Sibylle

Legendäre Ekstatikerin der Antike aus Kleinasien, die nicht im Rahmen der Frage-Antwort-Riten der Orakel weissagte, sondern ‒ nach Heraklits Worten ‒ „von Gott getrieben mit rasendem Munde Ungelachtes und Ungeschminktes redet und mit ihrer Stimme durch tausend Jahre reicht“. Der Ausdruck S. wurde schließlich generell auf gottinspirierte jungfräuliche Seherinnen übertragen und bereits in der Antike zur Berufsbezeichnung. Die Überlieferung spricht von zahlreichen S.n, und die Sibyllinischen Weissagungen reichen bis in das Juden- und Christentum. In Griechenland waren vor allem die S.n von Marpessos bei Gergis, von Delphi und Erythrai bekannt. Der Kult von Erythrai soll dann nach der griechischen Siedlung Cumae in Campanien gekommen sein. Die S. von Cumae ist bekannt durch das sechste Buch der Aeneis, die ekstatische Natur ihrer Prophezeiungen ergibt sich aus den Versen 77-102. Die Zahl der S.n, der in Trance weissagenden Frauen, mehrte sich mit der Zeit zusehends, verschiedene Länder wollten ihre je eigene S. haben. Vgl. Sibyllinische Bücher.

Lit.: Kurfess, Alfons/Gauger, Jörg-Dieter (Hrsg.): Sibyllinische Weissagungen. Griech.-dt. Sammlung Tusculum. Düsseldorf/Zürich: Artemis und Winkler, 1998.

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