Es besteht ein Konnex zwischen der Tendenz zur Bildung eines Zweiten Ich mit anderer Identität und C.G. Jungs These vom S. Er versteht darunter abgespaltene Persönlichkeitsteile, die mehr oder weniger ein Eigenleben führen. Wenn die dunklen Tendenzen und Vorstellungen von der Person nicht wahrgenommen werden und wenn keine Auseinandersetzung mit ihnen erfolgt, besteht die Gefahr, dass sie als autonom gewordener Komplex die Ganzheit der Person beeinträchtigen. Dieser kann dann eine „dämonische Dynamik“ entfalten, welche die bösartigsten und verhängnisvollsten Aktivitäten auslöst. Geringes Selbstwertgefühl, Identitätsunsicherheit und dadurch ausgelöste Angstaffekte führen zur Projektion unbewältigter Persönlichkeitsprobleme auf die Umwelt.
Der Sachverhalt des S.s ist ausgesprochen ambivalent. Die Annahme, sein Nicht-Vorhandensein würde die Bildung einer idealen Persönlichkeit erleichtern, ist falsch, denn irgendwie gehört er zur Person; sein Fehlen würde ein schwerwiegendes Manko bedeuten. Wie Friedrich Nietzsche in Menschliches, Allzumenschliches sagt, muss ‒ wer eine Person sein will ‒ seinen S. in Ehren halten. Der S. kann zur Reifung der Persönlichkeit beitragen, indem er Probleme aufzeigt, Kompromisse und Lösungen nahelegt, wodurch Identität und Unverwechselbarkeit gefestigt werden. Ohne innere Auseinandersetzungen und Kämpfe sind Fortschritte im Individuationsprozess kaum denkbar.
Das in der Literatur nicht selten auftretende Motiv gespaltener Identität scheint durch das Phänomen des S.s beeinflusst. Das bekannteste Beispiel ist Robert Louis Stevensons Erzählung Dr. Jekyll und Mr. Hyde, in der Lichtgestalt und S. abwechselnd auftreten. Häufiger manifestieren sie sich jedoch als verschiedene Personen, so in Gottfried Kellers Roman Martin Salander oder in Gustav Freytags Roman Soll und Haben.
Lit.: Bossard, Robert: Variationen und Störungen der personalen Identität: Mehrfach-Ich und Doppelgänger. Grenzgebiete der Wissenschaft (GW) 54 (2005) 2, S. 112.