(Lat. temperamentum, richtiges Maß, gute Mischung, Mäßigung), individueller, an die Persönlichkeitsstruktur gebundener Ablauf seelischer Vorgänge.
Die mittelalterliche Physiologie und Psychologie unterteilte die Menschen in vier Temperament-Typen: Choleriker (heftig, jähzornig), Sanguiniker (leicht erregbar, reaktionsschnell), Phlegmatiker (langsam, zäh) und Melancholiker (trübsinnig, gehemmt). Nach der Lehre des Hippokrates (um 460-370 v. Chr.), die von Galen (129-199 n. Chr.) weitergeführt wurde, hängt das T. des Menschen vom Vorherrschen eines bestimmten Körpersaftes (humor) ab. Beim Choleriker sei dies gelbe Galle (cholé), beim Sanguiniker Blut (sanguis), beim Phlegmatiker Schleim (phlegma), beim Melancholiker schwarze Galle (mélaina cholé).
Noch im 16. Jh. galt die Säftelehre als unumstößliches Dogma. Paracelsus (1493-1541) jedoch sah die T. nicht als eine Folge der Säftewirkung, sondern in seinem Weltbild waren die Sterne die Ursache der verschiedenen T. Seiner Ansicht nach verursachte nicht die Galle den Zorn, sondern der Mars, der die Galle zum Überlaufen bringe. Bezeichnungen wie Phlegmatiker oder Melancholiker lehnte er ab. Saturnisches oder lunarisches T. würden dem Wesen des Menschen eher gerecht werden.
In der bildenden Kunst wird seit der Renaissance vor allem die Melancholie in allegorischer Gestalt dargestellt, die nach Aristoteles das T. der Philosophen, Dichter und Staatsmänner sei und zum visionären Schauen befähige.
Lit.: Lurker, Manfred: Wörterbuch der Symbolik. Stuttgart: Kröner, 1991; Pschyrembel. Wörterbuch der Naturheilkunde und alternative Heilverfahren. Berlin/New York: Walter de Gruyter, 1996; Rippe, Olaf u.a.: Paracelsusmedizin: altes Wissen in der Heilkunst von heute. Aarau/CH: AT Verlag, 2001.