Sachverhalt: Anna Santaniello wurde 1912 geboren und lebte zur Zeit der Heilung am 19. August 1952, im Alter von 40 Jahren, in Salerno (Italien). Schon in ihrer Kindheit litt Anna an Herzproblemen. Einer ihrer Brüder und eine Schwester starben daran. Je älter sie wurde, umso schlechter ging es ihr. Sie entwickelte ein schweres Herzleiden mit akutem Gelenksrheumatismus sowie starker und andauernder Dyspnoe (Atmungsinsuffizienz), was ihr das Sprechen erschwerte und das Gehen verunmöglichte. Hinzu kamen heftige Asthmaanfälle, eine Blauverfärbung der Gesichtshaut und der Lippen aufgrund der Abnahme des Sauerstoffgehaltes im Blut (Zyanose) und ein beidseitiges Beinödem. Schließlich war sie ans Bett gefesselt und konnte kaum noch atmen. Die Ärzte hatten sie aufgegeben. In dieser Hoffnungslosigkeit hatte Anna nur noch einen Wunsch: nach Lourdes zu fahren. Am 16. August 1952 nahm sie an der Pilgerfahrt der UNITALSI teil. Da sie nicht mehr gehen konnte, wurde sie bei ihrer Ankunft in Lourdes sogleich auf eine Tragbahre gelegt. Sie wohnte unter ständiger Betreuung im alten Accueil Notre Dame. Am 19. August brachte man sie auf der Bahre zu den Bädern und die Schwestern tauchten die Kranke in die eiskalte Quelle. Dabei war ihr, als würde in ihrer Brust etwas explodieren, als ob sich das Leben erneuerte. Nach einigen Minuten konnte sie allein aufstehen. Die Tragbahre brauchte sie nun nicht mehr.
Am 20. August wurde S. von mehreren Ärzten der UNITALSI untersucht. In einem offiziellen Bericht wurde festgehalten, dass der Puls normal und die Zyanose verschwunden war, das Ödem sich zurückgebildet hatte, sie wieder gehen und normal schlafen konnte und auch wieder Appetit hatte, der ihr schon lange abhanden gekommen war.
Nach der Rückkehr untersuchten sie zwei Ärzte, die ihre Heilung bestätigten. Am 10. August 1953 kam S. als Krankenschwester wieder nach Lourdes und suchte das Ärztebüro auf. Es begann eine neuerliche Untersuchung, weil zwei ihrer behandelnden Ärzte eine unterschiedliche Diagnose stellten: Mitralklappenstenose (mitral valve stenosis) bzw. Herzklappeninsuffizenz (mitral valve regurgitation). Eine kritische Untersuchung der Dokumentation zeigte, dass der Unterschied in der Wortwahl bestand. Heute spricht man von Mitralklappenfehler. Der zweite Besuch im Ärztebüro erfolgte am 18. Juli 1960. Nach einer Untersuchung anlässlich ihres dritten Besuches am 24. Juli 1963 kam es zur Anerkennung der Heilung. Das Dossier wurde dem Internationalen Medizinischen Komitee übergeben, das die Heilung am 3. Mai 1964 auf den Bericht von Dr. Pierre Merle vorn 11. April 1964 hin als außergewöhnlich bezeichnete.
Medizinisches Gutachten:
Diagnose: Mitral valve stenosis oder mitral valve regurgitation (Herzklappenfehler).
Prognose: Keine Aussicht auf Heilung und Lebensgefahr (infaust quoad valetudinem et vitam).
Therapie: Unwirksam.
Art der Heilung: Plötzlich, vollständig und dauerhaft, medizinisch nicht erklärbar.
Kirchliche Approbation:
Trotz der positiven Ergebnisse des CMIL konnte die der Erzdiözese übermittelte Krankenakte die dort eingesetzte kanonische Kommission wegen der oben genannten unterschiedlichen Diagnosen italienischer Arzte, welche die Kranke betreuten, zunächst nicht überzeugen. Erst als auf der Tagung von UNITALSI am 23. und 24. Oktober 2004 Dr. Patrick Theillier, der medizinische Leiter des Ärztebüros von Lourdes, den Fall behandelte, wurde nach einem neuen kardiologischen Bericht die Heilung von Anna Santianello am 21. September 2005 durch Erzbischof Gerardo Pierro von Salemo als Wunder anerkannt.
S. blieb ehelos und half als Kinderkrankenschwester Hunderten von Kindern in Not. 2005 war sie 94 Jahre alt.
Lit.: Resch, Andreas: Die Wunder von Lourdes (Reihe R; 5). Resch: Innsbruck, 22015.