Stier

Wird dank seiner Zeugungskraft, seines Kampfesmutes, seiner Wildheit im Tierkult mit an die erste Stelle gesetzt. Besondere Gebiete seiner Verehrung waren Ägypten (Apis, Buchis, Mnevis) und Vorderasien, wo verschiedene Götter als St. bezeichnet, in St.gestalt, auf St.en reitend (Shiva auf dem weißen Nandi) oder von solchen begleitet dargestellt wurden. Wegen seiner Aktivität steht er mit der Sonne und wegen seiner Fruchtbarkeit auch mit dem Mond in symbolischem Zusammenhang. Schon jungsteinzeitliche Felszeichnungen in Nordafrika zeigen Darstellungen von St.en, die das Bild der Sonne zwischen den Hörnern tragen. Als Fruchtbarkeitssymbol spielte der St. eine besonders wichtige Rolle in der minoischen Kultur.
Bei vielen Völkern galt er auch als besonders wertvolles Opfertier. Das Lukasevangelium beginnt mit dem Opferdienst des Zacharias, weshalb Hieronymus das Opfertier St. dem Evangelisten Lukas zuordnete. Das St.opfer und die Taufe mit St.blut im Mithraskult rückten die ständige Auseinandersetzung mit den Fruchtbarkeits-, Todes- und Auferstehungskräften des St.es in den Vordergrund. Wegen seiner Fruchtbarkeit wurde der St. ebenso mit Gewitter, Regen und Wasser in Beziehung gesetzt. So bezeichneten die Ägypter die für sie lebensnotwendige Nilüberschwemmung als „Gabe des Stiers“.
Noch nicht geklärt ist, ob der St.kampf auf altorientalische und altmediterrane St.spiele zurückzuführen ist, wie sie von der Induskultur und Kreta belegt sind. Unter psychoanalytischem Gesichtspunkt entspricht der St. den animalischen Kräften und der Sexualität des Menschen, weshalb der St.kampf vielleicht heute noch den Versuch darstellt, den inneren Sieg über diese Kräfte vorwegzunehmen.
Der St. gehört auch zu den ältesten Sternbildern und war bereits den früheren Hochkulturen bekannt. Eine erste Erwähnung findet er als Taurus oder Centaurus im 3. Jahrtausend v. Chr. bei den Sumerern, wo ein mythologischer Himmelsstier sogar im Gilgamesch-Epos vorkommt. Gegen ihn musste König Gilgamesch (um 2700 v. Chr.) kämpfen. Einige Historiker bringen den S. auch mit „Taurus“, dem Widersacher des Jägers Orion, in Verbindung.
Nach der griechischen Mythologie nahm Zeus die Gestalt eines S. an, um sich der schönen Europa zu nähern und sie auf seinem Rücken über das Meer nach Kreta zu entführen. Daher die Bezeichnung Kretischer Stier.
In der Astrologie ist St. das zweite Zeichen im Tierkreis (21. April bis 20. Mai) und somit von der Venus geprägt. Sein Element ist die Erde. Damit gehört er, neben Jungfrau und Steinbock, zu den bodenständigen Erdzeichen. St.geborenen wird Solidität, Verlässlichkeit und Beständigkeit nachgesagt. Der Einfluss der Venus mache ihn auch den schönen Dingen des Lebens geneigt, der Liebe, der Kunst und künstlerischen Tätigkeiten.

Lit.: Hübner, Wolfgang: Tierkreis, in: Der Neue Pauly (DNP), Bd. 12/1. Stuttgart: Metzler, 2002, Sp. 553-563; Unterberger, Gerald: Die Gottheit und der Stier: der Stier in Mythos, Märchen, Kult und Brauchtum. Beiträge zur Religionsgeschichte und vergleichenden Mythenforschung. Wien: Praesens, 2018.

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