Bei einer magischen Sigille handelt es sich um ein vom Magier geschaffenes abstraktes Symbol, das zu unterschiedlichen Zwecken verwendet werden kann, z.B. zur Herstellung eines Talismans oder zur Evokation von Geistern oder Göttern. Die häufig auf Basis der Abstraktion von Buchstaben oder Zahlenkombinationen gestaltete Sigille wird auf ein Trägermaterial oder auf den Boden geschrieben, kann aber auch in der Luft geschlagen werden. Die magische Arbeit mit Sigillen reicht bis in die Antike zurück. Eine populär gewordene Form der S., die mittlerweile große Verbreitung gefunden hat, beruht auf den Arbeiten des britischen Okkultisten Austin Osman Spare (1886-1956).
Die Herstellung einer Sigille bzw. eines Sigils aus den Bausteinen eines Willenssatzes spiegelt gleichsam Aspekte des intendierten psychischen Prozesses wider: Von der absoluten Bewusstheit und Konkretheit, die sich in der möglichst klaren Formulierung eines Willenssatzes zeigt, läuft die Umformung in ein Sigil über einen Prozess zunehmender Abstraktion und Konzentration hin zu einem Zeichen von eigener Dynamik, dem dann als Fokuspunkt intensiver Konzentration zwar der Willenssatz „innewohnt“, aber nicht mehr sichtbar ist. In einem Akt psychischer Intensivierung, wie sie mit dem Zustand magischer Trance induziert wird, soll das Sigil und mit ihm der Willenssatz verinnerlicht und dann vergessen werden. Er soll schließlich als eine Art künstlich hervorgerufener psychischer Komplex im Unterbewusstsein seine Wirkung entfalten und zum gewünschten Ziel fuhren.
Lit.: Frater, V.D.: Schule der Hohen Magie, Bd. I. München: Ansata, 2003; ders.: Schule der Hohen Magie, Bd. II. München: Ludwig Verlag, 2003; Greer, John Michael: Enzyklopädie der Geheimlehren. München: Ansata, 2005; Mayr, Gerhard: Moderne magische Praxis: Modelle ‒ Techniken ‒ Schulen. Grenzgebiete der Wissenschaft (GW) 59 (2010), 99-134.