Spökenkieker

(Spukseher, Geisterseher), niederdeutscher Ausdruck für Menschen mit hellseherischen bzw. präkognitiven Fähigkeiten, die sich meist in der Voraussage von Unglücksfällen manifestieren; regional auffällig vorkommend in Westfalen, Friesland und Schottland.
Der S. gilt als eine Person, die das Zweite Gesicht hat. Er nimmt in wachem oder halbwachem Zustand Ereignisse als gegenwärtig wahr, die entweder zur selben Zeit, jedoch in der Ferne geschehen oder erst geschehen werden. Schon im Begriff ist erklärt, dass diese Wahrnehmungen zumeist durch das Gesicht, seltener durch das Gehör oder über andere Sinne erfolgen.
Wer diese Gabe hat, sei ein unglücklicher Mensch, da er nicht sehen könne, was und wann er will, sondern den „Vorspuk“ sehen müsse, sooft er kommt. Nach der Schriftstellerin Annette von Droste-Hülshoff entspricht der inneren Gabe des S.s eine gewisse äußere Konstitution. Sie schreibt ihm neben einem sonderbaren Ausdruck im Blick eine gewisse Blässe des Antlitzes zu.
Beim „Spökenkieken“ werden zwar oft auch Menschen gesehen, ebenso oft aber nur Gegenständliches bzw. Situationen oder Ereignisse, deren Umfang und Bedeutung recht verschieden ist. Sehr oft sind es Leichenzüge bzw. Beerdigungen, die vorausgesehen werden, häufig auch Brände, manchmal die Ankunft eines Fremden. Was das Wesen des Zweiten Gesichts bei solchen Personen ausmacht, so gebe es dabei so gut wie jeglichen Übergang von einem echten Ahnen über die spukhafte Ankündigung bis hin zum voll ausgeprägten Zweiten Gesicht, sodass es als ein Ahnen in Form einer Vision mit zumeist wirklichkeitsgetreuen Einzelheiten definiert werden kann.
In den 1930er Jahren wurden von Karl Schmeïng, der sich vor allem mit Psychologie und Volkskunde befasste, im norddeutschen Raum mehr als 100 S. psychologisch untersucht. Diese erwiesen sich angeblich ausnahmslos als Menschen mit einer besonders gesteigerten visuellen Vorstellungsgabe, wobei es in Situationen besonderer Erwartungshaltung unter dem Druck starker Emotionen zu visionären Erlebnissen gekommen sei. Schmeïngs Untersuchungen sollen somit gezeigt haben, dass sich die Erfolgschance der Erfüllung von Vorgesichten durchaus im Rahmen des Wahrscheinlichen bewege und dem Ganzen nichts Übernatürliches anhafte.

Lit.: Schmeïng, Karl: Geschichte des Zweiten Gesichts. Bremen: Dom, 1950; ders.: Seher und Seherglaube, Soziologie und Psychologie des „Zweiten Gesichts“. Darmstadt: Themis Verlag, 1954; Völkel, Heinrich: Psychiatrische Aspekte des Aberglaubens, in: Dietz-Rüdiger Moser (Hrsg.): Glaube im Abseits: Beiträge zur Erforschung des Aberglaubens. Darmstadt: Wiss. Buchges., 1992, S. 419/20; Strotdrees, Gisbert: Das Zweite Gesicht, in: Lena Krull (Hrsg.): Westfälische Erinnerungsorte. Paderborn: Ferdinand Schöningh, 2017.
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