Dr. (* 24.03.1897 Dobzau/Dobrzcynica, Galizien, einst Österreich, heute Ukraine; † 03.11.1957 Lewisburg, Pennsylvania/USA), österreichischer Arzt, Sohn jüdischer Eltern, marxistisch orientierter Psychoanalytiker, Schüler von Sigmund Freud. R. gilt als Begründer der sog. (heute nicht mehr haltbaren) Orgontheorie (Orgonomie).
1919 Jusstudium und später Medizin; 1930 Übersiedlung von Wien nach Berlin, Eintritt in die Kommunistische Partei, Vorträge über sexualpolitische Themen. R.s Theorie der Sexualökonomie beeinflusste u.a. auch die deutsch-österreichische Studentenbewegung der 1960er Jahre. R. war ein Gegner des Freud’schen Todestriebes, was in den 1920er Jahren zum Bruch mit Freud und 1934 über Intervention von Paul Federn zum Ausschluss aus der Internationalen Psychoanalytischen Vereinigung führte. Unter der nationalsozialistischen Herrschaft wurden R.s Bücher öffentlich verbrannt. R. floh nach Dänemark, später nach Schweden und Norwegen, emigrierte 1939 in die USA und lebte dort zunächst in New York; später zog er sich in den Norden nach Rangeley zurück. In den Wäldern von Maine konstruierte er sog. „Cloudbusters“, welche die Energie von den Wolken herabziehen sollten, sowie seine „Orgonakkumulatoren“. R. glaubte nämlich, eine spezifische quantitative selbstregulierende biophysikalische Energie („Orgon“) als Triebenergie des psychischen Geschehens entdeckt zu haben, die man zu therapeutischen Zwecken in speziellen Kästen akkummulieren könne.
1954 verfügte die staatliche Nahrungs- und Arzneimittelverwaltung in Washington (FDA) die Einziehung und Vernichtung aller „Orgon-Akkumulatoren“ und fast aller seiner Schriften wegen gefährlicher Quacksalberei. R. widersetzte sich den behördlichen Anordnungen und wurde 1956 zu zwei Jahren Gefängnis verurteilt. Er starb im Gefängnis von Lewisburg/Pennsylvania an Herzversagen.
W.: Die Funktion des Orgasmus (1927); Dialektischer Materialismus und Psychoanalyse (1929); Der Einbruch der Sexualmoral (1932), veränd. Auflagen 1935, 1950; Charakteranalyse (1933, 1944, 1948); Die Massenpsychologie des Faschismus (1933); The Discovery of The Orgone, Bd. 1: The Function of Orgasm (1942; dt. 1969, stark veränd. Neuaufl. zur Ausgabe von 1927), Bd. 2: The Cancer Biopathy (1948; dt. 1975); Listen, Little Man! (1948).
Lit.: Ollendorff-Reich, Ilse: Wilhelm Reich (engl. 1969). München, 1975; Boadella, David: Wilhelm Reich: Leben und Werk (engl. 1973). Bern/München, 1981; Burian, Wilhelm: Sexualität, Natur, Gesellschaft: eine psycho-politische Biographie Wilhelm Reichs. Freiburg: ça-ira-Verlag, 1985, Laska, Bernd A.: Wilhelm Reich. Reinbek: Rowohlt-Bildmonographie, 1981, 5. Aufl. 1999; Fallend, Karl/Nitzschke, Bernd (Hrsg.): Der ,Fallʽ Wilhelm Reich. Frankfurt/M., 1997; Psychosozial Verl. Gießen, 2002.