Ein von Meister Eckhart († 1327/1328) geprägter Ausdruck, der im übertragenen Sinn einen „Ort“ in der menschlichen Seele bezeichnet, an dem nach spirituellen Lehren Gott oder die Gottheit anwesend ist und eine Vereinigung der Gottheit mit der Seele zustande kommen kann.
Heidnische wie christliche Autoren entwickelten bereits in der Antike Seelenlehren, mit denen sie Elemente von Meister Eckharts Modell vorwegnahmen. Es ging dabei um einen als göttlich oder gottförmig betrachteten Teil der Seele oder um eine göttliche Instanz in ihr. Antike stoische und neuplatonische Philosophen waren überzeugt, dass es in der menschlichen Seele eine steuernde Instanz gebe, die der göttlichen, das Weltall lenkenden Macht analog oder wesensgleich sei. Auch die einschlägige mittelalterliche Terminologie geht auf Begriffe dieser Denker zurück. So wurden im 12. Jh. Konzepte entwickelt, denen zufolge im innersten Bereich der Seele eine Betrachtung Gottes möglich sei. Eine ausgeformte Lehre von der Einheit der Seele mit der Gottheit im Seelengrund entstand jedoch erst im Spätmittelalter. Ihr Urheber war Meister Eckhart, der sich zwar auf Augustinus berief, aber vor allem seine ganz persönliche, unkonventionelle und für damalige Verhältnisse anstößige Lehre vom Göttlichen in der menschlichen Seele verkündete. Er behauptete, dass es im Innersten der Seele etwas von göttlicher Qualität gebe, das er „Grund“ nannte und das nicht zur Schöpfung gehöre, sondern über allem Geschaffenen stehe. Dieser ungeschaffene „Seelengrund“ sei absolut frei von jeglicher einschränkenden Bestimmung, eine Gotteserfahrung sei dort jederzeit möglich. Eckhart bezeichnete diese als „Gottesgeburt“ im Seelengrund. Die Voraussetzung dafür sei „Abgeschiedenheit“, d.h., die Seele müsse sich von allem lösen, das sie von der göttlichen Einfachheit in ihrem Innersten ablenke.
Eckharts Lehre vom S. wurde bald nach seinem Tod von der Kirche als häretisch verurteilt, fand jedoch im Spätmittelalter in teils abgewandelter Form mancherorts Zustimmung.
Das Konzept des S.s als Stätte der Gotteserfahrung lebte in der geistlichen Literatur der Frühen Neuzeit fort und wurde sowohl von katholischen Autoren als auch im evangelischen Pietismus aufgegriffen. > Seelenfunke.
Lit.: Nix, Udo: Der mystische Wortschatz Meister Eckharts im Lichte der energetischen Sprachbetrachtung. Bonn: Schwann, 1961; Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart: Kröner, 1985; Witte, Karl Heinz: Meister Eckhart: Leben aus dem Grunde des Lebens. Freiburg i.Br./München: Herder, 2013.