Schamanismus

Nach den Ethnologen J. Haekel und E. Stiglmayr ist unter S. eine vorwiegend religiöse Haltung zu verstehen, die sich in einem spezifischen In-Verbindung-Setzen besonders qualifizierter Personen mit übersinnlichen Mächten und Wesen im Dienst der Gemeinschaft zu erkennen gibt und auf einer bestimmten Seelenideologie gründet. Der Schamanismus enthält religiöse und magische Züge zugleich.
Konstitutives Element ist die zweckbestimmt herbeigeführte Ekstase, das „Außer-sich-Sein“ mit seinen Aspekten des Unbewussten. In diesem Hinausgehobensein über die normale Bewusstseinslage sind die Möglichkeiten des Ichs fast grenzenlos. Nach dem Bewusstseinsforscher Paolo Mantegazza (1831-1910) bedeutet diese Entrückung der Seele zugleich eine Erhöhung und Verdichtung aller Seelenkräfte auf einen einzigen Punkt. Die Ekstase ist ein Zustand höchst gesteigerter geistiger Tätigkeit, ein Zustand der Erwartung höherer Wirklichkeiten. Die Vorbereitungen zur Ekstase, zu deren Eintritt in der Mehrzahl der Fälle für den Schamanen die Hilfe eines Schutzgeistes erforderlich ist, nehmen breiten Raum ein. Der Ethnologe Richard Thurnwald (1869-1954) schreibt hierzu: ,,Durch Genuss verschiedener Mittel, z.B. Fliegenpilz, durch Trommeln, Lärmen, Singen, Tanzen oder Bewegungen des Oberkörpers, Erhitzen im Schwitzhaus, Rauchentwicklung von Tabak und anderen Blättern oder Trinken des Abgusses von Tabaksbrühe (Amerika) mit vorherigem Fasten und geschlechtlicher Enthaltsamkeit versetzt sich der Schamane in eine Selbsthypnose. Vor Eintritt der Ekstase können Fragen gestellt werden. Nachher verliert der Schamane gewöhnlich das Bewusstsein, verharrt in Starrkrampf oder Schlaf, hat Halluzinationen und Illusionen. Er meint, gefahrvolle Reisen zu unternehmen, über Steine springen zu müssen, sich zwischen Schlinggewächsen oder über Stufen vorzuarbeiten usw., um zu den Geistern oder in die Totenwelt zu gelangen. Oft finden auch angebliche Kämpfe statt, Begegnungen mit wilden Tieren oder bösen Geistern, Verwandlungen usw.“ (Thurnwald, Des Menschengeistes Erwachen, S. 131ff.).
Als ein der Ekstase ähnlicher Zustand der Wonne kann die Trance bezeichnet werden, in welche die schamanistischen Handlungen fallen, eine Art hypnotischer Schlaf. Laut E. Bourguignon bezeichnet „Trance“ eine Gruppe dissoziativer Bewusstseinsveränderungen, die außer einer Art Besessenheit noch Phänomene wie Hypnose und ekstatische Zustände umfasst. Aufgrund des ekstatischen Zustandes ist der Schamane befähigt, Krankheiten zu heilen. Seine Seele, die aus dem Körper ausgetreten ist, unternimmt eine weite Reise und sucht die Welt der Götter und Geister auf. Ebenso kann jedoch der Schamane diese überirdischen Wesen in sich aufnehmen, wobei sein Ich ausgeschaltet wird. Im Grunde handelt es sich um ein zeitweises Verdrängen der Individualität. Die spezifischen Möglichkeiten, mit höheren Mächten in Verbindung zu treten und von diesen außerordentliche medizinische und divinatorische Fähigkeiten zu erlangen, begründen den Glauben an die außerordentlichen Kräfte des Schamanen.

Lit.: Thurnwald, Richard: Des Menschengeistes Erwachen, Wachsen und Irren. Berlin: Duncker & Humblot, 1951; Eliade, Mircea: Schamanismus und archaische Ekstasetechnik. Frankfurt/M.: Suhrkamp, 2001; Müller Klaus-E.: Schamanismus. Heiler, Geister, Rituale. München: Beck, 4. Aufl. 2010; Kucher, Walter: Paranormale Heilung in ethnologischer Sicht, in: Andreas Resch: Paranormale Heilung (Imago Mundi; 6). Innsbruck: Resch, 2. Aufl. 1984.
Setze ein Lesezeichen für den Permalink.