(Griech. psyche, thymos, pneuma; lat. anima, spiritus), religiöses Konzept einer unfassbaren Substanz, allgemein als das lebensspendende Prinzip im Menschen betrachtet, häufig als immateriell oder von luftartiger „Gestalt“ (Hauch, Atem) beschrieben.
Je nach religiösem Kontext gibt es verschiedene Seelenvorstellungen. In vielen Kulturen ist die Rede von einer körpergebundenen, häufig im Blut, Herz oder in den Knochen lokalisierten S. (Körper-Seele, Vital-Seele) sowie von einer ungebundenen Frei-Seele (Schatten-Seele, Traum-Seele), die den Körper z.B. im Traum verlassen könne. Manche Religionen gehen von mehr als zwei Seelen aus.
Bei Homer (8. Jh. v. Chr.) sind menschliche Eigenschaften noch den Organen zugeordnet, die S. existiert lediglich als körperloses Abbild des Verstorbenen. Mit Heraklit (ca. 550-480 v. Chr.) kristallisiert sich die Anschauung von einer inneren S. als der Ganzheit einer Person heraus, die den Tod überdauert. In der Seelenwanderung ergibt sich die Möglichkeit immer neuer Inkorporationen, in der christlichen Eschatologie die der Auferstehung von Körper und Seele. Während Platon (ca. 428-347 v. Chr.) die S. wie andere griechische Denker als Gefangene des Körpers sieht, sind für Aristoteles (384-322 v. Chr.) die vegetative und die animale S. zusammen mit dem Göttlichen der Vernunft im Mikrokosmos Mensch vereinigt und können sich nur im körperlichen Organismus entfalten (Entelechie). In Gnosis und Christentum wird im Gegensatz zum griechischen Denken der Körper im Vergleich zur S. abgewertet. Nach Augustinus (354-430) ist die S. nicht auf den Leib, sondern auf Gott hin ausgerichtet. Die Gottesebenbildlichkeit weist den menschlichen Geist als die höchste der seelischen Schichten aus. Zu den einschneidendsten Veränderungen in der Frühen Neuzeit zählt die Individualisierung der S. vor allem unter dem Einfluss der Renaissance. Befördert wurde der mittelalterliche Individualisierungsprozess nicht zuletzt durch die Anschauung des Thomas von Aquin (1225/26-1274), derzufolge die Geist-Seele von Gott als Formprinzip für den jeweiligen Leib erschaffen wurde. Den entscheidenden Schritt von der Individualisierung zur Subjektivierung der S. vollzog R. Descartes (1596-1650), indem er dem Körper ein Zentrum des Psychischen gegenüberstellte. Die von ihm vorbereitete „Entmythologisierung“ der S. erreichte ihren vorläufigen Höhepunkt Mitte des 19. Jahrhunderts, als die Seelen-Frage von der weltanschaulichen Auseinandersetzung um den Materialismus dominiert wurde. Die Konsequenz war, dass die S. ihre Transzendenz verlor und der Immanenz des Körpers zugeordnet wurde. Der Begriff „Seele“ verschwand aus der Psychologie, die sich für eine empirisch-experimentelle Praxis entschied. In den meisten wissenschaftlichen Disziplinen kam der Seelenbegriff abhanden. Selbst in der Religionswissenschaft gibt es Bedenken bezüglich einer Weiterverwendung des Terminus. Als immaterielle, unsterbliche Wesenheit eines Individuums konvergiert die S. nicht mit anderen religiösen S.-Begriffen (Ba, Ka, Ach, atman-brahman-Konzeption usw.). Wenngleich es Entsprechungen gibt, existieren gleichzeitig auch wesentliche Unterschiede zum westlichen S.-Begriff. So ist eine (Religions-)Geschichte der S. unter Berücksichtigung der kulturellen Vielfalt der Menschheit bislang ungeschrieben.
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