(* 18.05.1862 Oldenburg; † 12.02.1929 München), Psychiater, Parapsychologe.
Nach Gymnasialstudien in Oldenburg Studium der Medizin in München, 1888 Dr. med. 1886 gründete S. mit Carl du Prel und Wilhelm Hübbe-Schleiden die „Psychologische Gesellschaft“. Rudolf Tischner bezeichnet ihn als die führende Gestalt der deutschen Parapsychologie der zwanziger Jahre des 20. Jh. und nannte ihn einen der ersten deutschen Erforscher des Hypnotismus, denn S. publizierte schon früh, z.B. in der Zschr. Sphinx (1886-89), unter dem Namen „v. Notzing“ Arbeiten über Telepathie mit und ohne Hypnose. Zeitweilige Mitarbeiter waren Oskar R. Schlag und Karl Gruber. Durch die Ehe mit der Tochter des Großindustriellen Gustav Siegle, Gabriele, verfügte er über große finanzielle Mittel.
Der Schwerpunkt seiner Forschungsarbeit bezog sich auf Telekinese und Materialisationsphänomenik der berühmten Medien seiner Zeit. So hielt er mit dem Medium Eusapia Palladino 1894 erste Sitzungen ab; er entlarvte die Medien Lucia Sordi und Linda Gazerra (vgl. Psych. Studien l911f.) und interessierte sich später auch für Spukphänomene. Anfangs leichtgläubig, verbesserte er zunehmend die Untersuchungsbedingungen, unterließ jedoch quantitative Reihenversuche und versuchte keine Gewöhnung der Medien an stärkere Lichtverhältnisse zwecks Betrugsprävention, sodass die von ihm beobachteten paraphysikalischen Phänomene trotz allem keine allgemeine wissenschafliche Anerkennung finden konnten.
W.: Ein Beitrag zur therapeutischen Verwertung des Hypnotismus, Dissertation 1888; Materialisationsphänomene. München, 1914, 1923; Der Kampf um die Materialisationsphänomene. München, 1914; Physikalische Phänomene des Mediumismus. München, 1920; Experimente der Fernbewegung. München, 1924; Gesammelte Aufsätze zur Parapsychologie. Stuttgart, 1929; Die Entwicklung des Okkultismus zur Parapsychologie in Deutschland. Leipzig, 1932, hrsg. v. G. Walther; Die Phänomene des Mediums Rudi Schneider, hrsg, v. G. Walther. Berlin, 1933, Mithrsg. v. Die physikalischen Phänomene der großen Medien (= das sog. 7-Männerbuch). Stutzig, 1926; Grundfragen der Parapsychologie. Stutzig, 1962.
Lit.: Schlag, Oscar R.: Kurze Bibliographie der bedeutendsten Werke des Dr. Frhr. v. Schrenck-Notzing. Zschr. Okkultistische Rundschau (1929) 7; Nekrolog in der Zschr. f. PSS (= Psychische Studien) H. 4, 1929; Mann, Thomas: Okkulte Erlebnisse (1924), in: Essays II, 1914-1926, Große kommentierte Frankfurter Ausgabe, Frankfurt 2002; Fischer, Andreas: In der Dunkelkammer eines Medienforschers: Albert von Schrenck-Notzing, in: The Message: Kunst und Okkultismus ‒ Art and Occultism. With an Essay by André Breton. Hrsg. v. Claudia Dichter, Hans Günter Golinski, Michael Krajewski, Susanne Zander. Köln: Walther König, 2007, S. 137-142.