Sündenbockrituale

Die Bezeichnung entstammt einer altisraelitischen Ritualsequenz, bei der man Jahwe alljährlich zum Yom Kippur-Fest einen Bock opferte und einen zweiten, dem man alle Schuld Israels „auflud“, zur Besänftigung des Zornes Gottes in die Wildnis jagte. Letzteren identifizierte die nachexilische und später die rabbinische jüdische Tradition mit Azazel, einem Dämon oder gefallenen Engel, während die frühchristliche Theologie ihn als Sinnbild Christi interpretierte, der durch seinen Tod die Schuld der Menschen auf sich genommen habe.
Bei den Trägern, denen die Verunreinigung aufgeladen wurde, handelte es sich in der Regel um Tiere, manchmal aber auch um Menschen. Der altorientalische Ritualtypus wurde vermutlich in archaischer Zeit über Kleinasien nach Griechenland importiert, wo er sich in den sog. pharmakós-Ritualen Athens und mehrerer ionischer Städte wiederfindet. Dabei wurde eine Person offenbar als Reinigungsopfer für die Götter aus der Stadt verbannt. Nach neueren Untersuchungen werden solche Rituale u.a. als Ventil für die Aggression einer Gemeinschaft gesehen.
Dem Typus der S. folgt auch das seit 228 v. Chr. bezeugte römische Krisenritual des Begrabens von Griechen und Galliern bei lebendigem Leib auf dem Forum Boarium (Marktplatz im antiken Rom), um das Schicksal abzuwenden oder die Götter günstig zu stimmen bzw. die Bedrohung durch die genannten Völker symbolisch zu „beerdigen“.

Lit.: Der Neue Pauly. Enzyklopädie der Antike, Bd. 11. Hrsg. v. Hubert Cancik u. Helmuth Schneider. Stuttgart/Weimar: J.B. Metzler, 2000, Sp. 1081.

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