Stabkalender

In den Ostalpenländern und in Skandinavien bestand die älteste Form der Zeitrechnung darin, für jeden vergangenen Tag eine Kerbe in einen Stab zu schneiden. Der Erste, der auf die nordischen S. aufmerksam machte, war der dänische Arzt und Prof. Olaus Worm. Ihm zufolge hatten die Dänen angeblich schon zur Zeit Cäsars Holzkalender. Alle skandinavischen Kalenderstäbe enthielten die christlichen Feste und Heiligentage. Die Schweden nutzten S. bis in das 17. Jahrhundert. Auf 50 cm langen Stäben wurden die 365 Tage eines Jahres eingeschnitten. Bei den Feiertagen wurden sie jeweils durch Bildzeichen und Sinnbilder unterbrochen. Die späteren „Holzplattenkalender“ enthielten dann neben Heiligendarstellungen und Feiertagssymbolen auch Angaben darüber, wann der Garten umgegraben, das Heu gemäht, geschlachtet werden sollte usw.
Wie ein solcher Kalender zustande kam, davon berichtet der Schriftsteller Daniel Defoe (1660-1731), dessen schiffbrüchigen Helden Robinson Crusoe es 1659 an den Strand einer Südseeinsel verschlagen hatte:

„Nach zehn oder zwölf Tagen fiel mir ein, ich könnte aus Mangel an Papier, Tinte und Feder die Zeitrechnung ganz aus dem Gedächtnis verlieren, vielleicht sogar den Sonntag im Ablauf der Tage vergessen. Um das zu vermeiden, schnitt ich mit meinem Messer in Großbuchstaben eine Inschrift in einen starken Pfosten, zimmerte dann daraus ein großes Kreuz und stellte es am Strand an der Stelle auf, wo ich ihn zuerst betreten hatte. Die Inschrift lautete: ,Ich betrat hier den Strand am 30. September 1659.ʻ An den Seiten dieses viereckigen Pfostens schnitt ich mit dem Messer jeden Tag eine Kerbe ein, an jedem siebten Tag machte ich die Kerbe doppelt so lang wie die andern, und an jedem Monatsersten doppelt so lang wie die Sonntagskerbe. So hatte ich meinen Kalender mit wöchentlicher, monatlicher und jährlicher Zeitrechnung.“ (Aus einem alten Bauernkalender)

Lit.: Graber, Georg: Holzstabkalender in Kärnten, in: Beiträge zur älteren europäischen Kulturgeschichte, Bd. III. Klagenfurt: Verlag des Geschichtsvereines für Kärnten, 1954; Bauer, Wolfgang/Zerling, Klemens: Das Lexikon der Orakel: der Blick in die Zukunft. München: Athmosphären Verlag, 2004.

Setze ein Lesezeichen für den Permalink.