Tenhaeff, Wilhelm Heinrich Carl

Prof. Dr. (* 18.01.1894 Rotterdam/NL; † 09.07.1981 Utrecht). T. studierte Psychologie und Philosophie an der Universität Utrecht und promovierte 1953 zum Dr. phil. Von 1932-1942 war er Assistent an der Psychiatrisch-Neurologischen Klinik in Utrecht. Sehr früh fesselten ihn aber die parapsychologischen Untersuchungen und so gründete er zusammen mit dem Nervenarzt Dr. P.A. Dietz 1928 die Niederländische Tijdschrift voor Parapsychologie, die er bis zu seinem Tod leitete. Von 1933-1944 war T. Privatdozent an der Universität Utrecht, musste jedoch während der Besatzungszeit dieses Amt niederlegen, um es nach den Kriegswirren wieder aufzunehmen. 1951 erhielt er einen Lehrauftrag für Parapsychologie und 1953 wurde er außerordentlicher Professor für Parapsychologie. Dadurch bekam er die Gelegenheit, ein parapsychologisches Institut aufzubauen, das unter seiner Leitung internationalen Ruf und Wertschätzung erlangte. 1960 wurden die Proceedings of the Parapsychological Institute of the State University of Utrecht ins Leben gerufen, von denen jedoch nur drei Nummern erschienen.
Nach seiner Emeritierung im Jahre 1978 hielt T. noch Vorlesungen an den Universitäten Nijmegen und Gent sowie zahlreiche Vorträge im In- und Ausland. Seine Arbeit fand vor allem auch im Ausland große Anerkennung. So wurde er 1973 Ordentliches Mitglied der Accademia Tiberina in Rom. 1974 erhielt er den Ernesto Bozzano-Preis und wurde zum Ehrenpräsidenten der internationalen Interessengemeinschaft IMAGO MUNDI ernannt. Sein Wissenschaftliches Werk ist der Nachwelt durch zahlreiche Beiträge und Abhandlungen in Zeitschriften, Sammelbänden, Enzyklopädien und durch eine Reihe von Büchern erhalten, von denen einige übersetzt und verschiedene öfters aufgelegt wurden: Het dierlijk magnetisme, (Amsterdam 1922); Supernormale vermogens (Amsterdam 1922); Beknopte handleiding der Psychical Research (Den Haag 1926); Paragnosie en invoelen (Dissertation, Utrecht 1933); Hoofdstukken iut de parapsychologie (Utrecht 1934); De onzienlijke wereld (Den Haag 1940); Oorlogsvoorspellingen (Den Haag 1948); Parapsychologische verschijnselen en beschouwingen (Utrecht 1949); Het wichelroedevraagstuk (Den Haag 1950); Beschouwingen over het gebruik van paragnosten voor politiele en andere praktische Doeleinden (Utrecht 1957); Telepathie en helderziendheit (Zeist 1965, dt.: Hellsehen und Telepathie, Bertelsmann, Gütersloh 1961, engl.: Telepathy and clairvoyance, C.C. Thomas, Springfield, Illinois 1973); De Voorschouw (Den Haag 1979, dt.: Der Blick in die Zukunft, Berlin: Universitas 1976); Parapsychologische verschijnselen in het dageliks leven (Antwerpen: Zeist 1964); De Parapsychologie (Antwerpen 1968); Magnetiseurs, somnambules en gebedsgenezers (Den Haag 1980, dt.: Außergewöhnliche Heilkräfte, Olten: Walter 1957); Inleiding tot de parapsychologie (Utrecht 1974); Het Spiritisme (Den Haag 1951, dt.: Kontakte mit dem Jenseits? Spiritismus-Report, Berlin: Universitas 1973); Ontmoetigen met Paragnosten (Utrecht: Bijleveld 1979).
Die Entwicklung der Parapsychologie, die sich in den letzten Jahrzehnten gemeinsam mit der Psychologie zunehmend der naturwissenschaftlichen Methode bediente, brachte es mit sich, dass man für seinen Forschungsansatz keinen ebenbürtigen Nachfolger finden konnte. Das Institut wurde 1980 geschlossen.
Tenhaeff starb am 9. Juli 1981 in Utrecht als Inhaber des ersten Lehrstuhls für Parapsychologie in Europa, im Alter von 87 Jahren. Mit seinem Tod ist die Parapsychologie um einen jener Vertreter ärmer geworden, die bei der Klärung außergewöhnlicher Phänomene den ganzheitlichen Aspekt in den Mittelpunkt stellen und die rein quantitative Analyse als Teilaspekt betrachten.
Es sei noch darauf verwiesen, dass die anthropologische Sicht der Parapsychologie von T. klar aufzeigt, dass die parapsychologische Forschung das ganze Phänomen umfassen muss und die statistisch-quantitative Verifizierung als Hilfsmittel zu betrachten ist. In diesem Zusammenhang wirkt die in letzter Zeit aufgekommene Kritik an gewissen Teilaspekten seiner experimentellen Untersuchungen mit der globalen Unterstellung von Unehrlichkeit völlig befremdend, vor allem dann, wenn sie in einer Form dargeboten wird, die ihrerseits die wissenschaftliche Sauberkeit der Argumentation vermissen lässt. Die jahrelange Freundschaft, die Andreas Resch mit T. sowohl in persönlicher als auch in wissenschaftlicher Hinsicht verband, gestattet diesem die Feststellung, dass T.s Suchen nach Wahrheit und sein Ringen um eine Weitung unseres Welt- und Menschenbildes durch die Erforschung unbekannter Fähigkeiten und Kräfte in und um den Menschen von bewundernswerter Weite waren. T. gehört zu jenen großen Seelenforschern in der Geschichte der Psychologie und Parapsychologie, die vielleicht erst dann in der Breite und Tiefe ihres Ansatzes voll verstanden werden, wenn man von der rein quantitativen Betrachtung des Lebens wiederum den Zugang zur qualitativen Betrachtung gefunden hat. Man tut gut daran, im Rahmen der Parapsychologie ‒ bei aller Wertschätzung der Quantifizierung psychischer Reaktionen ‒ die Phänomene in ihrer phänomenologischen Ganzheit zu beschreiben, um nicht durch verfehlte und ängstliche Wissenschaftlichkeit am Leben vorbeizugehen.
Wer das Ganze anvisiert, kann im Teilaspekt Unschärfen aufweisen. Wer sich jedoch nur auf den Teilaspekt konzentriert, dem kann das Ganze verschollen bleiben. Es gereicht Resch daher zur Ehre, T. über seinen Tod hinaus die Wertschätzung und Dankbarkeit für seine Arbeit auszusprechen, die in einer Reihe der genannten Bücher und in zahlreichen Aufsätzen ihren Niederschlag fand.

W.: Außergewöhnliche Heilkräfte. Olten: Walter, 1958; Hellsehen und Telepathie. Gütersloh: Bertelsmann, 1962; Kontakte mit dem Jenseits? Berlin: Universitas, o.J. (1973), Frankfurt/M., 1999; Der Blick in die Zukunft ‒ Präkognition. Berlin: Universitas, 1976; Paranormale Heilkräfte, in: Andreas Resch: Paranormale Heilung (Imago Mundi; 6). Innsbruck: Resch, 1984, S. 523-550.
Lit.: Nachruf und Würdigung durch Andreas Resch in: Grenzgebiete der Wissenschaft (GW) 30 (1981) 3, 145-160.

Setze ein Lesezeichen für den Permalink.