Andreas Resch: Maria-Anna (Esther) Blondin

Maria-Anna (Esther) Blondin

(1809 – 1890)

Gründerin
der Kongregation der Schwestern der heiligen Anna

Seligsprechung: 29. April 2001
Fest: 2. Januar

Maria-Anna (Esther) Blondin wurde am 18. April 1809 als ältestes von 12 Kindern des Johannes Baptist Blondin und der Maria Rosa Limoges in Terrebonne, Québec, Kanada, geboren und noch am gleichen Tag auf den Namen Maria Esther Christina getauft. Großgezogen wurde die Kleine im Schoß ihrer tief christlichen bäuerlichen Familie, wo sie von der Mutter eine auf Vorsehung und Eucharistie zentrierte Frömmigkeit und vom Vater einen gediegenen Glauben sowie eine schier endlose Geduld im Leiden erbte. Kindheit und Jugend verbrachte sie zu Hause, wo sie auch von den Eltern unterrichtet wurde, weil es in dem Dorf, das seit 50 Jahren im englisch-protestantischen Einflussbereich lag, keine französische Sprache und keine katholischen Schulen gab. So wurden Esther und ihre Familie zu Opfern des Analphabetismus, der in den französisch-kanadischen Gebieten des 19. Jahrhunderts gang und gäbe war.

Schon als Kind begleitete Esther ihre Mutter des Öfteren in die Pfarrkirche, wo sie stundenlang regungslos und schweigend vor dem Allerheiligsten Altarsakrament verharrte. Als junges Mädchen lernte sie das drückende moralische Leid, die materielle Not und vor allem die intellektuelle Armut nach dem Anschluss Kanadas an England kennen. Neun von zehn frankofonen Kanadiern konnten nur mit einem Kreuz unterschreiben.
Mit 20 Jahren trat sie 1829 in den Dienst der Kongregation der Schwestern von Notre Dame, die sich vor kurzem in Terrebonne niedergelassen hatten; als Lohn erbat sie, lesen und schreiben lernen zu dürfen. Nach einem Jahr schrieb sie sich dann als reguläre Schülerin ein. 1832 trat sie in das Noviziat des Instituts ein, wurde jedoch wegen Schwäche und Kränklichkeit nicht zu den Gelübden zugelassen.

Nach einer Zeit der Erholung wurde Esther 1833 Mitarbeiterin der Lehrerin der katholischen Volksschule des Dorfes Vaudreuil, wo sie auch eine der Ursachen des in dieser Gegend vorherrschenden Analphabetismus entdeckte, nämlich eine Verordnung der Kirche, die es Frauen untersagte, Knaben zu unterrichten, und Männern, Mädchen zu unterweisen. Da man zwei Pfarrschulen nicht bezahlen konnte, entschlossen sich die Pfarrer häufig, auf die Schule generell zu verzichten. So blieben die jungen Leute ungebildet und unfähig, dem Katechismus zu folgen, um sich auf die Erstkommunion vorzubereiten. 1838 wurde Esther zur Leiterin eben dieser Schule ernannt und befasste sich daraufhin schrittweise mit der Gründung einer Ordensgemeinschaft zur Erziehung der Kinder. 1848 begann sie, im Einvernehmen mit Pfarrer Paul Lupo Archambault, einige fromme Mädchen um sich zu scharen, um sie auf das Ordensleben vorzubereiten, und legte dem Bischof von Montréal, Ignaz Bourget, ihren mutigen Plan zur Gründung einer Schwesternkongregation „zur Erziehung der armen Landjugend in gemischten Schulen“ vor. Der Plan war innovativ und fast revolutionär für die Kirche der damaligen Zeit. Da der Staat dieser Schulform jedoch positiv gegenüberstand, erlaubte der Bischof ein kleines Experiment, um größeres Übel zu vermeiden.

Zwei Jahre später, am 8. September 1850, nahm derselbe Bischof in Vaudreuil die Gelübde der Gründerin und ihrer ersten vier Gefährtinnen entgegen und gab der neuen Kongregation den Namen Schwestern der hl. Anna (Abb.). Esther, nunmehr Mutter Maria-Anna, wurde die erste Oberin. Die anfänglich rasche Entwicklung der jungen Kongregation verlangte schon bald eine Übersiedlung. Im Sommer 1853 verlegte Msgr. Bourget das Mutterhaus nach Saint-Jacques-de-l’Achigan und ernannte als Kaplan den jungen Priester Louis-Adolphe Maréchal, der sich auf sehr direkte Art und Weise in die inneren Angelegenheiten der Gemeinschaft einmischte und in Abwesenheit der Gründerin sogar so weit ging, die Pensionspreise der Schüler zu ändern. Nach einem konfliktreichen Jahr zwischen Kaplan und Oberin, der es darum ging, die Rechte ihrer Schwestern zu verteidigen, stellte sich Msgr. Bourget auf die Seite des Kaplans und verlangte am 18. August 1854 den Rücktritt von Mutter Maria-Anna. Er berief Wahlen ein und trug ihr auf, das Mandat der Oberin nicht mehr anzunehmen, falls die Schwestern sie wieder wählen sollten. Um Gerechtigkeit bemüht, legte Mutter Maria-Anna dem Bischof den Protest der Schwestern vor, denen das Recht verweigert wurde, die von ihnen gewünschte Person neuerlich zu wählen – entsprechend den Konstitutionen, die er ihnen selbst gegeben hatte. Angesichts der unwiderruflichen Entscheidung des Bischofs gehorchte Mutter Maria-Anna schließlich, indem sie den Bischof als Instrument des göttlichen Willens betrachtete, und sie dankte „der Göttlichen Vorsehung tausendmal für das ihr entgegengebrachte mütterliche Verhalten, das sie dazu anhielt, den Weg der Drangsal und des Kreuzes zu gehen“.

Das unter so vielen Schwierigkeiten verlaufene Jahr wirkte sich stark auf ihre Kräfte aus, weshalb sie auf die Krankenstation übersiedeln musste. Der Kaplan aber bezichtigte sie beim Bischof der bloßen Simulation. Schließlich verlangte er ihren Ausschluss aus der Kommunität unter der Behauptung, dass sie nie die Berufung gehabt habe und auf die anderen Schwestern einen negativen Einfluss ausübe. Nachdem sich Mutter Anna-Maria etwas erholt hatte, wurde sie aus dem Haus entfernt und zur Leiterin des Konvents im Dorf Sainte-Geneviève ernannt, womit sie zur Zielscheibe für die neuen Oberinnen des Mutterhauses wurde, die unter dem despotischen Joch des Kaplans Maréchal standen. Nach vier Jahren Intrigen und Verleumdungen jedweder Art wurde Mutter Maria-Anna 1858 neuerlich abgesetzt und in das Mutterhaus zurückgebracht, mit dem expliziten Befehl des Bischofs, „die nötigen Mittel zu ergreifen, damit sie niemandem schade“. Wieder wurde sie zum Gegenstand zahlreicher Grobheiten und Ungerechtigkeiten. Ein ganzes Jahr hindurch übertrug man ihr keinerlei Verantwortung. Nach dieser Zeit, die sie als „das Jahr Null“ bezeichnete, wurde sie für die niedrigsten Arbeiten im Haus bestimmt, und dies bis zu ihrem Tod. Von den Studientagungen, die der Bischof über die neuen Konstitutionen hielt, war sie ausgeschlossen. Und obwohl im Generalkapitel von 1872 und 1878 zur Generalkonsultorin gewählt, ignorierte man ihre Wahl und lud sie zu den Zusammenkünften des Rates nicht ein. Dem Vatikan zugespielte Falschinformationen hatten zur Folge, dass die Jahre von Vaudreuil aus der Geschichte der Kongregation gelöscht wurden. Die ersten Approbationsdekrete des Instituts aus Rom nennen tatsächlich Saint-Jacques und nicht Vaudreuil als Gründungsort. Als Mutter Maria-Anna sich erhob, um auf den Irrtum hinzuweisen, wurde sie aufgefordert, sich wieder zu setzen, um ihr klar zu machen, dass man eine Kongregation mit Köpfen und nicht mit Steinen aufbaut. Eine Generaloberin ging in ihrer Boshaftigkeit sogar so weit, ihr die persönliche Korrespondenz mit Bischof Msgr. Bourget zu entziehen. In allem jedoch wahrte Mutter Maria-Anna das Schweigen und ergriff mutig das Kreuz, dass ihr dargereicht wurde. Zu den einfachsten Arbeiten in der Wäscherei und der Garderobe abgestellt, führte sie ein Leben des totalen Verzichts und garantierte so das Wachstum ihrer Kongregation. Ihr einziger Trost war, dass man sie zu Tätigkeiten bestimmt hatte, bei denen die Novizinnen mitarbeiteten, welches sie mit ihrer Geduld erbaute, damit sie ihre Unzulänglichkeiten mit den weisen Worten bewältigten, die aus ihrem Munde kamen.

Hier lag das Paradoxe eines Einflusses, den man zu neutralisieren versuchte: In den dunklen unterirdischen Räumen des Mutterhauses, in denen gebügelt wurde, lernten zahlreiche Novizinnen von der Gründerin das Beispiel eines Lebens in Gehorsam, Demut und heroischer Liebe. Einer Novizin, die ihr eines Tages die Frage stellte, warum sie, die Gründerin, zu so bescheidenen Aufgaben abkommandiert sei, begnügte sie sich in aller Vornehmheit zu antworten: „Je tiefer ein Baum seine Wurzeln in die Erde treibt, um so mehr Möglichkeiten hat er, zu wachsen und Früchte zu tragen.“ Die jungen Schwestern, die mit ihr arbeiteten, hörten von ihr niemals Vorwürfe, sondern nur Worte der Ermunterung.

Da es ihr verboten war, sich von ihren Nachfolgerinnen „Mutter“ nennen zu lassen, klammerte sich Mutter Maria-Anna nicht eifersüchtig an ihre Bezeichnung als Gründerin. Vielmehr nahm sie die Herabsetzung nach dem Beispiel Jesu an, verzichtete aber nie auf ihre Mission als geistige Mutter der Kongregation. Wie jeder Prophet, der mit einer Heilsmission für die Seinen beauftragt ist, nahm Mutter Maria-Anna die Verfolgung auf sich, wobei sie ohne Vorbehalte Vergebung gewährte. Davon legte sie auf dem Sterbebett ein letztes Zeugnis ab, als sie die Oberin bat, „zur Erbauung der Schwestern“ Don Maréchal zu rufen.

Eine letzte Demütigung seitens der Obrigkeit erfuhr Mutter Maria-Anna während der Weihnachtsmesse 1889, als ihr ein Platz abseits der Zugluft verweigert wurde. Dem Gehorsam ergeben, zog sie sich eine Lungenentzündung zu, die zum Tode führte.


Als sie spürte, dass das Ende nahte, hinterließ sie ihren Schwestern als geistiges Vermächtnis folgende Worte, die ihr Leben treffend zusammenfassen: „Die Eucharistie und die Hingabe an den Willen Gottes seien euer Himmel auf Erden.“ Am 2. Januar 1890 starb sie im Mutterhaus von Lachine, „glücklich darüber, zum guten Gott zu gehen“, dem sie ihr ganzes Leben gedient hatte.


Ihre Rehabilitation erfolgte erst 1917.


Ihr Grab befindet sich im Zentrum Marie-Anne-Blondin, 1950, rue Provost, Lachine, Québec, Kanada.


Am 29. April 2001 wurde Maria-Anna Blondin von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

RESCH, ANDREAS: Die Seligen Johannes Pauls II. 2001 – 2004. Innsbruck: Resch, 2015 (Selige und Heilige Johannes Pauls II; 6). XIV, 482 S., 110 Farbtaf., ISBN 978-3-85382-099-5, Ln; EUR 48.60 [D], 49.90 [A]

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