Leberschau

(Griech. Hepatomantie, Hepatoskopie), eine der zentralen und meistverbreiteten Praktiken der Opferschau im antiken Orakelwesen, inschriftlich bereits für die Mitte des 3. Jahrtausends v. Chr. nachweisbar.
Der Opferpriester begann bei der L. mit dem linken Leberlappen, wo sich eine natürliche augenlidförmige Furche befindet, durch die auf das Opferschaugebet des Priesters hin der Blick der Gottheit eindringen konnte und so das Orakel möglich wurde. Die Leber des Tieres galt als Mikrokosmos, der den Zustand der Welt widerspiegelte.

Mit Beginn des 2. Jahrtausends v. Chr. wurden derartige Opferschauberichte auf Tontafeln schriftlich fixiert.
In Griechenland war die an einem frisch geschlachteten Opfertier vorgenommene L. von besonderer Bedeutung und wurde in der Vasenmalerei auf anschauliche Weise dargestellt.
Für die Etrusker galt die Leber als Sitz des Lebens. Das Wirken einer bestimmten Gottheit machte sich angeblich durch Abweichungen vom Normalzustand an der Oberfläche der Leber eines frisch geopferten Schafes bemerkbar und konnte von Priestern gedeutet werden. Die berühmte „Bronzeleber von Piacenza“ ist eine Nachbildung einer Schafsleber und diente offenbar als Lehrmodell für etruskische haruspices (Seher).
Die Eingeweideschau bei Tieren hatte Vorläufer in der orientalischen, vor allem in der mesopotamischen Welt.

Lit.: Müller, Klaus: Über die Leberschau in der Antike. Mannheim: Boehringer, 1966.
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