Die Entstehung der S. beschreibt ein japanischer Mythos durch das Auswaschen der Augen (= Sonne und Mond) eines Himmelsgottes. Als Spenderin von Licht und Leben und als Beherrscherin des Tages genoss die S. schon früh kultische Verehrung und fand ebenso Eingang in den Bereich religiöser Spekulationen.
Vergöttlicht erscheint sie in einzelnen Kulturbereichen u.a. als Schamasch, Aton, Re, Helios, Sol und Surya.
Vom Sonnenauge ist bei Mitra, Varuna und Agni ebenso die Rede wie bei dem ägyptischen Himmelsgott Horus, der als Falke dargestellt wurde und als „Auge des Re“ galt.
Über die Assoziationskette Licht ‒ Auge ‒ Sehen ‒ Wissen wurden Sonnengötter mit den Bereichen Recht, Eid und Vertrag in Beziehung gesetzt. Die Wahrung des Rechts wiederum brachte sie in Verbindung mit dessen irdischen Garanten, den Königen. So galten der Sonnengott Inti als Ahnherr der Inka-Herrscher und die japanische Sonnengöttin Amaterasu als Ahnengöttin der japanischen kaiserlichen Familie. Die ägyptischen Pharaonen wiederum wurden als die Söhne des Re angesehen. Der Höhepunkt dieser Entwicklung war die kurzzeitige Erhebung des Sonnengottes zum alleinigen Reichsgott, was unter Amenophis IV. geschah, der den Gott Aton als Sonnenscheibe in monotheistischer Weise verehren ließ und sich daher Echnaton („er gefällt Aton“) nannte. Ähnliches ereignete sich in Rom, als Kaiser Aurelian (214-275) die Verehrung des sol invictus als Staatskult einführte.
Eine weitere wichtige Funktion hat die S. in der Astrologie, wo sie als einer der signifikantesten Faktoren eines Horoskops betrachtet wird. Sie bestimmt angeblich das Grundtemperament eines Menschen und sei die Quelle seiner Vitalität. Assoziiert wird sie mit dem Sternzeichen des Löwen.
Im Tarot ist die S. die 19. Karte des Großen Arcanums. Das Bild zeigt sie von einem Strahlengürtel umgeben über einem jungen Paar, das durch eine Mauer vom Licht getrennt scheint, was im psychologisch-alchemistischen Sinn auch als die erste Vorstufe der Vereinigung der polaren Gegensätze gedeutet wurde.
Lit.: Lexikon der Religionen: Phänomene ‒ Geschichte ‒ Ideen. Freiburg i.Br. u.a.: Herder, 1987.