Mistel

(Viscum spp.), Pflanzengattung innerhalb der Familie der Sandelholzgewächse, spielte sowohl in der antiken als auch in der nordischen Mythologie eine bedeutende Rolle. So sollte ein M.zweig die Pforten der Unterwelt öffnen und vor Zauberei und Krankheit schützen. Bei den Germanen durfte die immergrüne M. bei keinem Zaubertrank fehlen. Laut Plinius war den Druiden nichts so heilig wie eine auf einem Eichenbaum wachsende Mistel. Da sie als seltene und heilige Pflanze angesehen wurde, hatte das Einsammeln etwas Zeremonielles an sich. Sie wurde mit einer goldenen Sichel von ihrem Wirtsbaum geschnitten und sollte den Boden nach Möglichkeit nicht berühren.
Im alten Volksglauben hatte die M. mehrfache Bedeutung. Die Beeren fasste man in Silber und trug sie zur Abwehr böser Hexen um den Hals. Diese sollen sich zum Brauen von Zaubertränken allerdings selbst der Mistelkerne bedient haben. Andererseits sollte die M. vor allem Hexen von Haus und Hof bzw. von Mensch und Tier fernhalten. In manchen Gegenden galt die parasitäre M. als unheilvolles Gewächs, das für Schadenzauber verwendet werde, weshalb sie mancherorts heute noch als „Drudenfuß“ bezeichnet wird. Die im Volksglauben verbreiteten Namen „Donnerbesen“ und „Hexenbesen“ bringen die Pflanze mit dämonischen Mächten in Verbindung. Im Stall aufgehängt, soll sie Pferde vor Mahren schützen (Skandinavien).

Vielfach wurde die M. auch als Schutz gegen schädliche Erdstrahlen verwendet, da man glaubte, sie könne nur dort gedeihen, wo eine negative Strahleneinwirkung gegeben sei und würde daher diesen Bereich vor solchen Strahlen schützen. Weiters vertrat man die Ansicht, dass Bäume, auf deren Zweigen sich eine M. befand, gegen Blitzeinschläge gefeit seien.
In England und Frankreich wiederum gilt die M. vor allem zu Weihnachten und Neujahr als glückbringend. Nach bretonischem Brauch stellt sich ein Brautpaar unter einen M.busch, um der Verbindung Dauer und Fruchtbarkeit zu sichern.
In der europäischen Pharmakopöe hat die M. eine lange Tradition als Arzneipflanze und ist in allen Kräuterbüchern des 16. und 17. Jahrhunderts vertreten. Allerdings wird nicht so sehr auf aphrodisische, sondern auf allgemein vitalisierende Qualitäten Bezug genommen. Aufgrund ihrer heilsamen Eigenschaften und der traditionellen Verwendung wird sie seit Urzeiten verehrt und galt in früheren Zeiten sogar als „magisches Allheilmittel“. Auch heute noch kommt sie in der Naturheilkunde zum Einsatz.

Lit.: Tubeuf, Karl Frhr. von/Neckel, Gustav/Marzell, Heinrich: Monographie der Mistel. München/Berlin: R. Oldenbourg, 1923; Becker, H./Schmoll, H. gen. Eisenwerth: Mistel. Arzneipflanze. Brauchtum. Kunstmotiv im Jugendstil. Stuttgart: Wiss. Verlagsges., 1986.
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