Libri

Im 1. Jh. v. Chr. ging man davon aus, dass die Etrusker in ihren Büchern bestimmte Offenbarungen übernatürlicher Art aufbewahrt hätten. Diese Bücher lassen sich im Wesentlichen unterteilen in libri fulgurales (Theorie des Blitzes), libri rituales (zu denen man die acherontici zählt) und libri haruspicini (die durch die libri fatales ergänzt werden).
Nach der Blitz-Theorie stellte der Himmel eine virtuelle Sprache dar, die durch meteorologische Phänomene aktualisiert wurde. Die Bedeutung eines Blitzes wurde erkennbar durch die Himmelsteile, von denen er kam oder bei denen er endete. Die elf verschiedenen Blitzarten wurden von den verschiedenen Göttern hervorgerufen. Die Botschaft war somit göttlichen Ursprungs und nur den Haruspices, den darauf spezialisierten Priestern, zugänglich.
Die haruspicina, die Interpretation der in den Eingeweiden der Opfer erkennbaren Zeichen, setzte eine Korrespondenz zwischen Göttern, Kosmos und Menschen voraus. Die Besonderheiten der verschiedenen Regionen des Organs verwiesen auf die Entscheidung der Götter und sagten folglich den bevorstehenden Ablauf der historischen Ereignisse voraus.
Den libri fatales zufolge entfaltet sich ein menschliches Wesen in 12 Wochen. Danach verlassen die Menschen ihren Geist und die Götter schicken ihnen keine Zeichen mehr. Somit hat alles einen Endpunkt, der durch die gleichen Normen festgelegt ist, die auch den Kosmos regieren.
Die wenigen Fragmente der libri acherontici lassen keinen Vergleich mit dem ägyptischen Totenbuch zu. In ihnen versprechen die Etrusker, dass die Seelen durch die Opferung des Blutes bestimmter Tiere göttlich werden und so dem Los der Sterblichkeit entgehen. Nach anderen Aussagen würden sich die Seelen in der Folge bestimmter Opfer in Götter verwandeln, die man als animales bezeichnet, um an ihren Ursprung zu erinnern. Es handelte sich also um eine Deifikation als Resultat blutiger Rituale. Auf jeden Fall fügt die „Vergöttlichung der Seelen“ der etruskischen Eschatologie eine neue Dimension des Fortlebens hinzu.

Lit.: Eliade, Mircea: Geschichte der religiösen Ideen, Bd 2: Von Gautama Buddha bis zu den Anfängen des Christentums. Freiburg i.Br. u.a. Herder, 4. Aufl. 1979.
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