Teilhard de Chardin, Pierre

(* 01.05.1881 bei Orcines, Frankreich; † 10.04.1955 New York), französischer Jesuit, Paläontologe, Anthropologe, Philosoph, Geologe.
An einer Jesuitenschule erzogen, trat T. am 20.03.1899 in den Jesuitenorden ein, studierte Geologie, Physik und Chemie. 1905-1908 lehrte er am Jesuitenkolleg in Kairo Physik und Chemie und unternahm geologische Exkursionen. 1908-1912 studierte er in Ore Place bei Hastings (Sussex) Theologie; am 24.08.1911 zum Priester geweiht. Im Ersten Weltkrieg diente T. als Sanitäter. 1922 promovierte er zum Dr. rer.nat. und erhielt eine Professur für Geologie am Institut Catholique in Paris. T. unternahm viele Reisen und gehörte 1929 zu den Entdeckern von Funden des Peking-Menschen in Zhoukoudin. Gleichzeitig baute er in Briefen und Büchern, besonders beeindruckt vom Werk L’évolution créatrice von Henri Bergson, sein Denken weiter aus. Mit seinen theologischen Auffassungen geriet T. allerdings in Konflikt mit der Glaubenskongregation, verlor 1926 den Lehrstuhl am Institut Catholique und wurde nach China versetzt, wo man ihn 1939 als Ausländer internierte. 1940 stellte er sein Hauptwerk Le phénomène humain fertig, dem Rom jedoch das Imprimatur verweigerte. Er konnte die Veröffentlichung nicht mehr erleben. 1951 wurde T., infolge der Enzyklika Humani generis zum zweiten Mal vom Orden aus Frankreich verbannt. Er gehorchte auch diesmal der Ordensdisziplin und verbrachte seine letzten Jahre als Research Associate bei der Wenner-Gren Foundation for Anthropological Research in New York. Als er am Ostersonntag 1955 starb, folgten nur wenige dem Sarg. Nach seinem Tod konnten seine Bücher gedruckt werden und erreichten eine Millionenauflage.
T. entwarf in seinen zahlreichen Schriften eine evolutive Weltschau, in der er Wissenschaft und religiösen Glauben zu versöhnen suchte. Er forderte die in anderen Wissenschaften arbeitenden Kollegen auf, die Evolutionstheorie der Biologen anzunehmen, wenngleich sein Verständnis von Evolution mit Zufall nichts zu tun hat, sondern vielmehr auf einem von Anfang an programmierten Schöpfungsplan aufbaut. Christus ist der Anfang (Alpha) und das Ziel der Schöpfung (Omega). Die Stufen der Evolution sind: Materie (Geosphäre), Leben (Biosphäre), Geist (Noosphäre). Die Noosphäre umhüllt die Welt, überflutet sie mit Energie und ermöglicht so ihre Entwicklung. Materie und Geist bilden nämlich eine Einheit in Form eines doppeldeutigen Weltstoffes, der sich in der Komplexität materiell darstellt, im Einigungsvermögen seiner Elemente jedoch geistig. Diese geistige Innenseite wird im Lauf des evolutiven Komplexitätswachstums immer stärker als Bewusstsein maifest und führt in der Noogenese zur universalen Einigung der Menschheit mit Gott. In dieser Einigung mit Gott sah man von Seiten der Kirche den heilsgeschichtlichen Aspekt der Erlösung zu sehr hinter einer naturgesetzlichen „Christifizierung“ verschwinden und versuchte daher das starke Echo seiner Ideen durch Lehr- und Publikationsverbote, Abschiebung nach China, Aufenthaltsverbot in Paris und ein Monitum der Glaubenskongregation (1962) zu ersticken.
Seit dem II. Vatikanischen Konzil findet T. auch kirchenamtlich zunehmend Anerkennung, wenngleich die lehramtlichen Vorbehalte aufrecht bleiben. Dies hängt auch damit zusammen, dass seine evolutiven Vorstellungen hin zur Noosphäre eine frommer Wunsch bleiben werden, solange diese Erde Bestand hat. Dazu braucht es eine neue Erde.
Es ist daher nicht verwunderlich, dass man in Bereichen der Paranormologie seine Noosphäre mit dem Prana der Inder, dem Ch’i der Chinesen und der Astralwelt der östlichen Weisheitslehren identifizierte. Andere bezeichnen T. als Vordenker der New Age-Bewegung und der modernen Esoterik. Der wesentliche Unterschied zu diesen Vorstellungen liegt jedoch darin, dass für T. die Welt von Gott geschaffen und von Christus, dem Punkt Omega, erlöst wird, und nicht durch naturimmanente Kräfte.
Seine Treue zur Kirche und zum Orden trotz aller fundamentalen Widerwärtigkeiten lassen T., abgesehen von einigen Wunschträumen, in seiner persönlichen Echtheit als Heiligen erscheinen.

W.: Das Tor in die Zukunft. München: Kösel, 1984; Mein Glaube. Olten: Walter, 1988; Die Entstehung des Menschen. München: Beck, 1997; Das Herz der Materie. Zürich: Benzinger, 1999; Der Mensch im Kosmos. München: Beck, 2005; Das Herz der Materie. Düsseldorf: Patmos, 2005; Die Entstehung des Menschen. München: Beck, 2006; Sinn und Ziel der Evolution: ausgewählte Texte. Aachen: Shaker Media, 2010.
Lit.: Haas, Adolf: Teilhard-de-Chardin-Lexikon. Grundbegriffe, 2 Bde. Freiburg i.Br.: Herder, 1971.

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