Kempf, Nikolaus

(* Um 1414 Straßburg; † 1497 Gaming, Niederösterreich). Spätestens seit 1433 studierte und lehrte K. an der Wiener Universität und wird 1437 als magister actu regens erwähnt. 1440 trat er in die Kartause Gaming ein. In den Folgejahren wirkte er als Prior in den Kartausen Gairach (1447-51, 1467-90), Gaming (1451-58) und Pleterje (1462-67) und erwarb sich in dieser Zeit auch außerhalb seines Ordens großes Ansehen. Er, der schon während seines Studiums einige Werke verfasste wie Disputata super libros posteriorum Aristotelis, entwickelte nach seinem Ordenseintritt eine breite literarische Tätigkeit. Von den über 35 Arbeiten ist nur etwa die Hälfte erhalten. Neben ausgedehnten Predigtreihen stehen Abhandlungen und Übersetzungen (u.a. Gerson), die sich vornehmlich mit rechtlichen, liturgischen und spirituellen Aspekten des monastischen Lebens befassen. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Tractatus de discretione (vor 1449), der ein gelungenes Beispiel für die Eigenart der spätmittelalterlichen Gewissenseröffnung darstellt. Die „discretio“ ist ein Zentralbegriff seiner asketischen Erfahrungen und Lehren und wird in seinem verbreitetsten Werk, dem Tractatus de proponentibus religionis ingressum, als Grundlage des geistlichen Lebens beschrieben.
K.s umfangreiche Expositiones mysticae in cantica canticorum blieben bisher nahezu unbeachtet. In diesem Hoheliedkommentar werden, ähnlich wie in seinem klar gegliederten Tractatus de mystica theologia, Formen und Stufen der mystischen Einigung expliziert. Pseudodionysius, Hugo von Sankt Viktor, Bernhard von Clairvaux, Bonaventura und Hugo von Balma sind seine wichtigsten Gewährsleute.
K.s Beachtung in neuerer Zeit verdankt er seinem originellsten Werk, dem für Wiener Studenten geschriebenen Dialogus de recto studiorum fine ac ordine (1447). Es ist der Beitrag eines Mönches zur Krise der spätmittelalterlichen Theologie, der Praxis und Motivation des Universitätsstudiums einer heftigen Kritik unterzieht. Darin fordert er eine Neuorientierung der Theologie als einer praxisbezogenen Wissenschaft, die ganz von ihren biblischen Grundlagen bestimmt zu sein hat. So wird eine intensivere, allerdings sehr spezifische Bildung des Klerus für K. zu einer ebenso wichtigen Voraussetzung, um die Missstände in der Kirche zu überwinden, wie Gebet und mystische Kontemplation, die er in seinen Schriften zu fördern versuchte.

Werke u.a. (die meisten liegen nur hs. vor) gedr.: B. Pez, Bibl. ascetica antiquo-nova, 1723-40: Dialogus, Bd. 4, De discretione, Bd. 9, Hoheliedkommentar. Bd. 11 u. 12; dt. Übers. d. Dialogus: Rösler, A.: Der Kartäuser N. K. u. s. Schr.: Über d. rechte Ziel u. d. rechte Ordnung d. Unterrichts, in: Bibl. d. kath. Päd. 7, 1894, S. 259-348; Tractatus de mystica theologia, hrsg. v. K. Jellouschek, J. Barbet u. E. Ruello, 2 T., 1973.
Lit.: Hörmer, A.: Der Kartäuser N. K. als Seelenführer. Wien, theol. Diss., 1959.
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