Luther, Martin

(* 10.11.1483 Eisleben, Grafschaft Mansfeld; † 18.02.1546 ebd.), deutscher Augustinermönch und Theologieprofessor, der zum Urheber der Reformation wurde.
Die auch digital verfügbare zehnbändige Werkauswahl Luthers, herausgegeben von Kurt Aland, dokumentiert deutlich den Stellenwert des Paranormalen in Luthers Leben: Der Teufel bzw. Satan wird darin 1.483-mal erwähnt; Zauberer bzw. Zauberei 24-mal, Dämonen elf-, Gespenster sieben- und Hexen einmal. Die Präsenz des Teufels wird jedoch 2.563-mal genannt, der Engel immerhin 276-mal.
Schon bei Luthers Geburt gibt es Berührungspunkte mit dem übersinnlichen Bereich bzw. werden solche (später) hineininterpretiert. Das betrifft zunächst die Datierung der Geburt (Nativität). Zwar ist der Tag der Geburt klar der 10. November, unklar ist jedoch das Jahr. Durchgesetzt hat sich, nicht zuletzt durch den Einfluss Melanchthons, das Jahr 1483. In diesem Zusammenhang sei auf weitere astrologische Bezüge Luthers verwiesen. Johannes Lichtenberger legte 1488 sein viel gelesenes und wiederholt gedrucktes Hauptwerk vor, die Pronosticatio, eine astrologische Vorhersage bis zum Jahr 1576. Luther gab das Werk 1527 heraus und verstand dies als Möglichkeit, seine eigene Position gegenüber der Astrologie und ihrer Bedeutung zu erklären. „Die Geistlichen und ebenso die Fürsten, alle die ‚großen Hansen‘, hatten allerdings Grund, dieses Buch zu fürchten, da es die Ideen der Reformation in Kirche und Staat in einem wunderlichen Gemisch von dunklen Rätselbildern und klar ausgesprochenen Drohungen und Forderungen vortrug.“ Zudem findet sich bei Lichtenberger in dessen Practica, einem anderen astrologischen Werk aus dem Jahr 1492, die Figur des sog. Mönchspropheten mit einer Illustration, die den Mönch mit einem Teufel auf seiner Schulter zeigt. Für viele Zeitgenossen war der Mönchsprophet mit Luther identisch.

Dem steht die Darstellung Luthers als Heiliger von Hans Baldung Grien gegenüber (Martin Luther als Augustinermönch, Straßburg 1521). Und der evangelische Theologe Cyriacus Spangenberg predigte in den 1560er Jahren über den „heiligen Gottesmann.“
Sicher ist, dass Luther bereits in seiner Jugend das erfuhr, was Allgemeingut war: ein Weltbild, zu dem paranormale und okkulte Erfahrungen gehörten. Ein Schlüsselerlebnis in diesem Zusammenhang ist das „Blitzerlebnis“ von Stotternheim im Jahre 1505, wo Luther höchstwahrscheinlich bei einem heftigen Gewitter – der hl. Anna gelobte, Mönch zu werden. Anna war die Schutzheilige der Bergleute, zu denen Martin Luthers Vater Hans zählte. Schon vor der Begebenheit bei Stotternheim hatte Luther angesichts einer schweren Verletzung Maria um Hilfe gebeten. Er vertraute nicht nur der transzendenten, sondern auch der geschichtsmächtigen Hilfe der Heiligen. Im Juli 1505, rund zwei Wochen nach dem Erlebnis von Stotternheim, trat er in das Kloster der Augustiner-Eremiten in Erfurt ein.
In seinen Summarien über die Psalmen und Ursachen des Dolmetschens aus dem Jahre 1533 beschreibt L. bei seiner Auslegung des 30. Psalms die „großen geistlichen Anfechtungen“, die „vergifteten, feurigen Pfeile des Teufels“, als „Traurigkeit, Schwermut, Erschrecken, Verzagen, Zweifeln, Todesnot und dergleichen“ (LD V 194). Solche Gefühle gingen Hand in Hand mit „Anfechtungen“ des Teufels. Bei der Fronleichnamsprozession 1515 überkam ihn ein solcher Schrecken vor dem Sakrament, dass er beinahe die Prozession verlassen hätte.
L. kann daher sogar gegenüber Selbstmördern entschuldigend argumentieren: „Ich bin nicht der Meinung, dass die ganz und gar zu verdammen seien, die Selbstmord begehen. Mein Grund dafür: sie tun es nicht gern, sondern werden von der Macht des Teufels überwältigt“ (Tischrede Nr. 680, LD IX 252).
Der Mediziner Hans-Joachim Neumann kommt hier in seiner Analyse zu dem Ergebnis, dass L. spätestens seit seinem 38. Lebensjahr unter schweren physischen Belastungen (schwere Verdauungsstörungen, Gallen- und Nierenkoliken, Schwindel- und Kreislaufattacken, Gicht, Rheuma und Angina-Pectoris-Anfälle) litt. Außerdem ist Luthers inneres, sicherlich extremes Erleben auf das Engste mit seinen religiösen wie auch persönlichen, ebenfalls extremen, Erfahrungen verbunden. Für eine psychische Erkrankung oder hirnorganische Störungen gebe es aber keinerlei Beweise.
Wie für alles Schlechte waren für Luther auch psychische und physische Belastungen des Teufels Werk. So bezeichnet er Krankheiten unter Anspielung auf 2 Kor 12,7 als „teuflische Faustschläge auf mein Fleisch“ (lat., Brief an Melanchthon v. 31. Juli 1530, WA.B V 516f, Nr. 1668, hier 516,15f.). „Der Engel des Satans ist es, der mich ohrfeigt (auf mich einhämmert)“, schrieb Luther 1530 an Melanchthon (Brief an Melanchthon v. 1. Aug. 1530, WA.B. V 520f., Nr. 1671, hier 521,6). Er identifizierte demgemäß den Teufel als Urheber der Krankheiten, nicht Gott.
1521 wurde L. ‒ nach seiner Weigerung, vor dem Reichstag zu widerrufen von Worms auf die Wartburg in Sicherheit gebracht. Der Reformator befand sich in Lebensgefahr, der Fortgang der Reformation stand auf der Kippe. Der Aufenthalt auf der Wartburg bedeutete für L. auch eine persönliche Krisensituation: Er vereinsamte, hatte starke Zweifel und litt unter Depressionen. Er flüchtete in Arbeit und übersetzte u.a. das gesamte Neue Testament in nur elf Wochen. Von dieser Zeit berichtet er von Poltergeistern, Dämonen und dem Teufel; diese hätten ihn auf der Wartburg in großer Zahl geplagt (Brief an Spalatin v. 1. Nov. 1521, WA.B II 399, Nr. 436, hier 399,923). „Das hab ich selbst erfarn“ (WA.TR V 87f., Nr. 5358b vom Sommer 1540?, hier 87,22). In erster Linie betraf das den Teufel.
In einer Auseinandersetzung mit Osiander, ob etwas „sey mit den Poltergeistern“, antwortete Luther: „Ich halt, das was dran sey“ (WA.TR V 87,5-13). Bei einer anderen Begegnung mit einem Poltergeist, der sich durch „geclapper von töpffen, das ich meinte, das himel und erden würden einfallen“, bemerkbar machte, legte sich L. ebenfalls nieder und schlief (WA.TR V 87,13–16).
Ab den frühen 1520er Jahren nimmt die Gestalt des Teufels und seiner Dämonen als Antithese zu Gott und seinen Engeln in Luthers Denken eine wichtige Rolle ein; aranormale Begegnungen mit Poltergeistern o.Ä. hat er danach nicht mehr überliefert.
Als 1530 die Kirchenspaltung bereits Realität war, wird die „Entmythologisierung“ des Teufels und seiner Dämonen von L. selbst angesprochen: „[…] der Teufel ist ein Poltergeist und Rumpelgeist“ ( LD IV 14-16).
Luthers tiefe Ablehnung, selbst jeglicher Versuche, durch revolutionäre Bewegungen die Welt zu verbessern wie sie zu seinen Lebzeiten im Bauernkrieg oder im Täuferreich zu Münster stattfanden ist hier begründet.
Die Aufregung um Wunder und okkulte Zeichen bekam einen weiteren Auftrieb durch die Erscheinung des Halleyʼschen Kometen im August 1531. L. konnte sich dem nicht entziehen und zeigte sich auch für okkulte Gedanken offen: Im Kometen sah er ein Zeichen kommenden Unglücks (s. Warburg 68f.). Er sagte: „Ich will Deutschland nicht aus den Sternen wahrsagen, aber ich kündige ihm den Zorn Gottes aus der Theologie an. Denn es ist unmöglich, dass Deutschland ohne schwere Strafen davonkommen sollte. Denn Gott wird täglich dazu gereizt, uns zu verderben“ (Tischrede Nr. 530, LD IX 209).

Lit.: Aus: Trauner, Karl-Reinhart: Luther und das Übersinnliche. Vortrag für die Homepage der Österr. Ges. f. Psychiatrie, Psychotherapie u. Psychosomatik (ÖGPP) am 30.10.2017 an der Universität Wien.

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