Kerner, Justinus Andreas Christian

(* 18.09.1786 Ludwigsburg; † 21.02.1862 Weinsberg/D), Arzt, Schriftsteller, spätromantischer Lyriker.
Aus einer altwürttembergischen Beamtenfamilie stammend, verbrachte K. seine Kinderjahre in Ludwigsburg. Wegen der Übersiedlung seiner Familie nach Maulbronn (1795) erhielt er im dortigen Kloster Privatunterricht. Von einem schweren Magenleiden, das er sich in jener Zeit zuzog, wurde er von dem Magnetiseur Eberhard Gmelin befreit. Nach dem Tod seines Vaters kehrte die Familie 1799 nach Ludwigsburg zurück. K. besuchte dort das Gymnasium, allerdings nur bis 1802, da er entgegen seinem Interesse als Lehrling in eine Tuchfabrik geschickt wurde. Durch Bekanntschaft mit dem Dichter und Prediger Conz konnte er ab 1804 in Tübingen Medizin studieren. Während seiner Ausbildung lernte K. den Dichter Hölderlin als Patienten kennen und veröffentlichte seine ersten Gedichte. 1808 Promotion, danach Reisetätigkeit; in Wien begegnete er Schlegel und Beethoven (1809/10). 1810 war er Arzt in Dürrmenz bei Mühlacker, 1811 Badearzt in Wildbad, 1812 in Welzheim; 1813 heiratete er Friederike Ehemann († 1854). 1815 wurde er Oberamtsarzt in Gaildorf. 1819 ließ er sich schließlich in Weinsberg nieder, wo er vielen Besuchern gegenüber Gastfreundschaft pflegte. Das „Kernerhaus“ war auch Mittelpunkt der Schwäbischen Dichterschule (L. Uhland, G. Schwab u.a). 1851 trat K., nahezu erblindet, in den Ruhestand. 1895 wurde ihm in Stuttgart ein Denkmal errichtet.
K. befasste sich intensiv mit den Erscheinungen des animalischen Magnetismus, nahm als Arzt die Existenz und Wirkweise eines „feinstofflichen Fluidums“ zur Erklärung paranormaler (somnambuler) Erscheinungen an und verfasste wertvolle Fallberichte über paranormale Phänomene, so etwa 1834 über das ‚besessene‘ Mädchen von Orlach (Magdalena Gronbach, * 1812 Orlach/Württ.), Friederike Hauffe und Franz Anton Mesmer.

W.: Geschichte zweyer Somnambülen nebst einigen anderen Denkwürdigkeiten aus dem Gebiete der magischen Heilkunde und der Psychologie. Karlsruhe, 1824; Die Seherin von Prevorst: Eröffnungen über das innere Leben der Menschen und über das Hereinragen einer Geisterwelt in die unsere. 2 Bde. Stuttgart, 1829, 5. Aufl. 1877 u.a.; Geschichten Besessener neuerer Zeit: Beobachtungen aus dem Gebiete kakodämonisch-magnetischer Erscheinungen. Karlsruhe, 1834, 2. Aufl. 1835; Eine Erscheinung aus dem Nachtgebiete der Natur. Stuttgart, 1836; Nachricht von dem Vorkommen des Besessenseyns, eines dämonisch-magnetischen Leidens und seiner schon im Alterthum bekannten Heilung durch magisch-magnetisches Einwirken. Stuttgart, 1836; Die somnambülen Tische: zur Geschichte und Erklärung dieser Erscheinung. Stuttgart, 1853; Hrsg. der Zeitschrift Blätter aus Prevorst (1.-7. Sammlung, Karlsruhe 1831-1835; 8.- 12. Sammlung, Stuttg. 1837-39); Magikon, Archiv für Beobachtungen aus dem Gebiete der Geisterkunde, 5 Bde., 1840-1853; Erinnerungen an Franz Anton Mesmer. Frankfurt, 1856.
Lit.: Reinhard, A.: J.K. und das Kernerhaus zu Weinsberg. Tübingen, 2. Aufl. 1886; Kerner, Theobald (Arzt, Sohn von J.K.): Das Kernerhaus und seine Gäste. Stuttg., 1893, 2. Aufl. 1897, Ndr. 1978; Straumann, Heinrich: J.K. und der Okkultismus in der deutschen Romantik, 1928; Gehrts, H.: Das Mädchen von Orlach. Stuttg., 1966; Jennings, Lee B.: J.K. und die Geisterwelt. Neue Wissenschaft 14 (1966), 75-95; ders.: Geister u. Germanisten: literarisch-parapsychologische Betrachtungen zum Fall Kerner-Mörike, in: Psi und Psyche: neue Forschungen zur Parapsychologie. Festschr. f. Hans Bender, 1974, S. 95-109; Grüsser, O.J.: Justinus Kerner 1786-1862. Arzt ‒ Poet ‒ Geisterseher. Berlin, 1987.
Setze ein Lesezeichen für den Permalink.