Seher

(Griech. mántis, lat. vates). Die Antike schrieb S.n große Bedeutung zu. Man denke an das Orakel von Delphi, wo Pythia, durch aufsteigende Dämpfe in Trance versetzt, weissagte; oder Kassandra, die Tochter des Königs Priamos, die angeblich den Trojanischen Krieg voraussagte.
Bei den Römern gehörte es zum guten Ton, sich in den Künsten der Wahrsagerei auszukennen, in erster Linie im Deuten des Vogelflugs. Der Staat hatte dafür eigene Beamte, die Auguren, wörtlich „Vogelmänner“, die den Willen der Götter aus dem Geschrei der Vögel (Raben, Eulen) oder ihrer Flugbahn (Adler) herauslesen sollten. Die Auguren gehörten zur größeren Gruppe der Seher (vates). Sie alle verkündeten ihre Weissagungen durch göttliche Inspiration. Der S. galt als göttlich inspirierter, prophetischer Künder. Überliefert sind die Namen Publicius und Marcius. Neben den allgemeinen Weissagern gehörten auch die Sibyllen, Propheten, Astrologen und Traumdeuter zu den Sehern.
Bei den Germanen finden sich vom Altertum bis ins Hochmittelalter Belege dafür, dass speziell Frauen prophetische Gaben nachgesagt wurden und einige auch ausdrücklich als S.innen (Wahrsagerinnen) verehrt wurden. Eines ihrer Attribute soll der Stab (altnord. völr) gewesen sein, von dem sie ihren Namen hatten (völva, „Stabträgerin“, dann „Seherin“). In den Edda-Liedern sowie in den Sagas wird bedeutendes Wissen wiederholt S.innen in den Mund gelegt.
Von einer anderen Kategorie von S.n berichten Altes und Neues Testament. Sie prophezeiten Ereignisse, die eintreten konnten oder auch nicht ‒ je nachdem, ob eine bestimmte Handlung vorausging. Doch schon in der Bibel wurde die Glaubwürdigkeit von S.n wiederholt in Frage gestellt. Die Rede vom „falschen Propheten“ ging um.
Im heutigen Sprachgebrauch versteht man unter einem S. jemanden, der die Fähigkeit des Hellsehens oder der Präkognition besitzt oder dem z.B. in Form einer Vision oder Erscheinung ein besonderes religiöses Erlebnis zuteil wird.
In antiken Kulten und im Schamanismus sind die Übergänge zwischen Hellseher und Visionär nicht immer klar abgrenzbar. Voraussetzung ist der Glaube, weshalb S. vor allem in religiösen bzw. spirituellen Kontexten Anerkennung finden.

Lit.: Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart: Kröner, 1985; Drury, Nevill: Lexikon esoterischen Wissens. München: Knauer, 1988; Simek, Rudolf: Lexikon der germanischen Mythologie. Stuttgart: Kröner, 3., völlig überarb. Aufl. 2006.

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