Sirenen

(Griech. Seirenes, „die Bestrickenden“), aus der Odyssee bekannte Jungfrauen mit Vogelleib (Homer spricht von zwei), die, mit übernatürlichem Wissen und betörendem Gesang begabt, vorüberfahrende Seeleute an ihre Insel zu locken und zu töten trachteten. Als die Argonauten in die Nähe der S.-Insel kamen, gelang es Orpheus, ihren Gesang mit seiner Leier zu übertönen. Odysseus verschloss den Gefährten die Ohren mit Wachs und ließ sich an den Mast seines Schiffes binden, woraufhin sich die S. ins Meer stürzten.
Während die S. in den ältesten Darstellungen (ab ca. 650 v. Chr.) noch als Vögel mit Menschenköpfen, zuweilen auch männlich mit Bart, auftraten, wurde ihr Oberkörper ab ca. 550 v. Chr. menschlich, d.h. weiblich, dargestellt und ihr dämonischer Charakter trat zunehmend in den Hintergrund.
Den Aufenthalt der S. dachte man sich im Hades oder in himmlischen Sphären. Während die Himmelssirenen mit bezauberndem Gesang oder instrumentellem Spiel begabt waren, sorgten die Hadessirenen für die Verstorbenen und klagten um sie. Davon zeugt eine seit ca. 400 v. Chr. verbreitete Darstellungsform, welche die zu Todesengeln umfunktionierten S., häufig mit einem Musikinstrument ausgestattet, trauernd auf Grabdenkmälern zeigt. Von hier aus wurde nicht selten eine Verbindung zu den posaunenblasenden Barockengeln gesponnen. Vor diesem Hintergrund wird auch das Sprichwort, ein dem Tode Entronnener „habe die Engel singen gehört“ gedeutet. Andererseits waren die S. für das Christentum wegen ihres Wissens und ihrer Verführungskünste Sinnbilder der Häresie. Später verkörperten sie dann nur noch die Lust der Welt (saeculi voluptas).
Im Mittelalter wurden die S. sowohl in der Literatur als auch im Bild häufig als Mischwesen von Menschen und Fischen dargestellt und als Meerjungfrauen bezeichnet, während sie in moderneren Versionen des Themas mit Nixen gleichgesetzt wurden.

Lit.: Hofstetter, Eva: Seirenes, in: Lexicon Iconographicum Mythologiae Classicae (LIMC), Bd. VIII. Zürich/München, 1997, S. 1093-1104; Kraß, Andreas: Meerjungfrauen: Geschichten einer unmöglichen Liebe. Frankfurt/M.: Fischer, 2010.

Setze ein Lesezeichen für den Permalink.