Eigentl. Jean de Roquetaillade, aus dem Orden der Minoriten, lebte um die Mitte des 14. Jh. in einem Konvent zu Aurillac in Auvergne, Frankreich. Er übte scharfe Kritik an der Kirche und rühmte sich gleichzeitig eigener Offenbarungen, weshalb er mit seinen Oberen in Widerspruch geriet und über 20 Jahre im Gefängnis zubrachte, bis ihn Urban VI. 1378 wieder entließ. Bald darauf starb R. in Villefranche bei Lyon.
R. machte sich vor allem als Autor von Prophezeiungen einen Namen, wozu er im Gefängnis genügend Zeit fand. Man stellte ihm sogar Schreibmaterialien und gelegentlich auch Bücher zur Verfügung. So schrieb er dort die Visiones seu revelationes (1349) und 1356 sein bekanntestes Werk, Vade mecum in tribulatione, in dem er die Endzeit zwischen 1360 und 1372 ansetzte, sowie Liber ostensor. Was von den Schriften, die er verfasst haben soll, tatsächlich auf ihn zurückgeht, ist allerdings schwer zu klären.
Daneben betätigte sich R., auf eine frühere Praxis aufbauend, auch als eifriger Alchemist. Als Praktiker stand er bei den Alchemisten in hohem Ansehen und wurde häufig zitiert. Sein Verfahren teilte er offen mit und bildete sogar seine chemischen Geräte und Öfen ab. Die von ihm verwendete Terminologie bezog sich nur auf bekannte Namen. Sein alchemisches Hauptwerk dürfte der humanmedizinisch ausgerichtete Liber de consideratione quintae essentiae omnium rerum, kurz die Consideratio, sein, wenngleich dieses zuweilen Raimundus Lullus zugeschrieben wird. Der lateinische Erstdruck der Consideratio ist aufgeteilt in zwei Bücher, wobei das erste Buch vor allem die Gewinnung der Quinta essentia zum Thema hat. Nach R. sei diese fünfte Essenz (neben den vier klassischen Elementen Erde, Feuer, Wasser und Luft) von Gott gegeben, um den Körper zu erhalten, so wie er den Himmel geschaffen habe, um die Welt zu retten. Alchemistische Techniken brächten diese vor allem im Kosmos außerhalb der Erde auffindbare Substanz auch auf der Erde selbst zutage. Nach R. konnte man sie prinzipiell allen Elementen der Natur entnehmen.
Lit.: Benzenhöfer, Udo: Johannes de Rupescissa, in: Werner E. Gerabek u.a. (Hrsg.): Enzyklopädie Medizingeschichte. Berlin/New York: de Gruyter, 2005; De Vun, Leah: Prophecy, Alchemy, and the End of Time: John of Rupescisa in the Late Middle Ages. New York: Columbia University Press, 2009.