Medizinmann und Schamane

Die Therapie des Medizinmannes und des Schamanen erfolgt auf dem Weg der Ge-
fühle und Affekte. Im Mittelpunkt steht hier die Beeindruckbarkeit (Suggestibilität) des Menschen. Es werden die affektiven Bereiche angesprochen, um von da aus die Gesamtheit des Individuums wieder zu harmonisieren. Die gewünschten Gefühle werden zunächst durch eine entsprechende Umgebung hervorgerufen und dann in eine bestimmte Richtung gelenkt. Als wesentliche Unterstützung dieser Bemühungen setzen die Medizinmänner die Familien- oder Stammesangehörigen ein, die bei der Ausrichtung und Festigung des Therapieerfolgs eine bedeutende Rolle spielen.
Der Schamane versucht, durch bestimmte Ekstasetechniken, veränderte Bewusstseinszustände sowie den Kontakt mit einer Reihe von Schutzgeistern anderen zu helfen. Hellsehen, Präkognition, Telepathie, Medialität, besondere Diagnose- und Heilungsfahigkeiten gehören zu den psychischen Phänomenen des Schamanismus, oder wie der französische Philosoph und Mystiker Louis Claude de Saint Martin sagt: „Alle Mystiker sprechen dieselbe Sprache und kommen aus demselben Land.“
Der Schamanismus ist prinzipiell vom Medizinmannwesen zu unterscheiden. Eine deutliche Trennung vorzunehmen, ist allerdings schwierig. Nach dem deutschen Ethnologen Andreas Lommel liegt der Unterschied zwischen Medizinmann und Schamanen in der Form der Intensität des Berufungserlebnisses und in der andersgestaltigen therapeutischen Methode. Der Medizinmann ist z.B. nicht unbedingt Ekstatiker, zur Erreichung des Trancezustandes aber ebenso befähigt. Beim Schamanen spielen magische Praktiken eine nur untergeordnete Rolle. Zudem handelt es sich bei ihm um jemanden, der ‒ nach Überwindung eigener Krankheit ‒ auf dem Weg der Selbstheilung zum Heiler geworden ist.

Lit.: Lommel, Andreas: Die Welt der frühen Jäger, Medizinmänner, Schamanen, Künstler. München: Callwey, 1965; Resch, Andreas: Heilen: Formen und Perspektiven (Reihe R; 9). Innsbruck: Resch, 2015; Kucher, Walter: Paranormale Heilung in ethnologischer Sicht, in: Andreas Resch: Paranormale Heilung (Imago Mundi; 6). Innsbruck: Resch, 2. Aufl. 1984, S. 17-94.
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