Karma

Der Gründer des Buddhismus, Siddharta Gautama Buddha (ca. 450-370), verkündete im Tierpark von Benares zum ersten Mal seine Lehre von der Befreiung aus der Wiedergeburt durch einen achtgliedrigen Meditationsweg der Selbsterlösung ohne Gott. Am Ende dieses Meditationsweges wird der Mensch nicht mehr wiedergeboren, sondern geht in das Nirwana ein. Dem kann jedoch eine lange Wanderung durch die Existenzen im Geburtskreislauf vorausgehen. Bei aller Abgrenzung vom Opferritus der Brahmanen und der Lehre der Upanishaden hielt Buddha an der Lehre von Karma und Wiedergeburt fest, allerdings in einem völlig eigenen Verständnis. Handelt es sich im Hinduismus um eine „Seelenwanderung“ durch die Geburten, so versteht Buddha das Wandern durch die Geburten als einen unpersönlichen Prozess, dessen Beginn unbekannt bleibt. Bedingt wird diese „anfangslose Wanderung“ durch den „Durst“ nach Werden, der karmisch bedingt ist. Karma als Qualität des Denkens, Redens und Handelns bestimmt die Art der Wanderung, wie überhaupt den Umstand, dass ein Wesen wiedergeboren wird. Auch als wer oder was jemand wiedergeboren wird, hängt von den Taten (karma) im früheren Leben ab. Der Anfang der Wiedergeburt ist, wie bemerkt, unbekannt, während die Ursache in der Unwissenheit liegt:
„nicht kennt man einen ersten Beginn bei den Wesen, die, in dem Hemmnis des Nichtwissens, in der Fessel des Durstes gefangen, (von Geburt zu Geburt) umherwandern und umherlaufen“.
Dabei werden sie in diesem Geburtenkreis von drei „Wurzeln des Unheilsamen“ festgehalten: Gier, Hass und Verblendung:
„Wahrlich, diese verehrten Wesen sind in Taten mit schlechtem Wandel behaftet, sind in Worten mit schlechtem Wandel behaftet, sind in Gedanken mit schlechtem Wandel behaftet, sind Schmäher der Edlen, sind Anhänger falscher Ansicht und erleben die Wirkung solcher falschen Ansicht. Die tauchen dann beim Zerfall des Körpers nach dem Tode auf einem Abweg auf, auf übler Fährte, in gesunkenem Zustand, in Höllenwelt.“
Die Höllenwelt befindet sich unter dem Kontinent und besteht aus acht heißen Höllen mit jeweils sechs Nebenhöllen und acht kalten Höllen. Sie liegen in der untersten Sphäre der vertikal geteilten Welt, nämlich in der Sinnenwelt oder der Welt des Verlangens. Die größte Hölle ist Avici. In diesen Höllen, in denen Tiere, Hungergeister, Menschen und sechs Götterklassen wohnen, werden die Lebewesen wiedergeboren.
In einem Text, der die Wanderung durch die unheilvollen Existenzformen von Maudgalyayana, einem der bedeutendsten Schüler Buddhas, beschreibt, wird Folgendes berichtet:
„In der Samjiva-Hölle sind die Wesen aufgehängt zu schauen,
Kopf unten, und mit Axt und Beil in Stücke werden sie gehaun…
Zu nennen ist Avici noch als Höllenort der bittern Pein
Und Qual und groß und voll von Glut und tausendfältʼgem
Feuerschein…
Der Hölleneingesessnen Leib als Feuersäule Funken stiebt,
Sie sehn nun: sicher wirkt die Tat, von hier es kein Entrinnen gibt.
Doch eilends laufen sie dorthin, wo eine Tür sie offen sehn:
Ob es uns Rettung Suchenden gelingen wird hinauszugehn?
Doch deren frühʼre böse Tat noch reif nicht ist und ganz gebüßt,
Für die durch Wirkung ihrer Schuld der Hölle Tor sich wieder schließt.
So wahrheitsgetreu berichtete der Meister der Tathagata.
Von dem Avicihöllenheim der Sünder, wie er selbst es sah.“
Die Leiden dauern jedoch nicht ewig. Jede Geburt gibt die Möglichkeit, durch gute Werke die schlechten Taten zu mindern und sich dem guten Weg zu nähern, denn nur die Wesen, die den guten Weg beschritten haben, gelangen in die Himmelswelt:

„Dahingegen diese verehrten Wesen sind in Taten mit gutem Wandel behaftet, sind in Worten mit gutem Wandel behaftet, sind in Gedanken mit gutem Wandel behaftet, sind nicht Schmäher der Edlen, sind Anhänger rechter Ansicht und erleben die Wirkung solcher rechten Ansicht. Die tauchen beim Zerfall des Körpers nach dem Tode auf guter Fährte auf, in Himmelswelt.“

Lit.: Dahlke, Paul: Buddha: die Lehre des Erhabenen. München: Goldmann, 3. Aufl. 1979; Resch, Andreas: Fortleben (Reihe R; 1). Innsbruck: Resch, 2004, S. S.87-89.
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