. Dabei verlor sie schließlich jeden Realitätsbezug, sodass man sie in eine Anstalt einlieferte. Ihr inneres Empfinden drückte sie nur mehr in Zeichnungen und Gemälden aus, die für sich sprechen.

Diese Lebensgeschichte passte voll und ganz zum Bild einer Hebephrenie, also einer Psychose, für die ich mich nicht zuständig fühlte. Die große Betroffenheit der Mutter konnte ich jedoch nicht so ohne Weiteres übergehen, ohne nicht auch noch die letzte Möglichkeit auszuschöpfen. So setzte ich mich neben Jolanda auf den Boden. Sollte sie auf mich reagieren, dachte ich, kann man eine Therapie in Aussicht stellen. Nach einigen netten Begrüßungsworten und dem Versuch einer Gefühlskontaktnahme hob Jolanda den Kopf und schaute mich freundlich an, ohne jedoch ein Wort zu sprechen. Für mich reichte dies zunächst aus, um der Mutter meine Hilfe anzubieten.

Erstaunlicherweise war Jolanda dann sogar bereit, den weiten Weg in meine Praxis auf sich zu nehmen.

THERAPIE

As Jolanda zum ersten Mal in meiner Praxis auftauchte, versuchte ich zunächst, mit ihr ins Gespräch zu kommen, doch vergeblich. Sie schwieg. Ich redete auf sie ein, beobachtete dabei ihre Reaktionen auf einzelne Worte und versuchte die positiven Reaktionen zu verstärken. Am Schluss der Sitzung, die 45 Minuten dauerte, empfanden wird beide eine positive Atmosphäre.           

Da ich Jolanda trotz allem nicht zum Sprechen brachte, ersuchte ich sie, ihre Empfindungen niederzuschreiben und zeichnerisch darzustellen, um eine entsprechende Gesprächsgrundlage zum Einstieg in ihren Innenraum zu haben, was vor alllem über ihre bildhaften Darstellungen erfolgen sollte, wie der Beitrag „Heilung einer Psychose in Bildern“ veranschalicht.

Die Therapie einer Psychose, einer Schizophrenie und speziell einer Hebephrenie hat vornehmlich über die Gefühlswelt zu erfolgen, und zwar auch über die des Therapeuten. Ich versuchte daher meine Gefühlswelt voll auf Jolanda abzustimmen, indem ich den Gesichtsausdruck, die Verhaltensformen und die damit verbundene Gefühlssprache Jolandas beobachtend und fühlend aufgriff und meinerseits beantwortete. Auf diese Weise konnte ein Gesprächsklima aufgebaut werden, in dem auch das wortfreie Verständnis zum Tragen kam. Bei der Psychose muss der Therapeut die Sprache des Patienten sprechen, indem er fühlend in dessen Innenraum einsteigt, ohne eingefangen zu werden. Um hier bei der Verschwiegenheit Jolandas einen entsprechenden Ersatz zu haben, bediente ich mich zunächst ihrer Schreib- und Malfreudigkeit, und das mit großer Resonanz. Schon gleich beim zweiten Besuch legte sie mir ein Heft vor und zeigte auf die beschriebenen Seiten, ohne jedoch ein Wort zu sprechen.

So las ich Johanna ihre Texte selbst vor und beobachtete sie dabei genau in ihrem Gesichtsausdruck und ihrem Verhalten. Das gab mir zudem die Möglichkeit, mich ganz in ihre Texte und Reaktionen beim Vorlesen einzufühlen und so ein lebendiges Zwiegespräch zu führen, ohne dass Jolanda auch nur einen einzigen Laut von sich gab. Sie hatte ja alles niedergeschrieben, um nicht in ein Gespräch verwickelt zu werden und dadurch die Sicherheit nach außen zu verlieren. Mit dem Vorlesen ihrer Texte stieg ich gleichsam selbst in ihren Innenraum ein, womit sie sich nicht nur in Sicherheit fühlte, sondern ihre innere Dynamik sogar voll entfalten konnte, zumal sie mich in ihrer eigenen Rolle erlebte.
Die von ihr niedergeschriebenen Empfindungen sind sprachlich und inhaltlich so originell und ausdrucksvoll, dass sie für sich selbst sprechen.

Die Texte hat Jolanda zu Hause geschrieben, und zwar mit einem Kugelschreiber, insgesamt bei 1200 Seiten, ergänzt durch Zeichnungen und Gemälde, von denen aus Platzgründen nur einige den Therapieverlauf illustrierende  Bilder angeführt werden können.

Beim Umsetzen der Originalschriften in Schreibschrift wurden die Texte nur bei Unlesbarkeit und Flüchtigkeitsfehlern sinngemäß purgiert, ohne in den Duktus einzugreifen und Ausdrucksform und Inhalt zu verändern. Es versteht sich von selbst, dass beim genannten Umfang in der Wiedergabe eine Auswahl getroffen werden muss, die jedoch den Heilungsprozess voll zum Ausdruck bringt. Dies ist zudem nur deshalb möglich, weil Jolanda, intelligent, sprachlich und künstlerisch begabt, die Beschreibung ihres Innenraumes zum Erlebnis bringt.

 Jolanda: Ich kann niemals das sagen, was ich möchte, um mir selbst etwas Entscheidendes zu sagen. Ich möchte zu Dir, weil alles so sinn­los, ohne Gewicht ist. Wahrscheinlich liebe ich die Spannung, diese unerträgliche, eigenartige, die mich bis in die Nerven berühren will.

Ich wollte das Abnormale, weil ich mir davon Abwechslung versprach, aber nicht das, das ist Ausrede, Befriedigung erwartete ich. Schon den ganzen Tag über ist mein Zustand überspannt, so dass alles sehr seltsam wird. Es ist zumindest etwas in mir, das ist wohl das Einzige, was man bei mir lebendig nennen könnte, da ich wirklich nur Spiele will, Spiele wünsche, die endlich anders sind als alles Vorhergehende. Trotzdem behielt es eine Furcht vor Dir, weil ich das Normale nicht wiederholen will, weil ich mich darin noch nie verführen ließ, so dass es mich behaftet, so dass ich das immer wieder haben will, weil es mich total befriedigt hat.

Ich will keinen Rausch, der mich verkauft, ich will wissentlich unwissentlich sein, darin bleibt mir zumindest die grausame Reue erspart, der Preis für den Frevel, den ich an mir zu begehen gezwungen bin. Nun gebe ich Dir in allem Recht, so wie Du es mir erklärt hast, aber ich versuche diese Möglichkeit auch dann noch zu erhalten, wenn ich nicht mehr zu Dir gehe. So einfach alle Probleme zusammen eigentlich sind, es ist nur das Gefühl dabei schuld, das das Gewicht ausmacht, das mich in Trauer versetzt, indem ich mich bewege als wäre ich die Verlorenheit selbst, in der ich etwas müde anstarre, so als wäre ich fasziniert davon. Aber dieses Etwas verbirgt sich vor mir selbst; deshalb diese unmöglichen Zustände, diese unmögliche Person.

Weil ich sexuell unbefriedigt bleibe, versuche ich mit allen möglichen Mitteln zu beweisen, dass ich trotzdem Kraft habe, dass ich nur eine andere Qualität zu erreichen bemüht bin, sie zu offenkundigen, Dir, da Du daran trägst, dass Du wollen willst, ist eine Beleidigung, aber das auch nur, weil ich im Moment so empfinde. Ich möchte etwas verwirklichen, ich bemühe mich, ohne zu wissen, was das ist, was ich suche. Bald ist es vorbei, und es beginnt etwas, was sich Langweile, Unlust nennt. Positiv lebendig kann ich mich nicht beweisen, weil ich es nie bin. Manch­mal spiele ich mit diesem Versuch und es bleibt unbefriedigend, da ich darin Bescheid weiß, worin es bestellt ist, dass sich die Traurigkeit, die ihre Lächerlichkeit nur noch stärker zeigen muss, kundtut. Ich habe das Gefühl, dass ich diesen Irrsinn nur Deinetwegen auf­ziehe, um Dir etwas zu erklären, um Dich aufmerksam zu machen, um Dir zu beweisen, nur Deinetwegen bin ich positiv, wenn ich es bin. Und darin beweise ich eine Wahrheit, etwas, was Du sicher verstehst, was ich verstehen muss. – Ich bin zur Ordnung zurück­gekehrt, einigermaßen, aber ich kämpfe auf diese Weise gegen Dich, d.h. ich bleibe zu Hause, ohne jemals etwas von mir hören zu lassen, denn Dein Leichtsinn, mit dem Du es Dir leisten kannst, mich zu verspielen, lässt in mir Zweifel aufkommen. Ja ich bin bereit, alles anzunehmen, das Grausamste gegen Dich. Wenn ich auch auf diese Weise nicht erreiche, etwas Ausschlaggebendes von Dir zu wissen, versuche ich als Beweis, dass ich darin verloren habe, eine Person zu ergründen = eine Person zu zerschneiden. Ich habe, obwohl Du davon als Arbeit nichts haltest, das zuge­lassen, aus einer angenommenen errungenen Idee heraus, und ich meine damit etwas gegeben zu haben, so etwas wie die Ehre, mich direkt zu berühren, wo alleine mein ganzes Interesse hingebracht wurde. Ich werde Dich nicht mehr missverstehen, ohne das könntest Du mir höchstens noch sagen, wie langweilig unser Verhältnis ge­worden ist, dass es darin überhaupt nichts gibt. Aber darauf wollte ich mich eigentlich nicht spezialisieren. Du magst meine Tatsache grün, rot oder schwarz bemalen, auch anders; ich glaube nur das, was mich irgendwie überzeugt. Das Gestern war allzu stark für mich, und ich wäre eine brutale Sau gegen mich selbst, mich auch noch dazu zu identifizieren, mich diesem neuen Prozess zu unter­ziehen.

Kommentar: Die hier genannten Namen sind Bezugspersonen Jolandas, sodass mit dem „Du“ und „Dich“ nicht immer, wenngleich meistens, der Therapeut gemeint ist. Dieser wird hier jedenfalls als völlig neuer Hoffnungsträger auch in Frage gestellt. Die Arbeit des Therapeuten ist für Jolanda zunächst völlig undurchschaubar: Ist er der gesuchte Partner oder doch nur ein Psychologe, der sich für mein Denken und Verhalten interessiert, nicht aber für mich selbst, oder doch? Er war ja bei uns.

Jolanda: Ich wollte nie schwachsinnig sein, aber ich habe das Gefühl, dass ich angesichts Deiner Dir diesen Eindruck machen musste. Hättest Du nur andere Augen, die Deinen sind eigentlich durchtränkt von einer faszinierenden Kraft, die den ganzen Bann auf mich ausübt, Deine Kraft ist zu verblüffend, immer aufs Neue zu spielen, vor meinen Augen ist das so, Dinge zu sagen, die unter Umständen Deine eigene Seele belasten. Ich habe mich unter die Landstreicher begeben, ich bin Einsiedler geworden, denn der einzige Kontakt den jemand zu mir hat, der für mich ist, der mich denken lässt, dass ich noch lebendig bin, ist das gesagte Wort aus Deinem Mund. Deshalb, nur deshalb kann all meine Haltung dermaßen sein, dass ich verblendet, verwundet, irrsinnig bin, dass ich, davon belastet, nur imstande bin, Irrsinn anzunehmen. Das wäre mir längst einge­fallen, jedoch kann ich nie eine Art finden, in der, mit der ich mich selbst und Deine Person zu erklären versuche, ohne mich selbst darin zu befinden.

Elend beeindruckt mich und flößt mir Respekt ein, deshalb stelle ich Elend den anderen zur Verfügung, da ich beeindrucken möchte. Dieser Wunsch ist sehr stark! Ich kann mich nicht weiter, tiefer, elender geben, und so empfinde ich es auch.

Irgendwann einmal war schon immer dieser starke Wunsch in mir, total am Boden zu liegen, stumm, mit leeren Augen. Ich liebe die Posse, dieser Zug ist sehr ausgeprägt, sobald ich Lust darin empfinde, glaube ich, mich darin total offenbaren zu können. Allerdings ist dazu mein Fett im Widerspruch.

Ich liebe den Rand, die Umrahmung; die Fläche zu bemalen würde stören. Einmal malte ich genau das, aber es mutete nach Kitsch an, obwohl es sehr lieb und verspielt aussah. Ich glaube an einen Grund für alles, hauptsächlich an einen für das, was ich vor­erst als negativ bezeichnen müsste. Noch will ich nicht meine ganze Herrlichkeit verwirklichen, aber ich baute nur an diesen Möglichkeiten; sobald Du mir etwas erklärst, das dem wider­spricht, denke ich, dass Du mein Geheimnis nicht erfasst hast, dass Du unermesslich fern bist, um mich zu begreifen. Du kannst meine Psyche ziemlich kennen, aber das Wichtigste, wohin es geht, bleibt Dir versteckt. Ich bin ein Fetzen, um genau das Gegenteil zu werden, was mich bei anderen argwöhnisch macht. Vielleicht mutet meine Art nach Exhibitionismus an, aber weil ich nur für mich selbst Gültigkeit habe, habe ich es folglich nur deshalb vor anderen anscheinend provoziert, um es mir eigentlich selbst zu beweisen.

Ich möchte Dich überhaupt nicht einschätzen, weil es mir an einem genauen Maß hierfür mangelt. Sobald ich das tue, diesem Betrug verfalle, wird es extrem. Entweder Du wirst zu viel oder zu wenig für mich, um Gleichgültigkeit in dem zu haben, was Du mir sagst, so dass ich es rücksichtslos, kritiklos annehme. Kritik kann ich mir keine erlauben, um etwas Unangenehmes auszu­stellen, das spottet, das demütigt mich. Ich vermute Hemmungen in mir, alles zu sagen, da ich wünsche, mehr zu sagen. Manchmal glaube ich, es nicht zu dürfen, weil es Dich beleidigen könnte. Du irritierst mich, hältst mich fest, d.h., ich baue Schranken aus einer ungeschickten Ansicht heraus, weil ich mich dafür be­straft fühle, sobald ich etwas Derartiges geäußert habe. Ich bin abnormal ausgerüstet, deshalb kann ich mich mit der Nor­malität nicht konfrontieren. Es erscheint mir wie eine Sache, die zum Lachen reizt, aber traurig ist. Weil ich darin unbe­schreiblich bin, fragt es in mir, wie weit ich mich verraten, misshandeln will, um nur zu beweisen, wie sehr ich gegen die Normalität protestiere. Ich möchte nur sagen, zeigen, dass ich nicht geschlagen werden darf, weil ich nicht gewillt bin, mich zu verteidigen. Wenn das dermaßen ausgeprägt ist, hat es doch einen Sinn, den ich nicht begreife, aber mir vorstelle, ihn später zu begreifen. Das ist zweifellos! Warum schreibe ich dem so viel Bedeutung zu und stelle meine ganze Kraft zur Verfügung?

Hey, Gin – so irrsinnig leicht frage ich heute, ich leeres Bild, so groß meine Kraft in mir ist, auch wenn es verdreht sein sollte. Bitte, ich bin krank, bitte – bitte – bitte – ich möchte mit meinen ganzen Verrücktheiten für Dich sein. Ich brauche ein schmerzloses Glück. Es ist sonst so schwer, es ist so schwer,  ich bin betrunken, aber darin bin ich nicht mehr alleine, zumindest ist der Wunsch in mir, mit Dir zu sein. Allerdings ekle ich Dich an. Ich kann nicht mehr zu Dir, obwohl ich heute abends es versucht habe; ich drehte um vor Deiner Haustüre. Ich will nie mehr schlafen gehen, ich möchte alles steigern bis an den Rand, bis alles zusammenbricht, ins Nichts fällt, worin ich mich nicht mehr ertragen muss. Oh, bitte, bitte, bitte, bitte, bitte, Du bist alles für mich, mehr als ich davon weiß. Oh, verzeih, dass ich im Allgemeinen zu betrügen gezwungen bin. Ich schlafe heute auf dem Dachboden und der Alkohol macht es beinahe phantastisch, aber es ist nichts ohne Dich. Ich möchte Dich einen Moment sehen, ich liebe Dich, wenn ich betrunken bin.

Ich liebe Dich trotz meiner Hässlichkeit, ich habe mich an Dich verloren, Dein langes Haar war phantastisch, es war so irrsinnig wie ich selbst, nur ist mein Haar hässlich. Ich bin den starken Schwankungen unterworfen, ohne mehr davon zu verstehen. Damals, als Du mir von dem verstorbenen Mädchen erzähltest, hatte ich einen unerträglichen Schmerz in mir, ich konnte es Dir aber nicht zeigen. Überhaupt glaube ich, dass Du mich nur aufziehst, dass Du irrsinnig spielst, dass Du mich eigentlich loshaben möchtest, dass Du mich fängst, einfängst, vielleicht, weil ich es will, um mit Dir ins Bett zu kommen. Wenn es so ist, dann bin ich besser mit mir selbst. Du demütigst mich, Du verletzt mich mehr als Du davon ahnst. Gute Nacht, ich werde gut schlafen.

Ich habe kein Zuhause, manchmal fühle ich diesen Wunsch, ge­rade hier am Dachboden, dann bitte ich, er möge mich schützen, mich nicht alleine zu fühlen; um den ganzen Schmerz vor mir selbst zu zerstreuen, habe ich den Schnuller, so dass ich mir sagen kann, dass sie nicht größer sein können wie die eines Kindes, manchmal schreie ich mit der Musik, aber ich nehme schon tagelang ununterbrochen Tabletten. Wenn ich sie nicht habe, dann verzweifle ich. Ich habe Angst.

Ich habe nichts gegen körperliche Liebe, aber meine Krankheit warnt mich, denn je lustloser alles verläuft, umso größer wird die Reue nachher. Ich träume trotzdem von etwas, was ich nie erlebt habe, was es für mich noch nie gab: eine wirkliche Liebe, die ganz andersartig ist als die, die ich bis heute praktiziert habe. Dabei stelle ich mir vor, dass jede Begegnung so sein müsste, als hätten wir uns gerade entdeckt, obwohl wir uns kennen, was es gerade ausmacht. Vielleicht gibt es das nie. Ich möchte einen Mann, der weint, der mich so sieht wie sich selbst, und umgekehrt sollte ihn dasselbe beglücken. Bitte, keinen Mann, er soll genauso sein wie ich selbst, nur dann ist er ein Wesen, das ich zu mir zählen darf, bewerte wie mich. Bis dahin ist niemand bei mir gekommen, es ist wohl alles, was in mir ist, daraus kann ich entstehen, daraus will ich werden, dieses kann ich geben, sobald es mir jemand zu geben imstande ist. J., ich liebe Dich, ich glaube, dass ich nicht kann, weil ich ziemlich zerfetzt bin. In der Not liebt man auch das Hässliche, das Ekelhafte, das Verkehrte­ste; was ich tue, ist nichts anderes als mich mit solchen Instru­menten zu zerstören. Wie glücklich, endlich eine neue Seite, auch wenn es Betrug ist! Ich glaube, dass sie dann den Mund nicht mehr öffnen kann, um den Würmern vorzuwerfen, warum sie ihren Körper zerfressen; aber dass es nicht schon zu Lebzeiten vorkommt, stumm zu werden, ist Beweis der Geschmacklosigkeit, der Borniertheit.

Kommentar: Jolanda hat sich durch den Klinikaufenthalt mit Elektroschocks vom Gruppensex und den Drogenpartys gelöst, nicht aber von Drogen, Sex, Alkohol und Partnerschaften, wie die Aussagen verdeutlichen. Dabei sucht sie nicht so sehr Sex als vielmehr Liebe, einen Menschen, der sie versteht und bei dem sie bleiben kann.

Auf der anderen Seite nimmt die Übertragung zum Therapeuten immer mehr Platz ein, was eine neue Komponente ihres Innenraumes darstellt. Die persönlichen Wünsche und Probleme werden zunehmend in einer breiteren Form diskutiert, in der auch der Therapeut angesprochen wird.

Jolanda: Ich bin müde! Ich dachte für einen Augenblick, dass zwischen uns eine Verwechslung stattfindet, dass meine realen Träume Anderes bedeuten als Du es mir zu erklären versuchst. Es ist nichts als eine Kritik in manchen Fällen.

Ich liebe J. mehr, wirklicher, glücklicher; ich werde zu ihm gehen, sobald es möglich ist. Aber zuvor muss ich Dich erkennen – zwar werde ich die ganze Geschichte noch einmal ablaufen lassen – aber ich werde dafür keine Leitungen abschalten aus Barmherzigkeits­gründen, aus Zwang, denn so stellt es sich mir. Ich will schonungs­los offen werden, so dass es nur für mich selbst Gültigkeit hat, dass ich Dir dann etwas sagen werde, so dass Du nicht mehr um mich be­sorgt sein musst, denn der ganze Irrsinn ist höchstens ein Protest gegen Dich. Das Warum herauszufinden, wäre längst meine Aufgabe. Dein Urteil, Deine Erklärung haben mich in drei Teile geteilt: das Ich ist der Diplomat, präsentiert sich als Richter. Doch man sollte ihm die Kleider vom Körper reißen, ihm gebührt nichts anderes als überhört zu werden. Er ist der einzige Betrüger, der rücksichtslos belästigt, schmeichelt, weint, am Boden liegt, damit ich es ausführe. Diese Vermittlung ist faul, verachtungswürdig, brutal, grausam, aber da er sich unscheinbar schwächlich zeigt, gewährt man alles, was er wünscht. Und weil es nur ein Angestellter ist, hat man höchstens Mitleid mit ihm und würde man ihn niemals schlachten.

Aber diese Betrügereien, die er organisiert, werde ich unterbinden, wenn das auch nicht ganz ohne Täuschung abgeht.

Ich bin nichts – weder nichts noch etwas. Ich suche dauernd etwas, aber ohne zu wissen, was dieses Ich darstellt, folglich kann es nichts anderes sein als ich, das ich vorerst einmal ausfindig mache. Das war wohl mein Suchen, mein unbewusstes Herumirren. Ich habe dauernd Angst, dass sich der Zustand verschlechtert. Zwar ist es positiv für mich, zu kritisieren, dann, wenn ich mich dahin gebracht sehe, aber die Fehler darin, obwohl es Fehler sind, können mich trotzdem nicht weiterbringen.

Da ich mir nie ein anderes Leben geleistet habe, in das ich hätte flüchten können und gesellschaftlich davonschwirren; es hat mich enttäuscht. Folglich wollte ich das, was ich tat, es ist darin alle Möglichkeit äußerst beschränkt, deshalb fühle ich in manchen Momenten ein heißes Eisen unter mir, ein Kreisen bis zum Schwindel, von da aus ich mich irgendwo anders befinden möchte. Musik macht mich so frei, es treten mir aber höchstens Tränen in die Augen oder ich kralle die Nägel so fest, bis es schmerzt. Das ist alles. Und als wäre es nichts, lache ich einem anderen ins Gesicht. Es ist traurig, mich keinem Menschen mit­teilen zu können, so dass ich mich erleichtert, verstanden fühlen könnte. Und wenn der Schmerz zerreißt, etwas bleibt, ein blinder Wunsch, wie alles nur sein kann, der diese Kraft jedes Mal um etwas steigert, so dass irgendeinmal etwas Entscheidendes deshalb ge­schehen muss.

Ich möchte Winter, Kälte, keine Menschen weit und breit. Ich möchte etwas sein, zum Teil etwas von mir, etwas, das geben und nehmen kann, dann möchten wir zusammen hier unter dem Dachboden malen, jeder Wunsch sollte göttlich erfüllt werden können, es sollte keinen störenden Abstand zwischen uns geben. Wir sollten uns gegenseitig das geben können, das Höchste, was wir uns gegen­seitig auf Bildern beweisen können. Alle Werte sollten darin zu erkennen sein, weswegen man den anderen von Neuem überraschen, nie langweilen könnte. Es sollte groß, so unerklärlich sein, nicht so, wie meine banalen Worte.

Du bist für mich der größte Poet, Maler, Du bist für mich die Liebe. Wie groß die Deine ist, etwas zu begreifen, weil ich glaube, durch mein Geheimnis die Deine zu begreifen. Was kann perfekter, größer, überschwänglicher sein als das?

Man liebt Menschen verschiedenartig, nach ihren Qualitäten. Es besteht eine Gemeinsamkeit, etwas, das man von einem anderen für sich gebrauchen kann. Demzufolge liebt man entweder, um zu profi­tieren oder der Befriedigung wegen, die einem jemand verschaffen kann, derselbe Leidensgefährte zu sein, ohne zu täuschen, wie ich es selbst tue; das beeinträchtigt mich wohl am meisten, das ist das Unaussprechliche.

Ich spreche nicht vom Verständnis, das sie für mich aufbringen müssen, um mich irgendwie zu verstehen. Es ist ein Zeichen der Unwissenheit, des Leichtsinns, der in ihnen steckt, und das stempelt sie unwillkürlich so, dass sie völlig ohne Sinn und Wert dastehen. Ich fordere Anerkennung und wahrscheinlich etwas, was ein Normaler niemals bieten kann. Das irritiert mich und ich bleibe deshalb mir selbst unverständlich. Es ist immer ein Expe­riment für etwas, ich habe deren schon genug gemacht, so dass ich mich bitte, endlich in dieser Angelegenheit nicht pervers auszu­fallen, aufs Mindeste einzuschränken, denn ich habe das Gefühl, dass ich mich durch ihr abfälliges Urteil nur noch höher steigern lasse.

Ich bin ohnmächtig ausgeliefert, so wie ich jetzt alles empfinde, nachdem ich weiß, dass ich nicht mehr zu Dir gehen darf.

Es ist alles Lüge, so wie ich empfinde; ich stelle mir vor, dass wir uns nie wiedersehen werden. Ich frage mich nur, wie werde ich das überwinden? Du lebst in mir, quälst mich, aber Du bist tot, weil ich Dich nicht mehr besitzen kann, mich nicht mehr belügen kann, Dich nicht mehr belügen kann. Ist es die Krankheit, mit der ich mich entschuldigen kann? Dann ist jedes Mal etwas, was ich er­sticken sollte. Es sollte mich etwas lehren, das ich noch nie ge­dacht habe, was ist die Wirklichkeit von dem, was mich verfolgt? Es ist gewiss mir sehr ähnlich, obwohl ich Dich als Mittel zu dieser Quälerei gebrauche.

Ich muss anders werden, sofort. Ich verstehe nur alles nicht, denn in diesem Falle werde ich zur Reaktion gezwungen. Ich bin komplex, so dass ich mich selbst nicht verstehe. Was ich für Dich empfinde, ist eine mir geheim gehaltene Mischung.

Du hast mir alles, mich mir selbst irgendwie gegeben, nun hast Du das von mir fortgenommen. Ich bitte Dich nur um eine Traurig­keit, in der ich liebe, sonst ist es allzu grausam. Ich will mit mir alleine bleiben und damit etwas beginnen. Was hast Du mir zurückgelassen? Bitte, ich will nicht Dir die Schuld geben, viel­leicht wolltest Du es so, weil Du mich sonst nie losgeworden wärst. Der Trost, dass wir uns nachher wiedersehen, ist nur ein Trost, den Du mir gegeben hast, damit es mich nicht allzu grausam treffen sollte.

DIE GESPRÄCHSPHASE

 Kommentar: Nachdem für Jolanda der von der Anstalt gewährte Aufenthalt in der Familie zu Ende ging, wurde ihre Rückkehr in die Heilanstalt festgelegt. Jolanda wollte dies unter allen Umständen verhindern und berief sich dabei auf die begonnene Psychotherapie. Dieser Einwand wurde völlig überhört, zumal eine Psychotherapie bei Psychosen noch völlig unbekannt war. Da Jolanda insistierte, wurde ihr die Weiterführung der Psychotherapie bei mir einfach verboten – dies wohl auch deshalb, weil sie nach außen weiterhin nicht ansprechbar war. 

 Das sollte sich jedoch unverhofft ändern. Das Gespräch mit Jolanda hatte bereits einen solchen Grad erreicht, dass der Sprung nach außen unmittelbar bevorstand, zumal ich mich selbst so weit in ihren Innenraum abgeseilt hatte, dass ich den Zug in das Außen einleiten konnte. Dieses Abseilen schlug sich dann nachts in einem Traum nieder, in dem ich durch den Hals einer Flasche mit dem Kopf voraus in den Innenraum derselben einsteigen sollte. Dabei hatte ich allerdings das Empfinden, dass ich nach dem Einstieg unter Umständen nicht mehr aussteigen könne. Ich zog daher den Kopf aus dem Flaschenhals und flüchtete in den Wachzustand, um nicht selbst in einer Psychose zu landen wie Jolanda. Es war nämlich bereits der Tag angebrochen, an dem Jolanda vorgemerkt war und ich vorhatte, sie von innen nach außen zu führen.

 Jolanda kam, wie üblich, zur gegebenen Zeit in meine Praxis und setzte sich nach der Begrüßung, wie schon öfters, auf den Boden hinter dem Schreibtisch, um mich nicht direkt sehen zu müssen. Nach einigen Aufmunterungen, doch auch selbst zu sprechen, richtete sie sich auf und schrie mich an: „Lass mich drinnen, ich will nicht hinausgehen!“ 

Ich war offen gesprochen etwas perplex. Zum einen kam die Aussage Jolandas in dieser Form doch völlig unverhofft, zum andern musste ich mir die Frage stellen, ob es Jolanda „drinnen“ nicht vielleicht besser ginge, als sich „draußen“ ein Leben lang in den Wirren der Welt herumzuschlagen. Es entstand eine beklemmende Stille. Schließlich sagte ich mir. Was soll die Therapie, wenn du sie nicht herausholst? So sagte ich schließlich in einem sehr wohlwollenden Ton: Johanna, ich muss Dich herausholen, sonst hat unser Gespräch keinen Sinn. Ich trage die Verantwortung. Ich stehe an Deiner Seite, auch wenn Du in nächster Zeit nicht mehr kommen kannst, bin ich bei Dir, auch in Pergine. Ohne Ausstieg wird die Heilanstalt Dein Zuhause bleiben. Setze auch in Pergine Deine Beschreibung der inneren Empfindungen und Gedanken fort, um die Verbindung mit mir aufrechtzuerhalten. Du weißt, dass ich Dich zu einer selbständigen und selbstbewussten Frau führen möchte. Den Weg musst Du selber finden. Ich gebe keine Anweisungen, sondern begleite nur deine Selbstfindung in Richtung der inneren Ausgeglichenheit und der äußeren freien Gestaltung. Daher bleibt meine Verbindung und Zuneigung zu Dir ungebrochen, bis Du wieder kommen kannst. Jolanda nickte und übernahm nun selbst die Rolle des Sprechens.

Jolanda: Ich möchte endlich Schluss mit diesen Brutali­täten machen. Vielleicht weine ich jetzt, bis Du mir schreibst. Ich weiß nicht, worum es geht, warum ich dermaßen von Dir abhängig bin. Mit J. war ich traurig, so war er auch mit mir. Er war gut, er ist es, aber ich habe ihn vergessen. Ich glaube nicht, dass ich seine Spuren in mir verwischen kann: ich will nicht Deinen Körper geliebt haben, ich möchte, dass alles zu einer abstrakten Idee wird, die mir Kraft gibt auf eine andere abstrakte Art, denn sonst kann ich nicht mehr malen, weil ich alles grausam empfinde. Du bist tot, und alles andere ist nur eine Last, alles, jede Person.

Ich bin müde, warum darf ich nicht mehr wissen? Als kleines Kind liebte ich es immer, bemitleidet zu werden. Ich tat anderen Kindern weh und tröstete sie nachher. Das gab mir etwas, was sehr bedeutend sein musste, da ich es heute noch sehr in Erinnerung habe.

Ich habe Angst ohne Pillen, ohne Alkohol zu sein, ein Zustand, der sich bei anderen niemals so verheerend auswirken könnte. Ich nehme alles, um zu glauben, darin zu zerbrechen. Ich dachte, nichts mehr zu essen, aber das sollte nur beweisen, dass ich Dich geliebt habe. Warum möchte ich es Dir sagen, obwohl ich nicht weiß, ob Dich dies viel­leicht nur stört, gestört hat. Ich möchte es nie sagen, um Dich zu hindern, um Dich zu belästigen. Ich kann nichts Schöneres geben – schön ist ein Gedanke, der eigentlich keinen eigentlichen Inhalt hat. Jede Wirklichkeit ist grausam! So, wie Du gingst, grausam sind die Tränen, denn wer weiß, warum sie fallen? Ich will etwas geben, nehmen, was kein anderer geben kann, darin fällt der Körper fort. Ich brauche die Liebe in dieser Form, die noch sehr unaus­geprägt ist. Sie zu finden, darum quäle ich mich. Es ist eine Not­wendigkeit, eine Qual, aber ich glaube, dass nur sie mich befrie­digen kann.
Warum sagtest Du mir nicht einmal, dass Du mich liebst?

Resch: Was denkst du?

Kommentar: Der Therapeut hat sich jeder Antwort zu enthalten. Seine Aufgabe besteht allein in der Förderung der Selbstfindung des Patienten. Selbst Liebeserklärungen und partnerschaftliche Anträge sind wohlwollend nur als Frage zu beantworten. Ein Eingehen auf solche Angebote würde den Therapeuten zum Patienten machen und somit die Therapie beenden. Auch Beschimpfungen sind als Psychodynamik zu werten und als solche in den Selbstfindungsprozess des Patienten einzufügen.   

Jolanda: Ich bin ein wildes Tier, das ist meine Wahrheit. Das hast Du aus mir herausgeholt, und ich empfinde mich nur so. Das verbietet mir alles. Ich will darüber nachdenken, es ist etwas in Unordnung geraten, ich darf nicht wissen, nicht fühlen, wie ich bin.

Ich lebte immer in einer Spannung, aber jetzt habe ich ein er­trägliches Gleichgewicht verloren. Von Minute zu Minute wechselt es, es weint, es brüllt, es krächzt, es irrt wie wahnsinnig. Für was soll das gut sein? Warum hast Du mich nicht in Ruhe gelassen? Du wirst doch nicht so idiotisch sein, alles auf Deine Rechnung zu setzen, egal was passiert, dass ich unzurechnungsfähig sein könnte.

Oder hat es Dich zu weit getrieben durch meine Undurchschaubar­keit, vielleicht fühlst Du Dich von mir an der Nase herumgezogen, weil Du trotz Deines ganzen Wissens nicht klug daraus werden konntest. Vielleicht hat Dir das ein negatives Gefühl gegeben, das Dir gesagt hat, dass ich irgendwie stärker bin als Du, und vielleicht war es für mich immer wichtig, unerklärbar zu sein. Vielleicht tat ich das für Dich, für mich, um Dich nicht zu ver­lieren, denn ich stellte mir vor, dass man eine Person wie mich laufen lässt, nachdem man das Komische, Abnormale an ihr zu defi­nieren imstande war.

Du hast mich aus meiner Abgeschlossenheit herausgerissen, hast mich herumgewirbelt, was nicht Deine Schuld ist, da ich auch ge­sünder hätte reagieren können, aber manchmal konnte ich nicht anders, und Du hast mich eben so akzeptiert, hast mich fühlen lassen, wie weit ich von einer normalen Haltung entfernt bin. Das hat mir wehgetan, mich gedrängt, eigene Werte zu verwirklichen.

Dich kenne ich am kürzesten von allen Personen, die ich in meinem Leben kennengelernt habe, und doch kenne ich Dich, ich glaube, Dich zu kennen, und sonst überhaupt keinen Menschen. Und das, was ich mir von Dir vorstelle, ist, dass ich denke, wir beide haben eine ähnliche Seele. Du sprichst direkt zu ihr, Du berührst mich, was Du auch sagst, ich will alle Hunde nennen. Ich tat das noch nie, ich habe sie noch nie so klar definiert, obwohl ich mich nie von ihnen direkt berühren ließ, so dass sie mich getötet hätten, obwohl sie mich jedes Mal getötet haben. Denn ich habe jede Waffe gegen sie verschmäht, sie sind es nicht wert, lieber ließ ich mich auf offener Straße beleidigen, so brutal und grausam.

Resch: Grausam?

Jolanda: Ich spürte eine unermessliche Qual, die mir sogar das Weinen verboten hat. Es ist wie ein stummer, irrsinniger Schrei, in dem ich mich selbst bat um irgendetwas. Ich wäre darin zum Mörder geworden, wenn ich nur gewusst hätte, dass ich mich selbst töten müsste, um festzu­stellen, dass alles in mir ist, dieser unheimliche Irrsinn, diese Kraft, die ich zu jeder Zeit zu halten versuche, nur um etwas zu vermeiden, von dem ich nichts weiß, das ich aber tun musste, um damit Schluss zu machen. Davor aber schrecke ich zurück und deshalb krieche ich und fresse Staub wie eine Schlange. Ein Mensch in dieser Kondition, gibt es noch größere Qualen? Ich lebe überhaupt nicht, ich fühle nur, und darin gibt es keinen Betrug. Auch Pillen und Alkohol sind etwas geworden, sie ver­spotten mich, deshalb nehme ich nur mehr Pillen. Im Alkoholrausch ­wird meine Hölle nur noch bewusster. Die Kraft ist die meine, deshalb ist es auch meine eigene Schuld, die Qualität. Jedoch werfe ich alles gegen meinen Freund, dann, wenn ich es nicht mehr tragen kann, denn er ist an der Qualität schuld, teil­weise. Deshalb empfinde ich eine grausame Demütigung, ihm auch nur über mein Befinden Bericht zu erstatten. Ich frage nur, was war das, was er tun musste, um all diesen Irrsinn in dieser Weise hervorzurufen.

Resch: Und Du?

Jolanda: Die Liebe, so wie sich normale Menschen geistig mit dem Körper lieben, ist etwas, das meinen größten Feind dar­stellt, ich habe auch darin gespielt, mir selber vorgespielt, und mich jedes Mal von ihr zerstören lassen.

Mein Genuss ist der, dass ich für andere unverständlich bin. Aber nun interessieren mich die anderen nicht mehr, sie sind leere Gestalten geworden, deshalb habe ich das alles verloren, was mich verteidigen könnte, ich zu sein. Ich habe mich an Dich ver­raten für eine nie mehr enden wollende Qual, für das Entsetz­lichste. Weil ich aber so reagiere, solltest Du endlich damit aufhören. Da ich aber damit von Dir weg müsste, kannst Du mich nicht mehr alleine laufen lassen, falls ich dafür oder dagegen bin.

Ich liebe Dich, aber nicht in meiner Phantasie, und diese ist das, was ich für mich behalten habe, worin Du allem entsprichst, meiner eigenen Liebe, die ich Dir nicht schenken kann, ich unterliege Dir, weil ich dieser Form von Liebe alles schenke, was ich sonst niemals kann. Es ist nur ein Gedanke, eine Einheit der höchsten Eindrücke, die ich von Dir gewonnen habe, diese Erinnerung ist anwesend in mir, dann, wenn ich sie brauche.

Ich habe Angst. Was soll ich tun? Mich auf den Boden werfen und alle um Verzeihung bitten? Es kann mir niemand helfen, ich kann nichts tun, was mir diese Hölle erleichtern würde. Ich denke schon daran, dass ich jetzt zu leiden gezwungen bin für später, wenn Du fort bist, dass ich mit Dir etwas, vielleicht alles verloren habe. Aber ich möchte Dir das nicht sagen, denn ich weiß nicht, was Du von mir erwartest. Es hat nur Gültigkeit für mich, weil ich eigentlich den Grund habe, in diesem Maße zu reagieren. Es ist, wie alles bei mir, eine abnormale, über­triebene Haltung, die ich einzunehmen gezwungen bin, nur um etwas zu fühlen, und weil ich nur davon lebe, zu leiden, oder Lust verspüre.

Kommentar: Jolanda ist nach fast zwei Jahren Aufenthalt in der Heilanstalt wieder zur Therapie zurückgekehrt. Durch den nie unterbrochenen Kontakt und die Beschäftigung mit dem Therapeuten stellt sie die rein sexuelle Befriedigung und den Alkoholkonsum als einzige Form des Lustgewinns zusehends in Frage und strebt nach neuen Gefühlswerten.

Jolanda: Ja, etwas in mir hat sentimentale Musik nötig. Da es etwas ist, dem ich mich hingeben kann, hat es für mich einen unvergleichlichen Wert; es ist mehr, es ist das, was mir übrig bleibt, sobald alles leer ist, und darin werde ich immer etwas Unbeschreibliches finden. Es ist eine Sehnsucht, etwas aus der Vergangenheit, etwas Ähnliches einer Vision, die einer Traumwelt angehört, aber weil ich das noch nie gesehen habe, ist es unbeschreiblich.

Resch: Und Du selbst?

Jolanda: Ich will hässlich sein, damit ich nicht Frau oder Mann sein muss; das Modernste liegt dazwischen, aber nicht um modern zu sein, sondern nur irgendwie einen Zeitgenossen darzustellen. Aber, wie bin ich? Sag, wo führt mich das noch hin? Ich handle, ohne zu denken. So werde ich mir selbst nie erträglich sein. Aber warum muss ich das? Ich überfordere mich, verlange Unerklärliches. Letzten Endes wird es Sinn bekommen, wenigstens einen Grund haben, heute kann ich es noch nicht verstehen. Aber was?

Resch: Vielleicht morgen?

Jolanda: Ich habe Hoffnung, einmal auf meine Rechnung zu kommen, und selbst, wenn ich darin nur irre. Heute habe ich Phantasie, und ich stelle mir meine Art der Zufriedenheit auf meine Art vor. Die überzeugt mich, daraus nehme ich neue Kraft, weiter zu fehlen, was eine Notwendigkeit ist.

Ich betrachte die Sexualität von allen Seiten, aber ich werde nie nüchtern darüber abhandeln können. Etwas in mir hat mich bis heute getrieben, vielleicht kann ich es nicht erklären, was ich dabei erreicht habe, eine Art Wahnsinn ganz bestimmt. Diesen Betrug habe ich auf die raffinierteste Weise möglich gemacht und darin kenne ich keine Skrupel, keine Treue, denn ich erlebe mich bei jedem Mann, vorausgesetzt, dass er dazu tauglich ist, neu und vollständig anders.

Resch: Wenn er nicht tauglich ist?

Jolanda: Ich fühle nun eine Sicherheit, vielleicht, weil ich mich auf einem Bild, so gut es möglich war, darstellte, meine Seele. Ich erkenne etwas und das ist das Höchste, was ich von mir fordern kann auf diese Weise. Und wenn keiner etwas Besonderes dabei erkennt, es wird trotzdem Befriedigung sein, weil ich von mir selbst abhängig bin. Keiner kann mir dreinpfuschen. Alles, was sie, die andern, sagen können, geben können, ist ein Urteil, und das ist mir zu wenig. Ich selbst betrachte die Bilder und gehe darin, lebe darin. Dieser Applaus, den ich mir selbst gebe, ist und bleibt etwas, dabei bin ich unabhängig für Sekunden, für Tage, für ein ganzes Leben. Ich habe Zeit, auch eine Ewigkeit.

Mehr werde ich morgen fordern, aber heute ist Ruhe in mir und Befriedigung. Die Lust dabei ist unerhört. Sie ist wichtig, ich erinnere mich an früher, ich frage nichts mehr. Diese Ruhe, die ich mir zu geben imstande bin beim Malen, ist unbeschreiblich.

Plötzlich höre ich die Musik nur auf eine Weise, sodass ich mich vereint fühle mit allem, was gut zu mir ist.

Ich fühle alles, ich bin gesund, dann, wenn ich glücklich bin. Denn dann habe ich die Kraft und sehe Möglichkeiten, dann habe ich allen Glauben an mich selbst, dann habe ich alles und alle vergessen.

Heute ist es das erste Bild ohne Einfluss von Pillen und ich sehe, dass ich etwas verwirklicht habe . Das Wie ist nicht wichtig. Nun erinnere ich mich, dass ich seit dem Bild keine Einsamkeit fühle, und alles andere hat keine Kraft mehr. Ich denke, dass ich trotzdem Grund habe zum Glück, auch wenn es irrsinnig ist. Wer kann mir diesen Grund aberkennen?

Fast täglich zwischen 4 und 5 fühle ich einen Tiefgang. Den ganzen Vormittag bin ich im Kampf mit allen, manchmal so stark, dass ich Mattheit fühle, keine Kraft mehr habe. Aber irgendwie nehme ich alles wieder auf mich, so geht es weiter, bis alle zufrieden sind mit mir. Trotzdem weiß ich, dass sie noch mehr von mir möchten. So äußerlich spielen sie, sagen „zufrieden“, und das ärgert mich, denn das Gefühl ihrer Unzufriedenheit begleitet mich und ich schreie oft, dass ich meine, genug gegeben zu haben, aber wie kann ich sie endgültig stumm machen? Sie sind fast immer stärker als ich, so dass ich, wenn ich dann alleine in meinem Zimmer bin, noch unnütz meine Zeit damit verschwende, indem ich schlechte Laune fühle und ihre Unzu­friedenheit. Das ist wohl ein Scherz für jeden anderen, aber für mich ist es eine Tatsache.

Ich war vielleicht nicht ich selbst? Warum ist das? Wäre das ein Grund zu ver­zweifeln? Ich verstehe nichts davon und selbst, wenn ich mich nur geirrt habe seit jeher – wie zu Dir hatte ich bis heute zu niemandem Vertrauen auf eine so überzeugende Weise.

Du musst mir helfen, ich bitte Dich, aber damit würde ich Dich zwingen, das möchte ich trotzdem nicht. Ich selbst bin total gezwungen, an Dich zu denken bei jeder Handlung. Deine Meinung habe ich irgendwie in mir. Deine Meinung ist etwas Phantastisches für mich. Ich habe aber nie die Wirklichkeit von Dir verstanden, das wäre nie möglich gewesen. Etwas aber ist möglich, meine Phantasie ersetzt mir alles, mehr habe ich nicht.

Resch: Verlagerst Du nun alle Befriedigung in die Vorstellung?

Jolanda: Manchmal bin ich stärker als Sexualität, durch Kaffee, dann ist Sexualität in keiner Form möglich, aber stattdessen Ag­gression und ich verzweifle scheinbar, denn dann befriedigen mich meine Gedanken so stark, dass ich auf Sexualität hinunterschaue. Solche Situationen sind selten möglich, und ich male Bilder mit einer Sicherheit, Lustgefühl und alles ist in mir gegenwärtig, das Momentane in einer befriedigenden Form aus­zudrücken. Solche Bilder haben Bedeutung, ich bin überzeugt, dass es beinahe spielend geht und was das Wichtigste dabei ist, dass ich überhaupt keine Angst vor dem Malen habe. Ich fühle, dass ich das Höchstmögliche erreicht habe. Nur in einem solchen Zustand hat das Malen einen Sinn. Diese Freiheit ist beinahe unerreichbar, aber manchmal trifft es zu. Im Moment habe ich Befriedigung.

Resch: Und was sagen die Träume?

Jolanda: Heute habe ich einen ernsthaften Traum gehabt. Ich träumte, dass ich in der Kirche saß und genau wusste, dass ein Drittel meines Lebens vorbei, beendet ist. Das versetzte mich in panische Angst und stimmte mich unbeschreiblich traurig. Ich weiß, dass ich dem Gedanken an den Tod immer ausweiche, ich kann ihn nicht gegenwärtig halten, ich lebe einfach anders und der Tod macht mich lahm. Er ist ein Schrecken, etwas, woran ich nie denken möchte oder erst später. Ich will warten, bis ich mich genügend verirrt habe, so dass das Sterben dann für mich nicht mehr das ist, was es heute ist. Der Tod ist ernst; eine Tat­sache, so endgültig und stark, dass alles andere verliert, aber ich will ihn nicht so sehen, ich will nicht leiden und nicht an ihn glauben, ich muss diese Angelegenheit in einer Weise verzerren, Lüge oder nicht.

Ich kann nicht glauben, weil ich es so verstehe: „Menschen glauben an Gott, verirren sich in diese Idee, weil sie den Tod ebenfalls nicht haben wollen.“ Vielleicht gibt es Gott. Aber ich weiß, wenn es ihn geben würde, hätte er immer gewollt, dass ich ihn nicht finden kann, denn mit jedem Menschen hat er etwas anderes vor.

Resch: Etwas anderes vor?

Jolanda: Vielleicht habe ich alles verkannt, weil ich eigensinnig und beschränkt bin, aber warum soll dies nicht ebenfalls einmal dazu gedient haben, auf diese einzige Weise die Möglichkeit zu haben, zu verstehen und glücklich zu sein.

Bei der bloßen Vorstellung dieses Arztes, ich ging in das Haus und plötzlich merkte ich, dass es nur einen Schritt brauchte, um wieder dort zu sein. Also ist alles, was ich bis heute seit diesen zwei Monaten tat, verloren, wenn ich nicht die Kraft wiederherstelle, die ich seitdem hatte.

Ich finde nicht die Worte, um darzustellen, was mir wirklich passierte. Müsste nicht er aus den Augen gehen, wenn er wüsste, was er für mich ist. Ich fühle seine Macht, voll bei Verstand, und das zerstört mir alles, was bis heute fest für mich war.

Ich weiß und wusste es immer, dass Einzelne umfallen, früher oder später, denn er fühlt sich verantwortlich in seinem Amte und in der Gesellschaft, er ist bis zum Verbrecher be­reit, so zu handeln, um dieser Idee zu dienen. Ich sage Ver­brecher deshalb, weil er in meinen Augen etwas darstellt, das gegen meinen Gerechtigkeitssinn geht und gegen die Mensch­lichkeit, das ich in meinem Innern mit meiner eigenen Persön­lichkeit identifiziert hatte und habe.

Ich bin schwach, er aber soll sich schämen, so zu handeln. Vielleicht kann ich noch nicht genügend beweisen, dass ich seine Pillen nicht nötig habe. Ich will nicht weitergehen im Urteil, das ich gezwungenermaßen für ihn bereit habe. Hat er als hel­fender Arzt vielleicht das Recht,  mich zu zerstören, wenn die ganze Welt mit mir einverstanden ist?

Sein Benehmen gleicht einem Gewaltakt – Reaktionen, Worte und Mutmaßungen, soll ich vielleicht die Närrin sein, bei der er so funktioniert wie meinetwegen alle, die zu ihm kommen. Für alle mag er der richtige Arzt sein, aber mich berührt er nicht, dafür werde ich sorgen. Für mich ist er ein Versager, denn er hat mit mir noch nie in einer Weise gesprochen, ohne mich zu demütigen. Sicher, ich war intelligenzmäßig nie stark genug, weil ich unter Einfluss der Pillen stand. Aber nun reicht es, und wenn es mir noch so ausweglos erscheint, will nur ich selbst die nötigen Beweise liefern.

Ich habe gelebt, aber der Gedanke an ihn würde mir alles auf diese mögliche Weise nicht mehr gelingen lassen. Ganz klar ist mir diese Schwierigkeit noch nicht. Ich werde nicht länger still sein als ich muss. Mir ging es gut, alles war möglich, selbst das Schwierigste, und ich hatte Kraft zur Überzeugung, von nun an alles selbst zu meistern. Nun aber will er, weil er das Recht hat, mich auf die bequemste und schändlichste Weise zurückzustoßen.

Ich kann alles, was ich zum Leben brauche. Ich traue mir Fähig­keiten zu, die halsbrecherisch anmuten, weil ich einen ver­blüffenden Willen habe zu dem, was meine Intelligenz als sinn­voll anerkennt.

Somit stelle ich alle Ärzte, die an mir herumprobieren, als Schwächlinge hin, denn hätten sie es wirklich verstanden, dann hätten sie mich anders behandelt.

Leider kann man Intelligenz nicht messen, das hätte all denen auch nichts genützt, denn das ist nicht ihre Stärke. Ich habe sie danach gemessen und von mir aus war der intelligenteste Arzt der, der mich am besten behandelt hat, aber leider auch nichts für mich tun konnte. Ich selbst denke, dass ich letzten Endes immer erkannt habe, dass ich mir selbst helfen muss und höchstenfalls selbst auswählen, welche Personen mir darin nützlich sein können.

Die Krankheit, alles Verdrehte, was ich hatte, war nur ein Mittel zum Zweck, denn ich habe eine eigene Straße, hatte sie noch nie so überzeugend stark wie heute. Es war schlaue Poli­tik, so wie ich mich stellte, es war nie eine echte Krankheit. Ich hatte so viele innere Gründe, unbewusste Motive, alle an der Nase herumzuführen, um einmal das zu werden, wonach meine Seele verlangte.

Er ist ein Verbrecher, und ich sollte und werde vor nichts zurückschrecken. Er bedeutet etwas Grauenhaftes, er raubt mir den Verstand, so schwach bin ich. Ist das vielleicht ein ausreichender Grund, die Pillen zu verabreichen? In etwas an­derem brauche ich sie niemals. Also werde ich mich künstlich stärken.   

Kommentar: Der Aufenthalt in der Anstalt und die Begegnung mit einem rein an Medikamenten orientierten Arzt haben bei Jolanda indirekt den Willen zur Selbstgestaltung des Lebens gefördert und eine ausschließlich medizinische Lösung in Frage gestellt.

Resch: Stärken?

Jolanda: Ich versuche mit allen Mitteln, die Liebe zu verwirklichen, sie ist möglich, und wie! Aber warum fühle ich bei der größten Sexualität erschreckend, wie stark sie auch ist, und nachher, dass es nicht das Richtige ist? Liegt es am Manne, der mir geistig nichts bietet?

Heute ist ein glücklicher Tag, ich hatte sehr viel Freude und Lust. Sehr intensiv, aber es schleicht sich immer ein negatives Gefühl in meine Gedanken, ich fühle mich zweimal schuldig. Ich warte nur, bis man mir auf die Finger klopft, doch überlege ich dauernd, ob ich nicht selbst Schluss machen soll, und mich wieder so benehmen, dass dazu keiner Gelegenheit hat, mich zu beschuldigen auf eine Art, die mich ungeheuer treffen könnte.

Bei einem Mann, der mich irgendwie herausfordert und meine Sexualität erleben will, bei diesem Manne bin ich potent. Das ist wahr. Aber ich glaube immer, dass ich damit etwas All­tägliches mache. Sicher, ich tue es auch, um mich selbst kennen­zulernen. Aber sosehr ich auch stöhnen muss und nach Atem ringe – wenn er fort ist, ist alles schlagartig vorbei, so dass ich kaum noch daran denke, ja, mich anstrenge, das Erlebte zu verdrängen, Musik einschalte, an Howard und seine phantastische Begabung denke oder etwas Unbestimmtes, durch die Musik Hervorgerufenes ersehne, an Menschen denke, die für mich einmalig sind, bis mir der Schauer über den Rücken läuft und ich nachdenke und fühle, was Unschuld ist.

Resch: Bist Du gespalten?

Jolanda: Mein Leben ist entzweigespalten: einmal lebe ich auf eine zweifelhafte Weise für die anderen und dann kehre ich heim und widerrufe alles in meinen Gedanken, und wenn es glückt, dann bringe ich es zu Papier.

Resch: Hast Du auch Angst?

Jolanda: Ja, ich habe vor einer Anstalt Angst. Aber auch Angst vor jedem Tag, ich habe das Kämpfen satt. Und mit diesem Geständnis habe ich mich bereits in andere Hände ergeben, sie werden schon sorgen für mich. Die Pillen helfen auf jeden Fall, nur kein Elektro­schock bitte! Und ich soll vor der Hölle zurückschrecken? Hat das Leid nicht bereits all meine Stärke gebrochen? Meine Maße verbraucht und überschritten? Vielleicht bin ich deshalb seit­her nie mehr bei Sinnen, weil mich diese Gewalt gebrochen hat, so dass ich heute in Wahrheit sagen muss, dass ich bereits tot bin. Das ist zwar alles vorübergegangen, aber es hat mich geprägt, und deshalb gebe ich mich manchmal auf. – Was soll ich noch hoffen, wenn ich nicht wüsste, dass Du mir helfen willst.

Einem Manne sich hingeben ist das Schwerste, es könnte aber auch das Leichteste sein. Ich hänge immer vom Manne ab. Hängt aber ein Mann von der Frau ab? Ist es möglich, dass ein Mann eine Frau wegen ihrer Eigenart liebt? Und wenn diese so beschaffen ist, dass sie seine Sinne benebelt, benebeln könnte, wenn er nur sehend wäre? Auch ich will mich potent fühlen, alle Unterschiede müssen verschwinden, sonst kann eine Frau provozieren, alles läuft ineinander und vermischt sich, ich verstehe nichts mehr.

Ich gebe mich nur dann wirklich hin, wenn ich sicher bin. Ein solches Glück bleibt in meinen Gedanken, das werde ich nie vergessen können, obwohl ich die unwahrscheinlichsten Dinge zu vergessen gezwungen bin. So etwas, das zutiefst erlebte Glück, es mag schon Jahre alt sein, ist taufrisch in mir konserviert, darüber bildet sich die Phantasie, immer noch mehr Phantasie, bis eine ganze Idee, Geschichte sich vermischt in Gedanken; Menschen, die mir das gegeben haben, werden Götter für mich. Ich bin ein sehr körperlicher Löwe, aber ich weiß nicht, was aus mir noch wird.

Das Körperliche war oft erschütternd, deshalb hat es mich vertiert, weil daraus Schuldkomplexe entstanden sind. Das brachte mich oft so weit, dass ich Schluss damit machen wollte, obwohl ich grenzen­los glücklich war. Ich will einen Mann, den ich überzeuge, dass ich eine echte Liebe – Frau bin, denn für alle anderen bin ich frigide oder etwas, was ich nicht will und was mich folglich nicht befriedigt.

Doch glaube ich, dass ich ihn auf das Schwierige vorbereite, denn meine Liebe ist erst dann total, wenn er mit mir geistige Akrobatik aufführt. Vielleicht tue ich das nur, um mir selbst zu beweisen, dass der Körper allein keine volle Befriedigung ist. Ich will die geistige Harmonie, Geschichte, um einen Mann genießen, etwas von ihm, was mir keiner anbieten würde, wenn nicht ich ihn herausfordere.

Resch: Bei Musik?

Jolanda: Gewisse Instrumente, wie Saxophon, rufen mich sexuell wach und die Phantasie, wiegen mich rhythmisch in eine Höhe, in eine Tiefe, in ein unbeschreibliches Land, ich brauche meine Atmosphäre, um über­haupt zur Liebe bereit zu sein.

Andere Instrumente wiederum töten meine sexuelle Bereitschaft. Für mich hat alles entweder sexuelle Bedeutung, das Übrige ist eben die unbedeutende Langeweile. Ich suche zu jeder Tageszeit schon seit jeher Befriedigung. Gesichter, die ich zeichne, haben für mich eine sexuelle Bestimmung, ich zeige damit meine Sexualität, nur erkennen sie nur weinige aus meinen Bildern.

Resch: Möchtest Du heiraten?

Jolanda: Man kann wählen, entweder allein zu bleiben, ohne sich ernstlich mit der ganzen Welt (Menschen) abzugeben, oder aber man schafft Verhältnisse und bindet sich eben. Das Leid, was ist schwerer? Es hat alles seine versteckten Vor- und Nachteile.

Das Genießen ist für mich das Schwierigste. Ich fühle, das kommt daher, dass ich mich nur höchst selten harmonisch mit der Welt oder dem Partner fühle. In dieser Dissonanz ist keine Art von Liebe möglich, nicht körperlich und nicht geistig. Wie sehr bedauere ich das, ich will zwar Harmonie erreichen, aber ich sinke ohnmächtig zurück, und das schafft wieder Gefühle in mir wie Unzufriedenheit, ja, bis zur Verzweiflung.

Zwar erkenne ich, dass im Leben alles von der Befriedigung abhängt, für jeden, und das gilt für mich genauso. Nur, herauszufinden, welche Art, welche Worte, welche Ge­danken ein Mann haben muss, um mich total zu verführen, daran scheiterte es seit jeher.

So ist meine Liebe nicht gebend, sondern nehmend, und darin erkenne ich, dass jede Liebe nichts anderes als Egoismus sein kann.

Kommentar: Langsam drängen sich die Sinnfrage und das Geistige immer mehr in den Vordergrund und die Echtheit des Therapeuten steht auf dem Prüfstand.    

Resch: Was ist möglich?

Jolanda: Nichts ist möglich oder alles ist möglich, aber letzten Endes war alles umsonst.

Schon die Tatsache, sterblich zu sein, wäre der Grund lebens­länglicher Depression, die man zu vertuschen sucht zu jeder Zeit: in der Jugend, im Alter, sie wollen ja alle optimistischer sein als es notwendig ist.

Wofür lebe ich? Nur um Sensationen zu empfinden, wenn ich auch nach Atem ringen muss? Ich bin nie satt. Wo führt mich das hin? Das ist alles für mich, bis jetzt hatte ich einen Wunsch, ich hielt ihn aufrecht und nährte ihn mit meiner Phantasie. Wenn es das nicht mehr gäbe, ja, dann wäre ich tot.

Ich bin der Überzeugung, dass mein Geist und meine Phantasie meinen Körper herausfordern. Wenn ich darin Gewissheit hätte, dann wäre ich nicht besorgt, aber ich hatte bei anderen nur das Körperliche erfahren und an Geist nicht das Geringste. Sollte ich besser sein als diese?

Der Körper existiert nicht ohne geistigen Grund, seelisch, meine ich. Wenn ich bei einem Manne das Körperliche allein feststelle, dann bin ich ohne Lust, ohne Willen ohne Befriedigung.

Resch: Was kannst Du Dir vorstellen?

Jolanda: Ich kann mir vorstellen, dass es eine gemeine Lüge oder eine romantische Tatsache ist, dass Du verheiratet bist. Ich will nichts von Dir, verheiratete Männer mag ich nicht, weil sie beschränkt sind, sich mit Primitivem abgefunden haben, sie haben sich in die Gewohnheiten und Bequemlichkeiten hineingesetzt. Die Ehe ist ein schreiender Zwang, etwas Untaugliches, der Tod der körperlichen und der seelischen Liebe.

Ich müsste vielleicht etwas anderes sagen, aber ich werde es auf meine Art auslegen. Ich verlasse mich im ganzen Leben auf das Bett, denn das ist der einzige Ort, wo man nicht von einem anderen kontrolliert wird. Wenn es im Leben sonst auch keine Freiheit gibt, ich werde mich aufs Bett spezialisieren, Möglichkeiten sind vorhanden. Frei, frei, das bietet Zufriedenheit, oder bin ich selbst darin nicht zufrieden?

Ich habe eine Last zu tragen, von der ich überzeugt bin, dass eine Frau zum Tragen zu schwach ist. Körperlich war ich nicht imstande, der Welt zu beweisen, Mann zu sein. Nun ist es gelungen. Ich bin nun überzeugt, erreicht zu haben das, was ich instinktiv seit meiner Pubertätszeit angestellt habe. Ich messe allem eine ungeheure Bedeutung bei, jede Sekunde, auch in der Langeweile. Das Unscheinbarste hat nun für mich Bedeutung er­langt, indem es einem Zweck dienlich ist.

Resch: Jolanda, wo bist Du?

Jolanda: Mir ist schwindlig vor Glück. Oh bitte, ich brauche Dich, alles und noch mehr. Ich kann nicht mehr überlegen. Ich kenne nur das, was in mir ist, aber ich bin neugierig, ob das, was nun in mir ist, für Befriedigung passend ist. Ich bin von Sinnen, irrsinnig, ich zeige nur Dir, wie sehr ich will. Potenz, das ist das einzige Attribut, um sich zu verwirklichen. Ich bin betrunken, von Sinnen, hilf mir, gib mir eine Möglichkeit, süß, gut, Atmosphäre, ich will lieben, ich will. Aber nichts Primitives, es ist eine felsenfeste Überzeugung in mir, ich liebe Dich mehr als Du jemals ver­stehen kannst. Vielleicht hat mich der Effekt impotent gemacht, ich konnte nicht wissen wie, welcher Effekt es mit mir macht. Ich fühle ununterbrochen Bewegung. Ich will den potentesten Irrsinn, ich will Dich besitzen, will Dinge, die mir normal unbedeutend sind. Ich stelle mir Deine Geschlechtsteile vor und fühle Befriedigung, den Willen, zu essen in mir haben, kann ich das? Gib mir so viel wie möglich! Ich warte auf Dich, ich denke in jeder Sekunde an Dich und gebe Dir jedes Mal etwas Unwahrscheinliches, auch wenn es für Dich keine Bedeutung hat. Ich will Dich überzeugen, beein­drucken, meine Sexualität ist unberechenbar. Ich will für das, was Du mir gibst, alles geben und das wird an Irrsinn grenzen. Ich fühle mich am ganzen Körper gestückelt vor lauter Sehnsucht, Wille.

In mir ist ein unerträgliches Gefühl und dafür erwarte ich Dich mit einer Sehnsucht, die Du stillen kannst. Diese Unruhe kannst Du  manipulieren, Du kannst alles mit mir, mehr kann ich nicht. Ich habe alles vorbereitet, ich habe Dich nötiger als die Luft. Verzeih, wenn ich Dummheit spreche! Ich kann nicht mehr, aber ich will Dich, egal was Du mir bietest.

Du hast mich total in der Gewalt, ich bin abhängig, ich wünsche nur, dass Du gut bist zu mir. Heute habe ich die Absicht, Dich zu lieben auf eine Art, dass es unerklärlich, aber phantastisch in unserer Erinnerung bleiben wird. Aber ich habe große Angst, dass ich mich nicht mehr rühren kann. Der Effekt ist sehr stark und könnte mich hindern.

Oh, was will ich noch von Dir? Ich kann nur mehr auf mich hinunterschauen und verzweifeln, ich lasse mich schon lange gehen, es ist schrecklich. – Jetzt habe ich einen Rausch und trotzdem bin ich nicht glücklich. Im Gegenteil: mir ist mein Elend noch stärker bewusst. Sonst denke ich an Dich, aber jetzt wage ich es nicht mehr, weil ich denke, dass Du mich so nie akzeptieren kannst, wenn Du siehst, wie grausig ich bin.

Es wird vorbeigehen, aber ich werde Dich nie überwinden können, ich muss mich mit Dir befassen und alle Schrecklichkeit wächst mir über den Kopf. Oh, bitte hilf mir! Ein schlecht gelungener Rausch ist etwas Schreckliches. Es soll vorbeigehen, dann will ich wieder normal meine Platten hören und mich sehnen in eine andere Welt. Ich brauche Dich dazu.

Resch: Du brauchst mich?

Jolanda: Ich habe eine große Bitte an Dich. Mein Arzt sagte, als ich das letzte Mal die Pillen mit meiner Mutter abholte, dass ich zur Arbeit gehen könnte, aber ich muss zu Hause schlafen. Als er das sagte, war alle Möglichkeit getötet, und ich weiß, dass ich daraufhin eine Krise hatte, in der ich abwechselnd weinte und wütete, aber ich bin ja allen ausgeliefert. Nun habe ich eine Annonce in der Zeitung gelesen, wo ich als Babysitter (2 Kinder) bleiben könnte, und das, was mich dabei fasziniert ist, dass diese Familie sich zeitweise in Zentralafrika auf­hält. In drei Wochen muss ich das nächste Mal die Pillen holen, und wenn mich diese Familie tatsächlich nehmen sollte (Beginn März), dann werde ich beim Arzt kaum ankommen, es sei denn, er würde auf einen Brief, in dem Sie schreiben, dass ich gesund genug wäre, reagieren. Das wäre unter Umständen möglich. Ich kann ja sagen, dass ich schon lange bei Dir in Psychotherapie bin und dass ich mich selbst so weit verantworten könnte. Afrika verschweige ich jedoch, ich werde ihm vielmehr sagen, dass meine Mutter mit diesen Leuten bereits bekannt ist.

Kommentar: Wie bei jeder Therapie gibt es auch bei Jolanda vor allem in Krisensituationen kurze Rückfälle in alte Muster, dabei werden die Erfahrungen in der Heilanstalt offen aufgearbeitet. 

Jolanda: Ich gebrauche das Instrument (die Sexualität), sie lehrt mich, sie befriedigt mich teilweise, aber im Moment total, deshalb kann ich nicht darauf verzichten.

Ich kann hier niemanden um Hilfe bitten, mein Arzt würde mir höchstens raten, überhaupt keinen Kaffee mehr zu trinken. Das ist selbstverständlich keine Lösung. Ohne Kaffee geschieht Fol­gendes mit mir: mein Grundgefühl ist stark depressiv, ich kann nicht die geringste Arbeit leisten, Unzufriedenheit ist Kennzeichen jeden Gedankens, ich sehe mich unerträglich dick, ich bleibe im Bett, weil ich sonst nirgends diese Tatsache ertragen könnte.

Im Sommer passierte es mir: ich war durch meine Lebensweise in eine solche Verzweiflung gekommen, dass ich zu meiner Mutter sagte, dass ich freiwillig in die Heilanstalt gehen will. So geschah es auch. Ich wäre lieber ins Gefängnis als dorthin gegangen. Diesmal werde ich nicht dorthin gehen, auch wenn alles noch so uner­träglich kommen wird. Ich weiß aber nicht, wohin ich diesmal flüchten könnte. Die Heilanstalt war seit jeher falsch, ja, es ist mein totaler Untergang, denn der Elektroschock bewirkte eine totale Veränderung der Persönlichkeit, des Charakters und der Gefühle. Ich war damals wohl krank, aber die Heilanstalt ist eine Schande. Ich könnte wohl sagen, dass ich heute jämmerlich bin. Damals hatte ich Überzeugung, ein Ziel, wenn auch unklar, aber totale Sicherheit und Persönlichkeit.

Zwei Jahre sind nun seit dem Elektroschock vergangen, und ich möchte sagen: so, wie ich seitdem bin, ist es egal, ob ich überhaupt lebe oder nicht. Ich bin kein Mensch. Warum, weiß ich nicht. Den Elek­troschock werde ich nie überwinden können. Ich wollte dem damaligen Arzt sogar einen Prozess machen, denn er forderte zu Unrecht meine Unterschrift, um mich zu schocken. Ich war ja einem Zusam­menbruch nahe. Ich werde für diesen Arzt mein Leben lang Abscheu empfinden.

Kommentar: Nach dieser Auseinandersetzung mit der medizinischen Betreuung folgt nun die Auseinandersetzung mit dem Therapeuten.                 

Resch: Du willst also selbständig werden?

Jolanda: Du forderst die höchste Anstrengung, ich kenne Dich nicht, er­fasse es nicht, deshalb versetzt Du mich immer wieder aufs Neue in eine Gefühlswelt, dass ich taumle, so wohl, so unbeschreiblich gut. Das alles sagte ich Dir schon einmal und das wiederholt sich jedes Mal. Forderst Du eine neue Erkennung, neue Liebe? Ich sage vorläufig Liebe, weil es etwas mir Unbekanntes, noch nie Erleb­tes ist.

Es braucht eine große Kraft, von Dir fortzugehen und zu leben, als gäbe es Dich nicht. Aber so muss es sein! Und wenn ich auch nicht erklären kann, wer Du für mich bist, ich glaube, dass ich trotz­dem lebe, so dass ein Teil in mir Dich gegenwärtig hat.

Ich konnte Dir nicht antworten, als Du sagtest, dass ich von Dir aus frei bin und auch zu einem anderen gehen kann. Warum ich das nicht will, das ist selbst mir unerklärlich.

Es schüttelt mich beim Gedanken an Dich. Sag doch, dass es keine Sexualität sein kann. Mir kommt dieses Gefühl so vor, dass ich es niemals glauben könnte, dass es Sexualität sein könnte.

Oder ist es eine Mischung aus allen Gedanken, Gefühlen, Vorstel­lungen, Phantasien, dessen, wozu ich gearbeitet und vorbereitet habe? Und ich habe mich dabei herausgefordert, mehr geht nicht. Aber ich weiß nicht, woher ich den Grund genommen habe, ein derartiges Gefühl zustande zu bringen.

Du hast mich etwas verstehen lassen, was mir den Atem raubt, es ist gut und rich­tig, ich kann nur mehr resignieren. Ich bin beschränkt, und das habe ich natürlich vor Dir versteckt, überspielt, als wüsste ich nicht, dass Du es bereits wusstest. Ich habe mich damit vor Dir geschützt, weil ich etwas Derartiges nie er­fahren habe. Du bist für mich nun die große Gefahr und doch brauche ich Dich. Egal, ich schließe dauernd die Augen, aber auch dann ist keine Erlösung.

Resch: Was möchtest Du sagen?

Jolanda: Ich bin versucht, es nützt gar nichts, zu sagen, wäre ich Dir nur vor dem Elektroschock begegnet. Das dachte ich aber sehr oft.

Ich habe innerlich nie so gebettelt, und Du hast es mir an­gesehen, denn ich habe bei Dir keine Beherrschung.

Ich dachte gestern, dass ich ein Leben lang von Dir behandelt werden möchte, ohne Rücksicht, was Du dabei denkst. Dabei dachte ich, dass ich mich Dir, ohne das zu wollen, aufzwinge. Ich raube Dir im Geiste auch noch die Freiheit. Es ist schon un­erhört, was ich in Wirklichkeit von Dir verlange!

Du weißt, dass ich in dem Moment, wie ich mich Dir zu nähern versuche, das Schändlichste, das Unerhörteste gezwungen bin zu tun. Dass ich meistens am Boden liege und das einfach nicht ver­stehen will. Aber das ist etwas, was ich einfach nicht mehr lassen kann, das ist eine irre Angelegenheit, und nur Du könntest es stoppen, indem Du mich zurechtweist.

Das entsetzt mich aber, es ist so stark und blind, so rücksichtslos. Manchmal denke ich, dass Du es mir eigentlich verbieten müsstest. Denn ich denke, dass ich längst den Verstand dabei verloren habe. Du hast aber nie etwas verboten, und nun ver­stehe ich nicht mehr, wo die Grenzen liegen, dass ich blind diesem Trieb ausgeliefert bin. Was ist schuld, dass ich etwas tue, was ich nie mehr verstehe?

Resch: Nicht verstehe?

Jolanda: Es ist egal, alles Übrige, was geschieht, ist nur Begleitung. Aber bei Dir habe ich mich total aufgeschlossen und ich glaube, dass das eine ungeheure Sache ist, ich kann leider nicht mehr oder eine Rücksicht haben oder anders sein, denn meistens glaube ich, dass ich zwar ehrlich, aber damit unmöglich bin. In letzter Zeit habe ich normalerweise keine unerträglichen Ver­hältnisse mit meinen Leuten, sie betreffen mich nicht mehr so wie früher. Es kommt noch vor, dass ich eine Äußerung stark empfinde, aber ich vergesse es total. Und das freut mich sehr, denn meine eigenen Gedanken haben sich vermehrt, so dass ich ein­fach nicht mehr unter dieser sinnlosen Haltung ersticken muss. War das gestern ein Sexualrausch oder stand ich noch unter dem Einfluss der Droge? Heute fühle ich mich frei. Es war ein Zwang, unter dem ich sehr gelitten habe, aber der Inhalt der Gedanken ist mir nicht ganz bewusst.

Kommentar: Im Messen mit Therapeuten kommt nun immer mehr der eigene Wert ins Visier.

Jolanda: Ich hasse es oft so, wie ich bin, ich beherrsche die Gedanken nicht und möchte tiefer gehen, klarer sehen und sicherer werden. Es sind alles höchst seltsame Zustände. Jetzt ist mir bewusst, dass ich wieder ich selbst geworden bin.

Es war nichts Besonderes in mir, etwas wie Gleichgültigkeit, und die macht es auch möglich, mich sexuell zu erregen. Ganz wohl ist mir nun nicht, ich bin enttäuscht von mir, aber ich habe es herausgefordert. Warum? Das kann ich nicht erklären. Bitte hilf mir!

Ich glaube, das ist unaussprechlich, ich dachte an Dich, erinnerte mich an Alles oder Bestimmtes und es schüttelte mich; eine solche Sehnsucht kannte ich nie. Dieses Glück ist Glück und Schmerz zugleich, aber sehr stark. Es war wie ein Ausbruch, eine Bitte, dass Du es mir nicht verbietest, weil es mir alles gibt. Lass es mir! Es war genug, in jeder Sekunde, für immer .

Und das Gefühl zu haben, satt zu sein; ich werde mich nie er­klären können.

Resch: Satt zu sein?

Jolanda: Es gibt keine Fehler mehr, alles ist richtig, es ist geschehen! Zuerst habe ich mich betrunken, um dann zu lieben, was ich im nüchternen Zustand nicht verwirklichen konnte. Was ich aber sehr drängend fühlte, wollte ich durch Alkohol haben, aber erreichte doch nichts, nicht so, wie ich es wollte; zurückgeblieben ist nur ein irrer Schmerz, in dem ich gebrüllt habe.  Ich konnte das Alleinsein nicht mehr ertragen.

Resch: Nicht mehr ertragen?

Jolanda: Ich hasse es, bei Dir ein Leben führen zu dürfen, das mir alles gibt, was ich nur möchte, es ist immer wieder eine Erlösung, ein totales Vergessen des anderen Lebens, das ich hier zu führen gezwungen bin. Schmerzen, die von Dir stammen, haben Sinn und Befriedigung, aber alles andere ist zwar genau so stark, aber es ruiniert mich nur. Ich meine, nun weiß ich, wie ich bin.

Es ist nichts mehr von Sex übrig geblieben. Vielleicht war seit jeher meine Rebellion, Frau sein zu müssen, positiv, und nun ist der Kampf ausgekämpft, es ist endgültig tot, nur wollte ich es noch nicht wahrhaben. Diese Tatsache schien mir in manchen Augenblicken unerträglich. Ich habe nichts verbrochen, meine Haltung ist nur eine Antwort auf alles, was ich erlebt habe. Ich habe nicht den Eifer, diese Wahrheit, meine einzige Wahrheit, mein wahres Ich lange zu verbergen.

Ich bin es mir selbst schuldig, Farbe zu bekennen. In der Theorie scheint es manchmal zu stimmen, aber in der Praxis versage ich, Warum?

Mir ist nicht bewusst, was das bedeutet, aber ich weiß, dass mir Deine Liebe alles wäre.

Darin kann ich mich nicht mit meiner Krankheit entschuldigen, es sei denn, Du wolltest mich von meiner blinden Sinnlosigkeit und ihrer ständigen Wiederholung befreien. Das klingt ziemlich über­zeugend, aber bis jetzt ist es nicht gelungen, denn es ist so seltsam, wenn ich mich erinnere, ich weiß nur, dass mir alles nicht so bewusst war, ich sah mich mit einer Haltung, die ich unbewusst an­nahm, die mir sonst nicht gelingen würde. Diese Rolle spielte ich, um etwas zu beabsichtigen, aber die Absichten, realen Absichten, waren von meiner Seite ausgegangen, obwohl ich nicht wusste, was vor sich ging, das versteckte ich geschickt vor meinem Selbst.

Vielleicht aber fehlte mir Dein Einverständnis. Ich bin über­zeugt, dass alles Betrug ist, mit dem ich mich belaste, es geht nur nicht auf diese verhexte Rechnung. Leider sind meine Vor­stellungen falsch, meine Anstrengung umsonst, weil zwischen den Kräften keine Disziplin ist. Aus einem ganz bestimmten Grund habe ich Dich belästigt, ungefähr erwartete ich, dass Du Dich verraten würdest. Ich möchte zwar etwas, aber ich kann nicht; ich sehe mich vor einer Unmöglichkeit, aber dieser Zustand ist mir lästig, ich möchte mich befreien, ich finde nicht die Straße.

Vielleicht weiß ich, dass mich diese Behandlung in eine endlose Einsamkeit führt, was ich bis heute mit allen Mitteln verhindern wollte, indem ich glaubte, Dich lieben zu müssen, um von Dir zu bekommen, was ich wollte. Nun glaube ich, irgendwie zu verstehen, ich sehe nur Umrisse von Dir, von Deiner Liebe, die ich so machen werde, wie ich sie brauche. Ich warte auf die Einsicht. Wenn ich verstanden habe, wird es nichts anderes als die glückliche Lösung geben.

Resch: Die glückliche Lösung?

Jolanda: Nun bin ich bereit, ich kann nun etwas Wichtiges irgendwie ver­stehen, gerade, dass Du mich frei sein lässt, in meiner Vorstellung zu lieben oder nicht, ist ein Beweis, dass Du mich liebst in einer Weise, die ich nicht verstehen kann, aber muss. Diese Liebe werde ich lernen, so gut es geht, denn ich sah, fühlte sie irgendwie.

Ich muss zu meiner Enttäuschung meiner eigenen Idiotie gehorchen und handeln. Ich verlasse mich nicht mehr darauf, zu erwarten, dass sich etwas bei mir bessert, ich meine das Gehirn, so dass ich einmal Boden unter den Füßen haben werde. Ich meine, dass Du mir das Beste gegeben hast, aber ich gehe heute davon, für irgend­etwas ist es der richtige Zeitpunkt. Ich weiß und kann Dir darin nur etwas Ungenaues sagen, obwohl ich es genau weiß, was ich tun werde, aber eines, eine Erklärung muss ich Dir davon geben. Da ich von Dir bereits so viel gelernt habe, kannst Du versichert sein, dass ich darin fortfahre auf meine Art, mit demselben Ernst, und wenn ich auch mehr Grund hätte, in den Untergrund zu gehen, heute habe ich diesen Vorsatz mit diesem Inhalt, mit dieser Er­innerung, ich selbst zu bleiben, das immer zu sein, aber nicht der Welt oder mir selbst zuliebe. Du warst so, dass ich immer stark bleiben kann, wovon Du nichts hast, aber ich fühle mich dazu gebracht, mir selbst etwas zu geben, auch wenn es Qual ist, weil es Dich gibt.

Vielleicht habe ich allzu viel versäumt, zumindest ist meine Vergangenheit eine Angelegenheit, die ich überwinden muss. Wenn ich gewusst hätte, was ich mache, so hätte ich mich dem Leben verweigert, denn ich nehme an, damals am Anfang, als ich da einging in die Krankheit, sehr klar bei Verstand gewesen zu sein. Damals war ich, es raubt mir den Atem, jedes Mal, wenn ich daran denke, ein anderes Wesen, rein. Dieses „rein“ ist mir heute nur mehr Qual, weil ich darin vielleicht zu weit gegangen bin, ohne dass ich heute aber dagegen kämpfen könnte.

Resch: Heute?

Jolanda: Heute aber, und seitdem habe ich allen Grund zu zweifeln, denn die Hure bin ich, ohne es überhaupt zu wollen, zu wissen. Was ich aber, wenn es an mir, in allen Möglichkeiten angehen muss. Ich will es versuchen, weil ich noch glaube, ohne zu wissen, ob es die Möglichkeit gibt oder nicht. Ich muss wahrscheinlich, verändert durch dieses Bewusstsein, in diese Richtung denken, fühlen, sein, um zu verstehen, ob ich imstande sein werde, mich anzunähern, wie ich das Verhältnis verwirklichen kann, so dass ich seine Anwesenheit zu fassen bekomme, um mich mit ihm zu vereinen in einer Form. Das aber wird eine ungeheure Sache sein, ich, so wie ich bin, mich ins Gegenteil zu begeben. Aber soll ich es aufgeben? Warum? Vorläufig denke ich, das ich in den Untergrund gehen müsste, um zu verstehen, um einmal besser zu verstehen, und je besser, um so glücklicher kann ich werden. Die Welt hätte ich nie überwinden können, ich hätte ohne diese Prüfung nie die Rolle gefunden, die ich zur Welt haben kann. Ich selbst hätte doch keine Wirklichkeit gefunden.

In dieser Mitte liege ich, wenn ich das Gefühl habe, dass das Maß, die Waage, 100% Gleichgewicht zu halten versteht. Das Gefühl, eine genauere Angelegenheit gibt es nirgends in keiner Weise, als dass ich mich anders verstehen könnte, das Gefühl misst mich von der Geburt her und vom Tode rückwärts, es setzt mich in die Gegenwart, in der genau das geschieht, was vielleicht eine wirkliche Präzision ist. Das Zukünftige und die Vergangenheit pressen mich in die Gegenwart, die dadurch Präzision wird.

Ich bemerkte, als ich an Dich dachte, kurz nachdem ich aufgestanden bin, Friede, alles Beste, weil ich Dich fühlte. Wie ist es möglich, dass es auf diese Weise gelingen kann, dass ich es imstande bin, alles zu verwirklichen ohne den geringsten Zweifel? Habe ich das richtige Verhältnis zu Dir, ich liebe und bin glücklich bei Dir. Es sind unbeschreibliche Augenblicke.

Resch: Augenblicke?

Jolanda: Was soll ich tun, nun weiß ich, dass ich diese Situation überhaupt nicht beherrschen kann, da alle Gedanken seit gestern Abend konfus sind. Ich weiß, dass es etwas Schreckliches ist, aber etwas in mir ist so weit gegangen, ich selbst konnte nichts dafür oder dagegen unternehmen, es ist mir nur peinlich.

In der Nacht warf ich mich hin und her, dachte und konnte nicht mehr einschlafen. Ich fühle diesen Zustand als etwas Abnormales, ich meine den Gedanken, mit dem ich begann zu glauben, dass Du mich liebst oder lieben könntest, der starrte mich in allen Möglichkeiten an, aber so möglich war Deine Liebe zu mir noch nie, und abwech­selnd sträubte ich mich dann dagegen. Ich fühlte, dass ich dagegen kämpfen muss. Das eine löste das andere ab, aber ich war rettungslos diesem Zustand ausgeliefert. Ich dachte alle Möglichkeiten aus, da es möglich war, überwiegend genoss ich es oder verwarf ich es, um endlich Ruhe zu haben, es war allzu stark.

Meine Eltern: wenn wir uns im wahren Licht begegnen, so weiß ich, dass ich sie im Grunde dort hasse, wo es wahrer und ehrlicher ist als an der Oberfläche, in der auch ich mich selbst betrogen hatte, indem ich glaubte, sie sogar als meine Verbündeten zu betrachten, und fühle, leider ist alles nichts anderes als negativ. Was aber keine Rolle spielt, denn schließlich trage ich keine Schuld darin. Sie fragen mich nie um meine Ehrlichkeit, sie wussten schon damals, als ich begann, in der Krankheit eine Erleichterung zu finden, dass ich hasse aus einem oder verschiedenen sehr stark begründeten Motiven. Ich verstand leider nicht mehr, um mir darin selbst zu helfen.

Resch: Mir selbst zu helfen?   

Jolanda: Manchmal werde ich sehr ernsthaft und endgültig, d.h., immer neue Kräfte entwickeln sich in mir, um in der besten und möglichsten Weise dem Verhältnis zu Dir zu entsprechen. Vielleicht ist es ein ursprüngliches Gefühl, das mich so unendlich rettet. Ich finde in einem solchen Zustand zu Dir, worin es nichts anderes geben kann als meine Wahrheit. Alle Gefühle sind da, sie leben, sie leben zusammen mit den Gedanken, haben etwas Endgültiges, sodass es einfach fest und gut und nirgends mehr Zweifel geben müsste.

Du fragst nicht, ob ich es mir verdiene, Du bist unerhört, unver­gleichlich alleine darin, was ich nie verstehen werde, was Du eigentlich tust. Ist das vielleicht richtig gedacht? Ich vermute, Du setzt alles ein für mich, obwohl ich darauf in allen möglichen Farben antworten könnte. Aber sicher wusstest Du, wie ich bin, was ich erst verstehen muss. Aber ich habe doch nur eine Möglichkeit. Da Du alles bietest, kann ich nicht weniger tun. Wie Du das siehst, kann ich nie wissen, nie berücksichtigen. Das zu wissen, scheint mir oft unglücklich, aber nur manchmal.

Aber wenn ich harmonisch mit mir selbst bin, ist es doch bereits unendlich wunderbar, denn darin kann ich lieben, was ich brauche und will. Darin habe ich Form angenommen. Was bis heute geschah, hat sich verwirklicht, ist ein solcher Zustand, was ist es? Glaube, Liebe, was?

Entweder – oder. Am Anfang der Behandlung, heute immer noch, ich kann vielleicht nicht lieben, aber ich müsste trotzdem lieben, Du bist mehr Grund dafür; vielleicht wollte ich keinen gerin­geren, denn angenommen, ich finde in Deine Wirklichkeit, so ist das nicht nur ungeheuer, immer Du, Dich zu wissen, Du kannst mich eine Liebe lehren, die mich in eine Welt setzt, in der es so unwahrscheinlich zugehen kann wie im Glück, das in mir selbst oft einen Ausdruck suchte. Solche Momente hatte ich manchmal, aber ich kann es niemals verwirklichen ohne den Glauben an Deine Liebe. Das ist alles, daraus kann alles entstehen, weil dieser Zustand Glück ist, ich nenne es so, aber vielleicht ist es nicht genau. Es ist ein ganz präziser Zustand, der mich so wahnsinnig stimmt, indem ich wahrscheinlich in einem hohen Maße zu mir selbst gefunden habe.

Resch: Weil dieser Zustand Glück ist?

Jolanda: Der schönste Eindruck meines Lebens ist die Erinnerung, wie schön

die Sonne, die Erde ganz früh am Morgen ist. Ich hatte immer schon eine seltsame Freiheit, fürʼs Gefühl einen Augenblick zu leben, in dieser Illusion, die in ihrer Sichtbarkeit den Eindruck erweckte, frei zu sein, weil es Unschuld ist, und deshalb unvergleichlich ein Gefühl bietet, nicht zu müssen, sondern zu wollen. Nur in dieser Instanz sehe ich Schönheit und ihre Wahrheit. Dass ich aber darauf gekommen bin, löste der Gedanke an Dich aus, indem ich suchte in mir, womit ich Dich vergleichen könnte. Nur das hat alles Notwendige in sich, um einem Traum zu folgen, um die Sehnsucht zu verwirklichen, einer Liebe, die frei sein soll und darf. Sie wird mich nach ihr formen, denn sie hat Schönheit, die ich verstehen werde, sie wird mich überzeugen, warum ich traurig sein muss. Dieser Grund könnte das stärkste Motiv sein, warum ich lebe, aber den Schrecken kann ich nicht mehr leugnen.

Alles hat mich zu stark angegriffen, so dass ich nunmehr nichts mehr anderes verstehe als Verzweiflung. Es verfolgt mich noch immer und ich frage mich umsonst dauernd, was es ist, das Leben, d.h. meine Vergangenheit. Im Lichte von heute gesehen fühlt sich dieses Bewusstsein so schrecklich an, vielleicht weil alles noch nicht erklärt ist, so dass die Qual darin, die mir mehr oder weniger bewusst ist, das Äußere, Sichtbare vom dem ist, was sich eigentlich abspielt. So ist aber die Qual nichts als Sold oder Bezahlung. Warum aber darin eine solche Ungerechtigkeit notwen­dig ist, werde ich nicht gefragt, mein Sträuben seit jeher hat zu wenig verstanden. Einig zu werden, wäre notwendig. Es gibt bei mir Tatsachen, gegen die ich aber immer noch kämpfe, weil mir die Feigheit alle Kraft nimmt.

Es muss aber doch eine Wahrheit haben, so dass diese potenzierte Angst und Kräftespiele, die einfach noch Wahn sind, begründet sein müssten als Vorbereitung auf eine Sache, für die ich eben nur Angst entwickeln kann. Aber manchmal, eigentlich dauernd, geschieht es, dass ich in einer Art denke, wie alles aussieht,  alles einem Chaos gleicht, worin auch Anfang und Ende nicht mehr zu sehen sind. Das aber ist bereits zu viel, darin noch überlegen zu sein und denken können, dass der Schrecken in Wirklichkeit gar nicht so ist, wie ich überzeugt bin, weil er sich so aufdrängt.

Resch: In Wirklichkeit ist er nicht so groß?

Jolanda: Solange ich imstande bin, mich zu erklären, kannst Du mich ver­stehen. Ich habe noch einmal alles durchgelesen, aber schon vorher hatte ich Augenblicke, wo ich dachte, diesmal das Geschriebene nicht mehr mitzubringen, zumindest das verbergen, womit ich mich vor Dir schämen muss. Aber wofür? Zwar weiß ich genau, dass ich das niemals machen werde. So schrecklich es mir auch scheint, zwingt es mich, alles, mich selbst zu zeigen als Schande. Aber wie ist das möglich? Wahrscheinlich sind alle meine Gedanken nie etwas anderes als Symptome der Krankheit, dass sie nie anders als so sein konnten, und ich gehe, so wenig ich selbst bin und darf, in ihr und mit ihr immer weiter. Sie erzeugt Gefühle, Gedanken, alles, was an dieser Geschichte gebaut wurde, dieser perfekte Irrtum, lässt mir keinen Raum. Nur manchmal sträubt sich alles in mir dagegen. Wer es ist, verstehe ich nicht. Ist sie (die Krankheit) es sogar selbst, die so weit den Verstand verloren hat, weil sie nichts anderes wollte, als mich in der ausgewähltesten und treffendsten Form ihre Macht spüren zu lassen. Sie hat vielleicht meinen ehe­maligen Verstand aufgefressen, und nun aber, wie ist es möglich, ist das Beweis meines eigenen Charakters, so wie sie sich ver­hält? Was treibt sie sonst dazu, mir Glück oder Entsetzen oder was immer es sein mag, vorzuspielen, was ich dann als Wahrheit erlebe. Sie grinst förmlich, mich so weit gebracht zu haben, nicht mehr denken und unterscheiden zu können, zu kämpfen für sie, sie als Wahrheit zu verteidigen, die sogar die Frechheit hat, sich in ihrer Wahrheit, nämlich als Lüge, vor mir zu zeigen, weil sie weiß, dass ich verloren habe.

Ich weiß, dass es immer eine große Zumutung ist, was ich Dir zeige, aber irgendwie bin ich selbst schon der Sache überlegen. Wie sonst hätte ich solche Überlegungen ertragen können? Aber ich kann es nicht durchschauen, zu welchem Zwecke es geschieht. Eigentlich verstehe ich mehr, woraus ich bestehe. Ich bin aber froh, dass es mich nicht quält, wenn es auch schrecklich ist. Es ist mir, als ginge mich alles nicht besonders an.

Der Vorhang ist vielleicht gefallen! Vielleicht, weil ich es, obwohl es mir immer klarer wird, immer noch nicht fassen kann oder nicht will. Mehr kann ich nicht erklären, es muss mir erst alles bewusst werden.

Das war vielleicht die einzige Sünde, die alles verursachte. Aber Reue habe ich keine, weil ich bewusst diese Lüge nicht mehr als positiv betrachte, so wie es bisher war, wo ich noch glaubte, es sei gar nichts anderes als eine sehr potente Fixierung zwischen Krankheit und Malerei. Von dieser Wechselbeziehung kann ich selbst immer noch nicht genug verstehen. Aber vorläufig bin ich völlig abgeschwächt.

Wie ich bewusst die Gesundheit ertragen kann und obendrein noch einen Sinn finden soll, das scheint mir zu viel. Vielleicht kann ich es heute noch nicht verstehen, weil ich eine einzige Verach­tung für sie empfinde, die mich alles kostet. Selbst diese Lüge, die Krankheit, war gnädig, obwohl schrecklich.

Aber ich glaube, dass ich sie nicht anders verstehe, meine Sym­pathie hatte sie, wird sie vielleicht immer haben; nur habe ich sie, ohne sie zu verstehen, geliebt. Geliebt so wie Dich und mich. Wie soll ich zurückkehren? Das ist großartig, aber dass ich sie wollte, die Gesundheit, obwohl sie mich ankotzt, daran zweifle ich nicht: Es gibt kein Mittelding: entweder – oder. Freiwillig krank zu werden, das überzeugt mich genau so wenig, heute ist das unmöglich geworden. Der Sinn, den ich wollte auf Gedeih und Verderb, er war ein Irrtum. Nüchtern werden werde ich nun sehr leicht können, aber nicht so gerne wollen.

Resch Nicht so gerne wollen?   

Jolanda: Ich hatte gewissermaßen mich selbst und suchte Leben, Antwort, worin ich das Übrige genau so schlecht hatte, obwohl die Verzweiflung und Trauer schon damals, also sehr früh, in mir war. Wäre die Welt diese gewesen, die mich verstanden hätte, so hätte sie mich in ihre Arme genommen, denn das Einzige, was ich seit jeher suchte, war etwas, was ich nie wusste – da es nirgends zu finden war und diese Stimme in mir im­merzu danach fragte, jahrelang, es wurde stärker und anders, im Grunde aber blieb es dasselbe. Pervers ist es vielleicht geworden.

Aber es müsste noch viel potenter sein. Ich weiß nur eines, was keiner jemals wissen wird, und selbst ich musste das Wesentlichste, das Wunderbarste vergessen. Diese Art Unschuld spricht gegen alles, schändet die ganze Welt, wenn sie nicht zuerst geschändet worden wäre.

Die Huren haben überhaupt keine Absicht, und wenn, so treffen sie nichts anderes als daneben, denn abgesehen davon, dass es ihre Rolle vielleicht wäre, gerade das nicht zu tun, tun sie es. Anstatt Rache zu verüben, sichern sie durch ihr Geschäft wieder alles, was eine Revolution oder Änderung oder Gerechtigkeit herbeiführen könnte. Also sind und bleiben sie Verräterinnen ihrer eigenen Wahrheit, die genauso wieder die Wahrheit der Welt ist.

Ihre Rolle, ihr Geschäft ist nichts anderes als geistloses Ge­würz in der langweiligen Suppe, die aus Herren und Damen und Kindern besteht. Bleichsucht ist ihre Farbe. Der Griff zur Abwechslung, der Besuch im Hurenhaus, ist wohl sehr notwendig, denn welche Ehefrau versteht schon sehr viel oder das von der Liebe, was er möchte? Aber sie sind und bleiben alle im gleichen Topf. Die Huren haben überhaupt keine Farbe, weil sie nichts anderes sind als ebenfalls Bleichsucht, die sie auf Wunsch dieser Unersätt­lichen nach Bleichsucht widerspiegeln. Es ist klar, dass eine solche Elite nichts anderes tut und tun kann als bestehendes Leben bis ans Ende der Welt, sein eigenes und das der anderen, als Ge­genstand benutzen.

Resch: Und?

Jolanda: Du, wo darf ich zu Dir gehen, ich liebe Dich gren­zenlos in meiner Möglichkeit, sie bleibt ein wunderbares, ge­staltloses Glück, dafür will ich Dir alles geben, aber gibt es das? Heute?

Und dauernd dieses Glück, eine Sekunde, so ist es doch immer noch etwas, was ich entschieden als etwas über alles hinaushalte. Ich liebe es, ich habe damit aber weiter nichts zu tun. Es liebt mich darin, dieses Geschenk empfinde ich und halte es als das Einzige, was mir gut ist und mir grenzenlos alles gibt, was ich auf der ganzen Welt nie gesucht hätte, weil es mit ihr nirgends eine Gemeinsamkeit hat, deshalb seine Unabhängigkeit von der Welt.

Es bräuchte einige Volt, das Bier trinke ich, aber ich muss mich überwinden, es stimmt allzu negativ.

Nein, das Bier wollte ich trinken, ich weiß, dass es nicht zu viel ist, darauf zu verzichten, noch dazu, wo ich morgen zu Dir gehe, und zum ersten Mal habe ich einem solchen Impuls entgegengewirkt, was ich noch nie imstande war. Als ich vor der Kellertür umkehrte, wurde mir schwindlig, aber darin konnte ich etwas Bedeutendes geleistet haben: es könnte verlieren heißen, genauso gewinnen. Ich habe dadurch die Kraft einer Idee gebrochen, nämlich einen irren Glauben, dass Impulse das Wichtigste sind. Waren sie auch kaum vorhanden, ich führte alles aus, für oder gegen mich. Heute aber dachte ich, alles umzustülpen. Vielleicht kann ich den Fehler finden, vielleicht aber ist es ein Griff, ein Aberglaube, um mich zu beruhigen. Denn Einbildung tut in diesem Falle ihre Pflicht.

Dann, d.h. vorher, ließ ich einige Zeit kaltes Wasser über meinen Körper laufen. Aber ich glaube, dass es jetzt mehr und anders schmerzte als damals, als ich 16/17 war und häufig einen ganzen Winter lang in den Fluss baden ging. Was macht diesen Unterschied aus? Sicher, vielleicht die Seele kann schuld daran sein. Damals machte ich meinen Körper fast kaputt. In den Übungen habe ich regelrechte Ketzereien erfunden, aber als ich sie beherrschte, sodass ich nichts mehr spürte, hatte es den Sinn verloren, obwohl alles noch eine Wichtigkeit hat, so dass ich es bedauere, meinen Körper nicht mehr zu beherrschen. Aber er soll liegen bleiben. Unglück lähmt, verlässt die Geduld für den Sinn, sich selbst zu wollen.

Selbst nach 24 Jahren, die ununterbrochen schlechte Musik lieferten, weiß ich noch, habe es nicht vergessen, was mir gefällt. Die Musik der Neger war und ist bis heute das Beste für mich, weil man in ihr sehr bald auf seine eigene Seele stößt. Ihre Art provozierte mich immer so, dass ich eine sehr starke Vorstellung be­kam, dass Glück möglich ist. Vielleicht nützt es gar nichts, die Türe abzuschließen, weil ich wieder alleine bin ohne Dich. Wohin soll ich gehen? Was soll ich tun? Das Einzige, das ich liebte, ist das Wort „unerreichbar“.

Nur Dein Gesicht vermag mich zu überzeugen, dass ich auch glücklich sein darf, weil ich dann, wenn ich es sehe, nicht mehr verzichten kann und alles hinter mir lasse. Aber diese graue Welt hier tötet Dich, mich, oh, nie soll ich das ertragen. Es macht mich unendlich traurig, was heute geschah mit Dir. Und wenn es das erste und letzte Glück war mit Dir. Alles sagt, dass ich Dich vergessen muss, alles außer Dir. Der Zwang ist so stark, dass ich zu Dir kommen möchte, damit Du mich noch einmal herausreißt aus diesem Elend.

Doch wenn ich Dich sehe, möchte ich aufschreien, diese Qual ist die stärkste, wenn sie imstande ist, mich zu retten. Ich leide jedes Mal unter dem Ungenügend, mit dem ich zu Dir kommen muss. Oh, schenk mir trotzdem einen Augenblick von Deinem Glück, es ist mehr als eine Ekstase des Glücks in einem Rausch. – Nur bin ich schwach im Glauben, dass ich von der Wirklichkeit so etwas haben kann. Sicher verdiene ich es mir nicht wegen meiner Wirklichkeit, die keinen Grund zur Freude oder zu etwas Positivem haben könnte. Kannst Du mir das geben, nur einen Augenblick, ich will in meinen Tränen mich von allem Schmutz befreien, wenn ich so viele Tränen haben kann.

Aber wenn es dabei bleiben darf, dass Du mir diese Freiheit lässt, zu glauben, was ich brauche, dann werde ich es halten, auch dann, wenn ich glauben muss, keinen Grund mehr zu haben.

Ein Bekenntnis zum Glück, wer weiß, was es ist oder wird? Aber ich habe es erlebt, so dass meine ganze Brutalität, von der ich nie loskam, verschwinden musste, aber schleunigst, weil sie nichts anderes ist als eine Stoffpuppe auf einem Pfahl, die die Kreuzigung provozieren will.

Resch: Alle Freiheit sei Dir gegeben!

Jolanda: Es ist eigenartig, dass es erst jetzt klar wurde – ich weiß gar nicht genau, wann – , wie ich tun muss, um alles Irre, Wahnsinnige zu haben, wohin es mich zieht. Oh, darf es so weitergehen? Ich zweifle nicht, d.h., ich könnte nicht verstehen, dass gerade Du mir das Glück vertreten würdest, wie, was, das würdest Du vielleicht nicht wissen können. Was habe ich nur getan bis heu­te, um erst heute zu sehen, aber so klar, dass es für immer zu spät wäre. Wie ist es nur möglich, es ist so, dass ich glaubte, einen Kampf, der schrecklich war, gewonnen zu haben. Ich wusste nicht, dass ich das haben kann, was noch sehr schwach ist, heute aber ist es da, Du bist da, ich kann alles, mehr als ich jemals gedacht hätte.

D.h., ich glaubte ängstlich daran, unglücklich zu werden, ja, ich sah es so entsetzlich vor mir. Aber ich begreife es immer noch nicht. Was ist geschehen? Ich fühle Schmerzen am ganzen Körper und Schwäche. Ich glaube diese monatelange Spannung, dieser Kampf war es, der zwischen Leben und Tod hin und her pendelte. Es war ein ununterbrochenes Entweder-oder, was ich aber erst heute ver­stehen kann. Es hatte dieses Ziel unbewusst. In meinen Gedanken alleine fühle ich mich traurig. Meine Bewegungen sind ganz lang­sam geworden, ich fühle unverständlich irre Wehmut, aber nur, weil Du mir nicht so nahe bist, so dass ich glücklich sein könnte.

Ich möchte, und wenn ich nicht kann, dann krümmt sich der Körper vor Schmerzen. Ich sterbe vielleicht, was? Du musst bei mir blei­ben, Du würdest es tun, wenn Du wüsstest; tagelang schon wüten in mir Gefühle, sind irre von vornherein, aber ich muss fertig wer­den. Ich glaube, mit Dir und mit mir dazwischen allzu viel phantasiert zu haben. Ich glaube, nichts kann stärker als Sehnsucht sein, sie ist krank, alleine sie ist krank, das Gefühl, das lebt und nicht leben darf, da es dorthin nicht finden kann, wo es möch­te, um auch zufrieden oder glücklich zu sein.

Resch: Um zufrieden oder glücklich zu sein?

Jolanda: Noch habe ich keine Schuldgefühle festgestellt, obwohl ich gestern Angst davor hatte. Aber eigentlich war es kein solcher Rausch wie sonst. Er fühlte sich nicht so negativ an, vermisst habe ich dann irgendetwas und zum Schluss Dich, weil ich nicht alleine schlafen gehen wollte. Aber dieser Wunsch ist auch sonst beinahe unreali­sierbar. In keiner Weise kann ich mich Dir nähern als im Gefühl. Dort aber so schwach zu sein, ist einfach nicht zu entschuldigen. Warum aber muss es so sein?

Dieser Punkt ist die einzige Schwierigkeit, hier bin ich machtlos, obwohl ich sonst bis zu diesem Glück alles haben könnte, aber ich kann doch nichts haben, als wäre das Glück der Grund dafür. So sieht es anders aus, es ist und bleibt mein Problem, was mich am meisten stört, dass es so ist. Eindeutig steht es so wie immer, womit ich nie fertig werden kann, d.h., diese zwei Möglichkeiten scheinen mich zu zerfressen. Ich kenne nur allzu sehr ihre Bedeu­tung, ihre Wichtigkeit, es dreht sich nur immer darum. Ich werde aber den Mut finden, die Wahrheit zu wissen, etwas zu wissen, vielleicht kannst Du mir etwas über mich selbst sagen, woran ich nicht dachte. Dieses Übel muss geklärt werden. Ich werde, das sage ich Dir, das eine wie das andere genauso gut verstehen, es stört mich nur, überhaupt fragen zu müssen, weil ich es doch als etwas Schreckliches empfinde. Es würde Deine Wahrheit nie negativ sein für mich, denn das Glück, das ich habe, habe ich durch Dich. Du könntest es mir in keiner Weise wegnehmen, aber es ist schwach im Gegensatz zum Glück selbst – trotzdem.

Ich habe, ich will lügen, ich muss, denke ich, bin noch zu nüch­tern, um nicht Scheiße zu sagen. Hier, bitte schön, soll damit Ende für immer sein. Es verkörpert sich alles, die Kraft kann nichts erreichen, sie fühlt endlich so wunderbar weit, wunderbar zu lachen auch mit offenen Augen in dieser Welt. Dich mache ich dafür verantwortlich. Es prasselt schlagartige Willenskraft frei. Oh, sie ist lustig, unerreichbar das, was immer steckte, verstopfte, es macht mich seine Augenblicklichkeit lustig. Weiter ohne Unterlass, dass ich mich aber zu Dir setzte, ist und war verkehrt. Und hier bin ich, Unterstützung fehlt, alleine schafft man es nicht, das Glück.

Ich weiß, dass der Zustand, durch den ich frei werden könnte, größtenteils durch innerliche und äußerliche Grausamkeiten zerschlagen wird. Ich bin zu reizbar, wenn nicht schon eine tiefere Ruhe bereits herrscht, von der ich dann wieder, so wie es war in der letzten Zeit, kaum nüchtern werde, um da­vonzuschwirren, vielmehr blieb ich darin fast tagelang, ohne herauszugehen.

Du hast mich auf Deine Art gedemütigt. Warum bestrafst Du die armen Irren? Die Krankheit kann nicht verstanden, sie muss gefühlt werden, dann wird ihr jeder recht geben können. Was hast Du gemacht? So kann man nur mit irren Menschen umgehen. Ist es möglich, dass Du mich nicht verstanden hast, oder aber Du hast verstanden und das Höchste getan, was ich nicht anzweifle, von allem, was Du unter Glück verstehst, das weiß ich nicht. Ich kann nur Unglück fühlen und das wird nie belogen werden können. Gefühl ist vielleicht, wenn es liebt, eine Kostbarkeit, die man nicht in den Ausguss schüttet; aber man schüttet es in den Ausguss, wenn es nicht erwidert wird. Darin geht es den langen Weg zurück und wird in der Stärke, in der es das eine war, zu etwas anderem, zu einer Bestie.

Resch: Wenn es nicht erwidert wird?   

Jolanda: Du bringst mir Liebe bei, und wenn ich sie fühle, dann nimmst Du mir alles weg, das Einzige, was mich am Leben halten könnte. Aber Betrug, um zu helfen, so wie Du es machst, Deine Liebe gefällt mir nicht, denn jetzt, wo ich sie brauche, hast Du vielleicht keine.

Du warst nie ein Arzt für mich, aber ich werde gezwungen sein, Deine Patientin zu sein, gewesen zu sein für immer. Das Beste, was Du getan hast, tun konntest, hast Du getan. Wogegen aber lehne ich mich auf, so dass ich Brutalität fühle, abwechselnd mit der Musik möchte ich Deine Lieblosigkeit vergessen und sie in Liebe verwandeln. Anders kann es nicht mehr weitergehen. Ich habe nichts anderes zu tun als gesund zu werden. Ich würde verstehen, wenn Du mich unterstützt. Von Liebe ist sonst nicht die Rede, nur kann man sie nicht so weit betrügen, so dass, wenn sie Notwendigkeit für die Behandlung ist und war, auch für den eigentlichen Sinn man sich ihrer bedienen kann auf diese Art, das wird nicht gehen. Unmenschliches verlange ich wahrscheinlich von Dir. Ich kann aber nur sagen, dass ich es anders sehe und fühle. Deine Güte hat mich betrogen, von mir aus gesehen. Das ist geschehen, für immer, ich werde mich danach richten müssen.

Warum? Wie konntest Du das tun? Mich hättest Du nicht behandeln sollen, das konnte Liebe 3000 sein, aber heute noch nicht. Liebe irritiert, das wollen wir beiseite lassen. Was ich fühle, geht, wenn es fühlt, weit darüber hinaus und hat keinen Namen. Ich habe alles das, was ich gebraucht hätte und was meiner Vor­stellung nach Glück gewesen wäre, an Dich fixiert. Auch für mich wird es das werden müssen, was es für Dich ist. Es ist nichts als eine Behandlung und ihre Durchtriebenheit, mit mir begonnen bis zu Dir, eine fortlaufende Lüge. Ich liebte nicht, Du genauso wenig. Du bist und warst ein wunderbarer Mann und bleibst es. Wahrschein­lich ist es ausgeträumt, die Musik ist kalt. Das Scherbengericht, sterben und außerdem?

Auch Du bist schuldig geworden an mir. Deine Schuld ist anders als alle übrigen, die steckt als Dolch im Lebendigen und muss zurück ins Weltall. Was er hier herumschleppt, ist ein unsichtbarer Tod, was aber, wenn die Erinnerung vom Traum auch abstirbt? Den Traum, nicht mehr alleine zu sein, den Du mir gegeben hast, den ich mir genommen habe, vielleicht hätte ich Dich fragen sollen. Der Traum hat das Leben ermöglicht, so gut es ging. Aber das Leben stirbt mit dem Traum. Der Traum war die Seele und das eigentliche Leben.

Entweder – oder, so hoffen wir, es wird schon bald entschieden sein. Ich kann Dein Verhalten verstehen, aber keine Rücksicht nehmen. Das Leben hat sich für mich in Form eines Arztes angeboten, aber Du kannst mir durch die Behandlung kein Leben geben, so wie ich davon träumte und pfuschte.

Du hast gewonnen, darüber werden wir nie mehr sprechen. Ich bin nüchterner als Du, denn ich wage es auszusprechen, womit Du pro­fitiert hast, so dass es gelingen konnte.

Ich töte Dich nun, um Dir zuvorzukommen. Das will ich von Dir nicht hören. Ich will nicht, dass Du auch diese Schande noch für mich erledigen musst. Aber das ändert ja nichts mehr. Deinen Sieg zeigst Du ja nicht, indem Du höhnisch grinst, damit aber wohin, bitte? Amen. …

Inzwischen habe ich mich wieder beruhigt. Ob Du willst oder nicht, ich bleibe bei Dir, darauf kann ich nicht verzichten. Ich bin sofort wieder umgekehrt, und ich war ganz tief in Deinen Armen.

Resch: Wie lange ?

Jolanda: So lange, und es ist immer wieder anders, gelingt mir eine Hin­gebung, die sich von einer Vorstellung über die andere erstreckt, und das ist oft eine lange Kette, die sich anfühlt wie ein Märchen, das einem Kinde erzählt wird. Darin kann es so phantastisch sein, das alleine wird gut und entschuldbar sein, seine Eigenart ist erstaunlich, in seiner Hingebung geschieht es anders als dann, wenn der Körper zu zucken beginnt. Das stört und wird zu etwas anderem, worin es für meinen Begriff endgültig etwas anderes wird. Dieser Unterschied ist bereits unendlich, obwohl ich mich dem Gefühl und seinen Wünschen immer nur anpassen kann und muss.

Es ist eigenartig, gestern lieferte ich die erste handgreif­liche Sexualität, aber es ist leider eher negativ, so wie ich es heute sehe. Obwohl ich es schon bald als unbefriedigend aufgab, ich glaube heute, mich nicht gerne daran zu erinnern, es stößt mich ab. Allmählich wird es mich lehren, was ich tun darf und was nicht, um nicht zu zerstören. Zweifellos war es brutal, im Augenblick der Berührung war diese selige Phantasie verschwunden. Vielleicht habe ich sie schrecklich enttäuscht dadurch, sie wollte nichts mehr von all dem Wunderbaren, sie zeigte mir etwas anderes, was heute Enttäuschung ist, wofür ich mich sogar irgendwie schuldig fühle, schäme.

Es ist störend für mich, unendlich negativ meine Haltung zu Dir, denn das Irre, so von Deiner Wirklichkeit abzuhängen, dass ich ihretwegen glücklich oder unglücklich bin, das muss ich beseitigen. Wenn ich das mache, so erpresse ich Dich gewissermaßen aus einer irren Vorstellung der Vergangenheit, in der ich diesen Glauben haben musste, weil es andersartig niemals so weit gekommen wäre. So war die Lüge alleine Notwendigkeit, um Deine Wirklichkeit nicht zu wissen, aus Rücksicht für meine Heilung. Nur wenn die Lüge bis heute nützlich und bequem war.

Resch: Nützlich und bequem?

Jolanda: Es verfolgen mich wahrscheinlich viele Dinge, die mir nicht die Freiheit gewähren, auf Dich besser und glücklicher einzugehen. In diesem Sinne hat mich die Vergangenheit zu einem Krüppel gemacht. Sie sagt mir oft, dass ich, wenn ich wieder Mensch werden will, nie mehr so sein kann, dass ich vor mir selbst das Gefühl dieser Ruhe haben könnte, weil es so einfach nicht mehr geht. Dieses Leben, seine Freiheit wird nie mehr seine ursprüngliche Form zurückbekommen, von der es vielleicht früher einmal geträumt hat. Vielleicht ist es für diese Wahrheit zu spät; zu spät für Dich, zu spät für mich.

Gefühl ist das, was ein Leben möglich macht oder es tötet; dass ich darin ungläubig und verbrecherisch bin, sein muss, verstehe ich immer noch nicht, warum so etwas geschieht.

Es war irre von mir, Dich so zu sehen, das zu wollen, das zu verstehen. Bis heute habe ich allem irgendwie standgehalten. Ich warte wahrscheinlich umsonst darauf, mich einmal vor allem verneigen zu können, denn wahrscheinlich biete ich in jedem Kampf dem Leben den Vortritt. Es geschieht seinetwegen, so denke ich. Ich bin zwar schwach, aber darin gebe ich das Allerletzte her, jedes ­mal kostet es mich alles. Ich habe nichts gegen alles, aber es fehlen mir Beweise oder etwas, um klarer zu sehen, ob das Leben es wert ist, so zerschunden zu werden.
Es treibt allzu sehr Wahnsinn, darin scheint alles ewig stillzustehen. Es ist ein monotones Gedröhne, es wälzt sich weiter, aber immer in derselben Sinnlosigkeit. Ich habe, so glaube ich, das Höchste getan, warum, ist einerlei; was man feststellt im Leben, kann nie etwas anderes sein als ein Irrtum, weil Leben niemals möglich ist. Und ist es, dann nur für den, der daran glauben kann. Das könnte mir nie mehr gelingen, das eigentliche Leben von mir ist tot. Was immer nachkommen wird, ist seine Schande, sein Gegenteil. Dazu aber noch Leben zu sagen, muss ich lernen. Diesem Verstand das Leben zu bieten, der mich das Unglück und nie etwas anderes verstehen lässt, sollte man eine Summe bezahlen wie einer Hure, um mit ihm ins Bett zu gehen, wäre man nicht derartig gläubig an ihn ver­sklavt. Erst eine derartige Handlung würde von meinem Geiste zeugen, so aber bin ich nichts anderes als ein beschränkter Trottel.

Denn jedes Gefühl erlebe ich als totale Wahrheit. An Dir fühle ich die Möglichkeit meines eigenen Lebens, an Dir fühle ich dieses ganze Unverständliche.

Resch: Des Lebens?

Jolanda: Manchmal schüttelt mich alles! Das Wie meines Lebens, das trotz  allem nicht verleugnet werden kann und ganz fremd von meinem Bewusstsein ein Eigenleben führt.

Ich fühle Sehnsucht nach Leben, dem Leben, wonach es in mir begehrt, das mir jetzt darin wie eine unaussprechliche Sache erscheint. Denn momentan fühle ich es so, als würde das Leben, dieses Leben, dessen Gestalt und alles ich nicht wissen oder sehen kann, mich in seinen Armen halten.

Hier aber weiß ich, dass es mir eine schwere Aufgabe gegeben hat. Das Verwerfliche von mir gehört nicht weniger dazu, es muss von mir getragen werden, als was, das weiß ich nicht. Leben ist bei mir so blind, unverständlich, wie es bleiben wird in seinem Charakter; aber etwas muss ich vergegenwärtigen, dass ich mich besser und anders zu allem von ihm verhalten möchte, dass es vielleicht besser und glücklicher steht um mich als es mir bewusst ist.

Morgen kann es auch fehlen! Schrecklich, etwas wäre vielleicht notwendig zu tun. Aber vielleicht ist (es) der Zustand selbst notwendiger als das Leben, sein Gefühl, in dem ja ohnehin nichts Entsprechendes geschieht. Wenn es nicht das Feuer unter den Fußsohlen gäbe, so dass es das blutige Nichts verlassen muss. Zweifellos kommt ein Leben heraus aus all dem, mein Kommentar darüber ist nur beschränktes Wissen, Mutmaßungen, die von der Wahrheit genau das Gegenteil darstellen. Das habe ich mitt­lerweile erkannt. Nur irritiert es mich heute immer noch genauso stark.

Es ist vielleicht kein Mensch so ehrlich, dass er imstande ist, gegen sein Leben zu gehen. Erkenntnisse kann man höchstens dann haben, wenn es für jede Angelegenheit längst zu spät ist. Er betrügt alles und glaubt, die reine Wahrheit zu sagen. Dann stellt er sich selbst als zweifelhaft. Mittlerweile aber haben sich so viele dunkle Geschöpfe notgedrungen gegen seinen Willen eingeschlichen, dass er von nun an diese zu den Wahrheiten ohne eigentlichen Unterschied stellt, da er sowieso nicht weiß, was Leben ist, was davon wahr sein könnte, was nicht.

Resch: Was nicht?

Jolanda: Sich selbst, es muss genug sein, zu vergessen, was man außerdem versäumt, alles kann keiner tun, ein Genug wird es nicht geben, dazu hat die Zeit selbst zu wenig Zeit. Endlich ist auch be­wiesen, dass Bequemlichkeit auch dort ist, wo man sie nicht beachtet oder vermutet. Mehr, sagt es zu mir oder zumindest, anders, du tust ja viel zu wenig für das Eigentliche, bei deiner ganzen Strebsamkeit bist du genauso viel Faulpelz. Das habe ich Dir gesagt, dass Du es richtig verstehen sollst! So lautet meine Geheimsprache.

Das Leben lasse ich sein, wie es ist. Es könnte anders sein, als ich imstande bin zu vermuten, aber sonderlich erschrecken würde mich alles nicht können. Und wenn alles anders ist, so warte ich auf sein Ende, einen einzigen Augenblick der Wahrheit als Leben gehabt zu haben, ihn allein stehen gelassen zu haben als Erklärung oder Antwort, die höchste Leistung dafür hergegeben zu haben. Verraten wird nichts werden, das kann es nicht, es ist zu gering­fügig. Aber ich habe mir selbst geantwortet, so wie es verlangte.

Es kann sowieso nicht weit her sein, demzufolge, wer noch zur Freude aufgelegt ist, ist nichts anderes als das Tier, das es nie bis dorthin bringen wird, dieser Tatsache so auszustellen durch alles, was es zu tun meint. Aber der Mensch kann nichts Begnadetes sein, hier heute gerade deshalb einer Sache zu entkommen, die vielleicht sein Bemühen darstellt. Er wird hingegen immer tiefer hineingezogen, um aus dieser Erbärmlichkeit etwas zu machen.   

Kommentar: Die Auseinandersetzung mit der eigenen Wertigkeit führte notgedrungen zur Feststellung der eigenen Begrenztheit durch den Tod und zur Frage des Glaubens.

Jolanda: Es gibt für mich wahrscheinlich nichts Schrecklicheres als sterben. Sollte es, was ich fast annehme, in mir liegen, als Lebenshaltung oder Anschauung oder als Bemühen, zeitlebens ihm entgegenzuwirken, so waren es entsprechende Versuche, denn es bedarf immer dieses Problems. Es ging um den Tod eigentlich, der mich zwar nicht in einen Wahn trieb, dass ich als verrückt erklärt werden müsste. Nein, etwas rettete mich davor. Zwar halte ich an allen Behauptungen fest als einem Punkt, der auch stehen kann, um das Nächste daraufzusetzen, aber es ist meine persönliche Politik, die mir oft als eine zitternde vulkanartige Tatsache erscheint. Das Maß des Glaubens darin kann nicht stärker sein, dann wird alles schwach, oberflächlich, unwirklich, wie lahmgelegt ich zum Selbst!

Ich fühle und weiß um die Gefahr. Denn wenn irgend nur das Gering­ste geschieht an Widrigem, wo ich nicht mehr standzuhalten vermag, bis heute hatte es nichts von dem, wie stark ein Kampf auch war. Eine geringe Veränderung wurde meiner Vorstellung nach heraufbe­schworen. So z.B. fiel bis heute alles ineinander, indem ich es zu beherrschen imstande war. Ist aber etwas, was diese Regel oder diese Versöhnung nicht mehr zulässt, und dass es nicht mehr an mir liegt, sondern ein Fehler wird, der nicht behandelt werden kann, so ist bewiesen, dass die Maschine endgültig unverständlich ist. Zu spät vielleicht nur für mich.

Resch: Zu spät?

Jolanda: Vor dem habe ich immer Pillen genommen, die aber einfach zu teuer wurden, da ich jedes Mal 20 Stück nahm, um dieselbe Stärke in der Wirkung zu haben. Da ich immer nur am Abend die Zeit hatte, das durchzuführen, fiel sein Effekt in die Nacht zwischen 1–2 und 3– 4 Uhr morgens. Es weckten mich Krämpfe, um die es ging. Es war keine Sache, es erledigte meine Sinne, ich saß unterschied­lich lange auf der Toilette, erlebte eigenartige Höhepunkte, der Schmerz, je qualvoller er wurde, konnte von mir als das Lustvoll­ste empfunden werden. Es verwandelte sich immer so, ohne überhaupt den Schmerz noch als Schmerz zu empfinden.

Es gab keine so gestaltete Lust im ganzen Leben in keinem Bett, die dem entsprechen könnte, denn meine Persönlichkeit erlebte sich darin wie in einer Verwirklichung, die es nirgends geben durfte.

Das Wie wird unvergleichlich bleiben, auch verborgen, denn alles geschah trotzdem, wozu keine Welt notwendig war. Vielleicht empfand ich seine Stärke, den Schmerz, wie künstliches Antreiben einer Sache, die ich sonst nirgends erleben durfte. Es trieb mich von alleine, denn, wie automatisch stöhnte ich unter dieser Vorstellung, dass es Kraft gibt und vieles, wonach es krank war, egal was, es liebte mich, wir fanden zueinander als Stärke und nicht als Tote. Ich kann es nicht durchschauen und ich kann es heute nicht mehr darstellen, wie oder was darin geschah.

Der Ohnmacht nahe war ich aus Schwäche, die diese Krämpfe ver­ursachten. Ich wandelte mit allem trotzdem im Leben, denn darin erlebte ich es bewusst als etwas. Undefinierbar zwischen tatsäch­lichem Schmerz und seiner Lust, denn beides ließ zusammen dieses Dritte entstehen, womit ich es finden konnte.

Warum ich zu bestimmten Zeiten aufrichtige Gedanken führe, sehe, dass ich wieder etwas zu verändern habe? Es betrifft dabei immer nur Dich. Allein der Gedanke erscheint mir als die halbe Arbeit. Dass ich Dich so gut, so einverstanden mit mir sehen kann, das ist keine so selbstverständliche Angelegenheit, denn Du bist und bleibst mit Deinem Ganzen meistens unerreichbar und das aus eigener Unmöglichkeit, was ich genauso wenig er­klären kann.

Was für mich etwas vom Schlimmsten darstellt, ist das Schlimmste, wenn ich Dich in Gedanken nicht erreichen kann. Es macht mich einsam, verlassen, ich fühle mich vergessen und deshalb sehr arm. Aber es ist genau als stünde etwas zwischen Dir und mir, dass es so sinnlos scheinen muss, was aber keine Wirklichkeit beweist. Denn ein anderes Mal, und wenn es bei einem einzigen Mal bleiben müsste, so war es doch so nahe, so unerklärlich an allem mit dem Leben oder seinem Wunsch, das auf eine andere Weise zu erreichen, was nie das sein kann. Es wird es auch nicht geben, es wird, wie vieles bei mir, eine Illusion bleiben.

Resch: Illusion?

Jolanda: Aber seit gestern denke ich, es kommt letzten Endes auf das Gleiche hinaus. Das aber gefunden zu haben, ist neu. Das geschah nie in dieser Weise, und es erscheint mir wie ein Ge­lingen einer unendlichen Schwierigkeit, gesprochen zu haben, zum ersten Mal. Ich weiß, dass ich hier immer eine unvergleichliche Schande bleiben werde. Es liegt ein Missverhältnis heute genauso darüber, weshalb ich mich nie bis zu diesem Punkt vorwagte. Hier ist mein Verstand schrecklich irre. Ein anderer würde annehmen, dass es eine Ausrede ist, warum ich für alle Wege seine Möglichkeit nie mit Überzeugung angenommen habe oder etwas tat. Doch könnte es anders sein, sollte es hier weitergehen können? Es zu tun, wenn es so ist, ist kein Glaube. Das Höchste ist für mich das Gefühl, wenn es stark genug wird, bitten oder hoffen zu dürfen. Es ent­täuscht mich das keineswegs, ich glaube eine irre Idee überwunden zu haben, die mich daran hinderte. Ich verstand den Glauben als ein fast realistisches Wissen oder Gottesbild. Das alleine sagte mir, es ist nichts für deinen Verstand, und selbst schuld daran zu sein, verändert nichts.   

Kommentar: Mit der Frage des Glaubens verbindet sich notgedrungen auch die Frage nach Gott.

Jolanda: Hintergehen ist sehr schlimm für den, der nicht anders kann, der diese Untugend hat, der ist bewusst oder unbewusst bei der größten Wahrheit. Zumindest steht er zu ihr durch die Erfahrung. Denn, auch wenn er sich vor ihr nicht richtig zu verhalten versteht, hat er bisher ohne Zweifel alles bestens dafür verstanden. Aber hier dürfte er eigentlich nicht versagen. Vor Gott ist es am schwersten, aber am schönsten. Ich weiß, dass nur dadurch mein Leben überhaupt Leben sein kann. Alles an Beziehung zu ihm kann mir noch lange nicht be­wusst werden, jedoch der Tatsache, dass wir zum ersten Mal bewusst an­einandergeraten sind, werde ich entsprechen müssen. Es ist höchst seltsam, was es mich fühlen lässt. Ich sprach nur von Möglichkeiten und Unmöglichkeiten, jetzt weiß ich, dass es das war, denn es fühlt wieder Leben, was es so noch nie gab, und es ist deshalb so stark, weil es glaubt, die Möglichkeit gestellt zu haben. Es sagt nicht mehr vielleicht oder gar unmöglich, es sagt gewissermaßen, hier, ich schenke es Dir, tue was Dir gefällt.

Resch: Und Glaube?

Jolanda: Der Glaube wird die schwierigste Sprache der Welt sein, davon bin ich überzeugt. Eine Präzision herzustellen, verlangt dieses eigene Maß, das der Verstand nicht erfassen kann. Es ist zwar ein Ver­stehen, aber es hat mit diesem Verstand keine Ähnlichkeit.

Es juckt mich hier heute schon etwas, was ich nicht kenne. Hier fühle ich etwas Widriges, was sehr stark ist. Der Gläubige ist eigentlich der Herausforderer, denn ich weiß, dass Glauben für mich heute nie Glauben ist. Das erhoffe ich auch nicht so wie früher, als ich überhaupt keine Ahnung hatte und für mich Glauben gleich Wissen war. Jetzt weiß ich, dass dies eine Unmöglichkeit ist. Glauben, so wie ich es verstehe, kann eine starke Verschwö­rung an ihn sein, in die ich alles hineinwerfe, so wie: ich gebe dir alles, er misst nach, wenn du es verschmähst, ist es deine Schuld – mein Schmerz, das bitte verstehe, meine Schwäche, diesen Schmerz alleine nicht ertragen zu können, hat so viel Missver­ständnisse beiseitegelegt als es möglich war, darum zeige mir weiter was dir nicht gefällt. Ich werde so viel Gift ausschütten aus diesem Hirn, nur bleibe nicht stumm, denn, warum hast du mir sonst das gegeben. Du an erster Stelle hast den Glauben an meine Möglichkeit gestanden, der zufolge ich ihn zu tragen bis heute imstande war.

Dein Gott ist nicht mein Gott! Das tut mir weh. Mein Gott ist so wie ich bin, eine Hure, denn ich sehe keine Liebe bei ihm, die war nicht da. Er erpresst mich, verzeiht es nicht, dass ich nicht anders verstehen darf, er macht mich heute unglücklich. Du hast etwas Schreckliches getan, ohne zu wissen, ohne zu wollen. Ich wollte es zweifellos so. Ich bin zu nahe gegangen. Ich verstehe Gott ganz anders, da es nicht möglich ist für mich, Gott vielleicht das sein zu lassen, was er in Wirklichkeit ist (gerecht, gut, immer, überall). Er kauft mich, weil ich kein Unglück mehr ertragen kann. Das ist bereits lange in mir, er ist für mich keine Sekunde Schmerz wert, er freut sich über Krüppel am meisten.

Ich war an seinem Leben nie interessiert, warum lässt er die Hände nicht von mir. Ja, Du warst wunderbar, aber es war ein schrecklicher Irrtum.

Ich habe diesen Gott, ich taste damit nichts anderes an als Gerech­tigkeit, deshalb hasst er mich; es ist bedauerlich, keine schönen Bilder machen zu dürfen. Er kann mich auch in einen Wahn treiben; ich würde sein Glück nie ehrlich fühlen. Was will er noch von mir?

Warum muss ich unglücklich sein und so entsetzlich? Wer wird stärker sein? Du weißt, dass ich nie gegen Dich kämpfen könnte, würde es mich nicht zwingen. Weißt Du aber, dass ich unendliches Glück zu verstehen, zu verwirklichen imstande wäre, gäbe es mir auch nur eine Gelegenheit dazu.

Ich möchte weitertrinken, nie mehr erwachen, denn es träumte bereits vom Wunderbarsten! Bist Du nicht einverstanden? Es scheint mir nein. Nicht? Oh, Du bist hart, Du hast bestimmt recht, Du willst keinen Rausch, sondern Wahrheit.

Aus, ich will nicht falsch verstehen: dasselbe was für Dich Leben ist, dasselbe bist hier für mich Du. Ich weiß es, hier kann ich mich selbst zerfressen, weil es nicht anders geht. Ich wollte kein Leben, so wie es ist und war. Nichts davon, gar nichts davon. Ich möchte etwas, was alles ist, dann nichts mehr, dann tatsächlich sterben. Ich will mich nicht schämen müssen für mich selbst, eine andere Wirklichkeit nicht gefunden zu haben. Diese, wäre sie realisierbar, so wie ich möchte, genauso viel und wahrscheinlich unendlich viel mehr,  dann wüsstest Du, was Lust für mich ist.

Ich kann dieses Schweigen nicht mehr ertragen. Verstehst Du, dass ich zu viel trage, dass alles Unglück ist. Du musst etwas sagen.

Etwas lastet auf mir. Es könnte etwas anderes nie so sein. Die Freude oder Dein Einverständnis oder das Glück kann ich nicht oder so schwach erleben, etwas anderes möchte ich nicht. Aber warum darf es das nicht geben? Warum? Bin ich schuld daran? Das werde ich niemals ein Leben lang so ertragen können, denn dann war es etwas anderes. Warum bin ich kein anderes Tier, vielleicht ein Maulwurf, alles möchte ich sein, aber nie, was mein Leben ist. Das ist eine beispiellose Angelegenheit, es wird hier nicht weiterfinden. Oh, ich wollte leben, aber ich wusste nicht, das es jemals so kommen könnte, dass es nur Entsetzen sein kann. Es ist irre, was habe ich damit zu tun? Ich kann nichts verstehen, aber hier wird es enden müssen. Denn von Sinnen sein, bringt keinen zum Verstehen.

Resch: Ich kann nichts verstehen?

Jolanda: Ich wusste nicht, dass alles so grenzenlos ist. Gott ist ein fast sichtbarer Spuk. Er kann immer nur derselbe sein für jeden, aber jeder erlebt seine Realität auf seine angepasste Weise. Zwischen allem Denken und Fühlen liegt er, wovon ich nichts weiß, und genau­so ist er das Dazwischen zwischen mir und allem Äußerlichen. Hier entsteht der Charakter vom Menschen bewusst oder weniger bewusst oder Millionen Mal verschieden. Eine vielleicht sinnvollere Charak­terlehre wäre das, denn, was gefährlich ist und irritiert, sind alle anderen Charaktere, die nehmen, anstatt zu geben, dann, wenn sie informieren. Glauben ist das Vorzüglichste, was ein Mensch zu verstehen imstande ist. Glauben ist aber genauso Millionen Mal anders und fast immer zu schwach, wenn er zu einer Information gelangt oder alle Anspielungen, die ich meine, die es für jeden anderen genauso geben muss, wie ich sie erlebte, um dort, wo er selbst war, nicht Schaden zu erleiden, denn hier ist sein ein­ziger möglicher Glaube, und hier allein wird er notgedrungen ab­geschwächt.

Ich weiß es immer noch nicht, was eigentlich geschehen ist! Es singt als Leben, es muss aber etwas Endgültiges geschehen sein! Es versagt hier der Verstand, der immer nur Unglück verstanden hat. – Hier, je nachdem, schäme ich mich, aber trotzdem glaube ich, dass es als Wie oder Was bleiben wird in dieser Weise, denn es hat sich mir geschenkt als Leben! Warum es das tat? Es ist für mich endgültig unverständlich, da es mich eigentümlich trifft. Alles zusammen und als was es mich trifft, das ist das Unfassbarste, was in einem Leben geschehen kann. Aber ich muss aufhören, darüber zu sprechen, verstehst Du das? Es ist seither so stark in mir, dass ich nie etwas so gefühlt hätte, kein Zustand, den ich damit vergleichen möchte, könnte so gewaltsam sein wie dieser in seiner unsichtbaren Kraft hier bis drüben.

Freiheit – es ist da wie ein Ort, der Leben hat, Leben, wie es meine Phantasie träumte. Es ist das Leben selbst, und so wie es heute fühlt, mich versteht, schämt es sich zu sagen, es eigentlich hier nie als Realität erwartet zu haben, obwohl es hasste und damit gestorben wäre, weil es das vielleicht immer schon wollte und nicht mehr verstehen konnte, warum diese Welt so ist.

Ich werde Gott nie böse sein für dieses Leben. Gott verstehe ich so, wie er ist. Dieses Geheimnis aber werdet ihr nie erfahren, da ihr für ihn keine Menschen seid. Ich bin an euch zugrunde gegangen, weil ihr von Gott nichts versteht und nicht wollt. Ihr habt mir damit das Leben geraubt, und ich konnte es deshalb hier nicht finden.

Denkt oder glaubt, euer Gehirn soll es hören, ihr könnt, was ihr wollt, damit; Gott kennt nur Freiheit, und das ist eure Schande, denn ihr seid zu banal, um frei zu sein. Er zwingt nicht, das ist das, was er nie tun wird, was euch aber alles kosten wird. Denn jeder wird denken, nun, ich sterbe ja sowieso, also kann ich frei leben ohne diese Plage, die keinen anderen Sinn hätte, als Unbe­quemlichkeit und Verzweiflung in den Tod, wenn es stark wird.

Er will hier so viele Blumen blühen sehen und ist darüber nicht mehr bewusst, warum das Leben trotz der schönen Blumen so schwer sein muss. Das ist alles, wohin es noch reicht, aber ich kann hier nichts tun, auch nichts sagen, was verständlich wäre als Hilfe dafür.

Ich wollte etwas, und wenn es unmöglich wird, dann weiß ich das als Einziges so klar wie kaum etwas anderes, dass er bis hier mich geführt hat, mein Leben gehörte ihm und nicht mir.

Ja, Unglaube ist tatsächlich der einzige Schwachsinn und ein ent­setzliches Zeugnis für mich. Doch es ist fast unglaublich, so ver­logen zu sein und sein zu müssen und wahrscheinlich anders nicht zu ertragen – es ist schief.

Gestern erlöste mich der Gedanke an ihn so weit, dass der ganze Zustand vergessen war. Ich fand einen halbwegs geraden Gedanken zu ihm, aber doch kann ich hier nur eines tun, ehrlich sein, darum zu bitten, anders denken zu dürfen. Es geht alles nicht mehr, wenn das nicht gelingt.

Gott ist gerecht. Ich warte darauf, das weiß er. Gott war hart zu mir, sehr hart, aber jetzt werde ich ihn fragen, warum? Seine Realität für mich muss genauso Bedeutung bekommen – anders zwar als eure scheinheiligen Reden – er weiß, wen er an mir hat, er hat mir immer schon eine Sonderstellung eingeräumt, er war zu stark hinter mir her, er ließ Unglaubliches an mir geschehen an Negativem, aber jetzt ist es an der Zeit, mich zu ihm zu bekennen.   

Resch: An Negativem?

Jolanda: Es gibt Nächte ohne jemals zu erwachen als dann am Morgen, und es gibt andere, die so seltsam sind, man müsste meinen, mit einem starken Rausch gut zu schlafen, aber das Wort Rausch hat für mich dieselbe unterschiedliche Realität als für andere vielleicht.

Ein Rausch, ich trinke ziemlich viel, aber ich werde davon erschreckend klar, zumindest tritt ein anderes, aber nie ein betrunke­nes Bewusstsein ein. Es ist anders, aber nicht minder als Leben – es entdeckt sich darunter neu – es ist anders als sonst. Ich habe ein ziemlich abhängiges Verhältnis zu ihm, denn ich trinke absolut nicht aus Feigheit. Nein, es ist anders, man könnte auch sagen, dass die Wirklichkeit schwach für meine Sinne geworden ist. Wer freut sich schon über stumpfe, phantasielose und deshalb unfreie Farben, die mich in ihre Höhlen verbannen wollen, was den Tod genauso bedeutet, da Schlafen tatsächlich blutig ist, schlafen, weil das Leben vorgibt, kein Leben mehr zu haben

Ich bin unsichtbar tot, ich bin mir unverständlich ausgesetzt, wogegen es nichts gibt. Ich will Deinen Trost nicht mehr, denn es ist das Missverständnis, das notgedrungen stehen muss, das, was ich vergessen will.

Ich habe einen Traum so weit gebracht, etwas von ihm zu haben. Es will nun endgültige Veränderung des Ganzen.

Dass Du schön und gut bist, ist nicht genug, glücklicher zu sein, obwohl es eine unvergleichliche Geschichte war mit Dir, für die ich danke, da es dem Leben irgendetwas Lebendiges gab, das eigent­liche Leben, das vielleicht damit nicht und nie mehr zu sterben braucht. Nur muss ich jetzt denken, das, was ich habe, zu beschützen, zu behalten, damit muss ich woanders bleiben. Die Idee davon ist der Sauerstoff, mit dem ich es zu realisieren versuche. Ich habe eine unvergleichliche Sache von Dir erhalten, ich könnte es nicht erklären, jedoch kannst Du es entweder wissen oder nicht wissen.

Aber mit Dir wird es immer grauenhafter und schöner auf der ande­ren Seite. Du bist zwar die beste Medizin für die schrecklichste Krankheit der Welt. Du bist, das wird immer mehr mein Privatbesitz in seiner Art. Ich verfüge nicht über Dich, aber ich habe Dich gestohlen. Was ich mache, ist aber noch nicht einmal Absicht, denn es ist häufig, dass Du mich entsetzlich behandelst. Ja, es ist Deine Geschichte, die ich spiele, so gut es geht. Wie? Ich suche etwas, ich versuche, es wird für Dich genauso richtig sein bis zu einem Punkt, den ich auch verstehen werde. Ich halte fest an allem, so kompliziert es auch ist und sein wird.

Für mich wird es so sein, was Du selber auch nicht wissen kannst in einem Sinne: ich werde es als ein so Unendliches bewahren als ich es imstande war, zu erfassen. Das ist für meinen Begriff zu viel für mich, immer zu viel, weil das Gegebene von Dir immer dasselbe Geheimnis ist. Es hat keinen beständigen Charakter, deshalb ist es leicht und schwer und hat nur das Geheimnis, nichts außerdem, weshalb es vielleicht so ist, wunderbar ohne Ende, denn seine Wahrheit kenne ich trotzdem ohne besonderes Verstehen. Es ist Glück und nirgends etwas außerdem. Leben ist Glück, anders wird es mich nie zu belehren imstande sein. Unglück ist weder Leben noch Wahrheit. Zwar hätte ich

lebenslänglich umsonst gewartet, wärst Du mir nicht begegnet.

Ich muss, ich muss alles so stellen, Dich zu gebrauchen, so wie es auch für mich selbst nicht leicht oder klar verständlich ist. Es sind notgedrungen alles Anspielungen, die keine andere Bedeutung sonst darstellen. Es ist, Du weißt es, Du und ich sind irgendwie eine Leiter für meine Zwecke, dass es so geschieht, wird zweifel­los höchste Richtigkeit besitzen. Da Du es zulässt, worin ich Dich nie gefragt habe, so nehme ich an, dass es Dir so lange im Grunde einerlei ist. Zwar war es oft verhängnisvoll, immer wieder, und doch musst Du gerade das nicht negativ beurteilen.

Was mich alleine störte, war, das zu sehen. Dass es bodenlos für Dich war, ist meine Realität. Dich hätte ich am allerletzten dafür gebrauchen wollen.

Gott hat es vielleicht allzu gut mit mir gemeint damit. Zwar kann ich aus Deiner Realität fast gar nichts schließen als alleine das Mögliche, das ich nicht verstehen kann, was meine Phantasie auf ihre Art gebraucht, es ist vielleicht der nahrhafteste Ersatz und die einzige wirklich brauchbare Nahrung für mich. Aber zu viel, alle Realität ist verdreht, wenn ich sie zu erklären versu­che. Aber das ist ge­rade der Sinn der Geschichte, alles selbst zu erarbeiten.   

Resch: Ja, alles selbst zu erarbeiten.

Jolanda: Heute beobachtete ich wieder etwas. Es ist so, ich vermisse das Leben, wenn ich mich in keinem Zustand befinde. Ich weiß, dass ich es in diesem Nichts nicht sehr lange aushalte, es ist mir darin erschreckend, und ich denke, es so schnell wie möglich aufzuheben. Die Bemühungen darum aber sind seltsam: ich suche, ich suche übe­rall, aber es ist verborgen, was es eigentlich meint, denn auf die Tatsache hin zu schließen, bleibt es total fast ganz unerklärlich. Jedes Mal finden erstmals reine Gedanken statt, in denen es nicht so klar ist. Sie haben nüchterne Eigenart, sie haben nicht das geringste Gefühl, es ist ein kühles Vermissen, als würde es lauter Punkte feststellen, in denen es dem Leben vorwirft, dass es nicht wahr ist, dass es nie als Leben da ist, dass es einfach anzuzweifeln ist, und das dauert so lange, bis es in einen anderen Zustand mündet, in dem allmählich Gefühle entstehen, was wahrscheinlich die Folge dessen darstellt.

In dieser Phase kann ich sehr schöne Dinge denken, erleben als Gefühl, was aber als Höchstes nur Du sein kannst.

Es ist möglich, dass Du das alles genauso gestellt hast, da es in Deiner Macht lag, es so zu stellen. Du hast bewirkt, ich habe vollzogen.

Gut oder Böse existiert in der Welt, aber nicht im Verhältnis eines Menschen zu Gott. Denn jeder Mensch ist richtig, d.h. gut im Moment, als Gott ihm die Wahrheit seiner Seele schenkt, die heißt Liebe, die Zauberkraft des Lebens, worunter der Mensch imstande ist zu tun, was Gott will.

Also gut, ich habe mich aufgegeben, ich mag das Leben in jeglicher weltlichen Form als ein großes Vergehen betrachten, an meiner Stelle ist das ganz richtig, denn meine Möglichkeiten sind aufge­braucht, es fehlt mir an Menschlichkeit und Respekt, da er sich an mich nicht gewöhnt. Außerdem scheint mir ein Beginnen als fragwürdig. Als Welt habe ich die Notwendigkeit der Zucht als Erstes zu erlernen, um auf mich selbst als das wahre Wesen, zu stoßen, was sich aber vergisst, dabei zu bleiben. Jene Dinge alle, die sich hier zu verlieren gezwungen sahen, können von mir aus unmöglich sich irgendwo anders finden. So wartet das Gute irgendwo, nur wo es auch wahr bleiben kann, um sich aus Krankheit und Gottlosigkeit ernsthaft loszuschälen.

Denn mein Kopf, so konnte es geschehen, wurde schwächer und schwächer. Bis zum hellsten Wahn häufte es sich unaufhaltsam in mir an, vergessend, ja sogar verratend, dass ich wirklich nicht mehr weiterleben dürfte: wir sind geschieden in Frieden, bis ich gesund einer Tatsache wieder standzuhalten vermag. Dann bin ich der Mensch, wie Gott es will und ich selbst es möchte, denn Jegliches hatte ich dazu aufbieten wollen, nichts aber gereichte mir zur Änderung oder Besserung. Krank oder gesund, es ist nun so, dass ich mich dieser selbst verschuldeten Pest auch selbst irgendwo entledigen will, wenn es mir gegeben ist, eine geistige Tatsache durch eine andere zu ersetzen.  Ein persönliches Zusammenarbeiten war dies alles nicht, vielmehr zertrennte sich alles.

Resch: Weg von der selbst verschuldeten Pest!

Jolanda: Die Zeit war recht, solange sie Geist hatte und ich in ihr! Heute ist alles anders, ich muss ihn fassen, den vorgefassten Entschluss, denn das Leben weicht aus mir, verlässt mich. Auf andere hätte ich nie hören sollen, um nicht einem Irrtum derart zu verfallen in ihrem Sog dämonischer Realität. Ich führte ein unbeschreibliches Leben, weil ich es nicht mehr mit dem Verstand zu leben vermag, weil das Fahrwasser, in dem ich treibe, nur noch eine rettungslose Sache scheint. Es hat einen Charakter angenommen, der unbeschreiblich ist, immer größere Unverständlichkeiten, die mein Geist nicht mehr erfasst, wie oder was, so musste ich Deine Hilfe haben. Da ich nicht mehr mit Dir arbeitete, stehe ich völlig verloren da und erkenne diese einzige Schuld. Was war dieses Tun, worin ich mich nicht mehr sehen möchte? Ohne Dich will ich nun keinen Schritt mehr weitergehen. Wenn du mir weiter­hilfst, bei Dir zu bleiben, im Vertrauen auf das, was ich nicht kenne, aber das alleine wahr bleiben wird, weil es immer und nach so langen Entfernungen Ruhe und friedvolle Liebe dort zu sein er­möglicht, was es nirgendwo für mich geben kann. So führe mich zurück, lass mich dem Verständnis näherkommen.

Wozu begegne ich aber dem Arzt? Um ins alte Gelage zurückzukehren, Geistesgestörtheit fortzusetzen. Ich will so vorsichtig sein.

Auf alle Fälle bist Du nicht mehr, ich vermisse etwas seither. Und wieder bin ich überzeugt, dass die Liebe meine einzige Hoffnung ist. Sie ist so viel anders als das ganze übrige Leben. Ich habe innerlich einen heftigen Wunsch, mich nur noch um sie zu kümmern. Sehnsucht habe ich immer, vielleicht ist aber diese Sehnsucht etwas ganz anderes, zumindest wurde sie nie befriedigt durch die körperliche Liebe. Aber ich kann beides nicht vonein­anderhalten. Ich glaube innerlich, dass es irgendwie einen Mann geben muss, dem diese große Sehnsucht gilt. Ich kann viel geben, deshalb kann ich diesen Mann nicht finden, der mir das zurückgeben kann. Warum habe ich so viel Erfahrung gebraucht. Ich weiß aber trotzdem nicht, mit welchen Mitteln dieser Mann ausgestattet sein muss. Ich kann höchstens zweifeln, ob es möglich ist, denn die Liebe habe ich bis heute noch nicht total ausgeschöpft dabei. Ich zeigte mich aus irgendeinem Instinkt anders und nicht so, wie ich tatsäch­lich bin. Ich war immer gehemmt, man hat mich nie wahrgenommen oder erkannt. Alle Liebe bis heute wurde nur teilweise befriedigt.

ABSCHIEDSSITZUNG

 Resch: Man hat dich nie wahrgenommen?

Jolanda: Bei unserer ersten Aussprache, zum Schluss, als du aufstandst, hast du dich gebeugt, tief gebeugt, und ich reagierte ganz schnell. Heute denke ich, dass das die schönste Liebkosung war von Dir. Ich lege es so aus, es war nur symbolisch, eine Tatsache, eine Wahrheit, ein Beweis. Aber ist es für mich fassbar? Sicher musste ich mich dafür nur täuschen, weil  ich es auf diese Art alleine verstehen kann. Verzeih mir, ich bin heute hier und lebe die Gegen­wart.

Ich glaube, sehr reif zu sein, es ist schon alles sehr ausgeprägt, was ich weiß und was ich wünsche. Du bist nicht zu jung für mich, wenn Du auch Jahre älter bist als ich. Ich glaube, dass in Dir alles eine wunderbare Mischung ist. Du bist ursprünglich, natürlich, spontan, ehrlich – verblüffende Eigenschaften, die mich so gefangen nehmen. Ich kann nicht anders als staunen über so viel Unaussprechliches. Du bist von einer mir unbekannten Welt, das blieb als Erinnerung in meinem Gehirn und wird manchmal so groß in mir, dass meine Sehnsucht erwacht und mich in tiefe Trauer und doch auch Freude versetzt.

Es scheint, dass überhaupt sehr viele Menschen wenig Geist besitzen. Dass ich einen geistigen Weg gehe und ständig Angst habe, mich darin zu verlaufen, weil ich in meiner Umwelt kein Muster habe, nicht messen kann, mich nicht orientieren kann, dass ich nur immer fest­stellen muss, dass Schlechtigkeit das ist, was andere, die meisten, im Leben gelernt, aber keinen geistigen Weg je gesucht haben, dass sie sich an geistigen Menschen stoßen mit ihrer angeborenen oder im Laufe der Zeit angelernten Dummheit, mich bekämpfen und auch die größere Chance haben, mich zu besiegen. Denn gegen Dummheit oder Be­schränktheit kommt selten eine intelligente Person auf.

Du sagtest einmal, damals, „Jolanda“ zu mir. Weißt Du, wie Du es gesagt hast? Was, wie? Es lag alles drinnen, ich möchte es immer so von Dir hören, das wäre zu viel. Ich kann es nicht beschreiben, nicht aussprechen, wie ich es hörte, niemand sagte es jemals so zu mir.

Belehre Du mich eines Besseren! Ich sagte immer schon, ich glaube an Dich. Das ist alles, mehr kann ich Dir nicht geben. Das habe ich Dir gegeben, gebe es Dir bei jedem Gedanken. Das habe ich aber in meinem ganzen Leben noch nie getan.

Ich gehe wieder auf die Straße, denn ich will nicht an Dich denken, nicht so, wie es in mir geschieht. Du bist, einfach ausgedrückt, ich werde mit allem irgendwie fertig. Aber schaue mich an, in die Augen, vielleicht vermögen sie alleine das Unfassbare, das Unendliche, wie es ist, auszudrücken

Resch: Jolanda, gehe nun in Freiheit und Frieden! Mein Wohlwollen wird Dich stets begleiten.

Jolanda: Du wirst mich  ja bald besuchen. Wie kann ich es möglich machen, Dir bei Deiner Ankunft gebührlich zu begegnen?

Für diese Zeit, für dieses Jetzt, möchte ich Dir ein paar Worte schicken, die aber das Eigentliche nicht sind. So wie ein oder zwei sehr liebe Worte, die sich selbst in ihrer Süße nur so kennen, dass es nicht Worte mehr sind, sondern, Dir möchte ich es sagen, aber ich kann nur eines: an Dich denken und bei Dir sein.
In der Hoffnung, dass Du das Bild noch zeitig bekommen wirst und dass ich in Liebe bei Dir bleiben darf, grüße ich Dich herzlich.
Jolanda, 14.12. 1973

 SCHLUSSBEMERKUNG

Jolanda ging nach einer weiteren persönlichen Orientierung eine Ehe ein und wurde Mutter von zwei Kindern.

Andreas Resch: Der Fall Jolanda. Heilung einer Psychose. In: Andreas Resch: Heilen. Formen und Perspektiven. Innsbruck: Resch, 2015 (Reihe R.; 9), S. 146-203