Schulterblattorakel

Weissagung aus dem Schulterblattknochen, im Spätmittelalter Spatulamantie genannt; ursprünglich wohl schamanischer Ritus des Wahrsagens, der vor allem von mongolischen, burjatischen und tungusischen Schamanen praktiziert wurde, indem sie den Schulterknochen eines Schafes in das Feuer warfen und aus den durch die Hitze entstandenen Rissen die Zukunft voraussagten.
Diese Art der Weissagung gehört zu nahezu allen Kulturen und scheint von Ostasien oder Arabien schließlich nach Europa vorgedrungen zu sein. Für das Orakel wurden Rinder, Pferde, Esel, Ziegen oder Widder, in Japan Hirsche, in China bevorzugt Schildkröten, bei den Arabern Kamele herangezogen. Der Knochen wurde gekocht, vom Fleisch befreit, in christlichen Ländern mit Wein und manchmal noch mit Weihwasser gewaschen und dann in ein weißes Tuch geschlagen. An hohen Feiertagen sollte er bei jeder Frage irgendwelche Veränderungen aufzeigen. Oder man interpretierte bei den eigens dazu geschlachteten Tieren nach dem Kochen des Knochens die Formen, Farbflecken, Vertiefungen und Ränder. In China wurde mitunter vor dem Anbrennen die betreffende Frage in den Knochen eingeritzt.
Die zu beantwortenden Fragen betrafen vor allem solche nach Leben und Tod, Krankheit und Gesundung, Armut und Reichtum, Ehre und Unehre, Treue und Untreue. Als aussagekräftig galt nur das rechte Schulterblatt. Die Muster und Zeichen auf der Innenseite des Knochens bezogen sich in erster Linie auf die Privatsphäre, während Informationen über Naturkatastrophen oder Kriege angeblich an der Außenseite abzulesen waren. So ließ z.B. der Mongolenherrscher Dschingis-Khan (1162-1227) angeblich jedes Mal vor einem Feldzug aus einem Schulterknochen dessen Ausgang voraussagen.

Lit.: Nölle, Wilfried: Völkerkundliches Lexikon: Sitten, Gebräuche und Kulturbesitz der Naturvölker. München: Goldmann, 1959; Bauer, Wolfgang/Zerling, Klemens: Das Lexikon der Orakel: der Blick in die Zukunft. München: Atmosphären Verlag, 2004.
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