Schildkröte

Gilt als zweite Inkarnation des Vishnu, trägt in der hinduistischen Mythologie die Weltachse. Der Rückenpanzer symbolisierte das Himmelsgewölbe, der flache Brustpanzer die Erdscheibe. Wegen ihrer Langlebigkeit stand sie für Unsterblichkeit, aufgrund ihrer vielen Eier für Fruchtbarkeit. Nach wie vor ungeklärt ist in diesem Zusammenhang die Frage, warum Sch.nweibchen zur Eiablage immer wieder an dieselben Brutplätze zurückkehren, obwohl sie dafür Tausende von Kilometern zurücklegen müssen.
Verschiedene Gepflogenheiten des Tieres wurden im Laufe der Zeit unterschiedlich interpretiert. So symbolisiert der Rückzug in das Gehäuse Sittsamkeit bzw. soll auf häusliche Tugenden verweisen. Vor allem in Indien bringt man diese Eigenschaft mit Meditation und Konzentration in Verbindung.
Im Orient wird die Sch. als dämonisch und mit dunklen Mächten im Bunde stehend angesehen.
Bei den alten Ägyptern stellte die Sch. den Widerpart zum Sonnengott dar. So fand sich auf Särgen der 18. und 19. Dynastie die magische Formel: Es lebe Re, es sterbe die Schildkröte!
Nach der griechischen Mythologie fertigte Hermes aus dem Rückenpanzer die Leier; die Schale der Sch. diente im Altertum als ihr Resonanzboden.
Im alten Rom waren Schildkrötenprodukte ähnlich ambivalent wie der Schierling: Die Schuppen vom obersten Teil des Panzers abgeschabt und in einen Trank gegeben sollten den Geschlechtstrieb hemmen, während das Mehl des Rückenschildes die Libido anreizen sollte. So stand sie auch für Sinneslust und war daher ein Attribut von Venus und Bacchus.
Von Produkten der Sch. versprach man sich generell nicht nur eine willkommene Proteinquelle, sondern auch potenzsteigernde Liebesmittel. Selbst in der europäischen Volksmedizin waren Schildkrötenzubereitungen als Aphrodisiaka und Heilmittel bei Impotenz sehr geschätzt. In der Traditionellen Chinesischen Medizin gelten Schildkrötenpanzer nach wie vor als Yin-Tonika zur Regeneration und Stärkung der weiblichen Kräfte.

Lit.: Van de Walle, B.: La tortue dans la religion et la magie egyptienne. La Nouvelle Clio 5 (1953), 173-189; Rätsch, Christian/Müller-Ebeling, Claudia: Lexikon der Liebesmittel: pflanzliche, mineralische, tierische und synthetische Aphrodisiaka. Aarau: AT Verlag, 2003.
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