(* 10.12.1872 Hannover; † 29.07. 1956 Kilchberg, Schweiz), Philosoph, Psychologe, Begründer der ausdruckswissenschaftlichen Graphologie, Vertreter einer besonderen Charakterkunde und der biozentrischen Metaphysik.
Zum Studium der Chemie ging K. nach Leipzig, Hannover und ab 1893 nach München. Er schloss das Studium 1899 mit der Promotion ab und beschloss, nie als Chemiker zu arbeiten. Bereits 1896 wurde er Mitbegründer der Deutschen Graphologischen Gesellschaft und von 1900 bis 1908 war K. Herausgeber der Graphologischen Monatshefte. Um1903 erfolgte die Gründung des privaten Psychodiagnostischen Seminars (später als Seminar für Ausdruckskunde weitergeführt) in München, ab 1915 in Kilchberg bei Zürich. Mit seinen Arbeiten zur Charakterologie, zur Ausdruckskunde und zur Graphologie übte K. großen Einfluss auf die diagnostischen Konzeptionen der zeitgenössischen Psychologie aus.
In seinem philosophischen Hauptwerk Der Geist als Widersacher der Seele (3 Bde., 1929-1933) vertritt er einen lebensphilosophischen Standpunkt mit der bekannten Dreiteilung Geist ‒ Seele ‒ Leib, wobei er jedoch Seele und Leib als zusammengehörende „Pole der Lebenszelle“ auffasst, denen der Geist antagonistisch gegenüberstehe.
K. gilt als bedeutendster Pionier der Graphologie, da er eine ausdruckswissenschaftliche Grundlage für die psychologische Deutung der Handschrift (Ausdruckspsychologie) entwickelte. Das Ausdrucksprinzip lautet: „Jede ausdrückende Körperbewegung verwirklicht das Antriebserlebnis des in ihr ausgedrückten Gefühls“ … „der Ausdruck verwirklicht nach Stärke, Dauer und Richtungsfolge die Gestalt einer seelischen Regung.“ „Die Seele ist der Sinn des Leibes, das Bild des Leibes die Erscheinung der Seele.“
W. (Auswahl): Prinzipien der Charakterologie (1910, seit 1926 Die Grundlagen der Charakterkunde, 14. Aufl.). Bonn: Bouvier, 1969; Der Geist als Widersacher der Seele. Bonn: Bouvier, 6. Auf. 1981.