Schwarze Romantik

Auch Schauerromantik, eine innerhalb der Romantik Ende des 18. Jahrhunderts aufkommende Unterströmung, die das Unheimliche, Dämonische, Abgründige in der menschlichen Psyche bis hin zu Wahnsinn, Erotik und Gewalt sowie Tod thematisiert.
Der Begriff stammt ursprünglich aus der Literaturwissenschaft. Popularität erlangte er durch den italienischen Literaturwissenschaftler Mario Praz (1896-1982), der seinen Schwerpunkt auf die Nachtseite der Romantik legte und Motive wie Tod, Laster, Grausamkeit und Dekadenz analysierte.
Einer klaren Definition entzieht sich die Schw. R. Sie konzentriert sich auf das Unheimlich-Gespenstische, Phantastisch-Abseitige und Dämonisch-Groteske in Form von Gespenstergeschichten und Schauerliteratur, die sich Ende des 18. Jahrhunderts in England als eigene Stilrichtung herausbildete (gothic novel). Aus der Schw.n R. und der Schauerliteratur wiederum entwickelte sich im 19. Jh. dann die moderne Horrorliteratur.
Ein Charakteristikum der Schw.n R. ist die Betonung melancholischer Züge, die Faszination des Wahnsinns und des Bösen. Als bevorzugte Kulisse dienen Klöster, Verliese, Kellergewölbe, Gruften, Spukhäuser, Ruinen und Friedhöfe. Romantische Gemälde zeigen unheimliche Naturerscheinungen wie Gewitter, nächtliche, in Mondschein oder in Nebel getauchte Landschaften, ebenso einsame Lichtungen und dunkle Wälder. Ein Maler, in dessen Werk sich diese Motive besonders umfassend finden, ist Caspar David Friedrich.
Die Romantiker widmeten sich nicht zuletzt der Erkundung des Unbewussten und der dunklen Seite der Psyche. Daher ist auch der Albtraum eines ihrer Motive. Telepathie, Vorahnungen und Somnambulismus fanden ebenso Interesse. Phänomene wie der Magnetismus als Vorgängerverfahren der späteren Hypnose, das Motiv des Doppelgängers, psychologische Extremzustände wie der Wahnsinn oder das Böse im Menschen standen im Fokus. In diesem Zusammenhang ist auch das Interesse an Parapsychologie, Alchemie, Magie, Nekromantie, Okkultismus, Satanismus, Hexerei zu sehen ‒ alles Phänomene der Zeit, die sich in Zeitschriften oder in der Trivialliteratur wiederfinden. Als Kehrseite des Schönen wird die Anziehungskraft des Schaurigschönen thematisiert und in der Literatur die morbide Anziehungskraft des Hässlichen und Missgestalteten beschrieben.
Mit der Vorliebe für Märchen und Sagen feiern auch Fabelwesen (Naturgeister, Gespenster, Wiedergänger, Dämonen) fröhliche Urständ. Die Romantik stand damit im Gegensatz zur Aufklärung, die mit ihrem Rationalitätsgedanken den Glauben an das Übernatürliche für überwunden hielt ‒ eine Annahme, die von den Romantikern mit ihrer Beschäftigung mit der Phantastik und dem Okkulten Lügen gestraft wurde.
Themen, Motive und Kunstformen der Schw.n R. wurden auch in außereuropäischen Kulturen bearbeitet. In Nordamerika entstand bereits im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts das literarische Subgenre American Gothic. Als ein typischer Vertreter ist hier Edgar Allan Poe mit Der Untergang des Hauses Usher zu nennen.
Eine ausgeprägte Beschäftigung mit Elementen des Okkulten und Unheimlichen, literarisch und/oder künstlerisch, fand ebenso in Zentral- und Südamerika, im südpazifischen Raum, in Neuseeland und Australien statt.

Lit.: Praz, Mario: Liebe, Tod und Teufel: die schwarze Romantik. München: dtv, 1963; Klein, Jürgen: Schwarze Romantik: Studien zur englischen Literatur im europäischen Kontext. Frankfurt/M.: Lang, 2005; Vieregge, André: Nachtseiten: die Literatur der Schwarzen Romantik. Diss., Uni Kiel 2007; auch: Frankfurt/M.: Lang, 2008; Pohl, Helga: Die Gruselgeschichte ‒ ein Beitrag zur Psychoanalyse von Horrorliteratur. Zeitschrift für Psychosomatische Medizin und Psychoanalyse 31 (1985) 2, 187-199.
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