Andreas Resch: Aloysius Maria Palazzolo

ALOYSIUS MARIA PALAZZOLO
(1827-1886)

 PRIESTER
GRÜNDER DER KONGREG. DER
HL. FAMILIE
VON BERGAMO

Heilig: 15. Mai 2022
Fest:15. Juni

Aloysius M. Palazzolo wurde am 10. Dezember 1827 in der großen und einwohnerreichen Gemeinde S. Alessandro in Colonna in Bergamo als Sohn von Ottavio Palazzolo und Teresa Antoine geboren. Als jüngstes von neun Kindern, von denen eines nach dem andern starb, fand er in seiner Mutter eine weise und liebevolle Erzieherin, die dabei auch von Experten und heiligen Priestern unterstützt wurde. Schon als Jugendlicher ging Aloysius in Begleitung einer älteren und umsichtigen Angestellten Woche für Woche in das Krankenhaus und in Privathäuser, um arme Kranke zu besuchen. Dabei brachte er ihnen jeweils das Beste von seinem Mittag- und Abendessen, etwas Geld und ein paar Lebensmittel, die er von zu Hause mitnehmen durfte. Es waren dies die Prämissen, nach denen er sein Leben der Nächstenliebe und der Heiligkeit in Hinkunft ausrichten sollte.
Mit beachtlichem Erfolg besuchte Aloysius die Grundschule und trat dann, noch keine zwölf Jahre alt, in das öffentliche Gymnasium der Stadt über, wo er durch ein erfolgreiches Studium, lobenswertes Verhalten und tiefe religiöse Überzeugung hervortrat. Nach Abschluss des Gymnasiums begann er 1844 als externer Schüler mit dem Studium der Philosophie am Priesterseminar; 1846 wechselte er zum Studium der Theologie, zog das Priestergewand an und erhielt die heilige Tonsur. Nach Beendigung des Studiums wurde er am 23. Juni 1850 zum Priester geweiht.
Kleriker gab es damals im Überfluss und wie die Mehrheit der Priester aus wohlhabenden Familien, die zu Hause blieben und sich großzügig guten Werken widmeten, beschloss Aloysius, sich im Oratorium Foppa, das kürzlich im einwohnerreichsten und ärmsten Teil der Pfarre entstanden war, um junge Menschen zu kümmern. Bald wurde er dort Direktor und erweiterte die Räumlichkeiten und Spielmöglichkeiten, auch durch Neuanschaffungen dank seiner Erbschaft. Als brillanter Unterhalter und eifrig in der Erziehung zur Tugend hatte er ein besonderes Auge auf jene jungen Menschen, die eine Neigung zum geistlichen Stand zeigten. Ihm fiel weiters auf, dass manche von ihnen wie auch einige schon ältere Männer weder je eine Schule besucht noch Kenntnisse im Katechismus hatten. Daher spielte er mit dem Gedanken, im Oratorium eine Schule einzurichten, wo sich arme Arbeiter und Bauern, Erwachsene wie Jugendliche, die tagsüber für ihren Lebensunterhalt arbeiten mussten, an den Winterabenden die notwendigen Kenntnisse aneignen konnten. Auf Drängen von Msgr. Alessandro Valsecchi, seinem Beichtvater, der später Bischof wurde, widmete sich Aloysius schließlich auch der geistlichen Betreuung junger Frauen, indem er das von den Conti Passi geförderte fromme Werk der hl. Dorotea zur Erziehung der weiblichen Jugend begrüßte und förderte.
Da für die Aufnahme eine Lokalität nötig war, machte er ein ihm gehörendes kleines Haus zum Sitz des Frauenoratoriums, das eingeweiht und im HInblick auf die Mädchen S. Dorotea genannt wurde. Eine der Lehrerinnen des Frommen Werkes ohne familiäre Bindung sollte dort ihre Wohnung beziehen, um das Haus offen zu halten, das als Begegnungsraum gedacht war. Die dazu ausersehene Person war Teresa Gabrieli, die in eben diesem Jahr 1869 zur Vizeoberin des Frommen Werkes gewählt wurde. Sie war eine junge Frau aus bescheidenen Verhältnissen, gleichzeitig aber eine ausgebildete und staatlich geprüfte Lehrerin höheren Grades, die in der Pfarrei S. Alessandro in Colonna eine Privatschule unterhielt. Unter der weisen Anleitung ihres Beichtvaters Don Antonio Alessandri reifte bei ihr der Gedanke, in ein religiöses Institut einzutreten. Aloysius erkannte in ihr die Person, die Gott dazu auserwählt hatte und sprach darüber mit Alessandri, der seine Idee teilte und unterstützte.
Das Häuschen war bald eingerichtet, wenn auch äußerst bescheiden. Gabrieli verlegte ihr Hab und Gut und ihre Schule dorthin, und am Abend des 21. Mai des Jahres begab sie sich persönlich zu Don Aloysius, begleitet von zwei jungen Frauen, Nina Broletti und Marianna Serafini. Nachdem Gabrieli in der Kirche des Männeroratoriums gewacht, gebetet und die Eucharistie gefeiert hatte, legte sie die Gelübde der Armut, der Keuschheit und des Gehorsams ab und gelobte die unverbrüchliche Verbundenheit mit dem Heiligen Stuhl und den heiligen Hirten sowie die Hingabe an die Armen und insbesondere die Jugend. Noch am gleichen Abend nahm sie ein Mädchen mit in das neue Haus, das ihr Palazzolo seit sechs Monaten anvertraut hatte: eine Waise, völlig verlassen, gehbehindert und voller Wunden.
Einige Tage später verspürte Don Aloysius, der auf Einladung von Msgr. Valsecchi nach Rom gereist war, während der Exerzitien im Haus der Jesuiten in S. Eusebio ein starkes Verlangen nach radikaler Armut: „Mir kam in den Sinn, dass Jesus nackt am Kreuz gestorben war. Daher wollte ich alles aufgeben und arm sein.“ Wieder in Bergamo, beschloss er, zugunsten seiner Armen alles zu verkaufen.
Trotz einiger Schwierigkeiten, vor allem aufgrund der Neuheit des Instituts und wegen der diesbezüglichen Gerüchte, die in Umlauf waren, schlossen sich Gabrieli weitere junge Frauen an. Anfangs widmeten sie sich vor allem der Aufnahme von Waisenmädchen, von denen immer mehr kamen.
In den darauffolgenden Jahren expandierten die Poverelle weiter. 1875 wurden sie nach Vicenza entsandt, 1876 entstanden zwei Gemeinschaften in Bergamo, in den Pfarreien Carmine und Borgo Palazzo. Und am 21. November desselben Jahres wurde ein neues Haus in Brescia eröffnet.
Nach einer Ruhephase, in der Palazzolo seine Einrichtungen zu konsolidieren versuchte, folgten 1885 weitere Gründungen.
In der Zwischenzeit hatten sich Zweck und Geist der Institution abgezeichnet und es wurden erste Regeln formuliert. Don Aloysius unterbreitete diese 1885 der Diözesanbehörde von Bergamo. Am 12. Mai 1886, als er bereits krank war, besuchte ihn, wie öfters während der Krankheit, Bischof Msgr. Guindani, der ihm die Regeln mit dem Approbationsdekret überbrachte und Worte des Trostes und der väterlichen Güte für ihn hatte.
Mittlerweile war Palazzolo durch göttliche Eingebung ein weiteres Werk nahegelegt worden: ein Heim für Waisen, für Bauernsöhne, die mit der Bewirtschaftung des Bodens bei dem von der Familie Antoine geerbten Ferienhaus in Torre Boldone auf einem zum Teil gepachteten Landgut beauftragt wurden. Don Aloysius vertraute sie der Obhut dreier Männer an, die sie ausbilden sollten, und als es immer mehr wurden, fand er in Battista Leidi, dem treuen Diener, der nach dem Tod von Signora Antoine darum gebeten hatte, ohne Entlohnung im Haus bleiben zu dürfen, jenen Mann, der aus Liebe zu Gott in der Lage war, diesen Dienst zu leisten. Er nahm den Auftrag, der Waisenfamilie vorzustehen, tatsächlich an und widmete sich der Aufgabe als Ordensmann.
Nachdem Don Aloysius die Gemeinschaft auf den Weg gebracht hatte, legte er ihr eine Regel auf, die sich an jene des
von der hl. Paola Elisabetta Cerioli in Martinengo (BG) gegründeten Instituts der Väter der Heiligen Familie anlehnte, und gab der neuen Einrichtung eben diesen Namen. Mit Battista Leidi, der Pater genannt wurde, und unter seiner Leitung lebten in dem Haus noch zwei weitere Brüder, die sich zur gleichen Regel bekannten und sich der Fürsorge der Waisen widmeten. Mit der Reinigung des Hauses beauftrage Don Aloysius mit Zustimmung seines Direktors einige Schwestern der Poverelle, wobei er Waisenknaben und -mädchen, Brüder und Schwestern als Mitglieder ein und derselben Familie betrachtete. Am 4. Oktober 1872 begaben sich der Pater und die beiden Brüder in Begleitung von Don Aloysius nach Martinengo, wo sie in die Hände von Msgr. Valsecchi die Ordensprofess ablegten.
Die Vorsehung wollte es, dass binnen kurzer Zeit, 1873, weitere Häuser entstanden, in denen Waisen aufgenommen und begleitet wurden: eines in der Gemeinde Lallio und zwei in der Gemeinde Torre Boldone – in günstiger Lage, nahe beieinander und inmitten von bebaubarem Land.
Gegen Ende 1885 verschlechterte sich Palazzolos Gesundheitszustand immer mehr. 
Er litt an einer Herzfunktionsstörung, zu der ein noch schmerzhafteres Erysipel hinzukam, das den gesamten Körper befiel. Dazu gesellten sich tiefgreifende Sorgen wegen großer Schulden, wenig Arbeit, teurer Lebensmittel, spärlicher Almosen und einer großen Familie, die es zu ernähren galt. Die Krankheit schritt voran und im Juni erhielt er die Krankensalbung. Am 15. Juni 1886 um ein Uhr zwanzig morgens starb Don Aloysius im Alter von achtundfünfzig Jahren. Die Bestattungsfeierlichkeiten waren überwältigend: ein endloser Trauerzug zur Pfarrkirche hin, viele geschlossene Geschäfte entlang der Straße und eine Unmenge an stillen und bewegten Teilnehmern, die beteten und den Verstorbenen einmütig als „Heiligen“ erkannten.
Der auf dem Friedhof von San Giorgio beigesetzte Leichnam wurde am 21. Februar 1904 exhumiert und die Urne mit den sterblichen Überresten Palazzolos feierlich in die Institutskirche überführt. Während die Brüder der Heiligen Familie 1922 ausstarben, setzten die Poverelle-Schwestern ihren Dienst an den Ärmsten über Italien hinaus fort, bis in den Kongo, an die Elfenbeinküste, nach Malawi, Burkina Faso, Kenia, Brasilien und Peru.
Am 7. März 1963 wurde das Dekret veröffentlicht, das zwei 
der Fürsprache des Dieners Gottes zugeschriebene Wunder bestätigte.
Am 19. März 1963 sprach Johannes XXIII. Palazzolo selig.
Am 28. November 2019 ermächtigte Papst Franziskus, nach Billigung der Schlussfolgerungen der ordentlichen Sitzung, die Kongregation für die Selig- und Heiligsprechungsprozesse zur Proklamation des entsprechenden Dekrets.
Am 15. Mai 2022 wurden Aloysius Maria Palazzolo und neun weitere Selige von Papst Franziskus auf dem Petersplatz in Rom heiliggesprochen.