Lerman, Jonathan

(* 1987 New York), Autist, Künstler, Inselbegabter.
Die Mutter beschreibt Jonathan als fröhliches Kind, das bei der Feier des ersten Geburtstags in unkontrolliertes Weinen ausbrach und sich dann in ein tiefes und langes Schweigen hüllte. Die Eltern brachten ihn von einem Spezialisten zum andern. Als er drei Jahre alt war, diagnostizierte ein Neuropsychiater schließlich eine tiefe autistische Entwicklungsstörung. Eine lebenslange Beeinträchtigung würde ihn von echter Kommunikation und dem Verständnis dessen, was er sieht, hört oder fühlt, abhalten.
Obwohl inzwischen geschieden, sorgten beide Elternteile für Jonathan. Die Mutter dachte an einen genetischen Fehler
oder eine Virusinfektion im Mutterleib und beauftragte einen Sprachtherapeuten und andere Spezialisten. Auch wollte sie den Kleinen einer Verhaltensmodifikation unterziehen lassen. Dabei bemerkte sie im Umgang mit Jonathan eine Reihe eigenartiger Verhaltensformen. So griff er im Zirkus nach dem Popcorn des Nachbarn und nahm sich in einem Gasthaus ein Stück von einer Geburtstagstorte. Am Badestrand machte er sich an die „Sonnenanbeter“ heran, um ihnen die Decke wegzunehmen.
Seine Nahrung bestand eine Zeitlang aus Hamburger. Später kam Pizza dazu, doch musste diese dreieckig und mit sehr wenig Käse belegt sein. Zu Hause saß er viel vor dem Fernseher und kannte bereits mit drei Jahren die meisten Komödien, obwohl er den Eindruck erweckte, sein Wissen kaum einzusetzen. Allerdings fragte er bei einem Besuch im Weißen Haus, ob da Hillary wohne.
Jonathan hatte zu dieser Zeit zwar noch kein besonderes Interesse an Kunst, machte aber sonderbare Kritzeleien. Die Eltern führten ihn daher in Museen. Während ihn Picasso überhaupt nicht beeindruckte, berührten ihn die weißen
Augen römischer Skulpturen und Bilder. Von Van Gogh war er geradezu fasziniert. Er sprach nur wenig und drückte seine Bedürfnisse meist mit Gesten aus. Wenn Freunde der Familie zu Besuch kommen wollten, legte er sich vor eine Wand und starrte sie stundenlang an. Die Eltern wunderten sich, als er auf ihre Nennung seines Namens keine Antwort gab und sich bei den Haaren zog, wenn ihm etwas missfiel. Er konnte das Alphabet-Lied singen, bis 12 zählen und lernte Körperteile kennen. Eines Tages verschwanden diese Meilensteine seiner Entwicklung.
Inzwischen hatten Jonathans Eltern ein Kind adoptiert. Der Großvater mütterlicherseits machte sie jedoch darauf aufmerksam, dass sie Jonathan nicht vernachlässigen dürften, denn er würde sie noch überraschen. Als Jonathan zehn Jahre alt war, starb sein 75-jähriger Großvater, was ihn sehr betroffen machte. Ständig fragte er, wo der Großvater sei und wann er ihn im Himmel besuchen könne.
Schließlich durchbrach er die autistische Isolation und begann zu zeichnen, meist komische und seltsame Gesichter. Auf Fragen gab er aber weiterhin keine Antwort. Als der Vater ihm sagte, wenn er glücklich sei, solle er das sagen, hüllte sich Jonathan in Schweigen. Er setzte sich, nahm eine feine Feder sowie ein CD-Album zur Hand und zeichnete in groben Zügen eine vollständige Karikatur des Deckbildes von „Nirwana“ mit Kurt Cobain, einem seiner bevorzugten Rockstars.
Kurz darauf Jonathan war in ein Programm des lokalen jüdischen Gemeinschaftszentrums eingebunden rief sein Helfer an und bat die Mutter, schnell zu kommen, um zu sehen, was Jonathan gerade zeichne. Gesichter, komisch und erschreckend zugleich. Die Mutter deutete dies dahin, dass der Tod des Großvaters in Jonathan etwas ausgelöst haben könnte.
Inzwischen wurde der Direktor der KS Art, einer Kunstgalerie in New York, auf Jonathan aufmerksam und ermöglichte dem 12-Jährigen 1999 seine erste eigene Ausstellung. Gleichzeitig setzte Jonathan seine Schulausbildung fort. Er kann fließend lesen, fliegt dabei jedoch über die Worte hinweg, ohne den Inhalt voll zu verstehen. Zudem liebt er Rockmusik, nimmt die Gitarre zur Hand und trainiert seine Hände für das Malen und die Bildhauerei. Seine Zeichnungen enthalten Porträts, reale Menschen wie auch Phantasiegestalten. Jonathan füllt die Zeichenblätter mit strengen Linien und dramatischen Schatten, um in den Wesenszügen von Gesichtern tief empfundene Gefühle einzufangen. Mittlerweile arbeitet er auch mit Farben und baut einen Hintergrund in seine Bilder ein. Gegenstand seiner Zeichnungen sind u.a. Rockstars und sexuelle Anklänge. Er macht Ausstellungen und tritt auch im Femsehen auf.

Lit.: Rexer, Lyle: Jonathan Lernian: Drawings of an Artist with Autism. New York: Braziller, 2002; Treffert, Darold A.: Islands of Genius: The Bountiful Mind of the Autistic, Acquired, and Sudden Savant. London: Jessica Kingsley Publishers, 2010; Resch, Andreas: Der Innenraum des Menschen (Reihe R; 10). Innsbruck: Resch, 2017.

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