Schlaf

Wird auch als „der kleine Bruder des Todes“ bezeichnet. Beim Sch. handelt es sich um einen Zustand herabgesetzter Bewusstseins- und Funktionsfähigkeit, hevorgerufen durch sensorische Hemmung aufgrund von Ermüdung zwecks körperlicher, psychischer und geistiger Regeneration. Er ist gekennzeichnet durch Periodizität, Verlust der Vigilanz, verschiedene Stadien der Gehirnaktivität und durch Träume.
Die Frage, warum wir schlafen und warum wir wachen, muss dahingehend beantwortet werden, dass eine innere Uhr den Grundrhythmus steuert, der große Verschiedenheiten aufweisen kann. So kündigt sich das Nachlassen der Entladungsrate der inneren Uhr schon lange bevor wir das Bewusstsein verlieren an. Der Verlust des Wachbewusstseins tritt erst dann ein, wenn wir nicht mehr in der Lage sind, die Informationen abzutasten, zu analysieren und zu einem Bild zusammenzufassen.

Der Sch. läuft in mehreren Stadien ab. In der Phase des Einschlafens, der hypnagogen Phase, werden wir müde, gähnen, haben schwere Augenlider, Konzentrationsminderung und Minderung der kognitiven Leistung; mnestische Beeinträchtigungen und halluzinatorische Verkennungen stellen sich ein. Dieser Vorgang des Einschlafens weist verschiedene Formen auf. Man spricht vom:
‒ Plumpsschläfer: ruckartiges Verschwinden der Alphawellen (Wachzustand),
‒ Gleitschläfer: graduelles Abnehmen der Alphaweilen,
‒ Delphinschläfer: Schwinden und Wiederauftauchen der Alphawellen.
Dieses Stadium wird als Schlafstadium 1 bezeichnet. Das Bewusstsein ist noch nicht völlig aufgehoben, so dass Informationen noch verarbeitet werden können. Es ist noch kein echtes Schlafstadium, sondern ein Stadium der Müdigkeit.
Der eigentliche Sch. beginnt mit Schlafstadium 2, das durch Thetawellen und cerebrale Erregungsbildungen gekennzeichnet ist, welche die sog. K-Komplexe auslösen, d.h. erhöhte Entladungen, die auch zu einem Wachzustand führen können und daher auch als Weck-Reaktionen oder „Arousal“-Reaktionen bezeichnet werden. Sie können eine Dauer von 2-40 Sekunden haben und dann häufig in einen direkten Wachzustand übergehen, so dass wir in der Nacht ein paar Mal aufwachen und wieder einschlafen. Wenn wir dabei unter vier Minuten wach bleiben, können wir uns nicht an diese Wachzeit erinnern. Erst über eine Wachzeit von länger als vier bis fünf Minuten in der Nacht kann morgens noch berichtet werden.
Diese Wachreaktionen, normalerweise bis zu 70 pro Nacht, in Einzelfällen aber auch 100 bis 200, haben menschheitsgeschichtlich ihre besondere Bedeutung. Sie gaben und geben dem Menschen die Möglichkeit, zwischen gefährlichen und ungefährlichen Geräuschen zu unterscheiden. Als Erklärung wurde die Hypothese aufgestellt, dass unser Hirnstamm während der Nacht weiterarbeitet und dass dort eine Menge neuronaler Muster vorhanden sind, die schnell erlernbar sind und nachts abgetastet werden, woraus wir z.B. ersehen können: dieses Muster bedeutet ein Geräusch, das wir nicht kennen, es kann Gefahr bedeuten, also müssen wir aufwachen. Hierbei verdient die Feststellung besondere Beachtung, dass der Bedeutungsgehalt nicht von der Geräuschstärke, sondern von der Geräuschqualität abhängt, wie das bekannte Beispiel der schlafenden Mutter beweist, die bei der leisesten Reaktion des Kindes, die echte Hilfebedeutung hat, aufwacht, andere und stärkere Geräusche jedoch nicht wahrnimmt. Diese Weckreaktionen sind also Antworten, bei denen der Himstamm in der Lage ist, die Geräusche während der Nacht zu qualifizieren, in ihrer Wichtigkeit abzuschätzen und zu entscheiden, ob ein Erwachen notwendig ist. Für eine erfolgreiche Reaktion beim Erwachen müssen gleichzeitig auch der Muskeltonus aktiviert und die Herzfrequenz gesteigert werden.
Nimmt die Hirnaktivität weiter ab, so dass Deltawellen dominieren, sprechen wir von Schlafstadium 3. Wird das gesamte EEG über Minuten, bei jungen Leuten manchmal bis zu 40 Minuten, von einer solchen langsamen Aktivität gekennzeichnet, spricht man vom Schlafstadium 4. Diese Schlafstadien dienen vor allem der körperlichen Regeneration.
Die Schlafstadien 2-4 können plötzlich durch eine erhöhte Gehirnaktivität mit raschen Augenbewegungen, rapid eye movements (REM), durch die sog. REM-Phase abgelöst werden, die dem Schlafstadium 1 ähnlich ist, allerdings ohne Muskeltonus. In dieser Phase, die vor allem der psychischen Regeneration dient, wird geträumt. Der Muskeltonus verschwindet wahrscheinlich deshalb, weil bei der gegebenen hochgradigen kortikalen und subkortikalen Aktivität, die im Traum über das Gehirn abläuft, enorme Bewegungen hervorgerufen werden, die zu Verletzungen führen könnten, würde das zentrale Nervensystem nicht dafür sorgen, dass der Muskeltonus völlig unterbunden wird. In dieser Phase können auch Alphawellen auftauchen, wenn die Augenbewegungen für einen Moment aufhören, so dass man in einem gewissen Sinne sagen kann, in der Traumphase sind wir wach. So wird diese Phase auch als paradoxer Schlaf bezeichnet, zumal es enorm starker Weckreize bedarf, um jemanden aus dieser Phase in den Wachzustand zu versetzen. Manchmal bedarf es stärkerer Weckreize, als jemanden aus dem Tiefschlaf zu holen.
Der Wechsel von Traum und Sch. ist rhythmisch gesteuert. So wie wir einen Schlaf-Wach-Rhythmus von 24 Stunden haben, haben wir nach dem Einschlafen einen ultradianen Rhythmus (ultra diem = jenseits des Tages) von 90-100 Minuten, der sehr stabil ist und als Non-REM-Rhythmus bzw. als ultradianer Schlafrhythmus bezeichnet wird, der die Schlafabfolge steuert.
Ein normaler Sch. weist in etwa folgendes Schlafprofil auf:
‒ Stadium 1, das immer ein Durchgangsstadium ist, nimmt 5% des Schlafes ein;
‒ Stadium 2 mit den vielen K-Komplexen (Entladungen) und Weckreaktionen nimmt etwa 50% des Schlafes in Anspruch;
‒ Stadium 3 und 4, der sog. langsame Sch., nimmt etwa 20% des Schlafes ein, wobei der Prozentanteil von Stadium 4 geringer ist;
‒ Traum, die über den ganzen Sch. verteilten REM-Phasen, die am Morgen verstärkt auftreten, nehmen 25% des Schlafes ein.
In diesem Zusammenhang darf nicht übersehen werden, dass die Dauer des Schlafes sehr unterschiedlich ist. So bezeichnet man als Normalschlafenden jemanden, der 5 1/2 bis 8 1/2 Stunden schläft. Der Normalschläfer schläft 7 Stunden und 15 Minuten; der Kurzschläfer, der prozentual weniger REM-Schlaf und mehr Tiefschlaf hat, schläft 3 bis 5 Stunden (Alexander von Humboldt: 3-4 Stunden); der Langschläfer, der prozentual mehr REM-Schlaf und weniger Tiefschlaf hat, schläft 8 bis 10 Stunden (J.W. v. Goethe: 10 Stunden).
Die Frage, warum das Schlafbedürfnis so unterschiedlich ist, kann noch nicht beantwortet werden. Es gibt aber eine interessante Parallele dafür, nämlich die Temperatur. Diese hat einen 24-Stunden-Rhythmus und ist unserem Schlaf-Wach-Rhythmus außerordentlich angepasst. Wenn die Temperatur sinkt, werden wir müde. Den Tiefpunkt erreicht die Körpertemperatur am frühen Morgen und steigt dann langsam wieder an. In der Phase des Anstiegs werden wir wacher. Beim Erreichen des Höchstpunktes unserer Aktivität ist auch die Temperatur am höchsten. Allerdings ist die Amplitude zwischen höchstem und niedrigstem Temperaturwert je nach Person außerordentlich verschieden. Im Mittel beträgt sie 1 °C. Es gibt aber auch Personen, die nur um einen halben Grad Celsius schwanken; andere wiederum schwanken um 1 1/2 °C. Es hat sich gezeigt, dass Kurzschläfer eine geringere Temperaturamplitude haben als Langschläfer. In der Phase des Erwachens, der sog. hypnopompen Phase, fühlen wir uns daher im Gegensatz zur Phase des Einschlafens zunächst desorientiert, sind ungeschickt, erleben wie in der hypnagogen Phase eine Minderung der kognitiven Leistung, bis Aktivität und Temperatur die Werte des aktiven Wachseins erreicht haben.

Lit.: Resch, Andreas: Der Innenraum des Menschen (Reihe R; 10). Innsbruck: Resch, 2017, S. 144-148.
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