Spukhaus von Athen

Der römische Schriftsteller Gaius Plinius der Jüngere Cäcilius Secundus (* 61/62 n. Chr.) berichtet in einem Brief an den Senator Lucius Licinius Sura von einem Spukhaus in Athen, in dem ein Gespenst in Gestalt eines alten Mannes mit Ketten beladen umging. Das Haus war zur Vermietung angeboten und der Philosoph Athenodoros von Tharsos, der nach Athen gekommen war, hörte davon, mietete das Haus und erwartete den mitternächtlichen Geist.

„Es gab in Athen ein großes und geräumiges Haus, doch verrufen und lebensgefährlich. In der Stille der Nacht hörte man Klirren von Eisen und Schreie. Bald danach erschien mit trägem Schritt ein Gespenst, ein alter Mann mit schrecklichem Gesicht, der mit den Händen Ketten schwang. Deshalb waren für die Leute, die dieses Haus bewohnten, die Nächte bedrückend und entsetzlich, denn jeder fürchtete um sich, viele konnten, wenn die Angst zunahm, keinen Schlaf mehr finden, und gerade den Schwächsten war der Tod sicher. Daraufhin wurde das Haus aufgegeben und ganz diesem Unwesen überlassen. Da kommt der Philosoph Athenodor nach Athen, hört von jenem Haus, fragt und wird über alles informiert. Um das Gespenst mit eigenen Augen zu sehen, bleibt er bei Nacht im vordersten Teil des Hauses und schreibt und liest. Am Anfang nächtliches Schweigen, dann klirrt Eisen, schleifen Ketten. Er blickt nicht auf, legt den Griffel nicht weg. Danach nimmt das Geklirre zu, kommt näher, lässt sich wie auf der Schwelle, schon wie im Zimmer vernehmen. Endlich hebt Athenodor den Kopf und erblickt den Alten, und erkennt ihn als das Phantom, von dem man ihm berichtete. Der alte Mann stand da und gab mit dem Finger ein Zeichen, als wolle er ihn holen. Nichtsdestoweniger bedeutet ihm Athenodor durch eine Handbewegung, er solle ein wenig warten, und schreibt weiter. Jener klirrt über dem Kopf des Schreibenden mit seinen Ketten. Athenodor bemerkt, dass er dasselbe Zeichen wie vorher macht, erhebt sich und geht mit ihm in den Garten hinaus, wo die Gestalt plötzlich entschwindet und ihn allein zurücklässt. Athenodor markiert die Stelle, wo die Erscheinung verschwand, mit einigen Kräutern. Am folgenden Tag wendet er sich an die Behörden und beantragt, dass sie jenen Ort aufgraben lassen. Man findet die Knochen eines Menschen, der anscheinend vor vielen Jahren ermordet worden ist, mit Ketten umwunden! Die Gebeine wurden dem Brauch entsprechend würdig bestattet und das Haus blieb fortan frei vom Spuk“ (Gaius Plinius Cäcilius Secundus, Neffe von Plinius dem Älteren († 79 n. Chr.), epistulae, Buch 7, Brief 27).

Lit.: Zahlner, Ferdinand: Zeichen und Erscheinungen „von drüben“? Grenzgebiete der Wissenschaft (GW) 61 (2012) 2, 155-175, hier: 160/61.

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