Szondi, Leopold

(* 11.03.1893 Nyitri, Ungarn, heut. Slowakei; † 24.01.1986 Küsnacht, Schweiz), Begründer der Schicksalsanalyse, Erforscher des „familiären Unbewussten“.
S. war nach seinem Medizinstudium 1924 Assistenzarzt und zugleich Assistent im psychologischen Laboratorium an der Hochschule für Heilpädagogik in Budapest, dort von 1927 bis 1941 Prof. der Psychopathologie; begann 1937 mit der Entwicklung des Szondi-Tests; als Jude entlassen, kam er 1944 in das KZ Bergen-Belsen; konnte nach einem halben Jahr in die Schweiz emigrieren.
In der psychologischen Forschung befasste sich S. z.B. mit der Frage, warum ein bestimmtes Individuum gerade diesen Beruf ergriff, gerade diesen Partner wählte, gerade an diesem Leiden erkrankte, und kam dabei zur Auffassung eines „Zwangsschicksals“, das von einem „familiären Unbewussten“ bestimmt werde, in dem Erfahrungen der persönlichen Vorfahren gespeichert seien. Die Ahnen stellten durch das Medium des familiären Unbewussten Ansprüche, wobei sie sich vor allem in „Ahnenträumen“ artikulierten. Bei dieser Konzeption des Ahnentraums beruft sich S. auf Sigmund Freud, der im Abriss der Psychoanalyse schrieb: „Darüber hinaus bringt der Traum Inhalte zum Vorschein, die weder aus dem reifen Leben noch aus der vergessenen Kindheit des Träumers stammen können. Wir sind genötigt, sie als Teil der archaischen Erbschaft anzusehen, die das Kind, durch das Erleben der Ahnen beeinflusst, vor jeder Erfahrung mit sich auf die Welt bringt.“

So könne nach S. das gesunde Ich gegen das vorgegebene Schicksal Stellung beziehen und sein eigenes Schicksal wählen. Ziel der Therapie ist es, dem Klienten zur Freiheit in der Schicksalswahl zu verhelfen. Als Hilfsmittel des Therapeuten gelten Lebenslauf, Stammbaum des Patienten und der „Szondi-Test“, in dem aus Serien von Porträts Triebkranker und Geistesgestörter sympathische und unsympathische ausgewählt werden. Die Auswahl lasse nach S. Rückschlüsse auf die Triebstruktur des Patienten zu.

W. (Auswahl): Schicksalsanalyse: [Genetik des Schicksals]. Basel: Schwabe, 1944; Triebdiagnostik: [Tiefenpsychologische Diagnostik im Dienste der Psychopathologie, Kriminal- und Berufspsychologie, Charakterologie und Pädagogik], 2 Bde. Bern: Huber, 1947; Ich-Analyse: die Grundlage zur Vereinigung der Tiefenpsychologie. Bern: Huber, 1956; Schicksalsanalytische Therapie: ein Lehrbuch der passiven und aktiven analytischen Psychotherapie. Bern/Stuttgart: Huber, 1963; Moses’ Antwort auf Kain. Bern/Stuttgart/Wien: Huber, 1973; Lehrbuch der experimentellen Triebdiagnostik. Bern: Huber, Bd. 1 u. 2 1960, Bd. 3 1965; Freiheit und Zwang im Schicksal des Einzelnen. Bern: Huber, 1977; Kain, Gestalten des Bösen. Bern: Huber, 1978; Wahl in Liebe, Freundschaft, Beruf, Krankheit und Tod. Basel: Schwabe, 1978; Die Triebentmischten. Bern: Huber, 1980.
Lit.: Resch, Andreas: Biografische Notizen zur Paranormologie (Reihe R; 16). Innsbruck: Resch, 2019, S. 242-243.

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