Kircher, Athanasius

(* 02.05.1602 Geisa (Rhön), Ulstertal/D; † 27.11.1680). Seine erste Ausbildung erhielt er von seinem Vater Johann Kircher, Doktor der Philosophie und Theologie, der selbst eine umfangreiche Bibliothek besaß. Im Alter von zehn Jahren wurde Athanasius auf das von Jesuiten geleitete Gymnasium in Fulda geschickt, wo ihn u.a. ein Rabbiner in der hebräischen Sprache unterrichtete. Als er sich am 2. Oktober 1618 bei den Jesuiten in Paderborn zum Noviziat anmeldete, erklärte man seinen eitrigen Beinbruch für unheilbar. In dieser Situation suchte er eines Nachts in einer nahegelegenen Kapelle eine für ihre wunderbaren Heilkräfte berühmte Marienstatue auf. Nachdem er sich in innigem Gebet an sie gewandt hatte, zog er sich zum Schlafen zurück. Nach dem Aufwachen stellte er fest, dass sowohl sein Beinleiden als auch ein chronischer Bruch, der ihm Beschwerden bereitet hatte, vollständig und auf wunderbare Weise geheilt waren.
Nach dem Noviziat begann K. in Paderborn den vorgeschriebenen dreijährigen Philosophiekurs, den er allerdings 1621 in Köln beenden musste, weil sich die Jesuiten aufgrund der beginnenden Wirren des Dreißigjährigen Krieges gezwungen sahen, das Kolleg in Paderborn zu schließen und vor den einrückenden Truppen zu fliehen. Bei der Überquerung des zugefrorenen Rheins bei Düsseldorf wurde K., als sich das Stück Eis, auf dem er sich gerade befand, löste, von der Strömung fortgerissen und so von den anderen, mit denen er die Flucht angetreten hatte, getrennt. Es gelang ihm jedoch, sich aus dem eiskalten Wasser ans Ufer zu retten und nach Köln zu gelangen, wo er seine philosophische Abschlussarbeit fertigstellte.
Bereits 1623 wurde K. als Lehrer für Griechisch nach Koblenz und ein Jahr später als Lehrer der „Humaniora“ nach Heiligenstadt/Eichsfeld in Sachsen versetzt. Um dorthin zu kommen, musste er jedoch von den Protestanten kontrollierte Kriegsgebiete durchqueren. Wegen seiner Weigerung, den katholischen Glauben zu verleugnen, wurde er zum Opfer berittener Soldaten, die ihn entkleideten, verprügelten und, an ein Pferd gebunden, bis zu einem nahen Baum schleiften, um ihn zu hängen. Einer der Soldaten, der von K.s Verhalten beeindruckt war, bat jedoch die anderen, den Jesuiten zu verschonen. Auf diese Weise erreichte K. zwei Tage später, nur leicht verletzt, Heiligenstadt, wo er eine Anstellung als Lehrer fand und schon bald damit begann, Unterricht in Mathematik, Hebräisch und Syrisch zu geben. Neben seiner Lehrtätigkeit fand er auch noch Zeit für naturwissenschaftliche Studien und Experimente.
1625 ließ ihn der Erzbischof von Mainz, der von den Berichten über K.s Talente für Feuerwerke und den Bau optischer Apparaturen beeindruckt war, an seinen Hof kommen. Dort begann K. mit den Arbeiten an seinem ersten Buch, Ars magnesia (Über magnetische Phänomene). Als der Erzbischof drei Monate später überraschend starb, verlegte K. sein Wirken an das Mainzer Kolleg, wo er Theologie studierte und ein Teleskop erwarb, mit dessen Hilfe er sich an die Erforschung der damals gerade neu entdeckten und kontrovers diskutierten Sonnenflecken machte.

Nach Beendigung des Theologiestudiums 1628 wurde er zum Priester geweiht und dann zum dritten Probejahr nach Speyer geschickt. Bei einem Besuch der Bibliothek des Kollegs stieß K. auf eine Reproduktion ägyptischer Hieroglyphen, für die er sich von nun an ein Leben lang begeistern sollte. Nach Beendigung des Probejahres in Speyer mit Ablegung der Profess kam er als Professor für Ethik, Mathematik und orientalische Sprachen nach Würzburg, wo er sein Erstlingswerk, Ars magnesia, vollendete und 1631 veröffentlichte. Zudem bewarb er sich zum ersten Mal – erfolglos – um eine Missionarsstelle im soeben geöffneten China.
Eines Nachts wurde Kircher durch ein seltsames Geräusch geweckt. Beim Blick aus dem Schlafsaalfenster sah er im Hof zu seiner Verwunderung eine Legion exerzierender Soldaten. Als er seine Zimmernachbarn herbeirief, waren die Soldaten mit einem Mal verschwunden. Kircher erachtete dies als Warnung und beschloss, sich für den Aufbruch vorzubereiten. Im gleichen Jahr noch musste er vor den Schweden fliehen und begab sich zunächst mit seinem Schüler Kaspar Schott nach Avignon, wo er seine Lehrtätigkeit wieder aufnahm und zu neuen Forschungen ansetzte, die sich nunmehr auf geographische und archäologische Erkundungen, die Entschlüsselung der Hieroglyphen sowie astronomische Beobachtungen ausweiteten. Die Ergebnisse der letztgenannten Bemühungen wurden in seinem zweiten Werk, Primitiae gnomoniciae catroptricae (Avignon, 1635), veröffentlicht.
In Avignon begegnete K. auch seinem ersten wissenschaftlichen Förderer, Nicolas Claude Fabri de Peiresc, was von besonderer Bedeutung sein sollte. Peiresc, ein reicher Aristokrat und Berater beim Parlament in Aix, teilte K.s Interesse an Hieroglyphik und Magnetismus und führte ihn in seinen internationalen Kreis korrespendierender Wissenschaftler ein. Kaum war K. in den Genuss dieser Förderung gekommen, wurde er auch schon an den habsburgischen Kaiserhof nach Wien gerufen, um dort dem verstorbenen Johannes Kepler als kaiserlicher Mathematiker nachzufolgen. Peiresc, der überzeugt war, dass bei der Enträtselung der Hieroglyphen ein Durchbruch unmittelbar bevorstand, legte bei Papst Urban VIII. und Kardinal Francesco Barberini Protest gegen diese Berufung ein.
Gleichzeitig schickte sich K. aber bereits an, per Schiff nach Genua zu fahren, um über Norditalien nach Österreich zu kommen, denn durch Deutschland konnte er nicht mehr reisen. Bei rauer See ging der Kapitän des kleinen Seglers in der Nähe einer kleinen Insel vor Anker und setzte die Jesuitengruppe am Ufer ab, die dann schließlich den römischen Hafen von Civitavecchia erreichte. Während das Schiff dort wieder instand gesetzt wurde, entschloss sich K. zu einem kurzen Ausflug nach Rom. Dort stellte sich zu seinem Erstaunen heraus, dass Peirescs Proteste Wirkung gezeigt hatten, denn während seiner riskanten Seereise war er als Professor für Mathematik, Physik und orientalische Sprachen an das Collegium Romanum (später Gregoriana) nach Rom berufen worden, wo er sich gerade eben befand.

Damit wurde Rom zum ständigen Aufenthalt Kirchers. Die folgenden Jahre verbrachte er, neben dem offiziellen Unterricht, mit konzentrierten Forschungen zur Hieroglyphik und zur koptischen Sprache, die er letztlich erfolgreich als aus der (gesprochenen) ägyptischen Sprache hervorgegangen identifizieren konnte, wobei es ihm allerdings nicht gelang, eine Verbindung zur phonetischen Bilderschrift herzustellen.
1637/38 begleitete K. Friedrich von Hessen, den jüngst konvertierten Landgrafen des Großherzogtums Hessen‑Darmstadt und späteren Kardinal, als Beichtvater auf einer Reise durch Süditalien, Sizilien und Malta. Auf Sizilien wurden sie Augenzeugen des Ausbruchs von Ätna und Stromboli, in Kalabrien gerieten sie in das schwerste Erdbeben seit Menschengedenken und erlebten den Untergang der Insel St. Euphemia. Als die Reisegesellschaft Neapel erreichte, drohte auch der Vesuv auszubrechen. Eilends erklomm der 35-jährige Kircher den Berg und seilte sich in unerschütterlichem Gottvertrauen unter Lebensgefahr in den Krater des rumorenden Vulkans ab, um sich sein eigenes Bild zu machen. Diese Erlebnisse gaben den Ausschlag für sein fortdauerndes Interesse an der Geologie, das schließlich in seinem 1665 erschienenen Großwerk Mundus subterraneus reiche Früchte trug. Es sollte dies K.s letzte große Reise gewesen sein.

Acht Jahre nach seiner Ankunft in Rom wurden K.s Forschungsleistungen in solchem Maße geschätzt, dass er 1641 gänzlich von seinen Lehrverpflichtungen entbunden wurde, um sich vollkommen seinen Experimenten und dem Verfassen seiner Schriften widmen zu können. Zu den Büchern, die er in dieser Zeit veröffentlichte, gehören: Magnes sive de arte magnetica (Rom, 1641; Köln, 1643, 1654); Lingua aegyptiaca restituta (Rom, 1643); Ars magna lucis et umbrae in mundo (Rom, 1645 / 46); Musurgia universalis sive ars magna consoni et dissoni (Rom, 1650); Obeliscus Pamphilius (Rom, 1650); Oedipus Aegyptiacus (Rom, 1652 – 1654), Itinerarium extaticum s. opificium coeleste (Rom, 1656); Iter extaticum secundum, mundi subterranei prodromus (Rom, 1657). Die Schriften befassen sich jeweils mit dem Magnetismus, der Musik und Akustik, der Ägyptologie und Geologie, wobei Magnes sive de arte magnetica, Musurgia universalis und Oedipus Aegyptiacus die umfangreichsten sind.
K.s Erfindungsgabe machte ihn zum Schöpfer einer großen Anzahl von Instrumenten, vom Sprachrohr bis hin zu Komponiermaschinen. Im Zuge seiner gleichzeitig verfolgten Interessen für den Magnetismus, die Musikwissenschaft, die Astronomie, die Archäologie und die Linguistik erstellte und sammelte er zudem enorme Mengen wissenschaftlicher Daten, erfand zahllose optische, magnetische und akustische Apparaturen, schrieb musikalische Kompositionen, Gedichte und phantastische Geschichten.
Außerdem fand er auch noch Zeit für Projekte, wie seine Zusammenarbeit mit dem großen barocken Bildhauer Bernini bei der Restaurierung und Aufstellung des Obelisken und des Vierströmebrunnens auf der Piazza Navona, wo er ihn bei der Auswahl der Tiere beriet.
Als Rom 1656 von der Pest heimgesucht wurde, verbrachte K. Tag für Tag mit der Pflege todkranker Patienten. Auf der Suche nach einem Heilmittel beobachtete er unter seinem Mikroskop Mikroorganismen und entwickelte eine Theorie, derzufolge Keime für die Übertragung von Krankheiten verantwortlich waren. Diese Theorie führte er in seinem Werk Scrutinium Physico-Medicum Contagiosae Luis, quae dicitur Pestis (Rom, 1658) aus.
Von seiner Einstellung her war K. grundsätzlich allem Neuen gegenüber offen. So war er einer der ersten Theologen, welche die Erkenntnisse G. Galileis nicht einfach verurteilten, sondern einer eigenen Überprüfung unterzogen. Seine wissenschaftliche „Meinung“ hat er dann in satirischer Weise im 1. Teil seines Itinerarium exstaticum (1656) dargelegt.

In den Jahren um 1660 zog sich K., zum Teil aus gesundheitlichen Gründen, in die ländlichen Regionen um Rom zurück, wo er für sein Buch Latium zu forschen begann. Auf einer seiner Reisen entdeckte er die Ruine einer kleinen Kirche bei Mentorella, die dort errichtet worden war, wo Eustachius, ein römischer General, sich zum Christentum bekehrt hatte, nachdem ihm in einer Vision der Gekreuzigte im Geweih eines Hirsches erschienen war. K. setzte sich nun mit aller Kraft durch Forschungsarbeit und Sammlung der nötigen Mittel, besonders in Deutschland, für den Wiederaufbau der Kapelle und ihrer Wiedereröffnung als Pilgerstätte ein, worüber er 1665 die Historia Eustachio-Mariana veröffentlichte.
Trotz dieser aufreibenden Arbeit gelang es ihm in den 70er Jahren des 17. Jhs., sein „Museum Kircherianum“ als separates Gebäude für seine umfassende Sammlung von Kuriositäten und Erfindungen aufzubauen und zudem weitere fünf Bücher zu veröffentlichen, darunter seine überaus populären spekulativ‑historischen Abhandlungen über den Turm von Babel und die Arche Noah.
Als K. am 27. November 1680 starb, hinterließ er zahllose Manuskripte, Notizbücher und umfangreiche Briefwechsel, die in den folgenden Jahrzehnten nach und nach veröffentlicht wurden. Mit den Jahren verkam K.s Name auf schmachvolle Weise zu einer Fußnote in der Wissenschaftsgeschichte. Da das Interesse an einer Zusammenführung wissenschaftlicher und spiritueller Modelle des Universums in neuerer Zeit jedoch eine Wiederbelebung erfuhr, kam auch sein Name erneut in Umlauf und man begann, eine Neubewertung seines historischen Beitrags in Gang zu bringen.
K. forschte in allen Bereichen der Naturwissenschaft und veröffentlichte Bücher über Physik, Chemie, Magie, Mechanik und Astrologie; er konstruierte die erste Laterna Magica, zeichnete die ersten Mondkarten und war einer der Ersten, der Meeresströmungen kartografisch vermaß. Durch seine zahllosen Arbeiten gilt er als einer der bedeutendsten Universalgelehrten der Neuzeit.

Lit.: Athanasius Kircher: Il museo del mondo. Roma, Palazzo Venezia, 28 febbraio – 22 aprile 2001. Ministero per i Beni e le Attività Culturali, Ufficio Centrale per i Beni Archivistici. A cura di Eugenio LoSardo. Rom: De Luca, 2001; Resch, Andreas: Athanasius Kircher (1602-1680) zum 400. Geburtstag. Grenzgebiete der Wissenschaft (GW) 51 (2002) 4, 313-345, mit Liste seiner sämlichen Veröffentlichungen.

 

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