Andreas Resch: Emilia Tavernier Gamelin

Emilia Tavernier Gamelin

(1800 – 1851)

Gründerin
der Kongregation der Schwestern von der Vorsehung von Montreal

Selig: 7. Oktober 2001
Fest: 23. September

Emilia Tavernier Gamelin wurde am 19. Februar 1800 als Letztes der 15 Kinder von Antoine Tavernier und Marie-Josephte Maurice in Montréal geboren. Die Eltern, begüterte Bürger und fromme Christen, erzogen ihre Kinder zu einem soliden christlichen Leben und einem tiefen Vertrauen in die göttliche Vorsehung. Die Mutter starb, als Emilia vier Jahre alt war; das Mädchen wurde daraufhin von einer Tante väterlicherseits, Josepha Perrault, adoptiert und zusammen mit deren Kindern aufgezogen.

Die Tante erkannte bei Emilia schon bald eine große Feinfühligkeit und Zuneigung zu den Armen und Verlassenen und übergab sie zur Erziehung und Ausbildung den Schwestern der Kongregation von Notre-Dame im Kolleg an der Straße Saint-Jean-Baptist, wo sie bis 1814 blieb. Emilias Frohsinn während ihrer Schulzeit wurde allerdings durch viele Momente der Trauer innerhalb der Familie beeinträchtigt. 1814 verlor Emilia den Vater und dazwischen erlebte sie den Tod ihrer einzigen Schwester und zweier Brüder. In all diesen traurigen Momenten verließ sie nie der Mut, sondern sie erkannte mehr denn je, dass Gott ihre Vorsehung war und dass im Vertrauen auf ihn kein Unheil ihre Innerlichkeit je zerstören konnte.
So bot sie mit 18 Jahren ihrem Bruder, der inzwischen Witwer war, ihre unentgeltlichen Dienste an. Sie bat lediglich um einen stets gedeckten Tisch für die Bettler, die sich einstellten, einen Tisch, den sie liebevoll „die Tafel des Königs“ nannte. Ebenso handelte sie mit 20 Jahren gegenüber einer Verwandten aus Quebec, die sich in großer Not befand. Emilia sorgte zwei Jahre lang für sie, von 1820 bis 1822, ohne Vergütung oder sonstige Ansprüche.

Schließlich ließ sie sich endgültig in Montréal nieder, wo sie am 4. Juni 1823 den 50-jährigen Jean-Baptist Gamelin heiratete, von Beruf „Apfelzüchter“. In ihm hatte sie einen Freund der Armen gefunden, der mit ihrem Vorhaben in vollem Einklang stand. Sie hatten zusammen drei Söhne, doch die Freude wurde durch den Tod getrübt. Zwei Kinder starben bei der Geburt. Am 1. Oktober 1827 verlor Emilia ihren Ehemann und ein Jahr später starb auch der dritte Sohn.

Obwohl tief getroffen vom Verlust ihrer Angehörigen, zog sie sich auch diesmal nicht in sich und ihren Kummer zurück, sondern suchte und fand in der Schmerzensmutter das Modell, an dem sie ihr gesamtes Leben ausrichtete. Das Gebet und die Betrachtung der Gottesmutter am Fuße des Kreuzes öffneten ihr den Weg zu einer von Mitgefühl geprägten Nächstenliebe all jenen gegenüber, die irgendein Leid zu tragen hatten. Von nun an waren sie es, die den Platz der Söhne und des Ehemannes einnahmen.

Ein mittelloser Behinderter und seine Mutter standen ganz oben auf der Liste derer, die ihre Nutznießer werden sollten – nicht nur der materiellen Güter, die ihr der Ehemann hinterlassen hatte; für sie opferte sie auch ihre Zeit, ihr Wohlergehen und sogar ihre Gesundheit. Emilias Haus wurde durch den hingebungsvollen Dienst an jedweder Form menschlicher Armut zum Haus der Notleidenden, Alten, Waisen, Gefangenen, Immigranten, Arbeitslosen, Taubstummen, der Jugendlichen oder sich in Schwierigkeit befindenden Eheleute ebenso wie der körperlich und geistig Behinderten – sie alle kannten Emilias Wohnung nur zu gut und gaben ihr spontan den Namen „Haus der Vorsehung“, weil Emilia selbst eine „echte Vorsehung“ war. Ein jeder war Gegenstand ihrer ununterbrochenen Sorge und Hingabe. Inzwischen hatte sie sich der Gemeinschaft der Ladies of Charity, der Konfraternität für das Gemeinwohl sowie der Konfraternität der Hl. Familie angeschlossen, und sie interessierte sich für das Werk der reuigen Mädchen. Am 4. März 1828 eröffnete sie eine Unterkunft für arme und betagte Frauen. Vor allem während der Epidemien von 1831 und 1834 und während des Bürgerkrieges 1837/38 setzte sie sich ein, weshalb man sie den „Engel der Gefangenen“ nannte.

In dieser Zeit, zwischen 1830 und 1836, eröffnete Emilia drei Heime, um alleinstehende alte Menschen zu beherbergen und sich der Kranken anzunehmen, die nicht mehr selbst für sich sorgen konnten. Verwandte und Freunde scharten sich um sie, um sie zu stützen und ihr zu helfen; andere wiederum, die miterlebten, wie sie ständig neue Häuser eröffnete, bedachten ihre Arbeit mit negativen Äußerungen wie: „Die Gamelin hat wohl noch immer nicht genug von diesen Verrückten, dass sie noch weitere dazuholt!“

Um diese Hingabe als ihre persönliche Lebensaufgabe zu untermauern, legte Emilia im Alter von 42 Jahren vor dem Herrn ein Gelübde ab, das sich auf vier Pfeiler stützte: völlige Enthaltsamkeit bis zum Tod, Vollzeitdienst an den Armen, Barmherzigkeit und Güte im Ausdruck, Schlichtheit in Kleidung und Besitz.

Nach 15 Jahren intensiver Arbeit und totaler Aufopferung unter dem wohlwollenden, anerkennenden und zufriedenen Blick von Bischof Jean-Jacques Lartigue und dann des zweiten Bischofs von Montréal, Msgr. Ignaz Bourget, kam Letzterer zur Überzeugung, dass ein für seine Schäfchen so wertvolles Werk nicht zu Ende gehen dürfe, sondern sein Fortbestand gesichert werden müsse. Und so bemühte sich Bourget 1841 anlässlich einer Reise nach Paris unter den Schwestern des hl. Vinzenz von Paul um Verstärkung für Emilias Werk und darum, die Weichen für eine neue Ordensgemeinschaft zu stellen. Auf die positive Reaktion hin entstand in Montréal ein neues Gebäude zur Aufnahme der Neuankömmlinge. Doch im letzten Moment kamen die erwarteten Schwestern nicht. Die Vorsehung hatte andere Pläne.

Bourget wandte sich daraufhin an die eigene Diözese und so wurden junge Mädchen aus Kanada zu Frau Tavernier geschickt. Sie unterwies sie in jener gefühlvollen Nächstenliebe, die sie selbst mit ganzer Hingabe und Opferbereitschaft lebte, sowie in der Sendung der Vorsehung, die sie eher mit ausdrucksstarken Fakten denn mit Worten belegte. Aus dieser Gruppe entschieden sich, neben Emilia, sieben Mädchen dafür, ihr Leben in den Dienst der völligen Hingabe an Gott zu stellen.

Am 25. März 1843 überreichte der Bischof von Montréal, Ignaz Bourget, im Haus der Vorsehung Emilia und sieben Gefährtinnen das Ordenskleid, in der Absicht, damit eine Kongregation ähnlich jener der Barmherzigen Schwestern des hl. Vinzenz von Paul ins Leben zu rufen. Nach einem Jahr Noviziat legten die ersten Schwestern am 28. März 1844 die Gelübde ab und am darauffolgenden Tag wurde Schwester Emilia zur Generaloberin der Schwestern von der Vorsehung (Abb.) gewählt. Die Schwestern des neuen Instituts kümmerten sich damals um die Alten, Armen und Kranken, die Einwanderer und vor allem um die Iren, die Mitte des 19. Jahrhunderts, auf der Flucht vor der Hungersnot, nach Kanada gelangten. In der Tat fanden die Bedürfnisse der Armen, Kranken, Einwanderer und Alten kein Ende in einer sich entwickelnden Stadt und Gesellschaft.

Die aufkeimende Gemeinschaft begegnete jedoch schon bald dunklen Stunden, als die Epidemien Löcher in das Institut rissen und Bischof Bourget unter dem Einfluss einer argwöhnischen Schwester den guten Willen der Oberin in Zweifel zog. Die Gründerin aber blieb unerschütterlich am Fuße des Kreuzes, getreu dem Beispiel der Schmerzensmutter, ihrem Vorbild seit den schweren Stunden ihres Witwenstandes. Der Bischof selbst erkannte schließlich ihre Seelengröße und ihre an Heldentum grenzende Großzügigkeit. Unter Taverniers Leitung wuchs das Institut rasch auf 50 Mitglieder an, und das nach acht Jahren! Neue Häuser wurden eröffnet, wo nach und nach Waisen, Alte, kranke und betagte Priester sowie geistig Behinderte aufgenommen und betreut wurden, so wie es die Gründerin vorlebte.

So also stand Emilia Tavernier Gamelin als junges Mädchen im Dienst ihrer Verwandten, als Frau widmete sie sich ihrem Ehemann und den Kindern sowie Werken der Nächstenliebe, als Witwe war sie mit einer außergewöhnlichen Vielfalt von Werken der Nächstenliebe befasst, als Oberin schließlich sorgte sie für ihre Schwestern, das Institut, das zunehmende Heer der Armen, für die Ausgestoßenen, die Kranken, die vom Pech Verfolgten. Ihre Spiritualität war ganz konkret, praktischer Natur, und artikulierte sich Tag für Tag in Demut, Einfachheit und Liebe.

Als die Gründerin 1951, aufgezehrt von intensiver Arbeit und nur acht Jahre nach dem Beginn der Gemeinschaft der Schwestern von der Vorsehung, der Choleraepidemie zum Opfer fiel, holten sich ihre Töchter von den Lippen der sterbenden Mutter deren letztes Vermächtnis: Demut, Einfachheit, Liebe, vor allem Nächstenliebe. Emilia Tavernier Gamelin starb am 23. September 1851 in Alter von 51 Jahren. Ihr Grab befindet sich in der Kirche der Vorsehung in Montréal, Kanada.

Heute arbeiten die Schwestern von der Vorsehung in Kanada, den USA, in Chile, Argentinien, Haiti, Kamerun, Ägypten, auf den Philippinen und in Salvador. In Montréal steht am Eingang zur Eisenbahnstation Berriuquam, in der Nähe jenes Platzes, an dem sich das „Haus der Vorsehung“ befand, eine Statue von Emilia, wie sie einen Korb voller Speisen trägt und die andere Hand den Bedürftigen reicht, die bereits glänzt, weil sie unentwegt von so vielen Armen berührt wird.

Am 7. Oktober 2001 wurde Emilia Tavernier Gamelin von Papst Johannes Paul II. seliggesprochen.

RESCH, ANDREAS: Die Seligen Johannes Pauls II. 2001 – 2004. Innsbruck: Resch, 2015 (Selige und Heilige Johannes Pauls II; 6). XIV, 482 S., 110 Farbtaf., ISBN 978-3-85382-099-5, Ln; EUR 48.60 [D], 49.90 [A]

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