Schneider, Willy

(* 16.05.1903 Braunau/Oberösterreich; † 31.07.1971 ebd.), Medium. Sein jüngerer Bruder Rudi Schneider ging ihm schon am 28. April 1957 im Tod voraus.
Die folgende Ausführung bringt den Nachruf auf den Tod von Willy Schneider durch Dr. Gerda Walther (1897-1977), die an den Untersuchungen von Willy Schneider durch Dr. Schrenck-Notzing und an jenen nach Schrenck-Notzings Tod (1929) teilnahm.
„Willy wurde als dritter von sechs Brüdern in Braunau am Inn in Österreich geboren, wo sein Vater Setzer in einer Druckerei war. Als er ins Pubertätsalter kam, „fügte es sich“ einmal 1918, dass die Schneiderbuben auf „spiritistische Spielereien“ von Soldaten aufmerksam wurden und sie nachahmten: ein kleines dreibeiniges Holztischchen mit einem Bleistift an einem der Beine sauste über große Papierbögen und schrieb allerlei, wenn man die Hände darauflegte. Es ergab sich, dass das Tischchen auch lief, wenn Willy nur die Hand darauflegte, ja sogar, wenn er sie nur darüberhielt. Es meldete sich u.a. Lola Montez (1818-1861), die Tänzerin und Geliebte König Ludwigs I. von Bayern, und bat um Messen. Nachdem sie sie erhalten hatte, bedankte sie sich sehr, versprach, die Schneiders berühmt zu machen, nannte sich aber fortan „Olga“: sie wollte nicht, dass man wisse, wer sie sei. (Ob es Lola Montez oder eine Abspaltung des Unbewussten Willys war, ist hier natürlich die Frage.) Willy erhielt die Weisung, sich neben einen Küchenhocker zu setzen, der mit einem Tischtuch bedeckt war: auf den Boden davor gelegte Gegenstände verschwanden dahinter und kamen wieder. Wasser unter dem Hocker wurde verspritzt; man hörte das Klatschen kleiner Hände u.a.m. Ein Spiritist riet, einen Vorhang zwischen Wand und Fenster über eine Ecke des langen, schmalen Wohnraumes zu spannen, dann zu verdunkeln und Willy hineinzusetzen. So entstand ein Kabinett. Leider versuchte man dann nicht, ständig bei hellem Licht zu bleiben. Um dieses Kabinett herum ereigneten sich nun noch tollere Phänomene: Gegenstände bewegten sich, vor allem das Tischlein; der Vorhang blähte sich auf wie ein Segel. Es flogen leuchtende Punkte umher. Ein Armstumpf mit handartigem Gebilde zeigte sich. Willy sah, im Kabinett sitzend, Gestalten, die ihn erschreckten. Deshalb versetzte ihn „Olga“ in eine Trance, die von einer eigenartigen keuchenden, sehr schnellen Atmung (bis zu 350 Atemzügen in der Minute) begleitet war. Hatte „Olga“ zuvor durch Schreiben mit dem „Psychographen“ (Tischchen) ihre Anweisungen erteilt, so sprach sie im Trancezustand Willys mit leisen, schnell hervorgestoßenen Worten durch den Mund des Mediums. Die Ereignisse bei den Schneiders sprachen sich herum und wurden eine lokale Sensation. Von allen Seiten strömten Neugierige herbei, um sie zu erleben.
Der nach Braunau versetzte Korvettenkapitän J. Kogelnik erfuhr ebenfalls von diesen „Wundern“. Er hatte das Buch „Materialisationsphänomene“ des Münchner Nervenarztes und Parapsychologen Dr. med. A. Frhr. von Schrenck-Notzing gelesen. Nach einigem Zögern nahm er an Sitzungen teil und war sehr beeindruckt von den Erscheinungen, vor allem von ganzen, unabhängig vom Medium auftretenden selbstleuchtenden Gestalten. In einer war deutlich ein jüngst Verstorbener zu erkennen. Manchmal schwebte auch der Körper des Mediums deutlich sichtbar nach oben (Levitation). Kogelnik machte Schrenck-Notzing auf die Entdeckung dieses starken physikalischen Mediums aufmerksam, worauf der Baron selber nach Braunau kam und sich von der Echtheit überzeugte. Er bat den Kapitän, nach seinen Anweisungen Willy zu einer wissenschaftlichen Versuchsperson zu erziehen. Willy musste mit gehaltenen Händen arbeiten. Es wurden Blitzlichtaufnahmen gemacht, wobei sich mitunter aus Nase, Ohren und Mund quellende amorphe Massen (Tele- oder Ektoplasma) wie bei Eva C. und andern Medien zeigten, die später wieder verschwanden. Schrenck-Notzing bat den Kapitän, in dessen Wohnung Sitzungen abzuhalten, um dem Einwand zu begegnen, die ganze Familie Schneider gaukle den Besuchern ein betrügerisches Spiel vor. Dann mietete der Baron ein leeres Zimmer in dem Braunau gegenüberliegenden Städtchen Simbach und richtete es in Analogie zu seinem Münchner Laboratorium ein: Kabinett (Vorhang mit Leuchtstreifen besetzt); Tricot, den das Medium zu Beginn der Sitzung nach Entkleidung und genauer Durchsuchung anziehen musste, sodass es nichts an seinem Körper verbergen konnte. Der Tricot-Anzug war mit Leuchtnadeln und Leuchtstreifen (vor allem um die Arme) versehen. Die zu bewegenden Gegenstände (Trompete, Gummihündchen, Rohrpapierkorb usw.) waren alle mit Mesothoriumleuchtfarbe bestrichen. Über die Sitzungen und die auftretenden Phänomene wurden, während sie stattfanden, zeitgenaue Protokolle geführt.
Die Phänomene waren etwas schwächer als bei sehr guten Sitzungen in der elterlichen Wohnung, vielleicht u.a. deshalb, weil dort unter den Teilnehmern und Familienmitgliedern weitere medial begabte Personen sich befanden: Der Bruder Karl, der zweitälteste, betätigte sich später als Sprechmedium. Der zweitjüngste, Rudi Schneider, wurde, als er elf Jahre alt war (geb. 27. Juli 1908), aus dem Nebenzimmer, wo er schlief, ohne zu erwachen, in tiefer Trance während einer schwachen Sitzung von „Olga“ in den Zirkel geführt, worauf alsbald starke Phänomene sich einstellten. Seitdem trat bei Willy nicht mehr „Olga“, sondern ein „Otto“, bzw. eine „Mina“ in Trance auf.
Willy wurde streng nach Schrencks Weisungen erzogen, der es nicht schätzte, wenn er daneben zu Hause „wilde“ Sitzungen abhielt. Diese gingen deshalb immer mehr und mehr an Rudi über, den Vater Schneider in Anlehnung an die Schrenckʼschen Maßnahmen von sich aus heranbildete. Aus Rudi Schneider wurde ebenfalls ein großes physikalisches Medium.
Die unter Kontrolle von Schrenck-Notzing durchgeführten Trance-Sitzungen mit Willy ergaben u.a. die folgenden Phänomene (z.T. fotografiert): ein mit roter Lampe aus nächster Nähe beobachtetes Substanzstück am Halse Willys; die Bewegung einer Ektoplasma-Schnur; andere ideoplastische Gebilde, wie z.B. eine Schnur mit peristaltischer Bewegung; eine sich mehrmals gardinenartig raffende Leinwand. Wiederholt wurde die Hand Schrenck-Notzings durch eine derbe aus dem Vorhang kommende Hand ergriffen, was auch andern Sitzern passierte. Knoten bildeten sich in einem Taschentuch. Finger einer materialisierten Hand bewegten sich. Handartige Gebilde berührten und schlugen die Sitzer. Aus dem Munde Willys bildete sich ein Band selbstleuchtender Substanz, die sich dann wolkenartig ausbreitete. Auf das Durchschneiden der „Kraftlinien“ zwischen Medium und Versuchsfeld reagierte Willy schmerzhaft. Die oftmalige Wiederholung der gleichen Phänomene ermöglichte eine gute Kontrolle.
Willy beendete 1921 seine 1917 begonnene Lehre in Simbach als Zahntechniker und konnte nun nach München übersiedeln, wo er vor allem Dr. Schrenck-Notzing als Medium zur Verfügung stand, der ihn schon vorher ab und zu in sein dortiges Laboratorium kommen ließ. Die Bedingungen wurden immer strenger: neben dem mit Leuchtnadeln und Leuchtstreifen benähten Tricot wurde Willy durch einen 1,50 m hohen Gazeschirm von den zu bewegenden Gegenständen getrennt (Spieldose, deren Hebel an und abgestellt wurde; Schreibmaschine, deren Tasten angeschlagen waren u.a.m.). Das Medium wurde auch in einen Käfig aus Gaze eingeschlossen (1,50 x 0,70 m, Türe mit Vorhängeschloss verschließbar). Manchmal befanden sich auch die zu bewegenden Sachen im Käfig und das Medium draußen, oder das Medium musste Kopf, Schultern und Arme, die von 2 Kontrolleuren gehalten wurden, aus einer Öffnung des Käfigs strecken (60 x 20 cm, 80 cm über dem Boden). Trotzdem kamen die bekannten Erscheinungen immer wieder zustande. Willy Schneider war 1921 bis Anfang 23 bei Schrenck-Notzing tätig.
Im September und Oktober 1922 wurden unter Leitung von Prof. Dr. Erich Becher, Ordinarius für Philosophie an der Münchner Universität, im Psychologischen Institut der Universität 15 Sitzungen mit positivem Ergebnis durchgeführt: Fernbewegungen mit leuchtendem Rohrpapierkorb, Taschentuch, Klingel, Leuchtringen, Spieldose, Schreibmaschine usw., nebelartige Gebilde,Verdunkelungen auf einer Leuchtscheibe u.a. Schrenck-Notzing hatte die Versuchseinrichtung seines Labors (auch den Käfig usw.) hierzu zur Verfügung gestellt und setzte anschließend in seinem Labor die Experimente fort, die er Gelehrten und anderen bekannten Persönlichkeiten vorführte (z.B. Prof. Willstätter und Ludwig Klages; Rudi Schneider später: Prof. E. Bleuler und C.G. Jung, Zürich). Die Echtheit der Phänomene bei Willy wurde auch von den Professoren Hans Driesch, Karl Gruber und T.K. Oesterreich bestätigt. Das Phänomen eines wie von einer darunter befindlichen Hand emporgehobenen Taschentuches wurde von Thomas Mann genau beobachtet und beschrieben.
1923-25 arbeitete Willy Schneider als Zahntechniker in Wien und wurde zugleich von dem Primararzt Dr. Holub untersucht, nach dessen Tod von einer Wiener Gelehrtenkommission unter dem Physiker Prof. H. Thirring in dessen physikalischem Laboratorium an der Wiener Universität. Im Herbst 1924 untersuchte ihn in London die berühmte Society for Psychical Research (SPR). Später nahm auch der englische Parapsychologe Harry Price Experimente mit ihm vor.
1927-39 arbeitete Willy als Gehilfe bei einem Dentisten in der Nähe Münchens und stellte sich nur noch gelegentlich Schrenck-Notzing für Sitzungen zur Verfügung. 1939-45 war er bei der deutschen Wehrmacht als Sanitäter und geriet in englische Kriegsgefangenschaft. Bei seiner Entlassung war er herzkrank und litt an Rheuma und Asthma. Ab 1955 musste er gesundheitshalber seine Stellung als Zahntechniker aufgeben und arbeitete nun als Magazinverwalter.
1965 wurde er vorzeitig pensioniert und erlitt 1966 einen Schlaganfall. Seitdem war er bettlägerig, geplagt durch seine Polyarthritis. Seine Gattin, eine gelernte Krankenpflegerin, sorgte für den halbseitig Gelähmten in aufopfernder Liebe. Am 31. Juli 1971 schloss er um 7 Uhr früh für immer die Augen. Wie seine Frau uns mitteilte, zeigten seine letzten Züge „deutlich eine sehr, sehr große Freude“. Unser Gedenken ist erfüllt von tiefstem Dank. G. Walther“
Im Sommer 1970 konnte Dr. Gerda Walter mit Prof. Dr. Dr. P. Andreas Resch Willy Schneider in Braunau noch einen Besuch abstatten.

Lit.: Schrenck-Notzing, A. v.: Die Phänomene des Mediums Rudi Schneider (aus dem Nachlass). Berlin, 1932; Willy Schneider (Nachruf von Gerda Walther). Grenzgebiete der Wissenschaft (GW) 20 (1971) 3, 137-140; Resch, Andreas: Gerda Walther. Innsbruck: Resch, 1983; Gregory, Anita: The Strange Case of Rudi Schneider. Metuchen, NJ & London: The Scarecrow Press, 1985.

Setze ein Lesezeichen für den Permalink.