Seelenglaube

Bei primitiven Völkern dominiert nach landläufiger Ansicht die Vorstellung einer Mehrheit von Seelen, die sich in ihrer Eigenart klar abgrenzen: Egoseele, Freiseele, Vitalseele.
Die Egoseele, die bei den Griechen Homers ihren Sitz im Zwerchfell hat, gilt als Mittelpunkt des Denkens, Wollens und Fühlens und wird mit Kopf und Herz in Verbindung gebracht. Nach dem Tod lebt sie in neuer Existenz an einem jenseitigen Ort fort.
Die Freiseele wird als Spiegelbild des Menschen auch Bildseele genannt. Sie ist von der Körperlichkeit des Menschen weitgehend gelöst und trägt zudem den Namen Schattenseele, weil sie sich auch im Schatten des Menschen in Erscheinung bringen kann. Und weil sie sich in Träumen, Visionen und Bewusstlosigkeit aktiviert, wird sie ebenso als Traumseele bezeichnet. Nach dem Tod lebt sie der Vorstellung nach als geistiges Prinzip weiter. In spezieller Form begegnet man ihr unter Umständen als Außenseele an einem entfernten Ort, als „Buschseele“ oder in einem Tier oder einem Naturgegenstand.
Viele Stämme sind der Ansicht, dass die Lebensäußerungen des Menschen auf die Wirksamkeit einer Vitalseele zurückgehen. Sie sei die im Menschen vorhandene Lebenskraft und damit verantwortlich für das Leben des Organismus. Als Hauchseele wird sie oft auch mit dem Atem gleichgesetzt. Manchen Ethnien zufolge vergeht sie, während andere glauben, dass sie als selbständiger Totengeist bzw. als Gespenst weiterlebt.
Oft wird eine Übergangsform zwischen Tod und Eintritt in das Jenseits gedacht, wobei der Verstorbene im Grab oder in der Nähe einer Siedlung verbleibt und so mit Gütern versorgt werden muss. Hier greift die Vorstellung vom „lebenden Leichnam“.
Die Auffassung von einer vollkommenen Auflösung der Persönlichkeit kommt höchst selten vor.
Bedeutsam ist, dass bei Völkern mit unitärer Seelenauffassung die Unsterblichkeit der Seele unbestritten bleibt. Zum Unsterblichkeitsglauben gibt es eine große Anzahl von Mythen, die von einem ewigen Leben des Menschen in der Urzeit berichten. Wegen eines Vergehens des Menschen gegen den Willen Gottes habe dieser Zustand schließlich ein Ende genommen.
Auch die Vorstellung von der Seelenwanderung ist Naturvölkern nicht fremd. Sie findet sich im Bereich nahezu aller Kulturstufen. Die ältere vedische Zeit kennt die Lehre von der Seelenwanderung jedoch noch nicht. Sie ist erst später in Indien eingedrungen.
Bei bestimmten afrikanischen Stämmen herrscht der Gedanke vor, die Seele könne von Mensch zu Mensch übergehen. So z.B. seien die Kinder die zur Erde zurückgekehrten Großeltern.
Bei manchen Völkern gibt es auch die Vorstellung von einer Präexistenz der Seele. Als deren Aufenthaltsorte vor der Inkarnation werden der Himmel, die Unterwelt, Tiere und Naturobjekte angenommen. So begegnet man in Australien z.B. der Geistkindidee, derzufolge die Kinderseelen mit den mythischen Vorfahren zusammen an Wasserquellen oder anderen kultischen Orten leben würden.
Manche Völkerkundler geben allerdings zu bedenken, dass von europäischen Beobachtern im Hinblick auf primitive Völker manches als „Seele“ hingestellt worden sei, was keineswegs der „Seele“ entsprechen würde. Diese würden „Seele“ in unserem Verständnis nicht kennen, sondern lediglich ein oder mehrere „beseelende“ Prinzipien des Körpers.
Und schließlich: Die Wege, welche die Seele nach dem Tod des Körpers zu gehen hat, sind mannigfacher Art und eventuell mit Hindernissen und Gefahren verbunden. Hier werden die Hinterbliebenen in die Pflicht genommen, Hilfestellung zu leisten. Man denke an Totenkult, Totenmahlzeiten, Toten- oder Seelenmessen. Darin liegt einerseits das Bestreben, sich durch Bindung der Seelen ihrer helfenden Nähe zu versichern. Andererseits zeigt eine Fülle von Bräuchen, dass man sich auch um ein Fernhalten der letztlich doch als unheimlich empfundenen Seelen bemüht.

Lit.: Kremer, Klaus: Seele:ihre Wirklichkeit, ihr Verhältnis zum Leib und zur menschlichen Person. Leiden: E.J. Brill, 1984; Bertholet, Alfred: Wörterbuch der Religionen. Stuttgart: Kröner, 1985; Kucher, Walter: Jenseitsvorstellungen bei verschiedenen Völkern, in: Andreas Resch: Fortleben nach dem Tode (Imago Mundi; 7, Innsbruck: Resch, 4. Aufl. 1987, S. 87-160; Ankermann, B.: Totenkult und Seelenglaube bei afrikanischen Völkern. Zeitschrift für Ethnologie 50 (1918); Arbmann, E.: Untersuchungen zur primitiven Seelenvorstellung mit besonderer Rücksicht auf Indien. Le Monde Orientale 20 (1927).

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