Schamanische Reisen

Auch Jenseitsreisen. Die Frage, ob es sich bei den s.n R. um Erkundungen im Innenraum oder um Erfahrungen einer äußeren Realität handelt, ist nur schwer zu beantworten. Für den westlichen Psychologen ist klar, dass sich diese Erfahrungen im Innenraum abspielen, für den Schamanen allerdings ist es eine unumstößliche Tatsache, dass es sich um Erfahrungen in einer alternativen Außenwelt handelt. Für den Schamanen findet der Traum ja auch nicht innen, sondern außen, eben in einer anderen Welt, statt. Alle veränderten Bewusstseinszustände, in denen die Bewusstseinsreisen stattfinden, haben unabhängig davon, wie sie ausgelöst wurden ‒ nach den Untersuchungen des Psychologen Adolf Dittrich (1940-2013) ‒ einen gemeinsamen Kern bzw. eine gemeinsame Grundstruktur. Diese Grundstruktur liegt allen überindividuellen Erfahrungen zugrunde. Obwohl die Inhalte der Bewusstseinsreisen individuell sehr unterschiedlich und kulturell geprägt sind, gibt es doch eine Matrix, nach der die Erfahrung, besonders der Übergang in die andere Welt, verläuft. Die Wahmehmungsänderung während des veränderten oder sich verändernden Bewusstseinszustandes beginnt mit dem Verblassen der gewöhnlich sichtbaren Welt. An deren Stelle treten abstrakte, geometrische Formen und leuchtende Farben (sog. entoptische Phänomene). Oft ordnen sich die geometrischen Elemente zu übergeordneten Strukturen (Mandalas, Kaleidoskopeffekt). Daraus entstehen Tunnel, Gänge, Röhren, durch die man hindurch„fliegt“. Geht die Bewusstseinsveränderung sehr tief, erreicht man am Ende des Tunnels eine Welt aus Licht und „übernatürlichen“ Erscheinungen. Sie sind, entsprechend den einzelnen Mythologien, in Gestalten gekleidet. Hinter dem Tunnel beginnen die spannendsten Abenteuer; sie reichen von beglückenden, mystischen Erfahrungen bis zu schrecklichen Qualen. Daher sprach Aldous Huxley (1884-1963) von „Himmel und Hölle“ als Metaphern für diese beiden extremen, aber essentiellen Erfahrungsmöglichkeiten. Die Bilder in veränderten Bewusstseinszuständen spiegeln sozusagen die Lebenswelt des Bewusstseinsreisenden wider.

Lit.: Rätsch, Christian: Schamanische Bewusstseinszustände und religiöse Erfahrungen, in: Andreas Resch: Paranormologie und Religion (Imago Mundi; 15). Innsbruck: Resch, 1997, S. 39-70.
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