Seelenvogel

Die Vorstellung, dass die Seele Vogelgestalt annehmen könne, scheint über die ganze Erde verbreitet zu sein. So glaubte man in Japan, dass die Seele als Vogel über den Strom in das Jenseits gelange. In einem alten indischen Rechtstext wird verlangt, dass den Vögeln beim Totenopfer ein Kloß hinzuwerfen sei, weil die Väter das Aussehen von Vögeln annehmen und einherziehen würden. Bei den Germanen und in Skandinavien war es der Brauch, bei einem Todesfall das Fenster zu öffnen, damit die Seele entweichen könne. Die Ägypter kannten als eine der Menschenseelen den ba (Exkursionsseele) mit Falkenkörper und Menschenkopf, der sich in leblosen Formen, u.a. einem Leichnam, niederlassen, sich aber auch wieder von diesem ablösen und zum Sonnengott emporfliegen könne. Bei den Griechen flogen nach Homer die Seelen der Freier in den Hades. So komme Odysseus im Traum der Penelope als Adler zu ihr. Nach islamischem Glauben erscheint der S. als Verkünder menschlichen Schicksals sowie als Wächter über Ehre und Sitte der Familie.

Lit.: Von Negelein, Julius: Die Seele als Vogel. Globus LXXXIX, Nr. 23 (1901); Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart: Kröner, 1985.
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