(Lat., „die Lose des Vergil“), in der Spätantike beliebte Methode der Divination (> Bibliomantie, Stichomantie). Dabei wurde die Aeneis des Vergil an einer beliebigen Stelle aufgeschlagen und die ersten ins Auge fallenden Verse wurden in Beziehung gesetzt zu den persönlichen Problemen des Fragestellers. Die Aeneis wurde auf diese Weise noch weit bis in das Mittelalter hinein verwendet. Die Volkssage machte daher aus dem römischen Dichter Vergil einen „Virgilius der Zauberer“, als der er u.a. im Speculum historiale (13. Jh.) des französischen Dominikaners Vinzenz von Beauvais erscheint.
In späterer Zeit wurde auf die gleiche Weise die Bibel als Hilfsmittel der Mantik benutzt.
Lit.: Thompson, James Westfall: Vergil in Mediaeval Culture. The American Journal of Theology 10 (1906) 4, 648-62; Manguel, Alberto: A History of Reading. Penguin Books, 1996.