Spiegel

(Lat. speculum, Abbild). In der Antike existierte die Vorstellung, die sichtbare Schöpfung sei ein S. Gottes. Die religionsgeschichtliche Bedeutung fußt auf dem Glauben an die Identität der Seele mit dem Bild ihres Trägers. Indem der S., sowohl der natürliche des Wassers als auch der künstliche, dieses auffängt, halte er die Seele fest.
In China wird der S. als Symbol des kontemplativen, nicht handelnden Weisen gesehen. In Japan steht er für die vollkommene Reinheit der Seele sowie für die Sonnengöttin, weshalb es in vielen shintoistischen Tempeln einen heiligen S. gibt. Eine solare Bedeutung hat der S. auch im Orakel und im Märchen, wo er wie die Sonne die Wahrheit an den Tag bringen soll.
Bei einigen afrikanischen Völkern wird der S. wegen seiner optischen Verwandtschaft mit der Wasseroberfläche beim Regenzauber verwendet. Im Volksglauben verschiedener Völker wird ihm auch apotropäische Wirkung nachgesagt.
In der bildenden Kunst des Mittelalters und der Renaissance galt er als Symbol der Eitelkeit und der Wollust, aber auch der Wahrheit und Klugheit.
In der Mystik wurde ihm die Offenbarung einer höheren, verborgenen Wirklichkeit zugeschrieben.
Der besondere Zusammenhang von S. und Tod äußerte sich in verschiedenen Bräuchen, z.B. im Verhängen des Spiegels, wodurch ursprünglich der Verbleib des Toten im Haus vermieden werden sollte.
Ein S. gehörte auch zu den wichtigsten Requisiten der traditionellen Hexe. Viele Magier, darunter John Dee, sollen Zauberspiegel besessen haben, mit deren Hilfe sie angeblich in die Zukunft sehen konnten.

Lit.: Strauß, Anselm: Spiegel und Masken, die Sucht nach Identität. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 1968.

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