
JUSTINUS MARIA RUSSOLILLO
(1891-1955)
PRIESTER
GRÜNDER DER
VOKATIONISTEN
und der
VOKATIONISTEN-
SCHWESTERN
Heilig: 15. Mai 2022
Fest: 2. August
JUSTINUS MARIA RUSSOLILLO wurde als drittes von zehn Kindern am 18. Januar 1891 im neapolitanischen Stadtteil Pianura, Diözese Pozzuoli, geboren. Sein Vater, Luigi Russolillo, war ein kleiner Bauunternehmer, seine Mutter, Giuseppina Simpatia, war Hausfrau und eine hervorragende Schneiderin.
Die Tanten väterlicherseits, die beiden Grundschullehrerinnen Enrichetta und Giovannina, hatten großen Einfluss auf die Ausbildung und kulturelle Formung von Justinus, der unter seinen Altersgenossen schon bald durch außergewöhnliches Talent, ausgeprägten Lerneifer, Gelehrigkeit und ein geradezu überschwängliches Mitgefühl hervorstach. Mit fünf Jahren erhielt er die erste hl. Kommunion und verliebte sich sofort in den eucharistischen Jesus. Auf die Frage, was er denn später einmal werden wolle, antwortete er ohne Umschweife und entschlossen: „Ich werde Priester.“
Mit zehn Jahren trat Justinus in das Priesterseminar von Pozzuoli ein, wo er gleich nach brillant bestandener Aufnahmeprüfung die zweite Klasse Gymnasium besuchte und die humanistischen Studien sowie die ersten zwei Jahre Theologie erfolgreich zum Abschluss brachte. An dem von den Jesuiten geleiteten Regionalseminar von Posillipo-Neapel schloss er sein theologisches Studium mit großem Erfolg ab, wofür er die Goldmedaille erhielt.
Am 20. September 1913 wurde Russolillo in der Kathedrale von Pozzuoli zum Priester geweiht. Während er ausgestreckt auf der Erde lag und die versammelte Gemeinde die Heiligen anrief, gelobte er, eine religiöse Kongregation zu gründen „für die Anbetung, den Dienst und das Apostolat der Berufungen Gottes, unseres Herrn, zum Glauben, zum Priestertum, zur Heiligkeit“. Nachdem er sich in seinem Heimatort niedergelassen hatte, fuhr er fort, den Kindern und Jugendlichen täglich den Katechismus näherzubringen.
Seine Leidenschaft für Berufungen festigte sich immer mehr und er versuchte, diese Flamme auch in anderen zu nähren. Am 30. April 1914, dem Fest der hl. Katharina von Siena, begann er im Elternhaus mit einigen Jungen aus der Gruppe der „Fedelissimi“, die ihm während der Jahre im Priesterseminar gefolgt waren, ein Gemeinschaftsleben. Bischof Michele Zezza gebot ihm jedoch, damit aufzuhören. Russolillo reagierte wie Heilige eben reagieren: „Wir sind Kinder des Kreuzes, opfern also unseren Willen dem der Vorgesetzten, so wie Jesus seinen Willen dem des Vaters geopfert hat“, sagte er zu den Jungen.
Als der Erste Weltkrieg ausbrach (1914-1918), wurde auch Russolillo zu den Waffen gerufen, in den Sanitätsdienst eingezogen und in das Militärkrankenhaus geschickt. Über eine umfangreiche Korrespondenz hielt er weiterhin die Verbindung mit seinen Jungen. Während der Zeit beim Militär bemerkte er auch den Eifer einiger Schwestern bei der Hilfestellung und Behandlung der Verwundeten und so trug er sich mit dem Gedanken, eine weibliche Kongregation zu gründen, welche die männliche im Dienst der Berufungen unterstützen sollte.
Nach Beendigung des Militärdienstes und nach Rückkehr nach Pianura gewann er für die Sache der Berufungen schon bald eine Gruppe junger Frauen, die von ihm spirituell geleitet und von der jungen Rachele Marrone animiert wurden. Sie waren die ersten Mitglieder der von ihm ins Leben gerufenen verdienstvollen Gesellschaft der Göttlichen Berufungen.
Inzwischen nahm er 1920, ermutigt von seinem geistlichen Vater und nach regulärem Auswahlverfahren, die Ernennung zum Pfarrer von San Giorgio Martire in Pianura an.
Der Apostolische Administrator von Pozzuoli, Mons. Pasquale Ragosta, der Don Justinus sehr schätzte, ließ diesem im Hinblick auf das Berufungswerk jede Freiheit. Don Justinus, der sich über den bischöflichen Segen sehr freute, nahm am 18. Oktober 1920 zwölf vielversprechende junge Männer in das Pfarrhaus auf und begann wieder mit dem Gemeinschaftsleben, das im Mai 1914 unterbrochen worden war. So entstand sein erstes Institut des geweihten Lebens mit dem Titel Gesellschaft der Göttlichen Berufungen, gemeinhin Vokationisten genannt.
Am Abend des 1. Oktober 1921 zogen sich, mit Erlaubnis des Bischofs, einige junge Frauen aus dem weiblichen Zweig zum Gemeinschaftsleben zurück. Bei seinem Besuch Ende Oktober in dem wohlorganisierten Haus der künftigen Schwestern gratulierte der neue Bischof Giuseppe Petrone und segnete deren Ordensarbeit für Berufungen. So entstand die Kongregation der Schwestern der Göttlichen Berufungen, das zweite Institut geweihten Lebens, das auf Justinus zurückzuführen war. Seine Schwester Giovanna, die Generaloberin wurde, trug später viel zur Entwicklung der Schwesternarbeit bei. Unter ihrer Führung entdeckten junge Menschen, die nicht am gemeinsamen Leben teilnehmen konnten oder wollten, weil sie nicht dazu berufen waren, die Berufung zum geweihten Leben von Laien, indem sie denselben Geist der Dienstbarkeit teilten wie die Berufenen. Sie waren der erste Sauerteig des Säkularinstituts für Frauen, das dann 1977 von der Kirche in Neapel anerkannt wurde. Inzwischen nennt es sich Säkularinstitut der Berufungsapostelinnen der universellen Heiligung.
Im Bewusstsein des einzigartigen Dienstes, den die Berufungen zu geweihten Ämtern und der besonderen Weihe zur Heiligkeit des Volkes Gottes anbieten, gründete Justinus die für ihn charakteristische „Schule der Berufungen“, ein echtes Kollegium der Kongregation der Vokationisten und eine Keimzelle für die Berufung junger Menschen, besonders für die Armen, die zum Priestertum, zum geweihten Leben neigten, aber für Seminare, Orden und Kongregationen noch nicht entsprechend vorbereitet waren.
Die Pfarrei San Giorgio Martire, deren Pfarrer er nunmehr war, wurde zum Instrument der Vorsehung, ein einladender Treffpunkt, ein wohlbehüteter Ort, wo Blumen der Heiligkeit blühten und die Früchte priesterlicher und religiöser Berufungen reifen konnten.
Die „Freiwilligen Jesu“, die „Getreuesten“, die „Dienerinnen Mariens“, die Mitglieder des „Frommen Bundes“ – diese von Justinus gegründeten Gruppen brachten die Berufungen fördernde Fruchtbarkeit einer lebendigen Pfarrei zum Ausdruck, die ihn zusammen mit seinen Vorgängern Don Orazio Guillaro und Don Giosuè Scotto Di Cesare als Protagonisten sah.
Das geistliche Leben in der Pfarrei wurde gut gepflegt. Wenn Justin die heiligen Sakramente feierte, wurde offenbar, dass er sie in ihrer Fülle lebte. Dies zeigte sich an seinem Gesichtsausdruck oder an den Tränen, die seine liturgische Feier manchmal begleiteten. Er handelte im Lichte seiner tiefen Überzeugung: „Die Vollkommenheit des Glaubens ist die Vision, und daher müssen unser Verstand und unser Herz sagen können, dass ich sehe, während unsere Lippen sagen, dass ich glaube.“
Das Zentrum seiner Spiritualität und seines Apostolats war die Dreieinigkeit. Das Gebet war die Seele seines Apostolats. Besonders am Herzen lag ihm die Dekoration des Gotteshauses, das er auf jede erdenkliche Weise schmückte. Häufig erneuerte er die Gewänder und die sakralen Einrichtungsgegenstände. Er organisierte die Katholische Aktion in allen ihren Zweigen, die Bruderschaft der christlichen Lehre, deren von ihm selbst verfasstes Statut auch von Bischof Alfonso Castaldo für die gesamte Diözese Pozzuoli angenommen wurde.
Er ernannte Katecheten für die Gemeinde und sorgte durch regelmäßige Prüfungen für deren Vorbereitung, für Wettbewerbe und Preise. Er lud Priester ein, die für ihre Lehre und Heiligkeit bekannt waren, um für das Volk, besonders zu den Hochzeiten des liturgischen Jahres, Exerzitien zu halten. Nicht weniger bedeutend war das Apostolat an den Höfen.
Es waren dies Begegnungsräume für Jung und Alt, Orte der Sozialisation für die Bewohner der Häuserblöcke, von denen aus man gut beobachten konnte, was sich in der Umgebung abspielte.
Don Justinus brachte viele Ehen in Ordnung und weihte verschiedene Gruppen dem Heiligen Herzen.
1952 sollte Don Justinus neue Impulse im Hinblick auf die Verwaltung und die Organisation der Pfarrei geben – er, der auf diesem Gebiet mittlerweile beachtliche apostolische Erfahrung erworben hatte, ohne die Veränderungen in der Gesellschaft, die von einem schwelenden und nicht minder heimtückischen Säkularismus infiziert war, außer Acht zu lassen.
„Es stimmt!“, schrieb er, „Tempel oder Schule reichen nicht mehr aus. Es braucht andere Orte – jedes Haus, jede Straße, jeder Platz soll zu einem Tempel und einer Schule des Evangeliums werden. Es genügt nicht mehr, sakrale Funktionen auszuüben oder jenen, die darum bitten, die Sakramente zu spenden, sondern es gilt, die Seelen für Christus zurückzugewinnen, jede einzelne […]. Der Priester ist nicht dazu da, um zu unterhalten, sondern um zu bekehren. Seine Aufgabe ist es nicht, den Menschen zu gefallen, sondern den Seelen zu helfen. Das Evangelium muss in seiner Vollständigkeit wahrgenommen und verbreitet werden“ (G. Russolillo, Collezione Agenda, 27. Juli 1952; Übers. d. Red.).
Wegen der seitens der kirchlichen Behörden auferlegten Restriktionen und Beschränkungen, welche die Zulassung zum Noviziat, zu den Berufen und Orden untersagten, hatte der Gründer das Gefühl, dass seine Kongregation von einer schleichenden Agonie unterwandert werde. Dennoch schrieb er an seine Ordensleute: „Der Herr, der sie liebt, hat die Baumschere an ihre Schößlinge angelegt: Hüten wir uns davor, gegen die Schere zu murren, während wir die Hände kennen, die sie bewegen!“ (Brief an die Ordensleute 1935; Übers. d. Red.)
Der unter dem Titel „Himmlische Obere“ und „Unsere Liebe Frau von den göttlichen Berufungen“ besonders verehrten Jungfrau vertraute Don Justinus sein Berufungswerk an. Der Schule der großen Mystiker folgend bleibt er dem Aphorismus treu: „Kontemplation in der Aktion und Aktion für die Kontemplation.“
Davon zeugen seine zahlreichen Schriften, die heute, teilweise gesammelt, in 26 Bänden vorliegen.
Aufgezehrt von der apostolischen Arbeit und der desaströsen wirtschaftlichen Lage, in der sich seine Gemeinschaften in den letzten Jahren seines irdischen Lebens befanden, starb er „in Frieden“, getröstet durch das Sakrament der Krankensalbung, am 2. August 1955 in Pianura, Neapel.
Am 7. Mai 2011 wurde Justinus Maria Russolillo von Papst Benedikt XVI. seliggesprochen.
Papst Franziskus sprach ihn am 15. Mai 2022 auf dem Petersplatz in Rom heilig.